Mittwoch, 30. Dezember 2009

Die Rente ist nur selten ein sanftes Ruhekissen: Erfahrungen aus der Beratungspraxis des Sozialverbandes VDK


Ruhestand. Das hört sich gemütlich und wohlhabend an. Wer die sozialpolitische Diskussion verfolgt, hört zuweilen einen Hauch von Generationenkonflikt heraus. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund von demografischem Wandel und Wirtschaftskrise fragen viele Kritiker: Haben jüngere Menschen heute nicht ein höheres Armutsrisiko als Ältere? Können wir uns noch Rentenerhöhungen leisten und Rentenkürzungen für die Zukunft ausschließen?

Birgitt Zaplata, Sozialberaterin beim Mülheimer Sozialverband VdK spürt angesichts der für den Herbst in Aussicht gestellten Steuerkontrollen eine große Verunsicherung: „Viele haben es einfach als gegeben hingenommen, dass Rentner nicht besteuert wurden und haben es bisher noch gar nicht wahrgenommen, dass sie bereits seit 2005 steuerpflichtig sind. Jetzt haben viele Rentner Angst, kriminalisiert und als Verbrecher dargestellt zu werden", weiß die Sozialberaterin aus 25 bis 30 Gesprächen, die sie derzeit an jedem Beratungstag in der VdK-Geschäftsstelle an der Ruhrstraße allein zu diesem Thema führen muss. „Viele wollen mit uns über Politik diskutieren. Doch das dürfen wir ebenso wenig, wie Rat in Steuerfragen geben. Ich darf nur in sozialgerichtlichen Fragen Auskunft geben", betont Zaplata. Deshalb weist sie in diesem Fall auf den Lohnsteuerhilfeverein in Oberhausen hin, der mit dem VDK kooperiert.

Wenn die 57-jährrige Sozialberaterin montags und dienstags (9-12 Uhr) und donnerstags (14-16 Uhr) in den VDK-Räumen an der Ruhrstraße 9 zur Sprechstunde bittet, stellt sie immer wieder fest, dass auch die ratsuchenden Rentner weder finanziell noch gesundheitlich auf Rosen gebettet sind. Es geht um die Zahlung von Pflegegeld, um die Berechnung von Rentenansprüchen oder um Beihilfen zur Finanzierung von Hilfsmitteln. Immer wieder stellt Zaplata fest, dass alle Sozialleistungen, von denen nicht nur Rentner profitieren können, zunehmend restriktiv vergeben werden. „Schwerbehindertenausweise mit dem Stempel AG für außergewöhnlich gehbehindert, bekommen heute nur noch Rollstuhlfahrer. Und viele Schwerbehindertenausweise werden heute, etwa nach einem Herzinfarkt oder einer Hüftoperation nur noch auf Zeit vergeben", schildert sie die Leistungsrationierung.

Beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen, der über die Gewährung von Pflegegeld entscheidet, vermisst Zaplata „manchmal das Fingerspitzengefühl, weil gerade hochbetagte Senioren aus Scham ihre Schwächen nicht preisgeben wollen." Auf der anderen Seite stößt sie bei Anträgen auf Pflegegeld auch immer wieder auf ein Missverständnis bei den Senioren: „Viele sagen: Ich kann jetzt nicht mehr Treppe und Fenster putzen und wollen partout nicht einsehen, dass nur Dienstleistungen der Grundversorgung, wie Waschen, beim Aufstehen helfen oder anziehen als Pflegeleistungen gelten." Zaplata schätzt, dass etwa 60 von 80 Klienten, die sie an einem ihrer drei Beratungstage aufsuchen, im Rentenalter sind. Das deckt sich mit den Erkenntnissen des VdK-Vorsitzenden Dietmar Schmidt.

Er schätzt das 80 Prozent der etwa 3500 Mitglieder seines Kreisverbandes im Rentenalter sind. Dabei weist er darauf hin, dass die Zahl der Frührentner gestiegen ist, die nicht nur aus körperlichen, sondern auch aus psychischen Gründen (Stichwort: Mobbing und Burn out) aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Wohlhabende Rentner trifft Schmidt im VDK nur selten. „Etwa zehn Prozent kommen mit ihrer Rente gut aus. Die anderen müssen an allen Ecken und Enden knapsen", sagt er. Eine monatliche Durchschnittsrente von 1000 Euro (bei den Männern) und 500 Euro (bei den Frauen) sei der Regelfall. „Hinzu kommt, dass viele Frauen der heutigen Rentnergeneration nur sehr begrenzt berufstätig waren und sich vor allem um Kinder und Familie gekümmert haben. Wenn ihr Ehepartner stirbt, erhalten sie nur 55 Prozent seiner Bezüge als Hinterbliebenenrente", betont Zaplata. VdK-Chef Schmidt hat bei den meisten Rentnern in seinem Verband seit der Euro-Einführung einen Kaufkraftverlust festgestellt.

„Die meisten kaufen beim Discounter ein. Und manche können sich noch nicht mal ein Taschengeld oder ein Geschenk für die Enkel leisten", berichtet er. „Die Politik sollte nicht immer unten ansetzten. Die Finanzierungsspirale in unserer Gesellschaft muss auch mal von oben nach unten gehen", findet der ehemalige Betriebsrat Schmidt mit Blick auf die Rentenbesteuerung. Er räumt aber auch ein: „Wer heute seine Rente hat, der hat sie Gott sei Dank. Ob das auch für künftige Rentnergenerationen gelten wird, weiß ich nicht. Doch für sie sehe ich eher schwarz."

Weitere Informationen zum Freizeit und Beratungsangebot des Mülheimer Sozialverbandes VdK finden Sie im Internet unter: www.vdk.de/kv-muelheim-ruhr

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