Montag, 11. Dezember 2017

Die Musical-Macher: 100 Gemeindemitglieder aus St. Barbara erzählen die Geschichte der Mutter Gottes von Guadalupe

In der Zeit vor Weihnachten denkt man vielleicht an ein Krippenspiel oder an die Aufführung eines Oratoriums, aber nicht unbedingt an ein Musical.

Doch in der Pfarrgemeinde St. Barbara stecken derzeit rund 100 Gemeindemitglieder jede freie Minute in die Proben für das Musical „Virgin.“ Erzählt wird die Geschichte der Mutter Gottes von Guadalupe. Sie erschien 1531 dem Indio Juan Diego und wurde so zur Schutzheiligen Mexikos, die jährlich 21 Millionen Pilger nach Mexiko City zieht. Mit Hilfe eines Musicals den christlichen Glauben und seine Frohe Botschaft im besten Sinne populär und verständlich zu machen, ist für die 
.
Ab 1998 setzten Gemeindemitglieder die Lebensgeschichte des katholischen Widerstandskämpfers Nikolaus Groß, der 2001 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wurde, mit einem Musical ins Szene. Das Musical wurde nicht nur in der Barbarakirche am Schildberg, sondern landesweit bei unterschiedlichen Veranstaltungen aufgeführt. Die Ausdauer und Intensität, mit der Gemeindemitglieder über Jahre und über Generationsgrenzen hinweg die Geschichte und Botschaft von Nikolaus Groß in die Herzen ihrer Zuschauer trugen, brachte den ehrenamtlichen Schauspielern, Technikern, Kostümschneidern, Sängern und Musikern Anerkennung und Respekt ein.

Auch wenn sich in der Pfarrgemeinde des Mülheimer Nordens angeblich eine „Gewerkschaft der Nikolaus-Groß-Geschädigten“ gebildet haben soll, ließen sich die Musical-Enthusiasten aus St. Barbara vom ehemaligen Adveniat-Vorsitzenden Franz Grave vor einem Jahr erneut zu einem Musical anstiften, das jetzt ein Kapitel aus der Christialisierung Mexikos und Amerikas erzählt.
Dass die dortigen Indios im Namen der christlichen Maijestät des spanischen Kaisers Karl V. nicht nur missioniert, sondern auch massakriert wurden, spart die anspruchsvolle Musicalaufführung, die am 12. Dezember in der Barbarakirche am Schildberg ihre Premiere erleben wird, nicht aus. Wie bei 

Nikolaus Groß haben auch diesmal Pfarrer Manfred von Schwartzenberg (als Autor) und Kirchenmusiker Burkhard Maria Kölsch (als Komponist) den ersten Schritt zum zweiten Musical aus St. Barbara gemacht. „Obwohl alle Mitwirkenden auf und hinter der Bühne beruflich und familiär in der Zeit gefangen sind, stecken sie viel Zeit, Energie und Herzblut in dieses Projekt. Das ist eine außergewöhnliche Leistung, die unsere Gemeinde belebt“, sagt Manfred von Schwartzenberg.

Auch wenn Licht und Ton, Gesang und Musik, Darstellung, Sprache und Gestik noch nicht perfekt über die Bühne kommen, zeigt sich Regisseur Edgar Kirchhoff bei den Proben in der Barbarakirche zuversichtlich. „Auch wenn da noch Luft nach oben ist, ist da doch auch schon jetzt viel schönes dran“, unterstreicht er.

