Donnerstag, 17. Dezember 2009

Fifty Fifty: Wie die Gesamtschulen für einen ausgewogenen Schüler-Mix sorgen

Auch 27 Jahren, nachdem die Gesamtschule Regelschule geworden ist, bleibt sie ein Politikum. Behrend Heeren, Leiter der Styrumer Willy-Brandt-Schule, kennt als Sprecher der Gesamtschulleiter im Regierungsbezirk Fälle aus Bonn und Düsseldorf, in denen Eltern die Errichtung einer neuen Gesamtschule vor Gericht erstreiten oder, wie jetzt in Düsseldorf geschehen, sich gegen die Reduzierung der Klassen an zwei Gesamtschulen wehren mussten.
In beiden Fällen haben die Gesamtschulbefürworter die Oberhand behalten. In Bonn gewannen sie vor Gericht. In Düsseldorf hat die CDU-Ratsfraktion ihren Antrag zurückgezogen, zwei Gesamtschulen um jeweils zwei Klassenzüge zu reduzieren. Ihr Ansinnen hatten die Mehrheitsfraktionen CDU und FDP mit dem Argument begründet, an diesen Gesamtschulen würden zu viele Kinder angemeldet, die eigentlich eine Hauptschulempfehlung mit auf den Weg bekommen hätten.

Für die Mülheimer CDU betont deren Parteichef Andreas Schmidt: „Für uns stehen die Gesamtschulen nicht zur Disposition. Wir sind aber gegen eine flächendeckende Einführung von Gesamtschulen. Wir treten für ein gegliedertes Schulsystem ein, zu dem neben der Gesamtschule auch das Gymnasium sowie Haupt- und Realschulen gehören.”
Wie sieht es in Mülheim aus, das mit der Gustav-Heinemann-Schule (gegründet 1970), der Gesamtschule Saarn (gegründet 1982) und der Willy-Brandt-Schule (gegründet 1986) drei Gesamtschulen hat.

Gustav-Heinemann-Schulleiterin Christa van Berend und ihr Styrumer Kollege Heeren machen deutlich, dass man inzwischen vom klassischen Gesamtschulmix, jeweils ein Drittel Schüler mit Gymnasial- Real- und Hauptschulempfehlung aufzunehmen abgekommen ist. Dabei machen beide Schulleitungen nicht die Schulformempfehlung der Grundschulen, sondern den Notendurchschnitt zur Grundlage ihrer Entscheidung darüber, ob sie einen Schüler aufnehmen oder nicht.


An beiden Gesamtschulen gilt die Faustregel: 50 Prozent der aufgenommenen Schüler bewegen sich in einem Notendurchschnitt von sehr gut bis befriedigend, sind also potenzielle Kandidaten fürs Gymnasium oder die Realschule. Die andere Hälfte der aufgenommenen Schüler hat einen Notendurchschnitt von befriedigend und schlechter, ist also eher ein Kandidat mit eigeschränkter Gymnasial- oder Real- und Hauptschulempfehlung. Heeren schätzt, dass etwa zehn Prozent der Grundschulabgänger, die an seiner Schule aufgenommen werden eine Hauptschulempfehlung haben. Van Berend schätzt, dass der Anteil der aufgenommenen Kinder mit Hauptschulempfehlung bei 15 Prozent und der Kinder mit einer Gymnasialempfehlung zwischen 20 und 30 Prozent liegt.

Beide Schulen haben das gleiche Problem. Sie haben mehr Anmeldungen als Plätze. Die siebenzügige Gustav-Heinemann-Schule kann jährlich 200 Schüler aufnehmen und muss weitere 100 abweisen. Die vierzügige Willy-Brandt-Schule kann pro Jahr 116 Schüler aufnehmen und muss 60 bis 70 Anmeldewünsche abschlägig entscheiden.
Heeren macht keinen Hehl daraus, dass er die Schulformempfehlungen der Grundschulen für wenig aussagekräftig hält, weil sie erstens zu früh, nämlich Mitte der vierten Klasse, ausgesprochen werden und zweitens zu sehr von der jeweiligen Lehrer-Eltern-Konstellation abhängig seien.

Wie entwickeln sich die Schüler an der Gesamtschule? Heeren und van Berend verweisen darauf, dass der Anteil der Schüler, die am Ende das Abitur machen, weit größer ist als der Anteil der Schüler mit einer Gymnasialempfehlung. An der Gustav-Heinemann-Schule schaffen derzeit 100 von 200 aufgenommenen Schülern eines Jahrgangs den Sprung in die gymnasiale Oberstufe. Davon machen am Ende dann etwa 70 das Abitur. An der Willy-Brandt-Schule gelingt das zwischen 45 und 55 Prozent der in der Klasse Fünf aufgenommen Schüler. 80 Prozent nehmen die Möglichkeit auch wahr.

Den Anteil der Schüler, die die gymnasiale Oberstufe mit dem Abitur beenden, schätzt Heeren auf 60 bis 70 Prozent, während die anderen 30 Prozent mit Fachabitur abgehen. Als bemerkenswert sieht Heeren die Ergebnisse einer landesweiten Erhebung, wonach 70 Prozent der Gesamtschulabiturienten ursprünglich keine Gymnasialempfehlung gehabt haben. Vor diesem Hintergrund begrüßt van Berend ausdrücklich das Zentralabitur, weil damit die Diskussion für die fehlende Vergleichbarkeit des gymnasialen und des gesamtschulischen Abiturs beendet worden sei.

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