Freitag, 21. Juli 2017

Die Sparkasse beleuchtet auch die dunklen Seiten ihrer Geschichte

Sparkassenwerbung aus den 1930er Jahren (Foto DSGV)
Wer in die Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse kommt, sollte sich Zeit nehmen. Denn in der ersten Etage der Sparkassen-Zentrale am Berliner Platz beleuchtet eine Ausstellung der Historiker Dr. Ingo Stader und Max Schlenker die 175-jährige Geschichte. Jetzt haben Stader und Schlenker ihre Ausstellung, die noch bis zum 20.
September zu sehen ist, um einige Text- und Bild-Banner ergänzt. Diese beleuchten die Sparkassengeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus.
"Wir hatten bei unseren Recherchen im Stadtarchiv und im Landesarchiv freie Hand. Das war sehr angenehm und ist auch heute nicht bei allen Unternehmen üblich, die in einem Jubiläumsjahr ihre Geschichte dokumentieren wollen", betont Dr. Stader. "Ich wollte einfach wissen, was in dieser Zeit bei uns passiert ist", erklärt Sparkassen-Chef Martin Weck seine Motivation.

Der Ausstellungsbesucher stößt auf verstörende Werbeplakate aus den 1930er und 1940er Jahren. "Das Sparen der Frau ist Dienst am Volk!" heißt es da oder: "Die Heimat arbeitet und spart für die Front." Max Schlenker weist darauf hin, dass die Sparbucheinlagen der Kunden damals in Reichsanleihen angelegt werden mussten, ohne das die Sparer von dieser Zweckentfremdung ihres Geldes erfuhren. Hitlers Krieg kostete nicht nur Menschenleben, sondern auch Geld. Und nach dem Krieg war die deutsche Währung faktisch wertlos. Bei der Währungsreform 1948 wurden alle Reichsmark-Sparguthaben im Verhältnis 1:10 abgewertet.

"Die Reichsanleihen waren eine Pervertierung des Sparkassen-Gedankens. Denn die Sparkassen waren ja ursprünglich für die Lebens- und Altersvorsorge gegründet worden", erinnert Ingo Stader, Geschäftsführer der gleichnamigen Agentur History & Communication.

Max Schlenker macht deutlich, dass die Nazis mit ihren Führerprinzip bei den Stadtsparkassen der damaligen Zeit leichtes Spiel hatten, weil sie anders, als die heutigen Sparkassen als städtische Ämter geführt wurden. So war es den Nazis, die zusammen mit den Deutschnationalen ab März 1933 in Mülheim die Ratsmehrheit stellten, auch möglich alle Vorstandsposten der Stadtsparkasse mit ihren politischen Gefolgsleuten zu besetzen. So gehörte auch der Kreisleiter der NSDAP, Karl Camphausen, der von Bankgeschäften keine Ahnung hatte, zumindest bis 1936 dem Vorstand der Stadtsparkasse an, 

Parteigenossen erwiesen sich als unfähig


Doch die Rechnung ging nicht auf. Die Nazis mussten bald erkennen, dass ihre Parteigenossen fachlich nicht geeignet waren, ihre Vorstandsämter auszufüllen. Deshalb kam es 1936 nicht nur im Sparkassenvorstand zu einem großen Stühlerücken. Der Vorstandsvorsitzende und Stadtkämmerer Johann Bottenbruch blieb in den Jahren 1934 bis 1946 die einzige personelle Konstante im Vorstand der Sparkasse. Das Bottenbruch NSDAP-Mitglied aber auch Mitglied in der regime-kritischen Bekennenden Kirche war, zeigt, dass es während der NS-Zeit kein reines Schwarz-Weiß-Muster gab. 

Bottenbruch wurde wohl deshalb auch nach dem Krieg als "minder belastet" und später sogar nur als "Mitläufer" entnazifiziert. Als "minder belastet" wurde auch ein Rendant eingestuft, weil ihm nachgewiesen werden konnte, dass er aufgrund seiner langjährigen und aktiven Rolle in der NSDAP die Stelle eines den Nazis politisch missliebigen Kollegen bekommen hatte.

Weil die entsprechenden Akten aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes noch gesperrt sind, konnten die von der Sparkasse beauftragen Historiker bisher keine Erkenntnisse über die Enteignung und Arisierung jüdischer Vermögenswerte gewinnen. Betroffen sind alle Akten über Menschen, die 1917 oder später geboren worden sind. Dokumentiert haben sie dagegen die traurige Geschichte der Stadtsparkasse und der benachbarten Synagoge, die auf Befehl des damaligen Feuerwehrchefs Alfred Fretr in der Reichspogromnacht im November 1938 in Brand gesetzt wurde.

Versicherung musste zahlen


Ironie der Geschichte: Bereits im Oktober 1938 hatte die Sparkasse die zwischen 1905 und 1907 errichtete Synagoge am Viktoriaplatz, weit unter Wert, für 56.000 Reichsmark von der Jüdischen Gemeinde erworben. Deshalb machte die Stadtsparkasse nach der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 bei der Feuerversicherung auch eine Schadenssumme von 8500 Reichsmark geltend.

1955 einigten sich die Stadtsparkasse und die Vertretung der Jüdischen Gemeinden auf eine Entschädigung in Höhe von 78.500 D-Mark, ergänzt durch die Übertragung eines 300 Quadratmeter großen Grundstücks an der Wallstraße.


Dieser Text erschien am 20. Juli 2017 in der Mülheimer Woche und im Lokalkompass

Donnerstag, 20. Juli 2017

Mülheim-Krimi in den Grauzonen menschlicher Existenz Kurt Jahn-Nottebohm lässt Frank Wallert wieder ermitteln

Kurt und Ulrike Jahn-Nottebohm
Sprache und Bücher haben den inzwischen pensionierten Deutsch- und Englisch-Lehrer Kurt Jahn-Nottebohm immer schon begeistert. Da lag es nahe, dass der Mülheimer, der mit seiner Frau Ulrike in einem Fachwerkhaus an der Eppinghofer Straße lebt, zur Feder griff. Das war 2005.

Heraus kam damals sein erster Mülheim-Krimi „Dunkelkammer“ und dessen Protagonist Frank Wallert, der in einem brutalen Doppelmord ermittelte. Nach seinem ersten Krimi konnte Jahn-Nottebohm mit dem Schreiben nicht mehr aufhören. Sein Polizei-Hauptkommissar Wallert, der inzwischen als Privatdetektiv auf eigene Faust ermittelt, ließ den Autor nicht mehr los. „Ich wollte nie eine Krimi-Serie schreiben. Das hat sich einfach verselbstständigt“, sagt der Autor heute.

Im Laufe der Jahre erreichte er eine halbe Million Leser. In seinem neuesten Fall löst der Mülheimer Privatdetektiv  seinen achten Fall und stößt dabei in die „Grauzonen“ der menschlichen Existenz vor. Er bekommt es in seinem aktuellen Fall mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie aus Rakka zu tun. Deren Vater Aahlijah Massoud, ein Literaturprofessor der Universität Aleppo, verschwindet plötzlich und taucht nach drei Tagen schwerverletzt wieder auf. Und dann wird aus dem Vermissten-Fall doch noch ein Mordfall.

Auch im neuen Wallert-Fall vermischt der Mülheimer Krimi-Autor geschickt Fiktion und Aktualität. In seinem Roman geht es nicht nur um Spannung, sondern auch darum, warum Menschen heute aus ihrer Heimat fliehen. Jahn-Nottebohm zwingt seine Leser über ihren Tellerrand hinauszuschauen. Der Autor bedient sich einer anschaulichen Sprache, die Leser in Bann schlägt, aber auch erschreckt. Seine Protagonisten sind realistisch und authentisch, weil ihre Biografien von Brüchen geprägt sind. Gekonnt setzt Jahn-Nottebohm den Wechsel der Erzähhl-Ebenen als dramaturgisches Mittel ein. Lässt sich ein Kriminalroman besser an die Leserin und den Leser bringen, wenn er Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen nimmt? „Das weiß ich gar nicht, aber das ist einfach bei mir drin. Denn ich mit ein politisch denkender und fühlender Mensch“, sagt Jahn-Nottebohm

Auch der jüngste, 329-Seiten starke, Kriminalroman aus der Feder Kurt Jahn-Nottebohms wurde von seiner Frau Ulrike Nottebohm layoutet  und zusammen mit Christiane Klingbeil lektoriert.
Der Kriminalroman „Grauzonen“ ist als E-Book (für 2,99 Euro) und als Taschenbuch (für 9,99 Euro) im Buchhandel und online erhältlich. Weitere Informationen findet man im Internet unter: www.facebook.com/kurt.JahnNottenohm und www.bookrix.de

