Samstag, 31. Oktober 2009

So gesehen: Läuten statt twittern und der Geschmack des Glaubens - Gedanken zum neuen Ruhrbischof und zum Reformationstag



Als Horst Köhler wieder zum Bundespräsidenten gewählt wurde, wurde das Abstimmungsergebnis direkt aus der Bundesversammlung an die weltweite Internet- und Mobifunkgemeinde getwittert. Als Franz-Josef Overbeck gestern vom Papst zum neuen Ruhrbischof ernannt wurde, ließ die katholische Kirche die Glocken läuten. Das eine rauscht durchs World Wide Web, das andere klingt uns in den Ohren. Die Kirche weiß schon seit hunderten von Jahren und damit länger als jede Partei und jedes Medium: Wer auf sich aufmerksam machen will, muss die Glocken läuten lassen. Das hat die Kirche auch nötig. Denn ihre Schäfchen werden weniger. Und deshalb kann sie weniger denn je glauben, ihre Schäfchen im Trockenen zu haben. Wer in dieser Situation die Glocken läuten lässt, pfeift nicht nur im Dunkeln, sondern lässt aufhorchen, wenn er, wie der neue Ruhrbischof, sagt, die Kirche müsse den Menschen zeigen, wo es zu Gott geht. Das klingt himmlisch, wie das Glockengeläut und lässt glauben,dass das einer weiß, wo es lang geht, wenn den Worten Taten folgen, die zeigen, dass Kirche mehr ist als eine Kirchensteuergemeinschaft. Dann würde das Glockengeläut von gestern zur Zukunftsmusik.

Und kaum war der neue Ruhrbischof gewählt, ließ die katholische Kirche die Glocken läuten. Kaum ist Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands gewählt worden, verteilt die Evangelische Kirche in Mülheim am morgigen Samstag auf dem Kurt Schumacher-Platz ab 15 Uhr Bonbons. Zugegeben. Dieser Akt praktizierter Nächstenliebe, der in diesen Herbsttagen jedem rauhen Rachen gut tut, hat nichts mit der Wahl Käßmanns, sondern mit dem Reformationstag zu tun. Aber man sieht, die Protestanten sind Pragmatiker. Sie wissen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber manchmal geht auch der Glaube durch den Magen, wenn uns das Reformationsbonbon an Martin Luthers zentrale These erinnert, nämlich, dass sich der Mensch nicht alles durch eigene Taten verdienen kann, sondern darauf angewiesen bleibt, beschenkt zu werden, sei es mit menschlicher und göttlicher Liebe und Gnade oder auch mit einem leckeren Reformationsbonbon. So schmeckt der Glauben.

Freitag, 30. Oktober 2009

Warum man bei den Caritas Sozialdiensten die höchstrichterliche Überprüfung der Hartz-IV-Regelsätze für Kinder begrüßt



Reicht der Hartz-IV-Regelsatz für Kinder aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich jetzt das Bundesverfassungsgericht. Gleich zu Beginn des Prozesses äußerten die Verfassungsrichter deutliche Zweifel an der Methode, mit der die Hartz-IV-Regelsätze errechnet werden. Eine genaue Prüfung soll nun folgen.

Experten gehen davon aus, dass das Gericht die Ermittlung des Regelsatzes beanstanden wird. 4644 Mülheimer Kinder und Jugendliche, die derzeit nach Angaben der Stadtverwaltung vom Arbeitslosengeld-II-Bezug ihrer Eltern abhängig sind, könnten nach einem höchstrichterlichen Urteil, das im kommenden Jahr erwartet wird, damit rechnen, dass ihr Regelsatz angehoben wird. Derzeit steht Kinder unter 14 Jahren ein monatlicher Regelsatz von 215 Euro und Jugendlichen über 14 Jahren ein Regelsatz von monatlich 287 Euro zu.

Martina Pattberg, die die Familien- Kinder- und Jugendhilfe der Caritas Sozialdienste leitet, begrüßt die juristische Überprüfung. Auch wenn sie sich nicht auf einen bestimmten Betrag festlegen möchte, ab dem der Hartz-IV-Regelsatz für Kinder und Jugendliche aus ihrer Sicht tatsächlich bedarfsdeckend wäre, steht für sie außer Frage, dass die öffentlichen Zuwendungen von Kindern aus Elternhäusern im Arbeitslosengeld-II-Bezug erhöht werden müssten, um die soziale Stigmatisierung der Betroffenen zu überwinden. "In dem Warenkorb, der dem Regelsatz zugrunde liegt, ist zum Beispiel nicht berücksichtigt, dass Kinder, die wachsen, eben auch schon mal zwei oder drei Paar neue Schuhe im Jahr brauchen oder dass ein ordentlicher Tornister heute locker 50 bis 100 Euro kostet", kritisiert Pattberg.

Einen weiteren Nachteil, der in der Praxis oft zu einer sozialen Ausgrenzung von Kindern aus Hartz-IV-Familien führt, sieht sie darin, dass das Arbeitslosengeld II im Gegensatz zur alten Sozialhilfe in der Regel keine einmaligen Beihilfen mehr vorsieht. "Wenn zum Beispiel eine Waschmaschine kaputt geht, und eine neue angeschafft werden muss, gibt es dafür keine Beihilfe mehr", berichtet Pattberg. Dann versuchen sie und ihre Kolleginnen den Betroffenen mit Stiftungsgeldern aus der Notlage heraus zu helfen. Doch wenn das nicht gelingt, kann es passieren, dass die Kinder aus den betroffenen Familien plötzlich mit unreiner Kleidung im Kindergarten oder in der Schule auftauchen, was ebenso zu Ausgrenzung und Benachteiligung führt, wie das fehlende Geld "für die auch immer teurer werdenden Schulmaterialien" vom Heft über Stifte bis zum Buch. Auch die möglichen Beihilfen für die Erstausstattung eines Säuglings, einer neuen Wohnung oder für die Teilnahme an einer Klassenfahrt, sind, laut Pattberg, inzwischen keine Muss,- sondern nur noch eine Kann-Bestimmung.
Auch wenn Pattberg aus der Praxis der flexiblen Familienhilfe weiß, dass viele Hartz-IV-Familien "Multi-Problem-Familien" sind, denen es nicht nur am Geld fehlt, lässt sie doch keinen Zweifel daran, dass in letzter Konsequenz eben doch vieles am Geld hängt und die drängensten Nöte der betroffenen Familien und ihrer Kinder mit einem angemesseneren Regelsatz gelindert werden könnten.

Wenn Geld keine Rolle spielte, würde sich Pattberg auch eine flächendeckende und kostenfreie Kinderbetreuung in Kindergärten und Schulen wünschen. Aus der Praxis der Familienhilfe weiß sie, dass finanzielle Nöte und die soziale Isolation der betroffenen Familien und ihrer Kinder oft zwei Seiten der selben Medaille sind, etwa wenn das Geld für das gemeinsame Mittagessen in der Schule oder in der Kindertagesstätte fehlt.
Weitere Informationen über die Caritas Sozialdienste finden Sie im Internet unter: www.caritas-muelheim.de

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Die Soroptimistinnen - Der Club der starken Frauen feiert seinen 50. Geburtstag


Die in Mülheim und Duisburg derzeit von der Augenärztin Nicola von der Ohe geführten Soroptimistinnen engagieren sich für eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf sowie für internationale Projekte. Jetzt feiert ihr Regional-Club seinen 50. Geburtstag.

Was um Himmels Willen sind Soroptimistinnen? Die Vizepräsidentin ihres für Mülheim und Duisburg zuständigen Clubs, Vera Grunow-Lutter, erklärt es so: „Der Begriff leitet sich aus dem Lateinischen ab und bedeutet soviel, wie: Die Schwestern, die das Beste suchen.”

Das Vereinsleben der derzeit 27 Soroptimistinnen aus Mülheim und Duisburg funktioniert wie bei den Rotariern. Frauen aus verschiedenen Berufen treffen sich regelmäßig zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch und unterstützen soziale Projekte. Die Idee eines freundschaftlich verbundenen und sozial aktiven Frauennetzwerkes entstand 1921 in den USA, als sich das Leitbild der beruflich und politisch engagierten Frau noch nicht durchgesetzt hatte.
Auch als die Soroptimistinnen in Mülheim und Duisburg ihren Club 1959 mit Hilfe einer belgischen Gründungspatin aus der Taufe hoben, waren berufstätige Frauen noch keine Selbstverständlichkeit und die Rotaryclubs noch eine reine Männergesellschaft. Da hieß es: Selbst ist die Frau. Das Deutschland einmal von einer Bundeskanzlerin regiert würde, hätten sich die ersten Clubschwestern vor 50 Jahren wohl ebenso wenig träumen lassen, wie die Tatsache, dass Rotary-Clubs inzwischen auch Frauen aufnehmen.

Trotz dieser Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung, möchten Club-Präsidentin Nicola von der Ohe (Foto) und ihre Stellvertreterin den entspannten Gedankenaustausch in der weiblichen Gesellschaft der Soroptimistinnen nicht missen. „Auch, wenn die Stellung der Frau sich bei uns wesentlich verbessert hat, ist unser gesellschaftspolitischer Einsatz für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf nach wie vor gefragt”, ist die Soziologin Grunow-Lutter überzeugt. Sie weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine ganztägige Kinderbetreuung für berufstätige Mütter in Deutschland immer noch nicht die Regel, sondern nur die Ausnahme sei.

„Man bekommt bei unseren Treffen Einblicke in Berufsfelder, die man sonst nie kennenlernen würde. Außerdem faszinieren mich die Prinzipien Freundschaft und Internationalität”, erklärt die Augenärztin von der Ohe, weshalb sie Soroptimistin ist. So zählt sie heute Lehrerinnen, Juristinnen, Ökonominnen oder Musikerinnen zu ihren Clubschwestern. Und theoretisch könne sie jederzeit eine der 90 000 Soroptimistinnen besuchen, die es in mittlerweile 125 Ländern der Erde gibt.

Tatsächlich schauen die Soroptimistinnen regelmäßig über den nationalen Tellerrand hinaus. Sie haben zum Beispiel Partnerclubs in England, Frankreich und den Niederlanden, unterstützen rumänische Studentinnen mit einem Stipendium oder spenden Geld für eine Aufklärungskampagne gegen die in Afrika weitverbreitete Genitalverstümmelung von Frauen. Im Sinne der Mädchenbildung wurde auch schon ein Schulbauprojekt in Afghanistan mitfinanziert. Aber auch vor Ort sind sie aktiv, unterstützen Hausaufgabenhilfen und Deeskalationsprojekte an Schulen oder die Freizeitbetreuung alter Menschen.
Dabei machen von der Ohe und Grunow-Lutter keinen Hehl daraus, dass ihr Club immer auch für neue Projekte aufgeschlossen ist, die seine Mitglieder als unterstützungswürdig ansehen.
Hintergrund: Willkommen im Club der Soroptimistinnen
Ihren 50. Club-Geburtstag feiern die Mülheimer und Duisburger Soroptimistinnen am 31. Oktober ab 13 Uhr im Duisburger Lehmbruck-Museum. Dort laden sie ab 16 Uhr zu einer Podiumsdiskussion über das Thema „Das Ehrenamt als Brücke zwischen Zivilgesellschaft und Staat” ein. An dieser werden unter anderem Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und die Leiterin des Centrums für bürger-schaftliches Engagement (CBE), Andrea Hankeln, teilnehmen. Auch Nichtmitglieder sind bei der Jubiläumsveranstaltung willkommen, müssen sich aber vorab bei Claudia Mosny unter 41 27 488 oder per E-Mail an: Soroptimistdumh@googlemail.com anmelden. Grundsätzlich können alle berufstätigen Frauen Soroptimistin werden, wenn sie von einem Clubmitglied dazu eingeladen und von den Clubmitgliedern aufgenommen werden. Der Jahresbeitrag kostet 150 Euro. Hinzu kommt eine Mindestspendensumme von 80 Euro pro Jahr. Weitere Informationen im Internet unter: http://www.soroptimist-du.de/

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Was sagt die Spitze der Stadtkirche zum neuen Ruhrbischof? Hoffnung auf geistliche Akzente und einen Pragmatiker mit Zukunft





Seit heute Mittag ist es offiziell. Papst Benedikt XVI. hat den aus Marl stammenden Münsteraner Weihbischof Franz-Josef Overbeck (45) zum neuen Ruhrbischof ernannt. Ich fragte beim Stadtdechanten Michael Janßen (links) und beim Vorsitzenden des Mülheimer Katholikenrates, Wolfgang Feldmann nach: Was erwarten, was erhoffen Sie sich vom neuen Bischof.

Stadtdechant Janßen begrüßt, dass der Essener Bischofsstuhl nach dem Weggang Felix Genns nicht zu lange unbesetzt geblieben ist. Was erwartet er vom neuen Ruhrbischof, wie auch immer er nun heißen wird? „Er sollte in die Fußstapfen von Felix Genn treten und die Umstrukturierung des Bistums mit geistlichem Leben füllen und geistliche Akzente setzen,” meint Janßen.

Der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann, wird jedoch etwas konkreter. „Der Mann ist mit 45 Jahren relativ jung. Wenn er es wird, kommt da wieder mehr Kontinuität rein und wir bekommen einen Bischof, der über 20 oder 25 Jahre das Bistum auf Kurs und wieder in die Spur bringen kann”, freut sich Feldmann auf den voraussichtlichen Ruhrbischof.
Dass der in Marl geborene Overbeck das Ruhrgebiet kennt, empfindet Feldmann ebenso als positiv, wie die Tatsache, dass er als Weihbischof von Münster „von außen ins Ruhrbistum käme.” In diesem Sinne erhofft sich Feldmann vom neuen Ruhrbischof neue Ideen und eine pragmatische Herangehensweise an die sozialen und strukturellen Probleme des Ruhrbistums.

„Ich hoffe, dass er nicht so konservativ ist”, sagt Feldmann auch mit Blick auf die katholische Schwangerschaftskonfliktberatung durch Donum Vitae. „Wir brauchen Donum Vitae um den Menschen vor Ort in ihrer Not helfen zu können”, betont Feldmann und wünscht sich als Sprecher der Mülheimer Laien natürlich auch, dass der neue Bischof trotz der neuen Groß-Pfarreien „die Laienarbeit auf der mittleren Ebene der Stadtkirche nachhaltig unterstützt.” Nur so kann aus seiner Sicht sichergestellt werden, dass Entscheidungsträger in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft auf Stadtebene auch einen notwendigen Partner finden, der für die katholische Stadtkirche sprechen und handeln kann.

Ein ausführliches Porträt des Ruhrbischofs finden Sie im Internet unter: http://www.bistum-essen.de/



Heike Rechlin-Wrede wird neue Bezirksbürgermeisterin im Mülheimer Norden



Anders, als am Montag, in der Bezirksvertretung 1, gab es gestern in der Bezirksvertretung 2 bei der Wahl des Bezirksbürgermeisters keine Kampfabstimmung. SPD und CDU einigten sich in dem für Styrum, Dümpten und Winkhausen zuständigen Stadtteilparlament auf eine gemeinsame Listennverbindung. Ihr Wahlvorschlag erhielt in geheimer Verhältniswahl 13 von 19 Stimmen.
Danach konnte der Altersvorsitzende der Bezirksvertretung 2, Hermann Meßmann (CDU) die bisherige SPD-Fraktionschefin Heike Rechlin-Wrede als neue Bezirksbürgermeisterin auf ihr Amt verpflichten. Meßmann selbst (Mitte) und der SPD-Bezirksvertreter Ali Katircioglu wurden zu stellvertretenden Bezirksbürgermeistern gewählt.

Nach ihrer Wahl bedankte sich die neue Bezirksbürgermeisterin Rechlin-Wrede ausdrücklich bei ihrem aus dem Amt geschiedenen Amtsvorgänger und Parteifreund Knut Binnewerg: "Seine Verdienste um die Bezirksvertretung und den Stadtbezirk aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Sitzung sprengen", machte Rechlin-Wrede deutlich.

Als vorrangigste Aufgaben für die kommende Wahlperiode der Bezirksvertretung nannte die neue Bezirksbürgermeisterin die Neugestaltung am Styrumer Sültenfuss, die Aufwertung der Mellinghofer Straße in Dümpten sowie die weitere finanzielle Unterstützung von Vereinen, Verbänden, Schulen und Kindertagesstätten durch die Verfügungsmittel der BV2. Derzeit können die drei Mülheimer Bezirksvertretungen jährlich rund 30.000 Euro als Verfügungsmittel für diese Form der aktiven Stadtteilarbeit auf Antrag vergeben. Außerdem appellierte Rechlin-Wrede an ihre BV-Kollegen, wie in der abgelaufenen Wahlperiode, künftig eine sachliche Zusammenarbeit und eine faire und offene Streitkultur zu pflegen.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Arnold Fessen bleibt Bezirksbürgermeister in Rechtsruhr-Süd


Der neue Bezirksbürgermeister des Stadtbezirks 1 (Rechtsruhr-Süd) ist der Alte. Der Christdemokrat Arnold Fessen wurde gestern in der konstituierenden Sitzung der Bezirksvertretung 1 mit 10 von 19 Stimmen in seinem Amt bestätigt.

Zu seinen Stellvertretern wurden der Sozialdemokrat Constantin Körner und der Christdemokrat Rudolf Ehlert gewählt. Da keiner der Bezirksverteter Ehlerts Frage: „Ist jemand von Ihnen vor dem 9. Januar 1935 (20 Uhr) geboren” mit Ja beantworten konnte, hatte Ehlert die konstituierende Sitzung des Bezirksparlamentes als Altersvorsitzender eröffnet.
„Als Bezirksvertreter sind wir am nächsten an den Bürgern dran. Und ich hoffe, dass wir auch in der neuen Legislaturperiode hier kritisch und konstruktiv zusammenarbeiten werden”, appellierte Ehlert zum Beginn der Sitzung an seine Kollegen. Darüber hinaus erklärte er zum Selbstverständnis der für die Stadtteile Stadtmitte, Heißen, Holthausen, Menden und Raadt zuständigen Bezirksvertretung: „Unsere Aufgabe muss es sein, Kritik, Wünsche und Anregungen der Bürger in positive Beschlüsse umzusetzen. Und auch dort, wo wir Bürgern vielleicht Belastungen zumuten müssen, sollten wir in der Diskussion mit ihnen zu einer fairen Übereinkunft kommen können.”

In eine kuriose Situation geriet Ehlert gestern übrigens, als er sich in seiner Funktion als Altersvorsitzender selbst fragen musste, ob er die Wahl zum stellvertretenden Bezirksbürgermeister annehme. Seine Antwort: „Ich habe mir das lange überlegt und mich entschlossen, zu sagen: Ja, ich nehme die Wahl an.” Während auch Ehlerts Parteifreund Fessen seine Wiederwahl zum Bezirksbürgermeister „mit Dank für Ihr Vertrauen und als Quelle innerer Freude” annahm, nahm der Sozialdemokrat Heinrich-Peter Pickert seine Wahl zum stellvertretenden Bezirksbürgermeister nicht an. So wurde sein von der Stimmenanzahl nächstplazierter Parteifreund Constantin Körner zum stellvertrenden Bezirksbürgermeister gewählt. Pickert begründete seinen Verzicht damit, dass er bereits zum Fraktionschef seiner Partei gewählt worden sei und deshalb seinem Parteifreund Körner den Vortritt lassen wollte. „Wir sind ja ein Team”, sagte Pickert: „Das haben wir vorher so abgesprochen. Wäre ich zum Bezirksbürgermeister gewählt worden, hätten wir die Fraktionsspitze natürlich neu gewählt.” Auch wenn Pickert keinen Hehl aus seiner Enttäuschung darüber machte, „das wir als stärkste Fraktion wieder nicht den Bezirksbürgermeister stellen können”, nahm er seine knappe Niederlage gelassen: „Die Welt dreht sich weiter.”

Bereits vor dem geheimen Wahlgang hatte sich eine Listenverbindung aus SPD und FDP sowie aus CDU, Grünen und MBI abgezeichnet. Die CDU-Fraktion scheiterte allerdings mit ihrem Antrag, drei statt bisher zwei stellvertretende Bezirksbürgermeister zu wählen. Zur Begründung hatte CDU-Fraktionschef Björn Brinken darauf hingewiesen, dass man derzeit auch im Rat über die Wahl eines dritten Bürgermeisters nachdenke.

Montag, 26. Oktober 2009

Künstler und Chronist der Stadt: Vor 100 Jahren wurde Daniel Traub geboren


Jungen Mülheimern wird der Dame Daniel Traub nichts mehr sagen. Doch sie können ihm begegnen, wenn sie mit der U-Bahn fahren. Denn der 1995 gestorbene Maler hat Mitte der 70er Jahre die Stadtmotive geschaffen, die jeder Fahrgast unweigerlich sieht, der zwischen Hauptbahnhof und Forum mit der Rolltreppe zu den Bahnsteigen der U18 hinabfährt. (Foto) Es handelt sich um bunte Keramikgemälde, die uns Mülheims klassische Motive vor Augen führen: Die Altstadt mit der Petrikirche, das Schloß Broich, den Wasserbahnhof und die Stadthalle. Die hat der am 25. Oktober 1909 in Breslau geborene Traub, der 1924 mit seinen Eltern nach Mülheim kam und später unter anderem an der Essener Folkwangschule studierte, in den 20er Jahren eigenhändig mit aufgebaut.

Das Geld, dass er damit verdiente sparte er nicht, sondern investierte es umgehend in seine erste Mal- und Studienreise nach Italien. Später sollten ihn auch Reisen nach Norwegen zu starken Landschaftsstudien inspirieren. "Hier habe ich die Botschaft des Lichts als wesenhaftes Element der Landschaft erleben dürfen," berichtete Traub später. "Mein Vater war kein Geschäftsmann, aber enorm fleißig", erinnert sich seine Tochter Monika Kappelmeyer. Das musste er auch sein, denn schließlich hatte Traub Frau und neun Kinder zu ernähren. Dies tat er nicht nur mit Landschaftsbildern und Portraits, sondern zum Beispiel auch mit dem Ausmalen von Theaterkulissen, Schulgebäuden und Kunst am Bau, Buchillustrationen, Mal- und Zeichenkursen, die er unter anderem an der Volkshochschule gab oder dem Malen von Werbeplakaten und Entwürfen von Etikettenbandrolen, die später zum Beispiel Konservendosen schmückten.

Tochter Monika weiß noch, dass sich ihre Eltern in den 30er Jahren kennen lernten, als Traub im Auftrag der Stadt die damaligen Volksschulen am Muhrenkamp und an der Eduardstraße ausmalte. Denn dort war der Vater seiner Frau Anna Elise, die er 1937 heiraten sollte, Hausmeister. Unvergessen ist Kappelmeyer auch, dass ihr Vater einmal sogar auf ein Baugerüst stieg, als er für den Mülheimer Wohnungsbau an einer Hauswand ein Sgraffito aufmalen musste, und das, obwohl er als Soldat im Krieg ein Bein verloren hatte. Von seinem Atelier im Schulturm der heutigen Realschule Stadtmitte hatte Traub wohl einen perfekten Ausblick auf seine Wahlheimat. Ob dieser ihn auch zu seinem großen Mülheim-Panoramabild inspiriert hat, das heute ebenso im Tersteegenhaus einen Ehrenplatz hat wie Traubs 1938 geschaffenen Linolschnitte mit Motiven aus Karll Arnold Kortums Jobsiade. "Die Arbeiten sind so gekonnt, dass dies allein schon reichen würde, ihn nicht in Vergessenheit geraten zu lassen", sagte Johannes Rickert in seiner Laudatio, als der künstlerische Stadchronist Traub 1980 von der Bürgergesellschaft Mausefalle mit dem Ehrenpreis Jobs - Der Kandidat ausgezeichnet wurde.

Bereits 1963 war Traubs vielseitiges Werk, in dem sich Aquarelle und Zeichnungen ebenso finden, wie Holzschnitte und Litographien, mit dem Ruhrpreis ausgezeichnet worden. Trotz der Auszeichnungen tat sich seine Wahlheimat schwer mit Traub. Es dauerte bis zu seinem 75. Geburtstag, bis das städtische Kunstmuseum, das heute viele seiner Arbeiten bewahrt, ihn mit einer umfassenden Werkschau würdigte. Vielleicht lag es auch daran, dass der Mitgründer der Arbeitsgemeinschaft Mülheimer Künstler ein streitbarer Zeitgenosse war. "Mein Vater hatte Zivilcourage und hat sich damit auch schon mal den Mund verbrannt," erzählt seine Tochter Monika. Sie erinnert sich daran, dass er in den frühen 70er Jahren beim damaligen Baudezernenten Gellinek gegen die damals neu entstehenden Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz protestierte. Doch schon viel früher - im Dezember 1950 - hatte Traub bei einer großen Ausstellung Mülheimer Künstler die Kulturpolitik der Stadt scharf kritisiert und gemahnt: "Untätiges Wohlwollen reicht nicht aus." Sein damals aufgestellter Forderungskatalog: Mehr Begabtenförderung und Stipendien für junge Künstler, den Zugang zu Kulturveranstaltungen auch für die eher kulturfernen Bürger zu erleichtern, die Jugend intensiver an die Kunst heranzuführen war ein Impuls für die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Mülheimer Künstler. Traub und seine Mitstreiter erreichten inmerhin eine erhebliche Ausweitung des städtischen Etats für den Ankauf von Kunst und gaben später den Anstoß zur Stiftung des Ruhrpreises für Kunst und Wissenschaft.

Dass man trotz mancher Reibungspunkte wusste, was man an Traub hatte, machen die Worte des damaligen Bürgermeisters Günter Weber deutlich, der Traub anlässlich der Werkschau zu dessen 75. Geburtstag bescheinigte mit seinen Arbeiten "Stadtgeschichtsschreibung von höchstem Stellenwert" betrieben zu haben. Was das bedeutet, wird sichtbar, wenn Monika Kappelmeyer die Zeichnungen ihres Vaters zeigt, mit denen Traub seine Wahlheimat bereits in, vor, aber auch nach dem Krieg mit weichem Bleistiftstrich und scharfem Blick für Details ins Bild gesetzt hat. Neben den klassichen Vorzeige-Motiven, die jetzt in einer Postkartenedition neu aufgelegt worden sind, staunt der nachgeborene Mülheimer über die ländlich anmutende Aktienstraße der 30er Jahre und die Baustellenbilder aus der Innenstadt. Ja, Baustellen. Die gab es im Stadtzentrum schon, als Mülheim nach dem Krieg an allen Ecken und Ende wieder aufgebaut werden musste. Mit Skizzenblock und Fotoapparat fing Traub die Bilder ein, die anschaulich zeigen, wie Mülheim nach 1945 aus Ruinen wieder auferstehen musste.

Wie konnte eine elfköpfige Künstlerfamilie in der Not der Nachkriegszeit überleben? Die 1945 geborene Monika Kappelmeyer, die als kleines Kind in Dümpten noch barfuß über freie Felder laufen konnte, lächelt, als wenn sie es selbst nicht genau wüsste. Dann sagt sie: "Meine Eltern hatten immer viel Gottvertrauen. Irgendwoher kam immer wieder etwas. Und was man hatte, das wurde geteilt." Und so profitierten die Traubs nicht nur vom Nutzgarten der Großeltern, von den Nähkünsten der Großmutter oder von der damals noch alltäglichen Nachbarschaftshilfe, sondern ließen auch selbst hungrige Künstler an ihrem Mittagstisch Platz nehmen. Dass das Künstlerleben auch nach Krieg, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder nicht leicht war, zeigen Traubs 1980 gesprochenen Dankesworte für die Verleihung des Jobs: "Ich befinde mich derzeit in einer Verfassung der Resignation. Denn der freischaffende Künstler in Mülheim fristet nur ein kärgliches Dasein, will sagen: Die Kunst bleibt brotlos. Dass ausgerechnet in dieser Phase ein Künstler mit dem Jobs ausgezeichnet wird, freut mich deshalb besonders." Für Daniel Traub, den die NRZ an seinem 80. Geburtstag als "Anwalt für die Sache der Künstler" würdigte, war die Kunst, wie er selbst einmal sagte: "Ein Wirkstoff der Gesellschaft", ohne den ihr "ein wesentlicher Bereich geistiger Auseinandersetzung fehlt."

Aus Anlass des 100. Geburtstages von Daniel Traub hat sein Sohn Hartmut unter dem Titel "Gott hat ja mit jedem seinen Extraplan" im Klartext-Verlag eine lesens- und betrachtenswerte Biographie seines Vaters herausgegeben. Sie umfasst 95 Seiten und ist für 14,95 Euro im Buchhandel erhältlich.

Sonntag, 25. Oktober 2009

Vor 40 Jahren begann mit dem Stadtbahnbau in Mülheim eine neue Nahverkehrsära


Wer von Essen nach Mülheim will, kann mit dem Auto über die A40 fahren und hoffen, dass er nicht im Stau stecken bleibt. Die schnellere und umweltfreundlichere Alternative ist aber wohl eine Stadtbahnfahrt mit der U18, die einen in 15 bis 20 Minuten von einem Stadtzentrum ins nächste bringt. Von einem exemplarischen Beispiel „für eine neue Ära des Nahverkehrs an Rhein und Ruhr", spricht der damalige Landesverkehrsminister Fritz Kaßmann, als er am 24. Oktober 1969 mit einem symbolischen Knopfdruck das Startsignal zu der Stadtbahnstrecke Essen-Mülheim gibt. Bürgermeister Fritz Denks spricht angesichts des geplanten Stadtbahnknotenpunktes „von der wichtigsten Drehscheibe des öffentlichen Personennahverkehrs."

Zur Feier des Tages intoniert eine Bergmannskapelle die Eurovisionshymne und das Lied „Modern Time". Am Tag darauf titelt die Lokalausgabe der NRZ: „Mülheimer sind die ersten Nutznießer der Stadtbahn." Die Vision ist ein Stadtbahnverkehr quer durchs Ruhrgebiet, der die anderen öffentlichen Verkehrsmittel vom Bus bis zur Straßenbahn nicht ersetzen, aber ergänzen und miteinander verknüpfen soll. Zehn Jahre und zehn Tage wird es dauern, bis NRW-Ministerpräsident Johannes Rau am 3. November 1979 die erste U18 über das zweite Teilstück der Stadtbahnstrecke zwischen Hauptbahnhof und Heißen Kirche steuern kann. Bis dahin werden allein in Mülheim 310 Millionen Mark verbaut. 50 Prozent der Kosten trägt der Bund, 40 Prozent das Land und zehn Prozent die Stadt. Doch von Geld redet man an diesem kalten 24. Oktober 1969 nicht. Verkehrsminister Kassmann gibt sich alle Mühe, Begeisterung und Optimismus auszustrahlen. Das Projekt werde schneller Formen annehmen, als Skeptiker glaubten. „Die Ruhrbevölkerung hat lange genug auf ein modernes Verkehrsmittel gewartet. Es darf keine Zeit mehr vergeudet werden," sagt Kaßmann und fordert: „Die Stadtbahn Ruhr muss im Bewusstsein der Bevölkerung zu einem gern gesehenen und freundlich aufgenommenen Bestandtteil des täglichen Lebens werden."

Der Minister weiß aber auch, welche Belastungen auf die Bürger zukommen werden. Während des Baujahrzehnts müssen die Bauleiter an den Teilabschnitten der Stadtbahnstrecke immer wieder Bürgerfragen beantworten und Beschwerden entgegennehmen. Am 28. Mai 1977 kann dann die erste, 7,8 Kilometer lange Teilstrecke zwischen Essen und Heißen eröffnet werden. Als NRW-Ministerräsident Johannes Rau gut zwei Jahre später den zweiten, 3,3 Kilometer langen Stadtbahnabschnitt zwischen Mülheim Hauptbahnhof und Heißen-Kirche eröffnet, stellt er fest: „Wir kommen dem seit Jahren von der Landesregierung verfolgten Ziel, den Öffentlichen Personennahverkehr auszubauen und die Städte an Rhein und Ruhr vom Molloch Individualverkehr zu befreien, um weitere 3,5 Kilometer näher." Unter dem Eindruck der Ölkrise der 70er Jahre kommt der Oberbürgermeister Dieter aus dem Siepen zehn Jahre nach dem ersten Spatenstich für die U18 zu dem Ergebnis: „Die Konzeption der Stadtbahn gewinnt in einer Zeit des stärkeren Energiebewusstseins zunehmend an Bedeutung." Der Oberbürgermeister lobt die Tatsache, dass die Ruhrstädte „stärker und enger verflochten" würden, warnt aber die Landesplaner vor der Versuchung, „selbstständigen und eigenverantwortlichen Gemeinden zugunsten eines Riesengebildes Ruhrstadt den Gar auszumachen." So sah im Februar 1970 das „große Loch" für den Verkehrsverknüpfungspunkt aus.

Samstag, 24. Oktober 2009

Kästner für Erwachsene - Ein Erlebnis: Die Herbstblätter und Hans Georgi machten es möglich


Erich Kästner. War das nicht der Autor der Kinderbuch-Klassiker Emil und die Detektive und des Fliegenden Klassenzimmers? Richtig. Aber das ist nur der halbe Kästner. Den Kästner für Erwachsene erlebten rund 60 Zuhörer am Donnerstagabend bei der Literaturreihe Herbstblätter.

Es war schwere Kost, die Hans Georgi und sein musikalischer Begleiter an der Gitarre, Meinolf Bauschulte ihrem Publikum zur vorgerückten Abendstunde servierten. Viele Kästner-Verse, die Georgi vortrug, hörten sich so an, als seien sie nicht vor 80 Jahren, sondern gestern geschrieben worden. Das galt für Kästners Patriotisches Nachgebet: „Wir sollen Kinder fabrizieren fürs Löhne senken und fürs Krieg verlieren" ebenso, wie seine Spitzen gegen die auch schon in den 20er Jahren aktuelle Massenarbeitslosigkeit: „Ob unsere Eltern auch schon wussten, was wir wissen: Wer nicht geboren wird, wird auch nicht arbeitslos" oder: „Ihr lehrtet uns Griechisch und Latein besten Falles. Und jetzt sind wir groß. Das ist aber auch schon alles. Das Wissen, was ihr uns lehrtet ist nichts wert. Wir geborenen Arbeitslosen wollen Arbeit, keine Almosen."

Kästners leider zeitlos aktuelle Gesellschaftskritik, auch die an den Bankern: „Sie säen nicht. Sie ernten nur. Sie haben keine Sympathie. Nur das Geld lieben sie. Und das Geld liebt sie. Sie glauben nicht recht an den lieben Gott, aber irgendwann macht jeder mal bankrott." wurde durch die sehr gelungene Vertonung mit Georgis Gesang und Klavieruntermalung sowie Bauschultes Gitarrenklängen Gott sei Dank etwas verdaulicher. Kaum zu glauben, dass der literarische Kabarettist Georgi in seinem früheren Berufsleben mal ein Betriebswirt und für einen Industriekonzern tätig war. „Irgendwann schreibt man ein paar Lieder, findet Gefallen daran und plötzlich hat man einen neuen Beruf", beschreibt er seinen persönlichen Lebenswandel, der ihn unter anderem zu Kästner und mit diesem bereits zum zweiten Mal (nach 1999) zu den Herbstblättern führte. Bei Kästners satirisch umgetexteten Weihnachtsliedern: „Morgen, Kinder wird es nichts geben. Nur wer hat, bekommt noch mehr. Doch es wird kommen eure Zeit. Morgen ist es aber noch nicht so weit. Morgen kommt der Weihnachtsmann, aber leider nur nebenan" durfte das Publikum nicht nur mitsingen, sondern auch von Herzen lachen. Und schon ging es weiter mit der vorzeitigen Einstimmung aufs Frohe Fest: „Heilige Nacht. Stille Nacht. Weint nicht, sondern lacht." Ein Schelm, der sich bei Kästners alten Versen an die politischen Durchhalteparolen heutiger Tage erinnert fühlte.

Der Eindruck war gewollt und wurde durch Georgis Ausflüge in die Gegenwart verstärkt. So spottete Georgi zum Beispiel über das „Aachen Tanzmariechen Ulla Schmidt" und ihre rasch aufeinander folgenden „Jahrhundert-Reformen des Gesundheitswesens." O-Ton Georgi: „An machem Tag fragt man sich: Sind schon wieder 100 Jahre um?" Dazu passte Kästners Vers vom Mann im Krankenhaus, den die Ärzte zu Tode operierten. „Sie machten ihm Mut, amputierten ihm ein Bein und sagten: Jetzt geht es Ihnen wieder gut." Schon Kästners Zeitgenossen fragten ihn: „Wo bleibt das Positive?" Und Kästner antwortete ihnen: „Weiß der Teufel, wo das bleibt." Doch die Zuhörer Georgis erlebten trotz aller Melancholie auch einen heiteren und kurzweiligen Abend, der zeigte: Unsere heutigen Probleme sind nicht neu. Und die Menschen, die zur Welt gekommen sind, um mit Kästner zu sprechen, leben trotzdem. Der literarische Kabarettist Hans Georgi war bestimmt nicht zum letzten Mal bei den Herbstblättern zu Gast. Wiederhören und Widersehen würde in diesem Fall sicher vielen Literaturfreunden Freude machen.


Weitere Informationen im Internet finden Sie unter: http://www.hansgeorgi.de/ und: http://www.muelheimer-herbstblaetter.de/

Mehr als nur ein Sportverein: Der VBGS feiert heute sein 20-jähriges Bestehen


In der Speldorfer Geschäfts- Beratungsstelle des Vereins für Bewegungsförderung und Gesundheitssport (VBGS) bewegt man sich ebenerdig. Das Gebäude an der Frühlingstraße 37, in dem früher die Mütter- und Schwangerenberatung des Gesundheitsamtes residierte, erinnert an einen Bungalow. Fast alle Türen, ob am Eingang oder die zum stillen Örtchen lassen sich per Knopfdruck öffnen. Alle Türen sind so breit, dass man sie problemlos mit einem Rollstuhl passieren kann. Die barrierefreie Architektur, zu der auch ein Internetcafe mit Spezialtastaturen für diverse körperliche Handicaps passt, kommt nicht von ungefähr. Der Verein, der heute in der Harbecke-Halle an der Mintarder Straße seinen 20. Geburtstag feiert hat sich vor allem eines auf seine Vereinsfahnen geschrieben: Er will Barrieren abbauen, die Menschen mit Behinderung in ihrem Alltag belasten.
„Das funktioniert am besten", ist sein Mitgründer und Vorsitzender Alfred Beyer überzeugt, „wenn man die Barrieren zwischen Behinderten und Nichtbehinderten abbaut. Deshalb spricht der Verein mit seinen aktuell 150 Mitgliedern ganz bewusst Menschen mit und ohne Handicap an. Seine Angebote und Veranstaltungen stehen immer unter dem Generalthema Integration. Dabei kommen sie nicht nur sportlich, sondern auch gesellig und garantiert ohne moralinsaueren Mitleidseffekt daher. Das Spektrum reicht vom integrativen Skilehrgang im Allgäu bis zum Altstadtweinfest, vom Diabetikersport über eine integrative Disco im Ringlokschuppen bis zum Eltern-Kind-Angebot, bei dem man mit Bewegung und gesunder Ernährung daran arbeitet, dass es für den Nachwuchs am Ende nicht zu dicke kommt. „Übergewicht bei Kindern ist ein ganz wichtiges Thema. Weil immer mehr Kinder immer häufiger vor dem Computer und vor dem Fernsehen sitzen. Eine zu süße und fetthaltige Kost tut dann ihr Übriges", weiß Beyer.

Der 67-Jährige, der inzwischen selbst auch in Speldorf wohnt, ist Motor und Seele des Vereins, den die Allgemeinen Ortskrankenkassen Rheinland-Hamburg gerade erst für seine vorbildlichen Präventiven Bewegungsangebote für Kinder und Jugendliche ausgezeichnet haben. Beyer verkörpert das, wofür der Verein steht. Mit 29 verlor er ein Bein an den Knochenkrebs, musste seine berufliche Selbstständigkeit als Raumausstatter aufgeben. Nach einem tiefen Loch, fand er durch den aktiven und erfolgreichen Behindertensport zurück ins Leben. Mit nur einem Bein, aber der doppelten Kraft des zweiten Lebens war er als Ski-Ass auf der Piste erfolgreich. Dann übernahm er Leitungsfunktionen, zum Beispiel als Jugendwart der Behindertensportgemeinschaft. Doch als Beyer und 40 seiner Mitstreiter aus der Jugendabteilung das Gefühl hatten, dass die Kinder- und Jugendarbeit im Behindertensport optimaler gefördert werden könnte, als sie damals gefördert wurde, gründeten sie ihren eigenen Verein, den VBGS.

Das war am 8. November 1989, ein Tag vor dem Berliner Mauerfall. Weil der Verein von Anfang an auf Öffnung und Zusammenarbeit setzte, wurde manches möglich: Zum Beispiel der behindertengrechte Umbau der Sporthalle an der Waldorfschule, die der Verein für seine Sportstunden ebenso nutzt, wie das Schwimmbecken der Rembergschule. So konnte das Sport- und Therapiezentrum in der Waldorfschule 1993 mit finanzieller Hilfe der Stiftung Wohlfahrtspflege und der Aktion Mensch realisiert werden. Und als es 2002 an den barrierefreien Umbau der Speldorfer Geschäfts- und Beratungsstelle ging, konnte der VBGS die Sparkassen-Stiftung als Sponsor gewinnen. Dass der 2007 mit der Ehrenspange der Stadt ausgezeichnete Beyer und der Verein immer wieder über den eigenen Tellerrand hinausgeschaut haben, zeigen nicht nur das Altstadtweinfest und der Tengelmannlauf oder die Gründungsmitgliedschaft beim Centrum für bürgerschaftliches Engagement, sondern auch die Tatsache, dass der Vereinsvorsitzende heute auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände (AGB) ist. Schon 1992, als das Wort barrierefrei noch nicht in aller Munde, geschweige denn gesetzlich verankert war, erarbeitet Beyer mit dem damaligen Behindertenkoordinator der Stadt, Hermann Hofmann, die erste Checkliste für barrierefreies Bauen.
Der VBGS war übrigens auch der erste Mülheimer Verein, der junge Menschen im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres als Helfer in seine Kinder- und Jugendarbeit einbaute. Und last, but not least wurde der Verein, dessen Mitglieder inzwischen auch zunehmend aus Zuwandererfamilien stammen, vom Landessportbund 2008 für seine integrative Jugendarbeit ausgezeichnet.
Weitere Informationen über den VBGS finden Sie im Internet unter: http://www.vbgs-muelheim.de/

Freitag, 23. Oktober 2009

Mal eben mit dem Bus in die Stadt: Vor 60 Jahren wurde dieser Wunsch der Oemberger Wirklichkeit

Wie kann man Außenbezirke besser in den öffentlichen Nahverkehr einbinden? Die von der Seniorenzeitung Alt! Na und? angestoßene Disskussion über einen ehrenamtlich gesteuerten Bürgerbus, der Lücken im Nahverkehrsnetz schließen könnte, zeigt, wie zeitlos aktuell diese Frage ist, wenn man auf den 23. Oktober 1949 zurückblickt.

Diesen Tag empfinden die damals 1800 Bewohner der Saarner Oemberg-Siedlung als einen Festtag. Denn an diesem Sonntag kommt zum ersten Mal ein Bus zu ihnen, der sie in gut 20 Minuten in die Innenstadt bringt. "Wie sehr wir uns nach diesem Verkehr mit der Innenstadt hier draußen gesehnt haben, lässt sich gar nicht sagen", lässt der Oemberger Siedlungs-Obmann Scholten den Reporter von der NRZ wissen. Scholten hat die Buslinie durch seine beharrlichen Eingaben bei der Stadt erst möglich gemacht.

Ehe vor 60 Jahren der erste Bus in die Oemberg-Siedlung kommt, müssen ihre Einwohner einen 15-minütigen Fußmarsch zur nächsten Straßenbahnhaltestelle Waldschlößchen am Uhlenhorst antreten, um von dort aus in die Innenstadt zu fahren.
Vor diesem Hintergrund ist die Begeisterung zu verstehen, mit der die Kinder der Oemberger an diesem 23. Oktober dem ersten und zur Feier des Tages mit Blumen geschmückten Omnibus entgegenlaufen und Frauen ihm vom Straßenrand aus zuwinken.
54 000 Mark haben sich die Verkehrsbetriebe der Stadt ihren damals vierten Omnibus kosten lassen. Zum Vergleich: Heute gehören 49 Busse zum Fuhrpark der Mülheimer Verkehrsgesellschaft, die pro Jahr mehr als zwölf Millionen Fahrgäste befördern.

"Siedler fahren im geheizten Bus", titelt vor 60 Jahren die NRZ und zitiert den Ober-Ingenieur der städtischen Verkehrsbetriebe mit dem überschwänglichen Lob: "Dieser Bus ist wirklich der letzte Schrei." Ausführlich beschreibt die Lokalausgabe Ausstattung und technische Details des Fahrzeugs: 110 PS-Motor, Höchstgeschwindigkeit 60 Kilometer pro Stunde, 35 Kunststoffledersitze, 18 Stehplätze, eine mit Hilfe des Motors betriebene Warmwasser-Heizung und nicht zu vergessen die per Knopfdruck zu öffnenden Bustüren.
Den Türknopf drücken dürfen damals nur der Fahrer und sein Schaffner. Ja, den gibt es 1949 noch. Schwarzfahrer haben damals keine Chance. Tatsächlich gibt es am ersten Tag auf der neuen Buslinie aber mehr Fahrgäste als Fahrkarten. Der Schaffner muss nachordern. Die Fahrpreise hören sich für heutige Ohren billig an. 30 Pfennig kostet die einfache Fahrt von der Oemberg-Siedlung zur Stadtmitte. Die Sechser-Karte ist 1949 für eine Mark und die Wochenkarte für 2,20 Mark zu haben. Doch ein Jahr nach der Währungsreform verdient man auch erheblich weniger, als heute. Das durchschnittliche Brutto-Jahreseinkommen eines Bundesbürgers liegt 1949 bei rund 2800 Mark und heute bei rund 30 000 Euro.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Damit wir uns noch besser verstehen: Britta Vincent warb in Mülheim für das Institut de Touraine


Kennen Sie das Institut de Touraine? Wenn nicht, dann dürfte es ihnen wie den meisten Mülheimern gehen. Dabei liegt die Sprachenschule, die von der Stadt, der Region und der Handelskammer von Tours finanziert wird und unter der Schirmherrschaft der Universität Tours steht, mitten im Zentrum der französischen Partnerstadt. "Wir haben bei uns rund 2500 Studenten aus 80 Nationen, aber keine Deutschen und keine Mülheimer", wundert sich Britta Vincent.

Die Krefelderin, die in Düsseldorf Sprachen studiert hat und der Liebe wegen seit zwölf Jahren in Tours lebt, ist seit vier Monaten beim Institut de Touraine für internationale Kontakte zuständig. In dieser Funktion besuchte jüngst das Saarner Berufskolleg an der Lehnerstraße , um für das französische Spracheninstitut in der Partnerstadt zu werben. "Wir haben seit 1962 eine gut funktionierende Städtepartnerschaft. Aber um wie vieles würde sie noch besser funktionieren, wenn noch mehr Menschen aus Mülheim die französische Sprache beherrschten", gibt Vincent zu bedenken und weist darauf hin, dass auch Mülheims Madame de Tours, Brigitte Mangen, einst am Institut de Touraine Französisch studiert hat. Obwohl die meisten Sprachenschüler, die am Institut in Tours Französisch lernen junge Menschen sind, die sich auf ein Studium an einer französischen Universität vorbereiten, bietet das Institut de Touraine auch kurze und kompakte Kurse für Französisch-Anfänger und Auffrischer an. Auch um ein passendes Quartier, etwa in Gastfamilien, Hotels oder Mietwohnungen, kümmert sich das Institut.

Zu den Sprachkursen gehören natürlich auch Ausflüge und andere Aktivitäten, mit denen die Sprachenschüler Land und Leute an der Loire kennen lernen können. Weitere Informationen gibt Britta Vincent unter der Rufnummer 33/02 47/05 09 65 oder per Mail an: international@institutdetouraine.de. Internet-Infos: www.institutdetouraine.com. Britta Vincent ist für das französische Spracheninstitut tätig.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Ein Mülheimer in Hagen: Der ehemalige OB-Referent wird jetzt selbst Oberbürgermeister



Manchmal kann ein Rückschlag auf der Karriereleiter einen Karriereschub bringen. Der 46-jährige Diplom-Verwaltungswirt Jörg Dehm hat es erlebt. 1979 trat er als Anwärter für den Mittleren Dienst in die Mülheimer Stadtverwaltung ein. Dort war er lange im Personalamt tätig, ehe er Mitte der 90er zum persönlichen Referenten der Verwaltungschefs aufstieg. Erst diente der Christdemokrat unter Oberstadtdirektor Predeick, dann unter OB Baganz, beide Parteifreunde. Doch nach dem Baganz-Rücktritt im November 2002 und der Wahl der Sozialdemokratin Mühlenfeld "war ich irgendwie über", erinnert sich Dehm. Natürlich hätte er auf irgend einen Posten in der Verwaltung zurückkehren können. Doch Dehm wollte weiter an der Verwaltungspitze, an der Nahtstelle zwischen Politik und Verwaltung arbeiten.
Im Sommer 2003 bot sich die Chance. Die schwarz-grüne Ratsmehrheit in Dinslaken suchte einen neuen Stadtkämmerer und fand ihn in Dehm. "Immerhin habe ich einen strukturellen Haushaltsausgleich erreichen können", bilanziert Dehm seine sechsjährige Amtszeit, die nun zu Ende gegangen ist.


Heute tritt Dehm, der bisher in Eppinghofen gewohnt hat und gerade erst umgezogen ist, sein neues Amt als Oberbürgermeister von Hagen an. In dieses Amt wurde Dehm am 30. August als Kandidat der CDU mit gut 39 Prozent gewählt. Der Vize-Chef der Hagener CDU, Christian Kurrat, glaubt, dass Dehm ein "charmant unbequemer OB sein wird." Damit kann Dehm gut leben. Er weiß, dass er sich auch in Mülheim nicht nur Freunde gemacht hat, was er zuletzt schmerzlich spürte, als sein einstiger Weggefährte, der inzwischen gescheiterte OB-Kandidat Stefan Zowislo, ihn öffentlich in die Nähe der Korruption rückte - und den Vorwurf flugs zurückziehen musste.

Dehm weiß aber auch, dass sein neues Amt nicht leicht wird. Haushaltskonsolidierung und Neuaufstellung der Wirtschaftsförderung sind Herausforderungen seiner politischen Agenda. Keine leichte Aufgabe. Denn in Hagen bekommt er es mit einem 140 Millionen Euro schweren Defizit und Schulden von einer Milliarde Euro zu tun. "Wir müssen unsere Aufgaben an das anpassen, was wir uns leisten können", gibt der Mann aus Mülheim die Marschrichtung vor. Er macht sich keine Illusionen darüber, dass die Haushaltskonsolidierung nicht ohne Personalabbau in der Verwaltung gelingen wird.

Sein Vorteil: Harte, aber notwendige Einschnitte kann ein OB, der von außen kommt, unter Umständen leichter durchsetzen. Und was bleibt von Mülheim? Viel. Denn Dehms Familie bleibt hier wohnen. Frau und Töchter wollen dem Vater erst 2010 nach Hagen folgen.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Adel schützt vor Mord und Totschlag nicht: Vor 350 Jahren erschütterte ein Grafenmord die Herrschaft Broich



Früher war alles besser. Und Adel verpflichtet. So denkt man landläufig und irrt. Das zeigt eine Mülheimer Kriminalgeschichte, die sich vor 350 Jahren auf der Lipper Heide abspielte. Bei den beteiligten Personen handelt es sich um zwei Mülheimer Grafen. Der eine, Moritz von Styrum, erschießt den anderen, Carl Alexander von Daun-Falkenstein und Broich. Ob die Tat, die den damaligen Broicher Grafen Wilhelm Wirich seines einzigen männlichen Erben beraubte, Mord oder Notwehr war, ist bis heute umstritten.

Folgt man der Broicher Sichtweise, so wurde der 17-jährige Jung-Graf Carl Alexander vom Styrumer Grafen Moritz heimtückisch erschossen. Die Kugel, die ihn traf, liegt heute im Museum von Schloss Broich (Foto). Aus Styrumer Sicht stellt sich der Tathergang so dar, dass Moritz von Styrum vom Broicher Junggrafen mit einem Degen bedroht worden sein soll und ihn in Notwehr erschossen hat. Fest steht, dass die beiden Adeligen keine Kinder von Traurigkeit waren und zum Zeitpunkt der Tat stark alkoholisiert waren. Beide hatten eine gemeinsame Hasenjagd und ein sich anschließendes Festmahl beim Abt des Hamborner Klosters hinter sich.

Allerdings eignete sich der damals 25-jährige Moritz von Styrum auch wesentlich besser für die Schurken-Rolle. Denn er hatte als Söldner im Dienste des französischen Königs bereits wegen Plünderung im Gefängnis gesessen und war nur knapp einem Todesurteil entgangen. Als er sich anno 1659 mal wieder in Mülheim aufhielt, stand er als Offizier in den Diensten des Herzogs Ulrich von Württemberg, hatte aber gerade kriegsfrei. Seine Freizeit verbrachte er offensichtlich immer wieder gerne mit Jagen und Trinken. Schon in den Tagen vor dem Grafen-Mord war es zu Irritationen zwischen den Grafen von Broich und Styrum gekommen. Im Vollrausch hatte Moritz 15 Pistolenschüsse auf das Schloss Broich abgefeuert und den Broicher Landesherren Wilhelm Wirich zum Duell herausgefordert. Doch von diesem Ansinnen ließ der ernüchterte Styrumer Graf später wieder ab. Und nach einem Versöhnungstreffen im Kloster Saarn schien der Frieden zwischen den beiden Familien wieder hergestellt. Moritz und Carl Alexander gingen sogar so weit, sich ewige Brüderschaft zu schwören.

Doch alle Schwüre nützten nichts, als sich die beiden Grafen am Unglückstag auf der Lipper Heide im Vollrausch ein wildes Wettreiten lieferten und mit Degen und Pistole hantierten, ohne dass sie ihre jeweiligen Gefolgsleute dauerhaft hätten auseinanderbringen können. So kam es, wie es kommen musste. Der Tod seines einzigen Sohnes bedeutete für den Broicher Grafen Wilhelm Wirich, der gerade erst seine Frau verloren hatte, das Ende seiner Dynastie, die mit seinem Tod 1682 endgültig erlöschen sollte. Vergeblich versuchte Wirich, Moritz vor Gericht für seine Tat zu belangen. Der Prozess, der die Styrumer Grafen finanziell fast ruinierte, verlief im Sande. Ironie der Geschichte: 1662 wurde Moritz von Styrum durch Heirat Wilhelm Wirichs Schwager. Fünf Jahre nach dem Tod Carl Alexanders starb Moritz – bei einem Duell in Wien.

Montag, 19. Oktober 2009

Eine Lobby für die Opfer - Der Weiße Ring in Mülheim - Ein Gespräch mit seiner neuen Leiterin Jutta Michele




Als Lehrbeauftragte unterrichtet die Soziologin Jutta Michele an der Duisburger Fach hochschule angehende Polizeibeamte. In ihren Seminaren bearbeitet sie unter anderem die Frage: Wie entsteht Kriminalität?
Ihre Freizeit widmet die 60-jährige Speldorferin den Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind. Als sie vor fünf Jahren an einem Runden Tisch zum Thema Häusliche Gewalt teilnahm, lernte sie den Polizeibeamten Gerd König kennen, der sie für eine ehrenamtliche Mitarbeit im Weißen Ring gewann. Jetzt hat Jutta Michele von König die Leitung der Mülheimer Außenstelle des Weißen Rings übernommen. Dieser wurde 1983 gegründet, sieben Jahre, nachdem der "Aktenzeichen XY – ungelöst"-Erfinder Eduard Zimmermann die Opferschutzorganisation auf Bundesebene ins Leben gerufen hatte.
Warum engagiert sich Michele mit viel Zeit und Arbeit für den Weißen Ring? Sie erklärt es so: "Die meisten Menschen rechnen nicht damit, Opfer einer Straftat zu werden und geraten deshalb völlig unvorbereitet in diese Situation. Und wenn Menschen Opfer einer Straftat geworden sind, stehen sie oft alleine da und sind auch in ihrem sozialen Umfeld isoliert. Damit möchte niemand etwas zu tun haben, weil man sich ja dann auch mit der Tatsache auseinandersetzen müsste, dass man auch selbst Opfer einer Straftat werden könnte."

Wenn Michele Opfer einer Straftat zur Polizei, zu Ämtern oder zu Gerichtsverhandlungen begleitet, wenn sie ihnen zuhört, Mut zuspricht oder Auswege aus der Traumatisierung aufzeigt, spürt sie immer wieder "viel Anerkennung und Dankbarkeit." In Seminaren des Weißen Rings juristisch und psychologisch geschult, weiß sie, wie wichtig es für Opfer nach dem Trauma einer Straftat ist "jemanden an seiner Seite zu haben, der einem hilft, damit man am Ende nicht verzweifelt."
Gerade erst hat Jutta Michele ein siebenjähriges Mädchen begleitet, das von einem älteren Mädchen sexuell missbraucht worden war. Durch ihre Unterstützung gestärkt, konnte sie den Prozess gegen die jugendliche Täterin gut überstehen und erlebte es am Ende als eine Genugtuung, dass die Täterin zur Rechenschaft gezogen wurde.
Derzeit steht Michele einer türkischen Frau bei, die sich aus ihrem häuslichen Umfeld lösen möchte, weil sie nicht länger von ihrem Ehemann bevormundet werden will. Die Folge: Ihr Mann stellt ihr regelmäßig nach, bedroht, belästigt und beleidigt sie. Das nennt man im Fachjargon Stalking, ein Tatbestand, der seit 2007 gesetzlich unter Strafe steht.
Michele und ihre beiden ehrenamtlichen Kollegen Annchen Brendle und Walter Frieg haben allein zwischen Januar und September 37 Opfer intensiv begleitet. Ungezählt sind die Anrufe der Menschen, denen sie am Telefon weiterhelfen konnten. Das sie und ihre ehrenamtlichen Kollegen es tendenziell mit immer mehr Fällen sexuellen Missbrauchs zu tun bekommen, führt Michele auch auf die Tatsache zurück, "dass immer mehr Opfer mutiger geworden sind, die Straftat nicht auf sich beruhen lassen wollen und bereit sind, die Täter anzuzeigen."

Immer häufiger wenden sich auch ältere Menschen an den Weißen Ring, die Opfer von Dieben und Trickbetrügern geworden sind. "Gerade Senioren sind oft, wie vor den Kopf geschlagen und können nicht begreifen, dass sie beraubt oder sogar geschlagen worden sind, obwohl sie doch niemandem etwas getan und redlich für ihre Rente gearbeitet haben", berichet Michele.
Doch der Weiße Ring hilft den Opfern einer Straftat nicht nur mit menschlichem Beistand, sondern auch materiell. Allein in Mülheim konnte der Weiße Ring durch seine Mitgliedsbeiträge, Spenden und (leider rückläufigen) Bußgeldzuweisungen der Gerichte in den letzten 26 Jahren Opfern von Straftaten mit insgesamt 100 000 Euro finanziell unter die Arme greifen.


Die finanziellen Überbrückungshilfen, die die Organisation gewährt, können ganz unterschiedlicher Natur sein. Da bekommt ein Rentner, der seine Rente abgehoben hat und anschließend ausgeraubt wurde, Geld, damit er über den nächsten Monat kommt. Oder eine Frau, die auf einem Sofa vergewaltigt wurde, bekommt Geld für den Kauf eines neuen Sofas, damit sie ihr Trauma besser überwinden kann. Und Menschen, denen zum Beispiel die finanziellen Mittel für einen Rechtsbeistand oder für eine notwendige Psychotherapie fehlt, kann der Weiße Ring mit entsprechenden Beratungsschecks weiterhelfen oder durch seine Kontakte den Weg zu weiterführenden Hilfen aufzeigen.


Der Weiße Ring in Mülheim hat derzeit 118 Mitglieder und drei ehrenamtliche Mitarbeiter. Neue Ehrenamtler, die Opfer von Straftaten begleiten und unterstützen möchten und können, werden dringend gesucht. Für diese Aufgabe geeignet sind Menschen, die einfühlsam, psychisch stabil, mobil und zeitlich flexibel sind. Der Mitgliedsbeitrag des Weißen Rings beträgt 2,50 Euro pro Monat. Ehepaare zahlen 3,75 Euro. Jugendliche können für 1,25 Euro Mitglied des Weißen Ringes werden.


Wer Kontakt mit der Organisation in Mülheim aufnehmen möchte, erreicht sie unter 3 66 44. Außerdem hat der Verein für Opfer von Straftaten bundesweit eine Beratungs-Hotline geschaltet, die täglich von 7 bis 22 Uhr unter 0800/0 800 343 kostenfrei angerufen werden kann.


Weitere Informationen und Kontakt via Internet unter: www.weisser-ring.de und per E-Mail an: info@weisser-ring.de

Ruhr trifft Waterkant - Eindrücke von einem Shanty-Konzert im Handelshof


Mit musikalischen Grüßen von der Waterkant, die mal schwungvoll, mal melancholisch von Gitarren und Akkordeonklängen untermalt wurden, begeisterten der Chor der Marinekameradschaft und seine Gäste vom Shanty-Chor Gelting am Samstagabend ihre Zuhörer im gut besuchten Festsaal des Handelshofes. Dabei zeigte sich schon auf den ersten Blick eine Gemeinsamkeit. Beide Männerchöre wurden von einer Steuerfrau musikalisch auf Kurs gehalten.

So besangen die blauen Jungs von der Marinekameradschaft unter der Stabführung von Stefanie Melisch zum Beispiel "die Windjammern, die kommen und das Fernweh zurückbringen" oder den "Rum von Jamaika", den die "Matrosen von allen Spirituosen" vermeintlich am liebsten trinken. Mal auf Plattdeutsch, mal auf Englisch erzählte der von Maianne Lüschbrink dirigierte Shanty-Chor aus Gelting an der Ostsee nicht nur von der Romantik, sondern auch vom harten Arbeitsleben an Bord.


Kein Wunder, dass die Matrosen den Frust über ihr schikanenreiches, gefährliches und oft schlecht bezahltes Arbeitsleben mit Alkohol herunter spülten und sich dann zum Beispiel fragten: "What shall wi do with the drunken Sailor?" (Was sollen wir mit dem betrunkenen Seemann anfangen?" Dazu passte auch die alte Arbeitskluft, in die sich die Geltinger gewandet hatten und ihr Geschenk für die Mülheimer Gastgeber, eine kleine Truhe mit Flensburger Rum. Die Chorbrüder der Marinekameradschaft revanchierten sich mit der vermeintlichen Wegzehrung der Mülheimer Bergleute, Schnaps und Speck. Der Chor der 1900 gegründeten Marinekameradschaft wurde 2001 von dem inzwischen verstorbenen Buchhändler Lothar Gnoth ins Leben gerufen und zählt inzwischen 44 Sänger, die sich wöchentlich zur Probe im Handelshof treffen. Neue Mitsänger sind immer willkommen. Auskunft gibt der Baas des Chores, Heinz Lipski unter der Rufnummer: 0208/424357

Sonntag, 18. Oktober 2009

Herzlichen Glückwunsch, Maria Jantke: Die älteste Mülheimerin feiert heute ihren 107. Geburtstag

Maria Jantke hat viel erlebt. Kein Wunder. Morgen feiert sie ihren 107. Geburtstag und ist damit Mülheims älteste Bürgerin. Wie hat sie es geschafft, so alt zu werden? "Ich bin ein sehr gottgläubiger und zufriedener Mensch, der nie viel gegrübelt hat", sagt sie.
Bis ins letzte Jahr hinein hat sie noch in ihrer eigenen Wohnung an der Kreuzstraße gelebt und ihren Alltag mit Hilfe ihres Sohnes Rudi und ihrer Tochter Hildegard selbstständig bewältigt. Erst ein Sturz, bei dem sie sich den Oberschenkelhals brach, zwang sie zum Umzug in den Engelbertusstift an der Seiler Straße.

Jetzt sitzt sie dort in ihrem Zimmer und erinnert sich an ihr Leben. Angefangen hat alles am 18. Oktober 1902, als Maria als Tochter eines Landarbeiters im westpreußischen Kreis Marienburg zur Welt kam. Sie erinnert sich daran, dass sie als Kind barfuß über die Felder ihres Heimatdorfes Stadtfelde und in Holzschuhen zur Schule gegangen ist. Der Weg in die Kreisstadt Marienburg war weit, eine Stunde hin und eine zurück. "Der Kaiser ist ein lieber Mann", zitiert Maria eine Liedzeile aus ihrer Kindheit. Wilhelm II. hat sie in guter Erinnerung behalten: An seinem Geburtstag, dem 27. Januar, hatte sie immer schulfrei.
"Wir sind streng katholisch erzogen worden", erinnert sich Jantke. Kraft und Gottvertrauen brauchte ihre Mutter, nachdem der Vater im Ersten Weltkrieg gefallen war und acht Kinder durchgebracht werden mussten. Nach der Volksschule machte Maria in einer großen Gärtnerei eine Lehre als Floristin und konnte damit zum Familieneinkommen beitragen. Von dieser Zeit schwärmt die naturverbundene Jubilarin noch heute. Ihr Sohn Rudi bescheinigt seiner Mutter denn auch einen grünen Daumen.

Doch als Maria ihren Artur kennen und lieben lernte, zog sie zu Hause aus und zu Artur. Der war Berufssoldat in einer Fahrradkompanie der Reichswehr und wohnte in der Marienburger Kaserne. 1927 wurde geheiratet. Und in den beiden Folgejahren kamen die Töchter Traute und Hildegard zur Welt. 1932 wechselte Artur von der Reichswehr auf einen Posten bei der Reichspost, der die junge Familie von Westpreußen nach Mülheim führte, wo 1936 Sohn Rudi das Licht der Welt erblickte. "Das war damals noch richtiger Kohlenpott hier, mit Zechen, Zementfabrik und Hochöfen. Und nach dem Krieg haben wir in den Trümmern gespielt", erinnert sich Rudi Jantke, der später auch bei der Post arbeiten sollte, an seine Kindheit.
Seine Mutter beschreibt er als eine sehr starke und lebensfrohe Frau. Viel Kraft brauchte sie, um die Kinder durch die Kriegs- und Nachkriegszeit zu bringen. Ihr Artur war 1939 zur Wehrmacht eingezogen worden. Mit ihren Kindern floh sie vor den Bomben nach Görlitz und später wieder auf abenteuerlichen Wegen mit Kohlenzügen zurück nach Mülheim. Nach dem Krieg musste man in der Wohnung an der Kreuzstraße Ausgebombte aufnehmen und teilte sich mit neun Personen vier Räume.

Noch lebhaft erinnert sich Maria Jantke an ihre Hamsterfahrten ins Sauerland. Bis heute ist sie dem Pfarrer dankbar, der ihr dort seinen Kartoffelvorrat und seinen Pflaumenbaum zum Abpflücken überließ. "Ich habe im Leben immer wieder Menschen gefunden, die mir geholfen haben", sagt Jantke.

Auch nach dem frühen Tod ihres Mannes (1956) behielt Jantke ihr Leben in der Hand, arbeitete bei Stinnes und in einem Möbelhaus, "weil ich immer gerne mit Menschen zu tun hatte." Das selbstverdiente Geld ermöglichte ihr manch schöne Reise durch Deutschland und Österreich. Das Reiseziel Amerika blieb aber für sie ein Traum.
Wenn man Maria Jantke nach einem Geburtstagswunsch fragt, dann sagt sie: "Meine Gesundheit ist mein höchstes Gut. Hoffentlich bleibt sie mir noch lange erhalten." Ihr Sohn Rudi ist zuversichtlich, auch wenn seine Mutter nicht von den Gebrechen des Alters verschont geblieben ist: "Sie war bis zu ihrem Sturz nie ernstlich krank und brauchte nie einen Hausarzt. Jetzt plant sie schon ihren 110. Geburtstag." Bis dahin telefoniert Maria Jantke täglich mit ihren drei Kindern und lässt sich über das aktuelle Geschehen in Mülheim und der Welt auf dem Laufenden halten.

Samstag, 17. Oktober 2009

Der Integrationsrat hat Ingrid Kohlnrei mit seinem Förderpreis für ein gedeihliches Miteinander und gegenseitige Integration ausgezeichnet


Warum hat Ingrid Kohlbrei den Förderpreis verdient, den der Integrationsrat für ein "gedeihliches Miteinander und gegenseitige Integration" zum elften Mal verliehen hat?

Der Vorsitzender des Integrationsrates, Enver Sen unter, begründet das bei der Preisverleihung im Schloss Broich so: "Für die Migrantinnen und Migranten waren Sie in all den Jahren immer ansprechbar und haben sich für deren Belange eingesetzt." Auch der Kinderschutzbund profitiert in diesem Jahr von der Auszeichnung. Denn die 400 Euro Preisgeld stiftet Ingrid Kohlbrei den Mülheimer Kinderschützern.

Eingesetzt hat sich die ehemalige CDU-Ratsfrau, die dem heutigen Integrationsrat seit 19 Jahren angehört zum Beispiel dafür, dass Asylbewerber in Mülheim menschenwürdig untergebracht wurden, dass Frauen aus Zuwandererfamilien besonders gefördert werden, wenn es zum Beispiel um den Erwerb der deutschen Sprache und darüber hinaus gehende Bildungschancen oder islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache ging und geht.
Integration ist für die 71-jährige Preisträgerin nicht nur politisches Programm, sondern auch Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte, wurde sie 1945 doch mit ihren Eltern aus ihrer Heimat in Oberschlesien vertrieben und musste sich in der neuen Heimat Mülheim integrieren.
Wie kann Integration von Zuwanderern aus anderen Ländern- und Kulturkreisen gelingen. Kohlbrei gab in ihrer kurzen Dankesrede einige Denkanstöße. Integration fängt für sie im Kopf an: "Es geht nicht um die Frage: Migrant oder nicht? Wichtig ist, wie ein Mensch ist und wie er sich gibt", betont sie. Bildung und Sprache sind für sie die Schlüssel zur Integration. Schon im Kindergarten müsse gezielt gefördert und gebildet werden, um damit das Fundament für einen später erfolgreichen Übergang von der Schule in den Beruf zu schaffen.

Mit Blick auf die erwachsenen Zuwanderer appeliert Frau Kohlbrei, die umfangreichen VHS-Kursangebote im Bereich Deutsch als Fremdsprache noch stärker als bisher zu nutzen. Eine besondere Herausforderung für die deutsche Aufnahmegesellschaft sieht die Vorsitzende der Senioren-Union darin, zu gewährleisten, "dass Zuwanderer unter Berücksichtigung ihrer kulturellen Herkunft bei uns in Würde altern können."
Das Foto zeigt die Preisträgerin Ingrid Kohlbrei (Mitte) mit Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Enver Sen vom Integrationsrat.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Für den sehbehinderten Paul Krämer ist jeder Tag ein Tag des Weißen Stocks, aber er meistert sein Leben mit Handicap


Heute ist der Tag des "Weißen Stocks". Ins Leben gerufen wurde er vor 45 Jahren vom damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson. Er wollte auf die Belange blinder und sehbehinderter Menschen aufmerksam machen. Für den 70-jährigen Paul Krämer aus Broich ist jeder Tag ein Tag des "Weißen Stocks".

Mit Anfang 50 machte sich bei dem Ingenieur eine Makuladegeneration bemerkbar. "Wenn ich nachts mit dem Auto fuhr, was ich früher eigentlich immer gerne gemacht habe, sah ich plötzlich Blitze", erinnerte er sich an die ersten Symptome der Erkramkung. Bis dahin war er nie regelmäßig zum Augenarzt gegangen. Das war ein Fehler, wie er heute weiß.
Auch Medikamente und regelmäßige Operationen konnten den kontinuierlichen Verlust seiner Sehkraft nur verzögern, aber nicht stoppen. 20 Jahre nach dem Ausbruch der Krankheit, bei der Sehnerven absterben, ist ihm noch eine Sehkraft von zwei bis vier Prozent geblieben. "Das hängt auch von meiner Tagesform ab", sagt Krämer.
Wer ihn zu Hause besucht, bemerkt seine Sehbehinderung nicht auf den ersten Blick. Zielsicher nimmt er ein Glas aus dem Küchenschrank, um dem Gast einzuschenken. "Hier hat alles seinen Platz", erklärt Krämer seine wichtigeste Regel, mit der er in den eigenen vier Wänden seinen Alltag regelt. Offen stehende Schranktüren oder ungeplant im Raum herumstehende Dinge sind ihm ein Graus, weil eine potenzielle Gefahr.

"Draußen wird es natürlich schwieriger", weiß Krämer. Denn da lauern zum Beispiel zugeparkte und zugestellte Gehwege oder abgesenkte Bordsteine, die es Krämer mit seinem weißen Stock schwer machen, die Grenze zwischen Gehweg und Fahrbahn zu ertasten. Deshalb ist der Sehbehinderte, für den Fernsehen nur ein Radio mit anderen Mitteln ist, froh, wenn ihn seine Frau Heike als sein Auge begleitet oder im Auto chauffiert.
"Den Fußweg von Broich in die Stadtmitte habe ich noch im Kopf. Nur die neuen Geschäfte kenne ich natürlich nicht", beschreibt Krämer sein inneres Auge, das aus der Vergangenheit lebt, als er noch gut sehen konnte.

Manchmal fährt er auch mit Bus und Bahn. "Dann frage ich mich einfach durch und bekomme eigentlich immer eine vernünftige Antwort." Krämer hadert nicht mit seinem Schicksal. "Anderen geht es noch viel schlechter", sagt er und führt dem Besucher seine technischen Alltagsassistenten vor, die ihm ein Höchstmaß an Selbstständigkeit gewähren und sein Informationsfenster zur Welt der Sehenden sind.
"Der Computer ist schon eine schöne Sache für uns Blinde und Sehbehinderte", findet Krämer. Tatsächlich. Sein PC kann sich nicht nur sehen, sondern auch hören lassen. Eine Spezialsoftware sorgt dafür, dass ihm alle Texte, die er selbst schreibt oder zum Beispiel im Internet liest, von einer elektronischen Stimme vorgelesen werden. Ähnlich funktioniert auch sein sprechendes Handy. Die Zeitung liest der Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter des Blinden- und Sehbehindertenvereins mit einem Bildschirmlesegerät. Außerdem hat er die Hörzeitung Echo Mülheim abonniert, die ihren Hörern die Lokalpresse vorliest.
Bücher findet man in Krämers Wohnung nur wenige. Die sind für ihn Zeugen einer Vergangenheit, in der er gerne las. Heute liest er keine Bücher mehr. Er hört sie. Entweder leiht er Hörbuch-CDs in der Stadtbücherei aus oder er bestellt sie kostenfrei per Post bei der Westdeutschen Blinden- und Hörbücherei.
Trotzdem macht Krämer keinen Hehl daraus, dass er die Lektüre gedruckter Bücher ebenso vermisst wie das Fahren seines Autos, das er Anfang der 90er Jahre abgeben musste. Das Letzte, was er als Normalsichtiger schwarz auf weiß las, waren die Romane Emil Zolas.

Wenn man wie Krämer damit leben muss, immer weniger zu sehen, lernt man, Abschied nehmen und neu anfangen. Nicht nur von seinem Auto, sondern auch von seinem Arbeitsplatz musste er sich krankheitsbedingt und vor der Zeit verabschieden. "Ich habe gerne als Ingenieur bei Siemens gearbeitet. Ich hatte einen interessanten Beruf und wir hatten ein gutes Betriebsklima", erinnert er sich.
Was ihm über die schmerzlichen Verluste hinweg half, waren seine sozialen Netzwerke: Familie, ehemalige Kollegen oder seine aktive Mitarbeit beim Blinden- und Sehbehindertenverein sowie bei den Mülheimer Kanu- und Skifreunden.

Weitere Informationen zum Blinden- und Sehbehindertenverein Mülheim, der am letzten Mittwoch des Monats um 16 Uhr zum Stammtisch ins Hotel Handelshof und am ersten Donnerstag des Monats, jeweils von 10 bis 14 Uhr, zu einer Beratungssprechstunde in die Geschäftsstelle der Grünen an der Bahnstraße 50 einlädt, finden Sie im Internet unter http://www.bsv-muelheim.de/

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Was man über das Thema Augengesundheit wissen sollte: Ein Beitrag zur Woche des Sehens


Dr. Cay Christian Lösche leitet seit 1995 die Augenklinik des Evangelischen Krankenhauses, in der jährlich 20.000 Patienten behandelt werden. Deshalb war er für mich der richtige Ansprechpartner, um in der bundesweiten Aktions-Woche des Sehens das Thema Augengesundheit zu beleuchten.
Lösche bestätigte aus seiner Praxis meine Vermutung, dass wir aufgrund des demografischen Wandels mit einer steigenden Zahl von Augenerkrankungen rechnen müssen. Laut Lösche benötigen mehr als 50 Prozent der Bevölkerung aufgrund einer altersbedingten Fehlsichtigkeit die Korrektur durch eine Brille. Die altersbedingte Fehlsichtigkeit, die bereits ab dem 45. Lebensjahr eintritt, wird dadurch erzeugt, dass das Licht auf der Netzhaut nicht mehr ausreichend gebrochen werden kann. Diese schwindende Brechkraft, die dazu führt, dass man Dinge im Nahbereich nicht mehr fokusieren kann, muss dann durch eine dem Auge vorgeschobene Brillen-Linse ausgeglichen werden.

Entkräften konnte Lösche das weitverbreitete Vorurteil, dass Computer- und Bildschirmarbeit langfristig die Sehkraft beeinträchtige. Allerdings räumt Lösche eine gewisse Belastung ein, die auch zu Kopfschmerzen führen könne, wenn ein individuelle Fehlsichtigkeit nicht durch eine Brille korregiert werde.


Was mich überraschte, war die Tatsache, dass es vor allem die Lichteinstrahlung ist, der wir lebenslang ausgesetzt sind, die auf Dauer zu einer Schädigung unserer Sehzellen und damit auch zu einer Beeinträchtigung unserer Sehkraft führen kann. Weniger Licht ist also für unser Auge doch mehr. Und wer in die Sonne geht oder sich sogar regelmäßig in den Bergen aufhällt, sollte die Sonnenbrille nicht vergessen, die UV-Strahlen und blaue Lichtanteile herausfiltert. Auch grünes Gemüse und Obst, wie Paprika und Broccoli, können uns die Vitamine (C, D und E) zuführen, die als natürliche Schutzfilter wirken und damit das Risiko senken, zum Beispiel an einer Makuladgeneration zu erkranken.

Neben dem Grauen Star (der in Deutschland jährlich rund 600.000 Mal operiert wird) und dem Grünen Star sowie dem Diabetes ist die Makuladegeneration im Alter die am häufigsten auftretenden Augenerkrankungen.
Während der Graue Star, eine Eintrübung unserer Augenlinse, in anderen unterentwickelten Teilen der Welt die häufigste Erblindungsursache darstellt, kann er bei uns in der westlichen Welt relativ einfach und sicher mit einer etwa zehnminütigen Operation behoben werden. Sehr viel gefährlicher werden dem Augenlicht die Makuladegeneration, der Grüne Star und die Folgen des Diabetes. Denn hier wird der Sehnerv angegriffen, kommt es zu einem Absterben von Sehzellen. Ursachen hierfür können neben einem zu hohen Augeninnendruck auch Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen sein. Die Degeneration der Makula, dem schärfsten Punkt unseres Sehens und der Grüne Star sind hierzulande die häufigsten Ursachen für eine Erblindung.

Um solch bedrohliche Augenerkrankungen rechtzeitig erkennen und behandeln zu können, rät der Chefarzt der Mülheimer Augenklinik, mindestens einmal pro Jahr den Augenarzt zu vorsichtshalber zu konsultieren.
Weitere Informationen über Dr. Cay Christian Lösche und die Augenklinik des Evangelischen Krankenhauses finden Sie auf der Internetseite: www.evkmh.de unter der Rubrik "Unsere Fachabteilungen"

Dienstag, 13. Oktober 2009

Was wollen Männer lesen? Eindrücke vom Diözesantag der Katholischen Öffentlichen Bibliotheken


Speldorf. Der Blick ins Auditorium der Katholischen Akademie Die Wolfsburg spricht Bände. Dort sitzen fast ausschließlich Frauen. Wir sind beim 47. Diözesantag der Katholischen Öffentlichen Büchereien (KÖB). Dessen gut 80 Teilnehmerinnen fragen sich an diesem Tag mit Rolf Pitsch vom Borromäusverein: "Was wollen Männer?" Es geht ums Lesen. Und die Zahlen der Stiftung Lesen, die Pitsch parat hat, sprechen für sich. Danach lesen nur 15 Prozent aller Männer regelmäßig Sach- und Fachliteratur. Für nur 7 Prozent gehört die Lektüre von schöner Literatur zum Alltag.

Folgt man Pitsch und der Leseforschung, dann lesen Männer vor allem nutzenorientiert, etwa für den Beruf, während sich Frauen auch schon mal ein gutes Buch zur Unterhaltung und Entspannung gönnen. So lesen, laut Stiftung Lesen, 25 Prozent aller Frauen regelmäßig schöne Literatur, aber nur 17 Prozent nutzen ebenso regelmäßig Fach- und Sachliteratur.
Der Tenor der Diskussion ist eindeutig. Jungs und Männer kommen nur selten in eine KÖB. "Mit Zweit- und Drittklässlern müssen wir, wie im Kindergarten Bilderbücher lesen. Und viele ausländische Kinder verstehen nicht einmal die einfachsten deutschen Sätze", berichtet eine Bibliothekmitarbeiterin ihre Erfahrungen aus der Leseförderung in einer Grundschule.
Pitsch, der selbst 19 Jahre in einer Katholischen Bücherei in Bonn mitgearbeitet hat, bestätigt ihre Erfahrungen. "Gerade Jungs stehen in der Gefahr, zu Bildungsverlierern zu werden", sagt er und weist darauf hin, dass heute etwa ein Drittel aller Deutschen aus Haushalten kommt, in denen sie weder Mutter noch Vater lesend erlebt haben. Aber was tun, um nicht im Kulturpessimismus zu versinken?

Neue Männer brauchen die katholischen Büchereien aus Pitsch Sicht ebenso, wie mehr Anerkennung für KÖB-Mitarbeitende, mehr Geld für eine attraktivere Medienausstattung, die etwa mit Fachzeitschriften, aktueller Sachliteratur und Filmen verstärkt auch kleine und große Männer anspricht. "Die Bibliotheken sind heute weiblich", stellt Pitsch fest und beklagt das Fehlen männlicher Lesvorbilder und Ansprechpartner Nur zehn Prozent der bistumsweit 1200 und bundesweit 35.000 ehrenamtlichen KÖB-Mitarbeiter sind Männer. Sie müssen, laut Pitsch, öffentlich stärker in Erscheinung treten, sei es an der Ausleihtheke, im Pfarrbrief oder in Gottesdiensten. Außerdem müssen die KÖBs nach seiner Ansicht stärker aus sich herausgehen. Warum nicht mal einen literarischen Männerstammtisch in einer Gaststätte oder eine Lesenacht mit einem Fußballtrainer anbieten oder mit Bücher- und Medienkisten dort hin gehen, wo Jungs gerne und oft sind, zum Beispiel auf den Fußballplatz, in Jugendheime oder in der Unterrichtspause auf den Schulhof.


Dieser Text wurde auch von der katholischen Wochenzeitung RUHRWORT veröffentlicht. Weitere Informationen im Internet unter: http://www.ruhrwort.de/

Sonntag, 4. Oktober 2009

Kunst trifft Kübel oder: Mehr Grün in die City, aber wie?


Obwohl die Idee, etwas mehr Grün in die Innenstadt zu bringen, von den meisten Bürgern begrüßt wird, scheiden sich an den 33 Baumkübeln, die bis Ende des Jahres auf der Schloßstraße aufgestellt werden sollen, die Geister. Allein schon die Kosten sprechen für sich. Jeder der aufgestellten Metallkübel kostet die Stadt 7500 Euro. Die Gesamtkosten der Bepflanzugsaktion wurden mit rund 555.000 Euro angegeben.


Straßenumfragen zeigten bisher eher eine Mehrheit gegen die Baumkübel, die von vielen Bürgern als überdimensioniert, unansehnlich und platzraubend empfunden werden. Die Platzfrage ist insofern von besonderer Brisanz, da die Schloßstraße durch die Ruhrbania-Bauarbeiten am Rathausmarkt jetzt auch zum Marktplatz geworden ist. Die Kontroverse darüber, ob die Markthändler während des Weihnachtsmarktes von der Schloßstraße auf den Berliner Platz wechseln sollen oder nicht, spricht für sich.


Wozu dieser Platzmangel führt, zeigte sich auch am Rasche-Brunnen. Sein Schöpfer, der Bildhauer Ernst Rasche, intervenierte bei der Stadt dagegen, dass die "räumliche Wirkung und der Erlebnisraum" seiner 1973/74 aus 50 Tonnen südafrikanischem Granit geschaffenen "begehbaren Plastik" durch drei Baumkübel "optisch zerstört" worden seien, die dicht vor der Brunnenlandschaft mit ihren Stelen und ihrer Kugel im August aufgestellt worden waren. Nicht von ungefähr sprach der damalige Oberstadtdirektor Heinz Heiderhoff vor 35 Jahren mit Blick auf den Rasche-Brunnen, dessen Objekte durch einen Pflastersteinteppich miteinander verbunden sind, von einem "Glanzpunkt der neuen Fußgängerzone." Diese inzwischen in die Jahre gekommene und von der Wirtschaftskrise gebeutelte Fußgängerzone wurde damals von der Lokalpresse als "Fußgängerparadies" beschrieben.


Nach einigem Hin und Her gab die Stadt jetzt nach. Die drei fraglichen Baumkübel sollen, wie Stadtsprecher Volker Wiebels betonte, "aus Respekt vor dem Künstler und seinem Kunstwerk" noch im Oktober abmontiert und an der oberen Schloßstraße aufgestellt werden. Ernst Rasche selbst zeigte sich erleichtert und sprach "von einer guten Lösung ."


Doch dort stehen ja bereits die Markthändler. Außerdem gibt es in der Straßenmitte kleine Laufbrunnen und am angrenzenden Kurt-Schumacher Platz den 1986 von Wolfgang Liesen geschaffenen Stadtsäulen-Brunnen, der ebensowenig, wie der 1073 von den Mannesmann-Röhrenwerken gestiftete Rasche-Brunnen zugestellt werden darf.

Samstag, 3. Oktober 2009

Ritterschlag für närrischen Wagenbauer


Der Geschäftsführer des Hauptausschusses, Hans Klingels, nennt ihn einen "Altmeister des Wagenbaus." Und das ist der 71-jährige Karosseriebaumeister Teobert Kuhs wohl auch. Seit 20 Jahren sorgt er mit etwa 24 Kollegen in der Wagenbauhalle dafür, dass der Rosenmontagszug ins Rollen kommt.

"Wir sind eine kleine, aber eingeschworene Gemeinschaft. Und das muss auch so sein", sagt er über die Zunft der jecken Wagenbauer, die jetzt mit neuer Planungssicherheit in einer vom Hauptausschuss auf 20 Jahre angemieteten Halle an der Ruhrorter Straße an den Motiv- und Gesellschaftswagen werkeln können. "Das Spannendste ist immer wieder zu sehen, wie die Leute auf das reagieren, was man in die Welt gesetzt hat", beschreibt Kuhs seine Vorfreunde auf den Rosenmontag.

Am 25. November wird der Wagenbauer von der Gesellschaft Mölm Boowenaan für seine Verdienste um den mölmschen Karneval in der Stadthalle zum Ritter des Schiefen Turms geschlagen und damit in den närrischen Adelstand erhoben. Kuhs wird der 25. Ritter des Schiefen Turms sein. Die höchste Auszeichnung für langjährig aktive mölmsche Karnevalisten wurde bereits 1974 von Kuhs' Heimatgesellschaft Mölm boowenaan und dem Mülheimer Karnevalsverein ins Leben gerufen. Der Name der aktuell 13 amtierenden Ritter des Schiefen Turms leitet sich übrigens vom einst windschiefen Turm der Petrikirche ab.

Von Thüringen an die Ruhr oder: Wenn die Einheit durch den Magen geht


Wenn man nach Erfolgsgeschichten der deutschen Einheit sucht, kann man im Ratskeller und im Bürgergarten fündig werden. Beide Traditiongaststätten werden heute von Jörg und Janet Thon geführt. Der Fall der Mauer machte es möglich, dass die Beiden 1990 aus Gera nach Mülheim kamen.

Als die Mauer am 9. November 1989 fiel, reparierte der angehende Koch Jörg Thom im Keller seines Elternhauses gerade sein Motorrad. "Ich konnte erst gar nicht glauben, was ich da hörte", erinnert er sich an seine erste Reaktion auf die Nachrichten von der neuen Reisefreiheit. Jetzt konnte er ganz selbstverständlich Tante und Onkel in Speldorf besuchen, die dort einen Friseursalon betrieben.

Diese Familienbande nutzte er, als er im Januar 1990 erfuhr, dass seine Meisterausbildung, die er als Koch in Jena und Gera absolvierte, im neuen Deutschland wohl nicht anerkannt würde. In Speldorf fragte er nach Arbeit und Wohnung und wurde schnell fündig. Nicht nur er selbst, sondern auch seine spätere Frau fanden im Tannenhof eine erste Anstellung.

Auch wenn es am Anfang die eine oder andere Ossi-Wessi-Frotzelei gab, staunt Thon rückblickend darüber, "wie freundlich und aufgeschlossen die Menschen mich hier aufgenommen haben." Nach ersten Stationen im Tannenhof und im Wasserbahnhof übernahmen die Thons 1993 die Leitung des Ratskellers und in diesem Jahr auch die des Bürgergartens.

Was bedeutet ihm die Wiedervereinigung Deutschlands? Er formuliert es so: "Ich sehe Deutschland trotz aller Schwierigkeiten politisch und wirtschaftlich auf dem richtigen Weg. Und wir sollten unser Potenzial nicht schlechter reden, als es ist." Die deutsche Einheit ermöglichte den Thons eine erstaunliche Erfolgesgeschichte und die Freiheit, dass sagen zu können, was man denkt. Doch der Erfolg hat auch seinen Preis. Denn ihr Beruf lässt ihnen nur wenig Zeit und "Reisefreiheit" für den Urlaub in Holland oder Südtirol oder für den Familienbesuch in Thüringen. Und so wird auch der heutige Feiertag für sich "ein ganz normaler Arbeitstag, an dem wir hoffen, ein gutes Geschäft zu haben."

Merz aus Mülheim: Da ist Musik drin


Wie der Vater, so der Sohn. Diese Gleichung geht beruflich meistens nicht auf. Nicht selten wollen Söhne alles, nur nicht in die Fußstapfen ihres Vaters treten. Bei David Merz war das "aber wohl unvermeidlich." Da sind sich David und sein Vater Kim einig.


Das musikalische Vorbild des Vaters, der mit seiner Band FKK in den letzten 16 Jahren nicht nur in Mülheim viele Fans gewonnen hat, prägte den Sohn und ließ in ihm den Wusch reifen, selbst Musiker zu werden und mit einer Band auf der Bühne erfolgreich zu sein.


Seinem Ziel ist der inzwischen 22-jährige David Merz bereits näher gekommen. Am morgigen Sonntag (4. Oktober) wird der junge Gitarrist um 18 Uhr im Gemeindezentrum der Markuskirchengemeinde am Knappenweg in Winkhausen mit seiner Band Pink Mercury zu hören sein. Zuhörer dürfen sich auf Rockmusik mit Folk- und Klassik-Elementen freuen. Außerdem steht die Band kurz vor einem Plattenvertrag, so dass ihr Sound bald auch schon auf CD zu hören sein wird. "Musik ist einfach das Medium, mit dem ich mich am besten ausdrücken kann", sagt David Merz über sich selbst.


Davids Musikerleben begann mit seinem ersten Klavierunterricht. Da war er 13. Mit 16 besuchte er bereits die Essener Folkwangschule, an der er Schlagzeug- und Gitarrenunterricht erhielt. An der Gustav-Heinemann-Schule, an der er 2006 das Abitur bestand, ließ Merz mit der Schülerband Just for Sugar und nach seiner Schulzeit mit der Gruppe Beyond von sich hören. Beide Bands spielten auch von Merz selbst komponierte Rockmusik.


Inzwischen studiert der in Winkhausen und Dümpten aufgewachsene Musiker Gitarre und Klavier an der Hamburger School of Music. Nach seinem Diplom möchte er noch ein Lehramts- und Kompositionsstudium anschließen, um seine beruflichen Möglichkeiten als Musiker zu erweitern. Na, dann: Viel Glück. Denn Wiederhören macht Freude. Infos zur Band findet man übrigens im Internet unter: http://www.pinkmercury.de/

So gesehen: Nach der Wahl ist vor der Wahl oder: Politik an der Ampel


Als Fußgänger und Autofahrer kann man in der Innenstadt manchmal rot sehen. das ist nicht politisch, sondern ampeltechnisch gemeint. Eine grüne Welle ist bei der Ampelschaltung in der City nicht vorgesehen. Da kann man manchmal warten, bis man schwarz wird. Und wenn es stimmt, das Zeit Geld ist, dann haben die Erfinder der Ampelschaltung schon jede Menge Schulden gemacht.


Doch am Bundestagswahl-Sonntag war ich der Ampelschaltung vor meinem Wahllokal am Rathausmarkt dankbar, dass sie mir noch etwas Zeit gab, ehe ich meine beiden Stimmkreuze machen musste. Denn beim Farbenspiel der rot-gelb-grünen Ampel vor mir oder beim Blick auf den schwarzen Straßenasphalt unter mir und in den blauen Himmel über mir, konnte ich noch mal in aller Ruhe darüber nachdenken, welche politische Farbmischung für die Reise in die Zukunft aus meiner Sicht die Richtige sein könnte.


Als ich dann nach dem Verlassen des Wahllokals wieder vor der Ampelstand und mir noch einmal überlegen konnte, ob meine Wahl unser Land durchstarten oder in eine Sackgasse fahren lässt, ging mir ein Licht auf: Die oft gescholtenen Erfinder der Ampelschaltung in der City sind keine Bremser oder gar technische Dilettanten, sondern einfach nur politisch denkende Menschen, die wissen, dass wir manchmal einfach eine kleine Wartezeit brauchen, um nachdenken und dann richtig entscheiden und handeln zu können.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Sie war die erste Frau an der Spitze der Stadt


Heute feiert Eleonore Güllenstern ihren 80. Geburtstag. Sie war die erste Oberbürgermeisterin der Stadt. Als die damals 52-jährige Sozialdemokratin 1982 in ihr Amt gewählt wurde, war sie die einzige Frau an der Spitze einer deutschen Großstadt. Zuvor war sie als Bürgermeisterin bereits drei Jahre lang Stellvertreterin des 1982 verstorbenen Oberbürgermeisters Dieter aus dem Siepen gewesen. Obwohl sie als OB nach der damaligen Gemeindeordnung nicht Verwaltungschefin, sondern nur Repräsentantin der Stadt und Vorsitzende des Rates war, setzte sie vor allem in den Bereichen Bildung, Kultur, Jugend und Frauen politische Akzente.

In ihre zwölfjährige Amtszeit fallen zum Beispiel die Einweihung des Kurt-Schumacher-Platzes (1986) und die Landesgartenschau Müga (1992) sowie die Gründung der Mülheimer Initiative für Toleranz (1993) und die Begründung neue Städtepartnerschaften mit Oppeln (1989) und Kfar Saba (1993).

Unter ihrer politischen Federführung bekam Mülheim erstmals eine Gleichstellungsbeauftragte. Schon vor ihrer Zeit als Oberbürgermeisterin hatte sich Güllenstern als Vorsitzende des Kulturausschusses maßgeblich für die Gründung des Theaters an der Ruhr eingesetzt, das bis heute eine der bundesweit bekanntesten Kultureinrichtungen Mülheims ist. Als Oberbürgermeisterin war Güllenstern dann auch Aufsichtsratsvorsitzende des von Roberto Cuilli und Helmut Schäfer geleiteten Theaters.

Ihre kommunalpolitische Laufbahn begann 1964 mit dem Einzug in den Rat der Stadt, dem Güllenstern bis zum Rücktritt vom OB-Amt im Oktober 1994 angehören sollte. Auch nach dem undglücklichen Ende ihrer Amtszeit, das vom Machtverlust der SPD und der Ruske-Kredit-Affäre überschatteten wurde, blieb Güllenstern öffentlich aktiv, zum Beispiel als Vorsitzende des Kunstvereins und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Der Vorsitzende der SPD-Ratsfraktion, Dieter Wiechering, bescheinigt seiner Parteifreundin rückblickend: "Eleonore Güllenstern war als Oberbürgermeisterin eine Integrationsfigur, weil sie in der Bürgerschaft sehr gut verankert war." Und Helmut Schäfer vom Theater an der Ruhr ist überzeugt: "Ohne Eleonore Güllenstern würde es das Theater an der Ruhr in seiner heutigen Form nicht geben."