Die beiden Hauptdarsteller sind sich einig, dass ihre Rollen nicht mit den Charakteren aus dem Nikolaus-Groß-Musical zu vergleichen sind. „Nikolaus Groß war mir näher, auch wenn ich jetzt als Juan Diego wieder so etwas wie ein Gänsehautgefühl habe“, sagt der 59-jährige Diplom-Kaufmann Jürgen Wrobbel. Seine Frau Ellen hat ihm die Tilma, das Gewand mit dem Marienbild genäht. „Als gläubige Christin weiß ich, dass es Wunder gibt. Für mich ist die Rolle der Mutter Gottes eine Ehre und eine Verpflichtung, aber auch eine schwierige Herausforderung. Denn wir haben es hier mit einer Persönlichkeit zu tun, die eine überirdische Dimension hat“, erklärt die 18-jährige Dolmetscher-Studentin Michelle Pascual. Obwohl Pascual, die Maria mit großer Anmut spielt, aus der Gemeinde kommt, reist sie jetzt eigens aus ihrem Studienort Germersheim zu den Proben am Schildberg an.

100 Leute zu den Proben oder zumindest zu Teilproben mit Teilen des Ensembles zusammen zu bekommen, erfordert eine aufwendige Termin-Koordination und Organisationsarbeit, die im Hintergrund von Elke Timmer geleistet wird. „Wir können uns nicht mit einem professionellen Ensemble vergleichen, aber wir wollen die Menschen mit unserem Musical berühren und ihnen zeigen, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als wir Menschen begreifen können“, sagt Regisseur Edgar Kirchhoff, der gleichzeitig den spanischen Gouverneur verkörpert, der den Indios das Leben schwer macht.

Wer das zweistündige Musical über die Geschichte des Indios Juan Diego und der Mutter Gottes verfolgt, staunt vor allem darüber, dass die mexikanischen Indios die christliche Botschaft erkannten und annahmen, obwohl sie mit den Vertretern der christlichen Kolonial- und Weltmacht Spanien die denkbar schlechtesten Erfahrungen gemacht hatten. Zur Botschaft des Musicals „Virgin“ passt es denn auch, dass der Erlös aus den 25 Euro kostenden Eintrittskarten in ein Hilfsprojekt für Straßenkinder in Mexiko City fließen wird.

Mehr zum Musical unter www.barbarakirche.de 

Sonntag, 10. Dezember 2017

Mitgefühl für die Opfer und ihre Angehörigen: Der Schiffsbau-Ingenieur Wolf Hausmann hat eine sehr persönliche Beziehung zu dem im Südatlantik verschollenen U-Boot


Wolf Dietrich Hausmann als junger Ingenieur auf der
Werft-Baustelle in Argentinien. (Foto privat)
Die argentinische Marine hat Mitte November im Südatlantik, irgendwo zwischen den Falklandinseln und Buenos Aires eines ihrer U-Boote und damit 44 Soldaten verloren. „Diese Nachricht hat mich geschockt und mein ganzes Mitgefühl gehört den vermutlich elendig erstickten Soldaten und ihren Angehörigen“, sagt der Mülheimer Schiffsbauingenieur Wolf Dietrich Hausmann, den die meisten Mülheimer ab 1989 als FDP-Kommunalpolitiker kennen gelernt haben. „Ich habe nach meinem Studium zwischen 1974 und 1985 für die Thyssen-Nordseewerke in Emden gearbeitet, die damals auch das jetzt vermisste U-Boot TR 1700 (San Juan) gebaut haben. In diesem Zusammenhang habe ich damals auch U-Boot-Fahrer aus Argentinien kennen gelernt. Sie kamen zu Testfahrten nach Emden und wurden im April 1982 vom zweiwöchigen Falkland-Krieg überrascht, den ihre damalige Regierung unter Führung des Militärdiktators General Galtieri gegen Großbritannien vom Zaum gebrochen hatte.“

Die Thyssen-Nordseewerke hatten damals von der argentischen Regierung den Auftrag für sechs U-Boote (Stückpreis 400 Millionen D-Mark/200 Millionen Euro) und den Bau einer U-Boot-Werft in Buenos Aires. „Obwohl ich mir eines der U-Boote  vor ihrer Testfahrt auch von innen angeschaut habe, war ich nicht am Bau der U-Boote beteiligt, sondern ging zusammen mit sechs Kollegen und meiner frisch angetrauten Ehefrau Juliane 1978 für dreieinhalb Jahre nach Argentinien, um dort den Bau der von uns entworfenen U-Boot-Werft  als Berater zu begleiten und zu überwachen.

