Montag, 21. Mai 2018

Schüler entdecken Israel „So eine Reise hätten wir alleine nicht machen können“

Zu Besuch in Jerusalem
Die meisten Deutschen kennen Israel nur aus den Medien. 18 junge Frauen und Männer, die das Mülheimer Berufskolleg Stadtmitte und das Gymnasium in Essen-Werden besuchen konnten sich jetzt ein eigenes Bild machen. Der dafür mit früheren Zuschüssen der Städte Mülheim, Oberhausen und Duisburg gefüllte Sparstrumpf der DIG und eine Finanzspritze der Mülheimer Sparkasse machten es möglich. Jerusalem und Tel Aviv standen ebenso auf dem einwöchigen Reiseprogramm, wie die Golanhöhen, der See Genezareth, das Tote Meer und Mülheims, 15 Kilometer nordöstlich von Tel Aviv gelegene  Partnerstadt Kfar Saba.

“So eine Reise hätten wir für 450 Euro pro Person niemals machen können”, sagt die Gymnasiastin Franziska Halle, während sie beim Nachtreffen der Israel-Fahrer auf einer Leinwand die Fotos ihre Reiseeindrücke vorbeiziehen lässt und dabei in ein Stück Pizza beißt. Was ist den Schülern nach sieben vollen Tagen in Israel besonders im Gedächtnis geblieben?

“Man lernt den Frieden zu schätzen”

Die Berufsschülerin Bianca Deuse fand den Besuch auf den seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 größtenteils von Israel kontrollierten, aber bis heute von Syrien beanspruchten Golanhöhen und das dortige Gespräch mit zwei UN-Blauhelm-Soldaten besonders beeindruckend. „Ein österreichischer Soldat berichtete von den jüngsten Granateinschlägen im Drei-Länder-Eck Israel-Syrien-Jordanien. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass die seit 1974 auf den Golanhöhen stationierten UN-Blauhelme nur als neutrale Beobachter agieren und militärisch von der israelischen Armee geschützt werden müssen“, berichtet sie. Deuse ist durch den Besuch auf den Golanhöhen deutlich geworden, „wie wertvoll die Zusammenarbeit in der Europäischen Union und die damit verbundene Tatsache ist, dass wir von befreundeten Nachbarländern umgeben sind, in die wir jederzeit problemlos reisen können.“

„Ich fühlte mich absolut sicher!“

Vor dem Hintergrund ihrer medialen Israel-Eindrücke, die vom Nahost-Konflikt und Terroranschlägen geprägt sind, war die Berufsschülerin Paulina Woldetzky positiv überrascht, „wie sicher ich mich auch abends als Frau in Tel Aviv gefühlt habe.“ Auch die mit Maschinen-Pistolen patrollierenden Soldaten, denen sie am Damaskus-Tor in der  Jerusalemer Altstadt begegnete, erlebte sie als freundliche und auskunftsbereite Gesprächspartner, so dass ihr der zunächst ungewohnte Anblick von Soldaten im Straßenbild bald vertraut war.

„Eigentlich sollte jeder mal so eine Reise machen!“

Können die jungen Israel-Fahrer aus dem westlichen Ruhrgebiet ihre Reise Altersgenossen empfehlen? „Auf jeden Fall, weil man in Israel eine sehr facettenreiche und multikulturelle Gesellschaft kennen lernen kann, in der Menschen unterschiedlicher Religionen friedlich zusammenleben“, sagt die Gymnasiastin Franziska Halle. Sie hat deshalb besonders der Besuch in einer Grundschule in Tel Aviv begeistert. „Dort lernten und spielten Kinder aus Israel und Flüchtlinge aus unterschiedlichsten Ländern ganz selbstverständlich und fast familiär miteinander. Und obwohl viele der Flüchtlingskinder noch nicht lange an der Schule waren, bewegten sie sich dort selbstverständlich und sahen in ihren Lehrern so etwas, wie ihre Freunde.“, schildert sie ihre vor Ort gesammelten Eindrücke. Geht man in der von Einwanderern geprägten Acht-Millionen-Gesellschaft Israels unverkrampfter mit dem multikulturellen Zusammenleben um. Franziska Halle meint: „Ja!“

