Montag, 30. November 2009

Starker Laudator stahl dem Preisträger bei der Verleihung der Spitzen Feder die Show


Eigentlich wollte der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval am Samstagabend zwei Spitze Federn für Wortakrobaten aus TV-Journalismus und Show-Business verleihen. Doch der eine Preisträger, Jörg Pilawa, ließ nur per Video-Botschaft und mit Pappnase grüßen, weil er ausgerechnet am Abend des Prinzenballs unaufschiebbare Sendeverpflichtungen hatte. Man vermisste ihn nicht wirklich. Denn Sportreporter-Legende Manfred Breuckmann hielt eine so flotte Laudatio auf den anderen Preisträger, den ZDF-Mann Michael Steinbrecher (Foto: ZDF) , dass man nicht Steinbrecher, sondern lieber Breuckmann die Spitze Feder für Verdienste um das freie und offene Wort verliehen hätte.

Als „ultimative Lobhudelei" hatte Sitzungspräsident Heino Passmann die Laudatio auf den Moderator des Aktuellen Sportstudios angekündigt. Doch es kam anders. Erst schockte Breuckmann den bekennenden BVB-Fan Steinbrecher und sein Publikum im ausverkauften Festsaal der Stadthalle mit der Ankündigung: „Ich werde jetzt etwa 90 Minuten über die Bedeutung des FC Schalke 04 für die Menschheitsgeschichte sprechen." Mit dieser Provaktion, der der Laudator dann aber „eine Expertise darüber" folgen ließ, „ob und warum Michael Steinbrecher die Spitze Feder verdient", habe, hatte Breuckmann schon die ersten Lacher auf seiner Seite.

Das blieb auch so, als er so manches Argument in seiner Preisrede ins Feld führte, das buchstäblich an den Haaren herbeigezogen war, etwa, wenn er über Steinbrecher die These aufstellte: „Wer früher in futuristischen Sakkos und heute immer noch mit Rokkokolocken im Fernsehen moderiert, der hat Humor und Witz." Nicht alles hörte sich wie eine Lobrede an, was Breuckmann über Steinbrecher zu berichten wusste. Als Jugendfußballer sei er bei Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach und Westfalia Herne auch als „Knochenbrecher mit der Nummer 2" unterwegs gewesen. Sein spitzer Nachsatz: „Oben lächeln und unten treten. Das können die auch beim Fernsehen" saß. Dabei dachte mancher im Saal vielleicht eher an Hessens Ministerpräsident Roland Koch und das politische Bauerntheater um die Abwahl des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender, als an den eher sanftmütig dreinblickenden ZDF-Moderator mit seinen engelsgleichen Locken. Doch Breuckmann wusste es besser. Steinbrecher, so Breuckmann, sei, entgegen anderslautender Meinungen „nicht der Ziehvater der flauschigen Moderation."

Vielmehr pirsche sich Steinbrecher an seine Gesprächspartner „sanft heran, um dann mit seinem Mikrofon und der Kamera erbarmungslos zuzustechen." Der Preisträger selbst, dessen Dankesrede leider nicht mit spitzer Feder geschrieben war und durchaus pointierter und origineller hätte ausfallen können, bescheinigte Breuckmann in seiner Laudatio „tolle Worte" gefunden zu haben. Die Verleihung der Spitzen Feder wertete Steinbrecher für sich als Neuanfang in Sachen Karneval. Er berichtete von seinem Kindheitstrauma beim Karneval in Castrop-Rauxel, als Narrenkappenträger den vierjährigen Michael wegjagten, der unbedingt auf der Bühne ein Lied singen wollte. Es war wiederum Laudator Breuckmann, der dieses Trauma Steinbrechers 40 Jahre danach therapierte, indem er mit dem Preisträger sein Lied „I am Your Radio" schmetterte. Die Jecken hörten es gerne.

Sonntag, 29. November 2009

Rückblick: Vor 25 Jahren erhielt der damalige Chefredakteur der NRZ, Jens Feddersen, die erste Spitze Feder der mölmschen Karnevalisten


Zugegeben. Als besonders lustig ist uns Ernst Dieter Lueg (1930-2000) nicht in Erinnerung geblieben. Eher sachlich und nüchtern moderierte er über viele Jahre den ARD-Bericht aus Bonn. Doch am 24. November 1984 zeigt sich Lueg von seiner humorvollen Seite.

Denn da hält der ehemalige NRZ-Redakteur in der Stadthalle eine Laudatio auf den damaligen Chefredakteur der NRZ, Jens Feddersen. Aus den Händen von Prinz Stephan I. (Fink) erhält Feddersen damals die erste Spitze Feder, die der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval für Verdienste um das freie Wort verleiht. "Neben der Sozialen Marktwirtschaft gibt es auch eine Zettelwirtschaft. Die soziale Marktwirtschaft hat Ludwig Erhard erfunden und die Zettelwirtschaft Jens Feddersen", charakterisiert Lueg den Preisträger, den er als einen Vollblutjournalisten bezeichnet, der sich bei Bedarf auch schon mal wichtige Notizen auf einem Bierdeckel oder einer Serviette mache, wenn zum Beispiel bei einem offiziellen Abendessen gerade kein Notizblock zur Hand sei.

Feddersen, der von 1961 bis 1993 an der Spitze der NRZ-Redaktion steht, hat sich damals nicht nur in seiner Zeitung, sondern auch als Gastkommentator und Diskussionsteilnehmer im Fernsehen, einen Namen als pointierter Kommentator und Analyst des politischen Zeitgeschehens gemacht. Lueg nennt Feddersen in seiner Laudatio einen engagierten und kritischen Beschreiber dessen, was ist und dessen, was noch werden kann."
Und so beschreibt Feddersen in seiner Dankesrede Mülheim als eine sehr grüne Stadt. Das macht er nicht nur daran fest, dass die Stadt zu mehr als 50 Prozent von Grünflächen und Wäldern bedeckt sei, sonder bei der Kommunalwahl 1984 zu zwölf Prozent die Grünen gewählt habe.

Doch Feddersen, der den Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval für die Erfindung der Auszeichnung Spitze Feder ausdrücklich lobt, erinnert auch an eine einige Jahre zurückliegende Affäre im Grünen, mit der Mülheim noch vor der Flick-Spendenaffäre bundesweit Schlagzeilen gemacht habe. Damals sei ein städtischer Baurat erst bestochen und dann verurteilt worden, weil er im Landschaftsschutzgebiet an der Wöllenbeck, den Bau einer Villa mit Swimmingpool genehmigt hatte - deklariert als landwirtschaftliches Anwesen mit Jauchegrube.

Samstag, 28. November 2009

Ihre 25. Spitze Feder für Verdienste um das freie Wort verleihen die Mülheimer Karnevalisten dem Fernsehjournalisten Michael Steinbrecher


Heute hat Michael Steinbrecher (Foto: ZDF) seinen großen Auftritt nicht beim Aktuellen Sportstudio im ZDF, sondern beim Prinzenball in der Stadthalle. Denn dort werden ihm Prinz Markus und der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval die Spitze Feder verleihen. Nach einer Reihe von Comedians setzt Steinbrecher die Reihe der journalistischen Preisträger fort, die vor 25 Jahren mit der ersten Verleihung der Spitzen Feder an den damaligen NRZ-Chefredakteur Jens Feddersen begann. Ich fragte Steinbrecher im Vorfeld der Preisverleihung danach, was ihn mit Karneval, Spitzen Federn, Mülheim und der Narrenfreiheit verbindet.

Sie erhalten heute die Spitze Feder für Verdienste um das freie Wort. Warum haben Sie diese Auszeichnung Ihrer Meinung nach verdient?
Zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich mich sehr über die Auszeichnung freue. Wofür ich sie verdient habe, werde ich wohl am Samstag erfahren.

Die Spitze Feder wird seit 25 Jahren vom Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval vergeben. Welche Beziehung haben Sie zum Karneval?
So gut wie keine. Auch deshalb wird die Veranstaltung sehr spannend für mich.

Würden Sie sich als Jeck bezeichnen?
In manchen Situationen vielleicht, aber unabhängig vom Karneval.

Ist Mülheim für Sie bisher ein unbeschriebenes Blatt oder verbinden Sie etwas mit dieser Stadt?
Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen und liebe meine Heimat. Auch wenn ich noch nicht oft in Mülheim war, werde ich mich sicher gleich zu Hause fühlen.

Braucht man als Fernsehjournalist überhaupt eine Spitze Feder?
Auch für einen Fernsehjournalisten ist es nicht schädlich lesen und schreiben zu können. Insofern: Ja.

Was würden Sie wem mal gerne ins Stammbuch schreiben?
Ich kenne Stammbücher, ehrlich gesagt, nur noch aus Hotels. Im Moment habe ich dort allerdings kein großes Mitteilungsbedürfnis.

Muss man als Journalist in einem Massenmedium sein Wort auf die Goldwaage legen?
Das hängt vom Thema ab. Bei journalistisch anspruchsvollen Themen sollte man sich seiner Worte sehr bewusst sein.

Hatten Sie in ihrem Leben schon mal Narrenfreiheit und in welcher Situation würden Sie sich diese vielleicht wünschen?
Ich durfte als junger Moderator anziehen, was ich wollte. Wenn ich mir die Jacketts heute ansehe, hätte ich mir im Nachhinein manchmal ein Veto der Redaktion gewünscht.

Worüber können Sie sich närrisch ärgern und freuen?
Freuen und ärgern kann ich mich über vieles. Vielleicht erfahre ich ja am Samstag, worüber man sich „närrisch” freuen kann.

Können Sie sich an eine Situation erinnern, in der Sie sich als Journalist ein freies Wort gegönnt haben?
In jeder Sendung. Mir schreibt niemand vor, was ich zu fragen oder zu sagen habe.

Braucht das freie Wort in den Massenmedien einer demokratischen Gesellschaft Mut?
Es gibt in unserer Mediengesellschaft immer wieder Meinungstrends, denen sich die meisten anschließen. Dieser Meinung zu widersprechen mag in bestimmten Situationen unpopulär sein und auch Mut erfordern, gehört aber zum Berufsbild des Journalisten.
Zur Person:
Michael Steinbrecher wurde 1965 in Dortmund geboren und machte 1985 sein Abitur in Lünen. Anschließend studierte er von 1987 bis 1992 Journalistik an der Universität Dortmund. Bereits während seines Studium wurde er als Moderator der ZDF-Sendung DOPPELPUNKT einem größeren Fernsehpublikum bekannt. Nach seinem Redaktionsvolontariat beim ZDF wurde Steinbrecher, der in seiner Jugend auch aktiver Fußballer bei Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach und Westfalia Herne war, mit 26 Jahren der jüngste Moderator in der Geschichte des Aktuellen Sportsudios. Steinbrecher hat aber auch Reportagen und Gesprächssendungen, wie etwa STEINBRECHER & oder besonders einfühlsame Interviewsendungen zur ZDF-Lebens-Reihe 37 GRAD verantwortet.

Freitag, 27. November 2009

Eine neue Komödie "Pyjamaparty" hat morgen im ARTelier Rudziok Premiere



Humor ist bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Das kann man am Samstag, 28. November, und am 5. Dezember tun, wenn im Winkhauser ARTelier Rudziok am Heelweg 10 mit einer "Pyjamaparty" der besonderen Art Martina Rudzioks neue Theaterkomödie ihre Premieren feiert.

Das mit Situationskomik und witzigen Dialogen gespickte Stück beginnt jeweils um 20 Uhr. Im Mittelpunkt der Handlung stehen mit Sylvie (Dana Brüning), Anne (Susanne Prangen) und Rüdiger (Armin Rudziok) drei Freundinnen, die Sylvies Hochzeit mit einem schwerreichen, aber eben auch ästhetisch sehr anspruchsvollen Mann planen.

Ob sich die Mühe lohnt? Man wird sehen. Drei Freun-dinnen? Ja. Sie haben richtig gelesen. Denn der schwule Rüdiger, Anne und Sylvie verstehen sich wirklich als beste Freundinnen, die sich alles ungeschminkt sagen können. "Warum können nicht alle Männer so einfühlsam sein, wie du?" will Sylvie einmal von Rüdiger wissen. Dessen Antwort kommt prompt: "Weil sie dann keine Männer mehr wären."
Und die bereits sieben Mal verehelichte Anne lässt ihre jüngere Freundin Sylvie im Streitgespräch über deren Zukünftigen einmal wissen: "Ich muss nicht nett sein zu dir, sondern nur ehrlich."

Apropos ehrlich. Bei der Pyjama-Party, die man für 14 Euro Einritt miterleben kann, wenn man sich aus Platzgründen im ARTelier Rudziok vorab unter 444 209 48 angemeldet hat, kann man die Irrungen und Wirrungen von drei Lebensentwürfen verfolgen und darüber schmunzeln und nachdenken, was man nicht nur in der Liebe tun oder besser lassen sollte, um an sein Ziel zu kommen.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.artelier-rudziok.de

Donnerstag, 26. November 2009

Die Gutsav-Heinemann-Schule hat ihr Förderprogramm Lernen individuell erweitert und lädt in der kommenden Woche zu Informationsabenden ein



LEIV – das steht an der Gustav-Heinemann-Schule für Lernen individuell. Dahinter verbergen sich Förderkurse für die Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 10, die seit ihrer Einführung 2006 kontinuierlich weiterentwickelt und ausgebaut worden sind.

"Wir haben als Gesamtschule eine sehr heterogene Schülerschaft und wollen alle mitnehmen", erklärt der für die Jahrgangsstufen 9 und 10 zuständige Abteilungsleiter Manfred Linden das Ziel des Förderprogramms, das inzwischen rund 80 verschiedene Kursangebote umfasst und je nach Jahrgang und Bedarf mit ein bis drei Wochenstunden in den Stundenplan integriert wird. Das funktioniert natürlich nur mit einer entsprechenden Lehrerausstattung. Deshalb ist Schulleiterin Christa van Berend froh darüber, dass sie jetzt zwölf neue Lehrer einstellen kann.
LEIV will die Lernmotivation der Schüler stärken, individuelle Stärken und Schwächen entdecken und sowohl die Übergänge von der Grund- auf die Gesamtschule sowie den Übergang vom Schul- ins Berufsleben begleiten. Welche individuellen Stärken und Schwächen wie gefördert werden sollen, wird in der Jahrgangsstufe 5 getestet. Ein kontinuierlicher Beratungsprozess, in den die Lehrer Schüler und Eltern einbeziehen, überprüft den aktuellen Leistungsstand des Schülers und passt das individuelle Förderprofil an. Fokussierten sich die LEIV-Kurse anfangs ausschließlich auf Lernmethodik und die klassischen Leistungsfächer Mathematik, Deutsch, Naturwissenschaften und Fremdsprachen, so nehmen die Pädagogen an der Schule inzwischen zunehmend auch soziale, berufspraktische, gedundheitliche und begabungsorientierte Förderaspekte in den Blick.
Wie LEIV erweitert und ausdifferenziert worden ist, lässt sich an einigen Beispielen zeigen: So werden die 5. und 6. Klassen jetzt regelmäßig von Patenschülern aus der Oberstufe begleitet. In Klassenstunden, Einzelgesprächen oder auch bei Klassenfahrten sollen sie mit ihrer Schulerfahrung nicht als Hilfpädagogen fungieren, aber den jüngeren Schülern zum Beispiel in Streitfällen vermittelnd zur Seite stehen und helfen, Konflikte zu deeskalieren und gleichzeitig das Gruppengefühl der Klassen zu stärken.
"Zu einem älteren Schüler hat man eher einen freundschaftlichen Bezug als zu einem Lehrer", beschreiben die Sechstklässlerinnen Thea Schäfer und Sophia Fritz den Vorzug der Paten aus den Pädagogikkursen der Oberstufe. "Die Paten sorgen auf jeden Fall für ein besseres Klima in der Klasse und können sich Schülersorgen viel unvoreingenommener anhören", glaubt Schülersprecher Dennis Albers aus der Jahrgangsstufe 12. Wie alle Paten aus der Oberstufe hat er eine Streitschlichterausbildung absolviert und zuletzt eine Klassenfahrt begleitet, die er als pädagogisches Praktikum anerkannt und zertifiziert bekommen hat. Van Berend sieht die Schülerparten als gute Vorbeugung von Mobbing und Gewalt.
Nicht nur in der Schule, sondern auch im Stadtteil übernehmen 22 Neuntklässler Verantwortung, die sich im Rahmen des LEIV-Kurses Soziale Kompetenz und Werteerziehung regelmäßig in Jugendzentren, Seniorenheimen, Kindertagesstätten, Grundschulen oder bei der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung engagieren.

Das Spektrum ihrer sozialen Tätigkeiten kann vom Spaziergang mit einem alten Menschen über Hausaufgabenhilfe und gemeinsames Spielen mit Kindern bis zur Einkaufsassistenz für einen geistig behinderten Menschen reichen. "Die Schüler lernen andere Lebensbereiche kennen, müssen auf andere Menschen zugehen, zuverlässig arbeiten und bekommen so auch Einblick in die Berufswelt. Das fördert ihre Persönlichkeitsentwicklung", ist Brigitte Walter-Böing überzeugt, die als federführende Lehrerin die Einsätze der Schüler koordiniert, die am Ende eines Schuljahres mit einem Ehrenamtsnachweis dokumentiert werden. Um Schülern der Jahrgangsstufen 9 und 10 bei der praktischen Vorbereitung auf das Berufsleben helfen zu können, hat die Gustav-Heinemannschule Kooperationsverträge mit verschiedenen Unternehmen, wie etwa der Deutschen Bahn oder der Barmer Ersatzkasse geschlossen ein Berufsorientierungsbüro eingerichtet, das Raum für Bewerbungstraining und die Simulation von Vorstellungsgesprächen bietet.
Eine ganz andere Persönlichkeitsförderung erfahren der Fünftklässler Nils Wenning und seine Jahrgangskollegen im LEIV-Forscherkurs. Hier bekommen besonders begabte Schüler wie Nils, der von sich sagt: "Ich kann vom Wissen nie genug bekommen", das geistige Futter, das Sie brauchen, im regulären Lehrplan aber nicht finden können. Und so erzählt Nils begeistert von seinen Bibliotheks- und Internetrecherchen für ein Referat über sein Lieblingsthema: die Geschichte der Raumfahrt.
Last, but not least wird im Rahmen von LEIV nicht nur der Geist, sondern auch die Gesundheit und körperliche Fitness der Schüler gefördert. Hierfür setzt man zum Beispiel auf eine Kooperation mit der Allgemeinen Ortskrankenkasse AOK und dem Mülheimer Sportbund, aber auch auf eine wissenschaftliche Begleitung durch die sportwissenschaftlichen Institute der Universitäten Essen-Duisburg und Düsseldorf, wenn es zum Beispiel um praktische Bewegungsförderung, aber auch um aufklärende Informationen über gesunde Ernährung geht. Dabei richten sich entsprechende Informationsangebote nicht nur an Schüler, sondern auch an ihre Eltern. Schulleiterin Christa van Berend legt bei der Zusammenarbeit mit Sportvereinen, die sich zuletzt bei einem Sportfest an der Gustav-Heinemann-Schule vorstellen konnten, keine Einbahnstraße wird. Während die Vereine unter anderem daran interessiert sind, dass sich Oberstufenschüler zu Übungsleitern ausbilden lassen, geht es der Schule auch darum, gerade Schüler mit Bewegungsdefiziten durch individuelle Angebote der Vereine an sportliche Aktivität heranzuführen.

Die Gustav-Heinemann-Schule an der Boverstraße 150 lädt Eltern von Viertklässlern am 30. November und am 2. Dezember (jeweils um 19.30 Uhr) zu einem Infoabend ein. Internet: www.gustav-ghs.de

Mittwoch, 25. November 2009

Warum das Seniorentheater Mülheimer Spätlese das Thema Jugendgewalt auf die Bühne bringt


Nach dem Mammutprojekt Reichtum des Alters wollte das Theater Mülheimer Spätlese mal etwas auf die Bühne bringen, das nichts mit Alter zu tun hat. Bei der Themenfindung mit Regisseur und Theaterleiter Eckhard Friedl kamen die Senior-Schauspieler auf das Thema Jugendgewalt.

Das war noch vor dem Amoklauf von Winnenden und bevor der 50-jährige Dominik Brunner an einer Münchener S-Bahnstation von jugendlichen Gewalttätern tot geprügelt wurde, weil er Kinder vor deren gewalttätigen Übegriffen schützen wollte.

Die aktuellen Ereignisse waren zwar nicht Auslöser für das Spätlese-Stück Tage danach, haben aber den kollektiven Schreibprozess nachhaltig beeinflusst, wie Friedl und seine Schauspieler einräumen. Ausgangspunkt der Diskussion im Ensemble waren die Fragen: Warum werden Jugendliche gewalttätig? Und: Was macht Jugendgewalt mit uns und unserer Gesellschaft?
Bis Mai wurde an Tage danach geschrieben. (Probenfoto: Walter Schernstein) Seit August wird es im Theaterstudio II an der Von-Bock-Straße von 13 Spätlese-Schauspielern geprobt und dort auch am kommenden Freitag, 27. November, Premiere haben.

Die Geschichte von vier Jugendlichen, die einen Rollstuhlfahrer überfallen, misshandeln und ausrauben, wird auf sehr subtile Weise erzählt. Weder Täter noch Opfer werden auf die Bühne gestellt. Es geht um die vier Familien der Täter, die in den Tagen nach der Gewalttat selbst zum Opfer einer Öffentlichkeit von Besserwissern werden. Wenn Stammtischbrüder, Nachbarn und Medien auf den Plan treten, die mit Schuldzuweisungen und Ursachenforschung schnell zur Hand sind, trifft Theater auf erlebte Wirklichkeit.

„Die Arbeit an unserer 19. Produktion hat uns letztlich vor Augen geführt, dass sich jugendliche Gewalt keinem bestimmten sozialen Milieu zuordnen lässt”, betont Friedl. Und so lassen die Spätleser ihre Täter aus ganz unterschiedlichen Familien kommen. Die alleinerziehende Mutter und der arbeitslose Vater sind ebenso dabei wie der mittelständische Unternehmer und der bildungsbürgerliche Haushalt mit zwei Einkommen.
„Wir haben die Verzweiflung der Eltern und die Tatsache, dass die Familien der Täter plötzlich völlig von der Rolle sind, sehr gut herausgestellt. Darüber habe ich vorher selbst nicht so genau nachgedacht,” sagt Schauspielerin Anne Held.

Zu den Opfern aus den Täterfamilien gehören nicht nur der Unternehmer, der plötzlich um die Reputation seiner Firma fürchten muss, oder auch die alleinerziehende Mutter, die um ihren Job im Supermarkt bangt, sondern auch die jüngere Schwester eines Täters, die plötzlich in der Schule massiv gemobbt wird. Für diese Rolle konnten die Spätleser übrigens eine sehr junge Darstellerin gewinnen:, die zwölfjährige Federica Engels.
Tage danach ist eine Mahnung gegen vermeintlich schnelle und einfache Lösungen. Es gibt dem Zuschauer mehr Denkanstöße als Antworten.

Die Premiere ist zwar schon ausverkauft. Doch für die Aufführungen am 2. und 6. Dezember (jeweils um 16 Uhr im Theaterstudio II, Adolfstraße 89a) gibt es noch Karten, etwa bei der MST-Info im Medienhaus am Synagogenplatz: Eintritt 5 und 7 Euro.

Montag, 23. November 2009

Öffentlichkeit für ein Tabuthema: Am St. Marien-Hospital diskutierte man jetzt über Gewalt in der Psychiatrie





Psychiatrie? Um Gottes Willen! Das ist doch ein Randthema. Meint man und irrt. Denn die Europäische Kommission hat festgestellt, dass 27 Prozent der Erwachsenen in der Europäischen Union mindestens einmal in ihrem Leben psychisch erkranken. Schon heute sind psychische Störungen die Hauptursache für Frühverrentungen und Minderung der Erwerbsfähigkeit.
Trotzdem. Psychiatrie bleibt ein Tabuthema, zumal wenn es um Gewalterfahrungen in der Psychiatrie geht. Dennoch fasste man jetzt am St. Marien-Hospital im Rahmen einer Aktuellen Medizinischen Stunde genau dieses heiße Eisen an. Den Anstoß dazu hatte die Redaktion der Patientenzeitschrift "Datt is irre" geliefert, die der Gewalt in der Psychiatrie eine ganze Ausgabe gewidmet hatte. Die Patientenzeitschrift besteht seit 16 Jahren und wird von den Caritas Sozialdiensten betreut. Ihre Redaktion trifft sich montags um 15 Uhr im Katholischen Stadthaus an der Althofstraße 8.

Neben Redaktionsmitgliedern gehörten auch Patienten und Angehörige mit Psychiatrieerfahrung zu den 40 Gesprächsteilnehmern, die sich mit dem Chefarzt der Psychiatrischen Abteilung des St. Marien-Hospitals, Rudolf Groß und seinem Oberarzt Edwin Saxler über Gewalt in der Psychiatrie unterhielten. Nicht nur Birgitta Becker und Winfried Pasch, die als hauptamtliche Mitarbeiter der Kontakt- und Beratungsstelle die Redaktionsarbeit koordinieren, waren von "der erstaunlichen Offenheit" positiv überrascht, mit der sich die beiden Mediziner dem Tabuthema stellten. Von Abwiegelung keine Spur.
In der Diskussion wurde deutlich: Gewalt in der Psychiatrie ist eine sehr subjektive Erfahrung, die viele Gesichter hat. "Man fühlt sich oft der Willkür ausgeliefert", sagte eine Patientin mit 25 Jahren Psychiatrieerfahrung und ärgerte sich zum Beispiel darüber, dass ihr in der geschlossenen Psychiatrie zum Beispiel der Wunsch nach einer Pizza verweigert worden sei und das man ihr Pflaumen abgenommen habe, die ihr von einem Besucher mitgebracht worden waren. Eine andere Patientin forderte die Wahlfreiheit für Patientinnen, die bei der intimen Körperhygiene frei entscheiden müssten, ob sie von einer Pflegerin oder von einem Pfleger betreut werden wollten. Groß ließ keinen Zweifel daran, dass es er bereits für einen sexuellen Übergriff hielte, wenn eine Patientin gegen ihren Willen im Intimbereich von einer männlichen Pflegekraft gepflegt würde. "Selbst wenn ein Patient zu seinem eigenen Schutz fixiert werden muss, ist das ein schwerer Eingriff in die persönliche Freiheit", räumte der Chef-Psychiater des Marien-Hospitals ein und betonte: "Wir müssen auf jeden Fall mit dem Patienten im Gespräch bleiben und mit ihm aufarbeiten, wie er welche Maßnahmen empfunden hat." Insofern nahm Groß aus dem Gespräch mit Redakteuren, Patienten und Angehörigen vor allem die Anregung mit, die posttherapeutische Aufarbeitung individueller Psychiatrieerfahrungen mehr Raum zu geben "und sie noch stärker als bisher zu institutionalisieren." Erstaunlich offen sprach Groß auch die subtilen Formen von Gewalt an, sei es in Form einer abfälligen Bemerkung über Patienten oder auch durch fehlende Zeit- und Personalkapazitäten für eine betreuten Ausgang von Patienten.

Ebenso offen sprach Groß aber auch aus, dass Gewalt in der Psychiatrie keine Einbahnstraße sei, wenn auch Ärzte und Pfleger zuweilen von Patienten zum Teil massiv bedroht würden. Vor dem Hintergrund der belastenden Arbeitssituation im psychiatrischen Alltag misst der Chefarzt der psychiatrischen Klinik am Marien-Hospital vor allem der Selbstreflexion und der Supervision der neun Ärzte und 70 Pflegekräfte seiner Abteilung, die bis zu 68 Patienten stationär aufnehmen kann, höchsten Wert bei und machte deutlich, dass man sich auch hierfür noch mehr Zeit nehmen müsse, um damit den Ursachen von Übergriffen vorzubeugen, die in der Persönlichkeit und Psyche des jeweiligen Mitarbeiters begründet sein könnten.

Weitere Informationen im Internet finden Sie unter: http://www.dattisirre.de/

Dieser Text ist auch in der katholischen Wochenzeitung Ruhrwort erschienen. Internet-Informationen unter: http://www.ruhrwort.de/


Sonntag, 22. November 2009

Vom Besuch in einer anderen Arbeitswelt, von der man auf dem Ersten Arbeitsmarkt viel lernen könnte

Ein Wohngebiet mit vielen neuen Häusern. Eine Gärtnerei erwartet man hier eigentlich nicht. Doch an der Boverstraße 21 steht sie. Vor dem Eingang fallen zwei dekorative Adventsgestecke auf, die liebevoll auf Tischen drapiert sind. Und am Wegesrand warten Tannenzweige in einer Schubkarre auf ihre weitere Verwendung. Es weihnachtet sehr an der Boverstraße, in der Gärtnerei der Fliedner-Stiftung.

Kein Wunder. Denn bis zum gestrigen Fliedner-Wintermarkt am Selbecker Mühlenhof mussten auch die letzten der gut 150 Adventskränze und Gestecke fertig sein, die die 15 Mitarbeiter der Gärtnerei in den letzten vier Wochen gebunden, gesteckt und mit viel Liebe zum Detail geschmückt haben. Neben Tannengrün und Kerzen sieht man überall schmuckes Holzgeäst, Sterne, Glaskugeln oder auch kleine, getrocknete Orangenstücke, die jedem Adventskranz zur Zierde gereichen. Im kleinen Kassen- und Ausstellungsraum steht Stammkundin Petra Grün. Der Name passt und ist nicht erfunden. „Es ist einfach nett und nicht so kommerziell. Hier kann man noch echte Handarbeit kaufen. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Und außerdem wird ganz nebenbei eine gute Sache unterstützt", erklärt die Erzieherin, warum sie sich nicht nur vor dem Advent in der Fliedner-Gärtnerei mit allem eindeckt, was grün ist, duftet und Haus wie Garten schmückt. Damit leistet sie ihren ganz persönlichen Beitrag zur Sicherung von 15 Arbeitsplätzen für psychisch behinderte Menschen.

Einer von ihnen ist der 20-jährige Christian, der an diesem Vormittag mit seinen Kollgen in einem frühlingshaft warmen Glashaus Adventskranzrohlinge herstellt. Neben Tanengrün kann man hier auf den gut bedachten Tischbeeten auch in einem Farbenmeer von Veilchen schwelgen. Christian hat nach dem Besuch der Förderschule in einem Berufsbildungsinternat das Handwerk des Garten- und Landschaftsbaus erlernt und arbeitet jetzt seit März in der Gärtnerei. „Ich habe gerne Kontakt mit Kunden und unterhalte mich auch mal mit meinen Kollegen", erzählt er. Er ist ein kommunikativer und aufgeschlossener Mensch. Sofort führt er vor, wie aus einen Reifen aus Papier und Pappe mit Hilfe einer dünnen Drahtrolle und Krampen ein Tannengrünträger wird. Sorgfältig schneidet er sich mit einer Gartenschere die Tannenzweige so zurecht, dass sie sich leichter auf das Drahtgestell stecken lassen. „Dabei kann man sich auch schon mal pieksen", weiß Christian. Aber das nimmt er gelassen. Wie eigentlich jeder hier gelassen wirkt. Dabei gilt seit vier Wochen Urlaubssperre, gearbeitet wird auf Hochtouren. „Das ist auch der Unterschied zu einer nomalen Gärtnerei. Wir haben hier keinen Stress. Vor dem Advent müssen wir keine Überstunden machen. Und weil wir hier mehr Zeit haben, können wir oft auch kreativer sein", sagt eine Floristikmeisterin, schon seit drei Jahren als Gruppenleiterin in der Gärtnerei beschäftigt ist.

Samstag, 21. November 2009

Katholische Frauen aus Dümpten packen an und ein für bedürftige Kinder in Rumänien


Im Pfarrsaal von St. Barbara sieht es am Montag dieser Woche nach einer Mischung aus Umzug und Weihnachtsbescherung aus. Dort häufen sich Säcke mit Bettwäsche, Kinderspielzeug und Kleidung. Sogar ein Fahrrad ist zu sehen, das 40 Frauen der Katholischen Frauengemeinschaft von St. Barbara (KFD) und ihre männlichen Helfer reisefertig machen. Was in Dümpten nicht mehr gebraucht wird, wird in Peciu Nou, in der westrumänischen Diözese Temesvar, dringend erwartet.

Dort betreut die Caritas mit finanzieller Hilfe aus Deutschland und Östereich etwa 70 Kinder in einer Tagessstätte und in Pflegefamilien, die entweder gar keine Eltern mehr haben oder aus sozial schwachen Elternhäusern kommen. „Vielen Familien fehlt das Geld für das Nötigste", weiß Christel Wentzel, die die Packaktion koordiniert. 1300 gut gefüllte Kartons werden am Sonntag per Lastwagen die 1700 Kilometer weite Fahrt nach Peciu Nou antreten. Die Sachspenden der Dümptener und die Kooperation mit der Rumänienhilfe des Oberhausener St. Clemens-Hospitals machen es möglich. Auch ein von der Barmer Ersatzkasse gespendeter Karton mit alten Brillen geht diesmal mit auf die Reise nach Rumänien.

Unter den handfesten Frauen aus St. Barbara, die bereits zum 29. Mal für die bedürftigen Kinder von Peciu Nou einpacken, ist auch die Sozialpädagogin Maria Maas. Als Ausbilderin hat sie die Caritas-Arbeit in Peciu Nou und Temesvar nach dem Ende der kommunistischen Diktatur mit aufgebaut. „Straßen und Telefonleitungen sind besser geworden. Und den Menschen, die eine feste Arbeit haben, geht es heute auch besser", schildert sie die wirtschaftliche Entwicklung im Zielgebiet der Dümptener Hilfe. Doch insgesamt sieht sie die ländliche Region um Peciu Nou als wirtschaftlich benachteiligt an, zumal es auch hier im Zuge der globalen Wirtschaftskrise in letzter Zeit verstärkt zu Entlassungen und Firmenschließungen gekommen sei.

Freitag, 20. November 2009

Vor 40 Jahre wurde Heinz Hager zum Oberbürgermeister gewählt: Generationswechsel und Aufbruch in die Moderne

Von so einem Ergebnis kann ein Oberbürgermeister nur träumen. Erst bekommt seine Partei bei den Kommunalwahlen 54 Prozent und dann wird er im Rat der Stadt mit 50 von 51 Stimmen ins Amt gewählt. Genau dieses Erfolgserlebnis wird Heinz Hager am 20. November 1969 zuteil.Es sind schöne Zeiten für Sozialdemokraten, wie Hager, vor 40 Jahren. In Mülheim ist die Mehrheit seiner Partei unangefochten. Und im Bund ist mit Willy Brandt erstmals ein Sozialdemokrat zum Kanzler gewählt worden. Sein Motto: Wir wollen mehr Demokratie wagen. und: Wir schaffen das moderne Deutschland.

Hager selbst wird erst als Oberbürgermeister und später (ab 1974) als Oberstadtdirektor zur Personifizierung des modernen Mülheim. Bis 1992 wird er die Geschicke der Stadt maßgeblich lenken und beeinflussen. Viel von dem, was in seiner Ära auf den Weg gebracht wird, prägt das Bild Mülheims bis heute. Der Stadtbahnbau, die Errichtung des Rhein-Ruhr-Zentrums, die Fußgängerzone auf der Schloßstraße, der Hans-Böckler-Platz mit seinen Hochhäusern und dem City-Center, das später vom Forum abgelöst wird, Schulneubauten und der Bau der Nordbrücke, die Gründung des Theaters an der Ruhr oder last, but not least die Landesgartenschau Müga sind nur einige Stichworte zu den Meilensteinen seiner Zeit als Stadtoberhaupt und Verwaltungschef.

Hagers Wahl zum Oberbürgermeister bedeutet 1969 einen politischen Generationswechsel. Der 79-jährige Oberbürgermeister Heinrich Thöne gibt nach 21 Jahren an der Stadtspitze das OB-Amt an den 42-jährigen Heinz Hager ab. Der ist trotz seines jungen Alters gut vorbereitet auf seine neue Aufgabe. Der stellvertretendes SPD-Unterbezirksvorsitzende kennt sich in Politik und Verwaltung aus. Nach dem Krieg ist Hager zunächst beim Arbeitsamt tätig, ehe er Mitte der 50er Jahre zur Stadtverwaltung wechselt. Dort steigt er bis zum Leiter des Hauptamtes auf, ehe er 1965 auf den Veerwaltungschefposten des Evangelischen Krtankenhauses wechselt.

In seiner Antrittsrede sagt Hager am 20. November 1969 an die Adresse des Rates, dem er als Oberbürgermeister vorsitzt: „Der Rat muss sich als Forum lebendiger Auseinandersetzung manifestieren. Tragendes Element in seiner Arbeit soll das Wissen um die Sorgen und Nöte der Mülheimer sein. Der Rat wird in den fünf Jahren seiner Legislaturperiode über wichtige, das Schicksal der Stadt und ihrer Bürgerschaft, berührende Angelegenheit zu beraten und zu entscheiden haben." Der Kreis schließt sich, als sein Parteifreund Gerd Müller in seinem Nachruf auf Hager 2001 sagt: „Prägnant wirken die Zeichen seines Schaffens in unsere Zeit und Zukunft hinein. Wir werden uns dankbar seiner menschlichen Ausstrahlung erinnern. Heinz Hager wird auf Dauer einen Platz im Buch der Mülheimer Geschichte haben."

Mittwoch, 18. November 2009

Knut Binnewerg: Vom Bezirksbürgermeister zum Schiedsmann


Blumen für die Nachfolgerin: Knut Binnewerg gratulierte seiner Amtsnachfolgerin Heike Rechlin-Wrede zu ihrer Wahl in der Bezirksvertretung 2. Fotos und Text: Thomas EmonsNein, im Ruhestand ist der 60-jährige Hauptschullehrer Knut Binnewerg noch nicht. Doch ein bisschen dürfte er sich jetzt so fühlen. Denn der Styrumer Sozialdemokrat hat nach 25 Jahren sein Mandat in der Bezirksvertretung 2 aufgegeben.

In den letzten zehn Jahren war er als Bezirksbürgermeister für die nördlichen Rechtsruhr-Stadtteile Styrum, Dümpten und Winkhausen zuständig. Da war sein Terminkalender gut gefüllt mit BV- und Fraktionssitzungen, Ortsterminen, Bürgersprechstunden, Stadtviertelkonferenzen oder Planungswerkstätten. „Es hat trotzdem Spaß gemacht und auch etwas gebracht", sagt Binnewerg in der Rückschau auf seine Zeit als Stadtteilpolitiker. Mit Genugtuung sieht er, dass die Bezirksvertretungen sich im Laufe der Jahre immer mehr Rechte erkämpft haben und in manchen stadtteilpolitisch relevanten Fragen – von der Verkehrsberuhigung über die Wohnumfeldverbesserung bis zum weiten Feld der Baumaßnahmen – zum Impulsgeber für den Rat geworden sind.

Sicher wird Binnewerg, der als Bezirksbürgermeister oft acht Wochenstunden und mehr neben seinem hauptberuflichen Lehreramt investierte, von Bürgern noch oft auf Bebauungspläne, wilde Müllkippen oder unhaltbare Verkehrsbelastungen angesprochen. Das nimmt er gelassen: „Ich kenne die Leute und sie kennen mich", sagt er. Doch jetzt möchte der Lehrer Binnewerg die in den letzten Jahren zunehmend anstrengender gewordene Doppelbelastung durch die Politik hinter sich lassen. „Die Schule geht vor", betont er, und er möchte sich auch mehr Zeit für seine Hobbys, seine Frau, seinen Garten, Brot backen, Sport und Radfahren nehmen. Doch so ganz kann der Pädagoge, dem seine Berufserfahrung, etwa bei der souveränen Sitzungsleitung, in der Politik immer zugute kam, doch nicht vom bürgerschaftlichen Ehrenamt lassen. Und deshalb investiert er jetzt einen Teil seiner neuen Freizeit in sein neues Engagement als Schiedsmann.

Dienstag, 17. November 2009

Quo vadis CDU? Ein Handwerksmeister spricht über das politische Handwerk seiner Partei

Nach einer verheerenden Wahlniederlage versucht sich die CDU neu aufzustellen. Gestern Abend erst führte der Parteivorstand dazu eine Stategiedebatte. Die Frage ist; Was sollte die CDU als Volkspartei ausmachen und was erwarten die Bürger von ihr? Darüber sprach ich mit Franz Püll. Der 82-jährige Handwerksmeister und Vater von Bürgermeister Markus Püll trat vor 40 Jahren der CDU bei. Von 1975 bis '90 gehörte er dem Stadtrat und von 1980 bis '95 dem Landtag an.

Warum sind Sie 1969 in die CDU eingetreten?
Ich habe mich damals für die Volkspartei CDU entschieden, weil sie die Heimat des Mittelstandes war. Außerdem hat mich Ludwig Erhard als Garant der Sozialen Marktwirtschaft beeindruckt. Die Vertretung von Mittelstandsinteressen in Verbindung mit der katholischen Soziallehre waren letztlich für mich das entscheidende Kriterium, der CDU beizutreten.
Warum waren Sie damals für die CDU interessant?
Ich war damals Landesinnungsmeister meines Berufsverbandes. Und wir haben die Mittelstandsvereinigung der Partei stark aktivieren können. Das war auch für den damaligen CDU-Kreisvorsitzenden Max Vehar ein Grund, mich davon zu überzeugen, in die CDU einzutreten.

Wie kann die CDU wieder erfolgreicher werden?
Wenn es um Auseinandersetzungen geht, um den Streit der Ideen und Konzepte, dann kommt es darauf an, dass man das intern austrägt und nicht in der Öffentlichkeit. Das gilt besonders dann, wenn es um personelle Entscheidungen geht. Was die CDU kann und auch beherzigen muss, ist, dass sie Respekt vor dem Nächsten hat. Es kommt darauf an, dass die Werte, die die Grundlage unserer Partei sind, auch besser realisiert werden.
Gehört öffentlicher Streit, auch innerhalb einer Partei, nicht zur Demokratie dazu?
Es gibt ja in der aktuellen Diskussion der CDU ein Positionspapier, das aus dem Ortsverband Saarn kommt und das ich sehr bemerkenswert finde. Denn das ist ein Papier, das darauf hinweist, dass die Partei sich finden und ihre Ziele besser artikulieren muss, ohne dass dabei jemand persönlich angegriffen würde. Ich weiß nicht, ob der Bürger dafür Verständnis hat, wenn sich eine Partei öffentlich auseinandersetzt. Mein Eindruck ist eher, dass die Bürger wissen wollen, welche Ziele, welche Ideen, welches Konzept hat die Partei? Er ist nicht daran interessiert, wenn sich Parteimitglieder öffentlich untereinander beharkeln und kritisieren.
Warum steht nicht nur die Volkspartei CDU derzeit unter Druck?
Ich glaube, dass die Volksparteien duurch die Großen Koalition Federn gelassen haben, obwohl die Große Koalition auch ein gutes Maß an Erfolg aufzuweisen hat.
Meinen Sie damit auch die Große Koalition, die es bis zur Kommunalwahl im Rat gab?
Die Mülheimer Große Koalition... Da hat es ja wohl nicht funktioniert. Aber ich glaube, dass es hier auch für die Zukunft wichtig ist, dass sich Mehrheiten bilden, damit die Interessen der Stadt und ihrer Bürger besser zum Tragen kommen.

Wie sehen Sie denn die Zukunft Ihrer Partei und was raten Sie ihr, um wieder attraktiver zu werden?
Ganz wichtig ist, dass die Partei auf die Bürger zugeht und die Interessen der Bürger in ihre Überlegungen mit einbezieht. Und wenn sie sich dann in der Öffentlichkeit nicht auseinanderdividieren ließe, dann gäbe es sicher einen guten Neuanfang. Und ich bin sicher, dass der Bürger das dann auch honoriert.

Oder ist vielleicht die Volkspartei an sich ein Auslaufmodell?
Nein. Denn es wird ja auch in Zukunft so sein, dass die Bevölkerungsinteressen und Lebensbedingungen unterschiedlich sind. Dass man sie dann in einer Partei, wie der CDU, bündelt, müsste möglich sein, egal, ob es die wirtschaftlichen Belange des Mittelstandes oder die sozialen Probleme sind. Denn Politik muss die Lebenbedingungen der Menschen verbessern und einen Gerechtigkeitsausgleich schaffen. Eine Partei, die nur bestimmte Interessen vertritt, fährt sich fest.

Montag, 16. November 2009

Vom Wandel eines Wahrzeichens: Das Rathaus und seine Baugeschichte


Für stattliche 40 Millionen Euro sanieren und modernisieren Stadt und SWB seit Oktober das Rathaus. 2011 soll alles in neuem/altem Glanz erstrahlen. Da passte es gut in die Zeit, dass die Historikerin Monika von Alemann-Schwartz, der Einladung des Stadtarchivs folgend, im Rahmen der Vortragsreihe zur Mülheimer Geschichte die Baugeschichte des Rathauses beleuchtete. Bedenken und Eingaben gegen ein großes Bauprojekt, das machte Alemann-Schwartz deutlich, gab es auch vor fast 100 Jahren, als sich die frischgebackene Großstadt Mülheim, die soeben die 100 000-Einwohner-Grenze überschritten hatte, ein repräsentatives Rathaus im neoklassizistischen Stil bauen wollte.

Dass es seinerzeit auch Bedenken gegen den Rathaus-Bau gab, war verständlich, wenn man sich die von Alemann-Schwartz präsentierten Ansichten der heutigen Friedrich-Ebert-Straße vor Augen führt. Die zentrale Straße, die vor dem Ersten Weltkrieg noch Notweg hieß und später in Hindenburgstraße umbenannt wurde, machte mit vielen kleinen Geschäftshäusern einen eher kleinstädtischen Eindruck. Damit stand sie im krassen Gegensatz zum ehe monumentalen und massigen Rathausbau. Viele Anwohner fürchteten eine Entwertung ihrer Grundstücke und eine Verdunkelung ihrer Häuser.

Doch die zunehmenden kommunalen Aufgaben und der Wille dem neuen Mülheimer „Bürgerstolz und seiner Leistungsfähigkeit” Ausdruck zu geben, gaben am Ende doch den Auschsschlag für den Abriss des zu klein gewordenen Weuste-Rathauses aus dem Jahr 1842. Obwohl die Stadtspitze um Oberbürgermeister Paul Lembke auch einen Rathausstandort am Viktoriaplatz oder am Kaiserplatz erworgen hatte, entschied man sich am Ende doch für den zentraleren Marktplatz. Allein die Grundstücksankäufe für das Rathaus, das größer werden und einen 60 Meter hohen Turm bekommen sollte, kosteten eine Million Mark. Vor dem Beginn der Bauarbeiten, die noch einmal 2,5 Millionen Mark verschlingen sollten, schrieb die Stadt einen reichsweiten Architektenwettbewerb aus, an dem sich 176 Architekten beteiligten, mit Franz Hagen und Baudezernent Karl Helbing auch zwei aus Mülheim. Gebaut wurde am Ende allerdings der Entwurf der Karlsruher Architekten Artur Pfeiffer und Hans Großmann. Obwohl sie mit ihrem Entwurf Zwei Plätze im Wettbewerb nur auf Platz Drei gelandeten waren, bescheinigten die Stadtväter ihrem Rathaus „wohlüberlegte Umrisse und eine vornehme Wirkung.”

Eine vornehme Wirkung wollten sich auch die Stadtveordneten in ihrem Sitzungssaal gönnen. Nachdem der eigentliche Rathausbau 1915 abgeschlossen war, dauerte die Ausgestaltung des Ratsaales noch einmal ein ganzes Jahr und kostete 500 000 Mark. Die Familien Thyssen und Stinnes-Coupienne stifteten für den Ratsaal, in dem das Stadtparlament erstmals im Dezember 1916 tagte, monumentale Ölgemälde, die die deutschen Kaiser Wilhelm I. und Wilhelm II. sowie den ersten Reichskanzler Otto von Bismarck sowie den preußischen Feldmarschall Helmuth von Moltke zeigten. Symbolik der Geschichte. Die Bilder gingen 1943 in Flamen auf, als das Rathaus von allierten Bomben getroffen wurde und fast völlig ausbrannte. Erst 1956 sollte es samt Ratssaal wiederhergestellt sein. In den 60er Jahren wurde das Rathaus dann noch einmal um einen modernen Gebäuderiegel aus Marmorstein, Stahl und Glas an der Ruhrstraße erweitert, der die Büros des Verwaltungsvorstandes beherbergte und jetzt den Ruhrbania-Bauarbeiten weichen musste.

Sonntag, 15. November 2009

Wie aktuell ist der Volkstrauertag?

Heute ist Volkstrauertag. Auch in Mülheim wurde mit Gedenkreden und Kranzniederlegungen der Kriegstoten gedacht. Was mir am Mahnmal für die NS-Opfer im Luisental und bei der Kundgebung am Mahnmal des unbekannten Soldaten am alten Friedhof auffiel, war die Tatsache, dass die Mehrheit der Bürger, die sich Zeit für die Erinnerung an die dunklen Kapitel unserer Geschichte nahmen, der Generation 50 und 60 Plus angehörten.

Hinzu kam, dass die Kundgebung am alten Friedhof von vermummten Jugendlichen gestört wurde, die mit einem Transparent und lauten Zwischenrufen: "Gegen die Verherrlichung von Vernichtungskrieg und die Leugnung des Holocausts. Nieder mit Deutschland. Nie wieder Deutschland. Nie wieder Antisemitismus." und "Für Kommunismus" forderten. In ihren Gedenkreden fanden Stadtdechant Michael Janßen und Bürgermeister Markus Püll allerdings Worte, die deutlich machten, dass die Jugendlichen den Volkstrauertag, der 1919 vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge ins Leben gerufen wurde, deutlich missverstanden haben.

Janßen unterstrich, dass der Volkstrauertag eben nicht nur den Kriegstoten des eigenen Volkes, sondern den Kriegsopfern aller Nationen gewidmet sei. Zu Recht verwies er auf die Erfolgsgeschichte der Europäischen Einigung, die er als einen "Lernprozess der Völker" würdigte. Er appellierte an uns alle, in unserem Alltag Enttäuschungen zu überwinden und unsere eigene Hoffnung auf ein friedliches und menschliches Miteinander niemals aufzugeben.

Wie aktuell der Volkstrauertag auch 91 Jahre nach dem Ende des I. Weltkrieges und 64 Jahre nach dem Ende des II. Weltkrieges, machte Bürgermeister Püll unter anderem mit dem Hinweis deutlich, dass seit 1992 81 Bundeswehrsoldaten bei Auslandseinsätzen ihr Leben verloren haben und in Afghanistan zuletzt 50 Menschen bei einem Luftangriff umgekommen sind, der von einem deutschen Offizier angeordnet worden war.

Und nicht von ungefähr zitierte Püll, der in Mülheim auch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge leitet, den Alt-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker mit der Erkenntnis: "Wer seine Geschichte nicht kennt, ist verurteilt, sie zu wiederholen." Wer das verhindern will, muss aber auch mehr in politische und historische Bildung investieren.

Mit gutem Ton für gute Taten: Vor 50 Jahren hatte die Schildberger Sing und Spielschar ihren ersten Auftritt: Über 10.000 weitere sollten folgen

„Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.” Auch dieses Volkslied dürfte die Schildberger Sing- und Spielschar bei einem ihrer über 10 000 Auftritte intoniert haben.

Dass dem Chor, den er vor 50 Jahren ins Leben rief und dann fast 40 Jahre leiten sollte, Gottes Gunst erfuhr, steht für den ehemaligen Lehrer und Rektor der Schildbergschule, Hans-Georg Pappe, außer Frage. Dankbar erinnert sich der heute 74-jährige an die zahlreichen Auslandskonzerte, die seinen Chor zum Beispiel nach Japan und Brasilien, aber auch nach Italien oder in die USA, Kanada und nach Australien führte und immer wieder auch heil zurück nach Mülheim. Auch dafür wollen die ehemaligen Schildberger heute in St. Barbara am Schildberg Danke sagen oder besser singen. Denn sicher wird in dem Gottesdienst in der Dümptener Pfarrkirche beginnt auch noch einmal der Schildberger Sound zu hören sein.

Was als Schulchor mit Volks- und Wanderliedern begann, wurde später mit modernen geistlichen Liedern zu einer musikalischen Institution, die eben auch weit jenseits der Stadtgrenzen einen guten Klang hatte, der beim Publikum im In- und Ausland nicht nur fromm, sondern auch flott ankam. Anfangs ein reiner Knabenchor wurden ab 1961 auch Mädchen aufgenommen. Das ließ die Schildberger ebenso einen Sprung nach vorne machen wie die ständig weiterentwickelte Instrumentalbegeleitung. Was mit Orff-Instrumenten begann, wurde später um Gitarren, Schlagzeug, Xylophon, E-Bass und Glockenspiel zu einem Rhythmus, bei dem man mit musste. Davon konnte sich 1972 auch Papst Paul VI. überzeugen, als der Chor in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo auftrat. „Bitte nicht so etwas Getragenes”, hatte sich der Papst gewünscht und war begeistert, als die Schildberger When the Saints go Marching in schmetterten. Wenn die Schildberger Sing- und Spielschar, in der bis zu 80 Mädchen und Jungen sangen und musizierten, nicht nur beim Papst, sondern auch beim damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel in der Bonner Villa Hammerschmidt sangen, hatte das vor allem damit zu tun, dass sie im besten Sinne des Wortes nicht nur für sich auftraten, sondern ihre Klangkunst immer wieder in den Dienst einer guten Sache stellte. So flossen die Konzerterlöse immer wieder in katholische Sozial- und Hilfsprojekte, die von den Schildbergern und ihren Eltern entdeckt und für förderungswürdig befunden worden waren.


So zahlte sich der Publikumserfolg des Schildberger Sounds zum Beispiel für Waisenkinder im südlichen Simbabwe ebenso aus wie für die Ärmsten der Armen im Nordosten Brasiliens oder für die Patienten des Irmel-Weyer-Krankenhaus in Tansania. Auch die Kassen der Caritas in Tokio oder die Telefonseelsorge in Osaka ließen die Schildberger mit ihren Konzerten klingeln.
Und wenn man Hans Georg Pappe, der heute in einem kleinen Ort bei Papenburg lebt, nach dem bewegendsten Moment in seinen fast 40 Schildberger Chor-Jahren fragt, dann erzählt er nicht nur vom Konzert für den Papst, sondern vom Auftritt in einem Altersheim in Nagasaki, in dem die Schildberger vor Überlebenden des Atombombenabwurfes vom August 1945 sangen. Nach dem Konzert sagte ihm eine alte Frau: „Jetzt weiß ich auch, warum ich so alt werden musste, nämlich, um euch noch zu hören.”

Doch all ihr Erfolg konnte auch die Schildberger Sing- und Spielschar nicht vor dem schleichenden Nachwuchsmangel bewahren, der ihr Ende einläuten sollte.

Samstag, 14. November 2009

Wer suchet, der findet die Kultur in Mülheim


Wer Mülheim kennt, weiß: Hier gibt es viele kulturelle Angebote. Doch wie sich zurechtfinden im Dickicht der lokalen Kultur. Wo und wann kann man Ausstellungen, Theateraufführungen oder Konzerte besuchen? Wo findet man einen guten und preiswerten Gitarren- oder Ballettunterricht für den Nachwuchs? Welche Künstler öffnen wann und wo ihre Ateliers für Kunstinteressierte?

Solche und ähnliche Fragen beantwortet jetzt die städtische Suchmaschine http://www.kulturfinden.de/, die von der für kulturelle Bildung zuständigen VHS-Mitarbeiterin Nicole Linau betreut wird. Schon jetzt haben 140 Kulturanbieter und Kunstschaffende ihre Internetseite in diese Suchmaschine eingestellt. Kultur suchen und finden kann man hier sowohl mit gezielten Suchbegriffen als auch über einen Terminkalender.

Augenomen werden nicht nur städtische, sondern auch private Kulturanbieter. Das versteht Kulturdezernent Peter Vermeulen als Förderung der Kulturwirtschaft und als zusätzlichen Bürgerservice. Denn nach einer Erhebung im Rahmen des Kulturdialogs weiß die Stadt, dass rund 40 Prozent aller Kulturinformationen heute über das Internet gesucht werden.


Wer sich als Kunst- und Kulturanbieter in die lokale Suchmaschine http://www.kulturfinden.de/ einstellen lassen möchte, sollte sich mit Nicole Linau unter der Rufnummer: 455-4317 oder per E-Mail an: nicole.linau@stadt-mh.de in Verbindung setzen.

Energie sparen und Arbeitsplätze schaffen: Die neuen Energiesparhelfer der Caritas

Umwelt- und Klimaschutz können Arbeitsplätze schaffen. Die Caritas und die Mülheimer Initiative für Klimaschutz machen die Probe aufs Exempel.

Die Caritas hat jetzt fünf ehemalige Arbeitslose zu Energiesparhelfern ausgebildet, die in dieser Woche ihren Dienst antreten. Ihre Aufgabe: Sie helfen Arbeitslosengeld-II-Empfängern und Menschen, die im Alter auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind, ihr knappes Budget durch Energiesparen zu schonen. "Es ist schön, wenn man Menschen helfen kann, die das gleiche Los haben, Geld zu sparen", sagt der gelernte Installateur, ehemalige Arbeitslose und jetzt zertifizierte Energiesparhelfer Harald Fell (59) über seine neue Aufgabe.
Zusammen mit seinen Kollegen wird Fell Ratsuchenden zeigen, wie man zum Beispiel durch den Verzicht auf Standby-Schaltungen, den Einsatz von Energiesparlampen und abschaltbaren Steckdosenleisten oder auch durch eine sinnvolle Begrenzung des Badespaßes spürbar Geld einsparen kann. Dieser Beratungsservice wird für soziale Hilfsempfänger kostenlos angeboten.
Möglich wurde die zunächst auf zwei Jahre befristete Festanstellung der Energiesparhelfer durch die Caritas Sozialdienste mit Hilfe der finanziellen Förderung durch das Bundesprogramm Jobperspektive und durch eine zusätzliche Finanzspritze der Stadt Mülheim. 75 Prozent der Personalkosten trägt demnach die Bundeskasse und die restlichen 25 Prozent das Mülheimer Stadtsäckel.

Außerdem stellt der Energieversorger RWE den Energiesparhelfern der Caritas die bei den Einsätzen vor Ort notwendigen Arbeitskoffer mit moderner Meßtechnik und bei Bedarf kostenfrei an Kunden abzugebenden energiesparenden Testgeräten zur Verfügung. Die Mülheimer Verkehrsgesellschaft stattet die Energiessparhelfer mit Fahrkarten aus. Obwohl die Beschäftigung der Energiesparhelfer befristet ist, glaubt man bei der Caritas und bei der projektbegleitenden Sozialagentur, dass sie sich durch ihre neue Berufspraxis und ihr neues Fachwissen in zwei Jahren eine Perspektive auf dem ersten Arbeitsmarkt, etwa als Energieberater oder Hausmeister bei einer Wohnungsbaugesellschaft erarbeitet haben könnten.

Die Energiesparhelfer der Caritas sind im Büro der Mülheimer Klimaschutzinitiative an der Friedrich-Ebert-Straße 48 in Mülheim-Mitte unter der Rufnummer: 0208/2998591 oder per E-Mail an: energiesparservice@caritas-muelheim.de erreichbar. Weitere Informationen im Internet unter: www.caritas-muelheim.de

Donnerstag, 12. November 2009

Seit gestern ist Mülheim närrisch und wird von Prinz Markus I. (Uferkamp) regiert


Gestern abend wurde aus dem 39-jährigen Geschäftsführer der Firma Top-Team Gerüstbau, Markus Uferkamp, Prinz Markus I. Denn Gegen 20.30 Uhr wurde er in der Stadthalle zum närrischen Regenten proklamiert und zeigte mit einem Prinzen-Orden aus Marzipan, dass auch die Narretei durch den Magen geht. In einem Gespräch mit mirbeantwortete der vom Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval nominierte und in der KG Blau Weiß aktive Prinz einige Fragen wider den tierischen Ernst.

Wie haben Sie sich auf Ihre Prinzenrolle vorbereitet?
Darauf muss man sich nicht großartig vorbereiten. Man muss nur Humor mitbringen. Und der muss aus dem Herzen kommen. Alles andere wäre schließlich gekünstelt.

Was können Politiker von närrischen Regenten lernen?
Vor allem den Humor und das positive Denken und die damit verbundene Fähigkeit, Menschen zu erfreuen, so dass diese zumindest für einige Stunden ihre Sorgen getrost vergessen können.

Worüber kann sich ein Karnevalsprinz närrisch ärgern?
Wer, wie ich, den entsprechenden Humor mitbringt, der hat in seiner relativ kurzen Amtszeit als Prinz keine Zeit, um sich zu ärgern. Das einzige, was mich in dieser Session wirklich ärgern könnte, wäre Regen am Rosenmontag.

Worauf sind Sie jeck und was kann Sie närrisch freuen?
Vor allem die Möglichkeit, in viele strahlende Augen zu schauen, wenn wir als Tollitäten durch die Säle ziehen. Der Spaß und die Heiterkeit, die man anderen Menschen bereiten kann, ist auch für einen selbst die größte Freude.

Brauchen wir 90 Jahre nach dem Ende der deutschen Monarchie im Karneval noch einen Prinzen?
Na klar brauchen wir den. Denn als Symbolfigur gehört der Prinz zum Karneval wie der Tannenbaum zum Weihnachtsfest. Und das ist auch gut so.

Und so ging die Prinzenproklamation in der Stadthalle über die Bühne:

Das war eine Prinzenproklamation mit Nährwert. Während der soeben inthronisierte Prinz Markus I. auf der Bühne seine ersten Prinzenorden an die Honoratioren aus Politik, Wirtschaft und Karneval verlieh, musste das närrische Fußvolk im Festsaal der Stadthalle nicht darben. Denn auf des Prinzen Geheiß schwärmten Gardedamen der Mülheimer Stadtwache aus, um Prinzenorden aus Marzipan (echt lecker!) zu verteilen.

Zu diesem kulinarischen Nährwert passte auch das Finale mit der neuen Tanzshow der Ruhrgarde a la Card. Mit extravaganten Kostümen und einer flotten, von Christiane Paffendorf einstudierten Choreografie erinnerte sie allerdings eher an den Lido denn an Heim und Herd. Das machte Appetit auf mehr, ebenso wie der beeindruckende Auftritt der 100-köpfigen Gemeinschaftsgarde aller 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften.

Bei so viel Show wollten Prinz Markus und Prinzessin Sandy nicht nachstehen. Mit ihrem vom Schlagersänger und Prinzenschwager Frank Lars kreierten Sessionslied: „Steht auf! Wir feiern jetzt alle Karneval” reihten sie sich in die Riege der singenden Prinzenpaare ein. Bei der Gratulationsrunde nach der Proklamation gab es auf der Bühne denn auch ein Wiedersehen und Wiederhören mit ehemaligen Tollitäten und ihren Prinzenliedern, wie „Ich bin so stolz, der Prinz von Mülheim zu sein” oder: „Helau, helau. Karneval in Mülheim-Ruhr ist Freude, Spaß und Stimmung pur.”

Für Letzteres wollen auch Markus I. und Sandy I. in dieser Session sorgen. Schließlich lautet ihr Motto: „Es schaukelt jetzt mit viel Humor das Narrenschiff durch Mülheim an der Ruhr.” Wie sie den Mölmschen die närrischen Flötentöne beibringen wollen, verrieten die Tollitäten in ihrem närrischen Regierungsprogramm, das Mülheim bis zum Aschermittwoch zur „fröhlich-närrischen Hochburg” machen will und den Jecken verbietet, während einer Karnevalssitzung auf die Uhr zu schauen.

Außerdem sollen die Mülheimer Verkehrsgesellschaft mit freier Fahrt in Bussen und Bahnen und die Geschäftsleute mit der Aufhebung der karnevalsfreien Zonen im Einzelhandel am Rosenmontag und den anderen tollen Tagen dafür sorgen, dass möglichst viele Jecken zum Zug und zum Feiern in die Stadt kommen. Damit der Bazillus Carnevalensis auf fruchtbaren Boden fällt, wollen die Karnevalisten die Baumkübel auf der Schloßstraße mit Narrenbäumen bepflanzen. Zur Vermehrung der Narretei sollen auch rote Pappnasen auf der Rathaus-Baustelle und ein Volkshochschulkurs Wie feiert man richtig Karneval beitragen. Tempo machen wollen die Tollitäten auch bei der Fertigstellung des Ruhrbania-Hafens, in dem sie mit ihrem Narrenschiff spätestens in 97 Tagen vor Anker gehen wollen. Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld forderte denn auch umgehend die Prinzenproklamation an, um die Vorgaben der närrischen Regenten zu erfüllen.

Dienstag, 10. November 2009

Wenn der Hoppeditz die Kommunalpolitik aufs Korn nimmt


Karneval braucht starke Kerle. Das zeigt sich am Freitagabend im Broicher Pfarrsaal an der Ulmenallee. Vier blau-weiße Vorstandsmänner mit Muskeln hiefen eine Tonne auf die Bühne, die es in sich hatte und sich bei genauerem Hinsehen als Mölmsch-Fass entpuppt.
Dem Fass entsteigt der offensichtlich noch schläfrige Hoppeditz der Karnevalsgesellschaft Blau Weiß. Im richtigen Leben heißt er Thomas Straßmann, ist Industriemeister bei einem großen Autokonzern und in seinem Ehrenamt Vorsitzender und Präsident der Gesellschaft.

„Hallo ihr durchgeknallten Jecken. Wie könnt ihr mich denn jetzt schon wecken”, giftet der Hoppeditz sein närrisches Publikum an. Kein Wunder. Wir sind ja noch vor dem 11.11. Doch der Hoppeditz tut trotzdem seine Pflicht und enttäuscht seine Fans niicht. Mit Charme und Witz nimmt er alles aufs Korn, was sich in Mülheim politisch bewegt.

„Ruhrbania ist immer noch ein Streitthema”, stellt Hoppeditz Straßmann fest: „Sagen die einen: Wir machen das so. Sagen die anderen: Die Idee ist fürs Klo.” Gute Laune macht dem närrischen Chronisten die jetzt doch noch begonnene Sanierung des Hauptbahnhofes: „Das Beste. Ich dachte, ich träume. Das kann doch gar nicht sein. Sie packen den Bahnhof, wie einst Christo, den Reichstag ein. Jetzt ist es endlich so weit. Mülheim wird von einem Schandfleck befreit.”

Nicht fehlen durfte natürlich auch ein Seitenhieb auf die turbulenten Planungen der neuen Fachhochschule: „Bei der FH war alles klar. Zuerst war es das. Sie hatten sich geeinigt. Aber plötzlich wurde sich gegenseitig gesteinigt. Ein Gerangel sondersgleichen. Man hatte das Gefühl: Die gehen über Leichen. Es kam immer noch eine neue Idee. Soviel Dummheit tut schon fast weh. Beinahe setzten sie das Vorhaben Schachmatt und verspielten ein riesen Potenzial für die Stadt.

Und wie geht es nach der Kommunalwahl weiter? Der Hoppeditz sieht es so: „Der Rat macht jetzt weiter mit seinen Husarenstücken, außer, dass sie sich nach neuen Mehrheiten bücken, nein strecken. Auf jeden Fall tun sie sich ganz schön recken. Sie suchen für ihre liebgewonnen Protektionen, die Munition aus verschiedenen Kanonen. So wie es am besten geht, wird halt das Fähnchen der Freundschaft gedreht.” Doch trotz der Politiker-Schelte wurde mit em Ratsherrn Frank Blum und dem Bezirksvertreter Roland Chrobok (beide CDU) an diesem Abend zwei Kommunalpolitiker zu blau-weißen Ehrensenatoren gekürt.

Von der Kunst der Büttenrede und warum der Karneval gerade in Krisenzeiten Spaß machen kann

In Mülheim ist der Hoppeditz Frühaufsteher. Der erste erwachte jetzt in Person von Blau-Weiß-Präsident Thomas Straßmann bei der KG Blau Weiß im Herz-Jesu-Pfarrsaal an der Ulmenallee in Broich. Ich fragte ihn nach Karneval in Krisenzeiten und nach der Kunst der Büttenrede.

Sind Krisenzeiten gute Zeiten für den Karneval, weil man viel aufs Korn nehmen kann und die Leute dringend lachen wollen?
Straßmann: Ich denke schon, dass das so ist. Wir haben auch früher schwierige Zeiten gehabt, aber vielleicht nicht so krass, wie jetzt. Man merkt, dass die Leute gerne kommen, weil sie andere Gedanken in den Kopf bekommen und abschalten wollen.

An welchen Themen kommen Sie als Hoppeditz diesmal auf keinen Fall vorbei?
Straßmann: In Mülheim komme ich natürlich an der Fachhochschule nicht vorbei. Den Bahnhof habe ich auch dabei. Ruhrbania werde ich noch mal kurz streifen, ebenso wie die Kommunal- und Bundestagswahlen sowie die Krise an sich.
Was lässt sich leichter aufs Korn nehmen, lokale oder überregionale Themen?
Straßmann: Lokal ist insofern einfacher, weil ich alles täglich hautnah mitbekomme. Da muss ich nicht erst lange überlegen, wie ich es auf den Punkt bringe. Diesmal bietet sich natürlich die Bundestagswahl an.

Muss ein Hoppeditz regelmäßig Zeitung lesen?
Straßmann: Unbedingt. Ich schneide mir regelmäßig Zeitungsartikel aus, um sie dann beim Schreiben meiner Büttenrede als Gedächtnisstütze zu nutzen.

Was macht eine gute Büttenrede aus?
Straßmann: Sie sollte am besten kurz und bündig sein. Das fällt mir aber nicht immer so leicht. Der Witz muss an der richtigen Stelle sitzen. Man muss aber auch schon mal über einen Umweg zur Pointe kommen. Auch ernste Passagen dürfen nicht fehlen. In einer guten Büttenrede muss man einfach Tacheles reden!

Hat sich schon mal jemand beschwert, weil Sie ihn aufs Korn genommen hatten?
Straßmann: Nein. Noch keiner. Der eine oder andere Oberbürgermeister hat mir geschrieben, wenn ich eine Hoppeditzrede für die Stadt gehalten habe. Da ist schon mal eine Reaktion gekommen, aber immer mit viel Humor.

Montag, 9. November 2009

Als ganz Deutschland swingte oder: Wie der Mülheimer Jazzmusiker Manfred Mons den Tag des Mauerfalls und der Deutschen Einheit erlebte

9. November 1989. Manfred Mons und seine Freunde von der Ruhr-River-Jazzband spielen im Grünen Gewölbe von Dresden. Ihr Auftritt wurde bereits ein Jahr zuvor vereinbart, als die Band aus Mülheim beim Dresdner Dixieland-Festival zu Gast war.

Die Anreise war, wie damals üblich, nervenaufreibend. „An der deutsch-deutschen Grenze mussten wir zweieinhalb Stunden warten. Da haben wir das ganze Programm erlebt. Die DDR-Grenzer schauten in jedes Instrument”, erinnert sich Mons an die Anreise.
Doch die Jazzmusik überwindet alle Grenzen und Schickanen. Das Konzert der Ruhr-River-Jazzer in Dresden kommt gut an. Doch dann kommt plötzlich jemand in den Saal und sagt, dass die Mauer offen sei und die Reisfreiheit unverzüglich in Kraft trete. „Da konnten wir unser Konzert vergessen. Die Leute sind sich spontan um den Hals gefallen und sind raus auf die Straße. Alle wollten zur Grenze”, erinnert sich Mons.

Am Tag darauf folgen die Mülheimer Jazzer einer Einladung der Papa-Binnes-Jazz-Band und spielen im Ost-Berliner Haus der sowjetischen Offiziere. Schon zehn Kilometer vor Berlin sehen Mons und seine Mannen Menschenmassen ohne Ende, die zu Fuß in Richtung Mauer strömen und ihre Autos auf den Grünstreifen zurücklassen, um schnell nach West-Berlin zu kommen. „Das war Wahnsinn. Da war der Teufel los, aber die Leute waren trotzdem sehr diszipliniert”, erzählt Mons.

Zufall der Geschichte. Beim Konzert am Abend ist auch der spätere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf unter den Zuhörern. Man diskutiert die politische Lage und verspricht den Berliner Jazzfreunden, an dem Tag, an dem Deutschland wiedervereinigt wird, spielen wir gemeinsam in Berlin. Auf der Heimreise nach Mülheim erleben die Ruhr-Rivver-Jazzmusiker am Grenzübergang Helmstedt „zum ersten Mal freundliche Grenzer” und: „eine ausgelassene Stimmung mit Sekt und Luftschlangen, wie im Karneval.” Die Ausweise will niemand mehr sehen. Die Volkspolizisten winken die Menschenmassen nur noch durch.
Dass der Tag der Deutschen Einheit schon ein Jahr später kommen wird, ahnen Mons und seine Jazz-Kollegen nicht, aber sie halten ihr Versprechen. Am 3. Oktober 1990 wird zusammen mit der Papa-Binnes-Jazzband vor dem Palast der Republik und am Potsdamer Platz geswingt. Für Mons ist es „das wohl bewegendste Erlebnis in meinem Leben.” An diesem Wochenende war Mons übrigens wieder in Berlin, um mit seinen Freunden der Papa-Binnes Jazzband deren goldenes Bandjubiläum zu feiern.

Sonntag, 8. November 2009

Alte Schule: Wiedersehen in Stadtmitte machte Freude



Ein Jahrzehnt nach den Styrumer Volksschülern (siehe unten) wurden die gut 40 Realschülerinnen aus ihrer Schule an der Oberstraße entlassen, an der sie sich jetzt wiedertrafen. "Der Geräuschpegel ist genauso wie heute", scherzte Rekor Gebhard Lürig, der die Damen, die sich viel zu erzählen hatten, durch ihre alte Schule führte.

Da wurden bei den Klassenkameradinnen Erinnerungen wach, zum Beispiel an die strenge Schulleiterin Frau Dr. Sinemus, die ihre Schülerinnen damals weder im modischen Petticoat noch auf der Schloßstraße beim Eis schlecken sehen wollte, an den Näh- und Hauswirtschaftsunterricht, an die Geschichtsstunden, in denen das Dritte Reich nicht vorkam oder an den Deutschlehrer Dr. Schröder, der im I. Weltkrieg ein Bein verloren hatte und die Schülerinnen immer wieder mit seinem profunden Allgemeinwissen beeindruckte.

In den 50er Jahren wurden Mädchen und Jungen an der heutigen Realschule Stadtmitte noch strikt getrennt unterrichtet. Nur in der Tanzstunde oder mit heimlichen Liebesbriefen unter der Schulbank konnte man damals erste Kontakte zum anderen Geschlecht knüpfen. Letzteres wurde durch Renovierungs- und Umbauarbeiten möglich. Während sie andauerten, teilten sich Mädchen und Jungen im Schichtunterricht die Klassenräume. Nur die Turnhalle nutzten Mädchen- und Jungen-Realschule gemeinsam.

Alte Schule: Wiedersehen in Styrum machte Freude


Das hat man selten. Wenn sich ehemalige Mitschüler 60 Jahre nach ihrer Entlassung in den Ernst des Lebens treffen, ist ihr alter Lehrer meistens nicht mehr mit dabei. Bei den 25 ehemaligen Volksschülern von der Augustastraße, die sich jetzt in der Styrumer Bahnhofsgaststätte trafen, war genau das aber der Fall. Und wer dem 83-jährigen Alt-Lehrer Heinz Steeger und seinen ehemaligen Schülern bei ihrem Wiedersehen zuhörte, merkte sofort: Da stimmt die Chemie auch 60 Jahre nach der gemeinsamen Schulzeit. Für Steeger war es damals die erste Klasse, die er nach seiner Ausbildung an der Pädagogischen Akademie Kettwig übernahm.

"Die Schüler wurden damals strenger erzogen und sie waren bescheidener", erinnert sich Steeger und weiß, dass es seine heute aktiven Kollegen wesentlich schwerer haben. "Geblieben", so der pensionierte Pädagoge, "ist aber die Herausforderung, den Unterricht so interessant zu gestalten, dass einem die Schüler zuhören." Vor 60 Jahren gehörten noch Schulspeisung und Care-Pakete zum Alltag an der Evangelischen Augustastraßen-Volksschule. Besonders gern erinnern sich die ehemaligen Mitschüler Walter Sohn, Luise Bido und Willi Seeger zum Beispiel an den Schulchor oder Steegers Naturexkursionen, einen Badeausflug ins Ruhrstadion, die vom dortigen Hausmeister nicht gern gesehenen Fußballspiele auf dem Schulhof der damals katholischen Volksschule an der Oberhausener Straße oder an die Abschlussfahrt zum Drachenfels.

Samstag, 7. November 2009

Kunst und Kafee in Styrum: Malbar und Friedns zu Gast in der Feldmancafeteria


Noch heute und morgen gibt es eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte, nämlich in der Styrumer Feldmanncafeteria an der Augustastraße die Kunstwerke von Malbar und Friends zu entdecken. Malbar und Friends: Das sind Gabriele Lahno, Klaus Hesselmann und ihre Malkursteilnehmer Sabine Hilbich, Monika Schmid-Rittmann, Monika Kulvietis, Michaela Knümann, Jutta Sander und Beate Schmid.
Ob mit einem Kaffee-Ensemble, einer fotorealistisch gemalten Momentaufnahme aus dem nächtlichen Nahverkehr, einem Seeblick-Strandpanorama oder einem Gruppenbild mit rauchenden Damen, die den Tag totschlagen: Passend zum Ausstellungsraum inspieren die Bilder und Collagen, made by Malbar und Friends zum wohltuenden Müßiggang. Ihr Betrachter darf die Seele baumeln lassen. Gearbeitet wurde mit satter Acryl- oder Ölfarbe, die mit trockenem Pinsel auf die Leinwand oder auch auf Holz aufgebracht wurde. Die Collagen überraschen mit erstaunlichen Materialkombinationen von Spachtelmasse über Lappen und Katzenstreu bis zu Sand, Münzen, Holzstäbchen und Zeitungspapier.
Weitere Informationen finden Sie im Internet unter: www.lahno.de

Mülheims Katholiken haben an diesem Wochenende die Wahl


An diesem Wochenende haben Mülheims Katholiken die Wahl. Gemeinderäte und Kirchenvorstände sind neu zu besetzen. Gewählt wird jeweils vor und nach den Gottesdiensten. Von rund 60 000 Katholiken sind 43 641 wahlberechtigt. 16 Mitglieder für den Kirchenvorstand Die Kirchenvorstände werden auf der Pfarreiebene, also für St. Mariae Geburt, St. Mariae Himmelfahrt und St. Barbara gewählt. Sie bestehen aus jeweils 16 Mitgliedern, wobei die Pfarrer als „geborener" Vorsitzender des Kirchenvorstandes amtieren. Die Kirchenvorstände werden für die Dauer von sechs Jahren gewählt, wobei jeweils nach drei Jahren die Hälfte der Mandate ausläuft und neugewählt werden muss, um Kontinuität und Wandel sicherzustellen. Der Kirchenvorstand ist für alle Personal,- Finanz- und Liegenschaftsfragen der Pfarrgemeinde zuständig.
Die Mandatszahl in den Gemeinderäten schwankt, je nach Anzahl der Gemeindemitglieder zwischen acht und zwölf. Die Gemeinderäte werden, wie das Wort sagt, auf Gemeindeebene, also für St. Mariae Geburt (Stadtmitte), St. Joseph (Heißen), St. Barbara (Dümpten), St. Mariae Rosenkranz (Styrum), Christ König (Winkhausen), St. Engelbert (Eppinghofen), St. Mariae Himmelfahrt (Saarn), Herz Jesu (Broich) und St. Michael (Speldorf) gewählt.

Ihre Mitglieder sind vor allem für pastorale Fragen, wie etwa die Gottesdienstgestaltung, die Einrichtung von Kreisen und Gruppen, den Kommunion- und Firmunterricht oder die Organisation von Gemeindefesten verantwortlich. Pfarrer und andere pastorale Mitarbeiter der Gemeinden gehören den Gemeinderäten als geborene Mitglieder an. Außerdem können die Gemeinderäte fachkundige Gemeindemitglieder in ihr Gremium berufen. Drei Pfarrgemeinderäte in Mülheim Aus den Reihen der Gemeinderäte rekrutieren sich dann später per Delegation auch die Mitglieder der drei Mülheimer Pfarrgemeinderäte . Den Pfarrgemeinderäten gehören die jeweiligen Gemeinderatsvorsitzenden und je nach Gemeindegröße ein bis drei weitere Gemeinderäte an. Hinzu kommen die Pfarrer und Pastöre als geborene Mitglieder, zwei Vertreter der jeweiligen Pastoralkonferenz und bis zu drei fachkundige Gemeindemitglieder, die von den Pfarrgemeinderäten in ihr Gremium hinzuberufen werden können.

Bei den Gemeinderatswahlen darf jeder wählen, der mindestens 16 Jahre alt ist. Kandidaten für dieses Gremium müssen mindestens 18 Jahre alt sein. Die Kirchenvorstände dürfen von allen Gemeindemitgliedern gewählt werden, die mindestens 18 Jahre alt sind. Um für den Kirchenvorstand zu kandidieren, muss man mindestens 21 Jahre alt sein. Wahlbeteiligung ist eher niedrig Obwohl die Wahlbeteiligungen in den letzten Jahren mit 10 bis 15 Prozent extrem niedrig waren, bereuen Kirchenvorstand Martin Behmenburg und Gemeinderat Olaf Meyer ihre Mitarbeit in den Gremien ihrer Gemeinde St. Mariae Geburt keineswegs: „Mir war es gerade im Zuge des Fusionsprozesses wichtig, selbst Einfluss auf Finanz- und Personalfragen zu nehmen. Und das hat auch verhältnismäßig gut geklappt", beschreibt Behmenburg seine Motivation. Und Meyer betont: „Nur zu sagen, dies und das gefällt mir in der Kirche nicht, wäre mir zu einfach. Ich will auch etwas verbessern können."

Donnerstag, 5. November 2009

Zwischen Beruf und Berufung: Ein Porträt der Künstlerin Barbara Schöttle zu den Tagen der offenen Ateliers



Für die Malerin Barbara Schöttle ist die Kunst nicht nur schön. Sie ist lebensnotwendig. Für die 49-Jährige ist ihre Kunst Beruf und Berufung. Sie ist eine von 24 Mülheimer Künstlern, die ihre Ateliers am 7. und 8. November für kunstinteressierte Besucher öffnen werden.
Das harte Brot der Kunst hält die Malerin Barbara Schöttle und ihre Künstlerkollegen nicht davon ab, ihre Berufung zu leben, um sich auszudrücken und Anstöße zu geben. Für Schöttle ist die Kunst nicht nur schön. Sie ist lebensnotwendig. Für die 49-Jährige ist ihre Kunst Beruf und Berufung. Sie ist eine von 24 Künstlern, die ihre Ateliers am 7. und 8. November für kunstinteressierte Besucher öffnen werden.


Es ist für Schöttle und ihre Kollegen aus der aktuell 67 Mitglieder zählenden Arbeitsgemeinschaft eine besonders gute Gelegenheit, das zu bekommen, was des Künstlers Brot ist: der Kontakt zu Menschen, die sich für ihre Kunst interessieren und unter Umständen sogar bereit sind, diese zu kaufen.

Letzteres ist, das gibt Schöttle zu, der schwerste Akt. "Viele Menschen kommen in mein Atelier und sind von meinen Bildern begeistert und würden sie sicher sofort mitnehmen, wenn sie sie geschenkt bekämen. Aber mit dem Kaufen von Kunst tun sich die meisten dann doch schwer." Gerne erinnert sie sich an das Vorstandmitglied eine großen Metallindustrieunternehmens, das ihr eines ihrer Bilder für 3000 Euro abkaufte. Doch so etwas kommt nicht jeden Tag vor, sondern ist für Schöttle und ihre Kollegen eher wie ein Sechser im Lotto. Und ehe eines ihrer starken Ölgemälde, die in ihrer nicht gegenständlichen Art irgendwie doch fast fotografisch, wie Seelenlandschaften anmuten, an die kunstsinnige Frau oder den Mann gebracht werden kann, muss die Künstlerin nicht nur Zeit, Kraft und Kreativität, sondern auch viel Geld für Farben und Leinwände ausgeben. "Wenn man am Ende mit seiner Kunst plus-minus-null herauskommt, hat man Glück gehabt", sagt sie. Das hört sich nach kommerzieller Kargheit an. Kann man also von der Kunst leben? Schöttle sagt es so: "Die Künstler, die ich kenne, haben alle eine Berufung und einen Brotberuf."

Die künstlerische Berufung ist für Schöttle der allen kommerziellen Kunstmoden trotzende Wille, "sich als Künstler ausdrücken zu wollen und vor allem aus seinem Gefühlsleben heraus etwas darzustellen."

Ihr Brotberuf ist das Lehramt für Kunst, Sport und Franzöisch an einer Wülfrather Realschule. Kunstlehrerin und Künstlerin, das liegt ja irgendwie auch nahe beieinander. Aber sie kennt auch viele Kollegen, die sich den Unterhalt für ihr Künstlerleben sehr viel profaner verdienen müssen, zum Beispiel als Nachtwächter in einem Krankenhaus oder als Mitarbeiter in einem Copy-Shop. Manchmal sind es aber auch der Staat, der in Form von Arbeitslosengeld II, oder ein gutverdienender Ehepartner, die die materielle Basis oder zumindest das Überleben der Künstlerexistenz sicher. Kunst scheint also tatsächlich ein hartes Brot zu sein.
"Die Hoffnung stirbt immer zuletzt", umschreibt Schöttle den trotzigen Zweckoptimismus, den Künstler brauchen, die auf dem Kunstmarkt unterhalb des Bekanntheitsgrades und Marktwertes von Immendorf, Lüpertz und Co. operieren müssen. Da helfen nur Mund-zu-Mund Propaganda, am besten Empfehlungen durch bekanntere Künstler, Ausstellungen, Stipendien, Tage der offenen Ateliers oder auch die Teilnahme an Kunstwettbewerben. Doch bei solchen, in Fachzeitschriften ausgeschriebenen Wettbewerben, einen ersten Preis zu gewinnen, gleicht noch eher einem Sechser beim Lotto als der Kontakt zu einem zahlungskräftigen Kunstfreund. "An solchen Wettbewerben nehmen vielleicht knapp 1000 Künstler teil. 40 bis 50 kommen in die engere Wahl. Und einer gewinnt dann den ersten Preis", beschreibt Schötlle die Erfolgschancen. Das ist wirklich ernüchternd.
Obwohl sie bisher noch keinen renommierten Kunstpreis gewinnen konnte, hatte die Frankreich-Liebhaberin, die sich bei ihren aktuellen Bildern von den Felsen der Bregtagne inspirieren ließ, just in diesem Juli ihr ganz eigenes Erfolgserlebnis: Einen Monat konnte sie in Nantes als Stipendiatin leben und arbeiten und anschließend dort bei einer Ausstellung sogar einige Bilder verkaufen. Manchmal können eben auch Künstlerinnen ein Sommermärchen erleben.

Kein Wunder, dass Schöttles Eltern inzwischen "richtig stolz" auf das künstlerische Schaffen ihrer Tochter sind, obwohl sie es anfangs mit großer Skepsis sahen, als Barbara Schöttle ihren ersten Beruf als Technische Zeichnerin bei Siemens aufgab, um anschließend erst das Abitur nachzuholen und danach an der Uni Essen Kunst zu studieren.
Weitere Informationen im Internet unter: http://www.barbara-schoettle.de/

Wer macht mit bei den Tagen der offenen Ateliers?

Am kommenden Wochenende 7. November (14 bis 20 Uhr) und 8. November (12 bis 18 Uhr) öffnen folgende Künstler ihre Ateliers:
Detlef Kelbassa, Corinna Kuhn, Heike Plaßyk, Auerstraße 20 ( 80 44 98); Uwe Dieter Bleil, Holzstraße 21 ( 42 92 34); Alfred Dade, Kellermannstraße 26 (alfred.dae@t-online.de); Marta M. Deli, Peter Helmke, Folkenbornstraße 52 ( 437 56 56); Peter Flach, Oppspring 64 ( 42 98 25); Marianna Goldbach, Fängerweg 9a ( 86 29 37); Gabriele Klages, Finkenkamp 18 ( 0171/53 42 387); Kuno Lange, Tinkrathstraße 60 ( 37 53 24); Ernst Rasche, Teinerstraße 18a ( 39 01 60); Eberhard Ross, Dirk Hupe, Kirchstraße 126 ( 594 32 54); Dirk Salz, Aktienstraße 69 ( 0160/47 13 920); Vera Herzogenrath, Hiroko Inoue, Rainer Komers, Ralf Rassloff, Schloß Styrum, Moritzstraße 102; Barbara Schöttle, Von-Bock-Straße 14 ( 388 08 83); Ursula Vehar, Wertgasse 18 ( 38 16 19); Imdre Videk, Zeppelinstraße 81 ( 444 25 58); Wolfgang Vogelsang, Fängerweg 7a ( 75 41 28); Georg Weber, Hantenweg 27 ( 48 16 24).
Ein umfassendes Infoblatt zu den Tagen des offenen Ateliers liegt im Medienhaus und im Kunstmuseum Alte Post am Synagogen- und Viktoriaplatz aus.

Dienstag, 3. November 2009

Die Frau hinter den Herbstblättern: Ein Gespräch mit Claudia vom Felde


Herbstblätter – das ist in Mülheim nicht nur ein Naturphänomen, sondern auch ein Literaturereignis, das noch bis zum 20. November Lesepublikum und Autoren zusammenbringt. Ist die Literaturreihe der Stadtbücherei eine Erfolgsgeschichte und wie funktioniert sie? Ich sprach mit ihrer Macherin Claudia vom Felde.

Warum muss die Stadtbücherei eine Literaturreihe auf die Beine stellen?
Es gibt doch auch Buchhandlungen, die Autoren zur Lesung einladen. Wir haben als Stadtbücherei jeden Tag mit Literaturvermittlung zu tun. Da sind wir der erste Anlaufpunkt in der Stadt. Und deshalb sind wir auch für eine literarische Veranstaltungsreihe sicher die geeignetste Adresse.

Was ist der Mehrwert der Herbstblätter? Was kann diese Literaturreihe bewirken?

Wenn Autoren persönlich ihre eigenen Bücher vorstellen, bekommt Literatur eine ganz andere Wirkung. Den Autor eines Buches leibhaftig vor sich zu sehen, ist immer wieder ein besonderes Erlebnis. Es eröffnet einen ganz anderen Blickwinkel auf die Literatur, macht unseren Eindruck von ihr bunter und lebendiger. Man sieht eben die Person, die hinter dem Buch steht.

Bescheren die Herbstblätter der Stadtbücherei mehr Leser und Kunden?
Das kann man so sicher nicht sagen. Aber wir stellen fest, dass es eine verstärkte Nachfrage nach den Werken der Autoren gibt, die wir bei den Herbstblättern vorstellen. Außerdem ist der Herbst die Jahreszeit, in der mehr schöne Literatur gelesen wird als sonst. Das Bestreben der Herbstblätter ist es immer, einen Ausschnitt aus der aktuellen Buchproduktion vorzustellen, die mit der Frankfurter Buchmesse auf den Markt kommt. Insofern sind die Herbstblätter auch eine gute Gelegenheit, sich darüber zu informieren, was es neues gibt auf dem Markt, vielleicht auch mit Blick auf ein Geschenk für Weihnachten.

Wie entscheiden Sie, was bei den Herbstblättern vorgestellt werden soll?
Wir haben kein durchgängiges Thema, sondern achten immer auf eine gute Mischung aus schwerer und leichter Kost, aus Lyrik, schöner Literatur und Sachliteratur. Und dann stelle ich meine Wunschliste auf.

Wie kommen Sie an Ihre Autoren?
Schon im Frühjahr frage ich bei den Verlagen und Literaturagenturen nach: Wer geht im Herbst auf Lesereise? Welchen Autoren können Sie uns empfehlen? Aber es gibt auch immer wieder Autoren, die selbst bei uns anfragen und die Vorstellung ihres neuen Buches anbieten. Hans Georgi war jetzt schon zum zweiten Mal bei den Herbstblättern. Tanja Kinkel hatten wir schon drei Mal zu Gast. Und auch Nina Hoger und das Ensemble Noisten sind in diesem Jahr zum dritten Mal dabei. Vor einigen Jahren konnten wir auch mal Frank Schätzing gewinnen, der mit einer Multivisionsshow sein Buch "Der Schwarm" vorstellte. Doch den könnten wir uns heute nicht mehr leisten.

Apropos leisten. Was kosten die Herbstblätter?
Das kann ich so genau gar nicht sagen. Fest steht, dass wir mit unseren Eintrittspreisen und 500 bis 600 verkauften Tickets nicht kostendeckend arbeiten können. Ohne Sponsoren und Förderer, wie die Sparkasse und die Leonhard-Stinnes-Stiftung, wären die Herbstblätter nicht denkbar. Was die Autorenhonorare betrifft, so bewegen wir uns zwischen 300 und 1500 Euro pro Autor. Verpflichten wir eine größere Gruppe mit mehreren Akteuren, die zum Beispiel Musik und Literatur präsentieren, können wir auch schon mal 3000 Euro einplanen. Das ist dann aber auch das Maximum und nur vertretbar, wenn man davon ausgehen kann, dass so eine Veranstaltung auch ein größeres Publikum finden wird. Die Kosten hängen natürlich auch davon ab, ob ein Autor von weit her anreisen muss und eine Hotelübernachtung braucht, oder ob wir einen Kooperationspartner finden, mit dem wir uns die Kosten teilen können.

Lohnt sich der Aufwand, der für die Herbstblätter betrieben wird?

Auf jeden Fall. Wir merken an den vielen Rückfragen – Was gibt es denn dieses Jahr? Und wann ist es wieder so weit? –, dass die Herbstblätter immer bekannter und beliebter werden. Allerdings haben wir noch ein Problem damit, jüngere Leser für die Herbstblätter zu gewinnen. Selbst eine auf junges Publikum abzielende Veranstaltung zur Fantasy-Literatur war mit gerade mal 30 Besuchern nicht unbedingt ein Publikumsrenner. Aber ich warte da einfach mal ab. Denn wir stellen fest, dass die Stadtbücherei jetzt von mehr jungen Leuten besucht wird, die sich hier im neuen Medienhaus gerne aufhalten. Vielleicht können wir da mal ins Gespräch kommen und Meinungen und Interessen abfragen, um zu erkennen, welche Themen wir abgreifen müssten, um mehr junge Leute für die Herbstblätter zu begeistern.

Muss Literatur live in der Stadtbücherei auf die Herbstblätter beschränkt bleiben?
Nein. Ich könnte mir vorstellen, dass wir künftig im Monatsrhythmus einzelne Literatur- und Musikveranstaltungen im Medienhaus anbieten könnten. Für diesen Zweck hat uns der Freundeskreis der Stadtbücherei bereits ein Klavier gestiftet.

Zur Person:
Claudia vom Felde (49) ist gelernte Buchhändlerin und Diplom-Bibliothekarin und arbeitet seit 1986 in der Stadtbücherei. Sie arbeitete zunächst in den Bereichen Lektorat und Auskunftsdienst. In letzterem Bereich ist sie auch weiterhin tätig. Allerdings hat sie im August 2009 die neugeschaffenere Stelle für Öffentlichkeitsarbeit übernommen. In dieser Funktion ist sie nicht nur für die Planung von Veranstaltungen, sondern auch für Kooperationsprojekte und die Pressearbeit der Stadtbücherei zuständig.

Weitere Informationen zum Programm der Literaturreihe finden Sie im Internet unter: http://www.herbstblaetter-muelheim.de

Alle guten Dinge sind drei. Bezirksvertretung 3 wählt Gerhard Allzeit wieder zum Bezirksbürgermeister für Mülheim links der Ruhr


Kurz und schmerzlos wurde am Freitagnachmittag der amtierende Bezirksbürgermeister des Stadtbezirks Linksruhr, Gerhard Allzeit, (Foto) für weitere fünf Jahre in seinem Amt bestätigt. Eine Listenverbindung von CDU, SPD und FDP machte nicht nur die Wahl des Christdemokraten, sondern auch die seiner beiden Stellvertreter Heinz-Dieter Zeitnitz (SPD) und Wolf Rüdiger Deichsel-Otterbeck (FDP) möglich.


Der gemeinsame Wahlvorschlag von Sozial,- Christ- und Freidemokraten erhielt in der gehemein Verhältniswahl 17 von 19 Stimmen. Der nach 1994, 1999 und 2004 wiedergewählte Bezirksbürgermeister Allzeit (75) eröffnete die konstituierende Sitzung der für Saarn, Broich, Speldorf, Mintard und Selbeck zuständigen Bezirksvertretung 3 auch als Altersvorsitzender. Da er sich in dieser Funktion nicht in sein Amt als Bezirksbürgermeister selbst einführen konnte, delegierte er diese Aufgabe kurzerhand an den Bezirksvertreter Rudolf Klüppel von der CDU. Allzeit, der der BV 3 bereits seit 1984 angehört, appellierte nach seiner Wiederwahl an die Mitglieder des Stadtteilparlamentes: „Als Bezirksvertreter sollten wir selbstständig und mit Entschiedenheit und Gelassenheit handeln, ohne uns dabei zu sehr von den jeweiligen Parteigremien abhängig zu machen. Als Bezirksvertreter haben wir den engsten Kontakt zu den Bürgern. Wir können ihnen dabei nicht jeden Wunsch erfüllen. Wir sollten aber immer für gute Vorschläge und Ratschläge der Bürger offen sein."

Sonntag, 1. November 2009

Was ist heute noch heilig: Eine zeitlos aktuelle Allerheiligen-Umfrage unter bekannten Bürgern unserer Stadt


Heilig!? "Um Gottes Willen", mag mancher bei diesem Begriff denken und sich fragen: "Was ist (uns) heute überhaupt noch heilig?" Deshalb fragte ich am Vorabend von Allerheiligen bekannte Mülheimer danach, was ihnen heilig ist und wo ihnen Menschen begegnen, die mit ihrem Handeln zumindest einen Hauch von Heiligkeit ausstrahlen.

Dem Pfarrer von St. Barbara Manfred von Schwartzenberg sind "keine Sachen, sondern Menschen heilig". Ihnen zu zeigen, "wer sie sind", nämlich "von Gott geliebt und ausgestattet mit Wert und Würde"ist für ihn die wichtigste Aufgabe der Kirche. "Menschen, die es verstehen, in komplizierten Situationen, etwa bei einem Todesfall, einfühlsam mit anderen Menschen umzugehen oder auch Streit zu schlichten", empfindet er, wenn nicht als heilig, so doch als "begnadet".

Heilig ist dem evangelischen Superintendet Helmut Hitzbleck , "alles, was Gott geschaffen hat". Und so sieht er überall dort heiliges Handeln, "wo Menschen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen." Das sieht er heute als besonders nötig an, "weil die Menschenwürde immer öffter einer gewissen Beliebigkeit" unterliege. Mit Blick auf die jüngere deutsche Geschichte sieht Hitzbleck die Widerstandskämpfer gegen Hitler als heilige Menschen, die über sich hinausgewachsen seien.

"Heilig? Wer möchte sich schon so nennen lassen?", fragt sich der Chef des Mülheimer Jazzclubs, Manfred Mons . Und dann denkt er doch an die sogenannten Trümmerfrauen, die nach dem Krieg in zerstörten Wohnungen ihre Kinder durchbrachten und oft kranke Männer pflegten oder jene Ordensfrauen, die selbstlos und für Gotteslohn alte und kranke Menschen gepflegt haben. Heilig sind ihm Feiertage, die man aus seiner Sicht nutzen sollte, um sich auf Wesentliches zu besinnen.

Unantastbare Privatsphäre Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld sind Familie und Privatleben heilig, ebenso wie "die menschliche Würde", die auch im politischen Streitfall nicht außer Acht gelassen werden dürfe. Persönlichkeiten, wie Mahatma Gandhi oder Albert Schweitzer sieht sie als moderne Heilige.

Neben Familie und Freunden ist dem CDU-Kreisvorsitzenden Andreas Schmidt die Wahrhaftigkeit und die damit verbundene Fähigkeit "sich selbst im Spiegel betrachten zu können" heilig. Der ältere Gesprächspartner, der ihm als mittellosen Studenten die Restaurantzeche mit der Begründung bezahlte: "Wenn Sie mal gutes Geld verdienen, machen Sie es auch so wie ich", kam ihm seinerzeit fast heilig vor.

Neben der Menschenwürde, die nicht nur in der Politik, sondern auch im alltäglichen Umgang miteinander beachtet werden sollte, ist dem Pädagogen Niklas Rahn der Sonntag heilig. Obwohl kein reglmäßiger Kirchgänger begreift Rahn den Sonntag als "Zeit der Besinnung und Ruhe", die heute oft zu kurz komme.

"Das Wort heilig ist für mich durch einen Glauben besetzt, den ich nicht teile. Im Sinne von unantastbar ist mir meine Familie wichtiger als icke myself", sagt Künstler Peter T. Schulz . "Ohne Profilneurose Gutes zu tun", wie beispielhaft Dagmar van Emmerich mit ihrer Initiative Tschernobylkinder ist für Schulz nicht nur eine Sache von Glauben und Gefühl, sondern auch "ein Gebot der Klugheit"
Das Foto zeigt einen Grabstein auf dem Altstadtfriedhof an der Dimbeck.