„Unvergessen bleibt mir der Spanisch-Crash-Kurs, den ich in Buenos Aires absolvieren musste, um mich mit den argentinischen Kollegen verständigen zu können, obwohl wir vorher Deutsch als Beratungssprache vereinbart hatten. Denn meine Sprachlehrerin sprach so schnell, wie ein Maschinengewehr!“ Gleichzeitig machte der 1944 im ober-österreichischen Gmunden am Traunsee geborene Schiffsbau-Ingenieur, der „immer was von der Welt sehen wollte“ und deshalb später unter anderem auch als Wirtschaftsreferent für die deutsche Botschaft in Camberra (Australien) arbeiten sollte, in Argentinien die Erfahrung, „das man die schwierigsten Bauprobleme dort am besten bei einem ausgiebigen Mittagessen klären konnte.“

Dabei beendeten die leitenden argentinischen Ingenieure diese kulinarisch untermalten Arbeitsbesprechungen mit ihren deutschen Beratern immer mit dem Hinweis: „Wir schicken euch morgen unsere Mitarbeiter. Und denen könnt ihr das dann noch mal ganz genau erklären.“

Bei der Frage, warum das argentinische U-Boot, das 1983 als TR 1700 in Emden vom Stapel lief und in Argentinien zuletzt 2014 generalüberholt wurde, nicht mehr auftauchen kann und so zum eisernen Grab für seine Besatzung wird, wird Hausmann nachdenklich. „Man kann letztlich nur spekulieren, warum dieses mit jeder Menge High Tech ausgestattete U-Boot verunglückt ist. 

Die möglichen Ursachen können von einer Explosion im Torpedoschacht bis hin zum Ausfall der riesigen, von Dieselmotoren aufgeladenen, Akku-Batterien reichen, die das 66 Meter lange U-Boot etwa 270 Meter unter Wasser antreiben“, sagt er. 

Dieser Text erschien am 8. Dezember 2017 in NRZ und WAZ

Das Mitte November 2017 im Südpazifik verschollene
U-Boot der Argentinier, das Wolf Hausmann 1983 als
junger Ingenieur der Thyssen-Norseewerke bei einer
Testfahrt in Emden fotografiert hat.

Freitag, 8. Dezember 2017

Der Landtagsabgeordnete Christian Mangen packte als Praktikant in Frankys Küchenkabinett mit an

Gastronom Tobias Volkmann (links)
und MdL Christian Mangen
(Foto Torsten Hellwig)
Normalerweise beschäftigt sich der im Mai neu gewählte FDP-Landtagsabgeordnete Christian Mangen mit Rechts,- Innen- und Haushaltspolitik. Doch jetzt schnitt er bei Frankys im Wasserbahnhof als Tagespraktikant Gemüse, setzte 30 Liter Soße an und zerlegte Kalbsbrüste.
Zusammen mit 24 Parlamentskollegen folgte Mangen damit der Einladung des Deutschen Hotelerie- und Gastronomieverbandes (Dehoga), der den Landespolitikern mit dieser Aktion zeigen wollte, wo die Gastronomen der Schuh drückt.

Die Dehoga-Vertreter Jörg Thon, Thomas Kolaric und Thorsten Hellwig liefen mit ihrer Forderung: "Mehr Zeit für den Gast und sein leibliches Wohl und weniger Zeit für bürokratische Dokumentationspflichten, etwa bei der Arbeitszeitregistrierung, der Allergenkennzeichnung oder bei der Hygieneampel", bei dem Liberalen offene Türen ein. Sein Hinweis, dass die neue, von CDU und FDP getragene Landesregierung die von ihrer rot-grünen Vorgängerin gerade erst eingeführte Hygieneampel zum Jahreswechsel wieder abschafft, war ganz nach ihrem Geschmack.

