Donnerstag, 30. Juli 2009

Lokal kolorierte Betrachtungen zum Ende einer Dienstfahrt

Haben Sie einen Dienstwagen? Nein? Nun, dann geht es wohl auch für Sie phasenweise nur langsam und beschwerlich voran. An einem Tag voller Termine wünscht man sich als notorischer Bus- und Bahnfahrer oder erst recht als Fußgänger schon mal einen Dienstwagen, um schneller und bequemer an sein Ziel zu kommen. Doch würde jedermann bei seinem Arbeitgeber mit Blick auf dienstlichen Termine einen Dienstwagen beantragen, müsste der eine oder andere Angestellte krisengeschüttelter Branchen wohl reichlich Fersengeld geben.

Damit könnte es einem aber immer noch besser gehen als Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, der jetzt die Sackgasse droht. Dabei hat sie es als Spitzenpolitikerin ohnehin nicht leicht. Immer dienstlich unterwegs, auch im Urlaub, wenn sie zum Beispiel im sonnigen Spanien einen Vortrag zum Thema Rente und Pflegeversicherung halten muss.

Was ist da schon eine Straßenbahn- oder Busfahrt nach Speldorf, Dümpten oder Broich? Als Ministerin mit dem Heimatort Aachen, dem Dienstsitz Berlin und einem dienstbaren Urlaubsort in Spanien kann man nur in Fahrt und zeitig ans Ziel kommen, wenn man einen Dienstwagen und am besten auch noch einen Fahrer hat, der verhindert, dass eine Ministerin versehentlich sogar in eine falsche Richtung steuert.

Doch genau das ist Ulla Schmidt jetzt passiert, weil sie auch im Urlaub weder auf dienstliche Termine noch auf Dienstwagen und Fahrer verzichten wollte. Da haben es unsere Oberbürgermeisterin und die Mitglieder des Verwaltungsvorstandes schon einfacher. Auch sie haben einen Dienstwagen. Doch anders als Ulla Schmidt sind die leitenden Angestellten der Stadt zumindest mit ihrem Dienstwagen nur lokal oder reginal unterwegs. Das begrenzt die potenzielle Zahl der Irrwege und die Fahrtkosten für den Steuerzahler.

Der nimmt es dankend zur Kenntnis und wünscht sich von den Spitzenleuten in Stadt und Land, dass sie unser Gemeinwesen, ob nun mit oder ohne Dienstwagen, nicht in eine Sackgasse oder gar gegen die Wand, sondern in die richtige Richtung steuern. Andernfalls müssten die Wähler, die in der Regel ohne Dienstwagen und Fahrer an ihr Ziel kommen, die Notbremse ziehen und ihnen den Laufpass geben.

Wie hält es die Stadt mit ihren Dienstwagen?



Wir wissen nicht, wo Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und ihre Beigeordneten Helga Sander und Peter Vermeulen Urlaub machen oder gemacht haben? Wir wissen nur eines. Sie haben, wie alle Mitglieder des Verwaltungsvorstandes, von Amts wegen einen Dienstwagen. Die OB hat sogar einen eigenen Fahrer. Beigeordnete oder Bürgermeister können bei Bedarf auf einen weiteren Fahrer zurückgreifen, der sie zu wichtigen Dienstgeschäften chaufiert und damit dafür sorgt, dass sie während ihrer Dienstfahrt die Hände frei haben, um sich zum Beispiel durch Aktenstudium auf einen wichtigen Termin vorzubereiten.

Vier Audi- und zwei BMW-Limousinen sorgen dafür, dass die leitenden Angestellten der Stadt dienstlich schnell und bequem an ihr Ziel gelangen.

Angesichts der aktuellen Dienstwagen-Affäre um Bundesgesundheitsministerin Ursula Schmidt, sind sich Mühlenfeld, Sander und Vermeulen einig: Mit Dienstwagen und Fahrer in den Urlaub? Das käme für sie nicht in Frage. Bei allen privaten Fahrten greifen sie lieber auf ihre privaten Fahrzeuge zurück, obwohl die dienstliche und private Nutzung eines Dienstfahrzeuges Teil ihres Gehaltes ist, den sie als geldwerten Vorteil versteuern müssen. "Das macht bei mir monatlich pauschal etwa 400 Euro aus", sagt Kulturdezernent Peter Vermeulen. Er und seine für die Bereiche Bauern, Planen und Umwelt zuständige Kollegin Sander versteuern den geldwerten Vorteil ihres Dienstfahrzeuges, das sie selbst fahren, pauschal mit monatlich etwa einem Prozent des Listenpreises, den ihr Dienstfahrzeug im Inland erzielen würde. Hinzu kommen noch einmal 0,03 Prozent dieses Listenpreises für jeden Kilometer, den sie auf ihrem Dienstweg zwischen Wohn- und Dienstort zurücklegen. Fahrtenbücher müssen OB und Beigeordnete also nicht führen. Vermeulen, der in Krefeld wohnt und in Mülheim arbeitet, schätzt, dass er in seinem Dienstwagen pro Jahr etwa 20 000 Kilometer im Dienste der Stadt zurücklegt. Hinzu kommen noch einmal etwa 10 000 Kilometer, die er als Berufspendler zwischen Niedrrhein und Ruhrgebietfährt, aber als private Fahrten rechnet. Seine Kollegin Sander bringt es mit ihrem Dienstwagen pro Jahr auf geschätzte 15 000 gefahrene Kilometer. Dabei geht sie davon aus, dass 13 000 Kilometer rein dienstlich zurückgelegt werden.

Als Grüne legt Umweltdezernentin Sander aber auch Wert auf einen umweltfreundlichen Verkehrsmix. Bei kurzen Fahrten vom Technischen Rathaus zum provisorischen Rathaus im Thyssen-Schachtbau-Haus an der Ruhrstraße nutzt sie eines von sieben städtischen Diensträdern. Hat sie einen Termin in einem Düsseldorfer Landesministerium, das mit dem Nahverkehr gut zu erreichen ist, nutzt sie ein Firmenticket der Stadtverwaltung, um mit Zug, Bahn und Bus dort hinzufahren. Nur wenn sie in der Region unterwegs und ihr Ziel nur schwer mit dem öffentlichen Personennahverkehr zu erreichen ist, greift sie gerne auf ihren Dienstwagen zurück.

Obwohl OB Mühlenfeld, anders als die Beigeordneten, das Recht hat von einem Fahrer chaufiert zu werden, nutzt sie dieses Recht nur während ihrer offiziellen Dienstzeit. Bei dienstlichen Terminen am späteren Abend oder an Wochenenden, gönnt sie ihrem Fahrer seinen Feierabend und setzt sich selbst an das Steuer ihres Dienstwagens.

Neben den Dienstwagen der Stadtspitze gibt es auch noch die sogenannten Paublic Cars, die die Paritätische Initiative für Arbeit (Pia) den städtischen Ämtern, bei Bedarf, als Dienstfahrzeuge auf Zeit zur Verfügung stellt. Nach Angaben der Pia nutzen neun Ämter derzeit insgesamt 25 Public Cars, von denen sieben mit Erdgas betankt und drei von sogenannten Kombi-Nutzern gefahren werden. Letztere sind städtische Mitarbeiter, die ihr Public Car dienstlich und privat nutzen, wobei die private Nutzung ihres Dienstfahrzeuges auch von ihnen privat bezahlt wird. Die 25 Pia-Public Cars, die allein 2008 insgesamt rund 80 000 Kilometer im Dienste der Stadt zurückgelegt haben, werden mit der Pia in Form von Monats,- Kilometer- oder Stundenpauschalen abgerechnet. So zahlt ein Amt für die Nutzung eines Public-Cars eine monatliche Pauschale von 250 bis 300 Euro. Hinzu kommen 25 bis 30 Cent pro gefahrenem Kilometer. In neu abgeschlossenen Verträgen bietet die Pia auch Stundenpauschalen an. In diesem Fall zahlt ein Amt zwischen 1,50 Eur und 1,80 pro gefahrener Stunde, zuzüglich 16 Cent für jedenen gefahrenen Kilometer. Kombi-Nutzer müssen für die private Nutzung ihres dienstlichen Public Cars an die Pia eine Monatspauschale von 80 Euro, zuzüglich 25 Cent für jeden privat gefahrenen Kilometer zahlen.

Dienstag, 28. Juli 2009

Vor der Bundestagswahl: Was Bürger von der Politik erwarten?



Noch zwei Monate bis zur Bundestagswahl. Die IG Metall hat von April bis Juni 451 000 Bürger, die zum größten Teil in der Metallbranche beschäftigt sind, dazu befragt, was sie sozial- und wirtschaftspolitisch vom nächsten Bundestag erwarten. An der bisher größten Umfrage einer deutschen Gewerkschaft, die Anfang Juli vorgestellt wurde, beteiligten sich allein in Mülheim 3122 Menschen. Mit einer Zustimmungsquote von jeweils deutlich über 70 und 80 Prozent wurden dabei folgende Forderungen an die Politik formuliert:

Rücknahme der Rente mit 67 Jahren, Einführung von Mindestlöhnen, Faire Regeln für Leiharbeit, Eine neue Rentenversicherung, in die auch Beamte und Selbstständige einzahlen, Verbesserung der Kinderbetreuung, Mehr Personal und bessere Ausstattung für Kindergärten, Schulen und Hochschulen, Unternehmen sollen für die qualifizierte Ausbildung in die Pflicht genommen werden, Stärkung der Betriebsräte und der Arbeitnehmerrechte

Die IG-Metall wird ihre durch die Befragung untermauerten Forderungen allen Mitgliedern des Bundestages zusenden. Ich fragte bei den drei Mülheimer Bundestagsabgeordneten nach: Wie bewerten Sie diese Forderungen inhaltlich? Welches Gewicht hat diese Umfrage für Sie und werden Sie darauf reagieren?


Sozialdemokrat Anton Schaaf weist darauf hin, dass sich die Forderungen der Metaller-Umfrage bereits im Wahlprogramm der SPD wiederfinden. Die Rente ab 67 habe die SPD zwar mitgetragen, aber auch mit einem Überprüfungsvorbehalt versehen, der 2010 greifen werde. Als "Gewerkschafter mit Leib und Seele" sieht Verdi-Mitglied Schaaf, der vor seinem Einzug in den Bundestag Betriebsratschef der MEG war, als SPD-Abgeordneter die Forderungen der IG-Metall-Umfrage als "einen wichtigen Wahlprüfstein." Mit der Forderung nach einem Mindestlohn läuft die IG Metall bei Schaaf offene Türen ein. Ob er eingeführt werden kann, ist für ihn eine Frage der politischen Mehrheiten. Auch bei der fairen Entlohnung von Leiharbeitern muss der Bund, so Schaaf, "in der nächsten Wahlperiode als Gesetzgeber Maßstäbe setzen."