„Sie waren sehr aufgeschlossen und interessiert!“

Die Berufsschülerin und angehende Erzieherin Meike Linscheidt erlebte das Gespräch mit etwa gleichaltrigen Wehrpflichtigen als besonders spannend. Vor dem Hintergrund ihres Wissens um die deutsche Tradition friedensbewegter Wehrdienstverweigerer und Zivildienstleistenden, als die Bundeswehr bis 2011 noch keine Freiwilligen, sondern eine Wehrpflicht-Armee war, fand sie es interessant wie selbstverständlich und klaglos die gleichaltrigen Israelis ihrem zwei- bis dreijährigen Militärdienst ableisteten. Besonders beeindruckend fand sie aber das Interesse und die Aufgeschlossenheit, „die wir in unseren Gesprächen mit den jungen Israelis erlebten, die ihrerseits davon beeindruckt waren, dass wir uns als junge Deutsche für das Land Israel, seine Menschen und seine Kultur interessierten, obwohl wir keine Juden sind.

Mit den unmittelbaren Auswirkungen des Nahost-Konfliktes Berufsschüler und Gymnasiasten aus dem Ruhrgebiet nicht nur im Gespräch mit den jungen israelischen Soldaten, sondern auch bei ihrem Besuch in der Mülheimer Partnerstadt Kfar Saba konfrontiert. Im Angesicht der acht Meter hohen Mauer, die die israelische Stadt Kfar Saba von ihrer palästinensischen Nachbar-Gemeinde Qalqilia trennt, lernten sie das Kontrastprogramm zu den offenen Grenzen des europäischen Schengen-Raumes kennen. „Wenn ich in Kfar Saba auf den dortigen Aussichtsturm steige und auf der einen Seite die Mauer von Qalqiliya und auf der anderen Seite die israelische Mittelmeer-Küste sehe, wird mir immer wieder die ganze Tragweite des Nahost-Konfliktes bewusst“, sagt der Ruhr-Vorsitzende der DIG, Markus Püll, der die junge Reisegruppe zusammen mit seinem Vorstandskollegen Günter Reichwein durch Israel führte. Für Reichwein, der in den 60er Jahren zu den ersten deutschen Studenten gehörte, die Israel besuchten, ist es eine große Genugtuung, „zu sehen, wie frei und unbefangen sich heute junge Israelis und junge Deutsche begegnen.“

„Wir dürfen das nicht vergessen!“


Aber auch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus dem Ruhrgebiet sparten das traumatische Thema Holocaust nicht aus. „Es ist schon etwas anderes, ob man in einem Buch über den Holocaust und seine sechs Millionen Opfer liest oder ob man in der Gedenkstätte Yad Vashem unter anderem durch Video-Interviews mit Holocaust-Überlebenden deren Leidensweg in Yad Vashem sehr anschaulich und persönlich nachvollziehen kann“, sagt die 18-jährige Gymnasiastin Hannah Bündert. Fühlt man sich als Urenkelin der deutschen Täter-Generation schuldig? „Nein. Denn es war nicht unsere Generation, von der diese Verbrechen begangen wurden. Aber unsere Generation darf die Verbrechen des Holcaust nicht vergessen und muss die Erinnerung an sie auch in die Zukunft tragen, damit niemand den Holocaust leugnen und die Geschichte sich nicht wiederholen kann“, bringt Bündert die wichtigste Erkenntnis ihres Besuches in Yad Vashem auf den Punkt.

Dieser Text erschien im Mai 2018 im Magazin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Sonntag, 20. Mai 2018

Adolph Kolpings Erben stellen die Weichen in Richtung Zukunft

Klaudia Rudersdorf ist zurzeit stellvertretretende
Bundesvorsitzende des Kolpingwerkes
Kolping Upgrade. Wie hat der 1850 vom seligen Gesellenvater Adolf Kolping gegründete Verband eine Zukunft? Darüber diskutierten 100 Kolpinggeschwister am 28. April bei einem Regionalforum im Gertrudissaal. Die Tagungsteilnehmer kamen nicht nur aus dem Bistum Essen, sondern auch aus den Nachbardiözesen Köln und Aachen

"Wo katholisch drauf steht muss auch katholisch drin sein", betonten die Traditionalisten. "Wir müssen uns für alle Menschen guten Willens öffnen, die sich zu Kolpings Grundwerten bekennen", forderten die Erneuerer. "Durch unsere Mitarbeit in der Flüchtlingshilfe haben wir auch viele junge Nicht-Christen kennengelernt, die gerne in unserem Verband mitarbeiten würden", erklärt das Diözesanvorstandsmitglied Klaudia Rudersdorf den Hintergrund der aktuellen Diskussion.

Kontrovers wurde auch über die künftige Ausrichtung der Öffentlichkeitsarbeit diskutiert. Sollte Kolping im Zeitalter der sozialen Internet-Netzwerke auf allen Kanälen kommunizieren oder sich auf die Medienkanäle beschränken, die zum eigenen christlichen Profil passen?

Viele Kolping-Geschwister plädierten für ein Zusammenrücken der unterschiedlichen Verbandsebenen und einen verstärkten Ideenaustausch zwischen den Kolpingfamilien. Auch die interne Kommunikation, so hieß es, müsse verbessert werden, damit alle Kolping-Mitglieder auch genau wüssten, was ihr Verband wo leiste. "Allein in Essen betreibt Kolping ein Bildungswerk, ein Berufsbildungswerk und eine Jugendwohneinrichtung unterstreicht  Rudersdorf", die als stellvertretende Bundesvorsitzende auch die Arbeitsgruppe Kolping Upgrade leitet. 



Die Impulse und Ideen, die das Essener Regionalforum und die bundesweit 19 anderen Regionalforen in den vergangenen vier Wochen geliefert haben, werden jetzt im Kölner Bundessekretariat zusammengetragen und spätestens im Herbst allen Kolpingmitgliedern in einer Druckfassung und im Internet unter:www.kolping.de zur Verfügung gestellt. Im Rahmen eines Zukunftskongresses, zu dem der Kolping-Bundesverband im März 2019 nach Fulda einladen wird, sollen die so dokumentierten Ergebnisse dann diskutiert und weiterentwickelt werden, damit die Bundesversammlung 2020 ein tragfähiges und allgemein akzeptiertes Zukunftskonzept beschließen kann. Bundesweit ist die Zahl der Kolpinggeschwister seit 2010 um rund 15.000 auf rund 240.000 zurückgegangen. Im Bistum Essen sank die Mitgliederzahl zeitgleich um 1500 auf 8500.

Dieser Text erschien am 6. Mai 2018 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 19. Mai 2018

Ein Popstar ohne Stimme

Ed Sheeran kann jetzt vielleicht auch nicht in Düsseldorf abrocken, weil seinem Konzert auf dem dortigen Parkplatz Bäume im Weg stehen. Ich möchte nicht sein Tourmanager sein. Dem armen Mann muss ja bald Hören und Sehen vergehen. Erst wird sein Rockstar, dessen Musik und Gesang in den Ohren der Fans, wie eine Nachtigall klingt, auf dem Mülheimer Flughafen vor der Feldlerche und den explosiven Altlasten des Zweiten Weltkrieges weichen und jetzt stehen seiner Tonkunst Bäume im Weg. Mich würde nicht wundern, wenn man demnächst davon lesen sollte, das Ed Sheeran einen Vogel bekommen oder auf die nächstbeste Palme gegangen ist.

Da muss sich doch was machen lassen, damit sich der Mann mit seiner Musik Gehör verschaffen kann. Ist nicht irgendein Bundesliga-Stadion frei, das während der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ohnehin nicht bespielt wird, weil unsere Nationalkicker dann hoffentlich bei ihren Auswärtsspielen die reinste Fußballsinfonie auf den Rasen zaubern, ohne das ein schräger Vogel mit Misstönen das Finale Furioso versaubeutelt.

Dieser Text erschien am 19. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Freitag, 18. Mai 2018

Eine Hilfe für die fremden Helfer: Sylvia Eberlein von der Alzheimer-Gesellschaft wird im Mai polnische Betreuungspersonen fortbilden

Gemeinsam für eine bessere Pflege von demenziell veränderten Menschen
(von links) Axel Matheja, Margarete Illigens und Sylvia Eberlein.
Wenn ein Angehöriger an Demenz erkrankt, kann das ein Ehe- und Familienleben aus den Fugen geraten.

Nach Angaben des Servicezentrums Demenz Westliches Ruhrgebiet, gibt es in der 172 000-Einwohner-Stadt derzeit rund 3600 Demenzerkrankte. Hinzu kommt, dass rund 22 000 Mülheimer über 75 Jahre alt sind und deshalb ein erhöhtes Risiko haben, an Demenz zu erkranken.

Die örtliche Alzheimer-Gesellschaft unterstützt Demenzerkrankte und ihre Angehörigen. Ihr Vorstandsmitglied Sylvia Eberlein, die hauptberuflich in der Pflegedienstleitung des ambulanten Pflegedienstes Pflegepartner arbeitet, kümmert sich jetzt im Auftrag der Alzheimer-Gesellschaft um ein sehr spezielles, aber wichtiges Fortbildungsprogramm. Mitte Mai fliegt sie nach Breslau, um dort polnische Betreuungspersonen auf ihren Einsatz in Deutschland vorzubereiten.

Möglich macht das die Pflegevermittlung Brinkmann, die mit mehreren Pflegediensten in Polen zusammenarbeitet und aktuell 50 polnische Betreuungspersonen begleitet, die sich in Mülheimer Familien um demenzkranke Angehörige kümmern.

„Das sind Frauen und Männer, die keine Altenpflegeausbildung haben, dafür aber Lebenserfahrung und familiäre Pflegeerfahrungen mitbringen“, berichtet Axel Matheja. Der unter anderem in der Altenpflege-Fortbildung aktive Psychologe ist der für Essen und Mülheim zuständige Standortleiter der Brinkmann-Pflegevermittlung. Er geht davon aus, dass derzeit 200 polnische Betreuungspersonen legal, also kranken- und pflegeversichert, in Mülheimer Familien Pflegearbeit leisten. Die Zahl der in Mülheim illegal beschäftigten Betreuungspersonen aus Polen schätzt er auf mehrere 100.

Doch Matheja warnt vor einer solch illegalen Beschäftigung: „Wenn der Zoll dahinter kommt, kann das sehr teuer werden“, sagt er.

Die Betreuungspersonen, die er aus Polen nach Mülheim vermittelt und sie auch als Ansprechpartner vor Ort begleitet, sind während ihres Einsatzes als Arbeitnehmer bei polnischen Pflegediensten angestellt. Ihre deutschen Sprachkenntnisse sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. „Bevor ich eine polnische Betreuungsperson in einen Mülheimer Haushalt vermittle, besuche ich die Familie und kläre in einem Gespräch den Bedarf und die Rahmenbedingungen. Gibt es einen eigenes Zimmer für die Betreuungsperson? Wie wichtig sind im jeweiligen Einzelfall ihre deutschen Sprachkenntnisse?“, beschreibt Matheja seine Arbeit.  Beim ersten Gespräch klärt Matheja die Gast- und Arbeitgeberfamilien auch darüber auf, dass für die polnischen Betreuungskräfte in ihrem Haushalt eine 40-Stunden-Woche gilt und der Anspruch auf eine entsprechende Freizeit gilt. Außerdem pflegen die Betreuungspersonen im Tandem. Das bedeutet: Zwei Frauen oder Männer wechseln sich, jeweils nach zwei Monaten, in der Betreuungsarbeit ab.

Warum entscheiden sich Familien für eine Betreuungsperson aus Polen? „Weil das mit 2500 Euro pro Monat für sie einen Tick preiswerter ist, als ihre Angehörigen aus der Familie in ein Pflegeheim oder in eine Demenz-Wohngruppe zu geben und natürlich weil der demenziell veränderte Angehörige so in seiner gewohnten häuslichen Umgebung bleiben kann“, weiß Matheja aus seinen vielen Gesprächen mit Angehörigen.

Mit Sylvia Eberlein ist er sich darin einig. „dass die Betreuungspersonen aus  Polen die professionelle Behandlungspflege durch einen ambulanten Pflegedienst nicht ersetzen können, weil sie nur in der Grundpflege Hand anlegen dürfen.“

Matheja, der auf Eberleins Einladung im Dezember 2017 dem Runden Tisch Demenz, an dem Fachleute aus Pflegeheimen, Pflegediensten, aus der  Stadtverwaltung, den örtlichen Kliniken und aus den Krankenkassen sitzen, über seine Erfahrungen berichtete, arbeitet inzwischen am Runden Tisch selbst mit. Eberleins Angebot einer Fortbildung für polnische Betreuungspersonen hat er ebenso gerne an, wie die polnischen Pflegediensten, mit denen er kooperiert.
„Ich möchte den Betreuungskräften Ängste vor ihrer Arbeit mit den Demenzkranken nehmen und ihnen einige Grundregeln für den Umgang mit ihnen an die Hand geben. Womit muss ich bei Demenzkranken rechnen? Wie kann ich ihre Körpersprache lesen? Und wie kann ich ihnen in der Sterbephase helfen?“, erklärt Eberlein  das Ziel ihrer auf jeweils vier Stunden angelegten Fortbildungsarbeit, die kein Ausbildungsersatz sein kann, sondern nur eine Vorbereitung und Handreichung sein will.“

Info: „Auch ich kenne einige Angehörige demenzkranker Menschen, die gute Erfahrungen mit Betreuungspersonen  aus Polen gemacht haben“, sagt Margarete Illigens, die selbst ihren demenzkranken Ehemann bis zu seinem Tod gepflegt hat und heute für die Alzheimer-Gesellschaft einen monatlichen Stammtisch für Demenzkranke und ihre Angehörigen anbietet. Sie hat aber auch davon erfahren, „dass es zu Schwierigkeiten kommen kann, wenn die Chemie zwischen den Beteiligten nicht stimmt oder auch dann, wenn es zu Eifersüchteleien rund um den demenzkranken Angehörigen kommt.“

Margret Illigens Stammtisch beginnt jeweils am ersten Mittwoch des Monats um 14.30 Uhr in der Evangelischen Familienbildungsstätte am Scharpenberg 1b.
Rat und Hilfe finden Demenzangehörige bei der örtlichen Alzheimer-Gesellschaft. Informationen dazu findet man im Internet unter: www.alzheimer-muelheim.de Die Beratungsstelle der Alzheimer-Gesellschaft ist am Tourainer Ring 4 und telefonisch unter der Rufnummer 0208-99 107 670 sowie per Mail an: info@alzheimer-muelheim.de erreichbar.

INFO: „Auch ich kenne einige Angehörige demenzkranker Menschen, die gute Erfahrungen mit Betreuungspersonen  aus Polen gemacht haben“, sagt Margarete Illigens, die selbst ihren demenzkranken Ehemann bis zu seinem Tod gepflegt hat und heute für die Alzheimer-Gesellschaft einen monatlichen Stammtisch für Demenzkranke und ihre Angehörigen anbietet. Sie hat aber auch davon erfahren, „dass es zu Schwierigkeiten kommen kann, wenn die Chemie zwischen den Beteiligten nicht stimmt oder auch dann, wenn es zu Eifersüchteleien rund um den demenzkranken Angehörigen kommt.“
Margret Illigens Stammtisch beginnt jeweils am ersten Mittwoch des Monats um 14.30 Uhr in der Evangelischen Familienbildungsstätte am Scharpenberg 1b.

Rat und Hilfe finden Demenzangehörige bei der örtlichen Alzheimer-Gesellschaft. Informationen dazu findet man im Internet unter: www.alzheimer-muelheim.de Die Beratungsstelle der Alzheimer-Gesellschaft ist am Tourainer Ring 4 und telefonisch unter 0208-99 107 670 sowie per Mail an: info@alzheimer-muelheim.de erreichbar. 

Dieser Text erschien am 12. April 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 17. Mai 2018

Als der Petrikirche noch die Turmspitze fehlte: Ein Zeitsprung an der Teinerstraße

Die Teinerstraße im Jahr 1954: Ein Foto
aus dem damaligen Adressbuch der Stadt
Wir springen zurück ins Jahr 1954. Sonntagsausflug in die Altstadt. Diese Foto erscheint damals im Adressbuch der Stadt und zeigt die Reste der Altstadt, die den Luftangriff vom 23. Juni 1943 überstanden haben. Das heute baufällige und eingerüstete Tersteegenhaus (rechts) ist damals seit vier Jahren Heimatmuseum. Die im 13. Jahrhundert errichtete Petrikirche, von den Bomben des Zweiten Weltkrieges schwer getroffen, steht damals noch ohne Turmspitze da. Erst 1958 kann ihr Wiederaufbau abgeschlossen werden. "Dieser Tag ist nicht nur ein Fest für die Mülheimer Gemeinde, sondern ein Fest für die Gemeinden im ganzen Land, weil die uralte Petrikirche ein Zeichen dafür ist, dass an diueser Stelle Menschen schon seit über 1000 Jahren an Gott glauben und ihn anbeten", sagt der damilige Präses der Rheinischen Landeskirche, Joachim Beckmann beim Wiedereröffnungsgottesdienst am 21. Dezember 1958. Der Wiederaufbau der Petrikirche, der 1949 begonnen wird, kostet am Ende 900.000 Mark. Das wären heute etwa 450.000 Euro. Das Geld wird nicht zuletzt durch Bürgerspenden aufgebracht- Neben der Spendenaktion "Die Glocken rufen auch dich bringt auch eine beliebte Pfingstkirmes auf dem Kirchenhügel Geld in die Kirchenbaukasse.  Durch diese hohle Gasse muss man kommen, wenn man von der Innenstadt durch den Torbogen zum 1850 errichteten Evangelischen Krankenhaus geht. Vorbei kommt man nicht nur an dem Haus, in dem der Mystiker, Dichter und Menschenfreund Gerhard Tersteegen von 1746 bis 1769 gelebt hat, sondern auch am ehemaligen Tante-Emma-Laden der Eheleute Walter und Käthe Gosny, in dem heute eine Schmuck- und Uhrengeschäft seine Waren anbietet. 

In dem Haus Teinerstraße 4, auf das man links schaut, betrieb Otto te Bay ebenfalls bis 1980 eine Trinkhalle- Wer durch die Teinerstraße blickt, schaut heute auf das 2017 eröffnete Petrikirchenhaus, das von der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde, von der Kantorei und Singschule und dem Freundeskreis Las Torres genutzt wird, der im Kellergeschoss des neuen Hauses auf altem Grund erstklassige Bücher aus zweiter Hand zugunsten hilfsbedürftiger Kinder in Venezuela an die Frau und den Mann bringt. Im Rücken des Betrachters steht sein 1962 das CVJM-Haus, das an der Stelle steht, an der bis 1957 das Geburtshaus des Arztes und Dichters Carl Arnold Kortum gestanden hatte.

Dieser Text erschien am 14. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 16. Mai 2018

Nehmen wir das Leben bloß nicht zu wörtlich

"Ich habe kürzlich unser Wohnzimmer ausgemessen“, erzählt der Mann im Bus neben mir. „Schön, wenn man handwerklich begabt ist. Das spart Geld“, sage ich und ernte ungläubige Blicke. Kein Wunder. Meine Zufallsbekanntschaft ist mit Krücken unterwegs und ich bin ins Fettnäpfchen getreten. Sorry. Mein Gegenüber hat Humor und muss ob meines Missverständnisses lachen.  Denn neben mir sitzt kein  Do-it-yourself-Mann, sondern ein  gestrauchelter und gestürzter Mitmensch, der am eigenen Leibe die statistisch längst belegte Tatsache erfahren musste, dass das Leben zuhause am aller gefährlichsten ist, weil in der vertrauten Umgebung die meisten Unfälle passieren. 

Der Mann mit den Krücken und dem Handverband, der im Rucksack seine Einkäufe nach Hause schleppt, beeindruckt mich. Er hält sich nicht lange mit seiner Krankengeschichte auf, sondern erzählt begeistert von seinen Reiseplänen. Nach Venedig soll es gehen, ob mit oder ohne Krücken. „Toll! Venedig sehen und sterben!“ sage und füge noch hinzu: „Venedig sehen und sterben!“ sage ich. Der Mann mit Humor und Nehmerqualitäten meint: „So weit wollte ich nicht gehen“ und wünscht mir zum Abschied noch „Hals und Beinbruch!"

Dieser Text erschien am 15. Mai 2018 der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 15. Mai 2018

Hüsch lesen lohnt sich

Vorleser Wolfgang Hausmann in der Fünte

Er war kein lauter, aber ein scharfsinniger und einfühlsamer Kabarettist und Autor. Wolfgang Hausmann liest am Freitagabend in der Fünte Hanns Dieter Hüsch mit seinen Texten lebendig werden. Gastgeber Frank Bruns hatte recht: „Sie könnten heute Abend auch an der Ruhr sein, aber das wäre ein großer Fehler!“

30 Zuhörer entdeckten in der alten Kultur-Kneipe an der Gracht 209 den 2005 verstorbenen Hüsch neu, der über sich und seine Landsleute vom Niederrhein gesagt hat: „Der Niederrheiner weiß nichts, kann aber alles erklären!“ Eine pure Untertreibung, wie Hausmanns Hüsch-Abend zeigte, an dem man den 1925 in Moers geborenen Kabarettisten, Buchautor, Chansonier, Rundfunkmoderator, Synchronsprecher, Gelegenheitsschauspieler und Heimorgelspieler als Poeten und Philosophen kennen lernte und seine Impulse mit nach Hause nahm.

O-Ton-Hüsch in seinem Gedicht gegen ein rechthaberisches Christentum: „Mein Glück soll auch dein Glück, dein Leid soll auch mein Leid sein. Gottes Liebe möge auch unsere Liebe sein, auf das er uns in den Garten des Erbarmens und auf Wege führe, die wir bisher nicht zu betreten wagten, denn er will mit dem Menschen gehen und ihn nicht gebückt, sondern aufrecht und fröhlich sehen.“ Mit seinem literarisch-biografischen Hüsch-Abend, an dem er auch eine 1973 entstandene Schallplatte mit Hüsch-Chansons zu Gehör brachte, zeigte Hausmann, wie man auch in „Zimmerlautstärke“ große Kleinkunst auf die Bühne bringen kann: Noch einmal Hüsch im O-Ton mit seinem Lied für die Verrückten: „Für die Verrückten will ich singen, für die Geschlagenen und gegen die Verschlagenen, gegen die, die über Leichen gehen und für die, die unter den Leichen sind, gegen die, die Geschichte machen und für die, mit denen Geschichte gemacht wird, gegen die, die immer mehr und alles und für die, die immer weniger und nichts haben. Denn die Erde gehört uns allen. Und Gott sitzt in einem Kirschbaum und schaut uns zu. In seine Liebe will ich mich versenken, die unsere Seele wieder zu einem Instrument der Zärtlichkeit macht!“

Am Ende des Abends gab Hausmann seinen Zuhörern den Rat mit auf den Heim: „Lesen Sie mal wieder öfter Hüsch. Es lohnt sich“ Diesen Rat kann man nur weitergeben.

Dieser Text erschien am NN. Mai in der Neuen Ruhr Zeitung