Die rechte Hand vom Küchenchef

Franky-Gastronom Tobias Volkmann setzte seinen Tagespraktikanten aus der Politik als Assistenten des Küchenchefs Jens Richter ein. Der konnte jede helfende Hand gut gebrauchen, hatten sich doch gerade 216 Gäste für eine betriebliche Weihnachtsfeier angesagt. Da musste der Abgeordnete, der sonst nur privat in seiner eigenen Küche für Frau und Freunde kocht, nicht nur in der Küche, sondern auch bei der Getränkebestellung und bei der Dienstplanung mit ran. Zwischendurch gab es vom Chef auch noch einen schrägen Motivationsspruch: "Tempo ist nicht nur ein Taschentuch!" - "Das habe ich natürlich ganz locker an mir abperlen lassen", gibt Mangen zu Protokoll. "Ich hätte nie gedacht, dass die Arbeit in einem Küchenteam so kreativ und temporeich sein könnte. Und am Ende hat man etwas in der Hand, was alle haben wollen", bilanzierte der Landtagsabgeordnete sein Schnupper-Praktikum im Küchenkabinett. Und weil Mangen im Rahmen seiner Parlamentsarbeit auch den Vorsitz der Landtagskommission für den Strafvollzug inne hat, darf er sich auch schon auf das nächste Tagespraktikum freuen, dann aber bei der Gefängnisseelsorge. Der Freidemokrat ist schon gespannt auf neue Eindrücke und Erfahrungen.

Dieser Text erschien am 4. Dezember 2017 in der Mülheimer Woche und im Lokalkompass

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Ritterlicher Frohsinn

Ritter kennt man nur aus der Literatur und der Geschichte oder von der Britischen Insel. Im Vereinigten Königreich werden verdiente Untertanen ihrer Majestät für ihre gesellschaftlichen Verdienste zum Ritter geschlagen. So ähnlich ist es in Mülheim. Wir haben hier zwar keinen Queen. Das gäbe der Stadthaushalt nicht her, dafür aber einen ehrenamtlichen Stadtprinzen, der in diesem  Fall den verdienten Karnevalisten  Heino Passmann zum Ritter vom (ehemals windschiefen) Turm (der Petrikirche) schlug und dabei mit seinem Ornat der teuren und nur sehr selten witzigen Queen um Längen voraus war. 

„Das ist ja wohl ein Witz!“, mag mancher Karnevalsmuffel einwenden, für den ein aktiver Jünger des organisierten Frohsinns nichts ritterliches, sondern eher etwas lächerliches an sich hat. Ich sehe das nicht so. Ist es nicht so, dass wir heute (nicht nur zwischen den Buchdeckeln des Romans von Miguel Cervantes) schon genug Ritter von der traurigen Gestalt haben. Da hat doch wirklich jeder, der ritterlich im Dienste des Frohsinns gegen den miesepetrigen Zeitgeist zu Felde zieht, einen Ritterschlag verdient. Denn ganz ohne Spaß an der Freude geht die Schose unseres Lebens eben nicht.

Dieser Text erschien am 24. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Heino Passmann bekam närrischen Ritterschlag 100 Jecken feierten den Vollblutkarnevalisten aus Broich am Mittwochabend im Restaurant der Stadthalle

