Sonntag, 30. August 2009

Drei Kreuze: Mülheim hat die Wahl


Heute haben 135.000 Mülheimer gleich dreimal die Wahl. Sie wählen die oder den OB, die 52 Stadtverordneten des Rates und die dreimal 19 Mitglieder der für die Stadtteile zuständigen Bezirksvertretungen. Nicht nur der Chef des Wahlamtes, Wolfgang Sauerland (Foto), und seine Mitarbeiter und Wahlhelfer werden ihren Großkampftag erleben.

Die Parteien haben sich den mit den Beiträgen ihrer Mitglieder und Mandatsträger sowie mit Spenden finanzierten Wahlkampf einiges kosten lassen. Die mitgliederstärkste Partei der Stadt, die SPD, investierte, laut Geschäftsführer Klare, einen hohen fünfstelligen Betrag. Die CDU musste nach Angaben ihres Schatzmeisters Werner Oesterwind mit einem mittleren fünfstelligen Betrag auskommen. Noch bescheidener musste das Wahlkampfbudget bei den kleineren Parteien ausfallen, die erheblich weniger Mitglieder als SPD (rund 2.500) und CDU (rund 1000) haben. Bei FDP und Grünen bezifferte man den Etat für das Wahljahr 2009 mit 15.000 bis 20.000 Euro, während das Wählerbündnis Wir aus Mülheim (WIR) und die Mülheimer Bürgerinitiativen (MBI) nur 8000 bis 10.000 Euro für ihren Kommunalwahlkampf ausgaben.

Wer am Ende die Nase vorn hat, wird sich nicht zuletzt daran entscheiden, wie viele Bürger von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen werden. Bei der letzten OB-Wahl lag sie unter 40 Prozent. Der Tenor der Gespräche, die ich in der Wahlkampfzeit geführt habe, lautete: Noch nie war es so schwer, die für sich richtige Wahlentscheidung zu treffen. Hinzu kommt, dass, anders, als bei der letzten OB-Wahl bereits die einfache Stimmenmehrheit über den oder die künftige OB entscheidet. Es gibt keine Stichwahl mehr. Die Entscheidung muss also bereits am heutigen Sonntag fallen. Und während der Rat und die Bezirksvertretungen für jeweils fünf Jahre gewählt werden, wird die oder der künftige OB für sechs Jahre an der Spitze von Stadt und Verwaltung stehen.

Die Amtsinhaberin Dagmar Mühlenfeld (SPD), die als ehemalige Schulleiterin im Wahlkampf vor allem auf ihr Leib- und Magenthema Bildung ("die entscheidende Zukunftsfrage des 21. Jahrhunderts, an der auch unser Wohlstand, unsere innere Sicherheit und unser sozialer Friede hängen.") geht sicher mit einem gewissen Amtsbonus ins Rennen. Sie ist aber auch nicht unumstritten. Weiter umstritten bleiben zum Beispiel das große Stadtentwicklungsprojekt Ruhrbania, dass die Innenstadt an die Ruhr holen und beleben soll. Das gleiche gilt auch für den Standort der parteiübergreifend begrüßten Fachhochschule. Der Eindruck vieler Bürger: Das Thema wurde in der Öffentlichkeit zerredet, statt hinter verschlossenen Türen zu einer schnellen und sachgerechten Lösung zu kommen.

Mühlenfelds Herausforderer Stefan Zowislo von der CDU agierte im Wahlkampf nicht immer ganz glücklich. Seine Korruptionsvorwürfe gegen den ehemaligen Oberbürgermeister Jens Baganz, heute Wirtschaftsstaatssekretär der Landesregierung, dessen OB-Wahlkampf Zowislo 1999 sehr erfolgreich gemanagt hatte, überschatteten seinen Start in die heiße Wahlkampfphase, weil er sie am Ende kleinlaut zurücknehmen musste. Doch in den letzten Wochen hat sich Zowislo wieder gefangen und in seiner Kampagne vor allem die Wiederbelebung der Innenstadt thematisiert, die er mit einem zentralen City-Management vorantreiben will. Zowislo ist in Mülheim kein unbekannter. Er war nicht nur Parteigeschäftsführer der CDU und Pressechef im Rathaus, sondern auch Geschäftsführer der Mülheimer Stadtmarketinggesellschaft MST, ehe er als Marketingleiter zur WAZ-Mediengruppe wechselte. Zuletzt machte Zowislo durch sein Plädoyer für eine schwarz-grüne Koalition von sich Reden.

Nur Außenseiterchancen haben zweifellos die Bewerber der kleineren Parteien und Wahlbündnissse. Die Mülheimer Bürgerinitiativen schicken ihren Dümptener Bezirksvertreter Friedel Lemke ins Rennen, der sich in seinem Wahlkampf vor allem das Anliegen Mehr Bürgerbeteiligung auf die Fahnen geschrieben hat. Die Stadt, so seine These, täte gut daran, den Sachverstand der Bürger, besser als bisher, in ihre Entscheidungen mit einzubeziehen statt teure Gutachten in Auftrag zu geben.

Der für die FDP antretende Rechtsanwalt Christian Mangen argumentierte nach dem Motto: Weniger ist mehr für eine konsequente Haushaltskonsolidierung. Die Stadt, so seine Forderung, muss sich auf ihre infrastrukturellen Kernaufgaben konzentrieren, um sich finanziell nicht zu verzetteln und handlungsfähig zu bleiben. Außerdem möchte Mangen als OB zukunftsfähige Arbeitsplätze in Mülheim befördern und die Verkehrsführung in der Innenstadt optimieren.

Die Einführung eines Bus- und Bahn-Sozialtickets für bedürftige Bürger und die Einrichtung einer vierten Gesamtschule für Mülheim waren zentrale Wahlkampfforderungen des Linken-OB-Kandidaten Wim Ehlers. Da es bei der Kommunalwahl keine Fünf-Prozent-Hürde gibt, macht sich seine Partei berechtigte Hoffnungen neben SPD, CDU, FDP, MBI, Grünen und WIR in den Rat und die Bezirksvertreungen einzuziehen.

Die Grünen, die bei den vorangegangenen Wahlen insbesondere an die MBI und WIR Stimmen verloren haben, haben ihre Landtagsabgeordnete Barbara Steffens als OB-Kandidatin nominiert. Steffeens will sich unter anderem für eine barrierefreie Stadt einsetzen, die sich auch mit wohnortnahen Sozialdienstleistungen, besser, als bisher auf die Herausforderungen des demografischen Wandels einstellt und die soziale Teilhabe möglichst vieler Bürger sichert. Bebauungsplänen in der Frischluftschneise an der Tilsiter Straße steht sie ebenso ablehnend gegenüber, wie dem Flughafenbetrieb. Auch auf kommunal Ebene muss, laut Steffens, mehr für die Einsparung von Energie und die Förderung erneuerbarer Energieträger getan werden.

Der unabhängige Einzelbewerber Eugen Kalff, Arbeitsdirektor bei einm NRW-Abwasserverband, versuchte in seiner Wahlkampagne für das OB-Amt vor allem mit dem Thema: Keine Privatisierung öffentlicher Einrichtungen zu punkten. Sozialdemokrat Kalff hatte das 2005 erfolgreiche Bürgerbegehren gegen Privatisierungen im Bereich der kommunalen Daseinsvorsorge initiiert. Außerdem will er sich als OB die 3400 Mitarbeiter der Stadtverwaltung dazu motivieren, ihre Dienstleistung bürgerfreundlicher zu erbringen.

Sonntag, 23. August 2009

Plakative Ansichten zur Eröffnung des neuen Medienhauses


Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Das Sprichwort kennen auch die Macher des Medienhauses. Deshalb ließen sie den Klaus D. Schiemann einfach mal machen. Sie erinnern sich. Das ist der Künstler, der uns mit den Motiven seines Mülheim-Schirms auch an Regentagen auf die Sonnenseiten der Stadt blicken lässt.


Jetzt hat er sich ein Plakat mit diversen Motiven zum Medienhaus aus der Feder fließen lassen. Das will ja schließlich auch zum Mülheimer Wahrzeichen werden, obwohl seine moderne Architektur mit dem Charme der Alten Post nicht mithalten kann und eher an das Berliner Kanzleramt oder den inzwischen abgerissenen Palast der Republik erinnert.


Und zwischen Klassik und Moderne lässt der Hajek-Brunnen grüßen. All diese Motive hat Schiemann in bester Popart-Manier auf seinem Plakat zur Eröffnung des Medienhauses verarbeitet. Dazwischen CDs und Bücher durch die Luft. Klar. Es geht ja um ein Medienhaus. Stadtbücherei, das war gestern.


Der Künstler im Rampenlicht macht dem Betrachter deutlich, dass man im Medienhaus Kultur nicht nur gedruckt oder ton- und bildtechnisch konserviert, sondern auch live erleben kann. Doch was wollte uns der Künstler mit Kamel und Elch sagen. Ein Schelm, der dabei an technisch weniger begabte Bibliotheksnutzer denkt, die angesichts der neuen Verbuchungsautomaten das Gefühl haben könnten: "Ich glaub, mich tritt ein Elche!" oder: "Ich bin doch ein Kamel!"


Mitnichten. Der Elch stehe für schwedische Krimis und das Kamel für Abeneteuer und ferne Länder. So klärt uns Bibliothekschef Klaus-Peter Böttger auf. Na ja. Dann können wir uns ja getrost auf das Abenteuer der modernen Bibliothekstechnik einlassen statt uns kriminell über sie zu ärgern.

Weitere Informationen über den Künstler Klaus D. Schiemann und seine Arbeit finden Sie unter http://www.klausschiemann.de/


Samstag, 22. August 2009

Von der Stadtbücherei zum Medienhaus


Mit der Eröffnung des Medienhauses am Viktoria- und Synagogenplatz ist in Mülheim ein neues Kapitel aufgeschlagen worden. Der Bau, der nach den Plänen des Architekten Martin Starmans in den letzten 22 Monaten im Rahmen eines Public-Private-Partnership-Projektes für 15,2 Millionen Euro errichtet worden ist, beherbergt nicht nur die Stadtbücherei, sondern auch das städtische Medienzentrum und das Service-Center der Mülheimer Stadtmarketing- und Tourismusgesellschaft MST sowie ein Service-Center des RWE.

Büchereileiter Klaus-Peter Böttger schätzt, dass die Mitarbeiter seines Hauses mit insgesamt 165.000 Medien von der alten Stadtbücherei am Rathausmarkt in das neue Medienhaus am Viktoriaplatz umziehen mussten. Mit verlängerten Ausleihzeiten hatte die Stadtbücherei ihre Nutzer dazu animiert, möglichst viele Medien auszuleihen. So mussten am Ende etwa 30.000 Medien beim Mega-Umzug nicht ein- und ausgepackt werden, weil sie schlicht entliehen waren.

Besonders froh ist Bibliothekschef Böttger darüber, dass die Stadtbücherei im neuen Medienhaus nicht nur über einen mehrfach nutzbaren Seminarraum verfügt, sondern auch die Zahl ihrer Internet-Arbeitsplätze von fünf auf 22 erhöhen konnten. Gewöhnungsbedürftig dürften für viele Büchereikunden die neuen Verbuchungsautomaten im Erdgeschoss sein. Mit Hilfe ihres neuen Ausweises können Kunden ihre ausgeliehenen oder zurückgegebenen Medien jetzt selbstständig verbuchen. Vorteil: Eine Rückgabe von Buch und Co wird jetzt im Foyer des neuen Medienhauses rund um die Uhr möglich sein.

Das neue Medienhaus soll aber auch ein Veranstaltungsort werden. Deshalb hat man einen Teil der Regale in der ersten Etage auf Rollen gestellt und sich so die Option eröffnet, bei Bedarf eine Veranstaltungsfläche mit bis zu 200 Sitzplätzen für Zuhörer zu schaffen. Noch etwas warten müssen Medienhausbesucher auf ein Cafe, das dort am 1. September eröffnet werden soll und auf das neue Kino Rio, in dem es ab Oktober "Film ab" heißen soll. Ab sofort profitieren Büchereikunden aber von den erweiterten Öffnungszeiten der Stadtbücherei, die jetzt auch montags geöffnet hat.

Die Stadtbücherei im neuen Medienhaus am Viktoriaplatz ist unter der zentralen Rufnummer: 455-4141 erreichbar. Weitere Informationen gibt es im Internet unter http://www.stadtbuecherei-mh.de/

Das alte Bibliotheksgebäude am Rathausmarkt, das im März 1969 eröffnet worden war, soll im September mit einem Jugendkulturfestival verabschiedet und später zugunsten der neuen Ruhrpromenadenbebauung und Platzgestaltung im Rahmen des Stadtentwicklungsprojektes Ruhrbania abgerissen werden. In Mülheim gibt es bereits seit 1883 eine Stadtbücherei. Bevor sie 1969 in einem Neubau am Rathausmarkt untergebracht wurde, hatte sie ihr Domizil von 1951 bis 1970 dort, wo heute im Rahmen der Ruhrbania-Planung neue Wohnungen mit Ruhrblick eingerichtet worden sind.

Sonntag, 16. August 2009

Als Mülheim das Wasser bis zum Hals stand - Ein Rückblick auf das große Unwetter vom 15. August 1954

Regen, Sturm und tropische Hitze. Da denkt man an den Klimawandel oder an Rudi Carells Lied: "Wann wird es mal wieder richtig Sommer?" So geht der 15. August 1954 als der Tag in die Mülheimer Geschichte ein, an dem der große Regen kam. Zwischen vier Uhr morgens und dem späten Nachmittag registriert das Wetteramt für Mülheim 130 Millimeter Niederschlag. Danach sehen weite Teile der Stadt, wie eine Seenlandschaft aus.

Besonders hart werden das Rumbachtal und die Stadtmitte getroffen. Das Wetteramt spricht von der größten Unwetterkatastrophe, die die Stadt seit 1891 erlebt hat. Straßen werden überschwemmt und von den Wassermassen aufgerissen. Böschungen rutschen ab. Mauern stürzen ein. Gehwege werden unterspült. Weil auch Starkstromstationen und Kabelschächte plötzlich unter Wasser sind, kommt es zeitweise zu Stromausfällen und Unterbrechungen der Telefonverbindungen. Straßenbahnen müssen angesichts der Wassermassen aus dem Verkehr gezogen werden. Viele Straßen sind nicht mehr passieren.

Die Einsatzkräfte des Tiefbauamtes, privater Baufirmen, aber auch der Feuerwehr und der Polizei sind pausenlos im Einsatz, um technische Nothilfe zu leisten. Doch, wo anfangen. In Mülheim bekommen die Menschen an diesem sintflutartigen Regentag nicht nur nasse Füße. Auch in Fabriken zerstört das Wasser Lagerbestände und Maschinen. Angesichts überfluteter Felder spricht die Lokalpresse von "gelben Meeren". Und überall bekommen die Lokalreporter immer wieder zu hören: " So etwas haben wir hier noch nicht erlebt."

Oberbürgermeister Heinrich Thöne, Stadtdirektor Friedrich Freye und der Leiter des Tiefbauamtes, Baurat Mertens, werden an diesem Sonntag, an dem Kirch- und Spaziergang wegen höherer Gewalt ausfallen müssen, zum wandelnden Krisenstab. Sie eilen von einem Krisenherd zum nächsten. Am Tag nach dem großen Regen treffen sich Thöne, Freye und Mertens mit den Fraktionsvorsitzenden des Stadtrates im Rathaus zur Krisensitzung. In seinem vorläufigen Schadensbericht, eine genaue Schadensbilanz gibt es damals noch nicht, spricht Tiefbauamtschef Mertens von stadtweit 18 Großschäden. Zumindest in Mülheim ist aber kein Menschen den Regenfluten zum Opfer gefallen.

Schnell wird klar: Die Schäden gehen in die Millionen. Sie zu beheben, wird Wochen in Anspruch nehmen und nicht ohne finanzielle Hilfe des Landes gelingen.

Samstag, 15. August 2009

Drum, Mensch sei weise und reise - Ein Gespräch mit dem Globetrotter Wilhelm Schröder über das Reisen und Zurückkommen


Mit den Sommerferien endet die klassische Urlaubs- und Reisezeit. Was bleibt, sind die Erinnerungen an eine schöne Reise oder der Traum vom nächsten Reiseziel. Das nahm ich zum Anlass, um mit dem Globetrotter Wilhelm Schröder, den die meisten Mülheimer noch als Leiter der Wilhelm-Busch-Förderschule kennen, über den Mehrwert des Reisens zu sprechen. Der Pädagoge, der ein Jahr nach seiner Pensionierung jetzt auch außerhalb der Schulferien nach Herzenslust durch die Weltgeschichte reisen kann, darf getrost als weitgereister Mann von Welt angesehen werden.

Der 66-Jährige schätzt, dass er in seinem Globetrotterleben bisher 30 Länder der Erde bereist hat. Thailand und die Türkei kennt er ebenso aus der eigenen Anschauung, wie Südafrika oder die Länder Südamerikas. Wenn man den Weltenbummler nach seiner Motivation zum Reisen fragt, zitiert er Kurt Tucholsky: "Reisen ist Sehnsucht nach Leben" und nennt er seine Neugier, sein Neugier auf Menschen, auf immer neue Länder und ihre Kultur. "Man kann 1000 Seiten über ein Land gelesen haben und kennt es doch nicht, wenn man nicht selbst dort gewesen ist", ist Schröder überzeugt. Hier hält er es mit dem Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827), der gesagt hat: "Anschauung ist das Fundament der Erkenntnis."

Stimmt es also, das Reisen bildet? Lebt und handelt man als Weitgereister auch daheim anders. "Auf jeden Fall", betont Schröder. Insbesondere seine Reisen durch Länder der Dritten Welt, seine nächsten Ziele sind Indien und Vietnam, haben ihn zu der Erkenntnis kommen lassen, "dass wir hier immer noch sehr sicher und wie in einem Paradies leben." Weil er auf seinen vielen Reisen selbst erlebt hat, wie es ist, fremd zu sein, geht er nach seiner eigenen Einschätzung, auch zu Hause "mit Fremden höflicher um, als es vielleicht der Durchschnitt tut."

Die eigene Anschauung der Armut in Entwicklungsländern hat ihn, so glaubt Schröder, auch hierzulande "sensibler und generöser" gemacht, wenn er armen Menschen begegnet. "Die sitzen hier ja auch zunehmend auf der Straße, weil die Wirtschaftskrise viel Armut hervorbringt", unterstreicht der pensionierte Pädagoge, der auf seinen Reisen durch ärmere Länder ganz bewusst auch Arbeiten junger Künstler kauft und hier unter http://www.kudewel.de/ vermarktet, um den künstlerischen Nachwuchs aus der Dritten Welt zu fördern.

Allerdings glaubt Weltenbummler Schröder auch, dass wir in Deutschland von der Mentalität in anderen Ländern lernen können. "Dort hat man weniger Hektik und Stress, geht das Leben gelassener an", schildert er seine Reiseindrücke und fragt sich nach seiner Heimkehr immer wieder: "Muss das hier wirklich immer so sein, wie es ist." Nicht nur das Credo von Sauberkeit und Pünktlichkeit, sondern auch die Regulierungswut deutscher Bürokratie scheint ihm im internationalen Vergleich als reichlich regide und maßlos übetrieben.

Doch was bleibt von einer Reise nach der Rückkehr in den schnöden Alltag? Für Wilhelm Schröder sind es vor allem seine vielen Reisebilder im Kopf, "die ich jederzeit abrufen kann." Und dann sieht er sich zum Beispiel auf einem Elefanten durch den thailändischen Dschungel reiten oder in der südafrikanischen Abendsonne ein Tier an der Tränke beobachten. Solche Phanatsiereisen wären wohl auch seine letzte Zuflucht, sollte ihm das Reisen eines Tages aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich sein. Doch diesen Gedanken schiebt der Globetrotter lieber weit weg und vergleicht das Reisen, frei nach Augustinus, mit dem Lesen in einem Buch: "Die Welt ist ein Buch," wusste schon der alte Kirchenvater: "Wer nicht reist, sihet nur eine Seite." Und Schröder möchte noch viele neue Seiten aufschlagen, ohne dabei das wichtigste Ziel seiner eigenen Lebensreise aus den Augen zu verlieren: "Mit sich selbst im Reinen sein und andere Menschen glücklich machen."

Und als Kronzeugen dafür, dass das Reisen selbst ein wichtiges Lebensziel sein kann, führt der langjährige Leiter der Wilhelm-Busch-Förderschule deren Namensgeber an, der einmal geschrieben hat: "Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele. Gesundheit, reisen und Kultur. Drum Mensch sei zeitig weise. Höchste Zeit ist es: Reise, reise!"







Die Demokratie der frühen Jahre - Als Mülheim den ersten Bundestag mitwählte

Wen wählen? Die Frage stellt sich für die Mülheimer auch vor 60 Jahren. Am 14. August 1949 sind 102.000 Bürger der Stadt aufgerufen, den ersten Deutschen Bundestag zu wählen. Knapp 77 Prozent von ihnen machen am Ende von ihrem Stimmrecht Gebrauch. Vier Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur, steckt die westdeutsche Demokratie noch in den Kinderschuhen.

Auch damals wird in der Lokalpresse diskutiert, wie viele Bürger den über haupt wählen gehen werden. Die politischen Kräfteverhältnisse sind noch nicht ganz klar. Während sich auf Bundesebene die Frage Adenauer oder Schumacher stellt, heißt es in Mülheim Striebeck oder Langner. Die SPD hat den Redaktionsleiter der Mülheimer NRZ, Otto Striebeck, aufgestellt, die CDU den Geschäftsführer der Inneren Mission, Heinz Langner. Die Kernfrage des Wahlkampfes lautet: Mit CDU und FDP für die Soziale Marktwirtschaft oder mit Schumacher und der SPD für eine Sozialisierung und staatliche Planung der Wirtschaft?

Doch da gibt es auch noch andere Parteien, die im August 1949 zur Wahl stehen. Auf der Linken macht die ebenfalls wiedergegründete KPD der SPD Konkurrenz. Im bürgerlichen Lager werben die neugegründete FDP, die wiederbegründete Zentrumspartei und die neue rechtsnationale Deutsche Reichspartei um Stimmen.

Die Endphase des Wahlkampfes verläuft hitzig. Die Lokalpresse berichtet über Kandidaten, die von einer Veranstaltung zur anderen eilen und von Plakatkleberkolonnen, die die Hauswände in bunte Flickenteppiche verwandeln und auch nicht davor zurückschrecken, die Plakate der politischen Konkurrenz zu überkleben. Auch von Handgreiflichkeiten in der Hitze des Wahlkampfgefechtes wird berichtet.

Derweil zimmern Handwerker an der Von-Bock-Straße 600 Wahlkabinen, damit die Wahl nicht nur frei und allgemein, sondern auch geheim über die Bühne gehen kann. Der Wahltag selbst verläuft ruhig. In 97 Wahllokalen machen die Mülheimer ihr Kreuz, nur eines. Denn eine Zweitstimme gibt es bei der ersten Bundestagswahl noch nicht. Am Wahlabend sieht es lange nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus. In der Stadtkasse werden die telefonisch aus den Wahllokalen übermittelten Ergebnisse zusammengetragen. Um 22 Uhr steht fest: Der Sozialdemokrat Otto Striebeck hat 34,9 Prozent der Stimmen das Rennen gemacht und zieht als erster Mülheimer Abgeordneter in den Bundestag ein.

Mit 28,2 Prozent der Stimmen geht der Christdemokrat Heinz Langner als Zweiter durchs Ziel. Drittstärkste Kraft wird die FDP. Deren Kandidat, der Betriebswirt Wilhelm Dörnhaus,
erringt 13,1 Prozent. Der Betriebsratsvorsitzende des Eisenbahnausbesserungswerke, Friedrich Müllerstein, erringt für die KPD mit 10,1 Prozent. Der konservative Rechtsanwalt Günther Kujath holt für die rechtsnationale Deutsche Reichspartei 7,1 Prozent, während das kathoolische Zentrum mit seinem Kandidaten Josef Hanbück nur 3,2 Prozent erringen konnte. "Wähler entscheiden sich für die Demokratie - Radikale bleiben Splitterparteien", kommentiert die Lokalpresse am Tag danach das erste Mülheimer Bundestagswahlergebnis.

Sonntag, 9. August 2009

Die Aktienstraße - Vom Kohlenweg zur Hauptverkehrsstraße



Viele Wege führen heute von Mülheim nach Essen und umgekehrt. Einer der meistgenutzten ist wohl die auf Mülheimer Seite 3,4 Kilometer lange Aktienstraße. Zwischen Sandstraße und Friedrich-Ebert-Straße wird sie täglich von insgesamt 44.000 Fahrzeugen überrolt.

Angesichts solcher massenhaften Verkehrsströme hätte der alte Mathias Stinnes wohl nur den Kopf geschüttelt. Denn er kam bereits in den 1820er Jahren auf die Idee, eine Straße zu bauen, die Mülheim und Essen möglichst schnurstracks verbinden sollte, um die in Essener und Mülheimer Zechen zutage geförderte Kohle möglichst schnell an die Ruhr zu bringen und dort per Schiff zum Beispiel in die Niederlande zu transportieren.

Heute kann man es sich gar nicht mehr vorstellen, dass der Weg von Mülheim nach Essen vor der Eröffnung der Aktienstraße am 5. August 1839 abenteuerlich war und zum Teil durch morastige Schluchten und Gräben führte. Das empfanden Stinnes und andere Zechenbesitzer und Kohlenhändler als unerträgliches Handelshemmnis und gündeten unter anderem mit der Witwe des Textilfabrikanten Troost eine Aktiengesellschaft zum Bau der späteren Aktienstraße. Die Sache ließ sich gut an. Schon 1829 hatten Stinnes und Co 160 Aktien für je 200 Reichstaler an die Frau und den Mann gebracht. Auch der preußische Staat gewährte dem Straßenbauprojekt einen Zuschuss von 3000 Talern. So war die Finanzierung des am Ende 32 000 Taler kostenden Straßenbaus kein Problem. Doch die Aktionäre hatten ihre Rechnung ohne die Eppinghofer Bürger gemacht. Ihr Protest, der aus der Sorge vor Überschwemmungen des Eppinghofer Baches angetrieben wurde, sorgte dafür, dass erst im März 1839 mit dem Bau der Aktienstraße begonnen werden konnte.


Refinanziert wurde ihr Bau nachträglich durch eine Mautgebühr. Wer mit seinem Fuhrwerk über die Aktienstraße fahren wollte, musste an der Grenze Borbeck oder bei der Gaststätte Kirchberg (heute Bürgergarten) bis zu 2 Silbergroschen und sechs Pfennige bezahlen. Nur Fuhrwerke des Königs der Armee oder der Kirche durften die Aktienstraße gratis passieren.

Doch dieser Betrieb der Aktienstraße rechnete sich nur bis 1862. Nach dem Anschluss Mülheims an das Eisenbahnnetz wurde die Aktienstraße zu einer normalen Verkehrsstraße. Um 1900 zog man die Konsequenz, löste die alte Aktiengesellschaft auf und verkaufte die Straße an die Stadt.
Die verlegte dort noch vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges Straßenbahngleise und passte die Aktienstraße durch einen Aus- und Umbau, mit dem man im Dezember 1966 begann, bis zum Ende der 80er Jahre an die heutigen Verkehrsströme und due Bedürfnisse der Verkehrsteilnehmer an, die sie mit dem Auto, der Bahn oder zu Fuß passieren

Als die Weiße Flotte ein neues Flaggschiff bekam



Heute ist Sonntag. Wie wäre es da mit einer Bootstour de Ruhr? Die Weiße Flotte macht es möglich. Rund 85.000 Fahrgäste gönnen sich jährlich dieses Vergnügen. Doch der für die Weiße Flotte zuständige Geschäftsführer der städtischen Betriebe, Joachim Exner, wird wehmütig, wenn er zum Beispiel in das Jahr 1954 zurückschaut.

Damsls, genauer gesagt, am 2. August 1954 startete mit der Mülheim an der Ruhr das neue Flaggschiff der Weißen Flotte am Wasserbahnhof zu seiner Jungfernfahrt. Mitte der 50er Jahre, es war die Zeit des Wirtschaftswunders, zählte man bei der Weißen Flotte noch knapp 490.000 Fahrgäste pro Saison. Und die Flotte selbst bestand nicht, wie heute, aus vier, sondern aus ingesamt sieben Schiffen.

Ob solcher unternehmungslustiger Massen war das im Auftrag der Stadt für 200.000 Mark auf der Werft Clausen in Oberwinter am Rhein gebaute Schiff, das 300 Fahrgästen Platz bot, als Verstärkung der Weißen Flotte hoch willkommen. "Wir Mülheimer können uns beglückwünschen. Man fährt in diesem Schiff so geräuschlos und erschütterungsfrei, wie in einem Segelboot," lobte die Lokalpresse den Neuzugang der Flotte. Und Friedrich Freye, seines Zeichens Stadtkämmerer, Stadtdirektor und Chef der städtischen Betriebe in einer Person, gab bei der Jungfernfahrt der Mülheim seiner Hoffnung Ausdruck, dass das neue Flagschiff der Flotte möglichst bald zusätzliche Geschwisterschiffe bekommen möge. Und der damalige Oberbürgermeister Heinrich Thöne wünschte sich angesichts der Jungfernfahrt des stolzen Schiffes, "dass diese wertvolle Arbeit ein Werk des Friedens bleiben möge." Damit erinnerte er daran, dass einige Schiffe der Weißen Flotte während des Zweiten Weltkrieges von der Kriegsmarine zweckentfremdet und bei ihrem militärischen Einsatz zerstört wurden.

Betriebe-Chef Exner schätzt, das man heute für ein vergleichbares Motorschiff bis zu 750.000 Euro investieren müsste. Doch angesichts der aktuellen Fahrgastzahlen denkt man derzeit bei der Weißen Flotte nicht an Expansion, sondern an Bestandssicherung. Allein die Wartung der vier Flottenschiffe kostet die Betriebe der Stadt pro Jahr 80.000 Euro. Finanzierungsnöte kannte die Stadt 1954 offensichtlich nicht. Denn schon im Herbst 1954 wurde bei der Werft Clausen in Oberwinter ein neues Schiff in Auftrag gegeben, das im Frühsommer 1955 seine Jungfernfahrt auf der Ruhr erleben sollte.

Damit hatte sich der Wunsch von Friedrich Freye erfüllt, der auch zum Namensgeber des neuen Schiffes werden sollte. Doch die Jungfernfahrt des nach ihm benannten Schiffes erlebte Freye nicht mehr. Kurz nach seiner Pensionierung war er, 66-jährig, im Januar 1955 an den Folgen eines Herzinfarktes verstorben. Die Friedrich Freye schippert bis heute Ausflügler über die Ruhr, ebenso wie die alte Mülheim, die jetzt unter dem Namen Oberhausen fährt.

Samstag, 8. August 2009

Siemens Mülheim bleibt in der Krise auf Kurs


Kurzarbeit, das macht Standortsprecherin Kerstin Reuland deutlich, ist für Siemens in Mülheim auch in der Wirtschaftskrise kein Thema. Das Unternehmen hatte seine Belegschaft in den letzten Monaten sogar noch einmal aufgestockt. Dezeiten arbeiten 4600 Menschen bei Siemens in Mülheim. Hier werden Gas- und Dampfturbinen sowie Generatoren für Kraftwerke hergestellt.

Unter anderem ein Großauftrag für das niederländische Gasturbinen- und Kombikraftwerksprojekt Enecogen im Hafen von Rotterdam sorgen am Siemens-Standort Mülheim, laut Reuland, für eine nahezu 100-prozentige Auslastung. Bisher habe die Krise nur zu einem Abbau von Überkapazitäten und Auftragsvergaben an Zulieferbetrieben geführt.

Neueinstellungen, so die Standortsprecherin, werden derzeit aber nicht mehr auf breiter Front, sondern nur noch punktuell im Ingenieursbereich vorgenommen. Als Ausbildungsbetrieb bleibt Siemens in Mülheim vorerst eine sichere Bank. Zum 1. September beginnen dort 100 Jugendliche, acht mehr als im Vorjahr, ihre Ausbildung.

Dennoch bleibt auch der Weltkonzern Siemens, der seit genau 40 Jahren in Mülheim ansässig ist, von der aktuellen Weltwirtschaftskrise nicht verschont. Bei einer Bilanzpressekonferenz in München teilte Siemens-Vorstandschef Peter Löscher kürzlich mit, dass Siemens im dritten Quartal 2009 im Vergleich zum dritten Quartal 2008 einen Umsatzrückgang um 4 Prozent auf jetzt rund 18,3 Milliarden Euro hinnehmen musste. Gleichzeitig sank der Auftragseingang bei Siemens um 27 Prozent auf jetzt 17,2 Milliarden Euro.

Freitag, 7. August 2009

Das späte Erbe des Mülheimer Bergbaus

Bergbau. Das ist für Mülheim ein Thema von gestern. Stimmt. Denn die letzte Zeche der Stadt (Rosenblumendelle) wurde bereits 1966 stillgelegt. Stimmt aber auch wieder nicht. Denn die Folgen des Bergbaus bekommen wir bis heute zu spüren.

Denn überall dort, wo legal oder auch illegal, im Mülheimer Norden Kohle zu Tage gefördert worden ist, kommt es immer wieder zu Bodenabsenkungen, in den letzten Jahren zum Beispiel an der Mühlenstraße, am Winkhauser Weg oder an der Steinkuhle und jetzt am Winkhauser Talweg. Dort hat sich die Erde aufgetan.

Zuständig für die Folgeschäden des Ruhrbergbaus ist das bei der Bezirksregierung Arnsberg angesiedelte Bergamt in Gelsenkirchen, das inzwischen dort als Abteilung für Bergbau und Energie firmiert. Der mit der jüngsten Bodenabsenkung am Winkhauser Talweg befasste Oberbergrat Dietmar Oesterle hat ein geologisches Risikokataster zu Rate gezogen, das von den Dortmunder Kollegen seiner Abteilung zusammen mit dem Geologischen Dienst des Landes im Auftrag des NRW-Wirtschaftsministeriums erarbeitet worden ist. Dieses Kataster beruht auf mehr als 100.000 Grubnboldern und Grubenkarten, die den Ruhrbergbau seit Ende des 18. Jahrhunderts dokumentieren.

Doch dieses Kataster erfasst auch nicht alle Stellen des Ruhrgebietes, an denen Kohle legal oder illegal zu Tage gefördert wurde. Denn erst 1865 wurde in Preußen die Pflicht zur Anfertigung von Grubenkarften und Grubenbildern gesetzlich vorgeschrieben. Außerdem hat es in Kriegs- und Krisenzeiten immer wieder oberflächennahe und illegale Kohleförderung mit Schippe und Hacke gegeben. Letztere ist dem Anschein nach auch die Ursache für die jüngste Bodenabsenkung am Winkhauser Talweg.

Das bringt ein Haftungsproblem mit sich. Denn in diesem Fall kann die zuständige Abteilung der Bezirksregierung keine Bergbaugesellschaft oder deren Rechtsnachfolgerin für die Folgeschäden des Kohlenabbaus belangen. Das bedeutet, die Behörde und mit ihr das Land bleiben auf den Kosten für die Sicherungsmaßnahmen sitzen. So müssen am Winkhauser Talweg jetzt Probebohrungen durchgeführt werden, um mögliche Hohlräume, die der Kohlenabbau hinterlassen hat. Vorhandene Hohlräume müssten dann in einem zweiten Schritt mit einem Spezialbeton verfüllt werden.

Von der aktuellen Bodenabsenkung am Winkhauser ist auch ein privater Anlieger betroffen, der mit Reparaturkosten für beschädigte Abwasserleitungen rechnen muss. Denn die übernimmt weder die Bergbauabteilung der Bezirksregierung Arnsberg, die nur für die reinen Absicherungsmaßnahmen verantwortlich ist noch die Stadt und ihr Tiefbauamt, das finanziell gesehen lediglich für die Sicherung des unmittelbar von Bergschäden betroffenen Straßenkörpers zuständig ist.

Montag, 3. August 2009

Wohin steuert der Mülheimer Arbeitsmarkt

Haben wir eine Wirtschaftskrise? Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen scheinen in Mülheim auf den ersten Blick eine andere Sprache zu sprechen. Im Juli stieg die Arbeitslosenquote im Vergleich zum Juli 2008 gerade einmal um 0,4 Prozent auf jetzt 8,7 Prozent. In absoluten Zahlen bedeutet das: 7119 Mülheimer suchen derzeit einen Job, 324 mehr als ein Jahr zuvor. Diese Arbeitslosenzahl setzt sich aus 1817 Arbeitslosengeld-I- und 5302 Arbeitslosengeld-II-Empfängern zusammen.



Während die ALG-I-Empfänger von der Agentur für Arbeit betreut werden, werden die ALG-II-Empfänger in Mülheim von der städtischen Sozialagentur betreut. Neben dem nur moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit fällt auch ein leichter Anstieg der freien Stellen auf, die der Agentur für Arbeit gemeldet worden sind. Das waren im Juli immerhin 653 und damit 45 mehr als im Juni.



Ich fragte bei der Leiterin der örtlichen Agentur für Arbeit, Sibylle Lorke, nach den Hintergründen der aktuellen Arbeitsmarktzahlen. Für die Agentur-Chefin sind es vor allem zwei Faktoren, die derzeit den lokalen Arbeitsmarkt stabilisieren: 1. Die Kurzarbeit und 2. der grundsätzlich breite Branchenmix der Mülheimer Wirtschaft.



"Wir sind nicht monostrukturiert und können deshalb Arbeitsplatzverluste leichter ausgleichen", erklärt Lorke. Sie weist in diesem Zusammenhang auf die großen Einzelhandels- und Gewerbeunternehmen, aber auch auf den breiten Mittelstand der Stadt hin. Ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen ist, laut Lorke, im Juli auch unanbhängig von der Wirtschaftskrise nicht ungewöhnlich. Denn in dieser Zeit drängen viele junge Leute auf den Arbeitsmarkt, die ihre Schul- oder Berufsausbildung abgeschlossen haben und nicht immer gleich eine Anschlussbeschäftigung gefunden haben.



Mit konkreten Zahlen zur Kurzarbeit tut sich die Agenturleiterin schwer. Grund: Unternehmen haben drei Monate Zeit, um ihre Kurzarbeit mit der Agentur abzurechnen. Die Stunde der Wahrheit kommt wohl im September, wenn die ersten Unternehmen, die im März Kurzarbeit angemeldet haben, entscheiden müssen, ob sie die Kurzarbeiterregelung fortführen, ihre Krise überwunden haben oder Entlassungen aussprechen müssen.



Grundsätzlich hat Lorke nach einem deutlichen Anstieg der Anmeldung von Kurzarbeit ab März im Juli einen deutlichen Rückgang bei der Anmeldung von Kurzarbeit festgestellt. Im Juli meldeten 37 Firmen Kurzarbeit an, 20 weniger als im Juni. Im gleichen Zeitraum sank der Anstieg der Kurzarbeiterzahlen von 1200 auf 277.

Samstag, 1. August 2009

Styrumer Geschäftsleute mit neuer Spitze und alten Problemen


"Nur gemeinsam sind wir stark", ist Georg Meurer überzeugt. Deshalb hat der 53-jährige Inhaber einer Fahrschule am Rosenkamp jetzt auch den Vorsitz der Interessengemeinschaft Styrumer Geschäftsleute übernommen. Kein leichtes Amt. Die Mitgliederzahl der ISG stagniert, kommt seit Jahren nicht über die 50-Mitglieder-Marke hinaus. Styrum hat ein strukturelles Problem. Es gibt viele Discounter oder große Einzelhandelsketten, aber nur wenige unternehmer-geführte Einzelhandelsgeschäfte. Discounter und Ketten sind aber kaum für eine Mitarbeit in einer örtlichen Werbegemeinschaft zu gewinnen.


Was Georg Meurer (links), der die Nachfolge von Dieter Micko antritt, besonders beunruhigt, ist der bröckelnde Branchenmix im Styrumer Ortskern an der Oberhausener Straße. Dort vermisst er zum Beispiel Obst- und Gemüsehändler, eine Fleischerei, Modegeschäfte oder einen Schumacher. Abseits der Discounter-Dominanz sieht der ISG-Chef die wohnortnahe Versorgung gefährdet. Die Hauptleidtragenden dieser Entwicklung seien vor allem die älteren Bürger des Stadtteils, die in der Regeln nicht so mobil seien, wie die jungen.


Auch für den Freitagsmarkt am Sültenfuß wünscht sich Meurer ein attraktiveres Angebot. Das kann dessen Marktmeister Günter Walkenhorst mit Blick auf derzeit sechs Stände allerdings nicht nachvollziehen. Derzeit, so Walkenhorst, sei am Sültenfuß nur der Stand eines Obst- und Gemüsehändlers vakant. Fisch und Fleisch könne man auf dem kleinen, aber nahen Wochenmarkt ebensi kaufen, wie Kartoffeln, Eier oder Textilien.


Laut Walkenhorst wird der Markt, der freitags von 7 bis 13 Uhr am Sültenfuß seine Stände aufstellt vor allem von den älteren Bürgern des Stadtteils geschätzt. Sie würden dort nicht nur die Frische der Lebensmittel, sondern auch das Gespräch mit Nachbarn schätzen. Walkenhorst sieht den Markt am Sültenfuß zwar räumlich eingeschränkt, glaubt aber trotzdem, dass dieser Standort ohne Alternative ist. Denn der alte Styrumer Marktplatz vor dem Jugendzentrum Cafe4You liege heute nicht mehr zentral genug, um eine ausreichend Laufkundschaft anzuziehen.


Neben dem Thema Branchenmix bewegt in Styrum derzeit auch das Thema Umgestaltung des Sültenfuß. Der zentrale Krezungsbereich an der Oberhausener Straße soll einen Platzcharakter erhalten. Meurer kann sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger Micko dort auch mehrere Sitzgelegenheiten vorstellen. Müllcontainer und Telefonkästen möchte er am Sültenfuß künftig ebensowenig sehen, wie die dortige Hecke, in der sich immer wieder Unrat verfängt. Für den neuen ISG-Chef sind es die kleinen Dinge, die über die Lebens- und Aufenthaltsqualität im Stadtteil entscheiden.


"Mehr Farbe könnte nicht schaden", sagt er mit Blick auf die zum Teil sehr schönen historischen Hausfassaden an der Oberhausener Straße, die schon mal bessere Zeiten gesehen haben. Auch von der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft MEG und dem städtischen Ordnungsdienst würde er sich mehr Präsenz wünschen, damit weniger Müll auf den Straßen liegt und das Überhand nehmende Problem der Falschparker zumindest eingedämmt wird. Beim Thema Müll wäre das Aufstellen und regelmäßige Leeren von mehr Müllbehältern für Meurer der erste Schritt in die richtige Richtung.


Beim Thema Straßenverkehr setzt der neue ISG-Chef vor allem auf die Entlastung durch die für 2011 geplante Styrumer Tangente, auf mehr Kreisverkehre und auch auf die Option einer zweiten Autobahnabfahrt im Bereich Styrum-Dümpten, um die Belastung des Durchgangsverkehrs zu reduzieren.