Ebenso, wie Schaaf, nehmen seine Kollegen Andreas Schmidt (CDU) und Ulrike Flach (FDP) die Metaller-Umfrage als Wahlprüfstein ernst und zeigen sich gesprächsbereit. "Hinter diese Umfrage stehen über 400 000 Leistungsträger", betont Schmidt.
Flach verweist dagegen auf ähnliche Umfragen von Unternehmerverbänden, die zu anderen Aussagen kommen. "Ich vertrete als Abgeordnete alle Deutschen und muss deshalb die verschiedenen Wahlprüfsteine vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Interessen gegeneinander abwägen", sagt Flach. Wie Schmidt lehnt sie einen gesetzlichen Mindestlohn ab. Dieser werde vor allem Kleinverdiener und Geringqualifizierte treffen und tausende von Arbeitsplätzen vernichten. Das will Schaaf mit Blick auf das wachsende Lohndumping in Deutschland und den funktionierenden Mindestlohnregelungen in Großbritannien und Frankreich nicht gelten lassen.


Statt für Mindestlohn plädieren Schmidt und Flach für Kombilohn und Bürgergeld, die das Einkommen von Geringverdienern aufstocken. "Das ist auf jeden Fall besser, als Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe", ist Schmidt überzeugt. Bei der Anhebung der unteren Lohngruppen sieht er die Gewerkschaften als Tarifpartner gefordert.
Ebenso wie die Mehrheit der von der IG Metall Befragten sehen Mülheims MdBs einen Nachholbedarf bei Investionen in Bildung, Ausbildung und bessere Kinderbetreuung. Schaaf verweist auf die milliardenschweren Finanzspritzen, die der Bund in der rot-grünen Regierungszeit den Ländern für die Betreuung der Unter-Drei-Jährigen und den Aufbau einer Ganztagsschulbetreuung gegeben habe. In NRW sieht er einen viel zu schleppenden Ausbau der Betreuungsangebote für Unter-Dreijährige. "Wir sind Schlusslicht in Europa", bedauert Schmidt mit Blick auf die Kinderbetreuung und wünscht sich vor allem mehr Betriebskindergärten. Ob Deutschland künftig genug Fachkräfte haben wird, hängt für den CDU-Abgeordneten vor allem davon ab, ob Unternehmen mehr als bisher in Ausbildung junger Leute und in Kinderbetreuung investieren, um damit die Familiengründung wieder zu erleichtern. Mehr Geld für Bildung und Forschung, mehr Tagesmütter und gebührenfreie Kindergärten wären für die Ulrike Flach gut angelegte Zukunftsinvestionen. Doch als Haushaltspolitikerin warnt sie auch vor einer Überschuldung und sagt: "Wir müssen genau überlegen, was wir uns leisten können."


Nicht nur bei den Themen Kinderbetreuung und Ausbildung glaubt Schmidt, dass die Gesetzgebung allein nicht zum Erfolg führen kann. "Nicht nur im Wahlkampf muss man den Dialog suchen, ohne dem anderen nach dem Mund zu reden, und Überzeugungsarbeit leisten", betont Andreas Schmidt Skeptisch sieht er allerdings die in der IG-Metall-Umfrage angemahnte Reform der Rentenversicherung: "Wenn mehr Menschen einzahlen, haben auch mehr Menschen Leistungsansprüche. Das könnte ein Nullsummenspiel werden. Neben der gesetzlichen Rente wird private Vorsorge immer wichtiger werden," glaubt er.

Samstag, 25. Juli 2009

Tierische Randbetrachtungen des Kulinarischen Treffs an der Ruhr



An der Ruhr ist es schön grün. Das wissen Spaziergänger auf zwei und auf vier Beinen zu schätzen. Die einen genießen die frische Luft und die Aussicht ins Grüne. Die anderen genießen den Auslauf 8und die Gelegenheit, ihr Bein zu heben, um damit ihr Revier zu markieren. Doch die Gassigeher und Ruhrläufer erleben in diesen Tagen einer Überraschung in ihrem Spazierrevier. Denn dort schießen jetzt die weißen Zelte des Kulinarischen Treffs, wie Pilze aus dem Boden.


An der frischen Luft und mit Ausblick ins Grüne schmeckt es ja bekanntlich am besten. Damit das auch so bleibt, haben die Veranstalter auf den grünen Gourmetinseln an der Ruhr Verbotsschilder mit roter Umrandung und diagonalem Verbotsbalken angebracht. So etwas kennt man eigentlich nur als Autofahrer im Straßenverkehr. "Keine Durchfahrt" oder: "Halteverbot" signalisieren solche Schilder. Doch hinter dem diagonalen Balken dieser roten Verbotsschilder erkennen Frauchen, Herrchen, Pfiffi, Waldi und Co einen Vierbeiner in eindeutiger Haltung.


Hier geht es also um die Wurst, Pardon, natürlich nicht die Wurst auf dem Grill, sondern die, die unsere Vierbeiner hier bitte nicht mehr hinterlassen sollen, zumindest so lange, wie es hier auf den grünen Gourmetinseln beim Kulinarischen Treff um weit mehr geht, als um die Wurst, über die so mancher Feinschmecker die Nase fast so rümpfen mag, wie über Waldis Markierung im Grünen. Was würden wohl unsere Vierbeiner zur hundefreien Zone beim Kulinarischen Treff an der Ruhr sagen, wenn sie gefragt würden?


Sicher fänden sie diese Ausgrenzung von allen kulinarischen Genüssen hundsgemein und würden sich vielleicht sogar als armes Würstchen fühlen. Doch, liebe Vierbeiner, Ihr wisst ja: Alles hat ein Ende, auch der Kulinarische Treff an der Ruhr. Nur die Wurst hat zwei. Und die haben Frauchen oder Herrchen sicher schon bald für euch parat, ob daheim oder auf der nächsten gourmetfreien Hundewiese.

Ein Tischgespräch beim Kulinarischen Treff an der Ruhr


Zum Auftakt des Kulinarischen Treffs an der Ruhr sprach ich mit dem Koch und Gastronomen Jörg Thon (Foto) über sein ganz persönliches Küchenlatein.


Warum sind Sie Koch geworden?
Ich habe eigentlich immer schon gerne gekocht und meiner Mutter in der Küche geholfen, weil ich es einfach interessant fand, mit Lebensmitteln umzugehen. Auch ein technischer Beruf hätte mich durchaus gereizt. In der Werkstatt des elterlichen Betriebs habe ich oft an Autos herum gebastelt. Aber in der Küche war es dann doch wärmer und gemütlicher, so dass mit 16 bei mir die Idee reifte, das Kochen zum Beruf zu machen.

Gab es in der damaligen DDR für einen Koch Engpässe in der Lebensmittelversorgung?
Ja, sicherlich. Die Banane ist ja legendär. Auch ein Rinderfilet war schon ganz schwierig zu bekommen. Wir hatten alles, was die Saison an Obst und Gemüse hergab. Aber exotische Früchte, waren sehr schwierig zu besorgen. Als ich dann nach der Wende hierhin kam und als Koch im Tannenhof arbeitete, lernte ich plötzlich Salatsorten kennen, wie etwa den Lollo Rosso, die ich vorher noch nie gesehen hatte.


Warum essen immer mehr Menschen Fast Food und begeistern sich gleichzeitig für Kochshows?
Es ist einfach eine Zeitfrage. Das normale Tagesgeschäft nimmt viele Leute heute so in Anspruch, dass sie sich einfach nicht mehr die Zeit nehmen, um sich an den Herd zu stellen und zu kochen. Natürlich machen es die Fast-Food-Ketten den Menschen auch sehr leicht. Viele Eltern haben bereits als Kinder Fast Food kennen gelernt und nehmen jetzt auch ihre eigenen Kinder wieder dorthin mit. Aber es gibt inzwischen auch eine Gegenbewegung unter dem Stichwort Slow Food. Doch die hat es schwer, sich durchzusetzen. Aber es gibt auf jeden Fall eine Sehnsucht nach gutem Essen und deshalb wird es bei uns das gemeinsame Kochen und Essen eine Renaissance erleben, weil die Menschen auch bei uns, wie in Frankreich oder Italien ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass man sich damit auch selbst verwöhnen kann.
Verwenden Sie in Ihrer Küche auch Convenience- und Fertigprodukte?
Natürlich verwende ich auch Convenience-Produkte zum Beispiel in Form von tiefgefrorenem Gemüse. Das lässt sich in der Gastronomie nicht immer ganz vermeiden. Aber was bei uns nicht in den Topf und auf den Tisch kommt, sind Geschmacksverstärker, die den natürlichen Geschmack beeinträchtigen und auch nicht gerade gesundheitsförderlich sind.


Wo kaufen Sie ihre Lebensmittel ein? Käme auch ein Discounter für Sie in Frage?
Unsere Eier und Kartoffeln kommen zum Beispiel von einem Bauernhof in Kettwig. Fleisch und Wurst beziehen wir natürlich bei Metzgern aus der Region und alles andere kommt vom Großmarkt. Ich gehe aber davon aus, dass Obst und Gemüse beim Discounter, wenn es denn richtig ausgezeichnet und das Herkunftsland erkennbar ist, genauso gut ist, wie Obst und Gemüse vom Bauern oder vom Großmarkt.

Wo hört bei Ihnen der gute Geschmack auf? Wann ist der Ofen aus?
Man kann zwar viele Lebensmittel miteinander kombinieren, aber nicht alle. Als ich letztens in einer Kochsendung ein Schmitzel mit einer Backpflaumensoße sah, war das ein Punkt, an dem für mich der gute Geschmack endete. Lebensmittel sollten schon zueinander passen. Beruflich gesehen ist bei mir der Ofen aus, wenn in der Küche nicht alles sauber und aufgeräumt an seinem Platz ist. Unordnung mag ich gar nicht.

Kocht und isst man noch gerne, wenn man den ganzen Tag beruflich mit Lebensmitteln umgehen muss?
Doch ich esse und koche auch zu Hause gerne. Der Pfälzer Saumagen, den wir beim Kulinarischen Treff anbieten, ist auch mein persönliches Lieblingsgericht. Da freue ich mich drauf, etwa auf die Gewürze und Kartoffeln darin. Das erinnert mich auch an die thüringische Küche, die sehr viel stärker, als etwa in Nordrhein-Westfalen mit Gewürzen und Kräutern arbeitet. Wenn ich meine Mutter in Thüringen besuche, wird natürlich gegrillt und eine echte Thüringer Rostbratwurst gegessen. Ich mag aber auch eine gute Rinderrolade oder ein Schnitzel.


Was kann ein Hobbykoch vom Profi lernen?
In der eigenen Küche arbeiten die meisten Leute oft nur mit Pfeffer, Salz und Paprika, ohne die zahlreichen Kräuter zu nutzen, die schmackhafter und gesünder sind, als wenn man zu viel Kochsalz verwendet. Entscheidend beim Kochen ist aber auch die Organisation und Warenhaltung. Lebensmittel sollten möglichst frisch eingekauft und zeitnah verarbeitet werden. Oft stimmt zu Hause einfach die Kalkulation nicht, so dass am Ende zu viele Lebensmittel eingekauft worden sind. Ein weiterer Fehler, der Hobbyköchen immer wieder unterläuft, ist die Tasache, dass Lebensmittel zu lange erhitzt werden.