Heino Passmann beim Ritterschlag durch Prinz Jürgen II.
Foto: Sven Saueressig
Das der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval und seine 13 Gesellschaften ihn am Mittwochabend ausgerechnet zum 33. Ritter vom Schiefen Turm kürten, war für den Vollblutkarnevalisten Heino Passmann das Tüpfelchen auf dem i. Mit seinen 45 Lebensjahren ist der fünffache Vater der jüngste Ritter vom Schiefen Turm.
Der Gildemeister der närrischen Ritter-Riege, Lothar Schwarze, Oberbürgermeister Ulrich Scholten und Chef-Karnevalist Markus Uferkamp ließen Passmanns karnevalistische Vita Revue passieren. Seine Laudatoren bescheinigten dem neuen Ritter nicht nur „Geselligkeit, Entschlossenheit und Liebe zum traditionellen karnevalistischen Brauchtum“, sondern auch einen „ungebremsten Arbeitseifer“, wenn es darum gehe: „den Karneval weiterzuentwickeln und ihn den Menschen nahezubringen.“

Der in der Behindertenarbeit tätige Sozialpädagoge ist seit 1989 im Mülheimer Karneval aktiv. Der ehemalige SPD-Stadtverordnete aus Broich war unter anderem als Vizepräsident der Karnevalsgesellschaft Blau-Weiß aktiv.  Seit 2003 führt Passmann als Präsident die Prinzengarde Rote Funken. Zusammen mit seiner Frau regierte er in der Session 2006/2007 das mölmsche Narrenvolk. Einem breiten Publikum ist der Vizepräsident und stellvertretende Vorsitzende des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karnevals als wortgewandter Sitzungspräsident der Seniorensitzung Lachende Herzen und des Prinzenballs bekannt.

In seinen gut gereimten Dankesworten, dankte Passmann auch dem NRZ-Karikaturisten Thomas Plaßmann. Der Träger der Spitzen Feder hatte das Motiv seines Ritterordens entworfen. Es zeigt den närrischen Rittersmann vor dem einst windschiefen Turm der Petrikirche unter einer Narrenkappe und bewaffnet mit einer krummen Lanze.

Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte Passmann nach seinem sanften Ritterschlag durch Stadtprinz Jürgen II.: „Der Karneval fasziniert mich nach wie vor, weil man mit ihm Menschen Freude bereiten und ein Lachen ins Gesicht zaubern kann und weil er Jugendlichen eine sinnvolle und vergleichsweise preiswerte Freizeitgestaltung bietet.“

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Praktikum im Küchenkabinett

Wenn man in der Politik was werden will, kommt man an Thekengesprächen nicht vorbei. Doch dass ich den FDP-Landtagsabgeordneten Christian Mangen in der Küche traf, überraschte mich. Ich dachte immer, wenn man politisch aufsteigt, kommt man vielleicht als Minister in ein Kabinett. Doch an ein Küchenkabinett, in dem der Abgeordnete bei Frankys im Wasserbahnhof Gemüse schnibbelte und putzte und außerdem 30 Liter Soße ansetzen musste, hatte ich weniger gedacht. Man lernt ja nie aus. Und so erfuhr ich, dass der neu gewählte Landtagsabgeordnete auf Einladung des Deutschen Gastronomie- und Hotelerieverbandes (Dehoga) ein gastronomisches Tagespraktikum absolvierte, um nicht nur Gemüse, Soße, Lachsplatten und Kalbsrücken zuzubereiten, sondern zwischen Küchenmesser und Soßenbinder zu erfahren, wo die Gastronomen der Schuh drückt. „Ich hätte nie gedacht, dass die Arbeit in der Küche so kreativ und befriedigend ist, weil man sieht, was man macht und am Ende etwas in der Hand hat, was alle haben wollen.“ Das kann man von so mancher politischen Entscheidung, die zuweilen schwer im Magen liegt, nicht sagen. 

Dieser Text erschien am 5. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 5. Dezember 2017

Die Opfer dem Vergessen entrissen: Gerhard Bennertz, der heute 80 Jahre alt wird, hat in den letzten 40 Jahren die Schicksale der 270 Mülheimer Holocaust-Opfer recherchiert und aufgeschrieben

Gerhard Bennertz
„Vielleicht hätte ein alt eingeborener Mülheimer das, was ich gemacht habe, gar nicht so unbefangen tun können“, sagt Gerhard Bennertz. Der Religionspädagoge, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, kam in den 70er Jahren aus Siegburg nach Mülheim, um als Religionslehrer am Berufskolleg Stadtmitte zu unterrichten.

Im Rahmen seines Unterrichtes sprach Bennertz damals auch über die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten. Und plötzlich wollte ein Schüler von ihm wissen: „Wie war das eigentlich mit der Judenverfolgung in Mülheim?“ Da musste der Lehrer passen. Er versprach dem Schüler, sich schlau zu machen. Das war der Beginn einer Recherche, die ihn in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr los lassen und zu zahlreichen Publikationen über das Schicksal der jüdischen Mülheimer in der Zeit des sogenannten Dritten Reiches veranlassen sollte. „Mein Glück war, dass ich mit meiner Frau Ingrid im Mülheimer Singkreis aktiv war und so Mülheimer kannte, die als ehemalige Mitglieder der regimekritischen Bekennenden Kirche Kontakte zu ehemalige jüdische Mitbürgern hatten, die vor den Nazis ins damalige Palästina geflohen waren“, erinnert sich Bennertz an den Beginn seiner Nachforschungen, die mit einem zwölfstündigen Zeitzeugengespräch in Tel Aviv begannen. 

„Das wurde plötzlich ein riesiger Schneeball, der auf mich zu kam“, erinnert sich Bennertz. In den kommenden drei Jahrzehnten sollte er 38 Mal Israel besuchen und dabei mit rund 40 ehemaligen jüdischen Mülheimern sprechen, von denen einige später auch ihre alte Heimatstadt wiedersehen und neue Eindrücke vom demokratischen Nachkriegsdeutschland in ihre neue israelische Heimat mitnehmen konnten. Einen besonders engen Kontakt knüpfte Bennertz in Tel Aviv zu Siegfried, Karl und Miriam Brender. Sie waren als Kinder der jüdischen Geschäftsleute Betty und Immanuel Brender im Dichterviertel aufgewachsen, hatten die Luisenschule, das heutige Otto-Pankok- und das heutige Karl-Ziegler-Gymnasium besucht, ehe sie Mitte der 30er Jahre von ihren Eltern nach Palästina geschickt wurden.

„Die Eltern selbst glaubten: Uns kann nichts passieren, weil wir gestandene und unbescholtene Geschäftsleute sind“, berichtet Bennertz aus seinen Gesprächen mit den Brender-Geschwistern. Das Schicksal ihrer Eltern, die 1941 erfolgte Deportation  aus Mülheim ins jüdische Ghetto von Litzmannstadt und letztlich der Tod dort und im Konzentrationslager Auschwitz war nur eines von insgesamt 270 Mülheimer Holocaust-Opfer-Schicksalen, die Bennertz in seinen Gesprächen rekonstruieren und später in Zusammenarbeit mit der Historikerin Barbara Kaufhold publizistisch dokumentieren konnte.

„Auch wenn die Mülheimer, die die Verfolgung durch die Nationalsozialisten am eigenen Leib erlebt haben, bis auf eine Ausnahme, gestorben sind, ist es wichtig, dass Jugendliche heute nachlesen können, was diese Menschen erlitten haben. Das liegt jetzt fest. Dahinter kann niemand mehr zurück.“

Ein Leben für den christlich-jüdischen Dialog

1983 und 1999 veröffentlichte Gerhard Bennertz in der Zeitschrift des Mülheimer Geschichtsvereins einen umfassenden Beitrag zum Schicksal der Jüdischen Mülheimer in der Zeit des sogenannten Dritten Reiches.


Ab 1986 war er für zwei Jahrzehnte Vize-Vorsitzender der Gesellschaft für den christlich-jüdischen Dialog. 1993 gehörte er zu den Mitinitiatoren der Städtepartnerschaft mit dem israelischen Kfar Saba.

Dieser Text erschien am 5. Dezember 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung