Mittwoch, 21. Februar 2018

Ein winterlicher Zeitsprung an der Ruhr mit Blick auf den Kahlenberg

Eisschollen auf der Ruhr im Winter 1907/1908
Ein Foto aus dem Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
www.stadtarchiv-mh.de
Immer wieder schön, der Blick von den Saarner Ruhrauen auf den Kahlenberg, heute einmal mit Eisschollen auf der Ruhr und einmal im Sonnenschein.Die historische Aufnahme aus dem Stadtarchiv zeigt die auf 14 Kilometern durch die Stadt fließende Ruhr und den Kahlenberg im Winter 1907/1908. Das Gebäude, das wir am Horizont sehen wurde 1890 als Kahleberg-Restaurant eröffnet. Ab 1952 diente es der Stadt als Jugendherberge. Heute befindet sich dort ein privates und exklusives Wohnquartier mit Ruhrblick.

Damals war Mülheim auf dem Weg zur Großstadt. Im April 1908 sollte der 100.000. Mülheimer das Licht der Welt erblicken. Eisschollen auf der Ruhr waren anno dazumal nichts ungewöhnliches. Wie man in der Lokalpresse nachlesen kann, war die Ruhr auch in den Wintern 1953/54, 1962/63 und 1984/85 zum Teil oder gänzlich zugefroren, so dass die Mülheimer zu Fuß über die Ruhr gehen konnten.

Andere Mülheimer trauten sich auch mit Schlittschuhen oder mit ihren Fahrrädern aufs Ruhreis. Weil das nicht ungefährlich war, behielten Polizisten das winterliche Treiben auf der Ruhr im Blick.
In den extrem kalten Wintern gab es für Mülheimer Schüler auch schon mal kältefrei, vor allem dann, wenn der eisige Frost nicht nur Straßen und Schienen spiegelglatt machte, sondern hier und dort auch Wasser- und Heizungsrohre platzen ließ.

Im Januar 1985 berichtete die NRZ unter anderem darüber, dass die Heizungen im Rathaus zugefroren seien. Und der damalige Oberstadtdirektor Heinz Hager gab bekannt, dass die Stadt 400 000 Mark, das wären heute etwa 200 000 Euro investieren müsse, um die Straßen mit Hilfe von 900 Tonnen Salz und Granulat wieder befahrbar und begehbar zu machen. 80 städtische Mitarbeiter mussten damals insgesamt 13 000 Arbeitsstunden für den Winter- und Räumdienst leisten.

Dieser Text erschien am 19. Februar 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 20. Februar 2018

Wenn Schüler uns was lehren

Wer hätte gedacht, dass es so vergnüglich sein kann, zur Schule zu gehen und das am Wochenende.

Die Musicalaufführung der Saarner Gesamtschüler machte es möglich. Mit Spielfreude, Herzblut, Souveränität und Professionalität brachten sie „Den kleinen Horrorladen“ auf die Bühne
und ihr Publikum zum Lachen.

Die Geschichte, die sie in Szene setzten, war
buchstäblich furchtbar komisch.
Der unscheinbare und schüchterne
Angestellte eines Blumenladens wird über Nacht
zum Star und dann zum Opfer seines
eigenen Erfolges, weil die von
ihm gezüchtete fleischfressende
Pflanze nicht nur Fleisch und Fliegen
zum fressen gerne hat und immer
„mehr, mehr“ haben will, so dass sie am Ende sogar ihren eigenen Schöpfer mit Haut und Haaren
verschlingt.

Und die Moral von der Geschicht: Wer immer mehr haben will, ist nicht ganz dicht und am
Ende ein ganz armer Wicht. Man sieht: Schülern, zumal so kreative, wie an der Gesamtschule
Saarn lernen nicht nur fürs Leben.
Sie können uns alle auch fürs Leben lehren, weil man ja nie auslernt.


Dieser Text erschien am 19. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 19. Februar 2018

Kleine Bühne machte großen Spaß: So unterhaltsam und lebensklug kann das literarische Kabarett sein. Das Ensemble um Volkmar Spira glänzte am Wochenende bei gleich drei Premieren

Gustav an Huef und Justus Cohen auf der Kleinen Bühne
Foto: Walter Schernstein
Intelligente Unterhaltung, die Spaß macht. Das gibt es, zum Beispiel bei der Premiere der Kleinen Bühne, die am Wochenende im Petrikirchenhaus und im Studio 1 über die Bühne ging. Der Titel des 18. Programms „Alles Theater – Spaß und Spötter“, mit dem das Ensemble um Volkmar Spira sein zehnjähriges Bestehen feierte, war Programm. Schon das Ambiente der Aufführungsorte sorgte für Kabarett- und Salon-Atmosphäre. Die überspringende Spiel- und Sprachfreunde der reifen Wortkünstler und der sie begleitenden Musikerinnen Petra Stahringer (Klavier), Bärbel Bucke (Akkordeon) und Ulrike Dommer (Bratsche und Percussion) machten den Abend rund.

Es wäre unmöglich und unangemessen auch nur einen der Darsteller und Rezitatoren hervorzuheben. Christa Böhler, Ursula Bönte, Justus Cohen, Monika Gruber, Günter Johann, Gustav an Huef, Linda Oerter und der hinter den Kulissen wirkende Bühnentechniker und Geräusche-Macher Joachim Oberpeilsteiner lieferten eine überzeugende Mannschaftsleistung ab.
100 Programmminuten vergingen wie im Flug und ohne Durststrecken, weil man den Ensemblemitgliedern die Freude an den gut akzentuiert und schwungvoll vorgetragenen Texten anmerkte. Das ließ den Funken auf das ebenfalls reife Publikum überspringen, so dass sich die Kleine Bühne der großen Lacher und des großen Beifalls ihrer Zuschauer und Zuhörer sicher sein durfte.

Und wie schon bei den vorangegangenen literarisch-kabarettistischen Abenden entließen die Damen und Herrn der Kleine Bühne ihr Publikum lebensklüger, als es gekommen war. 
Denn wer könnte und wollte etwa Rolf Rolfs Einsicht in die Gerüchteküche: „Die Leute glauben die Hälfte und erzählen das Doppelte weiter“, Wener Fincks Bekenntnis: „Die schwierigste Turnübung ist immer noch, sich selbst auf den Arm zu nehmen“ oder Mark Twains Erkenntnis widersprechen: „Die Liebe auf den ersten Blick ist eine weit verbreitete Augenkrankheit. Und die Ehe ist oft, wie eine Burg. Die, die in ihr sind, wollen raus. Und die, die draußen sind, wollen rein.“

Und wer hätte nicht auch schon den Spontispruch; „Paulus schrieb an die Irokesen: Euch schreib ich nicht, lernt erst mal lesen“ bei irgendeiner Gelegenheit im Munde geführt, ohne zu wissen, dass er aus Robert Gernhardt Feder stammt.

Dieser Text erschien am 19. Februar 2018 in NRZ & WAZ

Sonntag, 18. Februar 2018

Überzeugende Premiere am Raffelberg: Authentisch und emotional inszenierte das Junge Theater an der Ruhr Kleists „Die Marquise von O“

Rupert Seidl und Thomas Schweibeeer
in Kleists  "Die Marquise von O"
Foto: Theater an der Ruhr
Was hat uns Heinrich von Kleist mit seiner „Marquise von O“ heute noch zu sagen? Eine Menge. Das  zeigte jetzt die Premiere im Jungen Theater an der Ruhr. Esther Hattenbach (Regie) und Sven Schlötcke (Dramaturgie) machten die Bühne zum Laufsteg. Die Schauspieler traten zum Teil aus dem Publikum heraus auf die Bühne.

Trotz eines minimalistischen Bühnenbildes, das letztlich nur aus einigen Stühlen bestand, sorgten Joanna Kitzi, Gabriella Weber, Nico Ehrenteit, Oliver Kerstan, Thomas Schweiberer und Rupert Seidl mit ihrer überzeugenden Schauspielkunst für eine Emotionalität und eine packende Atmosphäre, der man sich als Zuschauer nicht entziehen konnte und wollte. Der Applaus und die Bravo-Rufe zum guten Schluss waren der konsequente Lohn für den leidenschaftlichen Einsatz auf der Bühne.

Dass die Schauspieler mit ihren Charakteren so authentisch rüberkamen und deren Zerrissenheit zu spüren war, hatte auch mit der gut eingestellten Ton- und Lichttechnik zu tun. Scheinwerfer und Standmikrofone entlang des Bühnenstegs sorgten dafür, dass alle Zuschauer alles und jeden zu jedem Zeitpunkt sehen und hören konnten. Dem Ton- und Lichtteam aus Franz-Josef Dumcius, Gerd Posny, Frederik Loef, Jochen Jahnke und Fritz Dumcius sei Dank.
 Auch die musikalische Begleitung durch Oliver Kerstan zeigte sich als dramaturgischer Gewinn, der die emotionalen Wellenbewegungen der Inszenierung untermalte.

Was das Stück und seine Inszenierung zeitlos aktuell und sehenswert machen, ist die gelungene Darstellung der menschlichen und moralischen Zerrissenheit zwischen dem, was Menschen tatsächlich sind und brauchen und dem, was sie nach außen als Teil der Gesellschaft sein wollen.
Diesem Dilemma zwischen dem sozialen Anspruch und der daraus resultierenden Rolle und den urmenschlichen Sehnsüchten und Bedürfnissen sind wir heute genauso ausgesetzt, wie zu Kleists Zeiten.

Dieser Text erschien am 17. Februar 2018 in NRZ & WAZ

Samstag, 17. Februar 2018

Das nennt man wohl Kapitalismus

Das gestern Aschermittwoch war wusste ich. Das der Aschermittwoch und der Valentinstag 2018 auf einen Tag fallen, war mir aber entfallen- So staunte ich in einem Blumengeschäft über das Meer von roten und teuren Rosen. Der Preisgestaltung schien mir wie die Verkehrung eines Werbespruchs: „Kaufen Sie ein Rose und zahlen Sie einen ganzen Strauß.“  Meines Wissens mussten die Brautpaare, die der Bischof Valentin von Terni im  dritten Jahrhundert gegen das ausdrückliche Verbot des römischen Kaisers nach christlichem Ritus vermählte, für die Blumen, die er ihnen nach der Trauung in seinem Garten pflückte, nichts bezahlen. Sie waren sein Hochzeitsgeschenk an die Liebenden. Der heilige Blumenfreund war eben Priester und kein Geschäftsmann. Auch der Klingelbeutel und die Kirchensteuer waren ihm unbekannt. Statt dessen musste er seinen Ungehorsam gegen das kaiserliche Hochzeitsverbot mit dem Leben bezahlen.

Und aus dieser Tragödie macht die Blumen-Branche im Namen der unbezahlbaren Liebe heute ein gutes Geschäft. Heiliger Valentin, vergib ihnen. Aber es ist eben nicht jeder zum Märtyrer geboren und wir können alle nicht von Luft und Liebe leben. Leider.

Dieser Text erschien am 18. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 16. Februar 2018

Gegen den Muff von 1000 Jahren: 1968 rebellierte auch die Mülheimer Jugend gegen die erstarrten gesellschaftlichen Strukturen - Zeitzeuge Hans Georg Hötger erinnert sich

Hans Georg Hötger bei einer seiner Stadtführungen
50 Jahre ist es her, dass auch an der Ruhr die Jugend „gegen den Muff von 1000 Jahren“ rebellierte. Stadtrat Hans-Georg Hötger, heute beim Bürgerlichen Aufbruch aktiv, erinnert sich noch gut an die Zeit des gesellschaftspolitischen Umbruchs- und Aufbruchs.
„Ich habe damals 27-jährig an der noch neuen Ruhr-Universität in Bochum Geschichte, Germanistik und Soziologie studiert und neben dem Studium als Jungsozialist den SPD-Ortsverein Holthausen aufgemischt“, erinnert sich Hötger an seine Sturm- und Drang-Zeit.

„Mit Ihren langen Haaren kommen Sie nie in den Stadtrat“, sagte ihm damals sein Parteigenosse Hans Meinolf und irrte. Hötger sollte für die SPD in den Stadtrat einziehen und später mit seinen ratsinternen Informationen auch das alternative Stadtmagazin Freie Presse füttern.
Heute unvorstellbar, besetzten damals Jugendliche die zentrale  Innenstadt-Kreuzung, um gegen geplante Fahrpreiserhöhungen für Bus und Bahn zu protestieren. Und wenige Jahre später besetzten sie die zum Abriss freigegebene Paulikirche an der Delle, um ihren Abriss zu verhindern und stattdessen dort ein autonomes Jugendzentrum einzurichten.

Auch wenn die Kirche von der Polizei geräumt und im Oktober 1971 doch abgerissen wurde, zeigte die Aktion, dass die damals junge Generation nicht mehr alles unhinterfragt schlucken wollte, was ihr von der staatlichen, kirchlichen oder politischen Obrigkeit vorgesetzt wurde.

„Der damalige SPD-Vorsitzende und Bundeskanzler Willy Brandt war für mich ein Hoffnungsträger, weil er als ehemaliger Widerstandskämpfer für das bessere Deutschland stand und mehr Demokratie wagen wollte“, erinnert sich Hötger, der bis zu seiner Pensionierung an einer Oberhausener Schule Geschichte und Deutsch unterrichtet hat. Die Gründung von neuen Hoch- und Gesamtschulen sowie die Reform der Ausbildungsförderung, die vielen Arbeiterkindern Abitur und Studium ermöglichten, bleiben für Hötger ebenso Folgen des politischen Aufbruchs von 1968, wie die selbstverständliche Gleichberechtigung der Geschlechter in allen Lebensbereichen und die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe und Lebensstile. „Die 68er haben unsere Gesellschaft farbiger und freier gemacht“, sagt Hötger. Auch die Gründung von Bürgerinitiativen, die sich basisdemokratisch für Bürgerbelange stark machen, sieht Hötger als eine positive Folge „des Demokratisierungsschubes, den die 68er unserer Gesellschaft gebracht haben.“ Dass er Ende der 70er Jahre zum Mitgründer der Grünen und Ende der 90er Jahre zum Mitbegründer der Mülheimer Bürgerinitiativen MBI wurde und sich heute im Bürgerlichen Aufbruch engagiert, sieht Hötger als seinen konsequenten Marsch durch die Institutionen.

„Ich finde es schade, dass sich heute viele Jugendliche mehr für ihr Smartphone als für unsere Demokratie interessieren, die auch heute wieder einen Reformschub, wie 1968 gut gebrauchen könnte“ , sagt der Alt-68er. Die Direktwahl des Bundespräsidenten, Bürgerbegehren und Bürgerentscheide auf allen staatlichen Ebenen oder ein breiter gesellschaftspolitischer Diskurs über die kulturelle Identität unseres inzwischen multikulturell gewordenen Landes und die inhaltliche und demokratische Gestaltung unserer Massenmedien wären aus Hötgers Sicht Grund genug politisch aktiv zu werden und die Wahlbeteiligungn wieder steigen zu lassen. 

Dieser Text erschien am 16. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 15. Februar 2018

Bloß nicht in Sack und Asche gehen

Nein. Es ist nicht alles vorbei am Aschermittwoch, auch wenn uns das ein Karnevalsschlager weismachen will. Gut der Hoppeditz ist beerdigt und die Tollitäten mussten abdanken. Aber machen wir uns nichts vor. Nach dem Aschermittwoch ist ja im Grunde schon wieder vor dem Elften im Elften. Eines ist gewiss. Die Narretei geht weiter, auch wenn der Karneval vorbei ist. Also feiern wir weiter das Leben und gehen nicht in Sack und Asche, auch wenn uns der Aschermittwoch zurecht daran erinnert, dass unser Leib dereinst zur Asche wird. Das sollte unsere unsterbliche Seele aber nicht betrüben und uns auch zwischen Aschermittwoch und dem 11.11. nicht daran hindern, uns des Lebens zu freuen.

Denn es gibt immer wieder Lichtblicke. Einer davon begegnete mir gestern an der Schloßstraße, wo ein italienische Eiscafé nach seiner Winterpause wieder eröffnet hat. Wenn dieser Hauch von Bella Italia kein Grund ist, um schon mal in ersten Frühlingsgefühlen zu schwelgen. Jetzt kommen Sie mir bloß nicht damit, dass heute die Fastenzeit beginnt. Als rheinisch-römisch-katholischer Christ weiß ich: Der nächste Sonntag kommt schon bald und mit ihm die Auszeit von der Fastenzeit. Also haben wir keinen Grund, uns zu grämen, ob mit oder ohne Eis mit Sahne.

Dieser Text erschien am 14. Februar 2018 in der Neuen Rihr Zeitung