Können Sie aus Ihrer Erfahrung beim Kulinarischen Treff bestätigen, dass es Menschen draußen besser schmeckt?
Es ist so. Frische Luft macht hungrig. Bei der letzten Veranstaltung habe ich immer wieder feststellen können, dass die Menschen gerne mal hier und dort probieren und tendenziell mehr essen, als bei einem Restaurantbesuch.

Zur Person


Jörg Thon wurde vor 40 Jahren im thüringischen Gera geboren. Seit Anfang der 90er Jahre lebt der gelernte Koch mit seiner Frau Janet in Mülheim. Hier arbeitete er zunächst im Speldorfer Tannenhof, ehe er 1993 als Gastronom die Leitung des Ratskellers übernahm. Seit April 2009 führen die Thons auch den Bürgergarten an der Aktienstraße. Wenn der Vater einer achtjährigen Tochter beruflich nicht gerade hinter dem Herd steht, pflegt er seinen Kräutergarten oder nimmt sich Zeit für eine Spritztour mit seinem Motorrad. "Letzteres passiert aber viel zu selten", findet Thon. T.E.

Freitag, 24. Juli 2009

Als die Innenstadt wieder aufgebaut wurde und ein neues Gesicht bekam


"Mülheim wird nie eine Einkaufsstadt, wie seine Nachbarstädte werden können. Deshalb ist die Planung viel zu großzügig angelegt." Dieser Satz könnte gestern gesagt worden sein, etwa in der Diskussion über Ruhrbania und die Ruhrpromenade oder mit Blick auf die Verkehrsführung in der Innenstadt. Tatsächlich ist er aber schon 60 Jahre alt. Mit diesen Worten lehnte der FDP-Stadtverordnete Wilhelm Dörnhaus am 22. Juli 1949 die von der Verwaltung vorgelegte Bauplanung zur Neuordnung der Innenstadt als zu kostspielig ab.

Um seine Ablehnung zu untermauern wies Dörnhaus auf die Stagnation des Handels hin. Viele Geschäftsleute, so Dörnhaus damals, wüssten nicht, wie sie von einem zum nächsten Tag kämen. Das klingt irgendwie vertraut, ebenso wie der Streit über die Höhe der Kosten. Dörnhaus sprach mit Blick auf die großen "Durchbruchstraßen" von acht Millionen Mark. Der damalige Baudezernent Paul Essers (1901-1959), nach dem heute eine Straße in der Innenstadt benannt ist, hielt diese Schätzung für entschieden zu hoch. Er prognostizierte die "Freilegungskosten" für die geplanten Straßenbauprojekte in der Innestadt auf 2,75 Millionen Mark, zuzüglich der für den notwendigen Grundstückerwerb durch die Stadt veranschlagten 1,56 Millionen Mark.

Essers verblüffendes Argument: "Gerade, weil wir arm sind, müssen wir planen." Der Baudezernent konnte darauf verweisen, dass erst durch eine Neuplanung Fördermittel des damaligen Bundesministeriums für Wiederaufbau in die Stadtkasse fließen würden. Außerdem, so sein Gedanke, werde ein ungeplanter Wiederaufbau der bei Kriegsende 1945 zu 44 Prozent zerstörten Innenstadt Mülheim am Ende teuer zu stehen kommen, wenn in der Eile begangene Bausünden durch Abriss- und Neubaumaßnahmen nachträglich korrigiert werden müssten.
Kern der Neuplanung einer 1949 noch von den Kriegsfolgen gezeichneten Innenstadt war die Idee, den Durchgangsverkehr aus der Schloßstraße herauszuholen und diese zu einer Einkaufsstraße zu machen. Der nahe Bahnhof Eppinghofen sollte zum Hauptbahnhof ausgebaut und die Kreuzung Eppinghofer Straße/Bahnstraße zu einem Verkehrsknotenpunkt mit Straßenbahnanschluss ausgebaut werden.

Zum Sinnbild der neuen Innenstadtplanung, die nach siebenstündiger Debatte mit den Stimmen von SPD, KPD und Teilen der CDU- und FDP-Fraktionen beschlossen wurde, war die neue Trasse der Leineweberstraße. 1955 ferttiggestellt wurde sie zu einer wichtigen Ost-West-Verkehrsachse, die den neuen und den alten Stadtkern voneinander trennte und ebenso wie die Duisburger Straße den zunehmenden Durchgangsverkehr aufnahm.

Wenn es nach der CDU gegangen wäre, hätte man die neue Leineweberstraße noch breiter gemacht und mit einem Mittelstreifen ausgestattet, durch den nach ihrem Willen der Rumbach hätte offen fließen können. Die NRZ lobte die Neuplanung als "Auftrieb zum Wiederaufbau und zur Gesundung unserer Stadt."

Donnerstag, 23. Juli 2009

Fehlanzeige oder: Die Philosophie der MVG







Wer derzeit mit der U-Bahn unterwegs ist oder an der zentralen Haltestelle vor dem Kaufhof Station macht, sieht schwarz oder ist relativ ratlos. Dies ist man zumindest dann, wenn man die neuen, elektronischen Anzeigetafeln zu Rate ziehen will. Dort sieht man auf der Suche nach aktuellen Fahrplanhinweisen entweder gar nichts oder muss sich mit der Standardauskunft begnügen, doch bitte auf Lautsprecherdurchsagen und die Wagenbeschilderung der einfahrenden Busse und Bahnen zu achten.

An der zentralen Haltestelle hängen die elektronischen Anzeigetafeln bereits seit über einem Jahr. In den U-Bahnstationen hatte man im Dezember 2008 damit begonnen, die alten Tafeln und Uhren abzumontieren und schrittweise durch neue, elektronische Uhren und Anzeigetafeln zu ersetzen.

Die gesamte Umrüstungsaktion hat nach Auskunft der Mülheimer Verkehrsgesellschaft rund eine Million Euro gekostet. Doch die neuen, elektronischen Anzeigetafeln müssen derzeit noch an ein Rechnernetzwerk angeschlossen werden, das aus einem Zentralrechner und den jeweiligen Haltestellenrechnern besteht. Was die entsprechenden Computerprogramme leisten müssen, kann man sich vorstellen, wenn man weiß, dass an jeder Haltestelle stündlich die Fahrplandaten von jeweils 60 Fahrzeugen gespeichert und bearbeitet werden müssen, die die Haltestelle in beide Richtungen passieren.

Bei der Mülheimer Verkehrsgesellschaft geht man davon aus, dass die neuen, elektronischen Anzeigetafeln ab Ende August funktionsfähig sein werden.
Zunächst sollen die Tafeln nur den aktuellen Fahrplan anzeigen. Im Laufe des Monats September kommt dann noch ein weiterer Infoservice hinzu: Dann werden auch die jeweils aktuellen Wartezeiten angezeigt.

So gesehen

Früher fragte man sich schon mal, woher bekomme ich eine Information? Im multimedialen Informationszeitalter ist das ganz anders. Wer heutzutage sein Ziel nicht aus den Augen verlieren will, muss sich auch schon mal eine Oase suchen, in der man der Dauerberieselung durch akustische und optische Informationen via Internet, Fernsehen, Radio, Zeitung und Co. entrinnen kann.

Eine solche Oase fand ich jetzt in der U-Bahnstation Stadtmitte. Dort schaute ich auf eine elektronische Infotafel, die mich eigentlich darauf hinweisen sollte, wann meine Bahn kommt. Doch zu sehen waren nur zwei leuchtenden Ausrufezeichen in der oberen linken Ecke. Schon wollte ich mich ärgern, da fiel mir ein Satz des Dichters Jean Paul ein: "Ein Ziel muss man eher kennen, als die Bahn."

Welch Weitblick von einem Mann, der von 1763 bis 1825 gelebt hat und deshalb auf seiner Lebensreise weder mit Bus noch Bahn fahren konnte. Über elektronische Fahrgastinformationen im Untergrund hätte er wohl nur den Kopf schütteln können und sich lieber auf seinen eigenen inneren Kompass verlassen.

Wer weiß, vielleicht sind bei der Mülheimer Verkehrsgesellschaft ja nicht nur Techniker, sondern auch Philosophen am Werk, die uns auf so abgefahrene Weise deutlich machen wollen, dass man sein Ziel nicht von elektronischen Anzeigetafeln und Uhrwerken abhängig machen sollte, sondern eher kennen muss als die Bahn.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Zeitreise durch das Gedächtnis einer Schule



Seine alte Schule lässt ihn nicht los. Obwohl Hartmut aus dem Siepen (Foto) seit vier Jahren den Vorruhestand genießt, verbringt der 64-Jährige fast jeden Tag an der Otto-Pankok-Schule. Hier hat er bis zu seiner Pensionierung Sport und Erdkunde unterrichtet. Doch das ist Vergangenheit. Seine Gegenwart ist die Arbeit mit der Vergangenheit seiner Schule, die er von 1955 bis 1965 auch aus der Perspektive des Schülers und später, 1968, auch als Lehramtsanwärter kennen gelernt hat.


Aus dem Siepen kümmert sich zusammen mit seinem Kollegen Bernd Simmerok nicht nur um die Geschichte seiner Schule. Er ist selbst ein Stück ihrer Geschichte. Gerade erst hat er in ungezählten Stunden die handschriftlichen Jahresberichte der 1852 gegründeten Schule abgetippt und so in einer gedruckten und leicht lesbaren Form für die Nachwelt erhalten. "Ich möchte nicht, dass das alles verloren geht", erklärt er sein ehrenamtliches Engagement. Dabei hat er vor allem den alten Lehrer Kurt Unbehau vor Augen, der das Schularchiv in den 50er Jahren aufgebaut hat und es auch noch nach seiner Pensionierung liebevoll und akribisch betreute, als er bereits von den Folgen eines Schlaganfalls gezeichnet war.
Schon die Eingangstür zum Schularchiv macht den Wandel der Zeit deutlich. Dort sind die verschiedenen Namen aufgeführt, unter denen die heutige Otto-Pankok-Schule seit ihrer Gründung firmiert hat: Höhere Bürgerschule, Städtische Realschule, Städtisches Realgymnasium, Königliches Gymnasium, Staatliches Gymnasium, Staatliche Langemarck-Schule (während der NS-Zeit), dann wieder Staatliches Gymnasium und seit 1975 Otto-Pankok-Schule. Obwohl auch der Namensgeber hier vor dem Ersten Weltkrieg sein Abitur bestand, ist der 1893 in Saarn geborene Maler und Grafiker doch so berühmt, dass sein Abiturzeugnis nicht im Schul,- sondern im Stadtarchiv liegt.


Der älteste Ordner in aus dem Siepens Reich stammt aus Pankoks Abiturzeit, anno 1911. Der Fundus, den aus dem Siepen und Simmerok von ihrem Vorgänger Unbehau übernommen und durch die gezielte Sammlung diverser Druckerzeugnisse aufgestockt haben, lässt Regale und Schränke fast aus allen Nähten platzen. Alte Klassenfotos und bei Sportfesten errungene Trophäen finden sich da ebenso, wie alte Klassenbücher, Abiturzeugnisse und Aufsätze oder zum Beispiel das Manuskript einer Rede, die der damalige Schulleiter Adolf Stamm anno 1919, also ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der deutschen Monarchie zum Geburtstag des Ex-Kaisers Wilhelm II am 27. Januar vor der Schülerschaft hielt.
Wenn sich der pensionierte Lehrer aus dem Siepen an seine eigene Schulzeit erinnert und in alte Klassenbücher schaut weiß er, dass auch frühere Schülergenerationen ihre disziplinarischen Probleme hatten. "Damals war oft von Saufen und Rauchen oder unerledigten Hausaufgaben die Rede", erinnert sich aus dem Siepen an die 60er Jahre. "Doch damals wussten die Schüler, dass sie eine Regel missachtet hatten und mit Konsequenzen rechnen mussten. Das wissen manche Schüler heute nicht mehr und es ist erheblich schwerer, sie zu disziplinieren." Wo früher auch schon mal eine Ohrfeige fällig war, müssen heute Worte ausreichen, die auch schon mal verletzen können, um die Ordnung im Klassenzimmer wiederherzustellen.


Ein Stück Schulgeschichte, die er als Schüler im Oktober 1959 selbst miterlebt hat, holt aus dem Siepen in Form von angegilbten Zeitungaauschnitten aus seinen prall gefüllten Archivordnern. Vom Besuch des Theologen, Musikwissenschaftlers, Urwaldarztes und Friedensnobelpreisträgers Albert Schweitzer ist da die Rede. In seiner Ansprache, die Schweitzer damals vor der versammelten Schulgemeinde des Staatlichen Gymnasiums hielt, würdigte Schweitzer vor dem Hintergrund der jüngsten deutschen Geschichte den Wert des humanistischen Bildungsideals und appellierte an die Schüler, im Sinne dieses Ideals zu "Kulturmenschen" zu werden: "und in unserer Zeit die Kultur wieder zur Geltung zu bringen." Der prominente Gast, der damals in Mülheim seinen Freund, den Industriellen Hugo Stinnes junior besuchte, zeigte sich zuversichtlich: "dass Europa seine Bestimmung in der Welt erfüllen wird, wenn es eine Kultur auf dem alten Fundament aufbaut und weiter baut und größer baut, eine Kultur, die etwas für die Welt bedeutet. Denn ohne ein Kulturideal, dass die Menschen und Völker in die Zucht und in die Führung nehmen wird, gehen wir in der Irre in die Geschichte ein und man weiß nicht, was aus uns werden soll."


Schweitzer, der sein Tropenhospital in Lambaréné unter anderem mit Orgelkonzerten und Vortragsreisen finanzierte, schaute sich damals auch die neue Schulorgel mit 1102 Pfeifen, 18 Registern und zwei Manualen an. "Das entsprach wohl dem christlich-humanistischen Ideal", mutmaßt die stellvertretende Schulleiterin Ursula Welker über die Motive, die das Land NRW, Industrielle sowie Eltern und ehemalige Schüler 1959 zur Finanzierung einer Schulorgel motivierte, die die Lokalpresse damals als "wertvolles Schmuckstück" , als "Konzertorgel von kammermusikalischem Charakter" und als "Tönenden Schmuck der Aula" würdigte. 50 Jahre danach ertönt die Schulorgel nicht mehr, führt hinter dem Bühnenvorhang des Schulforums ein Schattendasein, weil ihre Reparatur heute zu teuer wäre. Geblieben ist die Erinnerung an den Besuch Albert Schweitzers, die mit einer Fotoecke im Schulfoyer bis heute wachgehalten wird.

Dienstag, 21. Juli 2009

Mülheimer, die Hitler widerstanden



65 Jahre ist es jetzt her, dass die Attentäter um den Grafen von Stauffenberg vergeblich versuchten, Adolf Hitler zu töten und damit der Nazi-Diktatur ein Ende zu bereiten. Mit einer Kranzniederlegung und einer Rede der Oberbürgermeisterin wurde diesem Ereignis auch am 20. Julli 2009 am Mahmal (Foto) für die NS-Opfer im Luisenthal gedacht. Die ritualisierten Formen unseres öffentlichen Gedenkens, so löblich und notwendig sie auch sind, erscheinen Nachgeborenen zuweilen entrückt.


Lebendiger und anschaulicher wird die Erinnerung an Menschen, die als Bürger in unserer Stadt gelebt haben und durch ihre Gewissensentscheidung für den Widerstand gegen Hitler nach dem 20. Juli 1944 im Rahmen der Aktion "Gewitter" dem NS-Terror zum Opfer fielen. Dem Hitler-Attentäter Stauffenberg am nächsten stand der Generalstabsoffizier Günther Smend. 1912 in Trier geboren, kam er mit seinen Eltern 1924 nach Mülheim, wo die Familie unweit des heutigen Mahnmals im Luisenthal wohnte. Nach dem Abitur am heutigen Otto-Pankok-Gymnasium (1932) schlug Smend eine militärische Laufbahn ein. Zum Verhängnis wurde ihm der vergebliche Versuch, seinen Vorgesetzten, den Generaloberst Kurt Zeitzler davon zu überzeugen, sich dem militärischen Widerstand anzuschließen. Am 1. August 1944 verhaftet, wurde er am 30. August 1944 vom Volksgerichtshof als Mitwisser des Hitler-Attentates zum Tod durch Erhängen verurteilt. Vollstreckt wurde das Unrechtsurteil am 8. September 1944 in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee.


Verbindung zu den Männern des 20. Juli und insbesondere zu Carl Friedrich Goerdeler, der nach einem Umsturz des Hitler-Regimes, Reichskanzler werden sollte, hatte auch Prälat Otto Müller, Präses der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Westdeutschlands. 1870 im oberbergischen Land geboren, wuchs Müller in Heißen auf, wo sein Vater Volksschullehrer war. Am 12. September 1944 von der Gestapo verhaftet, starb Müller am 12. Oktober 1944 in der Berliner Haft. Seit den 60er Jahren erinnert ein Kirchenfenster in St. Joseph an den christlichen Widerstandskämpfer, der seine frühen Jahre in Heißen verbrachte.
Nicht weil sie von den Attentatsplänen auf Hitler gewusst hätten, sondern weil sie den Nazis als Regime-Gegener schon lange ein Dorn im Auge waren, wurden auch die ehemaligen Mülheimer Stadtverordneten Wilhelm Müller und Fritz Terres im Zuge der Operation Gewitter nach dem 20. Juli 1944 verhaftet. Ebenso, wie ihr ehemaliger Ratskollege Otto Gaudig, der bereits vor dem Attentat auf Hitler inhaftiert worden war, sollten sie ihren Widerstand gegen die NS-Diktatur mit dem Leben bezahlen. Beide waren nicht nur engagierte Kommunalpolitiker, sondern auch Gewerkschafter gewesen. Während sich Terres im Laufe seiner politischen Biografie vom Sozialdemokraten zum Kommunisten gewandelt hatte, war es bei Wilhelm Müller genau umgekehrt. Den ehemaligen Partei- und Fraktionsvorsitzenden der Mülheimer SPD führte sein Leidensweg ins Konzentrationslage Neuengamme, wo er nach offizieller Lesart an einer Lungenentzündung verstorben sein soll. Sein Leidensgenosse Terres sollte am 10. April 1945 in einem Außelager des KZ-Sachsenhausen ums Leben kommen, ein Tag bevor amerikanische Truppen seine Heimatstadt besetzen und die NS-Herrschaft beenden sollten.
Wie ein Vermächtnis klingt, was Wilhelm Müller, seinem damals 19-jährigen Sohn Willi, der später als Sozialdemokrat in den Bundestag gewählt werden sollte, 1944 aus der Haft schrieb: "Ich glaube fest daran, dass du gesund und munter zurückkommst. Dann wird das große Europa und eine neue Welt gebaut. Dann werden wir ein wichtiges Wort mitreden."


Heute erinnern nicht nur eine Gedenktafel im Ratssaal, sondern auch die von Gunter Demnig und der Mülheimer Initiative für Toleranz verlegten "Stolpersteine" an die Mülheimer, die ihrem Gewissen folgten und deshalb nach dem 20. Juli 1944 von den Nazis ermordet wurden.

Montag, 20. Juli 2009

Trainieren für den multikulturellen Beratungsalltag: Die Caritas geht voran





Unsere Stadtgesellschaft wird bunter und multikultureller. Schon heute hat jedes fünfte Kind in Mülheim einen sogenannten Migrationshintergrund, kommt also aus einer Zuwandererfamilie. Das hat auch Auswirkungen auf die Sozialarbeit. Ob Familienhilfe, Flüchtlingsberatung, Schwangerschaftskonflikt,- Erziehungs- oder Schuldner und Sozialberatung. Die Caritas leistet sie mit ihrem Sozialbüro in Styrum und Eppinghofen. Das sind Stadtteile, in denen der Anteil der Migranten besonders hoch ist. Margret Zerres, stellvertretende Gewschäftsführerin der Caritas (Foto links) geht von 17 bis 18 Prozent in Styrum und von knapp 50 Prozent in Eppinghofen aus.
"Wie gehen wir damit um? Wie aufgeschlossen sind wir für Menschen aus anderen Kulturen? Womit haben wir Schwierigkeiten? Was macht uns Spaß? und Wo können wir voneinander lernen?" formuliert Zerres, die Ausgangsfragen an die Sozialarbeiter, die vor Ort Menschen aus aller Herren Länder helfen wollen und die dabei oft auch an ihre eigenen Grenzen stoßen. Um den eigenen Mitarbeitern den Rücken zu stärken und ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind, sondern im eigenen Verband auf verschiedene Kompetenzen zurückgreifen können, hat man bei der Caritas mit finanzieller Unterstützung der Leonhard-Stinnes-Stiftung eine interkulturelles Fortbildungsprogramm gestartet. Zur Auftaktveranstaltung kamen 140 Mitarbeiter. Das Spektrum reichte von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen bis zu Psychologen und hauswirtschaftlichen Fachkräften. In Form einer Landkarte wurde eine Bestandsaufnahme in Sachen interkultureller Komptenz gemacht. Sie zeigte auf: Wer was wo beim Caritasverband macht und kann.

Ein Beispiel: Die in der Schwangerschaftsberatung tätige französischstämmige Mitarbeiterin Pascale Wiesweg kann mit ihren Sprachkenntnissen im Notfall helfen, Sprachbarrieren zu überwinden, wenn es um die Beratung von Zuwanderern oder Flüchtlingen aus französischsprachigen Ländern Afrikas geht.

Andere Mitarbeiter konnten in der caritasinternen Talentbörse etwa mit ihrem eigenen Migrationshintergrund oder fundierten Kenntnissen von Land und Leuten punkten. Warum kommen manche Zuwanderer gleich mit der ganzen Familie zum Beratungsgespräch? Warum tun sich andere mit der Pünktlichkeit schwer? All diese ganz unterschiedlich hilfreichen Fähigkeiten wurden im betriebsinternen Intranet der Caritas dokumentiert und sind jetzt für die praktische Beratungs- und Sozialarbeit abrufbar; "Wir haben inzwischen begriffen, dass wir manche Dinge nicht persönlich nehmen dürfen, aber auch eindeutig Grenzen aufzeigen müssen, wenn es etwa um Gewalt geht", berichtet die für Kinder4,- Jugend- und Familienhilfe zuständige Fachdienstleiterin Martina Pattberg (Foto rechts).

Ein weiteres Ergebnis war die Öffnung der Caritas-Fachdienste für den Dialog mit den Kollegen aus den anderen Wohlfahrtsverbänden und Beratungseinrichtungen. Sie lädt man am 25. August (8.30-10.30 Uhr) in der Altentagesstätte an der Aktienstraße 78a bereits zum zweiten "Dialog-Frühstück" ein. Dabei geht es um einen lockeren Erfahrungsaustausch und Impulse durch einen Fachreferenten mit Migartionshintergrund. Am 25. August sind Besonderheiten im Umgang mit psychischen Erkrankungen bei Migranten das Thema.

Sonntag, 19. Juli 2009

Im Mülheimer Sprachcamp werden Kinder zu Schatzsuchern

Brian ist ganz ehrlich. Wenn er jetzt zu Hause wäre, würde er bestimmt kein Buch lesen, sondern lieber mit seiner Playstation spielen. Doch der Drittklässler ist nicht zu Hause, sondern in der Volkshochschule. Dort nehmen er und 15 seiner Jahrgangskollegen von der Erich-Kästner-Grundschule in den ersten beiden Ferienwochen an einem Sprachcamp teil, das vom städtischen Kulturbetrieb organisiert und von der Leonhard-Stinnes-Stiftung finanziert wird.

Sprachcamp. Das ist das, wonach es sich anhört: Ein bisschen Arbeit, ein bisschen Spaß und ein bisschen Abenteuer. Morgens wird gelernt und nachmittags Theater gespielt. "Wir lesen gemeinsam und mit verteilten Rollen den Roman Die Schatzinsel. Und damit lässt sich ganz nebenbei auch etwas über Nomen, Verben und Rechtschreibung lernen", berichtet die Sprachlehrerin Sibylle Wellfonder. Was ist der Unterschied zwischen dem Lernen in der Schule und im Sprachcamp?

"Die Gruppe wird vormittags von zwei bis drei Pädagogen betreut", erklärt Wellfonder den Hauptunterschied zum frontalen Schulunterricht, bei dem es Lehrer in der Regel als Einzelkämpfer mit einer Klasse von 30 Schülern zu tun haben. "Schulen sind mit ihrem Fächerraster natürlich ganz anders getaktet. Hier lernen Schüler in einem bewertungsfreien Raum und arbeiten an einem gemeinsamen Projekt", unterstreicht Kulturbetriebsleiter Dirk Schneider den pädagogischen Mehrwert, des nach einem Bremer Vorbild entwickelten Mülheimer Sprachcamps. "Die Lehrer bestätigen uns, dass die Schüler, wie verwandelt aus den Ferien zurückkommen und hier in Sachen Sprach- und Sozialkomptenz mehr gelernt haben, als sonst in einem ganzen Schuljahr", beschreibt er die Resonanz auf die bisher drei Sprachcamps, die jeweils in den längeren Schulferien mit einer überschaubaren Gruppe aus einer Schule über die Bühne gegangen sind.

Über die Bühne gehen ist durchaus wörtlich zu nehmen. Denn das gemeinsame Projekt, bei dem die Kinder spielerisch lernen, nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit ihren Klassenkameraden achtsam umzugehen, ist ein von der gemeinsamen Schatzinsel-Lektüre inspiriertes Theaterstück, das am 18. Juli im Forum der Volkshochschule aufgeführt wurde und darüber hinaus auch einige Schulaufführungen erleben soll. Und so probieren die Mädchen und Jungen zum Beispiel mit den Theaterpädagogen Nina Leyendecker und Frieder Saar aus, wie sich ein Pirat in einer Kneipe bewegt, wie ein Einsiedler spricht und fühlt, der seit 50 Jahren keinen Menschen gesehen hat, wie man die "Waffen einer Frau" (in Form einer Teigrolle) benutzt und einen Schwertkampf in Zeitlupe ausficht, ohne sich zu verletzen. Das ist für die Kinder alles ganz vergnüglich.

Dabei erstaunt aber, dass 16 Grundschulkinder nach fast acht gemeinsam verbrachten Stunden an einem sonnigen Sommernachmittag ausgesprochen ruhig und konzentriert ein selbst entwickeltes Theaterstück einstudieren. "Das war nicht von Anfang an so. Daran mussten wir erst arbeiten. Aber nach drei Tagen war die Gruppe gut eingespielt", lässt Pädagogin Nina Zirnstein den Entwicklungsprozess der Gruppe Revue passieren.

Mit Schneider und Wellfonder ist sie sich einig, dass die Drittklässler hier vor allem deshalb so große Fortschritte machen und an Selbstbewusstsein gewinnen, weil sie hier in einer kleinen Gruppe mit mehr Pädagogen individueller gefördert werden können als im Schulbetrieb. Den sähe der Kulturbetriebsleiter gerne finanziell und personell besser ausgestattet, um die kulturelle Bildungs- und Basisarbeiten leisten zu können, die notwendig ist, damit die Kinder von heute auch als Erwachsene von morgen sich noch etwas zu sagen haben.

Samstag, 18. Juli 2009

Die „Heinzelwerker” erledigen kleine Reparaturen für Menschen, die sich einen Handwerker nicht leisten können

Köln hatte, zumindest der Sage nach, seine Heinzelmännchen. Mülheim hat seit April seine Heinzelwerker. Und die sind nicht nur sagenhaft, sondern auch ganz konkret zur Stelle, wenn es im Haushalt irgendwo klemmt.
Nur mal angenommen: Sie haben zwei linke Hände und kein Geld, um Handwerker zu bestellen, die Ihnen zum Beispiel ein Bild aufhängen oder eine Waschmaschine anschließen? Sie brauchen jemanden, der Ihnen den Wasserhahn repariert, eine Schublade richtet, ein Stuhlbein anleimt, eine Lampe anschließt oder ein Regal aufhängt?
Dann sind Sie bei den ehrenamtlich arbeitenden Heinzelwerkern an der richtigen Adresse. „Unser Lohn ist das gute Gefühl, helfen zu können, und die Dankbarkeit der Menschen”, sagt Erich Reichertz, der das Netzwerk der inzwischen 14 Heinzelwerker ins Leben gerufen hat. Der 60-jährige Elektrotechniker hat bis zu seiner Pensionierung in leitender Position beim Energieversorger RWE gearbeitet. Dann fragte sich Reichertz, der sich selbst als „100-Prozent-Typen, der keine halben Sachen mag” beschreibt: „Was fange ich jetzt mit meiner Zeit an? Zuhause herumsitzen oder durch die Weltgeschichte fahren wäre nichts für mich”, erklärt er.
In seinem Tatendrang wandte er sich an das CBE, doch die Projekte, die ihm dort zur ehrenamtlichen Mitarbeit angeboten wurden, begeisterten ihn nicht wirklich. Doch ein Seminar brachte ihn auf die Idee mit den Heinzelwerkern, die vor allem alten, bedürftigen und behinderten Menschen als handwerkliche Nothelfer bei kleineren Reparaturen helfen sollten.
Weil Reichertz offensichtlich nicht nur ein geschickter Hand-, sondern auch Netzwerker ist, gewann er rasch Mitstreiter, die bei seinem Projekt mit Kopf und Hand mitarbeiten wollten. Er stellte seine Idee nicht nur dem Handwerk, sondern auch den Wohlfahrtsverbänden vor, um einerseits seine Zielgruppe ansprechen zu können und andererseits vermeintlichen Konkurrenzängsten vorzubeugen. Denn als Konkurrenz zu Handwerksbetrieben verstehen sich die Heinzelwerker ausdrücklich nicht.
Bei größeren Aufträgen, etwa, wenn es um Malerarbeiten, die Verlegung von Teppichen und Laminatböden oder Installationsarbeiten geht, verweisen sie automatisch an das Handwerk. Da sie sich auf kleinere Reparaturarbeiten spezialisiert haben, füllen sie eine Marktlücke, die Handwerksbetriebe aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht ausfüllen. Zudem wären auch diese Dienste für bedürftige Auftraggeber kaum zu bezahlen.
„Wir halten es, wie bei der Mülheimer Tafel: Bedürftig ist, wer sich dafür hält”, sagt Reichertz mit Blick auf die potenziellen Auftraggeber der Heinzelwerker. Logistisch und versicherungstechnisch werden die Heinzelwerker vom Diakonischen Werk unterstützt. Dessen Telefonzentrale nimmt die Aufträge für die Heinzelwerker entgegen und leitet sie per E-Mail an Reichertz weiter, der das Intranet der Heinzelwerker betreut und die Arbeitseinsätze koordiniert. „Wir versuchen, alle Aufträge ein oder zwei Tage nach ihrem Eingang zu erledigen”, betont Reichertz. Er lässt keinen Zweifel daran, dass sich die derzeit 13 Heinzelwerker und ihre Heinzelwerkerin, allesamt handfeste und handwerklich geschickte, Unruheständler, über jede Verstärkung freuen würden.
Besonders gefreut hat sich CBE-Geschäftsführerin Andrea Hankeln darüber, dass der Energieversorger RWE den Heinzelwerkern ein Startbudget von 3000 Euro zur Verfügung gestellt hat. Aus diesem Topf können die fleißigen Helfer bei ihren Einsätzen anfallende Fahrt- und Materialkosten begleichen. Und obwohl sie natürlich ehrenamtlich Hand anlegen, darf man ihre Hilfe, wenn man es sich leisten kann, auch mit einer kleinen Spende belohnen, die in eben diesen Topf fließen wird, der dafür sorgt, mittellosen Auftraggebern helfen zu können, ohne am Ende beim ehrenamtlichen Arbeitseinsatz auch noch draufzahlen zu müssen.

Auftrag per Telefon oder E-Mail an das Diakonische Werk

Das Heinzelwerk, das ehrenamtlich und vorbehaltlos bedürftigen Menschen hilft, kann immer montags, donnerstags und freitags (von 7.30 Uhr bis 16.30 Uhr), dienstags von 7.30 Uhr bis 18 Uhr und mittwochs von 7.30 Uhr bis 13 Uhr über das Diakonische Werk am Hagdorn 1a angefordert werden. Entweder per Telefon unter 3 00 3 277 oder per E-Mail an heinzelwerk@diakonie-muelheim.de.
Wer bei den Heinzelwerkern selbst mitmachen möchte, kann sich beim CBE unter 97 0 68 13 melden. Wer das Heinzelwerk durch seine Spende unterstützen möchte, kann beim CBE und beim Diakonischen Werk die Bankverbindung der hierfür eingerichteten Spendenkonten erfahren.

Freitag, 17. Juli 2009

Mülheims Mister Euro - Als Ratgeber immer noch gefragt




Dass wir heute mit dem Euro bezahlen und uns innerhalb der Europäischen Union über Geldumtausch und Wechselkursrisiken keine Gedanken mehr machen müssen, ist unter anderem auch einem Mülheimer zu verdanken. Der Christdemokrat Otmar Franz gehörte von 1981 bis 1989 dem Europäischen Parlament an, nachdem er bei der ersten Direktwahl 1979 den Einzug ins EP knapp verpasst hatte und dem Sozialdemokraten Heinz-Oskar Vetter den Vortritt lassen musste. Unter seinem Vorsitz wurde damals im Währungsausschuss des Europäischen Parlaments der sogenannte Franz-Bericht erarbeitet, der den Fahrplan zur gemeinsamen Währung beschrieb. Obwohl das Europäische Parlament zu seiner Zeit als Abgeordneter bei weitem noch nicht die Rechte besaß, die es heute hat, glaubt Franz in der Rückschau, "dass wir damals sehr wohl gehört wurden und die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft beeinflussen konnten, weil es uns immer wieder gelang, viele Fachleute an einen Tisch zu holen und über Parteigrenzen hinweg sehr sachorientiert an Problemlösungen zu arbeiten."


Der heute 74-jährige Ökonom ist überzeugt, dass sich der europäische Binnenmarkt und der Euro gerade in der Krise als wirtschaftliche Stabilitätsfaktoren bewährt haben und Deutschland aufgrund seines vergleichsweise starken Mittelstandes die Wirtschaftskrise besser überstehen wird, als andere Länder.

Als Kaufmanns-Lehrling bei Klöckner kam der gebürtige Hesse 1954 erstmals nach Mülheim, das 1962 zu seiner zweiten Heimat werden sollte. "Damals herrschte in der Stadt eine starke Aufbruchstimmung", erinnert sich Franz. Die vermisst er heute manchmal, obwohl er nicht nur von Ruhrbania und Fachhochschule neue Impulse für Mülheim erwartet.
Doch was ihn wirklich bewegt, sind Europa und die Wirtschaft. Schon als Student engagierte er sich an der Spitze eines internationalen internationalen Studentenverbandes, weil er die wirtschaftliche Vernetzung Europas schon damals als bestes Instrument für eine dauerhafte Friedenssicherung erkannte.

Bis heute ist der ehemalige Europaabgeordnete und Vorstand von Klöckner und Strabag als ehrenamtlicher Politik- und Wirtschaftberater gefragt. So leitet er ein Beratergremium europäischer Parlamentarier und Industrieller, das regelmäßig in Straßburg tagt und sich als Denkfabrik und Impulsgeber für die Entscheidungsträger der EU versteht. Auch als stellvertretender Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung bringt Franz regelmäßig Fachleute aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft für Kamingespräche an einen Tisch. Und als Vorsitzender des Rationalisierungs- und Innovationszentrums der Deutschen Wirtschaft steht er für unterstützenden ökonomischen Sachverstand zugunsten mittelständischer Unternehmen.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Rückblick auf den Besuch eines Europäers


Vor wenigen Tagen endete die Amtszeit von Hans-Gert Pöttering. Aus diesem Anlass veröffentliche hier noch einmal ein Interview, dass ich mit dem Präsidenten des Europäischen Parlaments bei seinem Mülheim-Besuch am 2. März 2009 führen konnte. Damals war der in der Sparkasse am Berliner Platz Gastredner einer euuuuupapolitschen Veranstaltung des Mülheimer Kolpingwerkes. Vorab enige Informionen Zur Person vn Hans-Gert Pöttering:
Er war seit 2007 Präsident des Europäischen Parlaments. Zuvor führte der 63-jährige Christdemokrat aus Niedersachsen von 1999 bis 2007 die christdemokratische Fraktion der Europäischen Volkspartei. Dem Europäischen Parlament gehört der studierte Jurist, Politikwissenschaftler und Historiker bereits seit dessen erster Direktwahl 1979 an. Pöttering ist Vater von zwei Söhnen. Sein politisches Engagement wurde nicht zuletzt vor dem persönlichen Hintergrund geprägt, dass sein eigener Vater in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges als Soldat fiel.



Was haben wir als Bürger eigentlich von der Europäischen Union?

Vor allem, dass wir in Frieden und in Freiheit leben können. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn wir heute Konflikte innerhalb der Europäischen Union haben, tragen wir sie als Partner aus. Das ist keineswegs selbstverständlich. Das haben mir meine jüngsten Besuche im Gaza-Streifen oder bei einer weißrussischen Exil-Universität gezeigt. Dort bekam ich immer wieder zu hören: Wir möchten auch so leben, wie ihr.


Hat die EU für den größten Netto-Zahler Deutschland auch wirtschaftliche Vorteile?

Auf jeden Fall. Als exportorientiertes Land profitieren wir gerade in der aktuellen Wirtschaftskrise von der gemeinsamen europäischen Währung und dem europäischen Binnenmarkt, die am ehesten dazu beitragen, dass niemand in der EU der Gefahr des nationalen Protektionismus erliegt. Gäbe es Euro und Binnenmarkt nicht, wären wir jetzt in erheblich stärkeren Turbulenzen.


Ist der Fortschritt in der Europäischen Union eine Schnecke?

Ja, mir geht es auch manchmal zu langsam voran. Aber in den 30 Jahren meiner Zugehörigkeit zum Europäischen Parlament habe ich gelernt, dass man hier Leidenschaft mit Geduld miteinander verbinden muss und nicht immer gleich mit dem Kopf durch die Wand gehen sollte, wenn man etwas erreichen möchte. Außerdem erinnere ich daran: Wer hätte etwa vor 30 Jahren darauf zu hoffen gewagt, dass der Europäischen Union heute auch Länder des ehemaligen kommunistischen Ostblocks angehören?

Warum brauchen wir den Lissabon-Vertrag?

Weil es ohne diesen neuen Grundlagenvertrag keine effektiven Strukturen für die Zusammenarbeit in einer größer gewordenen EU geben kann, geschweige denn eine Grundlage für weitere EU-Beitritte. Ich erinnere daran, dass im Lissabonvertrag, wie im Grundgesetz, die Grund- und Menschenrechte festgeschrieben worden sind. Auch wenn wir für einen Gottesbezug, wie es ihn in der Präambel unserer Verfassung gibt, auf europäischer Ebene keine Mehrheit finden konnten, zeigt das, dass sich die Grundwerte unseres christlichen Menschenbildes doch durchgesetzt haben. Auch die kommunale Selbstverwaltung oder ein nationales Klagerrecht im Rahmen der europäischen Gesetzgebung werden in diesem Vertrag ebenso festgeschrieben, wie die Möglichkeit eines Volksbegehrens.


Ist die EU mit derzeit 27 Mitgliedsstaaten nicht an ihre Grenzen gelangt?

Mit Blick auf die aktuellen Beitrittsverhandlungen mit der Türkei stelle ich fest, dass sich im Europäischen Parlament eine Mehrheit für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei abzeichnen würde, sollte das Land die umfassenden Beitritts- und Anpassungsbedingungen erfüllen. Ich selbst glaube aber, dass die EU mit einem Beitritt der Türkei derzeit politisch, wirtschaftlich und kulturell überfordert wäre. Das bedeutet aber nicht, dass man der Türkei die Tür vor der Nase zuschlagen muss. Es muss auch andere Formen einer Zusammenarbeit, als eine Vollmitgliedschaft, geben können, zum Beispiel eine privilegierte Partnerschaft der Türkei.

Sehen Sie auch Aufgaben außerhalb ihrer Grenzen?

Natürlich muss sich die EU weltweit dort stark machen, wo die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Ich denke da zum Beispiel an die bedrängten Christen im Sudan, auf Kuba oder in Saudi-Arabien. Ich habe aber auch im Oman selbst erleben dürfen, wie tolerant man auch in einem islamischen Land mit einer christlichen Minderheit umgehen kann. Generell muss gelten: Toleranz ist keine Einbahnstraße.


Warum sollten wir am 7. Juni zur Europa-Wahl gehen, wenn das Europäische Parlament am Ende doch nur bedingt bestimmen kann, wohin die EU steuert?

Viele Menschen glauben immer noch, das Europäische Parlament sei politisch machtlos. Dieser Irrglaube ist in der Vergangenheit begründet. Als ich 1979 mit gerade mal 29 Jahren erstmals ins Europäische Parlament einzog, gab es den Slogan: "Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa." Damals hatten wir tatsächlich keine eigene Gesetzgebungskompetenz. Doch heute beschließen und bestimmen wir in 75 Prozent aller Gesetzgebungsbereiche gleichberechtigt mit dem Europäischen Rat und der Kommission. Das gilt für das Umweltrecht ebenso, wie für den Bereich Dienstleistung. Nur in den Bereichen innere Sicherheit und Agrarpolitik haben wir als Parlament noch Nachohholdarf.

Mittwoch, 15. Juli 2009

Selbeck schießt den Vogel ab



Am kommenden Wochenende feiert Selbeck sein Schützenfest. Ich sprach aus diesem Grunde mit Brudermeister (Vorsitzende) der gastgebenden St. Sebastianus Schützenbruderschaft, Wolfgang Thieme, warum diese Tradition in seinen Augen auch 108 Jahre nach der Gründung noch zeitgemäß ist und wie seine Schützenbrüder und er die kontroverse Diskussion über Waffenbesitz und Schießsport nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden reflektiert haben.


Was war Ihre Motivation, der Schützenbruderschaft beizutreten?


Ich bin seit 1990 dabei. Ursprünglich wollte ich gar nicht beitreten, weil ich mir gesagt habe: Diese Vereinsmeierei macht mir keinen Spaß. Nachdem ich mich dann aber doch dazu überreden ließ, habe ich mich nachträglich darüber geärgert, dass ich nicht schon viel früher eingetreten war. Was mir am Vereinsleben gefällt, ist nicht nur die Geselligkeit, sondern auch der Umstand, dass bei uns jeder für den anderen einsteht, wenn mal was ist. Anfangs stand für mich aber auch der sportliche Gedanke und die Möglichkeit, an Meisterschaften teilzunehmen, im Vordergrund. Letzteres ist allerdings in den Hintergrund getreten, nachdem ich 1997 die Führung des Vereins übernommen habe.

Die Sportschützen gerieten nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden ins Kreuzfeuer der Kritik. Wie ging und geht man bei Ihnen damit um?


Natürlich habe wir über diese Ereignisse auch diskutiert. Doch das, was in Winnenden passiert ist, wäre nach meiner Meinung auch durch Gesetze nicht zu verhindern gewesen. Denn es gibt leider immer mal wieder einen Deppen, der seine Waffe liegen lässt und dann kommt man da dran. Da hätte ich auch Verständnis für, wenn der Gesetzgeber versucht, die Waffenkontrollen besser umzusetzen. Denn sich anzukündigen und zu sagen; Ich komme mal in einer Woche vorbei und gucke, ob du deine Waffen auch im Waffenschrank verschlossen hast, ist natürlich schwachsinnig. Dann wird jeder seine Waffen gut verschlossen haben.
Was wurde in Ihrem Verein nach Erfurt und Winnenden anders?
Uns ist das Leben schon nach Erfurt sehr schwer gemacht worden. Die Richtlinien für Schießstände sind wesentlich verschärft worden. Wenn jemand heute bei uns ein Kleinkalibergewehr beantragt, muss er nachweisen können, mindestens ein Jahr lang an einem offiziellen Schießstand geschossen und unterrichtet worden zu sein, was in sogenannten Schießkladden dokumentiert wird. In den Verein einzutreten und mal eben eine Waffe zu beantragen, das funktioniert nicht. Bei uns bekommt niemand eine Waffenbesitzkarte, der nicht regelmäßig für den Verein und bei Turnieren schießt. Nach Erfurt bin auch ich einmal von der Stadt angeschrieben worden und die Polizei wollte meinen tresorartigen Waffenschrank sehen, in dem ich meine Waffen gelagert habe. Außerdem müssen wir der Polizei jeden melden, der aus unserem Verein ausgetreten ist, damit seine Berechtigung, eine Waffe zu besitzen, überprüft werden kann.


Braucht man ein polizeiliches oder psychologisches Führungszeugnis, um bei Ihnen eine Waffe beantragen zu können?


Das ist mir nicht bekannt. Als ich meine Waffenbesitzkarte beantragt habe, ist so etwas nicht verlangt worden. Aber wenn ich unbedingt an eine Waffe herankommen will, dann brauche ich dafür keinen Schützenverein. Die kann ich mir auch irgendwo am Bahnhof besorgen. Der Schützenverein ist nicht der Kern des Problems. Hinzu kommt, dass die, die bei uns eine Waffenbestzkarte bekommen, keine Fremden sind. Wir kennen sie über längere Zeit und wissen, wie sie sich am Schießstand verhalten. Wenn jemand bei mir eine Waffenbesitzkarte beantragen würde, der zwar volljährig ist, von dem ich aber den Eindruck hätte: Der hat nicht die nötige Reife dafür, dann würde er auch keine Karte bekommen. Der Kreis unserer Sportschützen ist sehr überschaubar. Und bei diesem Personen kreis bin ich mir ziemlich sicher, dass da nichts passiert.


Wo liegen die Wurzeln der Selbecker St. Sebastianus Schützenbruderschaft?


Im Gründungsjahr 1901 ließ man sich von den damals bereits bestehenden Schützenvereinen der umliegenden Orte inspirieren und sagte sich: So etwas wollen wir hier auch haben. Dabei ging es ursprünglich weniger ums Schießen, sondern, wie der Name sagt, um das Beschützen der Leute. Und unser Name St. Sebastianus Schützenbruderschaft verweist auf den Schutzheiligen der Schützen. Bis in die 60er Jahre hinein konnten nur katholische Christen Mitglied werden. Seitdem haben wir uns auch für evangelische Christen geöffnet. Man muss einer christlichen Kirche angehören, um unser Schützenbruder werden zu können.
Ist eine Schützenbruderschaft heute zeitgemäß?
Wenn wir nicht zeitgemäß wären, hätten wir bald keine Mitglieder mehr. Und dann wäre es bald zu Ende. Doch wir haben in den letzten Jahren konstant etwa 120 Schützenbrüder, davon etwa 30 Jungschützen. Auch wenn jemand mal wegzieht oder verstirbt, kommt immer von unten Nachwuchs nach, dem wir nicht nur Schießabende, sondern auch Ausflüge und andere Aktivitäten anbieten. Also kann das, was wir machen, nicht ganz so falsch sein. Natürlich ist der Zustrom auch nicht mehr so groß, wie noch vor 20 Jahren. Doch das liegt daran, dass das Freizeitangebot in den letzten Jahren geradezu explodiert ist. Doch damit haben alle Vereine zu kämpfen.

Ist es schwer, Schützenkönige zu finden? Das ist doch eine teure Angelegenheit.


Abgesehen von den Kriegsjahren hatten wir immer Schützenkönige. Vor 20 oder 30 Jahren hat man vielleicht mit fünf oder zehn Leuten auf den Rumpf geschossen. In den letzten fünf Jahren haben wir mit jeweils drei oder vier Leuten geschossen. Schützenkönige werden vom Verein unterstützt, müssen aber auch eigene Mittel dazu buttern. Es ist schwer. Ein Schützenkönig muss ein ganzes Jahr präsent sein. Er muss andere Vereine besuchen. Er muss seine Ehrendamen einkleiden und mit Blumen ausstatten und natürlich auch die eine oder andere Runde spendieren. Es wird nicht einfacher, Schützenkönige zu gewinnen.

Dienstag, 14. Juli 2009

Schön, wenn man es hat, das Abitur - Drei Generationen sprechen über den Wert der Reifeprüfung



Der Mensch fängt nicht beim Abiturienten an. Doch wer es geschaffft hat, wie Christin Porte (18), ihre Mutter Dagmar (45) und deren Vater Klaus Möllmathe (74) freut sich. Wie fühlt es sich an, wenn man das Abitur in der Tasche hat und was ist das Abiturzeugnis wert? Ich sprach mit drei Abi-Generationen einer Mülheimer Familie.
Was für ein Gefühl hatten Sie, als Sie Ihr Abiturzeugnis un Händen hielten? Auf diese Frage antworten Dagmar Porte (Abitur-Jahrgang 1983) und ihre Tochter, frischgebackene Abiturienten des Karl-Ziegler-Schuljahrgangs 2009 spontan und wortgleich: "Endlich frei, nie wieder Schule." Klaus Möllmathe, der 1955 sein "Zeugnis der Reife" erhielt, erinnert sich anders. Der pensionierte Studiendirektor lässt keinen Zwifel daran, dass er gerne zur Schule ging. Das tat er 13 Jahre bis zu seinem Abitur an der Otto-Pankok-Schule, die damals noch Staatliches Gymnasium hieß, und später noch einmal 47 Jahre lang als Lehrer am Oberhausener Heinrich-Heine-Gymnasium. Dort traf er einige seiner ehemaligen Lehrer als Kollegen wieder: "Ich habe sie weiter gesiezt und sie haben mich weiter gedutzt", erzählt Möllmathe. Die Nähe zur Schule wurde ihm in die Wiege gelegt. Sein Vater war Volksschullehrer und Rektor. Klaus wuchs in den Heißener Dienstwohnungen seines Vaters am Humboldtring und am Priesters Hof auf. Als er dann 1955 sein Abiturzeugnis, das die Unterschrift des Oberstudiendirektors und Kunstvereinsgründers Heinrich Monzel trägt, ausgehändigt bekam, war das für ihn "kein weltbewegendes Ereignis." Die Gefühlslage des Abiturienten mit dem Berufswunsch Sportlehrer war nach seiner Erinnerung: "Schön, dass man es hat."
Sein Berufswunsch sollte sich nach einem Studium erfüllen, was ihn bis heute mit Genugtuung und Stolz erfüllt. Er unterrichtete nicht nur Sport, sondern auch Deutsch und Latein, obwohl er in letzterem Fach nur ein "ausreichend" auf dem Abiturzeugnis stehen hatte. Der Lehrermangel machte es möglich und nötig, ebenso wie seine Dienstzeitverlängerung über die Pensionsgrenze hinaus. Möllmathe möchte im Rückblick kein Schuljahr missen. "Wir wurden damals händeringend gebraucht und konnten uns die Schule aussuchen", schwärmt Möllmathe über die Berufsaussichten in den 50er und frühen 60er Jahren.
Seine Tochter Dagmar hatte nach ihrem Abitur 1983 keine Lust mehr auf Schulzeitverlängerung, sondern "das gute Gefühl, dass ich mit dem Abitur die Grundlage dafür geschaffen zu haben, theoretisch alles machen zu können, was ich wollte." Theoretisch Ja. Praktisch Nein. Denn der Nummerus Clausus verhinderte den Beginn eines Medizinstudiums. "Ich wollte Chirurgin werden", erzählt Porte. Doch die Trauer um den verwehrten Studienplatz hielt bei der Abiturientin nicht lange an: "Denn damals konnte man als Abiturientin noch jeden Ausbildungsplatz bekommen, den man haben wollte." Dagmar Porte wollte auf jeden Fall eine medizinische Berufsausbildung und lernte als Arzthelferin, ehe sie später als Verwaltungsfachansgestellte ins St. Marien-Hospital wechselte, wo sie heute im Bereich der Ambulanten Krankenpflege und Betreuung tätig ist. Ob solcher Erinnerungen ihres Großvaters und ihrer Mutter kann Christin Porte nur staunen. Sie kennt Jahrgangskollegen, die auch nach der 100. Bewerbung noch keine Ausbildungsstelle gefunden haben, die ihren Wünschen und Neigungen entspräche, und sich deshalb für die Warteschleife eines Studiums entschieden haben. Christin, die Hotelfachfrau werden möchte, hatte mehr Glück und fand nach der fünften Bewerbung einen Ausbildungsplatz im Seeparkhotel Geldern. "Das ist ein Vier-Sterne-Hotel", betont sie und lässt keinen Zweifel an ihren ehrgeizigen Ambitionen. "Mit dem Abitur in der Tasche, hat man die Chance, auch höhere
Positionen zu erreichen und nicht nur als Servicekraft zu arbeiten", ist sie überzeugt. "Ich habe mir keinen Stress gemacht. Ein guter Notendurchschnitt war mir nicht so wichtig wie die Tatsache, dass ich am Ende das Abitur habe", erinnert sich Christin an die Abiturphase. Mit ihrem Großvater ist sie sich einig, dass das Zentralabitur, bei dem sich die Schüler nur bedingt auf die extern gestellten Prüfungsanforderungen vorbereiten können, nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann.
Zentralabitur, Leistungs- und Grundkurse. Davon war noch keine Rede, als Klaus Möllmathe sein Abitur baute. Er wurde bis zum Schluss seiner Schullaufbahn im Klassenverband und in allen Fächern unterrichtet. "Natürlich hatten wir damals auch keine Fächer wie etwa Informatik", beschreibt Möllmathe das gewandelte Anforderungsprofil für Abiturienten. "Wir haben damals immer von der deformierten statt von der differenzierten Oberstufe gesprochen", erinnert sich Dagmar Porte an ihren Weg zum Abitur, der damals schon vom Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei der Wahl der Leistungskurskombinationen geprägt war. Wie ihre Mutter, musste auch Christin Porte auf dem Weg zum Abi die Erfahrung machen, dass der Lehrer- oder Schülermangel nicht alle Leistungskurswünsche wahr werden ließ.
Mehr Allgemeinbildung
Dagmar Porte und ihr Vater sind sich darin einig, dass zu ihren Abiturzeiten noch mehr Wert auf Allgemeinbildung und weniger Wert auf Spezialwissen gelegt wurde. "In einigen Leistungskursen werden ja heute halbe Professoren herangezogen und Wissen vermittelt, das eigentlich an die Universität gehört", scherzt Möllmathe. Und seine Tochter glaubt, dass man den Wert des Abiturs nur dann wieder steigern kann, wenn mehr Wert auf Allgemeinbildung und zentrale Fächer wie etwa Deutsch oder Mathematik gelegt wird, die bis zum Schluss in jeden Abiturkanon gehörten und nicht abgewählt werden dürften.
Ganz erstaunt war Dagmar Porte darüber, als sie jetzt davon las, dass an der Universität Hannover eine Männerquote eingeführt worden sei. "Zu unseren Zeiten hat man nur über Frauenquoten gesprochen", erinnert sie sich an ihren Abiturjahrgang und findet, dass die jungen Abiturientinnen heute oft viel selbstbewusster sind als die Abiturienten. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen ihrer Tochter Christin. Die drei Besten ihres Jahrgangs waren Frauen. Als Ursache für diesen Trend sieht sie vor allem die weibliche Sprachkompetenz und eine andere Einstellung zum Lernen. "Viele Jungs denken lieber an Party und Autos als an die Schule."
Während Christin sich darüber wundert, dass Ohrfeigen vom Lehrer in den Schülerzeiten ihres Großvaters ganz normal waren und nicht zu einer dienstrechtlichen Maßregelung des Pädagogen führten, wäre es ihrem Großvater seinerzeit nie eingefallen, einen noch so vertrauten Lehrer zu dutzen. In Sachen Stil und Umgangsformen hat sich Klaus Möllmathe aber darüber gefreut, dass der gute, alte Abiturball in Anzug und Abendkleid bei den Abiturienten 2009 ganz groß in Mode ist. Die Zeiten, "in denen das Abiturzeugnis auch schon mal ganz formlos beim Hausmeister abgeholt wurde", gehören aus seiner Sicht Gott sei Dank seit mehr als 30 Jahren der Vergangenheit an.

Montag, 13. Juli 2009

Passprobleme sind kein Einzelfall

Weil es auf dem Weg nach Florida nicht passte, klagt die Familie Wolters jetzt auf Schadendersatz. Stadt lehnt Haftung ab
Passprobleme auf dem Weg nach USA scheinen in Mülheim kein Einzelfall zu sein. NRZ-Leserin Nicole Wolters reagierte gestern auf unseren Bericht "Nicht passgenau nach Amerika" und berichtete der Redaktion, dass es ihr beim Bürgeramt ähnlich ergangen sei, wie der Familie Wiegand-Ahles.
Wolters und ihr Mann Michael wollten im Februar 2008 zusammen mit ihren Töchtern Marlene (damals eineinhalb Jahre) und Annelie (damals dreieinhalb Jahre) zu einem einwöchigen USA-Urlaub nach Orlando/Florida fliegen. Um auf Nummer sicher zu gehen, legten sie die Reisepässe ihrer Kinder zur Überprüfung beim Bürgeramt vor. Dort erhielten sie die Auskunft, Annelies Pass sei "in Ordnung" und Marlenes Pass brauche nur ein neues Foto.
Während Michael Wolters vor dem Abflug in die Ferien das Auto der Familie auf dem Langzeitparlplatz des Düsseldorfer Flughafens abstellte, erlebte seine Frau am Abflugschalter ihrer Fluglinie eine böse Überraschung. Während Annelies Pass unbeanstandet blieb, hätte Marlene nach den Passbestimmungen der USA in Orlando nicht einreisen dürfen.
Der kleine, aber feine und entscheidende Unterschied zwischen den Schwestern: Die Ältere wurde bereits geboren, bevor die USA im Oktober 2006 ihre Passbestimmungen verschärften, die für die Zweitgeborene aber Geltung hatten. Marlene brauchte also einen biometrischen und maschinenlesbaren Reisepass.
Diese Ungnade der späten Geburt kam Familie Wolters teuer zu stehen. 1000 Euro, so die Aufstellung ihrer Anwältin, waren für nichts als Ärger zu bezahlen. Flüge und Unterkunft für den einwöchigen Aufenthalt mussten storniert und umgebucht werden. Zurück in Mülheim bekamen sie auf ihre Beschwerde beim Bürgeramt die Auskunft: "Der Kollege hatte wohl einen schlechten Tag und sein Merkblatt nicht zur Hand." Für die erforderliche Ausstellung eines Express-Reisepasses für Marlene wurde ein Zuschlag von 32 Euro fällig.
Nach ihrer Rückkehr aus dem verspäteten und verteuerten Orlando-Urlaub schrieb Familie Wolters an die Oberbürgermeisterin und bekam postwendend einen Brief vom Rechtsamt, der das Bürgeramt für nicht zuständig und für nicht haftbar erklärte. Jetzt beauftragten die Wolters eine Rechtsanwältin, die auf der Internetseite der Stadt damals einen schriftlichen Hinweis auf die Zuständigkeit des Bürgeramtes für Auskünfte in allen Passangelegenheiten fand und sich sofort eine Kopie dieser Internetseite anfertigte. Zwei Tage, nachdem sich Familie Wolters mit diesem Beleg an die Stadt gewandt hatte, war der entsprechende Hinweis von der Internetseite der Stadt verschwunden.
Jetzt klagt die Familie besagte 1000 Euro beim Landgericht Duisburg ein, das die Angelegenheit am 4. September verhandeln will. Was Nicole Wolters ärgert, ist nicht der Fehler, der dem Bürgeramt bei der Überprüfung der Kinderreisepässe unterlaufen sei, sondern die Tatsache, dass sich die Stadt nicht zu einer Entschuldigung und zu mehr Kulanz habe durchringen können

Sonntag, 12. Juli 2009

Falscher Kinder-Pass verhinderte Reise in die USA

Die USA gelten als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch ihre Einreise und Passbestimmungen haben es in sich und zwar so sehr, dass auch das für Passangelegenheiten zuständige Bürgeramt in diesem Punkt keine verbindliche Auskunft geben kann und stattdessen auf die Botschaft und Konsulate verweist.
Claudia Wiegand mit ihrer Tochter Paula.
Als Claudia Wiegand und ihr Mann Magnus Ahles im Februar beim Bürgeramt für ihre heute neun Monate alte Tochter Paula einen Kinderreisepass beantragten, um zusammen mit ihr Ende Mai in die USA einreisen zu können, kreuzten sie auf dem Antragsformular „Kinderreisepass” an.
Das war ein Fehler. Richtig wäre ihr Kreuzchen bei „Reisepass für Kinder unter 18 Jahren” gewesen. Denn nur unter dieser etwas abstrus klingenden Rubrik (schließlich sind alle Kinder naturgemäß unter 18 und damit noch nicht volljährig) verbirgt sich der von den USA geforderte biometrische und maschinenlesbare Reisepass mit Sicherheitschip und Fingerabdruck.
Ohne den dürfen auch Kinder nicht ins gelobte Land der Freiheit einreisen. Doch das wussten weder Paulas Eltern noch die Sachbearbeiterin, der sie gleich zu Anfang von ihren Reiseplänen erzählten und zum Schluss das ausgefüllte Formular zur Überprüfung vorlegten. Sich arglos auf Amerika freuen ließ die Eltern auch der Vermerk im Kinderreisepass: „Gültig für alle Länder bis 2015.” Das dicke Ende kam erst kurz vor dem Abflug nach Los Angeles am 28. Mai.
Am Flughafen Düsseldorf klärte man die Eltern über die Einreise- und Passbestimmungen der USA auf. Folge: Magnus Ahles und seine Nichte mussten mit ihren gültigen Reisepässen alleine nach L.A. fliegen, um dort die festgebuchte Westküstenrundreise antreten zu können. Claudia Wiegand und Töchterchen Paula mussten dagegen zurück nach Mülheim, um auf die Schnelle einen biometrischen und maschinenlesbaren Express-Reisepass zu beantragen. Während sich Magnus Ahles und seine Nicht im amerikanischen Westen schon mal Arizona und Utah anschauten, warteten Mutter und Tochter in Mülheim auf den richtigen Reisepass fürs Kind.
Das dauerte. Schließlich war zwischendurch auch noch Pfingsten. Zum Ärger kamen die Storno- und Umbuchungskosten für Flüge und Hotels, die Paula und ihre Mutter in den USA nicht wie geplant in Anspruch nehmen konnten. Auch für den Express-Reisepass wurden zusätzliche Kosten fällig. Für einen normalen Reisepass sind 59 Euro zu berappen. Für einen Express-Reisepass wird ein Zuschlag von 32 Euro erhoben.
Wer in die USA einreisen will, braucht einen biometrischen und maschinenlesbaren Reisepass mit Sicherheitschip und Fingerabdruck.
So arg gebeutelt konnten Paula und ihre Mutter erst am 3. Juni ihren Lieben in die Neue Welt nachreisen. „Für Paula und mich sind noch Kalifornien und Nevada übrig geblieben”, erinnert sich Claudia Wiegand an ihre um eine auf zwei Wochen verkürzte Westküstentour, die ihr nur den halben Spaß, aber doppelt und dreifach Ärger und Kosten bescherte. Ihre durch die Pass-Posse entstandenen Mehrkosten von über 500 Euro, der entgangene Ferienspaß ist da noch nicht mitberechnet, möchte die Familie jetzt von der Stadt erstattet bekommen und hat ihr durch ihren Anwalt eine Kostenaufstellung zukommen lassen. Den Klageweg halten sich Wiegand und Ahles offen.
Zum schwebenden Verfahren selbst möchte der Leiter des Bürgeramtes, Reinhard Kleibrink, grundsätzlich nichts sagen. Doch für ihn liegt angesichts von rund 25 000 Personalausweisen und Reisepässen, die allein 2008 im Bürgeramt ausgestellt wurden, auf der Hand, dass seine 30 Mitarbeiter, die alle als Generalisten tätig sind, hoffnungslos damit überfordert wären, die sich ständig ändernden Einreise- und Passbestimmungen in den rund 200 Staaten der Erde rechtsverbindlich beurteilen zu können. Dies sei, so Kleibrink, siehe oben, nur den jeweiligen Konsulaten und Botschaften möglich.