Mittwoch, 24. Mai 2017

Frische Luft und Familienanschluss: Unterwegs mit Marian Brzostek



Marian Brzostek
Seine Arbeit auf dem Dümptener Bauernhof der Familie In der Beeck-Bolten gefällt Marian Brzostek und sie tut ihm gut. Das spürt man, wenn man mit ihm spricht und mit ihm auf dem 70 Hektar großen Betrieb im grünen Nordzipfel Mülheims unterwegs ist, mal zu Fuß und dann wieder mit einem kleinen Elektrowagen, auf dessen Ladefläche er Erdbeeren, Kartoffeln und Eier transportiert. Wären wir im Herbst, wäre er mit Kürbissen unterwegs und in einigen Wochen werden auf die Erdbeeren die Himbeeren folgen.
Seine Arbeit auf dem Dümptener Bauernhof der Familie In der Beeck-Bolten gefällt Marian Brzostek und sie tut ihm gut. Das spürt man, wenn man mit ihm spricht und mit ihm auf dem 70 Hektar großen Betrieb im grünen Nordzipfel Mülheims unterwegs ist, mal zu Fuß und dann wieder mit einem kleinen Elektrowagen, auf dessen Ladefläche er Erdbeeren, Kartoffeln und Eier transportiert. Wären wir im Herbst, wäre er mit Kürbissen unterwegs und in einigen Wochen werden auf die Erdbeeren die Himbeeren folgen.

Lebensunterhalt für die Familie

Der zweifache Familienvater und fünffache Großvater aus dem ostpolnischen Ostron Mazowiecka strahlt eine Vitalität aus, die nicht erahnen lässt, dass er mit 64 schon fast im Rentenalter ist. „Als mich Andreas Bolten vor vier Jahren fragte, ob ich auf seinem Hof arbeiten könne, sagte ich ihm: Dafür bin ich doch zu alt“, erinnert sich Brzostek.
Heute bewegt er sich zwischen 5.30 Uhr und 16.30 Uhr so vertraut und selbstverständlich zwischen Feldern, Hühnerstall, Lagerräumen, Hofladen und Verkaufswagen des Dümptener Hofes, den Christiane In der Beeck und Andreas Bolten bewirtschaften, dass man meinen könnte, er habe nie etwas anderes gemacht.
Das hat wohl damit zu tun, dass Brzostek die Landwirtschaft seit Kindesbeinen kennt. Sein Vater Stanislaw hatte einen kleinen 16-Hektar-Hof. Das war eine gute Schule für seine heutige Arbeit. Doch er hat im Laufe seines Lebens auch schon als Mechaniker in einer Möbelfabrik, als Fahrer für einen Schlachthof und als selbstständiger Spediteur gearbeitet.
Doch als seine selbstständige Existenz in die Brüche ging, suchte er nach einer neuen Anstellung und fand sie auf dem Bauernhof an der Bonnemannstraße. Den Weg dort hin fand er über Andreas Boltens Eltern, die ihn aus seiner früheren Berufstätigkeit kannten.
„Marian ist flexibel, tatkräftig und zuverlässig“, lobt Landwirtin Christiane In der Beeck ihren Mitarbeiter für alle Fälle.

Immer zur Stelle

Ob beim Säen und Ernten auf den Feldern, beim Einlagern der Ernte, ob bei der Auslieferung an Märkte in der Region, ob beim Aus- und Einräumen des Hofladens oder beim Einsammeln der von freilaufenden Hühnern gelegten Eier, der Säuberung ihres mobilen Stalls oder bei ihrer Fütterung, Marian Brzostek ist immer zur Stelle. Ein Knopf im Ohr verbindet ihn mit seinem Smartphone, damit er für seine Arbeitgeber immer erreichbar ist und schnell eingreifen kann, wo Not am Mann ist.
„Die Familie ist eine gute Familie und die Atmosphäre hier stimmt“, versichert Brzostek glaubhaft. Ein Feierabendbier oder ein Nachmittagskaffee mit Andreas Bolten und Christiane In der Beeck gehören zu seinem Alltag. Vor einigen Jahren haben Bolten und In der Beeck für Marian und seine Kollegen, zu denen jetzt auch acht Erntehelfer aus seiner 1200 Kilometer entfernten Heimatstadt Ostron Mazowiecka gehören, eine eigene Wohnunterkunft auf dem Hof errichtet.
Jeder hat hier sein eigenes Zimmer, einfach, aber wohnlich eingerichtet. Es gibt eine Gemeinschaftsküche, in der Marian regelmäßig für seine Kollegen kocht und backt. Duschen, Waschräume und Waschmaschinen machen die Unterkunft für die polnischen Arbeitskräfte komplett. Deutsche Arbeitskräfte haben Christiane in der Beeck und Andreas Bolten oft gesucht, aber nie gefunden. Ein Arbeitsbeginn um 5.45 Uhr in der Erntezeit ist nicht jedermanns Sache.
„Aber im Winter fängt mein Arbeitstag erst um acht Uhr an. Dann geht es etwas ruhiger zu“, erzählt Brzostek. Wer ihn durch seinen Arbeitsalltag begleitet, hat das Gefühl, dass es hier auf dem Hof nie Langeweile gibt, aber auch keine fabrikähnliche Akkordarbeit, sondern ein vergleichsweise selbstständiges und selbstverantwortliches Schaffen. Bei einem kleinen Familienbetrieb, wie dem Dümptener Bauerhof, weiß jeder, dass man sich auf ihn verlassen können muss, weil es auf jeden ankommt.
Und so betrachtet Marian während einer Arbeitspause in seinem Smartphone nicht nur Fotos seiner eigenen Familie, sondern auch Fotos, die er bei Gelegenheit von Andreas Bolten, seiner Frau Christiane und ihren gemeinsamen Kindern Marlen und Clemens gemacht hat.
Auch nach Feierabend ist Marian Brzostek gerne unterwegs. Mal fährt er mit dem Rad durchs grüne Mülheim. Mal besucht er in Essen den Gottesdienst der polnischen Gemeinde. Und mal besucht der Vater und Großvater seinen Sohn Rafael (41), und seinen Enkelsohn in Neuss. Dann gehen Großvater, Vater und Enkel auf den Fußballplatz von Eller 04 oder ins Stadion von Fortuna Düsseldorf. Doch seine schönste Reise ist die Heimreise, wenn Brzostek Ostern, Weihnachten und im Juli seine Familie in Ostron -Mozowiecka besucht. „Mal fahre ich mit meinem Auto. Mal fliege ich mit dem Flugzeug ab Düsseldorf“, erzählt Marian Brzostek.
Und wie lange will der 64-Jährige noch arbeiten? „Ich arbeite noch 36 Jahre plus Mehrwertsteuer“, scherzt er. Dann wird er etwas ernster und meint: „Ich muss darüber mal mit meinem Steuerberater und meinem Arzt sprechen, aber solange ich gesund bleibe, werde ich wohl noch einige Jahre hier arbeiten. Und auch, wenn ich dann mal Rentner sein werde, werde ich bestimmt mal wieder als Besucher hier vorbeischauen, denn die Familie In der Beeck-Bolten ist mir im Laufe der Jahre doch ans Herz 
Dieser Text erschien am 20. Mai 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 23. Mai 2017

Als die Reformation nach Mülheim kam: Ein Gespräch mit dem Histoirker und Buchhautor Jürgen Nierhaus, der darüber geforscht und geschrieben hat


Hans-Werner Nierhaus
Mülheim ist keine Insel. Auch hier kommt die Weltgeschichte an. Das galt auch für die vor 500 Jahren von Martin  Luther angestoßene Reformation. Wie das vonstatten ging, beschreibt der pensionierte Otto-Pankok-Geschichtslehrer Jürgen Nierhaus in seinem Buch über die Reformation in Mülheim. Ein Gespräch mit dem Autor.

Wie kam die Reformation nach Mülheim?

Nierhaus: Das hatte mit dem Broicher Grafen Wirich V. zu tun. Der erlebte Martin Luther als Teilnehmer des Wormser Reichstages kennen und war von seinen Ideen interessiert. 
Warum fand die Reformation auch in Mülheim rasch Zulauf?
Nierhaus: Die Menschen waren mit der zunehmenden  Verweltlichung der Kirche unzufrieden. Das hatte nicht nur mit dem Ablasshandel zu tun. Die Adeligen schoben sich die Pastorenämter gegenseitig zu, weil sie mit Pfründen, das waren Grundstücke und Pachtabgaben, von denen man sehr gut leben konnte, verbunden waren. Dabei setzten viele Pastöre wiederum Vikare ein, die in ihrem Auftrag an den damals drei Altären der Sankt-Petrikirche täglich mehrere Messen feierten. Viele Menschen wollten damals ihr Seelenheil befördern, in dem sie der Kirche ihren Besitz vermachten.

Was veränderte sich an diesen Zuständen mit der Reformation?

Nierhaus: Die Gemeindeältesten, aus denen später die Presbyter wurden, konnten jetzt das Gemeindeleben mitbestimmen. Die Gottesdienste wurden nicht mehr in Latein, sondern in deutscher Sprache gefeiert. Und das Abendmahl wurde in beiderlei Gestalt, dass heißt mit Wein und Brot gereicht. Und der bisher von der Gemeinde abgewandte Pastor feierte nun mit dem Gesicht zur Gemeinde den Gottesdienst. Aus den Pfründen der Petrikirche wurden die Pfarrer und die Armenfürsorge bezahlt, allerdings nicht mehr mit dem Hinweis auf das Seelenheil.

Wer war der erste evangelische Pfarrer in Mülheim?

Nierhaus: Das war der reformierte Prediger Johann Kremer, der in einigen Quellen auch als Jakob Kremer genannt wird, der auf Vermittlung des Herrn von Hardenberg nach Mülheim kam und vom damaligen Broicher Grafen Philipp als Hofprediger angestellt wurde. Seine erste Amtshandlung war die Trauung des ehemaligen Kölner Domherrn Philipp von Broich und Daun-Falkenstein mit der ehemaligen Nonne Kaspara von Holtei, mit der er zwei Kinder hatte, die durch die Hochzeit legitimiert werden.

Verschwand mit der Reformation der gesamte Katholizismus aus Mülheim?

Nierhaus: Nein. Sowohl das Kloster Saarn und die Styrumer Grafen blieben katholisch. Allerdings kamen vereinzelt auch Nonnen aus dem Saarner Kloster zur Petrikirche, um dort den reformierten Gottesdienst mitzufeiern. Man darf nicht vergessen, dass viele Mülheimer, wie Luther, keine Spaltung, sondern nur eine Reform der existierenden Kirche wollten.

Welche Chance hat die Ökumene im 500. Jahr der Reformation?

Nierhaus: Ich glaube, dass die katholische und die evangelische Kirche nicht ganz ehrlich mit diesem Thema umgehen, weil die Institutionen und bürokratischen Strukturen der heutigen Kirchen so verfestigt sind, dass sie die Auseinandersetzung mit dem reinen christlichen Glauben verhindern. Denn die theologischen Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten, für die früher sogar Kriege geführt wurden, haben heute ihre Bedeutung verloren.

Jürgen Nierhaus, der bereits Bücher über den Ersten- und den Zweiten Weltkrieg in Mülheim geschrieben hat, hat jetzt im Essener Klartextverlag ein 300 Seiten starkes Buch „Gesellschaft und Herrschaft - Die Reformation im Duisburger und Mülheimer Raum“ veröffentlicht. 
Neben der bereits früher zu diesem Thema erschienen Fachliteratur dienten Nierhaus auch Briefe und Urkunden aus der Zeit der Reformation, die er im Mülheimer Stadtarchiv im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37 gefunden und ausgewertet hat, als Quellen.
Sein Buch ist ab sofort im Buchhandel erhältlich und kostet 22,40 Euro.

Dieser Beitrag erschien am 22. Mai 2017 in NRZ und WAZ

Montag, 22. Mai 2017

Ich zahle, also bin ich

Ich fahre, also bin ich! Das schrieb ich gestern an dieser Stelle. Sie erinnern sich?! Heute bin ich mit meiner Erkenntnis einen Schritt weiter und sage: Ich zahle, also bin ich!

Denn gestern legte ich im Kundencenter der Mülheimer Verkehrsgesellschaft mein Monatsticket und meinen Personalausweis vor, um nachträglich nachweisen zu können, dass mein Monatsticket auch wirklich mein Monatsticket ist, nachdem ich tags zuvor mit meinem Monatsticket, aber ohne meinen Personalausweis mit Bus und Bahn durch Mülheim fuhr.

Den von mir unerbetenen Aufwand, zu notieren, dass ich mit Fahrschein, aber ohne Personalausweis im Nahverkehr unterwegs war und die nachträgliche Betrachtung meines Personalausweises und meines Monatstickets, um sicherzustellen, dass ich auch wirklich der bin, der ich bin, ließ sich die MVG mit sieben Euro bezahlen.

Ich frage mich jetzt nur, wieviel ich der MVG demnächst an Arbeitsaufwand in Rechnung stellen kann, wenn ich mir mal wieder an der Haltestelle die Beine in den Bauch stehe, weil Bus oder Bahn zu spät kommen oder ausfallen. Zeit ist ja nicht nur für die MVG, sondern auch für ihre Fahrgäste Geld.


Dieser Text erschien am 20. Mai 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Ich fahre, also bin ich

Wer bin ich? Das ist eine wahrhaft philosophische Frage, mit der man manchmal unverhofft konfrontiert wird, etwa, wenn man mit Bus und Bahn unterwegs ist und plötzlich von der Seite angesprochen wird: „Ihre Fahrkarte, bitte?“

Kein Problem! Ich habe ja mein Monatsticket dabei. Darauf steht mein Name und meine Kundennummer. Das müsste doch reichen. Von wegen. Wir sind in Mülheim. Hier muss alles seine Ordnung haben. Schließlich könnte ja jeder mit meinem Namen und mit meinem Monatsticket daherkommen. „Können Sie sich ausweisen?“ Nein, kann ich nicht. Mein Personalausweis liegt zu Hause. Da liegt er gut. Der gewissenhafte MVG-Mitarbeiter bringt mich zum Grübeln. Ich dachte, ich sei einmalig und mein Name stünde für sich. Statt dessen muss ich erkennen, dass ich nur dann zweifelsfrei ich selbst bin, wenn ich mich ausweisen kann. Das muss ich jetzt mit einem Gang zum nächsten Kundencenter der MVG (unter Vorlage eines „Denkzettels“) nachholen. So bringt die MVG auch meine grauen Zellen in Bewegung. „Ich denke, also bin ich“, sagte einst der Philosoph Rene Decartes. Denkste! Aber der Mann lebte ja auch im 17. Jahrhundert.


Dieser Text erschien am 19. Mai 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Samstag, 20. Mai 2017

Vor der Wahl ist nach der Wahl

CDU-Stadtrat Markus Püll drückt mir zwischen Gemüsehändler, Metzger und Bäcker auf der Leineweberstraße ein Flugblatt in die Hand. Kommt der Mann nicht etwas zu spät, ist die Landtagswahl nicht schon gelaufen? Er ahnt meine Gedanken und meint: „Nach der Wahl ist vor der Wahl!“ Diesen Spruch kannte ich bisher nur vom seligen Sepp Herberger mit Blick aufs Fußballspiel.

Ein Blick aufs Flugblatt zeigt es: Die CDU will am 20. Mai ab 10.30 Uhr an der Ecke Leineweberstraße/Kohlenkamp mit Bürgern über die Zukunft der Baumallee an der Leineweberstraße ins Gespräch kommen. Wenn man es so sieht, sind sich Politik und Fußball ähnlich. Es geht darum ins Schwarze zu treffen und möglichst nicht ins Abseits hineinzulaufen.

Kein Wunder also, dass die Schwarzen zum Bürgergespräch ins Grüne einladen, weil auch sie wissen, dass die mögliche Fällung der Platanen an der Leineweberstraße die Bürger auf die Palme bringt. Da heißt es, sich auf dem politischen Spielfeld rechtzeitig als Baumfreunde aufzustellen und eine Steilvorlage zu verwandeln, damit man am Ende auch tatsächlich ins Schwarze trifft und die Bürger einem Grün sind, statt einem den Schwarzen Peter zuzuschieben. Denn nach der Wahl ist vor der Wahl.


Dieser Twext erschien am 17. Mai 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 19. Mai 2017

Der Mann an der Orgel

Der Kaiser hätte an Otto seine Freude. Otto ist ein Mann in den besten Jahren und hat eine Pickelhaube auf dem Kopf. Der Mann, der in einer alten Polizeiuniform auf der Schloßstraße steht, um die Passanten mit seiner Musik aus der Drehorgel und einer Trompete zu erfreuen, ist zwar nicht so alt, dass er den Kaiser noch gekannt hätte, aber doch schon so alt, dass er in Ehren ergraut und im Ruhestand angekommen ist. „Ich habe gerade kein Geld“, entschuldigt sich der eilige Journalist, der dem reifen Musikanten in seiner Uniform aus Urgroßvaters Zeiten gerne ein oder zwei Münzen für seine schwungvollen Rhythmen auf seinen Teller gelegt hätte. „Ich auch nicht!“, sagt der Mann an der Drehorgel. Er macht aus der Not eine Tugend. In dem er den Passanten auf der Schloßstraße mit seiner Musik und seiner sehenswerten Erscheinung eine Freude macht, bessert er seine karge Rente auf. Gut, dass Otto noch Luft und Töne hat. Da macht Wiedersehen und Wiederhören Freude. Der nächste Euro kommt bestimmt.

Und doch würde sich der Zuhörer und Zuschauer dieses bewundernswerten Ein-Mann-Straßen-Musiktheaters wünschen, dass Otto und seine Leidensgenossen, die als Rentner nicht rasten dürfen, weil bei ihnen auch nach einem langen Arbeitsleben die Rentenkasse nicht klingelt, so manchem großtönenden Großverdiener, der als Staaten- und Wirtschaftslenker weniger für Harmonie als für Misstöne sorgt, den Marsch blasen. So dass ihnen Hören und Sehen verginge. 

Dieser Beitrag erschien am 16. Mai 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 18. Mai 2017

Weit weg und doch ganz nah: Alte Feldpostbriefe haben Wolfgang Geibert seinen 1944 in Weißrussland gefallenen Vater nahegebracht: Lange ließ er dessen Geschichte auf sich beruhen

Wolfgang Geibert mit einem Bild seines 1944
gefallenen Vaters Jakob.
„Mein Liebling, ich weiß zwar nicht, ob ich so wiederkomme, wie ich jetzt gehe und stehe, aber ich werde wiederkommen. Die Anstrengungen sind groß. Aber für unser deutsches Vaterland und unsere Lieben zu Hause halten wir gerne durch. Wo ich auch bin, denke ich an dich, mein liebes Goldfrauchen.“ Der am 13. April 1943 geborene Wolfgang Geibert, den viele Mülheimer aus seiner Zeit als SPD-Bezirksvertreter kennen, liest aus einem Feldpostbrief, den sein Vater Jakob am 27. Juni 1944 im Frontabschnitt südlich der weißrussischen Hauptstadt Minsk geschrieben hat. Einen Tag später wurde der Infanteriesoldat der Wehrmacht dort beim Botengang durch einen Herzschuss getötet.

Der 23-Jährige hinterließ seine gleichaltrige Frau Klara und seinen einjährigen Sohn Wolfgang.

Wolfgang Geibert legt den mit einem gemalten Herz geschmückten Brief seines Vaters beiseite und nimmt ein kleines Stück Birkenrinde, auf das Jakob Geibert einen kleinen Blumenstrauß gemalt und den Satz geschrieben hat: „Liebes Bübelein, alles Gute für deinen weiteren Lebensweg wünscht dir dein Papa!“

Die Lektüre bewegt den 74-jährigen Geibert. Doch er gibt zu, „dass ich mich lange nicht für meinen Vater interessiert habe, weil ich ihn nie kennengelernt habe, und weil ich einen sehr guten Stiefvater hatte, der mich meinen Vater hat vergessen lassen.“

Vier Jahre nach ihrer Kriegshochzeit mit Jakob Geibert heiratete Geiberts Mutter Klara 1946 den Stadtgärtner Willi Heckhoff. 1947 wurde sein Stiefbruder Willi geboren. Die drei waren seine Familie, auch wenn sie Heckhoff hießen und er Geibert.

Das musste er als Schüler während der 1950er Jahre immer wieder erklären, ebenso, wie seine katholische Konfession, mit der er sich von seinen evangelischen Eltern und seinem evangelischen Halbbruder unterschied. Während Eltern und Bruder sonntags zum Gottesdienst ins Haus Jugendgroschen gingen, ging er in die Klosterkirche. Hier feierte er auch 1954 seine erste Heilige Kommunion und 1968 seine Hochzeit mit seiner Frau Monika.

„Du bist so stur, aber auch so kreativ und aufsässig, wie dein gefallener Vater! Außerdem magst du, wie er, Kuchen und Suppe, aber keine Butter auf dem Wurstbrot“, das hat ihm seine Mutter immer wieder mal gesagt. Ein mit Blumen geschmücktes Bild des gefallenen Vaters stand immer in der elterlichen Wohnung. Als seine Mutter im Jahr 1996 verstarb, fand Wolfgang Geibert in ihrem Nachlass eine Mappe mit Unterlagen des im Jahr 1944 umgekommenen Vaters. „Ich habe die Mappe nicht geöffnet, sondern fast 15 Jahre in meinem Schreibtisch ruhen lassen. Erst als ich jetzt umzugsbedingt auf- und ausräumen musste, öffnete ich auch die Mappe meines Vaters und sah seine Feldpostbriefe mit den gereiften Augen des Alters plötzlich in einem neuen Licht“, berichtet Wolfgang Geibert.

Durch den Volksbund Kriegsgräberfürsorge hat er inzwischen erfahren, dass sein Vater seine letzte Ruhe in einem Massengrab südlich von Minsk gefunden hat. Doch bisher hat er die Reise dort hin nicht gewagt. Denn er leidet unter Flugangst, und eine Zugreise würde 36 Stunden dauern.


Dieser Artikel erschien am 11. Mai 2017 in NRZ/WAZ