Donnerstag, 31. Dezember 2009

Eine Keimzelle der Mitmenschlichkeit: Caritas-Konferenz St. Mariae Geburt feiert ihren 150. Geburtstag


Caritas-Konferenz. Das klingt irgendwie bürokratisch, ist es im Fall von St. Mariae Geburt aber gar nicht - das Gegenteil ist der Fall. Denn die Caritas-Konferenz der Stadtpfarrei, die vor 150 Jahren als Elisabeth-Konferenz ins Leben gerufen wurde, steht für menschliche Zuwendung und Hilfe im Kleinen.

Ihren Namen wählte sie im Rückblick auf das Leben und Wirken der heiligen Elisabeth von Thüringen (1207-1231). Deren Einsatz für die Bedürftigen und Kranken ließ sie unsterblich, legendär und später zur Schutzpatronin der Caritas werden. Die Elisabeth-Konferenz bestand aus gutbürgerlichen Frauen, die sich um die Armen der Gemeinde kümmerten. Damals gab es noch keinen Sozialstaat und in Mülheim auch noch keinen Caritasverband. Der sollte erst 1920 vom damaligen Pastor der Gemeinde St. Mariae Geburt, Konrad Jakobs, gegründet werden. Heute treffen sich die Vorsitzende der Caritas-Konferenz, Hildegard Sanders, und der überschaubare Kreis ihrer Mitstreiterinnen jeweils am ersten Freitag im Monat um 17 Uhr in der Begegnungsstätte an der Pastor-Jakobs-Straße, um ihre aktuellen Aktivitäten zu besprechen.

Dorthin laden sie auch einmal im Quartal Senioren zu einem Cafe´ ein, die einen runden Geburtstag gefeiert haben. Das Angebot wird in der Regel von 60 und mehr Besuchern gut angenommen. Und an gleicher Stelle feierte man jetzt auch mit einem Gemeindefrühstück den 150. Geburtstag einer kleinen, aber sehr aktiven Gruppe, die im Laufe ihrer langen Geschichte nie mehr als 15 Mitglieder hatte. „Ich war damals gerade frisch verheiratet und aus Hessen hier hergezogen. Ich wollte Kontakt zu Leuten in der Gemeinde bekommen und mich nützlich machen. Da bin ich dann einfach zum damaligen Pastor Siegfried am Zehnhoff gegangen und habe ihn gefragt, wo ich mich engagieren könnte", erinnert sich Gertrud Gotthardt an ihren Einstieg bei der Caritas-Konferenz. 46 Jahre ist das her.

Die heutige Vorsitzende der Caritas-Konferenz, Hildegard Sanders, wurde durch ihre Mutter und Amtsvorgängerein Elisabeth Basener an die christliche Sozialarbeit vor Ort herangeführt. Diese besteht heute im Wesentlichen aus Besuchsdiensten, dem Einsammeln von Spenden oder direkter Hilfe für bedürftige Familien, die sich zum Beispiel im Advent über ein gehaltvolles Päckchen von der Caritas-Konferenz freuen können. Bei Bedarf finanzieren die rührigen Caritas-Damen aus St. Mariae Geburt auch schon mal Lebensmittelgutscheine. Immer wieder stellen sie fest: Auch in unserer Stadt gibt es viel versteckte Not und vor allem viele alte und einsame Menschen, die in ihrer Mobilität engeschränkt sind und sich freuen, wenn sie mal Besuch bekommen und mit dessen Hilfe das Haus verlassen können.

Kontakt und Infos 3 63 17

Auf dem Foto sind zu sehen (von links): Antonie Remmen, Kläre Breiltgens, Hildegard Sanders und Gertrud Gotthardt von der Caritas-Konferenz St. Mariae Geburt

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Die Rente ist nur selten ein sanftes Ruhekissen: Erfahrungen aus der Beratungspraxis des Sozialverbandes VDK


Ruhestand. Das hört sich gemütlich und wohlhabend an. Wer die sozialpolitische Diskussion verfolgt, hört zuweilen einen Hauch von Generationenkonflikt heraus. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund von demografischem Wandel und Wirtschaftskrise fragen viele Kritiker: Haben jüngere Menschen heute nicht ein höheres Armutsrisiko als Ältere? Können wir uns noch Rentenerhöhungen leisten und Rentenkürzungen für die Zukunft ausschließen?

Birgitt Zaplata, Sozialberaterin beim Mülheimer Sozialverband VdK spürt angesichts der für den Herbst in Aussicht gestellten Steuerkontrollen eine große Verunsicherung: „Viele haben es einfach als gegeben hingenommen, dass Rentner nicht besteuert wurden und haben es bisher noch gar nicht wahrgenommen, dass sie bereits seit 2005 steuerpflichtig sind. Jetzt haben viele Rentner Angst, kriminalisiert und als Verbrecher dargestellt zu werden", weiß die Sozialberaterin aus 25 bis 30 Gesprächen, die sie derzeit an jedem Beratungstag in der VdK-Geschäftsstelle an der Ruhrstraße allein zu diesem Thema führen muss. „Viele wollen mit uns über Politik diskutieren. Doch das dürfen wir ebenso wenig, wie Rat in Steuerfragen geben. Ich darf nur in sozialgerichtlichen Fragen Auskunft geben", betont Zaplata. Deshalb weist sie in diesem Fall auf den Lohnsteuerhilfeverein in Oberhausen hin, der mit dem VDK kooperiert.

Wenn die 57-jährrige Sozialberaterin montags und dienstags (9-12 Uhr) und donnerstags (14-16 Uhr) in den VDK-Räumen an der Ruhrstraße 9 zur Sprechstunde bittet, stellt sie immer wieder fest, dass auch die ratsuchenden Rentner weder finanziell noch gesundheitlich auf Rosen gebettet sind. Es geht um die Zahlung von Pflegegeld, um die Berechnung von Rentenansprüchen oder um Beihilfen zur Finanzierung von Hilfsmitteln. Immer wieder stellt Zaplata fest, dass alle Sozialleistungen, von denen nicht nur Rentner profitieren können, zunehmend restriktiv vergeben werden. „Schwerbehindertenausweise mit dem Stempel AG für außergewöhnlich gehbehindert, bekommen heute nur noch Rollstuhlfahrer. Und viele Schwerbehindertenausweise werden heute, etwa nach einem Herzinfarkt oder einer Hüftoperation nur noch auf Zeit vergeben", schildert sie die Leistungsrationierung.

Beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen, der über die Gewährung von Pflegegeld entscheidet, vermisst Zaplata „manchmal das Fingerspitzengefühl, weil gerade hochbetagte Senioren aus Scham ihre Schwächen nicht preisgeben wollen." Auf der anderen Seite stößt sie bei Anträgen auf Pflegegeld auch immer wieder auf ein Missverständnis bei den Senioren: „Viele sagen: Ich kann jetzt nicht mehr Treppe und Fenster putzen und wollen partout nicht einsehen, dass nur Dienstleistungen der Grundversorgung, wie Waschen, beim Aufstehen helfen oder anziehen als Pflegeleistungen gelten." Zaplata schätzt, dass etwa 60 von 80 Klienten, die sie an einem ihrer drei Beratungstage aufsuchen, im Rentenalter sind. Das deckt sich mit den Erkenntnissen des VdK-Vorsitzenden Dietmar Schmidt.

Er schätzt das 80 Prozent der etwa 3500 Mitglieder seines Kreisverbandes im Rentenalter sind. Dabei weist er darauf hin, dass die Zahl der Frührentner gestiegen ist, die nicht nur aus körperlichen, sondern auch aus psychischen Gründen (Stichwort: Mobbing und Burn out) aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Wohlhabende Rentner trifft Schmidt im VDK nur selten. „Etwa zehn Prozent kommen mit ihrer Rente gut aus. Die anderen müssen an allen Ecken und Enden knapsen", sagt er. Eine monatliche Durchschnittsrente von 1000 Euro (bei den Männern) und 500 Euro (bei den Frauen) sei der Regelfall. „Hinzu kommt, dass viele Frauen der heutigen Rentnergeneration nur sehr begrenzt berufstätig waren und sich vor allem um Kinder und Familie gekümmert haben. Wenn ihr Ehepartner stirbt, erhalten sie nur 55 Prozent seiner Bezüge als Hinterbliebenenrente", betont Zaplata. VdK-Chef Schmidt hat bei den meisten Rentnern in seinem Verband seit der Euro-Einführung einen Kaufkraftverlust festgestellt.

„Die meisten kaufen beim Discounter ein. Und manche können sich noch nicht mal ein Taschengeld oder ein Geschenk für die Enkel leisten", berichtet er. „Die Politik sollte nicht immer unten ansetzten. Die Finanzierungsspirale in unserer Gesellschaft muss auch mal von oben nach unten gehen", findet der ehemalige Betriebsrat Schmidt mit Blick auf die Rentenbesteuerung. Er räumt aber auch ein: „Wer heute seine Rente hat, der hat sie Gott sei Dank. Ob das auch für künftige Rentnergenerationen gelten wird, weiß ich nicht. Doch für sie sehe ich eher schwarz."

Weitere Informationen zum Freizeit und Beratungsangebot des Mülheimer Sozialverbandes VdK finden Sie im Internet unter: www.vdk.de/kv-muelheim-ruhr

Sonntag, 27. Dezember 2009

Wenn Geschichte lebendig wird: Broicher Realschüler erforschten und dokumentierten das Schicksal eines NS-Opfers


Zweiter Weltkrieg und Nationalsozialismus. Davon hat in Deutschland jeder schon mal gehört. Auch Lisa Gawrich, Anna-Lena-Hell, Lars Kühn, Jessica Ochwat, Denis Peters und Larissa Steiner kennen die Geschichte von rund 60 Millionen Kriegstoten und sechs Millionen Holocaust-Opfern aus dem Geschichtsunterricht ihres Lehrer Markus Vorpeil. Doch die ehemaligen Zehntklässler der Realschule Broich, die inzwischen alle die Oberstufe besuchen und auf dem Weg zum Abitur sind, kennen einen Teil dieser dunklen Geschichte Deutschlands jetzt nicht nur aus dem Schulbuch. Und das kam so: Anfang des Jahres wurden sie durch einen Film auf den Künstler Gunter Demnig und sein Projekt Stolpersteine aufmerksam. Die Idee, Opfer-Biografien aus der eigenen Stadt zu recherchieren, fanden sie spannend.

Um weitere Informationen über NS-Opfer in Mülheim zu bekommen, suchten sie und ihre Klassenkameraden das Gespräch mit Helmut Hermann vom Bund der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN), der regelmäßig historische Stadtrundfahrten auf den Spuren von Verfolgung und Widerstand im Dritten Reich anbietet und mit Friedrich-Wilhelm von Gehlen von der Mülheimer Initiative für Toleranz. Der hat seit 2007 mit seinen Mitstreitern im Arbeitskreis Stolpersteine selbst zahlreiche Lebensläufe von Mülheimer NS-Opfern erforscht. Das Thema ließ die Schüler nicht los. Sie gingen auf die Straße, zum Beispiel in Speldorf und Stadtmitte. An Stellen, wo in den letzten fünf Jahren bereits Stolpersteine als kleine Opfer-Mahnmale ins Straßenpflaster versenkt worden waren, fragten sie im April Passanten nach ihrer Meinung zu dieser Form der Erinnerungsarbeit. Ergebnis: 65 Prozent der Befragten waren die Stolpersteine schon ein Begriff. 85 Prozent begrüßten das Projekt der lokalen Geschichtsaufarbeitung. Nur 15 Prozent hielten nichts davon.

Während für ihre Klassenkameraden das Thema Stolpersteine mit der Straßenumfrage erst mal abgeschlossen war, wollten Lisa, Anna Lena, Lars, Jessica, Denis und Larissa weiter machen und gründeten eine eigene Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine. Die jungen Nachwuchshistoriker von der Realschule Broich kamen dem Stadtarchivar Jens Roepstorff, der selbst auch im Mülheimer Arbeitskreis Stolpersteine NS-Opfer-Biografien recherchiert, gerade recht. Den Schülern aus Broich wies er die Aufgabe zu, die Biografie von Karl Briel aufzuarbeiten, eines von 21 NS-Opfern, für die Gunter Demnig am 7. Dezember einen Stolperstein verlegen wird. Das Stadtarchiv und die Recherche in alten Akten, Urkunden und Zeitungen waren für die sechs Jugendlichen Neuland. „Wenn man sich näher mit einem Einzelfall befasst, kann man sich auf einmal bildlich vorstellen, was mit Verfolgten des NS-Regimes passiert ist", sind sich Lars, Lisa und Denis einig. „Wenn man die historischen Originalunterlagen in der Hand hat, wird das Schicksal eines NS-Opfer plötzlich viel lebendiger", schildern Jesseica, Larissa und Anna Lena ihre Erinnerung an das Quellenstudium über Karl Briel.

Über den Großonkel der Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld, der 1900 in Mülheim geboren wurde und später eine Kaufmannslehre absolvierte, fanden sie zum Beispiel heraus, das er privat schon früh Kritik an Hitler äußerte und 1935 erstmals mit der NSDAP in Konflikt geriet, als er sich weigerte, der Partei ein Ladenlokal mietfrei zu überlassen. Danach zogen vor seinem Haus an der damaligen Bachstraße 47, wo am 7. Dezember der Stolperstein für ihn verlegt wurde, SA-Leute zu einer Protestkundgebung auf.

Briel wurde unter dem Vorwand von Mieterbeschwerden von der Gestapo in Schutzhaft genommen. 1943 bekam der parteilose Briel wieder Ärger mit der NSDAP, als er sich über Mietrückstände von Parteimitgliedern beschwerte. Kurz vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen wurde er im April 1945 von einem Denunzianten bezichtigt, eine Untergrundbewegung ins Leben gerufen zu haben. Die Gestapo verhaftete ihn, inhaftierte ihn im Polizeigefängnis und verwüstete seine Wohnung. 1947 für tot erklärt, gilt er bis heute als verschollen. Sein Schicksal bleibt ungeklärt.

Weitere Informationen im Internet unter: www. stolpersteine-mh.de

Samstag, 26. Dezember 2009

Wenn das Wünschen noch helfen würde: Was sich Mülheimer für ihre Stadt erhoffen


Weihnachten und der Jahreswechsel – Das ist die Zeit der Wünsche. Was würden sich Mülheimer Bürger für ihre Stadt wünschen, wenn es so etwas wie eine schöne Bescherung für die Stadt am Fluss geben und das Wünschen helfen könnte? Ich fragte nach:

Die Zeitungsverkäuferin Dorothea Schaaf (53/Foto) wünscht sich vor allem Stadtväter und Stadtmütter, die mit dem Geld der Stadt sparsamer als bisher umgehen und „es wirklich nur für notwendige Dinge ausgeben." Beim privaten wie beim öffentlichen Haushalten gilt für sie: „Ich kann nicht zehn Euro ausgeben, wenn ich nur fünf habe." Die Leiterin des Jugendzentrums Leybank, Lisa Freymann, (55) wünscht sich eine Stadt, die trotz Haushaltsnotlage „auch weiterhin ihre freiwilligen Aufgaben in der Kinder- und Jugendarbeit finanzieren kann." Insgesamt wünscht sie sich eine stärkere Lobby für Kinder „und mehr Rücksicht auf die Menschen, die sich nicht so gut durchsetzen können." Zwei Straßenbahn- und Busfahrer der Mülheimer Verkehrsgesellschaft, die ungenannt bleiben wollen, fänden es toll, „wenn die Straßen im Winter besser gestreut würden und wir mal wieder eine neue Straßenbahn bekommen könnten." Reinigungskraft Rita Kappenberg (41) wünscht sich vor allem „wieder mehr interessante Geschäfte und eine größere Auswahlmöglichkeit beim Einkaufen in der Innenstadt." Wenn nach Woolwoorth bald auch der Kaufhof schließt, fürchtet sie, „dass in der Innenstadt bald tote Hose herrscht".

Karin Göbbels (38) vom Imbiss am Kaufhof wünscht sich „pünktlichere Straßenbahnen, mehr Arbeitsplätze und weniger langwierige Baustellen". Ihr Geschäftsnachbar, der aus Marroko stammende Bäcker Rahal Khalili (39) wünscht sich eine geringere Steuerlast und eine attraktivere Innenstadt, die auch wieder mehr Kunden anzieht. Die Saarner Buchhändlerin Ursula Hilberath (52) wünscht sich, dass die Stadt nicht nur mit Blick auf Ruhrbania, sondern auf alle „Stadtplanungsgeschichten mehr als bisher die kreativen Kräfte in der eigenen Stadt mit einbezieht, ehe man teure Experten von außen einkauft. Denn es gibt hier viele Menschen mit Ideen und Sachverstand, die ein großes Herz für Mülheim haben."

Die 69-jährige Malerin Ursula Vehar wünscht sich vor allem, dass sich die Pläne für ein Ruhrbanium-Einkaufszentrum realisieren lassen, damit die Lücke geschlossen werden kann, die der Kaufhof im nächsten Sommer hinterlassen wird. Die 41-jährige Verkäuferin Antonia Krüger wünscht sich als Mutter einer dreijährigen Tochter vor allem mehr wohnortnahe und schöne Spielplätze für Kinder. Der 56-jährige Sparkassen-Pförtner Bernd Bunzeck wünscht sich, dass die kommunalen Gebühren nicht zu sehr steigen. Dass die elektronischen Anzeigetafeln der Mülheimer Verkehrsgesellschaft „bald richtig funktionieren und nicht nur die richtigen Linien, sondern auch die richtigen Ankunfts- und Abfahrtszeiten anzeigen", wünscht sich der elfjährige Schüler Joschua Brockmann. Die 61-jährige Sekretärin der Oberbürgermeisterin, Brigitte Passmann, (61) wünscht sich vor allem „eine bessere Ampelschaltung in der Innenstadt".Der Rentner Hans-Dieter Strunck (72) sagt über sich: „Ich liebe diese Stadt und habe wenig an ihr auszusetzen. Doch ich wünsche mir, dass sie sich mit Ruhrbania und Ruhrbanium auch so weiterentwickelt, wie es geplant ist. damit Mülheim am Ruhrufer ein zusätzliches, neues und schönes Gesicht bekommt."

Die 57-jährige Supermarktkassiererin Karin Wernick wünscht sich vor allem ein besseres Preis-Leistungsverhältnis bei der Mülheimer Verkehrsgessellschaft. Ihr Wunschtraum: „Pünktlichere Busse und Bahnen für günstigere Fahrkartenpreise." Anna-Maria Ladage-Hesse (48), Mitinhaberin des Hotels Handelshof, wünscht sich, „dass die Aktivitäten und Veranstaltungen im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt 2010 vor allem dazu beitragen, dass die Menschen wieder mehr auf einander zugehen und ein stärkeres Wir-Gefühl entwickeln". Konditormeister Friedhelm Großenbeck vom Stadtcafe´ Sander wümscht sich vor allem, dass wieder mehr Mülheimer auch in ihrer eigenen Stadt einkaufen und dabei langfristig auch wieder eine größere Branchenvielfalt antreffen. Der 65-jährige Künstler Peter Torsten Schulz wünscht Mülheim „mehr Glück als Verstand und umgekehrt und außerdem noch ein bisschen mehr Kohle, damit es vor allem den Kindern und Jugendlichen an nichts fehlt."

Der aus der Türkei zugewanderte Obst- und Gemüsehändler Mehmet Tagrikulu (38) wünscht sich für seine Wahlheimat Mülheim „etwas, dass man nicht mit Geld bezahlen kann, nämlich mehr Menschlichkeit, Freundlichkeit und Rücksichtnahme." Ähnlich philosophisch und praktisch sehen es auch Susanne Dickel von der Mülheimer Initiative für Klimaschutz, die Mülheim „mehr Optimismus und Tatendrang" wünscht, „weil man gemeinsam mehr erreicht", und der 70-jährige Johannes Valkysen , ehrenamtlicher Mitarbeitert an der katholischen Ladenkirche: „Ich wünsche mir ein Mülheim mit weniger Baustellen und mehr Anziehungskraft, dass es wieder ein bisschen sauberer wird und etwas von seinem alten Charme zurückgewinnt. Dabei können auch die Bürger selbst etwas für das Erscheinungsbild ihrer Stadt tun, wenn jeder im wahrsten Sinne des Wortes vor seiner eigenen Türe kehrt."

Mehr Sauberkeit, aber auch mehr Präsenz der Ordnungshüter wünscht sich auch der Vorsitzende der Interessengemeinschaft der Styrumer Geschäftsleute, Georg Meurer, (54) für seinen Stadtteil. Naheliegend und auf den öffentlichen Raum bezogen ist auch der Wunsch des gleichaltrigen Brudermeisters der Selbecker Sebastianus-Schützen, Wolfgang Thieme , der hofft, dass die B 1 im Bereich Saarn/Selbeck möglichst bald wieder voll befahrbar ist, wenn die Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft dort ihre Rohrbauarbeiten hoffentlich schnell abgeschlossen haben wird. Der Pfarrer der Heißener Friedenskirche, Michael Manz, (47) wünscht sich in seinem Umfeld vor allem, dass die kulturellen Aktivitäten rund um die U-Bahn-Haltestelle Eichbaum unter Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen fortgesetzt werden, um diesen Ort zu beleben und gleichzeitig zu entschärfen.

Last, but not least wünscht sich der Rektor der Dümptener Erich-Kästner-Grundschule, Alois Mayer (57), dass Ruhrbania nicht in einem finanziellen Chaos endet, dass es den Kommunalpolitikern gelingt, den städtischen Haushalt „im grünen Bereich halten können" und das sie nicht nur finanzpolitisch das einhalten, was sie immer wieder fordern, nämlich, dass Bildung Priorität hat

Freitag, 25. Dezember 2009

Heiligabend 1944: Luftangriff auf die Flughafensiedlung

Weihnachten – das ist nicht überall ein Fest des Friedens. Bei Krieg denken wir heute zum Beispiel an Afghanistan oder den Irak. Vor 65 Jahren fand der Krieg vor der eigenen Haustür statt.

Während sich die Mülheimer auf den Heiligen Abend in einer bereits vom Bombenkrieg gezeichneten Stadt vorbereiten, geben die Sirenen um 14.08 Uhr Luftalarm. Nichts ungewöhnliches im letzten Kriegswinter. Allein im Dezember 1944 werden die Mülheimer 200 mal alarmiert. Seit US-Truppen im Oktober Aachen besetzt haben, ist das Ruhrgebiet zur Front geworden, wird die Stadt wieder verstärkt zum Ziel von Luftangriffen und Tieffliegern. Der Großangriff vom Juni 1943 ist noch in allen Köpfen.

Diesmal steuern 169 britische Bomber den Flughafen Essen-Mülheim an, der 1939 zum Fliegerhorst ausgebaut worden ist. Schon in den Wochen zuvor war der Flughafen immer wieder von Bomben getroffen worden. Damals war das Ziel der alliierten Angriffe aber vor allem die Nachbarstadt Essen Am 24. Detzember 1944 wollen die britischen Bomber vor allem die am Flughafen Essen/Mülheim stationierten Düsenjets vom Typ ME 262 ausschalten. Denn die greifen damals immer wieder in die deutsche Ardennen-Offensive ein. Deshalb sollen sie ausgeschaltet werden.

Um 14.21 Uhr beginnt der Angriff. Innerhalb von zehn Minuten werfen die Piloten der Royal Air Force Sprengbomben und Luftminen mit einer Gesamtlast von 760 Tonnen über der Flughafensiedlung in Raadt ab. Mehr als 200 Soldaten und Zivilisten verlieren ihr Leben.

Besonders tragisch: Eine 1000-Kilo-Bombe trifft einen Hochbunker an der Windmühlenstraße. Die Bombe durchschlägt dessen Betondecke und explodiert erst im Innenraum des Bunkers, in dem etwa 50 Menschen Schutz gesucht haben. Sie haben keine Chance, dem Inferno zu entkommen, und sterben einen qualvollen Tod. Zum Teil werden ganze Familien auf einen Schlag ausgelöscht. Die Druckwellen der Bomben sind so stark, dass auch noch einige Kilometer von der Flughafensiedlung entfernt Fenster zu Bruch gehen und Türen eingedrückt werden.

Glück im Unglück haben die kleinen Patienten, die im Haus Jugendgroschen behandelt werden, das damals als provisorisches Kinderkrankenhaus dient. Es wird am 24. Dezember 1944 von Bomben getroffen und zerstört. Doch die dort untergebrachten Kinder waren während des Luftangriffs in der Nachbarschaft zu einer Weihnachtsfeier eingeladen worden und entgehen so dem sicheren Tod. Sie haben an diesem Heilig-Abend-Tag offensichtlich gleich mehrere Schutzengel.

Ironie und Tragik der Geschichte: Ihr eigentliches Ziel, die deutschen Militärjets treffen die britischen Bomber nicht. Denn diese sind gut getarnt und so für die Piloten unsichtbar in einem Waldstück außerhalb des Flughafens versteckt worden. Der Krieg wird für Mülheim nach diesem verheerenden Luftangriff vom 24. Dezember 1944 noch fast vier Monate dauern. Erst mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen hat der Wahsinn für die Mülheimer am 11. April 1945 ein Ende. Rund 4600 Mülheimer haben im Krieg ihr Leben verloren. 3100 gelten bei Kriegsende als vermisst.

Die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges hinterlassen in Mülheim nicht nur 800 000 Kubikmeter Trümmerschutt, der auf den Straßen lagert, sondern auch viele zerstörte Seelen. Doch acht Jahre nach Kriegsende schließen Mülheim und Darlington Städtefreundschaft und zeigen, dass nicht der Krieg, sondern der Frieden das letzte Wort hat.

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Weihnachten ohne dich ist keine Kinderspiel: Eindrücke aus einer Trauergruppe für Kinder, die Mutter oder Vater verloren haben


"Frohe Weihnachten" wünscht man sich in diesen Tagen. Doch gerade jetzt vor dem Frohen Fest ist vielen Menschen gar nicht froh zumute, weil sie einen lieben Menschen verloren haben und trauern. Zwölf von ihnen treffen sich an diesem Nachmittag im Trauerpastoralen Zentrum unter der Auferstehungskirche Heilig Kreuz an der Tiegelstraße.
Es sind Kinder, zwischen fünf und 13 Jahren jung. Etwa die Hälfte von ihnen werden in diesem Jahr zum ersten Mal Weihnachten ohne Mutter oder Vater feiern. Alle haben ein gemeinsames Schicksal. Sie haben ein Elternteil verloren. Kiras Vater starb plötzlich mit 35 an einem Herzinfarkt, als ihre Mutter schwanger war. Sammy, Alicia und Benjamin haben ihre Mutter an den Krebs verloren. Barbaras Vater hat sich aufgehängt.

Die Kinder sind nicht allein mit ihrer Trauer. Einmal im Monat treffen sie sich sich mit Mechthild Schroeter-Rupieper (45) (Foto) und Birgit Aulich (51), selbst Mütter, sind Trauertherapeutinnen, die sich auf die Trauerbegleitung von Kindern spezialisiert haben. "Das persönliche Abholen ist nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder, die ein Elternteil verloren haben, ganz wichtig", begründet der Leiter des von der Dümptener Pfarrgemeinde St. Barbara getragenen Trauerpastoralen Zentrums, Diakon Reinhard Sprafke, warum man die beiden Trauerbegleiterinnen für Kinder in das eigene Angebot für Trauernde eingebaut hat. "Wenn Kinder nicht die Chance bekommen, ihre Trauer ganz offen und auch spielerisch zu bewältigen, kann das schreckliche Folgen haben", weiß Sprafke aus seiner eigenen Trauerbegleitung als Seelsorger. Dabei denkt er zum Beispiel an einen 49-jährigen Mann, der viele Jahre nach dem Tod seines Vaters psychisch krank wurde, weil er sich nie von seinem verstorbenen Vater verabschieden durfte und auch an dessen Beisetzung nicht teilnehmen durfte.
Doch wie bewältigt und bespricht man mit Kindern ihre Trauer um die verstorbene Mutter oder den toten Vater? Schröter-Rupieper und Aulich packen den Stier bei den Hörnern. Sie reden nicht lange drum rum, sondern lassen die Kinder erzählen, woran ihre Eltern gestorben sind und dann fragen sie noch mit Blick auf Weihnachten: "Worauf freut ihr euch, mal abgesehen von den Geschenken?" Kira freut sich auf ein Fest mit der Familie, Gero auf die leckere Weihnachtsgans und Barabra darauf, dass sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Weihnachten ins Sauerland fährt.

Dann bemalen die Kinder, passend zum Advent, Kunststoffsterne mit Symbolen, die sie mit ihrem verstorbenen Elternteil verbinden. Barbara bemalt ihren Stern mit einem silbernen Puppenhaus, weil ihr Vater ihr einmal ein Puppenhaus gebaut hat. Bei der Gelegenheit fällt Kira ein, dass sie und ihr Vater gerne gemeinsam mit Playmobilfiguren gespielt haben. Doch weil sie keine Playmobilfiguren malen kann, belässt sie bei einem silbernen Herzen und dem Schriftzug: Merry Christmas. Gero denkt gerne an die gemeinsamen Minigolf-Partien mit seinem Vater zurück und malt deshalb einen Minigolfschläger auf seinen Stern. "Wir haben extra stabile Sterne aus Kunststoff genommen, die nicht so schnell kaputt gehen können wie Glas. Denn ein kaputter Stern vor Weihnachten würde von manchem Kind als schlechtes Symbol angesehen werden", erklärt die gelernte Erzieherin und selbtständige Trauertherapeutin Schroeter-Rupieper, die nicht nur Gruppen leitet, sondern auch ganze Familien in ihrer Trauer begleitet. In frühren Runden haben die Kinder zusammen mit den Trauertherapeutinnen auch schon mal Briefe an ihre toten Mütter oder Väter geschrieben und diese dann anschließend verbrannt, so dass der Rauch gen Himmel stieg. Ein starkes Symbol.
Während einige Kinder eher in sich gekehrt wirken, während sie ihre Sterne bemalen, die sie an den Weihnachtsbaum hängen oder zum Grab ihres verstorbenen Elternteils bringen wollen, erzählen andere Kinder ganz offen darüber, wie sie den Todestag und die Beerdigung ihres Vaters oder ihrer Mutter erlebt haben und wie deren Leichnam aussah. Erstaunlich einfach und kindgerecht erklärt Mechthild Schroeter-Rupieper auch, warum Verstorbene zum Beispiel Leichenflecken bekommen oder warum mehr Menschen durch Selbsttötung ums Leben kommen als bei einem Verkehrsunfall.

Nicht nur die 13-jährige Barbara genießt das Gefühl im Kreis ihrer Alters- und Schicksalgenossen ganz offen über ihre Trauer und den Tod ihres Vaters sprechen zu können, weil sie weiß, dass sie hier mit ihrem Leid nicht alleine ist. Während sie zu Hause mit ihrer Mutter viel über den tragischen Tod des Vaters spricht, stellt sie fest, dass ihr älterer Bruder nie darüber spricht und auch nicht weint. Die Offenheit, mit der die Kinder und ihre Trauerbegleiterinnen über den Tod ihrer Eltern sprechen, mag auf den außenstehenden Betrachter fast ein wenig brutal wirken. Doch in dieser Offenheit steckt Methode, wie Schroeter-Rupieper erklärt: "Wir wollen aus dem Tod eben kein Geheimnis machen, sonder zeigen, dass der Tod etwas alltägliches ist, was zum Leben dazu gehört", betont die Trauertherapeutin. Weil Kindern oft die Worte für ihre Trauer fehlen, setzen Aulich und Schroeter-Rupieper darauf, alle Gedanken und Themen rund um den Tod der Eltern möglichst direkt und offen anszusprechen, "um die Sprachlosigkeit zu überwinden statt die Kinder nicht durch Andeutungen nur unnötig zu verwirren."

Auch wenn die fünfjährige Nele zwischenzeitlich mal weint und von Schroeter-Rupieper auf den Schoß genommen und getröstet werden muss, geht es an diesem Kindernachmittag im Trauerpastoralen Zentrum an der Tiegelstraße nicht nur traurig zu. Zwischen ihren Mal- und Gesprächsrunden nutzen die Kinder den großen Saal des Zentrums zum Fangenspielen. Da wird auch gelacht. "Im Sommer haben wir auch schon mal Fußball gespielt oder mit kleinen Bällen aus Altpapier eine Schneeballschlacht simuliert", berichten einige Kinder. Dem Betrachter der Szene drängt sich der spontane Eindruck auf: "Ja. Trotz aller Trauer. Das Leben geht weiter."
Immer wieder macht Schroeter-Rupieper in ihrer Praxis die Ehrfahrung. "dass Kinder viel eher als Erwachsene im Hier und Jetzt leben und ihre Trauer zumindest zeitweise ausblenden können, wenn sie zum Beispiel mit ihren Freunden Fußball spielen oder zu einer Geburtstagsfeier gehen." Doch Gero weiß: "Man ist dann nur äußerlich abgelenkt. Innerlich bleibt man weiter traurig."

Doch dass das Leben auch mit dieser Traurigkeit im Herzen weitergehen kann, macht die Abschlussrunde deutlich: Die Kinder erzählen, worauf sie sich als nächstes freuen. Kira freut sich aufs Rodeln und auf den Weihnachtsmarkt, Dustin auf seinen Computer und Kimberly auf den Wochenendausflug mit Oma und Opa. Dazu passt auch die kleine Weihnachtsschokolade, die die Kinder mit nach Hause nehmen. "Und auf die Verpackung schreibt ihr dann: Weihnachten mit dir ist schön und schreibt den Namen eines Menschen aus eurer Familie dazu, mit dem ihr die Tafel Schokolade teilen oder sie ihm oder ihr schenken wollt." Damit macht sie deutlich: Auch wenn eine Mutter oder ein Vater gestorben ist, bleiben in der Familie Menschen, auf deren Liebe ein Kind bauen kann.


Weitere Informationen


Die Trauergruppe trifft sich einmal monatlich, an einem Freitnachmittag zwischen 16.30 Uhr und 18 Uhr im Trauerpastoralen Zentrum unter der Urnen- und Auferstehungskirche, Tiegelstraße 100. Im neuen Jahr trifft sie sich dort am 22. Januar, am 26. Februar, am 19. März, am 23. April, am 21. Mai und am 18. Juni.
Weil dieses Angebot in diesem Jahr von der Pfarrgemeinde St. Barbara finanziert worden ist, konnte die Trauergruppe für die Kinder bisher kostenlos angeboten werden. Wer die Trauerarbeit unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende an den Förderverein tun. Auskünfte: Mechthild Schroeter-Rupieper unter 0209/170 2777 oder Ursula Wichmann, 0209/402 8016. Internetadresse. www.familientrauerbegleitung.de
Weitere Auskünfte zum Trauerpastoralen Zentrum, das auch ein Trauercafe´, Trauerseminare und eine Jugend-Trauergruppe anbietet, bei Diakon Reinhard Sprafke, 716 01 oder im Pfarrbüro von St. Barbara unter 940 59 661. Internet-Infos: www.ptz-hl-kreuz.de

So gesehen: Jung trifft Alt im Advent oder: Überraschungen zur Weihnachtszeit


Die Jugend von heute ist auch nicht mehr das, was sie mal war", klagt der alte Mann am Stock im Gespräch mit der alten Frau am Rollator, während sie gemeinsam im Kaufhaus nach einem passenden Weihnachtsgeschenk für ihre Enkelkinder suchen.

"Als wir jung waren, hatten Kinder noch Respekt vor alten Menschen und waren gerne hilfsbereit, ohne danach zu fragen: Was habe ich davon? Und auch ihre Weihnachtswünsche waren erheblich bescheidener, als heute. Wir haben damals vielleicht eine Puppe oder einen Fußball geschenkt bekommen, wenn wir Glück hatten. Heute wünschen sich Kinder ja gleich ein Notebook oder einen MP3-Player." So philosophieren die beiden Senioren über den drohenden Untergang des christlichen Abendlandes, während sie sich langsam, aber sicher schiebend und humpelnd auf den Kaufhausausgang zu bewegen.

Da kommt ihnen ein Mädchen entgegen, erkennt sofort ihr Handicap und läuft zum Ausgang, um ihnen die schwere Kaufhaustür aufzuhalten. Mit einem Lächeln wünscht es den beiden Senioren "noch einen schönen Advent und ein frohes Weihnachtsfest."
Die beiden Alten kommen aus dem Staunen nicht heraus. Sie begreifen, dass im Advent zwar bald Heiliger, aber eben noch nicht alle Tage Abend ist, solange der Nachwuchs es versteht, seine Altvorderen noch positiv zu überraschen und ihnen zu zeigen, dass man nie zu alt ist, um ein Vorurteil über Bord zu werfen. Denn dann dürfen wir noch erwartungsfroh sein und das nicht nur im Advent.

Samstag, 19. Dezember 2009

Jung trifft Alt: Ein beispielhaftes Projekt in Zeiten des demografischen Wandels


Wir wissen es alle. Die demografischen Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Unsere Gesellschaft wird immer älter und bunter. Das heißt: Wir müssen uns auf eine Gesellschaft vorbereiten, in der immer weniger junge mit immer mehr alten Menschen zusammenleben. Hinzu kommt: Viele, die heute jung sind und damit die Erwachsenen von morgen sind, kommen aus anderen Ländern und Kulturkreisen zu uns.

Wir brauchen Zuwanderung, um als Gesellschaft mit einer schwachen Geburtenrate langfristig überleben zu können. Doch das funktioniert auch nur, wenn wir eine gemeinsame soziale Werte-Basis erarbeiten. Einen praktischen Beitrag dazu leistet ein vorbildliches Gemeinschaftsprojekt, das die Sozialpädagogin Vahide Tig vom Jugendzentrum Stadtmitte und Elke Dormann-Juckewicz von der Seniorentagesstätte der Arbeiterwohlfahrt auf die Schiene gesetzt haben.

Alle 14 Tage treffen sich 16 Kinder und Jugendliche mit den Besuchern der Altentagesstätte an der Bahnstraße. "Alte und junge Menschen sollen nicht nur nebeneinander, sondern miteinander leben und gemeinsam aktiv werden", erklärt Tig die Idee ihres Projektes. Dabei hat sie im Hinterkopf, dass gerade Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien keinen direkten Kontakt zu ihren Großeltern mehr haben, weil die, weit ab von Deutschland, in ihren Ursprungsländern leben.

So geht es zum Beispiel der 13-jährigen Cathy Pembele, deren Großmutter in Angola lebt. Da ist nur telefonischer Kontakt möglich und das auch nur ab und zu. Umso mehr genießt sie den Kontakt zu der 77-jährigen Elena Gorizki. Mit ihr verziert sie an diesem Nachmittag Glasleuchten mit Seidenpapier und macht sie so zu einer effektvollen Adventsdekoration.

Die Leiterin der Seniorentagesstätte räumt ein: "Anfangs mussten erst mal Hemmschwellen überschritten werden, weil sich viele Senioren durch die Kinder und Jugendlichen in ihrem Rhythmus gestört fühlten." Doch inzwischen, so betont sie, seien viele Freundschafften zwischen den alten und jungen Besuchern der Altentagesstätte entstanden. Ob man gemeinsam einen Zoo-Besuch plant, Karten spielt oder sich über den Wandel des Schullebens unterhält? Für Dormann-Juckewicz geht es daran, dass die Kinder und Jugendlichen aus dem Jugendzentrum an der Georgstraße ganz nebenbei auch von sprachlichen und kulturellen Wissen der alten Menschen profitieren.

Doch wer sich bei "Jung trifft Alt" umschaut, der fühlt sich wie bei einem großen Familientreffen und der merkt schnell, dass gerade auch die Senioren von der Abwechslung profitieren, die der Besuch der Jugendlichen für sie mit sich bringt. "Wenn man gemeinsam etwas mit Kindern und Jugendlichen macht und sich mit ihnen unterhält, fühlt man sich auch selbst wieder jung, weil man an ihrem Leben teilnimmt", sagt zum Beispiel der 85-jährige Günter Knnaak. Und für die 73-jährige Lilli Polzow, die selbst keine Kinder hat, steht fest: "Diese Kinder sind echt in Ordnung. Alles, was Recht ist. Sie sind sehr freundlich und hilfsbereit und gar nicht so laut und stürmisch, wie man zuerst vielleicht vermuten konnte. Deshalb freue ich mich immer auf ihren Besuch und blühe richtig auf, wenn sie da sind."

Nachdem der Start des Projektes "Jung trifft Alt" im Rahmen der von der Drogerie-Kette dm und der Deutschen UNESCO-Kommission getragenen Initiative "Sei ein Futurist" finanziert worden ist, weil es von den Initiatoren als beispielhafte Förderung einer nachhaltigen Bildungsarbeit angesehen worden ist, hofft Projektleiterin Tig, dass die Stadt im kommenden Jahr in die Finanzierung mit einsteigt. Das ist angesichts der kommunalen Haushaltsmisiere wohl nur ein frommer Wunsch, dessen Erfüllung sich aber für die Zukunft der Stadtgesellschaft im Zeitalter des demografischen Wandels langfristig auszahlen könnte.

Weitere Informationen im Internet unter: www.sei-ein-futurist.de

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Fifty Fifty: Wie die Gesamtschulen für einen ausgewogenen Schüler-Mix sorgen

Auch 27 Jahren, nachdem die Gesamtschule Regelschule geworden ist, bleibt sie ein Politikum. Behrend Heeren, Leiter der Styrumer Willy-Brandt-Schule, kennt als Sprecher der Gesamtschulleiter im Regierungsbezirk Fälle aus Bonn und Düsseldorf, in denen Eltern die Errichtung einer neuen Gesamtschule vor Gericht erstreiten oder, wie jetzt in Düsseldorf geschehen, sich gegen die Reduzierung der Klassen an zwei Gesamtschulen wehren mussten.
In beiden Fällen haben die Gesamtschulbefürworter die Oberhand behalten. In Bonn gewannen sie vor Gericht. In Düsseldorf hat die CDU-Ratsfraktion ihren Antrag zurückgezogen, zwei Gesamtschulen um jeweils zwei Klassenzüge zu reduzieren. Ihr Ansinnen hatten die Mehrheitsfraktionen CDU und FDP mit dem Argument begründet, an diesen Gesamtschulen würden zu viele Kinder angemeldet, die eigentlich eine Hauptschulempfehlung mit auf den Weg bekommen hätten.

Für die Mülheimer CDU betont deren Parteichef Andreas Schmidt: „Für uns stehen die Gesamtschulen nicht zur Disposition. Wir sind aber gegen eine flächendeckende Einführung von Gesamtschulen. Wir treten für ein gegliedertes Schulsystem ein, zu dem neben der Gesamtschule auch das Gymnasium sowie Haupt- und Realschulen gehören.”
Wie sieht es in Mülheim aus, das mit der Gustav-Heinemann-Schule (gegründet 1970), der Gesamtschule Saarn (gegründet 1982) und der Willy-Brandt-Schule (gegründet 1986) drei Gesamtschulen hat.

Gustav-Heinemann-Schulleiterin Christa van Berend und ihr Styrumer Kollege Heeren machen deutlich, dass man inzwischen vom klassischen Gesamtschulmix, jeweils ein Drittel Schüler mit Gymnasial- Real- und Hauptschulempfehlung aufzunehmen abgekommen ist. Dabei machen beide Schulleitungen nicht die Schulformempfehlung der Grundschulen, sondern den Notendurchschnitt zur Grundlage ihrer Entscheidung darüber, ob sie einen Schüler aufnehmen oder nicht.


An beiden Gesamtschulen gilt die Faustregel: 50 Prozent der aufgenommenen Schüler bewegen sich in einem Notendurchschnitt von sehr gut bis befriedigend, sind also potenzielle Kandidaten fürs Gymnasium oder die Realschule. Die andere Hälfte der aufgenommenen Schüler hat einen Notendurchschnitt von befriedigend und schlechter, ist also eher ein Kandidat mit eigeschränkter Gymnasial- oder Real- und Hauptschulempfehlung. Heeren schätzt, dass etwa zehn Prozent der Grundschulabgänger, die an seiner Schule aufgenommen werden eine Hauptschulempfehlung haben. Van Berend schätzt, dass der Anteil der aufgenommenen Kinder mit Hauptschulempfehlung bei 15 Prozent und der Kinder mit einer Gymnasialempfehlung zwischen 20 und 30 Prozent liegt.

Beide Schulen haben das gleiche Problem. Sie haben mehr Anmeldungen als Plätze. Die siebenzügige Gustav-Heinemann-Schule kann jährlich 200 Schüler aufnehmen und muss weitere 100 abweisen. Die vierzügige Willy-Brandt-Schule kann pro Jahr 116 Schüler aufnehmen und muss 60 bis 70 Anmeldewünsche abschlägig entscheiden.
Heeren macht keinen Hehl daraus, dass er die Schulformempfehlungen der Grundschulen für wenig aussagekräftig hält, weil sie erstens zu früh, nämlich Mitte der vierten Klasse, ausgesprochen werden und zweitens zu sehr von der jeweiligen Lehrer-Eltern-Konstellation abhängig seien.

Wie entwickeln sich die Schüler an der Gesamtschule? Heeren und van Berend verweisen darauf, dass der Anteil der Schüler, die am Ende das Abitur machen, weit größer ist als der Anteil der Schüler mit einer Gymnasialempfehlung. An der Gustav-Heinemann-Schule schaffen derzeit 100 von 200 aufgenommenen Schülern eines Jahrgangs den Sprung in die gymnasiale Oberstufe. Davon machen am Ende dann etwa 70 das Abitur. An der Willy-Brandt-Schule gelingt das zwischen 45 und 55 Prozent der in der Klasse Fünf aufgenommen Schüler. 80 Prozent nehmen die Möglichkeit auch wahr.

Den Anteil der Schüler, die die gymnasiale Oberstufe mit dem Abitur beenden, schätzt Heeren auf 60 bis 70 Prozent, während die anderen 30 Prozent mit Fachabitur abgehen. Als bemerkenswert sieht Heeren die Ergebnisse einer landesweiten Erhebung, wonach 70 Prozent der Gesamtschulabiturienten ursprünglich keine Gymnasialempfehlung gehabt haben. Vor diesem Hintergrund begrüßt van Berend ausdrücklich das Zentralabitur, weil damit die Diskussion für die fehlende Vergleichbarkeit des gymnasialen und des gesamtschulischen Abiturs beendet worden sei.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Ansichten einer politischen Leitfigur: Eine Ausstellung im Medienhaus beleuchtet das bewegte Leben von Willy Brandt


70 Tafeln mit großen Bildern und kleinen Texten lassen noch bis zum 30. Januar 2010 im Medienhaus am Synagogenplatz das politische Leben Willy Brandts Revue passieren. Auch Monitore, über die Reden und Auftritte des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, des Bundeskanzlers und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt flimmern gehören zur Ausstellung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung.

Eine Litfaßsäule mit alten Wahlplakaten ruft die politischen Visionen Brandts in Erinnerung. "Damit wir auch morgen noch in Frieden leben können", heißt es da unter einem riesigen Brandt-Portrait aus dem Bundestagswahlkampf 1969, als Brandt mit Hilfe der FDP zum ersten sozialdemokratischen Kanzler der Republik gewählt wurde.

Jeder hat so seinen eignen Blick auf Willy Brandt. "Für mich ist Willy Brandt eine Idealfigur, auch wenn er von manchen Zeitgenossen auch schon mal als Whisky-Willy verspottet wurde", sagt Ausstellungsbesucherin Eveline Willer. Sie wurde 1940 in Berlin geboren hat Brandt noch als Bürgermeister erlebt. "Er hat durch seine Ostpolitik viel für die Wiedervereinigung getan", ist sie überzeugt und fügt hinzu: "Auch seinen Kniefall vor dem Mahnmal für die Ghetto-Opfer in Warschau fand ich sehr richtig." Deshalb hat Willer auch Willy gewählt, obwohl sie eigentlich aus einem bürgerlichen Elternhaus kam, das eher bei CDU und FDP seine Wahlkreuze machte. "Von Willy Brand könnten sich die Politiker heute viel abgucken", findet sie, hat ab ihre Zweifel, ob sich die SPD mit ihrem heutigen Führungspersonal fangen und noch mal die Kurve nach oben bekommen kann.

Eine ältere Dame, die nur kurz auf die Ausstellungstafeln schaut, möchte nichts zu Brandt sagen. Und dann sagt sie doch etwas: "Ich nehme ihm übel, dass er sich verdrückt hat, als es ganz schlimm wurde." Damit spielt sie auf Brandts Zeit im Widerstand gegen Hitler und im skandinavischen Exil an. Auch solche Stimmen gibt es. Eine 34-jährige Künstlerin, die ihren Namen nicht nennen möchte, schaut sich die Ausstellung vor allem deshalb an, weil sie nicht viel über Willy Brandt weiß, aber es interessant findet, dass "sein Name immer noch ein Begriff ist" und deshalb mehr über ihn erfahren möchte.

Bibliotheksbesucherin Marion Parusel (Jahrgang 1970) arbeitet an einem Computerarbeitsplatz mit Blick auf die Brandt-Ausstellung. Sie erinnert sich an Willy Brandt "als einen Politiker, "der viel bewegt und immer gesagt hat, was er dachte und auch dazu stehen konnte, wenn mal etwas nicht so gut gelaufen war."

Sozialdemokrat Günter Weber (74/Foto unten) hat Willy Brandt als Wahlkämpfer in Mülheim erlebt. 1965 und 1987 war das. 1994 besuchte der langjährige Bürgermeister und Landtagsabgeordnete mit seinem Dümptener Ortsverein Brandts Grab in Berlin. Mit "euphorisch" beschreibt Weber den Zeitgeist der Brandt-Ära. "Brandt war nicht nur für die Sozialdemokraten, sondern auch für weite Teile der Bevölkerung eine Leitfigur." Warum? "Ganz einfach", sagt Weber: "Er war charismatisch und verkörperte eine politische Aufbruchstimmung, weil er neues wagte." Der Alt-Bürgermeister erinnert sich an Brandt als einen visionären Politiker, "der aus dem Bauch heraus wusste, was gerade Sache ist" und auch Menschen ansprechen konnte, die keine klassischen SPD-Wähler waren.
Immer wieder traf Weber in seinem Heimatstadtteil auf Geschäftsleute, die nur deshalb SPD wählten, weil sie Brandt für den richtigen Mann hielten. "Er konnte den Leuten seine Politik anschaulich erklären und ihnen so klar machen, warum was und wie gemacht werden musste," erinnert sich Weber an Brandts Wahlkampfauftritte an der Dümptener Schule Auf dem Bruch (1965) und in der Carl-Diem-Halle an der Südstraße (1987). Das haben in Webers Augen nicht alle Brandt-Nachfolger gleich gut gekonnt.

Dennoch ist er nach dem Dresdner Parteitag der SPD zuversichtlich, dass seine Partei, auch in der Rückbesinnung auf Brandt und seinen scharfen Blick für das Gemeinswohl in Deutschland und der Welt, den Gemossen Trend wieder wenden kann. "In der langen Geschichte der SPD ging es immer wieder rauf und runter", weiß Weber. Auch das zeigt Willy Brandts Lebensschau im Medienhaus.

Dienstag, 15. Dezember 2009

Der Springende Punkt St. Barbara: Seit 40 Jahren ein Haus der offenen Tür für die Jugend


Wenn man als Gesellschaft Zukunft haben will, muss man in seine Jugend investieren. Das ist der springende Punkt der offenen Kinder- und Jugendarbeit, die Christina Hartmann (Mitte) und ihre Kollegin Julia Herbrand im Springenden Punkt St. Barbara leisten. Als das katholische Jugendheim am Schildberg 93 vor 40 Jahren seine Türen öffnete, war es eine bistumsweite Neuheit. Denn es verstand sich eben nicht nur als Heimstätte katholischer Jugendgruppen, sondern als Haus der offenen Tür für jedermann. "Dieser Ansatz hat sich bewährt und dafür gesorgt, dass das Jugendzentrum heute auch jenseits aller Konfessionsgrenzen im Stadtteil gut verankert ist", sagt Dieter Spliethoff (links).

Vor 40 Jahren gehörte der damals 14-Jährige zu den ersten Besuchern der OT am Schildberg. Die jugendlichen Rocker, die schon mal mit Bierflaschen im Takt ihrer Musik auf die Tische klopften", sind ihm unvergesslich geblieben. 1978 sollte der Sozialarbeiter und SPD-Ratsherr selbst zwölf Jahre lang das Jugendheim von St. Barbara leiten. Sein Vorgänger Reinhard Sprafke (rechts), der erste OT-Leiter am Schildberg, hatte es seiner Zeit natürlich nicht nur mit Rockern, sondern auch mit ganz normalen Kindern und Jugendlichen zu tun, die im Jugendheim Freunde treffen, Tischtennis spielen, basteln oder Filme anschauen wollten.

Ein alter Kohlenkeller wurde mit viel Eigenarbeit in einen Beatkeller verwandelt und die Rocker mit einer Motorradwerkstatt bei Laune gehalten und von weniger produktiven Freizeitbeschäftigungen abgehalten. "Wir hatten damals jede Woche bis zu 1000 Jugendliche im Haus", erinnert sich Diakon Sprafke, der damals seine Brötchen noch als Bäcker verdiente. Anfangs leitete er das vom damaligen Kaplan Norbert Dziekan initiierte Jugendzentrum noch ehrenamtlich. Erst nach einer sozialpädagogischen Zusatzausbildung stellte ihn die Gemeinde St. Barbara als hauptamtlichen Jugendheimleiter an. Doch Sprafke lässt keinen Zweifel daran, dass er ein Freizeitprogramm mit bis zu 40 verschiedenen Gruppenangeboten nur deshalb auf die Beine stellen konnte, weil er einen Kreis" von 15 rüstigen Rentern hatte", die ihn ehrenamtlich unterstützten.

Obwohl es auch heute im Springenden Punkt feste Angebote vom Töpferkurs bis zur Gitarrengruppe gibt, sind sich Spliethoff und Hartmann einig, dass Kinder und Jugendliche heute weniger denn je vorgefertige Freizeitangebote konsumieren möchten, sondern im Jugendzentrum vor allem Freunde treffen und Ansprechpartner finden wollen, die sich außerhalb der Dunstkreise von Familie und Schule bewegen. "Für viele Kinder und Jugendliche ist der Springende Punkt , wie ein zweites Wohnzimmer", sagt Hartmann und erzählt von der pädagogischen Kleinarbeit, die ihre Kollegin und sie leisten müssen, wenn Jugendliche mit ihren Problemen zu ihnen kommen, Hilfe bei der Bewerbung oder Motivation gegen Frustration und Resignation brauchen, wenn der Übergang ins Berufsleben nicht klappt und sich das Gefühl bereit macht, nicht gebraucht zu werden.

Verstärkt setzt der Springende Punkt , der seit dem Rückzug des Bistums 2007 von Stadt, Land und der Pfarrgemeinde getragen und von einem Förderverein unterstützt wird, auf kulturelle Jugendarbeit. Viele Jugendbands proben im Springenden Punkt und 2010 soll es am Schildberg nicht nur ein zweites Musikfestival sondern, jeweils am ersten Donnerstag des Monats um 19 Uhr eine offene Talent-Bühne für junge Texte, Töne und Temperamente geben.

Sonntag, 13. Dezember 2009

Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde an der Auerstraße feiert ihren 100. Geburtstag


Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde an der Auerstraße feiert an diesem Wochenende ihren 100. Geburtstag. Ich sprach mit ihrem Pastor Helmut Venzke über die Entwicklung und das Profil seiner Gemeinde.

Wie ist Ihre Gemeinde entstanden?
Wir sind vor 100 Jahren aus einer Partnerschaft mit freikirchlichen Gemeinden in Oberhausen und Duisburg entstanden. Damals kamen viele junge Menschen auf der Suche nach Arbeit hierher, angezogen von Kohle und Stahl. Das erste Gemeindezentrum war eine Wohnung im Hinterhof an der Auerstraße 22. Weil die Gemeinde schnell wuchs, wurde es aber sehr schnell zu klein. Zwischenzeitlich fand die Gemeinde einen größeren Raum im Gefängnis, ehe sie 1914 auf unserem heutigen Grundstück an der Auerstraße 59 eine Kapelle errichten konnte. Diese Kapelle wurde aber im Zweiten Weltkrieg ebenso zerstört und wieder aufgebaut wie ein von der Gemeinde errichtetes Wohnhaus, das später als Jugendhaus genutzt wurde. Weil der Raumbedarf weiter wuchs, hat man Schritt für Schritt Grundstücke und 1983 eine alte Krupp-Villa an der Auerstraße 65 dazu gekauft.

Warum haben Sie Ihr altes Gemeindezentrum 2008 dann noch einmal um einen modernen Anbau erweitert?
Wir haben versucht, alle Räume des Gebäudes so ineinander zu integrieren, dass sie auch für Senioren so zu erreichen sind, dass sie keine Stufen steigen müssen. Wir haben in das neue Gebäude dann auch einen Aufzug und ein Behinderten-WC eingebaut.

Die beiden großen christlichen Kirchen bauen derzeit eher ab und sparen ein. Sie bauen aus. Wie ist das zu erklären?
Die Gemeinde hat natürlich lange gespart, um neu etwas bauen zu können. Auch Freikirchen schrumpfen und wachsen mal. Wir legen aber Wert darauf, dass wir Gemeindemitglieder haben, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, zur Gemeinde und zu Jesus Christus zu gehören und damit ihr Leben nach biblischen Maßstäben auszurichten. Deshalb taufen wir auch keine Kinder, sondern Erwachsene. Das ist eine persönliche Entscheidung, die nicht immer leicht ist und die Auswirkungen hat auf den Geldbeutel, auf die Mitarbeit und das Feuer der Leute, die hier gerne da sind, mitmachen und wieder Freunde mitbringen.

Worin unterscheiden Sie sich als Freikirche von evangelischen und katholischen Gemeinden?
Von der Theologie her sind wir evangelische Christen, von der Struktur her eine Freikirche. Die Gemeinde ist autonom und entscheidet selber, muss aber das, was entschieden wird, dann auch selbst bezahlen. Jedes Mitglied spendet so viel, wie es glaubt, leisten zu können. Wir haben damit die Möglichkeit, über Räume und Finanzen selbst zu entscheiden. Deshalb setzen wir uns einmal im Jahr hin und stellen unseren Haushalt auf, so dass jedes Gemeindemitglied eigenverantwortlich mitentscheiden muss.

Wie würden Sie das Profil Ihrer Gemeinde beschreiben?
Die im Neuen Testament zu findende Priesterschaft aller Gläubigen hat sich unsere Gemeinde sehr stark auf ihre Fahnen geschrieben. Nicht nur die Hauptamtlichen und Kleriker bauen Gemeinde, sondern auch die sogenannten Laien, die einen normalen Beruf haben und in ihrer Freizeit Zeit investieren, um leitende Tätigkeiten zu übernehmen oder, wie jetzt, beim Umbau zu helfen.

Haben Sie nur engagierte Gemeindemitglieder?
Wenn es denn so wäre. Auch wir haben Mitglieder, die sich der Gemeinde wieder entfremden. Doch Freikirche heißt: Man kommt freiwillig dazu und ist frei, auch wieder zu gehen. Sicher ist unsere Gemeinde sehr familiär, weil wir auch in Hauskreisen Menschen anregen, ihre eigenen Erfahrungen mit Gott zu machen.

Zur Person:

Der vierfache Vater Helmut Venzke (53) ist als Gemeindepastor schon viel herumgekommen. Nachdem er zunächst Biologie und Chemie studieren wollte, wandte er sich später durch „eine persönliche Begegnung mit Gott” der Theologie zu und wurde Seelsorger. Zunächst leitete er evangelisch-freikirchliche Gemeinden in Nordfriesland, Süd-Bayern und Düsseldorf, ehe er vor fast acht Jahren als Pastor die Leitung der heute 230 Mitglieder starken evangelisch-freikirchlichen Gemeinde an der Auerstraße 59-65 übernahm. Erst im vergangenen Jahr hat die Gemeinde ihr Zentrum um- und ausgebaut. Seit 1995 pflegt die Gemeinde freundschaftliche Kontakte zur Gemeinde der messianischen Juden in der Partnerstadt Kfar Saba. Deshalb gehörte auch deren Pastor Tony Sperandeo zu den Ehrengästen der Jubiläumsfeierlichkeiten.


Weitere Informationen im Internet unter www.efg-muelheim.de

Samstag, 12. Dezember 2009

Rolf Schulze von Pro Altstadt fordert ein geschlossenes Weihnachtsmarktkonzept, für das gilt: Gemeinsam sind wir stark

Der zehnte Adventsmarkt in der Altstadt geht morgen zu Ende. Zeit für eine vorläufige Bilanz. Deshalb sprach ich mit dem Organisator des Marktes, Rolf Schulze, vom Verein Pro Altsadt.

Was hat sich beim Adventsmarkt in der Altstadt bewährt?
Was sich bewährt hat, ist die Ausdehnung des Adventsmarktes, der sich anfang nur auf das historische Dreieck zwischen Kettwiger Straße, Hagdorn und Muhhrenkamp erstreckte und im Laufe der Jahre dann erst bis zur Petrikirche und dann auch über die Althofstraße bis zur Marienkirche ausgeweitet werden konnte. Besonders hervorzuheben ist auch das noch relativ neue Engagement der katholischen Gemeinde St. Mariae Geburt, die jetzt zum zweiten Mal mit dabei ist und in diesem Jahr drei Stände und ein Festzelt betreut. Der Markt hat inzwischen eine soziale Funktion bekommen. Wir haben hier mehr als 20 gemeinützige Gruppen und Vereine, die mit einem Stand auf dem Adventsmarkt vertreten sind und dafür auch keine Standgebühr bezahlen müssen. Bewährt hat sich auch das Wichteldorf am Teinerplatz, wo sich Organisationen, Kindergärten und Grundschulen präsentieren können und offensichtlich auch Spaß daran haben, Unsere Markenzeichen sind: keine Musik, keine Karussells, sozial verbindene Geschichten und die Möglichkeit für Familien mit kleinem Geldbeutel, über den Markt gehen zu können, ohne traurige Augen zu bekommen. weil man sich dies und das nicht leisten kannn.

Was ließe sich noch verbessern?
Wir haben ein gutes Gespräch mit der MST geführt und sind uns einig, dass der Weihnachtsmarkt in Mülheim ein geschlossenes Konzept braucht. Und daran müssen alle beteiligten Parteien gemeinsam arbeiten. Das fängt mit der Bewerbung an. Wir müssen dazu kommen, das wir sagen: So sieht der Weihnachtsmarkt aus und nicht, wie bisher: Da ist ein Weihnachtsmarkt, dort ist ein Weihnachtsmarkt und da ist die Schloss-Weihnacht. Da müssen wir zu einem Miteinander und nicht zu einem Gegeneinander kommen.

Hat sich der Adventsmarkt in der Altstadt nicht so gut etabliert, dass der Weihnachtsmarkt auf der Schloßstraße überflüssig geworden ist?
Das glaube ich nicht, weil da zu viele Interessen der Händler und der Werbegemeinschaft Innenstadt vorhanden sind. Der Weihnachtsmarkt muss nur anders gestaltet werden. Das, was man landläufig im Volksmund als „Fressmeile” bezeichnet, wird von den Leuten einfach nicht angenommen. Dabei kann man mit weniger mehr erreichen, wenn man die Markthändler mit einbezieht und sie dazu bringt auch selbst mehr zu investieren, etwa in eine stimmungsvolle Dekoration. Nasen und Augen müssen angesprochen werden. Dann funktioniert das Geschäft auch. Auf dem Adventsmarkt in der Altstadt könnten wir sicher auch noch mehr gemeinnützige Vereine mit einem Stand gebrauchen.

Wie sieht es in diesem Jahr mit dem Publikumszuspruch aus?
Am Sonntag sind natürlich alle ins Wasser gefallen. Aber vorgestern, an einem ganz normalen Mittwoch, war der Markt proppenvoll. Wir haben inzwischen auch immer mehr auswärtige Besucher. Hier gilt: Jeder Mülheimer ist Touristiker. Und wenn Mülheimer auswärtigen Freunden davon erzählen, dass ihnen der Adventsmarkt gefällt, ist das für uns die beste Werbung. Unsere Altstadt ist zwar klein, aber sie hat Charme und wird gerade von vielen auswärtigen Besuchern als „schnuckelig” empfunden.

Freitag, 11. Dezember 2009

Nicht nur der Regen verhagelt den Wochen- und Weihnachtsmarkthändlern in der City ihre Bilanz



Halbzeit auf dem kombinierten Weihnachts- und Wochenmarkt an der Schloßstraße und dem angrenzenden Wochenmarkt. Wie bewerten Händler Stimmung und Kundenzuspruch. Was ließe sich vielleicht verbessern? Ich fragte nach.

Familie Buchholz, die auf dem Weihnachtsmarkt für die Fraktion Backfisch und Reibekuchen steht, schätzt, dass sie bisher rund 40 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr erwirtschaftet hat. Die Regentage haben ihr bisher einen Strich durch die Rechnung gemacht. "Es kommen einfach zu wenige Leute", sagen sie. Ob sie am Ende des Weihnachtsmarktes noch einen ausreichenden Gewinn einfahren, wollen die Buchholz-Reibekuchen-Bäcker zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht prognostizieren. Die Frage, ob sie nächstes Jahr wieder mit von der Partie sein wollen, beantworten sie mit Lokalpatriotimus: "Wir kommen von Mülheim und deshalb kommen wir auch immer wieder auf den Mülheimer Weihnachtsmarkt." Grundsätzlich würden sie aber eine klare Trennung von Weihnachtsmarkt- und Wochenmarkt begrüßen.

"Wir sind bereits im vierten Jahr auf dem Weihnachtsmarkt und fühlen uns hier auch recht wohl. Aber der Regen ist in diesem Jahr ein großes Problem für uns. Aber an den Tagen, an denen es nicht regnet, kommen eigentlich viele Kunden zu uns", sagen Franco Terenzi und Mirko Magi (Foto), die an der oberen Schloßstraße italienische Wurstspezialitäten an die Frau und den Mann bringen. Die Idee, Weihnachts- und Wochenmarkt miteinander zu verbinden, finden sie gut. Was den Umsatz betrifft, hoffen sie darauf, dass das Geschäft, wie in den Vorjahren, in der letzten Woche des Weihnachtsmarktes noch mal richtig anziehen wird.

Eine ungenannt bleiben wollende Händlerin, die Kunsthandwerk und Dekoratives anbietet, darf angesichts ihres geringen Umsatzes gar nicht über ihren Stundenlohn nachdenken. "Wenn es regnet, gehen die Leute einfach nicht auf die Straße", klagt sie und weist auf die Konkurrenz durch Einkaufszentren und Adventsmärkte in den Stadtteilen hin. Den Mix aus Wochen- und Weihnachtsmarkt empfindet sie als ebenso positiv wie die neuen Beleuchtungselemente des Weihnachtsmarktes. Ob sie 2010 wieder mit einem Stand dabei sein wird, möchte sie jetzt noch nicht entscheiden.

Obst- und Gemüsehändler Martin Henninghaus, der mit seinem Wochenmarktstand jetzt nicht mehr auf der Schloßstraße, sondern auf dem Synagogegenplatz steht, schätzt, dass er in den letzten Wochen einen Umsatzrückgang von bis zu 50 Prozent hinnehmen musste. "Unsere Stammkunden finden uns weiterhin, aber die Laufkundschaft fehlt", beschreibt er den Nachteil der Verlagerung. "In den letzten zwei, drei Wochen hat sich das nicht gelohnt, aber für die Kunden halten wir auf jeden Fall durch", sagt er. Die Kombination aus Wochen- und Weihnachtsmarkt würde er für gelungen halten, wenn man die Fahrgeschäfte und Imbissstände vor dem Forum konzentrieren und alle anderen Marktstände gemeinsam auf der Schloßstraße aufstellen würde.

"Für unsere Händler ist das tödlich. Wir haben auf der Schloßstraße mehr zu tun gehabt", sagt Fischhändler Heinz Rademacher mit Blick auf die Verlagerung des Wochenmarktes zum Synagogenplatz. Seine Beschreibung der aktuellen Lage ist eindeutig: "Im Moment ist hier tote Hose." Diesen Eindruck hat er nicht nur vom Wochen- sondern auch vom Weihnachtsmarkt, "wobei hier auch das Wetter eine gewisse Rolle spielt. Rademacher kennt Wochenmarkthändler, die einen Umsatzeinbruch von bis zu 80 Prozent verkraften müssen. Als ausgesprochen gelungen empfindet er aber die neue Dekoration und Beleuchtung des Weihnachtsmarktes.


"Viele Kunden haben die Lust verloren, in die Innenstadt zu kommen, weil das Umfeld mit vielen Billigläden nicht mehr attraktiv ist", erklärt sich Rademachers Sohn Helge die Ursachen der Innenstadtkrise und weist auf die Konkurrenz der großen Einkaufszentren hin, in denen die Kunden alles unter einem Dach und einen kostenlosen Parkplatz fänden. "Der Warenkorb des kleinen Mannes ist nun mal das Auto", weiß Helge Rademacher. Mit seinem Vater ist er sich einig, dass kostenlose Parkplätze auf dem Rathausmarkt und ein vierter Markttag, auch jenseits des Weihnachtsmarktes, zumindest helfen könnten.

Blumenhändlerin Angelika Nagel beginnt ihre Lagebeschreibung mit einem Lob für die gelungene Dekoration des Weihnachtsmarktes, die "Harmonie und Wärme ausstrahlt." Enttäuscht ist sie vor allem von den "Bürgern, die sich nicht genug mit dem identifizieren, was ihnen ihre Stadt bietet." Mit dem Wochenmarkt auf der Schloßstraße, so Nagel, seien Markthändler und Geschäftsleute sehr zufrieden gewesen. "Und jetzt ist es auf einmal wie abgerissen. Es kommt keiner. Das verstehe ich nicht", beklagt die Blumenhändlerin die ausbleibenden Kundenströme zum Synagogenplatz. Auch bei einigen Weihnachtsmarkthändlern hat sie Verwunderung darüber gehört, dass Weihnachtsmarkt- und Wochenmarkt nicht gemeinsam auf der Schloßstraße stehen können. Deshalb hofft sie auf eine entsprechende Lösung, die 2010 Wochen- und Weihnachtsmarkthändlern mehr Laufkundschaft bescheren könnte.

Auch Glühwein-Händlerin Martina Remming, die trotz schlechten Wetters keinen Umsatzrückgang zu beklagen hat, wünscht sich fürs nächste Mal einen integrierten Weihnachts- und Wochenmarkt auf der Schloßstraße. Sie bescheinigt den Machern aber auch, "dass sich beim Ambiente des Weihnachtsmarktes spürbar etwas getan hat." Rebekka Wrede, die auf dem Weihnachtsmarkt Parfüm und Kunsthandwerk anbietet, empfindet den Mülheimer Weihnachtsmarkt als "klein, niedlich und heimelig." Ihr Umsatz macht ihr aber keine Freude, "weil die Leute zu oft einfach vorbeigehen." Ob sich ihre erste Präsenz auf dem Weihnachtmarkt, trotz schlechten Wetters und schlechter Kauflaune, doch noch auszahlt, hängt für sie davon ab, ob sich ihre Hoffnung auf einen guten Schlussspurt erfüllt.
Bonbon-Händler Frank Müller schätzt, dass sein Umsatz wetterbedingt um etwa ein Drittel zurückgegangen ist. "Wäre das Wetter etwas besser, würden sich die Leute auch mehr auf den Weihnachtsmarkt freuen und hierhin kommen." Den Machern des Weihnachtsmarktes rät er mit Blick auf die Konkurrenz in anderen Städten, durch ein attraktives Bühnenprogramm auch mehr auswärtige Kunden in die Innenstadt zu locken.

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Die katholische Stadtgemeinde St. Mariae Geburt blickt nach Mexiko


Wie und warum kommt ein Kardinal aus Mexiko nach Mülheim? Im Falle von Kardinal Juan Sandoval Iniguez und dem ehemaligen Weihbischof Franz Grave ist es die persönliche Verbindung durch das Bischöfliche Hilfswerk Adveniat. Grave, der lange an der Spitze des Hilfswerkes stand und jetzt zum Seelsorgerteam der Mülheimer Gemeinde St. Mariae Geburt gehört, lud den Kardinal dorthin zu einer Mexiko-Woche. Ihr Ziel: Finanzielle Unterstützung für ein Migrantenhilfs-Projekt zu mobilisieren, mit dessen Hilfe Adveniat Armutsflüchtlingen moralisch, materiell, seelsorgerisch und medizinisch beisteht.

Das Problem: Mexikos Katholiken haben keine Kirchsteuereinnahmen, sondern sind auf Spenden angewiesen. "Adveniat hat uns in den letzten 40 Jahren sehr geholfen. Und die Menschen hier sind sehr aufmerksam, interessiert und hilfsbereit," sagt der Kardinal nach seinen ersten Gesprächen und Veranstaltungen über die humanitäre Brücke zwischen Mülheim und Mexiko.

Bereits am Dienstag hatten Referenten von Adveniat und Brot für die Welt ihre Entwicklungshilfe in Mexiko und Kolumbien m Rahmen eines ökumenischen Informationsabends auf dem Kirchenhügel vorgestellt. Am Mittwoch besuchte er dort das St. Marien-Hospital und sprach bei einem Mittagessen im Hause Remmen mit Vertretern von Stiftungen und Unterstützern. Am Donnerstag stand ein Besuch der Mannesmann-Röhrenwerke auf seinem Programm. Korruption, Mangel an Bildung und eine zu restriktive Wirtschafts- und Einwanderungspolitik der USA sieht der Kardinal als Ursachen für das massenhafte Elend der mexikanischen Migranten. Auch das gemeinsame Engagement mexikanischer und amerikanischer Bischöfe habe bisher keine Umkehr der amerikamischen Regierunpolitik bewirken können. "Die USA lassen sich in ihren Medell von Wirtschaftspolitik nicht von uns beeinflussen", beklagte Sandoval.
Weihbischof Grave konnte die Berichte des Kardinals aus eigener Anschauung bestätigen. 2007 begleitete er mexikanische Armutsflüchtlinge auf ihrem zumTeil lebensgefährlichen Weg in das vermeintlich gelobte Land ihrer Träume, die USA. Dabei schockierten ihn vor allem die massiven Sperrmaßnahmen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, die in ihm Erinnerungen an die Berliner Mauer und die frühere deutsch-deutsche Grenze wachwerden ließen.

Bereits im Vorfeld der Mexiko-Woche von St. Mariae Geburt, die am Samstag mit einem Pontifikalamt in der Marienkirche und einem Jugendabend ausklingt, hatten Pfarrer Michael Janßen und Grave den "Advent als die richtige Zeit" bezeichnet, um "über den Tellerrand und die Kirchturmsspitze unserer Gemeinde hinauszuschauen." Die weltkirchliche Solidarität mit den Migranten in Mexiko ist für Grave schlicht eine Frage christlicher Glaubwürdigkeit.

Weitere Informationen im Internet unter: www.adveniat.de und: http://www.mariae-geburt.com/

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Wie eine starke Frau und das St. Marien-Hospital Menschen in Mali helfen



Birgit Biehl liebt Afrika. Warum kann sie gar nicht genau sagen. "Das ist eine Passion oder vielleicht auch genetisch bedingt", scherzt sie. Vielleicht hat die 65-Jährige, die inzwischen alle Länder Afrikas bereist hat, in einem früheren Leben mal in Afrika gelebt. Wer weiß?
Auf einer ihrer Afrika-Reisen traf die inzwischen pensionierte Pädagogin in der Sahara, nördlich von Timbuktu, ihren Kollegen Mohamed Haidra. Etwa zehn Jahre ist das her. Nachdem man mit vereinten Kräften seinen liegengebliebenen Wagen wieder flott bekommen hatte, lud er sie ein, ihn in sein Dorf, das im Osten Malis gelegene Gani-Dah zu begleiten. Dort führte er ihr seine Grundschule vor, ein Schulhaus ohne Tische, Stühle und Fußböden.

Der Anblick des maroden Schulgebäudes ließ Biehl nicht ruhen. Die Studiendirektorin, die bis zu ihrer Pensionierung am Niederrhein-Kolleg in Oberhausen Deutsch und Französisch unterrichtete, mobilisierte ihre privaten Netzwerke, aus denen inzwischen ein kleiner, aber effektiver eingetragener Verein geworden ist. Der brachte durch Spenden das Geld für den Wiederaufbau der Grundschule von Gani-Dah auf, die jetzt wieder von 300 Kindern besucht werden kann. Vor dem Wiederaufbau mit Biehls Hilfe waren es nur noch 100 Schulkinder gewesen,

Dem Schulbau folgte ein Brunnenbau und die Errichtung einer Gesundheitsstation sowie die Anschaffung von Hirsemühlen und Solarkochern. "Da viele Männer das Dorf verlassen haben, um wo anders ihren Lebensunterhalt zu verdienen oder eine neue Familie zu gründen, gibt es in Gani-Dah viele Frauen, die den Lebensunterhalt für ihre Kinder und sich alleine verdienen müssen. Mit Hilfe einer Hirsemühle und eines Solarkochers können sie zum Beispiel auf dem Markt Hirse verkaufen oder ein kleines Restaurant eröffnen. 29 Frauen haben so inzwischen Zugang zu Kleinkrediten erhalten", beschreibt Biehl die Dynamik des Entwicklungsprozesses.

Nachdem sich die ersten sichtbaren Erfolge eingestellt hatten, wurde auch der Provinzgouverneur auf das 4000 Einwohner zählende Dorf Gani-Dah aufmerksam und sorgte für die eine oder andere staatliche Hilfestellung. 2005 stieß dann auch das St. Marien-Hospital zum Unterstützerkreis für Gani-Dah. Biehls ehemalige Schülerin, die am St. Marien-Hospital ausgebildete Krankenpflegerin Karin Holtkamp warb damals mit Erfolg bei ihren Kollegen für die Unterstützung des Projektes. Nachdem sie das Haus verlassen hat, sammelt jetzt ihr Kollege Oliver Wonschik zweimal jährlich auf den Stationen des St. Marien-Hospitals. Er schätzt, dass so seit 2005 insgesamt 2000 Euro für Gani-Dah zusammengekommen sind. Wurde anfangs vor allem für Medikamente und medizinische Geräte zugunsten der Gesundheitsstation von Gani-Dah gesammelt, so fließen die Spenden jetzt in die Krankenpflegeausbildung von Hassana Tolofoudie.

Mit Hilfe der Spenden seiner etwa 60 Unterstützer aus dem Kollegium des St. Marien-Hospitals konnte er im Herbst 2008 am staatlichen Institut L’Apotheóse in Malis Hauptstadt Bamako seine Ausbildung zum Krankenpfleger beginnen. Dank der Mitarbeiterspenden aus dem St. Marien-Hospital kann er die jährlichen Studiengebühren von 500 Euro bezahlen und nach seinem Examen im Sommer 2011 die Leitung der Gesundheitsstation von Gani-Dah übernehmen. "Dann wird er eine fundierte medizinische Grundausbildung haben, die ihm erlaubt, mehr zu tun als Wunden zu verbinden und Vitaminspritzen zu verabreichen," freut sich Biehl. "Was mich fasziniert hat ist die Tatsache, dass man dort mit wenigen und ganz einfachen Mitteln ganz viel bewegen kann", schildert der 25-jährige Lukas Tolzmann seinen persönlichen Eindruck. Tolzmann, der am St. Marien-Hospital zum Krankenpfleger ausgebildet wurde und inzwischen Medizin studiert, hatte 2007 ein dreimonatiger Praktikum als medizinischer Assistent am für Gani-Dah zuständigen Kreiskrankenhaus in Bankass absolviert.

Birgit Biehl, die inzwischen drei Monate pro Jahr in Gani-Dah arbeitet, sei es als Lehrerin in der Grundschule oder als Helferin und Beraterin bei der Feldarbeit, garantiert dafür, dass jeder Euro für ihre Entwicklungshilfe im Osten des bitterarmen Malis, ohne Verwaltungskosten, zu 100 Prozent für die gute Sache verwandt wird. Die Hilfe, die sie und ihre Mitstreiter in Gani-Dah leisten, respektive, durch ihre Spenden erst möglich machen, stellt sie am kommenden Freitag, 11. Dezember, um 12 Uhr im Bildungszentrum des St. Marien-Hospitals vor. Weitere Informationen im Internet unter: http://www.gani-dah.de/

Dienstag, 8. Dezember 2009

Ansichstsachen, die Dritte: Bilder und Texte vom Wandel einer Stadt


Was man von Mülheim und seinem Stadtbild hält, das ist von Fall zu Fall verschieden: Ansichtssache, eben. Und so haben haben Horst Borgsmüller, Andreas ten Brink (links), Manfred Ehrich, Heinz Hohensee (rechts) und Werner Joppek ihren Bildband denn auch „Mülheimer Ansichtssachen" genannt. Dass es bereits der dritte Band ist, den sie unter diesem Titel zusammen mit dem Medienservice Sprenger und unterstützt von der Sparkasse, den Betrieben der Stadt, dem Geschichtsverein und der Bürgergesellschaft Mausefalle herausgeben, zeigt, dass ihre Mischung aus historischen und aktuellen Ansichten der Stadt am Fluss, gepaart mit Gedichten von Horst Borgsmüller und kompakten Erläuterungstexten beim Mülheimer Publikum gut ankommt.

„Wir sind immer wieder von Mülheimern gefragt worden, wann macht ihr mal wieder einen Band Ansichtssachen. Vom ersten Band haben wir sogar zwei Auflagen drucken müssen, um die Nachfrage befriedigen zu können", erzählt Verleger Bernd Sprenger (Mitte). Wie ihre 1999 und 2002 erschienenen Vorgänger I und II gehen auch die dritten Mülheimer Ansichtssachen mit einer Startauflage von 4000 Exemplaren in den Buchhandel.

Wer durch den 96 Seiten starken Band blättert, wandert durch alle Stadtteile. Besonders reizvoll ist die Tasache, dass jeder der rund 100 historischen Abbildungen von Joppek und Ehrich gemachte Fotos gegenüberstehen, die die historischen Ansichten mit der Gegenwart konfrontieren. So entstehen historisch-moderne Foto-Tandems, die anschaulich machen, wie fundamental der Zweiten Weltkrieg, der nachfolgende Wiederaufbau und die nicht immer geglückte Modernisierung das Stadtbild verändert haben. An manchen Stellen, etwa auf dem Kirchenhügel oder in Saarn lässt sich das alte Mülheim noch erahnen. An anderen Stellen begegnen sich das Mülheim von damals und heute, wie zwei Welten.

Nostalgie und Melancholie vermischen sich beim Betrachter, wenn er sieht, an wie vielen Stellen schmucke und individuelle Fachwerk- oder Gründerzeitarchitektur nach 1945 systematisch durch funktionale Zweckbauten ersetzt wurde. Die autogerechte Stadt Auch das zeigen Ehrich und Joppeks Fotos. Vieles was den Charme des alten Mülheims ausmachte, musste im Laufe der letzten Jahrzehnte der autogerechten Stadt weichen. Die bereits seit Jahrzehnten im Geschichtsverein aktiven Heimatforscher Hohensee und ten Brink haben da aus den Tiefen ihres eigenen Fundus geschöpft. Was sie über das alte und neue Mülheim wissen, haben sie in kurzen und informativen Texten zusammengefasst, die die Einordnung der historischen Bilder erst möglich macht. Auch viele der historischen Aufnahmen - oft handelt es sich um alte Postkarten - stammt aus ihren Privatarchiven.

Aus den Tiefen seiner Seele hat der Lyriker Horst Borgsmüller seine Verse geschöpft, die sich harmonisch zwischen Bildern und Texten einfügen, in dem sie etwas von der mölmschen Seele widerspiegeln, die man früher wie heute an der Ruhr baumeln lassen und kann, um, wie Borgsmüller schreibt die kleinen und großen Sorgen zu vergessen. Die Mülheimer
Ansichtssachen III sind für 15,80 Euro und die Edition aller drei Mülheimer Ansichtssachen für 36 Euro im Buchhandel zu bekommen.

Montag, 7. Dezember 2009

Mehr als nur ein sportliches Großereignis: Die MükaGe richtete ein Qualifikationsturnier für die Deutschen Meisterschaften im Karnevalstanz aus



Hier trafen sich Karneval und Leistungssport. Zum 42. Mal war die Erste Große Mülheimer Karnevalsgesellschaft von 1937 (MüKaGe) Gastgeberin eines Qualifikationsturniers für die Deutschen Meisterschaften im Karnevalstanz. 50 ehrenamtliche Helfer der MüKaGe sorgten vor und hinter der Bühne dafür, dass die Turnierveranstaltung mit 1400 Aktiven aus ganz Deutschland in der Harbecke-Halle an der Mintarder Straße glatt über die Bühne ging. Sportlich hieß es am Ende für die unermüdlichen Gastgeber: "Dabei sein ist alles." Denn ihre 16 Gardedamen fanden sich mit insgesamt 403 Punkten auf einem Platz im hinteren Mittelfeld und konnten sich damit vorerst noch nicht für das Halbfinale der Deutschen Meisterschaften qualifizieren, das im März in Hannover und Ludwigshafen über die Bühne gehen wird, ehe dann das Finale in Stuttgart ausgetragen wird. Die nächste Chance für die MüKaGe-Garde bietet sich bei einem Qualifikationsturnier, das im Februar in Lübeck stattfinden wird. Die Showgarde der MüKaGe trat erst nach Redaktionsschluss auf. Lesen Sie die Reportage auf Lokalseite 2 Die Garde-Damen der MüKaGe zeigten gestern eine ordentliche Leistung, die aber für einen Pokal oder einen Qualifikationsrang nicht ausreichte.

Sonntagmorgen. Zeit zum Kaffeetrinken oder für den Kirchgang. Mit Kaffee, Schnittchen und Co werden die Tanzmariechen und Tanzmajore, die sich in der Saarner Harbecke-Halle tummeln durch die 20 Catering-Damen von der MüKaGe-Müttergarde versorgt. Für den Kirchgang bleibt an diesem zweiten Adventssonntag keine Zeit, nur für ein Stoßgebet: Möge der Auftritt gelingen. Die gehen im Fünf-Minuten-Takt über die Bühne. Jeweils 120 hatte der Vorsitzende der Ersten Großen Mülheimer Karnevalsgesellschaft, Horst Heinrich, für den Samstag und Sonntag eingeplant. Am Ende sind es nicht ganz so viele, weil einige Tänzerinnen und Garden krankheitsbedingt abgesagt haben. Erst sind die Junioren dran und dann die Aktiven. Das bedeutet: Erst die Unter- und dann die Über-15-Jährigen.Karnevalstanz ist eine echte Trendsportart geworden", sagt Heinrich und verweist darauf, dass das Qualifikationsturnier, das die MüKaGe ausrichtet, schon innerhalb von 24 Stunden ausgebucht war. "Je kleiner die Orte, desto größer die Garden", weiß Heinrich aus Anmeldelisten. Während die gastgebende MüKaGe an diesem Sonntag mit 16 Gardedamen antritt, ist die Garde des TV Flerke mit 17 Aktiven angereist. Flerke im Kreis Soest hat gerade einmal 150 Einwohner. Und auch das westfälische Harsewinkel, dessen Rote-Funken-Garde mit 469 Punkten beim klassischen Gardetanz die Nase vorn hat, gehört mit 24 000 Einwohnern nicht gerade zu den Großstädten im Land. Auf dem Land scheint die Welt der Vereine eine innige zu sein, weil dort fast jeder irgendwo mitmacht. Doch das gilt auch für die MüKaGe.

Die aktiven Tänzerinnen (Tänzer gibt es bei der MüKaGe derzeit nicht) bereiten sich nicht nur auf ihren Garde- und Showtanz vor, sondern helfen auch beim Auf- und Abbau in der Halle oder bei der Einweisung der auswärtigen Gäste. Die 26-jährige Stefanie Watta, die seit 14 Jahren in der Garde mittanzt, hat an diesem Sonntag ein besonders strammes Programm. Weil sie im Einzelhandel tätig ist, muss sie zwischen ihrem Gardeauftritt um 11 Uhr und ihrem Showtanzauftritt auch noch von 13 bis 18 Uhr an ihrem Arbeitsplatz, beim verkaufsoffenen Sonntag in der Innenstadt aktiv werden. Vielleicht ist ja auch die Doppelbelastung vieler Gardetänzerinnen ein Grund dafür, dass die Kondition am Ende nur für 403 Punkte und damit einen Mittelfeldplatz reicht.Es ist zwar sehr anstrengend, aber es macht auch viel Spaß, weil wir alles zusammen machen und nicht nur auf der Bühne als Gruppe unser Bestes geben wollen", sind sich Watta und ihre 18-jährige Gardekollegin Melina Weiß nach ihrem guten, aber eben nicht perfekten Tanzauftritt einig. "Das Lampenfieber ist vor dem Auftritt groß, weil man weiß, dass jeder Schrittfehler gewertet wird. Doch sobald wir auf der Bühne sind, ist die Nervosität vergessen und man entwickelt einen Tunnelblick. Man achtet nur noch darauf, dass die Choreografie stimmt", schildern die Gardedamen die Turniersicht eines Tanzmariechens.

Obwohl Punktrichter Peter Schlößl und seine sechs Kollegen von Amts wegen auf Kostüm, Aufstellung, Chroreografie, Schrittfolge, Schwierigkeitsgrad, Originalität und Kreativität achten müssen, sieht er den Karnevalstanz nicht nur als einen Sport, "sondern als eine gesellschaftliche Aufgabe der Karnevalsvereine, die hier eine aktive Jugendarbeit betreiben."Ähnlich sieht das der ebenfalls ehrenamtlich vor Ort aktive Turnierarzt Hans Bodo Schimmelpfeng. "Wir haben ja heute oft das Problem, dass Jugendliche in einem Sinne aktiv werden, der uns nicht erfreut. Aber das Engagement, das die Jugendlichen hier nicht nur beim Training, sondern zum Beispiel auch dann zeigen, wenn gemeinsam Gardeuniformen geschneidert werden, kann einen nur begeistern und Respekt zollen lassen", begründet der Chirurg, der bisher keine ernsthaften Verletzungen behandeln musste, warum er sich zum siebten Mal als Turnierarzt zur Verfügung gestellt hat. Dass nicht nur bei den aktiven Tänzerinnen der MüKaGe der Teamgeist stimmt, zeigt das Beispiel der Familie Weiß. Melinas Mutter Bettina und ihre Tante Brigitte gehören an beiden Turniertagen zu den Küchenfeen der Müttergarde, die für das leibliche Wohl der Turnierteilnehmer und ihrer zahlreichen Begleiter sorgen. Und Vater Manfred legt zum Beispiel beim Auf und Abbau mit Hand an. Drei Stunden nach Turnierende musste die Halle wieder besenrein sein.Es ist vor allem der Zusammenhalt, der uns Kraft gibt. Wir fühlen uns hier wie in einer großen Familie", sagt Melinas Vater Manfred, der beim Turnier auch ein Auge darauf hat, dass keine Tänzerin über verlorene Hutfedern oder Haarklammern auf der Bühne zu Fall kommt. Bettina Weiß, ihre Schwester Brigitte und Doris Stöters von der Müttergarde formulieren es so: "Wir können bei der MüKaGe nicht nur gut zusammen feiern, sondern auch gut zusammen arbeiten, weil wir uns zusammengehörig fühlen."

Sonntag, 6. Dezember 2009

Das neue Jahrbuch ist da, so bunt, wie die Stadt: Mit bisher 65 Ausgaben wurde es zu einer Mülheimer Enzyklopädie: Ein Gespräch mit seinem Redakteur




Seit gestern ist es im Buchhandel, im Zeitschriftenhandel und im MST-Infocenter am Medienhaus zu kaufen, das 65. Jahrbuch der Stadt, eine der ältesten Publikationen Mülheims. Ich sprach mit seinem verantwortlichen Redakteur, dem Stadtfotografen Walter Schernstein über das Jahrbuch im Allgemeinen und über seine neuste Ausgabe im Besonderen.

Wer schreibt eigentlich das Jahrbuch?
Das sind ganz verschiedene Leute, die aus allen Schichten kommen: Fachleute, Bürger, Historiker, Journalisten. Meistens ist es so, dass wir bestimmte Leute als Autoren ansprechen oder sie sich selbst bei uns melden, weil ihnen ein Thema am Herzen liegt.

Warum lohnt sich die Lektüre des Jahrbuches 2010?
Ein Schwerpunkt des neuen Jahrbuchs ist ein Ausblick auf die Kulturhauptstadt 2010 mit einem Beitrag über Cinecitta und die Eichbaum-Oper. Zur Kulturhauptstadt 2010 passt auch Hans Georg Hötgers Beitrag: Nur eine Stunde bis zur Türkei, in dem er die Kulturlinie 901 beschreibt, die von Mülheim nach Duisburg führt. Ein weiterer Themenschwerpunkt könnte mit dem Titel Mülheim bildet überschrieben werden. Zu diesem Thema haben Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld, aber auch Schüler der Willy-Brandt-Schule und des Otto-Pankok-Gymnasiums größere Texte geschrieben.

Weitere kulturelle Beiträge sind zum Beispiel der Woodhouse Jazzband und dem 100. Geburtstag des städtischen Kunstmuseums gewidmet. Außerdem findet sich im Jahrbuch ein Beitrag aus dem kirchlichen Leben, in dem die Umwandlung der ehemaligen Pfarrkirche Heilig Kreuz in eine Urnenbegräbnisstätte mit Auferstehungskirche und Trauerzentrum beschrieben wird. Dazu passt auch ein Bericht über die erstmals in der Petrikirche abgehaltene Trauerfeier für Verstorbene, die keine Angehörigen mehr haben.

Wer bezahlt eigentlich das Jahrbuch? Kann man so eine Publikation kostdeckend herausgeben?
Das Jahrbuch ist nicht nur kostendeckend, sondern wirft sogar noch einen kleinen Überschuss ab, der wiederum in die Produktion des darauffolgenden Jahrbuches, aber auch in andere lokale Projekte investiert wird. So unterstützt der Mülheimer Verkehrsverein als Herausgeber des Jahrbuchs mit den Verkaufserlösen zum Beispiel den Mülheimer Fassadenwettbewerb, aber auch Veranstaltungen in der Freilichtbühne oder auf dem Kirchenhügel. Neben den Verkaufserlösen, jedes der 4500 Exemplare kostet 14,80 Euro, wird das vom Verkehrsverein und von der Stadt getragene Jahrbuch auch durch Anzeigen finanziert. Was besonders wichtig ist: Wir haben viele Autoren, die kostenlos für uns arbeiten. Das ist auch eine Form der Unterstützung, nach dem Motto: Bürger schreiben für Bürger.

Wird die gesamte Auflage verkauft und wer kauft und liest das Jahrbuch?
Die typischen Käufer und Leser des Jahrbuches sind sicher in der älteren Generation zu suchen, weil sie sich am ehesten mit der Geschichte Mülheims auseinandersetzen. Wir haben ja immer viele historische Beiträge. Das Jahrbuch wird auch von vielen Leuten gekauft, die es seit Jahren sammeln. Es wird aber auch von vielen gekauft, die nicht mehr hier wohnen, aber noch eine Beziehung zu Mülheim haben. Manche verschicken Bücher auch an Freude und Nachbarn, die heute im Ausland leben. Wir haben Bücher, die jedes Jahr nach Frankreich, USA oder Kanada, aber natürlich auch in die Partnerstädte gehen.

Viele Städte haben ihr Jahrbuch eingestellt. Warum braucht Mülheim eins?
Es macht auf jeden Fall Sinn, bestimmte Dinge über den Tag hinaus festzuhalten, weil sie für diese Stadt von Bedeutung sind oder waren. Es macht auch Sinn, das Jahrbuch zu sammeln, weil viele Beiträge der verschiedenen Jahrbücher aufeinander aufbauen, etwa beim Thema Ruhrbania. Wenn dieses Stadtentwicklungsprojekt eines Tages abgeschlossen sein wird, wird man seine Geschichte in den Jahrbüchern nachlesen können.

Samstag, 5. Dezember 2009

Der Frauenchor Resonance lässt von sich hören


Wie könnte man den zweiten Adventssonntag besser begehen als mit dem Besuch eines vorweihnachtlichen Konzertes. Am 6. Dezember hat man in der Winkhauser Christ-König-Kirche am Steigerweg 1 Gelegenheit dazu. Denn dort lassen die 20 Sängerinnen des Frauenchores Resonance von sich hören. Ihren Zuhörern versprechen sie eine Klangmischung aus „traditionellen, bewährten und neuen Liedern." Das Ave Maria, Jubilate und der Abendsegen werden ebenso zu Gehör gebracht wie Billy Joels Song And so it goes. Musikalisch begleitet werden die Resonance-Damen von den beiden Flötistinnen Christina Dietz und Annika Storck sowie am Klavier von Martina Helfen.

Man darf gespannt sein. Denn seit April dieses Jahres hat sich der Chor, der aus dem 1958 gegründeten Frauenchor Süd hervorgegangen ist, neu aufgestellt. Zusammen mit ihrem neuen Chorleiter, dem 24-jährigen Folkwang-Musikstudenten Aki Schmitt haben sich die Chorschwestern ein neues Repertoire von Spiritual und Gospel über Pop bis Musical erarbeitet. Chorleiter Schmitt, der an der Folkwanghochschule Violine, Schulmusik, Musiktheorie und Chorleitung studiert, hat als Geiger bereits Konzerterfahrungen an so renommierten Häusern wie der Düsseldorfer Tonhalle, der Kölner und der Essener Philharmonie sowie an der Alten Oper in Frankfurt am Main sammel können. Internationale Konzertreisen, etwa nach USA und Frankreich kamen hinzu. 2006 gründete er ein Kammerorchester für barocke und frühklassische Musik.

Das eintrittsfreie Adventskonzert der Resonance-Damen beginnt am Sonntag um 17 Uhr. Das Publikum wird aber schon ab 16.30 Uhr in die Kirche am Steigerweg eingelassen. Für die Damen des Frauenchores ist ihr dortiges Konzert gewissermaßen ein Heimspiel. Denn die Sängerinnen proben, immer wieder montags zwischen 20 Uhr und 21.30 Uhr im benachbarten Gemeindehaus von Christ König. Neue Sängerinnen, die nur die Freude an Musik und Gesang mitbringen müssen, sind dem Chor immer willkommen. Kirche und Gemeindehaus sind übrigens mit den Bus- und Bahnlinien 104 und 151 gut erreichbar.
Weitere Informationen über den Frauenchor Resonance findet man im Internet unter www.resonance-chor.de. Telefonische Auskünfte geben die Chor-Vorsitzende Rabea Hertzler unter 0163/884 60 65 und ihre Stellvertreterin Renate Becker unter 76 29 05.

Freitag, 4. Dezember 2009

Der Betreuungsverein des SKFM versteht sich als Anwalt der Menschen, die sich micht mehr selbst helfen können


Plötzlich warf die Schwiegermutter ihren Müll aus dem Fenster und schloss immer wieder Verträge und Geschäfte ab, an die sie sich später nicht mehr erinnern konnte. Sie selbst betonte: „Es ist alles in Ordnung. Ich habe alles im Griff.” Doch die 77-Jährige hatte immer weniger im Griff und brauchte Hilfe. Ein Arzt diagnostizierte Demenz. „Man weiß plötzlich nicht mehr, was man tun soll”, schildert Schwiegertochter Bettina F. ihre Verzweifelung. Die verwitwete und alleinerziehende Krankenschwester fühlte sich glattweg überfordert, als sie vom Amtsgericht zur gesetzlichen Betreuerin ihrer Schwiegermutter bestellt worden war.

Hilfe fand sie beim Betreuungsverein des Sozialdienstes Katholischer Frauen und Männer (SKFM). Hier arbeiten mit Dagmar Auberg, Stefanie Haccius, Antje Marie-Kühn und Frank Uhlendahl vier sozialpädagogisch, psychologisch und juristisch geschulte Betreuer. „Wir sind Anwälte für die Menschen, die sich selbst nicht mehr helfen können”, erklärt Fachdienstleiterin Auberg die Aufgabe des Betreuungsvereins. Dessen hauptamtliche Mitarbeiter kümmern sich derzeit um 145 Menschen, die zum Beispiel aufgrund einer psychischen Erkrankung oder auch einer Suchterkrankung nicht mehr oder nur noch eingeschränkt in der Lage sind, ihre persönlichen Rechtsgeschäfte wahrzunehmen.

Sie stehen aber auch jenen Menschen mit fachlichem, juristischem und psychologischem Rat zur Seite, die sich als ehrenamtliche Betreuer zum Beispiel um Angehörige kümmern, die ihre Angelegenheiten nicht mehr alleine regeln können. So wie Bettina F., die ihre anspruchsvolle Aufgabe mit Unterstützung des Betreuungsvereins inszwischen in den Griff bekommen hat. „Es stellen sich mehr Menschen dieser Herausforderung, als man denkt”, berichtet Auberg. Sie und ihre Kollegen stehen derzeit 50 ehrenamtlichen Betreuern regelmäßig mit Rat und Tat zur Seite. Das sind nicht immer Angehörige, sondern manchmal auch fachkundige Ruheständler, die ein soziales, aber auch anspruchsvolles und abwechslungsreiches Engagement suchen.

Auch wenn Auberg keinen Zweifel daran lässt, dass die wirklich komplizierten Betreuungsfälle von hauptamtlichen Fachkräften übernommen werden müssen, sieht sie schon aufgrund des demografischen Wandels die Notwendigkeit, zunehmend ehrenamtliche Betreuer zu gewinnen und darüber hinaus mehr Menschen davon zu überzeugen, beizeiten eine Vorsorgevollmacht, eine Betreuungsverfügung und eine Patientenverfügung auszustellen. Bevor es zu spät ist und man nicht mehr selbst entscheiden kann, was man will und was nicht, und wer im Ernstfall die eigenen Rechte wahrnehmen soll.

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter: www.skfm-muelheim.de

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Beklemmend aktuell und sehr präsent gespielt: Eindrücke von der Spätlese-Premiere "Tage danach"



Manchmal werden Theaterstücke von der Wirklichkeit eingeholt. Als die neueste Spätlese-Produktion "Tage danach" (Foto: Walter Schernstein) am Freitagabend im Theaterstudio an der Adolfstraße Premiere hat, fahndet die Polizei nach zwei Schwerverbrechern, die aus dem Gefängnis ausgebrochen sind. Wie sind die Gewalttäter zu dem geworden, was sie heute sind? So mag sich fragen, wer das aktuelle Geschehen als Zeitungleser und Fernsehzuschauer verfolgt.

Fast reflexartig ist man geneigt, Mutmaßungen über das anzustellen, was in der Kindheit oder bei der Erziehung der Gewalttäter schiefgelaufen sein mag. Und hier wird das Spätlese-Stück, das die Zuschauer am Freitagabend zu sehen bekommen, beklemmend aktuell.
Denn sehr authentisch und sehr präsent bringen die Spätleser an diesem Abend ein Psychogramm darüber auf die Bühne, wie süffisante Besserwisser und vermeintlich gute Ratgeber die Familien jugendlicher Straftäter, die einen Behinderten überfallen haben, systematisch zu Sündenböcken abstempeln, in Sippenhaft nehmen und damit die Saat für neue Verzweifelung und Gewalt legen.

„Ich habe mir da so meine Gedanken gemacht. Dafür muss man kein Psychologe sein”, sagt eine Besserwisserin in einer Szene. Und die von Ursula Vollbring gespielte Mutter eines jungen Täters klagt: „Alle starren mich an. Ich fühle mich wie in einem Zoo und laufe schon den ganzen Tag wie ein Tiger im Käfig herum.” Ein besonders starkes Bild bringt das Ensemble um Regisseur und Theaterleiter Eckhard Friedl auf die Bühne als es mit „Paulinchen war allein zu Haus. Die Eltern waren beide aus” auf eine Geschichte aus dem Struwwelpeter zurückgreift.
Es sind zwei Besserwisserinnen, schrecklich schön gespielt von Genoveva Bühler und Angela Pott, die ihre Häme, ja Schadenfreude über das vermeintliche Scheitern der anderen nur schwer hinter einer gutbürgerlichen und vermeintlich gut meinden Fassade verbergen. Symbolträchtig reichen sie der erstaunlich sensibel und souverän von der zwölfjährigen Bühnendebütantin Federica Engels gespielten jüngeren Schwester eines Täters immer wieder Streichhölzer. Die wirft das Mädchen zunächst immer wieder weg. Doch am Ende des eineinhalbstündigen Stücks zündet sie plötzlich doch ein Streichholz an, nachdem sie in der Schule immer wieder gemobbt wurde und auch mit dem Versuch gescheitert ist, ihre verzweifelte Mutter zu trösten. Eine Zuschauerin bringt es nach der Aufführung auf den Punkt: „Das Erschreckende ist, dass man in diesem Stück erkennt, dass jeder sehr schnell in eine vergleichbar verzweifelte Situation geraten könnte.” Und man versteht eine Spätlese-Schauspielerin, die diesmal nicht mit auf der Bühne stand, wenn sie sagt: „Dieses Stück wäre für mich zu hart und zu schwer zu spielen gewesen.”

Was Tage danach so authentisch und sehenswert, aber aus der Zuschauerperspektive auch anstrengend macht, ist die Tatsache, dass man sich in den Charakteren und ihren Handlungsstrategien, die die Spätlese-Schaupieler auf die Bühne bringen, wiedererkennen kann. Da ist viel Verdrängung im Spiel, wenn etwa die von Elli Gumny gespielte Tätermutter und Unternehmergattin halb resolut, halb panisch sagt: „Mein Junge hat nichts Böses getan. Der ist da nur hereingeschlittert und war so schockiert, dass er dabeistand und nicht weglaufen konnte.” Trotzig und hilflos kommt auch der von Jochen Keienburg gespielte Großvater eines Gewalttäters daher, wenn er über seinen Enkel sagt: „Da muss der jetzt durch und dann sehen wir weiter.”

Weiter sehen kann man das Stück Tage danach am 6. Dezember (jeweils um 16 Uhr) im Spätlese-Theaterstudio an der Adolfstraße 89a.