Samstag, 23. September 2017

Palmen für die Politik

Gar nicht marktschreierisch,sondern still vergnügt verkaufte
der freundliche Blumenhändler aus den Niederlanden am vergangenen Samstag auf dem Rathausmarkt eine Palme nach der anderen.Auch ein Ratsherr, den man politisch
nicht unbedingt mit der Farbe Grün verbindet, der aber schon
von Amtswegen in der Gefahr steht, sich (nicht nur)über die Stadtverwaltung schwarz zu ärgern, deckte sich gerne in weiser
Voraussicht bei dem Mann aus dem Land der Tulpen mit einer Palmeein. Kein Wunder, dass das Geschäft mit den Palmen ausgerechnet vor dem Rathaus so gut ging. Denn wo könnte man leichter und schneller auf die Palme gehen oder den
Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen, als im oder mit Blick
aufs Rathaus. Zu Details, Ursachen, Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihre Lokaljournalisten und lesen Ihre lokale Tageszeitung, am besten die mit der Grundfarbe Grün.
Denn Grün ist bekanntlich die Farbe der Hoffnung. Und der Blick ins Grüne beruhigt - nicht nur Kommunalpolitiker!

Dieser Text erschien am 19. September 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 22. September 2017

Wahl mit Handicap Heike, Melanie und Thorsten wissen trotz ihrer Behinderung genau, was bei der Wahl wirklich wichtig ist

124 000 Mülheimer haben am 24. September die Wahl. Zu ihnen gehören auch Melanie (38), Thorsten (39) und Heike (60). Deshalb studieren sie jetzt mit Peter Bürgl und Martina Hackert-Kleinken in der von der Fliedner-Stiftung und der Lebenshilfe betriebenen Kontakt- und Beratungsstelle Kokobe an der Kaiserstraße den Wahlzettel und die in leichter Sprache geschriebenen Wahlprüfsteine der Partein, die die Lebenshilfe für Menschen  mit geistiger Behinderung bei den Wahlkämpfern angefordert hat.
„Mein Gott ist der lang“, findet Thorsten, als er den Muster-Wahlzettel sieht, den Hackert-Kleinken mitgebracht hat. Auf dem Wahlzettel stehen 48 Parteien, die sich um ein Mandat im 19. Deutschen Bundestag bewerben.

Thorsten muss lachen, als er beginnt, den Wahlzettel von unten nach oben zu lesen. „ÖDP, die kenne ich gar nicht!“, sagt er. „Ökologisch, demokratische Partei“, liest ihm Martina Hackert-Kleinken vor. „Was ist das denn?“ fragt Thorsten weiter, als er auf dem Wahlzettel die Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer entdeckt. „Das ist eine Partei für Menschen, die kein Fleisch essen“, erklärt Hackert-Kleinken. „Dann ist das nichts für uns. Denn wir essen gerne Fleisch“, sind sich Melanie und Thorsten einig. Die Deutsche Tierschutzpartei erscheint ihnen da schon sympathischer. Denn beide mögen Hunde.
Melanie und Heike sind sich einig: Die nächste Bundeskanzlerin oder der nächsten Bundeskanzler „sollten unbedingt dafür sorgen, dass die männlichen Kücken nicht gleich nach der Geburt getötet werden, weil sie später keine Eier legen können.“

„NPD!“, liest sich Thorsten weiter den Wahlzettel hoch. Welche Politik hinter diesem Parteikürzel steht, fasst er mit dem Hinweis an seine Mitwählerinnen zusammen: „Die dürft ihr nicht wählen. Die haben etwas gegen Behinderte und Ausländer!“
Die Partei- und Kandidatennamen im oberen Drittel des Wahlzettels sind Heike, Melanie und Thorsten schon bekannt. CDU, SPD, FDP, Grüne, Linke, AFD. Davon haben sie schon gehört. „Die Frau habe ich erst kürzlich in der Stadt getroffen und mich mit ihr unterhalten“, erzählt Heike, als sie in der linken Spalte mit den Mülheimer Direktkandidaten für den Bundestag den Namen der Christdemokratin Astrid Timmermann-Fechter entdeckt.

Martina Hackert-Kleinken schaltet sich ein: „Ihr wisst, dass ihr bei der Bundestagswahl zwei Stimmen habt?“  Melanie nickt: „Eine hier und eine da“, sagt sie und zeigt auf die linke und auf die rechte Spalte des Wahlzettels. Peter Bürgl ergänzt: „Mit euerem Kreuz in der linken Spalte sagt ihr, welcher Kandidat für den Wahlkreis Essen-Mülheim in den Bundestag gewählt werden soll. Und das Kreuz in der rechten Spalte entscheidet darüber, welche Partei im Bundestag die meisten Sitze bekommt.“

Melanie, die sich noch nicht entschieden hat, wen und welche Partei sie am 24. September wählen soll, fragt: „Darf ich sagen, was ich gewählt habe?“ Hackert-Kleinken klärt sie auf: „Die Wahl ist geheim. Das heißt, du kannst natürlich sagen, wen du gewählt hast, aber du musst es nicht!“ Melanie ist noch nicht beruhigt: „Und was mache ich, wenn die Partei, die ich gewählt habe, die Wahl verliert?“ will sie wissen. „Dann ist diese Partei in der Opposition und sagt, was sie an der Politik der Regierung schlecht findet und wie sie es besser machen würde.

„Ich glaube, ich nehme die Merkel! Die kenne ich“ sagt Thorsten plötzlich, nach dem er den Wahlzettel rauf und runter gelesen hat. Darüber kann Heike nur den Kopf schütteln: „Diese Dame ist schon viel zu lange im Amt“ sagt sie und zeigt offen ihre Sympathie für die SPD und ihren Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Ihn hat sie erst vor einigen Monaten im Landtagswahlkampf mit Hannelore Kraft auf der Schloßstraße gesehen. „Ich hätte mich gerne mit ihm unterhalten. Aber ich bin nicht durchgekommen, weil da zu viele Leibwächter um ihn herum waren“, erinnert sie sich. Gerne erinnerte sich Heike an den SPD-Bundestagsabgeordneten Anton Schaaf. „Der hat mir mal eine Tafel Schokolade geschenkt“, berichtet sie.

Doch die Drei, die selbstständig in einer von der Fliedner-Stiftung betreuten Wohnung leben und ihr Geld, wie Heike als Hilfskraft im Theater an der Ruhr, wie Melanie in der Elektronabteilung und wie Thorsten in der Kantine der Fliedner-Werkstatt an der Lahnstraße verdienen, wollen von den gewählten Politikern mehr als Schokolade. „Eine neue Tür für unsere Werkstatt! Weniger Baustellen in der Stadt! Eine höhere Grundsicherung! Bezahlbare und barrierefreie Wohnungen! Mehr freundliche und hilfsbereite Straßenbahn- und Busfahrer! Und weniger Menschen, die schlecht über Behinderte reden!“ Das sind ihre Wünsche an ihre Mandatsträger und an ihre Mitmenschen.

Nicht jeder hat die Wahl


Laut Bundesregierung sind 84 000 Bundesbürger über 18 bei der Bundestagswahl vom Wahlrecht ausgeschlossen. In Mülheim haben, nach Angaben der Stadt, „einige 100“ Mitbürger am 24. September keine Wahl, weil sie aufgrund einer geistigen Behinderung oder einer psychischen Erkrankung, per Gerichtsbeschluss, „in allen Lebensbereichen unter gesetzliche Betreuung gestellt worden sind.“

Per Gerichtsbeschluss kann auch inhaftierten Straftätern, die eine schwere Straftat begangen haben, das Wahlrecht auf Zeit entzogen werden.

Das Menschen aufgrund einer geistigen Behinderung nicht wählen dürfen, finden Heike, Melanie und Thorsten „ungerecht“ und „nicht richtig, weil wir doch auch dazu gehören und weil wir alle Menschen sind.“ Auch ihre Betreuer Peter Bürgl und Martina Hackert-Kleinken sind sich einig: „Menschen mit geistiger Behinderung, die ohnehin keine starke politische Lobby haben, vom Wahlrecht ausschließen ist nicht richtig. Das auch Menschen mit geistiger Behinderung wählen, darf in einer großen und starken Demokratie, wie der unseren eigentlich kein Problem sein.“ 

Dieser Text erschien am 20. September 2017 in NRZ/WAZ

Mittwoch, 20. September 2017

Ein Zeitsprung am Leinpfad

Postlkartenansicht um 1900 (Quelle: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
Müller Flora. Der Name ist in Mülheim ein Begriff. Generationen von Mülheimern haben hier in einem urwüchsigen Birgarten mit dichtem Baumbestand ein kühles oder warmes Getränk mit Ruhrblick genossen, sich eine Bratwurst im Schatten gegönnt oder sonntags Jazz gehört.

Heute schauen wir dort auf die 1882 von Katharina und August Müller eröffnete Müller Flora und das im ehemaligen Biergarten und im ehemaligen Bootshaus und Café Leinpfad errichtete Hotel am Ruhrufer. Als der Rat der Stadt 1992 den Hotelbau zwischen Dohne und Leinpfad genehmigte, Bäume gefällt wurden und der Biergarten auf einen schmalen Streifen schrumpfte, regte sich der Bürgerprotest. Die Grünen, allen voran Peter Holderberg, gingen im Biergarten auf die Bäume und sammelten 12 000 Unterschriften gegen das Projekt, Vergebens.

Schaut man auf die Postkarte aus dem Bestand des Stadtarchivs, springt man zurück ins Jahr 1900. Auf der Ruhr schippert ein Boot mit der schwarz-weiß-roten Fahne des Deutschen Kaiserreiches.  Die Kohlekähne, die noch im 19. Jahrhundert über die Ruhr fuhren, sind damals schon Vergangenheit. Die Weiße Flotte ist noch Zukunftsmusik. Für sie heißt es erst 1927 „Leinen los!“
Zwischen Leinpfad und Dohne, sieht man nicht nur das dichte Grün des Biergartens der Müller Flora, sondern auch den Schornstein des 1875 an der Dohne errichteten Wasserwerkes. Das Wasserwerk wird fast ein Jahrhundert stehen, ehe es 1970/71 von der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft abgerissen und durch ein neues Wasserwerk mit einer zeitgemäßen Wasseraufbereitungsanlage ersetzt wird.  

Dieser Text erschien am 18. September 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 18. September 2017

Oskar Dierbach: Was uns trägt, ein Interview zu den Mülheimer Bibeltagen

Oskar Dierbach
In Mülheim finden an diesem Wochenende wieder ökumenische Bibeltage statt, diesmal inspiriert vom Bibelwort: „Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“

 Der 1954 als Sohn eines Maurers im Ruhrgebiet geborene und aufgewachsene Oskar Dierbach ist im Christlichen Verein junger Menschen groß geworden. Er hat eine lange Erfahrung in der christlichen Jugend- und Sozialarbeit. Seit fast 30 Jahren arbeitet der Pflegedienstleiter des Hauses Ruhrgarten in der Altenpflege. Zusammen mit engagierten Christen aller Konfessionen organisiert er, alljährlich im September, die Mülheimer Bibeltage. Was treibt ihn und seine Mitstreiter an, die am 16. und 17. September in den Altenhof an der Kaiserstraße einladen? 


Warum braucht es Bibeltage? Was können Bibeltage leisten, was ein Gottesdienst oder die persönliche Bibellektüre nicht leisten können?

Die Bibeltage sind ein offenes Begegnungsforum für Menschen, die aus ganz unterschiedlichen gemeindlichen Zusammenhängen kommen. Es sind fragende und interessierte Menschen, die hier Gemeinschaft erleben und Impulse für ihr Leben bekommen wollen. Unsere gemeinsame Grundlage ist die Bibel. Auf dieser Grundlage ist viel Platz für unterschiedliche Denkansätze und Lebensstile. Das spiegelt sich in der Diskussion aber auch in den Impulsen, die unsere Referenten geben. Hier treffen sich Menschen, die sich sonst selten oder gar nicht sehen, aber an diesen beiden Bibeltagen voneinander lernen und sich gegenseitig befruchten können. Die Begegnungen der Bibeltage ermutigen und korrigieren Menschen in ihrem Glauben und weiten so den Blick. Sie beugen damit der latenten Gefahr einer geistigen Engstirnigkeit vor.

Wie erklären Sie sich den Widerspruch, dass immer mehr Menschen den christlichen Kirchen den Rücken kehren und sich gleichzeitig nach mehr Sinn, ethischen Werten und Orientierung für ihr Leben sehnen?

Ich erlebe es, das dort, wo die biblische Botschaft Jesu in die konkrete Lebenssituation von Menschen so hinein gesagt wird, das sie diese Botschaft auch verstehen und  für sich selbst nachvollziehen können, das dort dann auch ein großes Interesse entsteht. Ich treffe bei den Bibeltagen Menschen, die hart arbeiten, die arbeitslos sind, die sich fragen, wie sie ihre Kinder vernünftig erziehen und ihre Beziehung gestalten können und die nach der Relevanz der Frohen Botschaft fragen. Und wenn diese Menschen, die eine Schippe tiefer graben wollen, dann durch Gespräche, Impulse und Lektüre erfahren, dass die Bibel auch für ihr ganz eigenes Leben eine reiche Quelle ist, dann haben die Bibeltage ihr Ziel erreicht.

Aber was machen dann die Kirchen falsch, die das gleiche Ziel für sich in Anspruch nehmen?

Auch Pfarrer wollen die Frohe Botschaft in unsere Zeit und in unseren Alltag übersetzen. Den einen gelingt es und den anderen eben nicht. Meine Erfahrung ist, dass auch Gottesdienste und Gemeindegruppen gut besucht sind, in denen es gelingt. Anders, als noch vor 50 Jahren, kommen die Menschen heute nicht mehr aus traditioneller Verbundenheit in die Kirche, weil auch ihre Eltern und Großeltern dazu gehörten. Das gilt nicht nur für die Kirchen. Das gilt auch für Vereine, Verbände und Parteien. Menschen fragen sich heute: Was hat das mit mir zu tun? Wo komme ich da vor. Und deshalb hat der Sportverein Zulauf, in dem Menschen erleben: Es mach Freude, hier gemeinsam Sport zu betreiben. Und das gilt im übertragen Sinn auch für Kirchengemeinden, in denen Menschen erleben: Die Frohe Botschaft Jesu ist eine Botschaft für mich und mein Leben, weil sie dort Menschen treffen, die ihren Glauben leben und so in unsere heutige Zeit übersetzen.

Kann man die über 2000 Jahre alte Botschaft des Jesus von Nazareth heute leben? Kann man damit auch Politik und einen Staat machen oder steckt nicht in ihrer moralischen Rigorosität nicht auch ein Stück Überforderung?

„Die Wahrheit wird euch frei machen“, sagt Jesus. Da kann man sich fragen: Kann ich es mir überhaupt leisten, die Wahrheit zu sagen? Gehört nicht ein bisschen Flunkern und mehr Schein als Sein zum politischen und gesellschaftlichen Überleben?

Wenn ich als Politiker die Wahrheit sage, verliere ich womöglich die Wahl.

Zum Beispiel. Oder ich bekomme als Geschäftsmann vielleicht weniger Kunden. Ich selbst habe in meinem Beruf immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es enorm befreiend wirkt, wenn man sich in einem geschützten Raum hinter verschlossenen Türen, jenseits der Mainstream-Kommunikation die Wahrheit sagt, ohne dabei zu fragen: Wer ist schuld? Sondern, um zu fragen: Welche Probleme haben wir und wie können wir sie gemeinsam lösen? Wer die Evangelien liest, merkt schnell: Da stecken Grundwahreheiten drin, mit denen man auch heute sehr gut leben kann, wenn man sich denn darauf einlässt und die Bibel nicht nur als Stichwortgeber für nette Lebensweisheiten ansieht.

Wie haben Sie das Thema für die Bibeltage 2017 gefunden und wie wollen Sie es mit Leben füllen?

Wir haben uns im 500. Jahre der Reformation von Martin Luther inspirieren lassen. Wie wir lebte Luther in einer Zeit großer sozialer und politischer Verwerfungen. Bevor er die Kirche, die den Menschen Angst machte und sie ausnahm, reformieren wollte, fragte er sich nach seiner eigenen Mitte und danach, wo er Gott in seinem Leben mit all seinen Widersprüchen finden könne. Unsere Frage im Sinne Luthers lautet also: Wie finden wir heute in unserer Zeit Mitte und Orientierung und das so, dass auch unsere Zeitgenossen verstehen, was uns als Christen trägt? Dafür haben wir uns Seelsorger, Jugendarbeiter und Wissenschaftler eingeladen, um ihre Denkanstöße aufzunehmen, aber auch mit ihnen zu diskutieren, zu singen, zu beten und die Bibel zu lesen. Denn so, wie Luther zu seiner Zeit die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, so müssen wir heute die Bibel in unsere Zeit hinein transportieren und uns auf die von Luther postulierte Freiheit eines Christenmenschen besinnen, um unseren Glauben in einer zunehmend multikulturellen und multireligiösen Welt profiliert leben zu können, ohne uns abschotten und auf anderen herabschauen zu müssen.

Internet-Informationen zu den Mülheimer Bibeltagen findet man unter www.bibeltage-mülheim.de oder per E-Mail an:  info@bibeltage-mülheim.de


Dieser Text erschien am 16. September 2017 im Neuen Ruhr Wort

Samstag, 16. September 2017

Jemand, wie Heiner Geißler fehl uns heute: Drei Fragen an die Saarner Buchhändlerin Ursula Hilberath

Ursula Hilberath an der Ruhrpromenade
Buchhändlerin Ursula Hilberath hat den Politiker und Buchautor Heiner Geißler 2001 als Gast beim Saarner Bücherfrühling kennengelernt. Wie erinnert sie sich an den streitbaren Christdemokraten, der als Sozialminister in Rheinland-Pfalz, als CDU-Generalsekretär, als Bundesfamilienminister, als Bundestagsabgeordneter und Attac-Mitglied bis zu seinem Tod am 12 . September ein Impulsgeber des öffentlichen politischen Diskurses gewesen ist.

Wie haben Sie Ihre Begegnung mit Heiner Geißler in Erinnerung?

Ich erinnere mich an einen heißen Nachmittag im Mai, an dem unsere Buchhandlung an der Düsseldorfer Straße überfüllt war und wir sogar im Schaufenster Stühle aufstellen musstem. So groß war das Interesse an Heiner Geißler, der damals bei uns sein Buch: „Wo ist Gott?“ vorgestellt hat. Ich habe Geißler damals als einen sehr freundlichen, zugewandten und bescheidenen Gesprächspartner erlebt, der mit den Gästen der Lesung angeregt und auf Augenhöhe diskutiert hat, um zu begründen, warum unsere Gesellschaft ein christliches Fundament brauche, um eine menschliche Gesellschaft zu sein und zu bleiben. Es gab damals sehr viel Applaus für Heiner Geißler.

Wie erinnern Sie sich an den Politiker Heiner Geißler?

Als feministisch bewegte Frau habe ich Mitte der 80er Jahre die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als der CDU-Generalsekretär Bundesfamilienminister wurde. Doch Geißler hat schnell meinen Respekt gewonnen, weil er sich in die Probleme und Sorgen von Familien und Frauen rasch hineingearbeitet und praktische Lösungen, wie das Erziehungsgeld, den Erziehungsurlaub und die Bundesstiftung Mutter und Kind initiiert, die Frauen beisteht, die ungewollt schwanger geworden sind.

Was ist für Sie Geißlers Vermächtnis?

Geißler war ein sehr gebildeter Mensch mit Tiefgang, der seinen christlichen Glauben als Maßstab für sein politisches Handeln ansah. Er hat, ohne Rücksicht auf kurzfristige Vorteile und Karriere den Standpunkt, den er als richtig und wichtig ansah, leidenschaftlich vertreten. In Erinnerung ist mir geblieben, dass er sich sehr kritische mit den Folgen des internationalen Turbo-Kapitalismus, aber auch mit der Verkündigungs-Praxis der christlichen Kirchen auseinandergesetzt hat. Nach seiner Ansicht komme in ihr der befreiende Charakter der Frohen Botschaft und ihre Aufforderung zum Umdenken zu kurz. Ich sehe heute bei uns leider keinen vergleichbaren Politiker.

Dieser Text erschien am 16. September 2017 in NRZ/WAZ

Mittwoch, 13. September 2017

Als August Thyssen 1871 in Styrum sein Walzwerk gründete

Beim Namen Thyssen denkt man an Stahl, Kohle und große Industriewerke. Man staunt, wenn man das erste Verwaltungsgebäude und Materiallager sieht, das August Thyssen in Styrum errichten ließ. Dabei handelte es sich um einen umgebauten Schuppen des ehemaligen Heckhoff-Hofes. Angesichts der Entwicklung, die der Thyssen-Konzern später nahm, wirken seine Anfänge äußerst bescheiden.

Seine Keimzelle war die Kommandit-Gesellschaft Thyssen und Co, die der damals 28-jährige August Thyssen zusammen mit seinem Vater Friedrich 1871 in Styrum gründete. Mit einem Startkapital von 70.000 Talern ging Thyssen ans Werk.

Eigentlich hatte er ein Grundstück auf dem Styrumer Marktplatz erwerben wollen, wo 1893 ein Rathaus für die zwischen 1878 und 1903 eigenständige Landbürgermeisterei Styrum errichtet werden sollte. Doch das Geschäft platzte und der Unternehmensgründer musste sich nach einer Alternative umschauen. Er fand sie bei Gustav Becker, der ihm zunächst 20.000 Quadratmeter des Heckhoff-Landes verkaufte. Hier ließ Thyssen nicht nur besagten Schuppen umbauen. Hier ließ er auch eine 100 Meter lange Werkshalle errichten, die einen eigenen Bahnanschluss hatte. Außerdem ließ sich Thyssen auf seinem Werksgelände fünf Puddelöfen, eine 160 PS starke Dampfmaschine, eine Bandeisenstraße und eine Luppen-Eisen-Straße installieren.

Sein Werksgelände lag zwischen dem Bahnhof Styrum und dem späteren Hauptbahnhof, den wir heute als Bahnhof West kennen. Das war für den Unternehmer eine logistisch hervorragende Lage. Denn sein Werk, dessen Mitarbeiter-Zahl bis 1877 auf 300 anstieg und damals 3000 Tonnen Eisen produzierte, befand sich damit im Kreuzungsbereich der Rheinischen und der Bergisch-Märkischen Eisenbahn. Auch wenn Styrum mit dem Beginn des Eisenbahnverkehrs im März 1862 in einen Teil „vor“ und einen Teil „hinter“ der Bahnteilte, brachte die Industrialisierung Styrum einen enormen Aufschwung. Aus allen Provinzen des Deutschen Reiches und seinen Nachbarländern kamen Menschennach Styrum, um hier bei Thyssen Arbeit zu finden. So verzehnfachte sich die Bevölkerung Styrums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und lag um 1900 bei 31.000 Einwohnern.

Thyssen, der sein Unternehmen zunächst mit seinem Vater Friedrich und nach dessen Tod mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Josef führte, war nicht nur an reiner Gewinnmaximierung interessiert. Damit er die Arbeiter und ihre Familien an sich binden konnte, ließ er nicht nur Werkswohnungen errichten. 1878 initiierte er die Gründung eines Werkschores, den wir heute als Mannesmann-Chor kennen.
Auch der Bau der 1897 eingeweihten Styrumer Marienkirche und des 1912 eröffneten Mülheimer Stadtbades wurden von Thyssen mitfinanziert. Außerdem Gründete er mit Hugo Stinnes den Mülheimer Bergwerksverein und das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk. Beruflich legte Thyssen Wert auf Repräsentation. Davon zeugen seine spätere Firmenzentrale, das heutige Haus der Wirtschaft an der Wiesenstraße und sein späterer Wohnsitz Schloss Landsberg. Doch privat war Thyssen sehr sparsam und ersparte sich das Brückengeld, in dem er die von 1844 bis 1900 existierende Kettenbrücke nur zu Fuß und nicht mit seiner Kutsche überquerte.


Als August Thyssen 1926 starb, wurde der Wert seines Unternehmens auf 400 Millionen Reichsmark geschätzt. Der größte Teil der Thyssen-Werke ging nach dem Tod des Firmengründers in den Vereinigten Deutschen Stahlwerken auf.

Ein Beitrag für den 5. Band der Buchreihe "Styrum - ein starkes Stück Stadt" 

Dienstag, 12. September 2017

Am Brunnen in der Stadt


Als man in Mülheim noch Geld für Kunst im öffentlichen Raum übrig hatte, ließ man in den 70er Jahren den Mülheimer Bildhauer Ernst Rache auf der Schloßstraße eine begehbare Brunnenplastik schaffen. Der Säulenbrunnen, der seit mehr als 40 Jahren auf der Einkaufsstraße plätschert, wird grundiert und flankiert von einem Pflastersteinteppich, einer an unsere Erde erinnernde Kugel und unterschiedlich hohe Säulen, die, ebenso wie der Brunnenrand, gerne als Sitzgelegenheit genutzt werden.

Wenn man dort Menschen beobachtet, die sich auf und in Rasches begehbarer Plastik spontan für ein kurzes Gespräch oder eine gemeinsame Rast mit Brotzeit niederlassen. Wenn man Kindern bei ihren ersten Sprüngen und Balancierübungen zuschaut, dann erkennt man: Es braucht keine Burgen, Schlösser und Kirchen, die man an einem Tag des offenen Denkmals besucht, um einen historischen Denkanstoß für die Stadt von morgen zu bekommen, in der wir uns nicht nur als Kunde mit gut gefülltem Portemonnaie, sondern auch als Mensch aufhalten und verweilen wollen, weil wir uns noch etwas zu sagen haben, das nicht zu bezahlen ist.

Dieser Text erschien am 12. September 2017