Mittwoch, 19. Juli 2017

Ein Zeitsprung auf der Schleuseninsel: Wo heute Ausflügler parken, stand früher ein Pionier-Denkmal

Zeitgenössische Postkarte aus dem Stadtarchiv
Dort, wo heute Ausflügler auf der Schleuseninsel, gleich gegenüber des Wasserbahnhofes, ihre Autos parken, wurde vor 80 Jahren ein Pionier-Denkmal enthüllt. Die Ansichtskarte aus dem Stadtarchiv zeigt es. Das Denkmal, das nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand, war Ausdruck seiner Zeit, der Nazi-Zeit. Die von dem Berliner Bildhauer, Professor Liebmann, geschaffene Soldatenskulptur sollte an die gefallenen Pioniere des Ersten Weltkrieges erinnern. Wenn wir den Soldaten mit Stahlhelm, Gewehr und Panzerfaust rückblickend betrachten, erscheint er uns als beklemmender Vorbote des Zeiten Weltkrieges. Dieser sollte zwei Jahre nach der Enthüllung des Mülheimer Pionier-Mahnmals mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnen und 60 Millionen Menschenleben kosten. Schon der Erste Weltkrieg hatte 17 Millionen Menschenleben gefordert.

Vor diesem Hintergrund klingt die Schlagzeile, mit der die Mülheimer Zeitung am 6. September 1937, über die am Vortag enthüllte Skulptur berichtete, geradezu grausam: „Niemals stirbt der Toten Tatenruhm.“ Doch am 5. September 1937 meinte Mülheim, Grund zum Feiern zu haben. 2000 Poniere kamen an diesem Tag in die Stadt. Es wurde das Deutschlandlied gesungen. Mülheims NSDAP-Chef Carl Camphausen und Oberbürgermeister Edwin Hasenjaeger legten Kränze nieder und beschworen das ehrende Gedenken der Gefallenen. Unter dem Jubel der Massen verlas der Verbandsführer der rheinisch-westfälischen Pioniere, Hauptmann Ignee ein Telegramm an Adolf Hitler, in dem ihm für den Wiederaufbau der Wehrmacht gedankt wurde.

Dieser Text erschien in der Neuen Ruhr Zeitung am 19. Juli 2017

Dienstag, 18. Juli 2017

In Mülheim fährt man seit 120 Jahren mit der Straßenbahn

Foto Stadtarchiv
Dass man heute mit der Straßenbahn durch einen Tunnel unter der Ruhr fahren kann, hätten sich die ersten Fahrgäste der Mülheimer Straßenbahn nicht träumen lassen. Sie zahlten 10 oder 20 Pfennige für eine Fahrkarte und stiegen am 9. Juli 1897 am Rathausmarkt ein. Von hier aus konnte man mit der Tram bis zur Körnerstraße und zum Kahlenberg, aber auch nach Styrum und Oberhausen fahren. Im ersten Geschäftsjahr umfasste das Gleisnetz der Mülheimer Straßenbahn gerade mal 12,5 Kilometer


Im Jahr sind 27 Millionen Fahrten zu verbuchen



Heute fahren jährlich 27 Millionen Menschen mit den 38 Straßenbahnen und 51 Bussen der Mülheimer Verkehrsgesellschaft. In Zeiten, als ein eigenes Auto noch der pure Luxus war, fuhren 1947 allein mit den Mülheimer Straßenbahnen 32 Millionen Menschen. Die Straßenbahn war das Verkehrsmittel Nummer Eins, wenn es um den Weg zur Arbeit oder um einen Sonntagsausflug zur Monning, in den Uhlenhorst, in den Witthausbusch und zum Kahlenberg ging.

Die Tatsache, dass das Straßenbahnnetz rasch ausgebaut wurde, zeigt, wie schnell die Elektrische akzeptiert wurde. 1908 überschritt Mülheim die 100.000-Einwohner-Grenze und wurde so zur Großstadt. Damit stieg auch das Bedürfnis der Bürger, mobil zu sein und auch in die Nachbarstädte zu fahren.

1898 wurde die damals eigenständige Bürgermeisterei Heißen an das Mülheimer Straßenbahnnetz angeschlossen. 1900 folgten Eppinghofen, Mellinghofen und Dümpten. Als 1911 die neue Schloßbrücke eröffnet wurde, konnten auch die Stadtteile Speldorf. Broich und Saarn angebunden werden. Allerdings sollte die Straßenverbindung nach Saarn 1968 durch eine Buslinie ersetzt werden. 

Rasches Wachstum


Auch während des Ersten Weltkrieges, als Straßenbahnwagen unter anderem für den Transport von Verwundeten genutzt wurden, wuchs das Liniennetz. Ab 1916 wurden Mülheim, Essen und Oberhausen durch die Straßenbahnlinie 18 miteinander verbunden. Bis 1928 wuchs das örtliche Straßenbahnnetz auf 44 Kilometer an.

Der Zweite Weltkrieg brachte einen herben Rückschlag für den öffentlichen Personennahverkehr. Allein während des großen Luftangriffs in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 wurden die Hauptverwaltung der städtischen Verkehrsbetriebe sowie 12 Triebwagen und acht Beiwagen der Straßenbahn zerstört.

Die Tram machte Mülheim schnell wieder mobil


Obwohl viele Straßen nach dem Kriegsende im April 1945 durch Trümmer blockiert wurden, konnte der Straßenbahnbetrieb schon wenige Tage nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen wieder aufgenommen werden. Während des Wirtschaftswunderjahrzehnts der 50er Jahre schafften die städtischen Verkehrsbetriebe insgesamt 42 neue Straßenbahnwagen an.

Die 60er Jahre, in denen man "das moderne" und "damit autogerechte" Deutschland schaffen wollte, brachten die Straßenbahn in die Defensive. Wie heute, wurde damals darüber diskutiert, ob Busse nicht viel günstiger zu betreiben seien als Straßenbahnen. So wurde der Straßenbahnverkehr nach Saarn eingestellt. Und auch die Nachbarstadt Oberhausen entschied sich für einen reinen Bus-Nahverkehr. Doch mit der Eröffnung des Centros in der zweiten Hälfte der 90er Jahre, wurden Mülheim und Oberhausen wieder mit einer Straßenbahnlinie, der 112, miteinander verbunden. Inzwischen wird auch wieder über eine neue Straßenbahnlinie nach Saarn diskutiert.

Beginn des U-Bahn-Zeitalters


Die 70er Jahre standen dann ganz im Zeichen des Stadtbahn- und U-Bahnbaus. Fast genau 80 Jahre nach der Fahrt der ersten elektrischen Straßenbahn, erlebte die U18 am 28. Mai 1977 ihre Jungfernfahrt. Und gegen Ende des 20. Jahrhunderts fuhren dann erstmals Straßenbahnen unter der Ruhr.

Vor dem Hintergrund eines jährlichen Zuschuss-Bedarfs von rund 30 Millionen Euro wird das Für und Wider des Öffentlichen Personennahverkehrs kritisch diskutiert. Zweifellos scheint es im Autoland Deutschland vielen politisch angebracht, deutlich mehr die Infrastruktur des Individualverkehrs, als in den Schienenverkehr zu investieren und diesen so attraktiver und wirtschaftlicher zu machen. Doch ebenso zweifellos ist die Tatsache, dass der öffentliche Personennahverkehr die Nase vorne hat, wenn es um den Umwelt- und Klimaschutz geht. Und die Tatsache, dass ihr gesamter Fuhrpark seit 2015 niederflurig fährt, zeigt, dass sich die MVG auch dem demografischen Wandel stellt.

Ein Jubiläum wird gefeiert


Das 120-jährige Jubiläum der Mülheimer Straßenbahnen feiert die Verkehrshistorische Arbeitsgemeinschaft der Mülheimer Verkehrsgesellschaft am Samstag, 8. Juli, zwischen 11 und 17 Uhr mit einem Tram-Shop in der Passage zwischen Forum und Hauptbahnhof. Dort können Interessierte Fachliteratur und Straßenbahnmodelle erwerben. Außerdem wird zwischen 11 und 15 Uhr die Fahrt mit dem historischen Triebwagen M6D angeboten.

Dieser Text erschien am 8. Juli 2017 in der Mülheimer Woche

Montag, 17. Juli 2017

Ansichten eines Vierbeiners

Was hat mir mein Herrchen aus dieser Zeitung vorgelesen? Erst hat einechter Schweinehund 100 Gummireifen in der Einfahrt zum Hundespaßzentrum entsorgt. Wenn ich diese hundsgemeinen Typen erwischen sollte, pinkeln ich ihnen ans Bein. Darauf können Sie sich  verlassen. „Wuff!“

Und jetzt müssen die Hundefreunde das Gelände, auf dem Unsereins mal richtig Spaß haben konnte, aufgeben, weil es Teil eines Landschaftsschutzgebietes ist. Es dürfe nur zur Erholung und nicht zu gewerblichen Zwecken genutzt werden.

Da wird doch der Hund an der Leine verrückt. „Knurr.“ Versteh einer die Juristen. Die verstehen einfach keinen Spaß! Alles, was Recht ist. Wenn meine Kollegen und ich und vor allem meine Kolleginnen und ich auf dem Hundeplatz an der Hansbergerstraße unseren Spaß haben, dann ist das ja wohl die reinste Erholung. Das kann ich Ihnen  versichern. „Lächtz!“ Schließlich verbietet man den Zweibeinern ja auch nicht ihren Spaziergang oder eine Radtour an der Ruhr, nebst Einkehr in ein Eiscafe. Ist das nicht ein Fall für den Tierschutzverein, den die Hundefreunde mit ihren Einnahmen unterstützt haben oder für das Bundesverfassungsgericht oder für den Europäischen Gerichtshof oder für die Uno? Hunde, aller Länder vereinigt euch!“

Doch wer hätte das gedacht: Jetzt ist ausgerechnet die Mülheimer Wirtschaftsförderung auf den Hund gekommen und will den Hundefreunden, die demnächst mit uns wieder auf der Straße stehen, bei der Such nach einem neuen Platz helfen, auf dem wir und unsere Zweibeiner Spaß haben können. Mal sehen, wohin uns diese beschlipsten Wirtschaftsmenschen im Nadelstreifenanzug, der keinen echten Hundespaßplatz unbeschadet überstehen würde, am Ende hinbefördern werden. Mir schwant schlimmes, etwa eine Betonwüste, gegen das ein Gefängnishof für den täglichen  Freigang wie eine Idylle wirkt. Wenn das so kommt, bekomme ich eine Depression und mein Herrchen muss mit mir zum Hundepsychiater. Das wird teuer.

Wenn schon Wirtschaftsförderung, dann richtig. Also in einer Metzgerei mit aktiver Fleischtheke könnte ich mir ein Indoor-Spaß-Zentrum für uns Hunde wirklich gut vorstellen. „Schlabber!“ Dann dürfte es sogar in einem Gewergebiet liegen.

Dieser Text erschien am 17. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 16. Juli 2017

Die Kümmerin: Alexandra Teinovic vom Mülheimer Nachbarschaftsverein der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft sorgt dafür, dass sich Nachbarn näher kommen und gemeinsam aktiv werden. Ihre Alltagshilfe ist gefragt


Alexandra Teinovic ist auf ihrer bisher 46-jährigen Lebensreise schon viel unterwegs gewesen. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Romanistin knüpfte als Vetriebs- und Marketing-Mitarbeiterin für einen großen Telefonanbieter und für einen spanischen Schuhfabrikanten internationale Verbindungen. Als Familienberaterin an ihrer Hochschule, der Heinrich-Heine-Universität, half sie Kollegen, deren Familienleben aus den Fugen geraten war, wieder auf ihre Spur zurückzukommen.

In einem Moment, in dem sie Lust auf eine berufliche Veränderung hatte, wies sie eine Kollegin auf eine Stellenausschreibung der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft (MWB) hin, die damals, 2008/2009. einen Nachbarschaftsverein aufbaute. Mülheim und Genossenschaft. Das waren für die Ökonomin aus Düsseldorf damals Fremdworte. Doch sie machte sich schlau und wagte den Sprung ins kalte Wasser.

Das habe ich bis heute nicht bereut. Denn ich bin ein Mensch, der gut auf andere Menschen zugehen und Netzwerke organisieren kann“, sagt Teinovic über sich selbst. Und nach inzwischen neun Jahren, in denen sie als Netzwerkerin für die MWB in Mülheim unterwegs und aktiv ist, sagt sie: „Ich habe hier offene Menschen getroffen, die mich aufgenommen haben und es mir leicht gemacht haben, hier heimisch zu werden.“

Ihre vielseitiger Arbeitstag, der sie als Kümmerin und Frau für alle Fälle ausweist, beginnt in der Regel um 8 Uhr im Büro des Mülheimer Nachbarschaftsvereins an der Friedrich-Ebert-Straße 2. Mit einer Tasse Kaffee im Anschlag checkt sie ihre E-Mails und hört ihren Anrufbeantworter ab.
Sie telefoniert unter anderem mit einem Mann, der aus Mülheim kommt, heute aber in einer weit entfernten deutschen Großstadt lebt und arbeitet. Er macht sich Sorgen um seinen dementen Vater, der in einer Styrumer MWB-Wohnung lebt. Sie verspricht, bei seinem Vater vorbeizuschauen und einen Pflegedienst einzuschalten.

Obwohl die Frau vom Nachbarschaftsverein feste Sprechstunden, zwischen 10 und 12 Uhr hat, kommen und gehen bei ihr zu jeder Zeit Menschen ein und aus, die die Frau vom Mülheimer Nachbarschaftsverein als eine Frau mit einem offenen Ohr für alle Problemlagen kennen- und schätzen gelernt haben. „Können Sie mir mal erklären, wie ich meinen Fernseh- und Sateliten-Receiver einstellen muss?“ „Können Sie mal meinen Arztbrief anschauen und mir erklären, was da drin steht?“ „Worauf muss ich eigentlich achten, wenn ich eine Patientenverfügung aufstelle?“

Die Frau vom Nachbarschaftsverein kümmert sich nicht nur telefonisch, sondern kommt auch persönlich vorbei. Bevor es los geht, muss Teinovic, die übrigens auch einige Semester Medizin studiert hat, in der Tiefgarage der Sparkasse den Stecker ziehen. Denn dort wird ihr Elektro-Dienstwagen aufgeladen, wenn sie gerade mal nicht in der Stadt unterwegs ist. „Mit einer Stromladung für 1,50 Euro komme ich 60 Kilometer weit“, beschreibt sie die Vorzüge ihres umweltfreundlichen City-Flitzers.

An der Eigenheimhöhe in Heißen schaut sie bei zwei alteingesessenen Mieterinnen vorbei. Im Gespräch mit ihnen geht es um eine Patientenverfügung, aber auch um die Hundehaufen auf der kleinen Wiese vor ihrem Haus, um die wunderbar gewachsenen Hortensien und den letzten gemeinsamen Ausflug, den Teinovic für den Nachbarschaftsverein organisiert hat. „Das war wirklich sehr schön und informativ“, hört man über den Tagesausflug ins Neandertal. „Frau Teinovic ist ein sehr sympathischer Mensch. Sie ist sehr aufgeschlossen und kümmert sich auch um unsere kleinen Probleme und Wehwehchen. Mit ihrer Arbeit hat sie dafür gesorgt, dass wir Nachbarn uns jetzt besser kennen und regelmäßig miteinander sprechen“, sind sich Erika Sader und Ingrid Hegemann von der Eigenheimhöhe einig.

Ich organisiere nicht nur Tagesausflüge in die Region, sondern auch Nachbarschaftsfeste in der Stadt“, erzählt Teinovic, während sie zu einem Treffen mit vier Nachbarn von der Salierstraße fährt. Dort soll Ende September ein Nachbarschaftsfest gefeiert werden.
Im Gespräch geht es darum, wo was aufgestellt werden soll und was gebraucht wird. Die vier Mieter, mit denen Teinovic das Fest plant, gehören zum Organisationsteam der Siedlung und haben ihr auch gleich einen Lageplan mitgebracht.


Auch wenn Teinovic auf das Know-How und den Fundus, a# la Grill, Bierzelt-Garnituren und Pavillons, der Genossenschaft zurückgreifen kann, legt sie großen Wert darauf, „dass sich die Mieter und Nachbarn auch selbst mit einbringen.“

Dieser Text erschien am 15. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 15. Juli 2017

Ignoranz auf vier Rädern

Schreib doch nicht immer so kritisch über die Fahrradfahrer.“ So mahnt mich mein Kollege, der selbst zu dieser Zunft gehört. Er gehört aber, das muss ich sagen, zu den wirklich guten, die auch für Fußgänger bremsen und auf sie Rücksicht nehmen. Das kann nicht jeder von sich behaupten. Ich denke da an manche Herrschaften, die in ihren Limousinen unterwegs sind und Fußgänger entweder ignorieren oder als Verkehrshindernis betrachten. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass einige Automobilisten ihre großformatigen Karossen auch noch neben der breitesten Fahrbahn auf dem schmalsten Bürgersteig parken.

Sie scheinen sich nach dem Motto: „Wer zu Fuß geht, ist selber schuld“ durchs Leben zu bewegen. Man sollte diesen Ignoranten auf vier Rädern vielleicht einfach mal den Führerschein wegnehmen, damit sie mal wieder mit Rücksicht durchs Leben gehen.


Dieser Text erschien am 7. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung