Mittwoch, 18. Oktober 2017

Kuschelkurs im Vorbeigehen

Eine elegante Dame geht mit ihrem kleinen Hund über die  Schloßstraße. Sie lässt das Wollkneul auf vier Beinen an der langen Leine laufen. Ihr Liebling nutzt die Gunst der Stunde und zieht sein Frauchen in die Richtung eines Mannes mit Bierflasche und Sportkappe, Typ Schwiegermutter-Schreck. Frauchen zieht die Leine an. Doch es ist schon zu spät. Ihr Liebling hat das Ziel seiner Begierde erreicht und lässt sich von dem Mann mit der Bierflasche kraulen, was das Zeug hält. Der Zweibeiner, der schon bessere Tage gesehen hat und der Vierbeiner, der sich einfach pudelwohl fühlt, haben sichtlich Freude an den Streicheleinheiten im Vorbeigehen.
Nur das Frauchen schaut noch etwas skeptisch, ob des plötzlichen Schmusekurses ihres Pfiffis.

Erst nachdem dieser sein Kuschelquantum intus hat, verabschiedet er sich von seiner Zufallsbekanntschaft und Frauchen kann weiter gehen. Eigentlich ist es doch hundsgemein, dass wir Zweibeiner uns von der langen Leine unserer Vorurteile immer wieder vom Wesentlichen abhalten lassen.

Dieser Text erschien am 18. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 17. Oktober 2017

Erich Kästner hatte wohl doch recht

Wo bleibt das Positive? Das fragte sich schon Erich   Kästner und antwortete mit der Gegenfrage: „Weiß der Teufel, wo das bleibt?“ Warum so negativ? Es  ist alles eine Frage der Perspektive. Ich hätte es als schlechte Nachricht lesen können, dass die Abfallgebühren leicht steigen. Aber ich kann mich auch darüber freuen, dass die Abfallgebühren nur leicht und nicht massiv ansteigen. Und wenn sich jetzt auch noch die FDP mit ihrer Forderung durchsetzen sollte, den Solidaritätszuschlag Ost auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen, kommt am Ende durch die Verrechnung mit der so erzielten Steuerentlastung vielleicht sogar noch eine schwarze Null heraus.

Aber ich befürchte, dass meine Nachbarn, die trotz mehrfacher Aufklärungsversuche, mit der Mülltrennung und Müllvermeidung auf Kriegsfuß stehen, in diesem Punkt nicht solidarisch genug sein werden, damit die Querfinanzierung Abfallgebühren statt Solidaritätszuschlag am Ende aufgehen wird. Weil dem Kämmerer bei seiner Haushaltsplanung das Wasser bis zum Hals steht, werden wir wohl auch bei den Abwassergebühren am Ende noch einen Solidaritätszuschlag berappen müssen, auch wenn wir den Solidaritätszuschlag Ost los werden sollten. Ich befürchte, Erich Kästner hatte wohl doch recht.

Dieser Text erschien am 17. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 16. Oktober 2017

Die Heinrich-Thöne-Volkshochschule an der Bergstraße: Ein Zeitsprung

Die VHS kurz nach ihrer Eröffnung im Jahr 1979
Foto: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
Die Volkshochschule an der Bergstraße steht nicht zum ersten Mal im Mittelpunkt politischer Kontroversen, seit sie aus brandschutztechnischen Gründen geschlossen ist.
Das historische Bild zeigt sie im September 1979. Damals lag ihre Eröffnung am 24. August 1979 gerade mal einen Monat zurück. Schon damals war ihr Bau und seine Kosten von 14,5 Millionen Mark (das wären heute etwa 7,25 Millionen Euro) ebenso umstritten, wie sein Name.

Die SPD hatte mit ihrer damaligen absoluten Mehrheit den Bau der VHS und ihre Benennung nach dem langjährigen sozialdemokratischen Oberbürgermeister Heinrich-Thöne gegen den Widerstand von CDU und FDP durchgesetzt.

Die VHS bestand 1979 genau 60 Jahre. Ihre Kurse fanden bis dahin in Schulräumen und dann auch im restaurierten Schloss Broich statt. Mit ihrer modernen, terrassenförmigen Architektur war die neue Volkshochschule, die damals von Norbert Greger geleitet wurde, ein Kontrapunkt zum alten Schloss Broich, dessen Ursprung bis ins 9. Jahrhundert zurückreicht.

Die Befürworter der neuen VHS, allen voran der damalige Oberbürgermeister Dieter aus dem Siepen und der damalige NRW-Kultusminister Jürgen Girgensohn, sahen den ambitionierten VHS-Bau an der Bergstraße, als Beitrag für eine breite Weiterbildungsbewegung und als einen Beitrag zur Hebung der Lebensqualität.

Tatsächlich sollte die VHS, die im Wintersemester 1979/80 700 Kurse für 1700 Teilnehmer anbieten konnte nicht nur zu einem Haus der Erwachsenenbildung, sondern mir ihrem Forum auch zu einem beliebten Veranstaltungsort und Treffpunkt werden. 

Dieser Text erschien am 16. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 15. Oktober 2017

Der Handfeste: Markthändler Martin Henninghaus (36) ist ein hart arbeitender Familienmensch, der seinen Arbeitsplatz in der Innenstadt aber trotz mancher Zumutungen auch künftig auf keinen Fall missen möchte.

Martin Henninghaus an seinem Marktstand
Für Martin Henninghaus beginnt der Tag früh. Um 3.30 Uhr klingelt der Wecker. Und dann muss es auch schon schnell gehen. Sein erstes Frühstück besteht aus einem Glas Milch und einem Plätzchen. „Mein zweites Frühstück, Brötchen mit Aufschnitt, nehme ich schon an unserem Stand ein“, berichtet der 36-jährige Familienvater und Markthändler. Bevor er zusammen mit Mutter Maria, Vater Theo und Verkäuferin Marlies seinen Obst- und Gemüsestand um 6 Uhr vor dem Medienhaus am Synagogenplatz aufbauen kann, muss er mit seinem 7,5-Tonner erst mal zum Großmarkt und anschließend zu einigen Landwirten aus der Region.

„Vor sechs Jahren haben wir den eigenen Anbau aufgegeben und unsere Felder verpachtet, weil sich das in unserer Größenordnung und zusammen mit unserem Marktstand nicht mehr gerechnet hat“, erzählt Henninghaus.

Schon mit 14 hat er zusammen mit seinem Bruder Theo den Eltern auf dem Markt geholfen. Damals schlug Familie Henninghaus ihren Stand noch auf  dem Rathausmarkt auf.

Drastischer Wandel

„Als meine Großeltern 1948 auf dem Rathausmarkt ihren Stand für Obst, Gemüse, Kartoffeln, Blumen und Eier erstmals aufschlugen, standen sie dort 40 bis 50 Kollegen. Als ich mit 14 Jahren erstmals meinem Vater half, gab es dort noch 20 bis 30 Händler. Heute stehen wir mit neun Kollegen an der Schloßstraße und auf dem Synagogenplatz. Früher gab es einfach noch mehr nicht berufstätige Hausfrauen, die morgens auf dem Markt einkauften, um mittags ihre Familie zu bekochen“, schildert Martin Henninghaus die Entwicklung des Marktes, während er einer Stammkundin Bananen, Orangen und Äpfel in die Einkaufstasche packt.

„Wir leben von unseren Stammkunden und kämpfen mit Frische, Freundlichkeit Qualität um unsere Zukunft“, sagt Henninghaus. „Lern was anderes. Der Markt hat keine Zukunft“, hat ihm sein Vater schon vor 20 Jahren gesagt. Doch Totgesagte leben länger. Henninghaus hat eine Gärtnerlehre gemacht und zwischenzeitlich im Zentrallager eines großen Einzelhändlers gearbeitet. „Doch da ist man nur ein Herr Xy. Hier kennt man seine Kunden und arbeitet im Familienverband für sich selbst“, erklärt Henninghaus, warum er beruflich am Ende doch in die familiären Fußstapfen getreten ist. Auch sein zehnjähriger Sohn Markus hilft jetzt schon mal mit und ist an Papas Arbeit rege interessiert. Doch ob Markus Henninghaus eines Tages den Familienbetrieb, der immer noch von Großvater Theo geführt wird, eines Tages in die vierte Generation führen wird, mag sein Vater Martin beim besten Willen nicht vorherzusagen.

Der Markthändler hat einen harten Arbeitstag, vor allem, wenn das Wetter  mit Regen, Sturm und Schnee einen Strich durch die Rechnung macht. „Doch die Kunden erwarten, dass man da ist“, weiß Henninghaus. Er kennt seine zum Teil langjährigen Stammkunden mit Namen und oft auch mit ihrer Geschichte. An seinem Stand wird nicht nur über Obst, Gemüse und Preise, sondern auch über Fußball, Krankheiten und schöne Familienereignisse gesprochen.

Wenn Familie Henninghaus um 13.30 Uhr ihren Marktstand abbaut, geht es nach Hause. Dann wird der LKW geleert. Was noch frisch und unverkauft geblieben ist, kommt ins Kühlhaus und bekommt am nächsten Tag eine zweite Chance. „Freitags und samstags sind unsere besten Tage und wenn dann noch die Sonne scheint, lacht das Herz“, sagt Henninghaus.

Wie könnte die Stadt helfen?

Und was könnte die Stadt tun, damit sein Herz und das seiner Markt-Kollegen noch öfter lacht? „Die Stadt hat den Marktbetrieb 2016 an die Deutsche Marktgilde vergeben, die zunächst auch einige neue Händler für den Markt gewonnen hatte. Die sind inzwischen aber wieder abgesprungen.  Für uns Markthändler wäre die Eigenregie des Wochenmarktes an der Schloßstraße auf jeden Fall besser und preisgünstiger“, betont Henninghaus. Aufgrund der Laufkundschaft an der oberen Schloßstraße kommt für Henninghaus und seine Kollegen eine Rückkehr zum Rathausmarkt nicht mehr in Frage, „weil die Ecke da unten tot ist.“ Als Unterstützung für den Wochenmarkt empfände es Henninghaus auch, wenn der Weihnachtstreff den Wochenmarkt nicht mehr verdrängen, sondern an der unteren Schloßstraße ein dauerhaftes Quartier finden würde.

Und wo ist der bodenständige und handfeste Markthändler jenseits der Marktzeiten in der City unterwegs?
„Einmal pro Woche trainiere ich ehrenamtlich eine Bambini-Fußballmanschaft. Außerdem bin ich aktiver Schützenbruder und treffe mich einmal in der Woche mit einem generationsübergreifenden Kreis von Skatbrüdern“, erzählt Martin Henninghaus.

Gleich nach Feierabend schaltet er täglich sein Handy aus und geht eine Stunde lang mit seiner Labrador-Hündin Mandy im Wald spazieren. „Das tut gut und macht den Kopf frei“, sagt der Markthändler. Längere Urlaubsreisen kann sich der Händler nicht leisten. Stattdessen unternimmt er mit seiner Frau Melanie und seinen Kindern Kindern Markus, Michelle und Milinda ein bis zwei Kurzreisen pro Jahr. Und auch wenn das Schützenfest gefeiert wird, nimmt sich der Markthändler eine kurze Auszeit, „in der ich mal auf ganz andere Gedanken kommen kann.“

Dieser Text erschien am 14. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 14. Oktober 2017

Die lange Leidensgeschichte der Homosexuellen 123 Jahre war Homosexualität strafbar: Jürgen Müller beleuchtete jetzt die Verfolgung während der NS-Zeit

Dr. Jürgen Müller
Foto: privat
Seit dem 1. Oktober können homosexuelle Paare auch Ehepaare werden. Kaum zu glauben, dass Homosexualität 123 Jahre lang (bis 1994) unter dem „Unzuchts“-Paragfen 175 im Strafgesetzbuch kriminalisiert wurde. Im Haus der Stadtgeschichte beleuchtete Jürgen Müller von der NS-Dokumentationsstelle in Köln jetzt die Verfolgung, die schwule Männer auch in Mülheim während des Dritten Reiches erlitten.

Die Nazis verschärften den Paragrafen 175 im Jahr 1935 dahingehend, dass nicht nur „beischlafähnliche“ Homosexualität“, sondern auch schon „ein wollüstiger Kuß zwischen Männern“ mit mehrmonatigen Gefängnisstrafen geahndet wurde. Viele Männer verloren ihre Existenz, wie etwa Müllers Beispiel eines Juristen zeigte, dem seine Antwaltszulassung entzogen wurde und der aus der Not heraus fortan als Portier arbeiten musste. Die von Müller recherchierte Aktenlage des in Düsseldorf ansässigen Homosexuellen-Referates der Geheimen Staatspolizei, zeigt, dass sich viele homosexuelle Männer in den großen Nachbarstädten Essen und Duisburg trafen. Bevorzugte Treffpunkte waren die Hauptbahnhöfe, öffntliche Toiletten, Parks, Badeanstalten und einschlägige Lokale. Wer unter dem Verdacht der Homosexualität von der Gestapo verhaftet wurde, musste damit rechnen, gefoltert zu werden.

Noch schlimmer erging es männlichen Prostituierten. Wurden sie von der Gestapo zweimal wegen homosexueller Prostitution verhaftet, wurden sie sofort in ein Konzentrationslager eingeliefert oder sogar zum Tode verurteilt. Jürgen Müller hat interessanterweise herausgefunden, dass lesbische Frauen, anders alls schwule Männer, von den Nazis nicht verfolgt wurden.
Seine Erklärung dafür lautet: „Das lag daran, dass die Nazis Frauen keine eigenständige Sexualität zubilligten und auch lesbische Frauen weiterhin Kinder gebären konnten.“ Lesbische Frauen wurden allerdings öffentlich als „asozial“ gebrandmarkt und konnten ihre Liebe nur heimlich leben.

Dieser Text erschien am 14. Oktober 2017 in NRZ/WAZ

Freitag, 13. Oktober 2017

75 Jahre nach ihrem Abitur erinnern sich Raymund Krause (93) und sein Schulfreund Willi Beißel (94) erinnern sich an ihre Kindheit und Jugend unter dem Hakenkreuz

Auch 75 Jahre nach ihrem Abitur treffen sich Raymund Krause (links)
und Willi Beißel noch regelmäßig im Stadtcafé Sander am Kohlenkamp.
Auch 75 Jahre nach ihrem Abitur treffen sich die Schulfreunde Raymund Krause und Willi Beißel regelmäßig im Stadtcafé Sander. „Es ist eine andere Stadt“, sagen sie über das Mülheim ihrer frühen und ihrer späten Tage.

Beide sind Lehrersöhne. Raymunds Vater unterrichtete an den Volksschulen an der Eduard- und an der Mellinghofer Straße. „Ich habe als Junge an der Mellinghofer Straße Fußball gespielt. Autos kamen nur selten vorbei“, erinnert sich der pensionierte Richter Raymund Krause. Heute sind alle seine ehemaligen Spielplätze bebaut. In ihrer Freizeit nahmen Willi und Raymund wie selbstverständlich an den Geländespielen, an den Ausflügen und an den Heimabenden des Jungvolks und der Hitler-Jugend teil. Politik war für sie kein Thema. Jungen und Mädchen wurden getrennt unterrichtet und konnten sich so nur auf ihrem gemeinsamen Schulweg näher kommen.

„Mein Vater war Rektor an der Saarner Klostermarktschule, ehe er nach Selbeck strafversetzt wurde. Denn er wollte nicht in die NSDAP eintreten“, erzählt der pensioniert Bauingenieur und Statiker Willi Beißel. Nicht in die NSDAP eintreten wollte auch ihr Schulleiter am Staatlichen Gymnasium, Joseph Brüggemann. Er ließ seine Schüler zwischen den Zeilen wissen, dass Hitler und seine Partei nicht das Maß aller Dinge seien. Doch es gab auch einen Lehrer, der in SA-Uniform unterrichtete. Und an der Wand ihres Klassenzimmers hing ein Hitler-Portrait. Seit 1937 hieß das Staatliche Gymnasium Langemarkschule, benannt nach einem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges.

Nach dem Abitur wurden die beiden Schulfreunde 1942 zur Wehrmacht eingezogen. Krause kam zur Luftwaffe, Beißel zu den Panzergrenadieren. Nach dem am 20. Juli 1944 gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler wurde der Offiziersanwärter Willi Beißel als Zuschauer zu den Volksgerichtsprozessen gegen den Männer des 20. Juli abkommandiert. Einer dieser Männer war der Generalstabsoffizier Günther Smend. Er hatte zehn Jahre vor Beißel und Krause am Staatlichen Gymnasium sein Abitur bestanden. „Die ganze Situation war mir sehr unangenehm. Mir taten diese armen und aufrechten Männer leid, die vom Richter Roland Freisler niedergeschrien wurden. Aber wir durften kein Mitleid zeigen. Im Gegenteil: Unsere Vorgesetzten hielten und dazu an: ‘Sieg heil’ in den Gerichtssaal hineinzurufen“, erinnert sich Beißel an diesen düsteren Moment seines Lebens.

Wenn Beißel und Krause an das Mülheim ihrer Kindheit und Jugend zurückdenken, dann sehen sie vor ihrem  geistigen Auge eine klein und eng wirkende Stadtmitte mit vielen kleinen Geschäften, Kinos und Cafés. „Die Schloßstraße gab es während der 1930er Jahre in ihrer heutigen Form noch gar nicht. Sie wurde in Richtung Eppinghofer Straße durch einen querstehenden Häuserriegel abgesperrt. Eine besonders beliebte Bummelmeile befand sich damals zwischen dem Kohlenkamp und der Bachstraße“, erinnert sich Krause. Wenn er zusammen mit seinem Vater in die Stadt ging und für 35 Pfennig in einer Eisdiele am Kohlenkamp ein großes Eis essen durfte, war das für ihn ein Feiertag

Raymund Krause ist der Ansicht, „dass wir die Veränderungen im Leben unserer Stadt so nehmen müssen, wie sie sind. Er glaubt, dass sich das Stadtzentrum mit dem Stadtquartier Schloßstraße und dem Ruhrquartier künftig immer mehr zur Ruhr hin verlagern wird.

Dieser Text erschien am 13. Oktober 2017 in NRZ/WAZ

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Ein Lichtstrahl im Herbst-Grau

Eine Mutter hat ihren kleinen  Sohn auf dem Schoß und fährt mit ihm in ihrem Elektrorollstuhl über die holprige Leineweberstraße.

Kein Problem für den E-Rolli, der einen starken Motor und gut profilierte Räder hat. Die Mutter gibt Gas und beide haben sichtlich Spaß daran, flott voranzukommen und die notgedrungen sich langsam fortbewegenden Fußgänger hinter sich zu lassen.
Die Anblick wirkt auf den beiläufigen Betrachter im allgemeinen Herbst-Grau, wie ein warmer und die Seele streichelnder Sonnenstrahl.

Das macht Mut für den eigenen Lebensweg und seine Stolpersteine, Menschen zu sehen, die dem Leben ins Gesicht lachen, weil sie sich nicht davon aufhalten lassen, über das zu grübeln, was sie nicht haben, sondern sich über das freuen, was sie aneinander haben.

Gut, wenn man weiß, dass man im Leben immer nur so schnell voran uns an sein Ziel kommt, wie der Mensch, der an uns glaubt und uns Schubkraft gibt und wenn wir es am Ende selbst sein müssen.

Dieser Text erschien am 12. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung