Freitag, 31. Dezember 2010

Nicht nur zur Weihnachtszeit will man an der Hauptschule Dümpten die Jugendlichen fördern statt sie zu frustieren


An der Gemeinschaftshauptschule Dümpten ist man schon vor dem 24. Dezember weihnachtlich gestimmt. Gestern verwandelten Schüler und Lehrer aus den Klassen 5 bis 7 das Treppenhaus ihrer Schule in einen Konzertsaal. Mit erstaunlichem Elan schmetterten die Jugendlichen klassische und moderne Weihnachtslieder von „Schneeflökchen Weißröckchen“ bis zur „Weihnachtsbäckerei“ mit so mancher Lecker- und Kleckerei. Musikalisch begleitet wurden sie dabei von ihren Lehrerinnen Iris Plockartz (Klavier), Margret Wartmann (Geige) und Volker Isbruch (Gitarre).


„Singen ist meine Leidenschaft. Mir macht es Freude, immer wieder neue Lieder kennen zu lernen. Und man geht irgendwie beschwingt in den Unterricht, wenn man gesungen hat“, erklärte Lara Derksen aus der 5b nach dem kleinen Konzert, das durch einen Gedichtvortrag der „Tannenflüsterer“ aus der siebten Klasse literarisch abgerundet wurde .Schulleiterin Ulrike Nixdorff und ihre Lehrerkolleginnen Angelika van der Most und Ursula Grün sind immer wieder davon begeistert, „dass auch unsere moslemischen Schüler die christlichen Weihnachtslieder aus voller Kehle mitsingen.“


Dabei legt Nixdorff Wert darauf, „dass wir weniger die christlich-religiöse Bedeutung als vielmehr das gute soziale Miteinander während des Advents in den Mittelpunkt stellen.“Das geschah in diesem Advent zum Beispiel durch ein gemeinsames Morgensingen im Spielekeller, eine Morgenrunde mit einer besinnlich-heiteren Geschichte oder auch dem gemeinsamen Plätzchenbacken in der Schulküche. „Dann ist es ganz still in der Klasse. Und die meisten Schüler genießen diese Atmosphäre, egal ob sie zu Hause etwas Vergleichbares erfahren“, schildert Nixdorff das morgendliche Vorleseerlebnis in ihrer Klasse. „Es geht uns vor allem darum, „den Schülern ein gutes Gefühl und die Fähigkeit zu vermitteln, sich auf so eine Stimmung einlassen zu können“, erklärt die Rektorin den Sinn der Adventsaktivitäten an ihrer Schule.


Dort freut man sich derweil nicht nur auf Weihnachten, sondern auch darüber, dass die Schule von der Bezirks- und Landesregierung mit dem Gütesiegel für individuelle Förderung ausgezeichnet worden ist. Das Gütesiegel hat sich die Hauptschule Dümpten mit einem ausdifferenzierten Förderprogramm verdient.Dazu gehören unter anderem gezielte Unterrichts-, Test- und Traingsverfahren, kleine Lerngruppen, Computerarbeitsplätze in jedem Klassenraum, Unterricht im Zeitstundenformat sowie das Informationssystem für Lehrer, Schüler und Eltern (Ilse), das in Form eines Kalenderbuches die gemeinsame Lernkontrolle und damit auch den bei Lernstanderhebungen und zentralen Abschlussprüfungen nachweisbaren Lernerfolg fördert.


Dieser Text erschien am 16. Dezember 2010 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Einblick in die Weltkirche: Die Gastgeber aus St. Mariae Geburt und ihre Gäste aus Lateinamerika erlebten, dass ihr Glauben verbindet


Mit einer Lateinamerika-Woche schaute die Gemeinde St. Mariae Geburt über ihren eigenen Kirchturm hinaus und erlebte mit dem Besuch des brasilianischen Bischofs Alfredo Schaffler und des honduranischen Kolping-Vorsitzenden Rufino Rodriguez, der in seiner Heimat als ehrenamtlicher Delegierter des Wortes Gottes arbeitet, ein Stück Weltkirche.
Bei einem Einkehrtag tauschten sich Gemeinderäte und andere aktive Laien aus Mariae Geburt mit ihren Gästen aus Brasilien und Honduras unter anderem darüber aus, wie eine Gemeinde etwa durch ehrenamtliches Engagement lebendiger gestaltet und so kraftvoller werden und an Ausstrahlung gewinnen kann.


"Aus familiären Gründen habe ich einige Zeit ausgesetzt. Aber durch die Begegnung mit Rodriguez und Schaffler habe ich einen starken Impuls bekommen, mich wieder stärker zu engagieren und meine eigene Verantwortung für ein gelingendes Gemeindeleben wahrzunehmen", beschrieb zum Beispiel Wortgottesdienstleiterin Elisabeth Maria Kaufmann den menschlichen Mehrwert, den sie persönlich aus dem gewissermaßen transatlantischen Einkehrtag ziehen konnte.


Ihre als Lektorin und Kommunionhelferin aktive Kollegin Hannelore Leinen zeigte sich nach dem Gespräch mit den Lateinamerikanern vor allem davon beeindruckt, "was dort mit weniger Mitteln alles geleistet werden kann." Ihr Fazit: "Wir sind hier trotz aller Schwierigkeiten noch recht gut dran. Und man sollte sich vielleicht doch noch etwas mehr engagieren."
"Wir haben in unseren Gemeinden eine massive Beteiligung von Laien. Auch hier gibt es viele Laien, die sehr engagiert mitarbeiten. Aber es gibt auch eine große Gruppe von hauptamtlichen Angestellten. Das kennen wir so nicht. Wir arbeiten vollständig ehrenamtlich.", beschrieb Rodriguez den von ihm wahrgenommenen Unterschied. Besonders beeindruckt zeigte er sich von der Aufgeschlossenheit der hiesigen Laien und ihrem großen Interesse an Lateinamerika. "Ich glaube, dass die Kirche auch in Deutschland Zukunft hat", machte der Wortdelegierte aus Honduras seinen Mülheimer Mitchristen Mut und betonte: "Bei Begegnungen wie den unseren kommt es nicht nur darauf an, dass man einander zuhört, sondern auch begreift, was Gott mit ihnen bewirken will."


Pfarrer Michael Janßen empfand die Lateinamerikawoche "wie Exerzitien, die der ganzen Gemeinde gut tun, weil sie uns zeigen, mit welcher Begeisterung das Wort Gottes in Lateinamerika verkündet wird und uns aus der eigenen Betriebsblindheit herausholt und man plötzlich wieder deutlicher sieht, was wir bei uns alles an hauptamtlichen Diensten und ehrenamtlichem Engagement haben."

Der aus Österreich stammende Bischof Schaffler nimmt aus den Mülheimer Tagen "vor allem ein Gefühl der Dankbarkeit" und die Überzeugung mit, "dass die Welt immer mehr zu einem globalen Dorf wird, in dem wir zusammenrücken müssen, viel voneinander lernen können und geschwisterlich zusammenleben können." Nicht ohne Resonanz hatte Schaffler in Mülheim unter anderem um Unterstützung für sein Zisternenbauprojekt geworben. In seinem Bistum Parnaiba im Nordosten Brasilien herrscht große Trockenheit, da es sechs Monate lang nicht regnet. Um so wichtiger ist es, dass die Menschen dort Regenwasser in Zisternen auffangen und so langfristig nutzen können. "In dieser Gemeinde gibt es ein starkes weltkirchliches Bewusstsein. Das zeigt sich nicht nur bei den Kollekten für Adveniat, sondern auch durch Initiativen, wie die Kolumbienhilfe", unterstrich der langjährige Weihbischof und Vorsitzende von Adveniat, Franz Grave, der heute als Seelsorger in Mariae Geburt mitarbeitet. Er glaubt, "dass uns die Gäste aus Lateinamerika in dieser Woche gezeigt haben, was die Seele des kirchlichen Ehrenamtes ist, nämlich die innere Begeisterung für den Glauben und das Wort Gottes."


Dieser Text erschien am 16. Dezember 2010 im Ruhrwort

Montag, 27. Dezember 2010

Vom Ausflugslokal zur Jugendherberge: Vor 120 Jahren wurde das Haus am Kahlenberg eröffnet, das die Stadt jetzt an einen privaten Investor verkaufte

Das ist ein Haus der Mülheimer Bürger“, sagt Herbergsvater Eugen Meyer über seinen Wohn- und Arbeitsplatz, den er Ende des Jahres zusammen mit seiner Frau Angelika in Richtung Ruhestand verlassen wird.Mehr als zwei Jahrzehnte lang haben die Meyers am Kahlenberg Menschen beherbergt und beköstigt. In ihrer fürsorglichen Obhut waren hier Kindergartengruppen und Schulklassen, Theater- und Musikensemble, kirchliche Gruppen oder etwa die Teilnehmerinnen des Mädchenkulturfestivals und der Internationalen Jugendbegegnungen zu Gast.

„Da geht einem das Herz auf. Da weiß man, wofür man arbeitet“, erinnert er sich an die Tage an denen seine Frau und er volles Haus hatten. Noch heute muss er lachen, wenn er sich an die Steppkes erinnert, die ihn mit: „Du, Herr Meyer“ oder: „Herr Hausherbert“ ansprachen, weil ihnen das Wort Herbergsvater nicht über die Lippen kommen wollte. Meyer wünscht sich für die Jugendherberge am Kahlenberg eine öffentliche Nachnutzung. Mit dem Einzug eines Vereins für Kinder und Jugendarbeit könnte er gut leben, mit der Vermarktung als Wohneigentum, wie ihn die Ratsmehrheit jetzt beschlossen hat, nicht.Meyers Arbeitsplatz, der vielleicht den schönsten Ruhrblick der Stadt bietet, wurde vor 120 Jahren im November 1890 als Ausflugslokal eröffnet. Bis zu 4000 Gäste fanden im Innenraum und auf der Terrasse Platz.

Ab 1897 brachte die elektrische Straßenbahn die Ausflügler zum Kahlenberg, den der Mülheimer Verschönerungsverein mit Hilfe der Stadt in den 1880er Jahren von einem Steinbruch in eine grüne Oase verwandelt hatte. Aber auch Mülheims Wassersportler wussten den Bierkeller des Kahlenberg-Restaurants als Treffpunkt zu schätzen.Der Ausflug zum Kahlenberg lohnte sich. Denn ab 1909 stand dort auch der Bismarckturm. Und bis 1957 konnte man von dort aus mit einer Fähre auf die andere Ruhrseite nach Saarn übersetzen. Außerdem gab es dort zwischen 1902 und 1924, als Mülheim noch Garnisonsstadt war, eine Militärbadeanstalt, die aber auch von den Mülheimer Zivilisten genutzt werden konnte.Doch als sich 1944 die Wehrmacht am Kahlenberg einquartierte, war Schluss mit Lustig und Lecker an der Ruhr.

Der Wehrmacht folgte 1945 die britische Rheinarmee, die ihr Quartier am Kahlenberg ab 1946 zumindest teilweise und am Wochenende als Ausflugslokal für die Mülheimer freigab. Doch der Betrieb rechnete sich nicht und wurde 1951 eingestellt.Damals gab es in der Bauverwaltung Überlegungen, das alte Haus am Kahlenberg abzureißen, ehe sich der damalige Jugenddezernent und spätere Oberstadtdirektor Bernhard Witthaus 1952 damit durchsetzen konnte, dort eine Jugendherberge einzurichten. Dass seine Idee gut ankam, zeigten die 65 000 Gäste aus 50 Ländern, die sich bis 1962 am Kahlenberg beherbergen ließen. Doch nicht nur die Gäste, sondern auch die Handwerker gingen in der alten Jugendherberge ein und aus. 1986 mussten Stadt und Land 1,8 Millionen Mark in die Modernisierung der Jugendherberge investieren.

Auch wenn die Jugendherberge mit 70 Betten in 16 Räumen jetzt auch eine Bar und eine Bauernstube, zwei große Tagesräume, einen Grillplatz, eine Dachterrasse und einen offenen Kamin hatte, konnte die schöne Herberge in den letzten Jahren nicht mehr mit den modernen Komfortstandards mithalten. Die Gästezahl sank von 8674 im Jahre 2004 auf 6119 im vergangenen Jahr. Genau das war auch der Anstoß für die Stadt, an den Verkauf der Jugendherberge zu denken und deren Betriebskosten von jährlich rund 132 000 Euro im Rahmen der Haushaltskonsolidierung einzusparen.Dabei hat der Abschied von der Jugendherberge am Kahlenberg viele Gesichter. Eines davon war die letzte Kindertheateraufführung, die dort am 28. November mit „Weihnachten im Mäuseland“ und den selbstgebackenen Plätzchen der Meyers über die Bühne ging.

Dieser Text erschien am 20. November 2010 in der NRZ

Freitag, 24. Dezember 2010

Helden des Alltags: Was eine Post- und ein Zeitungszusteller im Winter erleben können


Wer hat sich nicht schon mal weiße Weihnachten gewünscht? In diesem Jahr stehen die Chancen dafür gut. Denn leise rieselt der Schnee und er verwandelt Mülheim in ein Winterwunderland. Doch gerade die fleißigen Menschen, die täglich dafür sorgen, dass wir unsere Post und unsere Zeitung bekommen können im Winterwunderland auch ihr blaues Wunder erleben.


„Das ist wirklich Hochleistungssport“, sagt die 40-jährige Postzustellerin Michaela Zimmermann, die sich derzeit durch ihr verschneites und vereistes Revier entlang der Duisburger Straße kämpft. „Ich rechne immer zwei Stunden zusätzlich ein“, sagt sie und bittet die Bürger um Verständnis, wenn die Post in diesen Wintertagen nicht immer ganz pünktlich kommt.


An diesem Montag ist sie von 9.30 Uhr bis 16 Uhr in der Speldorfer Schneewüste unterwegs. „Ich bin enttäuscht. Gestern war doch Sonntag, da hätte man doch schon mal den einen oder anderen Gehweg saubermachen können“, klagt Zimmermann. Besonders ärgert sie sich über vereiste Treppen und zugefrorene Briefkästen, die von den Anwohnern nicht rechtzeitig vom Eis befreit worden sind. Nicht nur vereiste Wege, sondern auch Schneehügel am Straßenrand machen ihr das Wechseln der Straßenseite und damit das Leben als Briefträgerin schwer.


Briefträgerin. Diese Bezeichnung trifft bei Zimmermann nur bedingt zu. Denn sie bringt die Post mit einem gut bereiften Fahrrad von Haus zu Haus. Damit komme ich besser durch die engen Gassen“, sagt sie.Gerade in der Vorweihnachtszeit, wenn die Postzustellerin besonders viele Briefe und Päckchen von Haus zu Haus bringen muss, transportiert sie auf ihrem Dienstrad schon mal locker 70 Kilo.Doch auch unter dem Eindruck der erschwerten Arbeitsbedingungen im Winter, dem sie kleidungstechnisch unter anderem mit Ski-Unterwäsche, Thermosohlen und Spikes unter den Schuhen trotzt, sagt Zimmermann auch nach 16 Dienstjahren noch: „Die Arbeit macht mir auch jetzt Spaß.“


Dafür sorgen etwa die großen Kinderaugen, die sie sieht, wenn sie Weihnachtspakete abliefert, oder die Leute, die sie auf eine heiße Tasse Tee hereinbitten, damit sie sich auf ihrer Tour durch Speldorf aufwärmen kann.Belohnung nach der TourUnd womit belohnt sich die wetterfeste Postzustellerin, wenn sie wieder zu Hause ist. „Dann nehme ich erst mal ein heißes Bad und gönne mir ein leckeres Mittagessen mit einem Stück Kuchen als Nachtisch“, sagt Zimmermann und lächelt voller Vorfreude, ehe sie ihr 70-Kilo-Postrad weiter durch die verschneiten und vereisten Straßen schiebt.


Ebenfalls als Zusteller in Speldorf unterwegs ist Kurt Linden. Der 71-Jährige sorgt dafür, dass Sie Ihre Zeitung ins Haus geliefert bekommen. Seine Tour beginnt bereits zwischen drei und vier Uhr in der Frühe. „Es ist schon anstrengend, den Zeitungskarren mit jeweils 60 bis 70 Blättern durch Eis und Schnee zu ziehen“, gibt Linden zu. Er setzt auf „kleine Schritte“ und Spikes unter den Schuhen, um Stürze zu verhindern. Bisher ist er nur einmal gestürzt und das war im Sommer.Als besonders riskant empfindet er Marmorfliesen auf Treppen und in Hauseingängen. „Die sind unter Schnee besonders rutschig“, sagt er.


Generell sind seitlich und nicht direkt am Straßenrand gelegene Hauseingänge für den Zusteller, der sich mit Mantel, Mütze, Schal und doppelter Unterwäsche warm hält, ein schwieriges Pflaster, wenn es nicht nur dunkel, sondern auch glatt ist. Linden schätzt, dass er für seine zweieinhalbstündige Tour im Winter etwa 20 Minuten länger braucht. „Die Leute reagieren in aller Regel verständnisvoll, wenn die Zeitung morgens etwas später kommt.“ Wie ein Bergmann unter Tage ist Linden morgens mit einer Kopfleuchte unterwegs, damit er den dunklen Weg erkennen kann.


Weil er schon vor sechs Uhr morgens unterwegs ist, kann er nie damit rechnen, dass Anwohner zu diesem Zeitpunkt Gehwege geräumt oder gestreut haben. Während er in den reinen Wohnstraßen seines Speldorfer Reviers zu Fuß unterwegs ist, steigt Linden zwischenzeitlich immer wieder in sein Auto um, ohne das eine Zeitungszustellung, etwa im Gewerbegebiet an der Ruhrorter Straße, gar nicht möglich wäre.


Nach seiner zehn Kilometer langen Morgentour durch Speldorf gönnt sich der Mann, daheim erst mal einen Blick in die Zeitung und natürlich ein gutes Frühstück, ehe er sich auf die zweite Tour des Tages begibt: um die Zeitungen dort abzuliefern, wo sie am Morgen noch nicht angekommen sind. Dann ist der 71-Jährige nicht nur in Speldorf, sondern in ganz Mülheim unterwegs. Aber nicht zu Fuß, sondern mit dem Auto.


Dieser Text erschien am 22. Dezember 2010 in der NRZ

Sonntag, 19. Dezember 2010

Manchmal kommt der Nikolaus auch als Frau daher: Eine Adventsgeschichte aus der Heimaterde


Eine Frau im katholischen Bischofsgewand. Ist das möglich? Es ist, St. Nikolaus macht es möglich. Denn er kommt in der Grundschule am Sunderplatz als Frau daher. Für die NRZ sprach ich mit der Fördervereinsvorsitzenden und zweifachen Mutter Anja Bollmeier (47), darüber, warum sie nur zu gern den heiligen Nikolaus von Myra verkörpert.


Welche Kindheitserinnerungen haben Sie an den Nikolaus?

Sehr schöne. Obwohl mich der Nikolaus nie persönlich besucht hat. Aber ich musste als Kind immer meine Stiefel blank putzen. Und wenn ich dann am Nikolausmorgen erwachte, hing ein Nikolausbild über meinem Bett und meine Stiefel, die ich vor die Tür gestellt hatte, waren gut gefüllt.


Warum schlüpfen Sie als Frau und Mutter gerne in die Rolle des heiligen Nikolaus?

Wir haben sonst auch einen Vater, der das gerne übernimmt, aber in diesem Jahr verhindert war. Und deshalb bin ich gerne in die Rolle des Nikolaus geschlüpft, weil ich mich ohnehin gerne verkleide und den Kindern Geschichten erzähle. Es macht einfach riesigen Spaß, in die großen und strahlenden Kinderaugen zu schauen. Außerdem hilft mir auch meine Körpergröße dabei, den Bischof Nikolaus glaubhaft darzustellen.


Worin sehen Sie den pädagogischen Mehrwert des Nikolaustages?

Ich finde es gerade in unserer kalten und nüchternen Zeit wichtig, diese Tradition und die mit ihr verbundene Magie und ihre Rituale aufrechtzuerhalten.Frage: Warum ist das wichtig?Antwort: Es geht darum, den Kindern das Gefühl der Zusammengehörigkeit und den Glauben an das Gute und Schöne im Leben zu vermitteln. Diese Magie hat mir als Kind gut getan und tut auch heute Kindern gut.


Glauben die Kinder heute noch an den Nikolaus?

80 Prozent der Kinder, auch in der vierten Klasse, machen mit und haben Spaß daran. Manche Kinder in der ersten Klasse haben auch schon mal Angst. Aber denen sage ich dann: Schau mich nur an. Ich bin kein wilder böser Mann. Ich bin der Nikolaus. Manchmal sagt ein Kind auch: Dich gibt es gar nicht. Dann sage ich: Natürlich gibt es mich. Du siehst doch, dass ich vor dir stehe.


Was haben Sie im Goldenen Nikolausbuch notiert?

Ich habe den Kindern erzählt, dass mir meine Engel mitgeteilt haben, dass es in der Grundschule am Sunderplatz nur liebe Kinder gibt und meine Seiten über böse Kinder deshalb leer sind. Viel Spaß hatten die Kinder, als ich gefragt habe, ob die Lehrerinnen denn auch nett zu ihnen seien. In allen Klassen haben die Kinder diese Frage übrigens mit einem einhelligen Ja beantwortet. Viele haben auch gestaunt, als ich ihnen erzählte, dass ich als Nikolaus der Schutzpatron der Kinder bin.


Werden Sie als Nikolaus von den Kindern auch schon mal angesprochen?

Ja. Gerade erst hat mir ein Junge gesagt: Lieber Nikolaus, bitte überanstrenge dich nicht. Denn du weißt ja: Für deine alten Knochen kann das ganz schön gefährlich sein und böse enden.


Ist es für Sie als Frau schwierig, in die Rolle eines alten Bischofs zu schlüpfen?

Ich versuche natürlich, etwas dunkler zu sprechen. Und wenn mir das nicht ganz gelingt, erkläre ich den Kindern, dass meine Stimme nicht mehr ganz so dunkel klingt, weil ich ja auch schon so alt bin. Das akzeptieren die meisten Kinder und eines meinte heute zu seinem Klassenkameraden: Ich habe dir doch gesagt, dass das der Hausmeister war.


Sind Sie als Frau am Ende der bessere Nikolaus?

Nein. Ich finde es schon schön, wenn ein Mann diese Rolle verkörpert. Aber oft scheitert es daran, dass die Männer berufstätig sind und deshalb keine Zeit haben. Ich arbeite zwar auch als Medizinisch-Technische Assistentin, hatte heute aber frei. Und deshalb hat das ganz gut gepasst.


Was hatten Sie für die Kinder in Ihrem Sack?

Da waren Lernspiele drin, die das logische Denken fördern. Diese Spiele habe ich den Kindern nicht einzeln, sondern immer für die ganze Klasse mitgebracht. Das gilt auch für den Nikolausteller mit den Mandarinen und Nüssen.


Wie reagiert Frau Nikolaus auf Weihnachtsmänner?

Die ignoriere ich.


Dieses Gespräch erschien am 4. Dezember 2010 in der NRZ

Samstag, 11. Dezember 2010

Heinrich Thöne setzte als Oberbürgermeister Maßstäbe: Vor 120 Jahren wurde er geboren

Oberbürgermeister zu sein kann Spaß machen, wenn man das Gefühl hat, dass es mit der Stadt aufwärts geht. Diese Freude kann man Heinrich Thöne auf dem Foto ansehen, das ihn 1951 mit der damals ältesten Bürgerin des Stadtteils bei der Eröffnung der neuen Straßenbahnlinie nach Oberdümpten zeigt. Damals war er seit drei Jahren Oberbürgermeister.

Der am 28. November 1890 in Bocholt geborene Thöne gehört zu den Mülheimer Stadtoberhäuptern, denen eine besonders lange und erfolgreiche Amtszeit beschieden war. Thöne, der 1912 als gelernter Former nach Mülheim kam, um bei der Friedrich-Wilhelms-Hütte seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wurde als Oberbürgermeister der Jahre 1948 bis 1969 zur Galionsfigur des Wiederaufbaus.Was seine Biografie so faszinierend macht, sind ihre unerwarteten Wendungen mit allen Höhen und Tiefen. Als der spätere Sozialdemokrat Thöne 1890 geboren wurde, wurden Bismarcks Sozialistengesetze aufgehoben. In dem Jahr, als er nach Mülheim kam, wurde die SPD bei den Reichstagswahlen erstmals zur stärksten Partei. 1913, im Todesjahr August Bebels wurde Thöne selbst Sozialdemokrat, nachdem er bereist 1907 dem Deutschen Metallarbeiterverband beigetreten war.

Thöne gehörte zu der Generation, die zwei Weltkriege und eine Diktatur überstehen mussten. Im Ersten Weltkrieg wurde er verwundet und später für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Im Zweiten Weltkrieg machten ihm die Nazis das Leben schwerer als es ohnehin schon war.Damit rächten sich die braunen Machthaber unter anderem dafür, dass er sich als Stadtverordneter 1933 geweigert hatte, für die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Adolf Hitler zu stimmen. Dass ihm selbst diese höchste Auszeichnung der Stadt 1960 zu Teil werden sollte, mag er rückblickend als ausgleichende Gerechtigkeit der Geschichte empfunden haben.

Er selbst betonte später, auch in den dunkelsten Stunden der Demütigung „nie an Kapitulation oder Resignation gedacht“ zu haben.Das größte Glück im Leben des Heinrich Thöne war zweifellos die Erfahrung, nach dem Niedergang der ersten deutschen Demokratie den Aufstieg der zweiten deutschen Demokratie in Mülheim mitgestalten zu können. Seine ersten politischen Erfahrungen hatte der Sozialdemokrat bereits während der Weimarer Republik gesammelt. Ab 1922 war er Betriebsratsvorsitzender Friedrich-Wilhelms-Hütte und Zweiter Bevollmächtigter des Metallarbeiterverbandes.1929 wurde er erstmals in den Stadtrat gewählt, dem er nach 1945 zunächst von der britischen Militärregierung ernannt und später von den Mülheimern gewählt wieder angehören sollte.

Für den bürgernahen Pragmatismus Thönes spricht ein Satz aus einem seiner frühen Rechenschaftsberichte als erster Nachkriegs-Vorsitzender der Mülheimer SPD: „So lange Menschen in Mülheim auf eine menschenwürdige Wohnung warten, brauchen wir keinen ideologischen Unterbau.“ Mit diesem bodenständigen Politikverständnis gewann er als Spitzenkandidat der SPD fünf Kommunalwahlen, drei davon mit absoluter Mehrheit. Weil seine Bürotür für Ratsuchende immer offen stand, öffneten ihm viele Mülheimer auch außerhalb der SPD ihre Herzen.

Nicht zuletzt weil er als Oberbürgermeister viele Grundsteine für neue Wohnungen und Schulen legen konnte, wurde er im Bewusstsein vieler Mülheimer zur Symbolfigur des Wiederaufbaus, den er selbst immer als „Gemeinschaftsleistung“ beschrieb.Als Heinrich Thöne 1969, zwei Jahre vor seinem Tod, aus seinem Amt ausschied, sagte er, was heute noch aktuell klingt: „Der politische Gegner darf nie zum Feind werden. Nur in einem vernünftigen Miteinander, Füreinander und Nebeneinander ist etwas Großes zu erreichen.“ Ein guter Gedanke, der die Erinnerung an einen Bürger lohnt, nach dem nicht nur die Volkshochschule und ein Schiff der Weißen Flotte, sondern auch eine Stiftung zur Förderung der Altenhilfe benannt ist.

Dieser Text erschien am 27. November 2010 in der NRZ

Mittwoch, 10. November 2010

Auch die Evangelische Kirche muss sparen: Am Wochenende tagt die Kreissynode im Altenhof


Was die katholische Kirche mit der Bildung von drei Groß-Gemeinden (2006) hinter sich hat, könnte dem Evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr noch bevorstehen. Am kommenden Wochenende berät die Kreissynode im Altenhof darüber, wie sich die Evangelische Stadtkirche angesichts sinkender Gemeindegliederzahlen in Zukunft aufstellen soll.


Auch wenn die Kirchensteuerprognose auch für 2011 von 5,275 Millionen Euro Kirchensteuern ausgeht, sprechen die demografischen Zahlen eine eindeutige Sprache. 1973 gab es im Kirchenkreis noch 113.000 evangelische Christen. Heute sind es erstmals weniger als 60.000. Die Evangelische Kirche Deutschlands geht davon aus, dass sie bis 2030, setzt sich der demografische Trend fort, ein Drittel weniger Mitglieder und nur noch die Hälfte ihrer heutigen Finanzkraft haben wird.


Bei den jüngsten Kreissynoden hatte Superintendent Helmut Hitzblick von 2,5 bis 2,8 Millionen Euro gesprochen, die angesichts der tendenziell sinkenden Kirchensteuereinnahmen bis 2015 eingespart werden müssen. Vor diesem Hintergrund muss die Kreissynode darüber entscheiden, was die evangelische Stadtkirche in Zukunft noch leisten muss und was sie noch leisten kann.


Auch wenn durchaus umstritten ist, ob die Kirche in der Krise eher auf zentrale oder dezentrale Strukturen setzen soll, geht der Trend zur Bündelung der Kräfte. Nach der Bildung der Vereinigten Evangelischen Kirchengemeinde aus Altstadt, Menden und Raadt (2006) wird sich 2011 eine die neue Lukagemeinde im Mülheimer Norden formieren. Ihr gehören die Gemeinden Dümpten, Styrum, Johannis und voraussichtlich auch die Markusgemeinde an.


Ihr Presbyterium hatte noch im Mai den Ausstieg aus dem Fusionsprozess beschlossen, weil man nach dem Gemeindezentrum Rolands Kamp nicht auch noch das Gemeindezentrum und den dortigen Kindergarten am Knappenweg aufgeben wollte. Doch jetzt das Presbyterium der Markuskirchengemeinde mehrheitlich eine Kehrtwende vollzogen.


Gegen den Widerstand vieler Gemeindeglieder, die in diesen Tagen Unterschriften sammeln und Mahnwachen organisieren, wurde kürzlich beschlossen, das Gemeindezentrum am Knappenweg Ende 2011 und den Kindergarten Mitte 2012 aufzugeben. Die Mitglieder dee Fordervereins der dort ansässigen Kindertagesstätte Unter dem Regenbogen gehen davon aus, dass sie die Betriebskosten den Gemeindezentrums und des Kindergartens durch Vermietungen und gezieltes Sozialmarketing erwirtschaften können.


Auch in den Linksruhr-Gemeinden Saarn, Speldorf und Broich wurde bereits vor Jahren über eine Fusion diskutiert, die aber bisher nicht weiterverfolgt wurde. Stattdessen baute man eine gemeinsame Kirchenmusik Links der Ruhr auf, um Synergieeffekte nutzen zu können.


Grundsätzlich bleibt die Frage, wie der kleiner werdende Finanzkuchen der Kirchensteuereinnahmen zwischen den Gemeinden und dem Kirchenkreis verteilt wird. Welche Aufgabebn werden wo wahrgenommen? Wie viel Geld sollen die Gemeinden und wie viel Geld die überörtlichen Einrichtungen des Kirchenkreises, wie etwa die Evangelisch Familienbildungsstättem das Diakonische Werk oder die Ehe- Familien- und Lebensberatungsstelle bekommen?


Auch bei den Pfarrstellen muss langfristig eingespart werden. Ab 2011, so will es die Rheinische Landeskirche soll es nur noch für 3000 Gemeindeglieder eine volle Pfarrstelle geben. Derzeit hat der Kirchenkreis mit seinen knapp 60.000 Gemeindegliedern 22 Pfarrstellen, also einen Überhang von zwei Pfarrstellen.
Das Foto zeigt die Dümptener Markuskirche am Springweg. Weitere Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie im Internet unter: http://www.kirche-muelheim.de/ oder: http://www.winkhausen24.de/

Montag, 8. November 2010

Eine Erinnerung an John F. Kennedy: 50 Jahre nach seiner Wahl zum Präsidenten der USA

Normalerweise lesen Sie an dieser Stelle nur Beiträge zu lokalen Beiträgen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Bereits am 13. Juli 2010 hatte ich die Gelegenheit im Katholischen Bildungswerk an der Althofstraße einen Vortrag über John F. Kennedy zu halten, der vor 50 Jahren als erster Katholik zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Dass er auch für die Mülheimerf Jugend ein politischer Hoffnungsträger war, zeigte der spontane Trauermarsch, zu dem sich junge Leute nach seiner Ermordung am 22. November 1963 in der Mülheimer Innenstadt formierten.

Hier lesen Sie in der Folge einen Beitrag, der auf der Basis meines Vortrages im Katholischen Bildungswerk entstand und in den katholischen Zeitungen RUHRWORT und DIE TAGESPOST erschienen ist.

Auch im zurückliegenden Wahlkampf versuchten seine Gegner, US-Präsident Obama, mit der Feststellung zu diskreditieren, er sei Moslem. Sein republikanischer Unterstützer, Ex-Außenminister Colin Powell konterte die Angriffe mit der Gegenfrage: "Was wäre falsch daran, wenn er ein Moslem wäre? Nichts." Obama selbst antwortete bei einem Wahlkampfauftritt auf die Frage: Warum sind Sie Christ? "Ich bin Christ aus Überzeugung. Ich habe aber erst spät in meinem Leben zum Glauben gefunden. Die Grundsätze, nach denen Jesus Christus gelebt hat, haben mich angesprochen. Nach denen wollte auch ich mein Leben führen."
Die beiden Zitate machen deutlich, welche Rolle die Religion in der amerikanischen Politik spielt. Obwohl die amerikanische Verfassung in ihrem ersten Zusatzartikel von 1791 die Religionsfreiheit garantiert, kennt Amerika als Land der religiösen Freiheit auch die religiöse Intoleranz. Der sahen sich früher auch katholische Politiker ausgesetzt, die nach dem höchsten Amt im protestantisch geprägten Amerika strebten.

1928 scheiterte der demokratische Gouverneur von New York, Alfred E. Smith, als erster katholischer Präsidentschaftskandidat, nicht nur, aber auch, weil er Katholik war. Seine deutliche Niederlage mit 41:59 Prozent der abgegebenen Stimmen veranlasste vor 50 Jahren den Ex-Präsidenten Harry S. Truman davor, seine Demokratische Partrei davor zu warnen, mit Senator John F. Kennedy aus Massachusetts wieder einen Katholiken zu ihrem Präsidentschaftskandidaten zu nominieren. Wie Smith musste sich auch Kennedy den Vorwurf anhören: Wenn ein Katholik ins Weiße Haus einziehe, werde in Washington der Papst mitregieren.
Kennedy konnte die Vorbehalte erst entkräften, nachdem er die Vorwahlen im mehrheitlich protestantischen West Virigina gewonnen und am 12. September 1960 vor protestantischen Pastoren in Houston/Texas eine viel beachtete Grundsatzrede über das Verhältnis von Kirche und Staat gehalten hatte.

Damals sagte Kennedy unter anderem: "Ich glaube an ein Amerika mit einer absoluten Trennung von Kirche und Staat. Ich glaube an ein Amerika, das offiziell weder katholisch, protestantisch noch jüdisch ist Schließlich glaube ich an ein Amerika, in der religiöse Intoleranz eines Tages beendet wird."

Obwohl sich Kennedy selbst bewusst nicht als katholischen, sondern nur als demokratischen Präsidentschaftskandidaten deklarierte und alles, wie etwa die Forderung nach einer staatlichen Unterstützung für katholische Konfessionsschulen vermied, was ihn in den Augen protestantischer Wähler als zu katholisch erscheinen lassen konnte, schätzt man, dass ihn seine katholische Konfession am Ende etwa drei Millionen Stimmen gekostet haben dürfte.
Entsprechend knapp fiel denn auch am 8. November 1960 Kennedys Wahlsieg über den Republikaner Richard M. Nixon aus. Kennedy gewann gerade einmal mit einem Stimmenanteil von gut 50 Prozent und einem Vorsprung von gut 100.000 Stimmen. Dabei konnte Kennedy als Katholik gerade in den Großstädten punkten, in denen viele katholische Amerikaner irischen, italienischer, polnischer, deutscher und spanischer Herkunft lebten. Hinzu kam, dass sich der katholische Bevölkerungsanteil seit der Wahlniederlage von Alfred Smith verdoppelt hatte. Heute stellen die Katholiken übrigens ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung und in den Bundesstaaten New Mexiko, Rhodes Island und Massachusetts sogar die Bevölkerungsmehrheit.
Der Wahlsieg des Katholiken Kennedy hatte Signalwirkung und führte zu einem verstärkten öffentlichen Engagement der amerikanischen Katholiken. Katholische Schulen, Universitäten und Krankenhäuser sind heute in den USA selbstverständlich, wenn auch das Problem des sexuellen Missbrauchs im Priesteramt auch der katholischen Kirche in den USA moralisch und materiell nachhaltig geschadet hat.

Als mit Senator John Kerry 2004 wieder ein katholischer Senator aus Massachusetts für das Präsidentenamt kandidierte, spielte seine katholische Konfession im Wahlkampf keine Rolle mehr, ebenso wie für katholischen Senator aus Dalaware, Joseph Biden, der 2009 als Vizepräsident mit Barack Obama ins Weiße Haus einzog. In der Euphorie des Präsidentschaftswahlkampfes von 2008 hatten viele seiner Anhänger Obama als einen "schwarzen John F. Kennedy" apostrophiert. Wie einst Kennedy stand Obama für ein gerechteres Amerika. Was für Kennedy die Bürgerrechte, war für den ersten schwarzen US-Präsidenten Obama ein umfassender Krankenversicherungsschutz für alle Amerikaner. Wie die Präsidentschaft Kennedy endete, ist bekannt. Welcher Erfolg Obama beschieden sein wird, ist nach den Kongresswahlen ungewisser denn je.

Sonntag, 7. November 2010

Ein Leben zwischen Moschee und Minirock: Melda Akbas stellte bei den Herbstblättern ihre Autobiografie vor


Nicht nur Stadtbibliothekarin Claudia vom Felde ist begeistert: „Toll, dass sie in ihrem Alter schon so ein großartiges Buch schreibt und so gut argumentieren kann“, schwärmt die Gastgeberin der Literaturreihe Herbstblätter über Melda Akbas. Die 19-jährige Autorin, die gerade in Berlin ihr Abitur gemacht hat und demnächst Rechts- und Politikwissenschaften studieren möchte, stellt an diesem Abend im Medienhaus ihre Autobiografie „So wie ich will – Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“ vor.

Das passt zur aktuellen Integrationsdebatte und interessiert gut 60 Zuhörer. Damit gehört diese Herbstblätter-Veranstaltung zu einer der am besten besuchtesten der Literaturreihe. Tatsächlich ist der Abend ein Lehrstück über gelungene Integration. Selbstbewusst und charmant liest Akbas Passagen aus ihrem Buch vor, um dann ihr Publikum immer wieder um Fragen und Diskussionsbeiträge zu bitten. In der Diskussion ist sie um keine Antwort verlegen. Auch kritische Fragen wie die, warum sie trotz ihrer deutschen Staatsbürgerschaft betone, Türkin zu sein, bringen sie nicht aus dem Konzept. „Ich habe immer die Berliner Luft geatmet und beherrsche die deutsche Grammatik unfallfrei, obwohl sie verflixt schwer ist. Mein Türkisch ist dagegen heute schlechter als mein Englisch. Und ich könnte nicht ein Jahr in der Türkei überleben, ohne mich darüber zu ärgern, was dort nicht so gut funktioniert wie in Deutschland. Dennoch habe ich ein Heimatgefühl, wenn ich meine Großeltern in der Türkei besuche. Das schließt sich nicht aus, deutsche Staatsbürgerin zu sein und sich trotzdem mit der türkischen Kultur der eigenen Familie verbunden zu fühlen“, sagt Akbas.

Da spürt man die Eloquenz der ehemaligen Schülersprecherin, die von einem Charlottenburger Gymnasium mit hohem Diplomatenkinderanteil bewusst auf ein Kreuzberger Gymnasium mit hohem Migrantenanteil wechselte. Warum? „Ich merkte, dass ich selbst Vorurteile gegen die entwickelte, für die ich mich einsetzen wollte. Ich wollte wissen, wie das läuft, um nicht wie manche Politiker von etwas zu schwafeln, von dem man keine Ahnung hat.“Akbas verschweigt nicht ihre Frustrationserlebnisse. Sie berichtet von ihrem gescheiterten Versuch, einen Mädchenabend zu organisieren, weil die Eingeladenen erst zu- und dann wieder absagten, weil ihre Teilnahme dem Freund oder der Familie nicht recht waren.

Oder sie erzählt von ihrem zwiespältigen Gefühl, weil sie sich oft mit deutschen oder italienischen Mitschülern besser verständigen konnte als mit ihren türkischen. Aber sie berichtet auch von türkischen Freundinnen, die trotz Kopftuch ihren eignen Weg gesucht und gefunden und am Ende ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben. „Man darf nicht nur auf die Extreme gucken. Es gibt immer viele Schattierungen“, betont die junge Autorin.Dass Schwarz-Weiß-Muster die Wahrnehmung der Wirklichkeit verstellen, macht auch ihre autobiografische Lesung deutlich. An manchen Stellen amüsiert sie sich selbst über die von ihr beschriebene Situationskomik, etwa wenn ihre Mutter im Zimmer der Tochter die Frauenzeitschrift mit Sextipps entdeckt und sich das Journal sehr zu Meldas Verwunderung mit der Bemerkung ausleiht: „Vielleicht kann ich ja noch etwas dazulernen“. Ein Zuhörer fragt nach: „Haben Sie das Heft zurück bekommen?“ Die Antwort kommt prompt: „Nein.“

Schnell wird klar, dass Akbas aus einer Familie kommt, in der traditionelle Wertvorstellungen, Bildungsbewusstsein und politisches Interesse keine Gegensätze sind.„Ohne meine Mutter wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Sie hat mir schon früh vorgelesen und immer darauf geachtet, dass ich meine Hausaufgaben mache. Vor ihr konnte ich keine Fünf geheim halten“, beschreibt Akbas die Bildungsambitionen ihrer Mutter.Sie selbst ist davon überzeugt: „Bildung ist immer der Schlüssel.“ In der Diskussion stimmt sie einem Zuhörer zu, als der feststellt: „Vorurteile entstehen, weil wir oft zu wenig über den persönlichen Hintergrund von Menschen wissen.“ Obwohl Akbas ihre Suche danach, „wo man hingehört“, als „Hürdenlauf“ beschreibt und von Konflikten mit dem Vater berichtet, der seine Tochter angesichts von Jeans, Top und Weste „nicht wie einen Hippie“ auf die Straße gehen lassen wollte,“ zeigt sich, dass sie am Ende ihren eigenen Lebensweg zwischen Moschee und Minirock gefunden hat, weil sie immer wieder den Mut zur Rebellion gehabt hat.„Auch deutsche Väter tun sich manchmal schwer, ihre Töchter loszulassen“, räumt ein Mann ein. Und eine Frau erinnert sich an die Warnung ihrer Mutter „Bring bloß keinen evangelischen Freund mit nach Hause“, als Akbas über die familiären Turbulenzen im Vorfeld einer deutsch-türkischen Hochzeit in ihrer Familie berichtet

Am Ende der Diskussion sagt der Vorsitzende des Türkischen Vereins, Fevzi Eraslan, der seit 53 Jahren in Deutschland lebt und als Diplom-Ingenieur auch beruflich seinen Weg gefunden hat, mit Blick auf Akbas: „Ich habe meine eigene bikulturelle Erfahrung immer als Reichtum empfunden. Und deshalb sind Sie für mich ein Vorbild.“

Dieser Beitrag erschien am 29. Oktober 2010 in der NRZ

Sonntag, 24. Oktober 2010

Eine literarische Betrachtung des Gewohnheitstieres Mensch: Wolfgang Rüb stellte bei den Herbstblättern seinen neuen Roman vor


Passend zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung luden die Macher der Mülheimer Literaturreihe Herbstblätter mit Wolfgang Rüb einen ostdeutschen Autor ein, ein echter Gewinn. "Das ist von vorne bis hinten humorvoll“, verspricht Wolfgang Rüb seinen Zuhörern im Medienhaus, bevor der Musikpädagoge aus Sachsen-Anhalt aus seinem zweiten Roman „Wohnquartett mit Querflöte“ liest.Der Mann hat nicht zu viel versprochen.


Seine Zuhörer, leider viel zu wenige, haben an diesem Herbstblätter-Abend viel zu lachen. Sein Humor und seine Sprache kommen fast still und hintergründig herüber. Das Buch erzählt die Geschichte eines ostdeutschen Ehepaares, das die von den Eltern und Schwiegereltern ererbte Jugendstilvilla verkauft, um endlich Geld für die so lange erträumten Reisen zu haben. Doch dann kann es sich aber doch nicht von dem alten Haus trennen, und formiert sich mit dem neuen Besitzer-Ehepaar zu einem Quartett.


Dabei erzählt der Autor zwischen den Zeilen viel über das Leben.Obwohl „Wohnquartett mit Querflöte“ in Rübs ostdeutscher Heimat spielt und seine Protagonisten Renate und Lenz „wie Hunderttausende nach der Wende“ ihre Arbeit als Naturwissenschaftler in der Chemischen Industrie verloren haben, ist sein Buch mehr als ein Regionalroman.Rüb beschreibt das Gewohnheitstier Mensch, das auch nach einer Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse nicht aus seinen alten Verhaltensmustern herauskommt.


Und so reisen Renate und Lenz nach dem Verkauf ihrer Villa eben nicht wie geplant nach Spanien, sondern schauen in ihrem alten Garten immer wieder nach dem rechten. Mal zupfen sie Unkraut. Mal graben sie ein Beet um. Mal gönnen sie sich dort sogar ein Schäferstündchen, was den neuen Eigentümern erst mal gar nicht auffällt.Der 57-jährige Autor, der durch das Briefeschreiben und einen Literaturclub zum Romanschreiben kam, begeistert immer wieder mit Wortwitz. Da lässt er Lenz zum Beispiel sagen: „Wir kannten die Dominikanische Republik gar nicht. Aber auf einmal fehlte sie uns.“ oder, Gorbi lässt grüßen: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, aber wer zu früh kommt, ist auch gestraft."


Und seine bessere Hälfte Renate fragt sich angesichts des „Goldenen Sparbuches“, auf das die Beiden ihren üppigen Verkaufserlös eingezahlt haben: „Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich reich sein will. Einmal nach Spanien und wieder zurück hätte mir auch gereicht.“ Und bei den Bankern, die Renate und Lenz bei der Anlage ihres neuen Reichtums nur zu gerne beraten wollen, bekommen einen echten Kulturschock, als ihnen die beiden, nicht ohne Schalck im Nacken, mitteilen, dass sie ihr Geld "lieber verjubeln als investieren wollen", weil sie nicht einsehen wollen, dass sie jeden Monat nur soviel Geld ausgeben sollen, wie die Zinsen ihres Kapitals ergeben, "damit wir am Ende als Millionäre sterben können."


Eine Zuhörerin, die sich nach der Lesung von Rüb das Buch signieren lässt, sagt ihm: „Es trifft so vieles.“ Tatsächlich trifft Rüb in seinem „Wohnquartett mit Querflöte“ den richtigen Ton und den Nagel auf den Kopf, wenn er Menschen beschreibt, die an der Erfüllung ihrer Lebensträume immer wieder gehindert werden, weil sie zu sehr an materiellen Dingen hängen; und sei es an einem alten Haus.


Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 23. Oktober 2010 in der NRZ

Samstag, 23. Oktober 2010

Die Mülheimer Stadtmarketinggesellschaft lud am Freitag zu einem Stadtrundgang durch das Mülheim unter dem Hakenkreuz


Normalerweise präsentiert die Mülheimer Stadtmarketimg- und Tourismusgesellschaft MST mit ihren jährlich 200 Rundängen zu 42 verschiedenen Themen die schönsten Seiten der Stadt. Doch am Freitagnachmittag führte Anne Kebben im Auftrag der MST 25 interessierte Bürger zu einigen der insgesamt 95 Mülheimer Stolpersteinen, die an Mitbürger erinnern, die von den Nazis ermordet worden sind. Der Rundgang war bedrückend und beeindruckend zugleich. "Wir möchten gerne auch noch mehr Schulklassen für diesen historischen Rundgang gewinnen", betonte Kebben. Sie erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass es 2004 Schüler der Realschule Stadtmitte waren, die die Biografien der jüdischen Mitschüler erforschten, die in den 30er Jahren von den NS-Machthabern gezwungen wurden ihre Schule zu verlassen. Manche von ihnen konnten der Ermordung durch die Nationalsozialisten entfliehen. Andere wurden deportiert und kamen in Konzentrationslagern ums Leben. Heute geht man davon aus, dass rund 270 jüdische Mülheimer dem Holocaust zum Opfer gefallen sind.



Tatsächlich bietet sich der gut zweistündige Stadtrundgang, bei dem Anne Kebben, auf den Spuren der Mülheimer Nazi-Zeit als ein bedrückend lebendiger Beitrag zum Geschichtsunterricht an. Denn die gut vorbereietete Anne Kebben konfrontiert ihre Zeitreisenden im Laufe von gut zwei Stunden mit vielen Einzelschicksalen, Daten, Fakten, Zeitzeugenberichten und Bildern aus der Zeit des Dritten Reiches.



Eigentlich soll der Rundgang der MST zu den „Stolpersteinen“ führen, die in der Innenstadt an Menschen erinnern, die von den Nationalsozialisten ermordet worden sind, die zum Beispiel Juden oder politische Gegner der NS-Diktatur waren. Da überrascht es, dass der Stadtrundgang mit Anne Kebben ausgerechnet auf dem Rathausmarkt beginnt, wo kein Stolperstein liegt. Doch Kebben macht schnell deutlich, warum sie gerade diesen Platz als Ausgangspunkt für die Zeitreise in das Mülheim des Dritten Reiches ausgewählt hat.Sie zeigt ein Bild, das diesen Ort im Jahre 1933 zeigt. Man sieht Hakenkreuzfahnen am Rathaus und begeisterte Menschen davor.Kebben erzählt vom Aufstieg der Mülheimer NSDAP, die 1925 in Anwesenheit von Joseph Goebbels gegründet wurde und bei den Reichstagswahlen 1930 bereits 21 Prozent der Stimmen errang, ehe sie nach den letzten freien Kommunalwahlen vom März 1933 mit 23 Stadtverordneten die stärkste Fraktion im Rat stellte und ihre Macht sofort dazu nutze, ihre politischen Gegner auszuschalten.


Unter den Bürgern, die sich an diesem Nachmittag auf den Weg in die dunkelste Zeit der Stadtgeschichte machen, sind mit Hartmut Mäurer (SPD) und Ursula Schröder (CDU) auch zwei Stadtverordnete: „Ich interessiere mich für die Mülheimer Stadtgeschichte, über die ich ein profundes Halbwissen habe, das ich immer wieder durch wichtige Details ergänzen möchte“, erklärt Mäurer, Und seine Kollegin Schröder sagt: „Da ich erst 1979 nach Mülheim gezogen bin, ist es mir besonders wichtig auch etwas über die frühere Zeitgeschichte der Stadt zu erfahren, um Gästen, mit denen ich durch die Stadt gehe, auch davon berichten zu können.“


Die MST-Stadtführerin berichtet zum Beispiel vom Baudezernenten Artur Brocke und den Stadtverordneten Willi Müller (SPD), Fritz Terres und Otto Gaudig (beide KPD), die ihre Gegnerschaft zu den Nazis mit dem Leben bezahlen mussten oder vom neuen NS-Oberbürgermeister Maerz, der die Stadt in seiner dreijährigen Amtszeit finanziell vollständig ruinierte.Gleich gegenüber dem Rathausturm macht Kebben noch einmal kurz Halt, um zu erzählen, dass das unscheinbare Haus an der Friedrich-Ebert-Straße, in dem heute die Mülheimer Klimaschutzinitative sitzt, bis 1945 die Parteizentrale der NSDAP, das Horst-Wessel-Haus war. Die Nähe von Rat- und Parteihaus sprach für sich. Und auch das erfahren die Zeitreisenden, dass der Vater von Horst Wessel, der die Nazis zu ihrem vielleicht bekanntesten Kampflied "Die Reihen fest geschlossen. SA marschiert" inspirierte, zeitweise als Petrkirchen-Pfarrer in Mülheim an der Heißner Straße wohnte, die damals bezeichnenderweise Horst-Wessel-Straße hieß.Weiter geht es zum Synagogenplatz.



Der Name ist Programm. Dort, wo heute das Medienhaus steht, stand früher die Synagoge. Kebben zeigt unter anderem ein Foto, das das jüdische Gotteshaus in den Flammen der Reichspogromnacht vom November 1938 zeigt. Kebben berichtet unter anderem von der Grundsteinurkunde der Synagoge aus dem Jahr 1905, die heute in einer Vitrine im Medienhaus ausgestellt ist und von dem damals in Mülheim sehr angesehenen Rabbiner Otto Kaiser. Der hatte bei der Grundsteinlegung die symbolhafte Nähe von Synagoge, Petri- und Marienkirche als Hoffnungssymbol dafür beschworen, dass sich die Religion friedlich die Hände reichten und dafür sorgten, „dass nie mehr die Flammen des Hasses aufzüngeln“ würden. Den Tod seiner Frau Eleonore und die Flucht seiner vier Kinder musste der 1925 gestorbene Kaiser Gott sei Dank nicht mehr miterleben.



Wie wichtig und wie gut integriert die jüdischen Mülheimer bis 1933 waren, wird vor allem mit Blick auf die großbürgerlichen Jugendstilhäuser an der Bahnstraße deutlich. „Hier haben viele jüdische Ärzte, Rechtsanwälte und Beamte gewohnt“, erzählt Kebben. Vor dem heutigen Schulverwaltungsamt erfahren die Geschichtsgänger, dass hier seinerzeit das jüdische Bankhaus Hanau seinen Sitz hatte. Staunend hören sie vom eigenen Bahnanschluss des Bankhauses, mit dem die Hanaus ihre Rennpferde nach Baden Baden transportieren konnten und dass einer ihrer Vorfahren im 18. Jahrhundert, Salomon Gombe, Mülheims erste Ruhrschleuse finanzierte.



Gleich gegenüber, an der Bahnstraße 44, wird es trauriger. „Hier befand sich ein sogenanntes Judenhaus“, sagt Kebben und erklärt dessen Funktion als letzten Wohnort, in dem jüdische Bürger interniert wurden, ehe sie irgendwann im Morgengrauen mit einem Zug vom nahen Bahnhof in die Vernichtungslager abtransportiert wurden. Sie berichtet von den Repressalien, denen Bewohner ausgesetzt waren, etwa das sie kein Telefon haben und keine Haustiere halten, aber auch nicht zur Arbeit oder zur Schule gehen durften. Doch sie berichtet auch von einem Bäcker, der sie nachts heimlich und gegen das Verbot der Nazis nachts mit Brot belieferte.



Vor dem Rosenhof an der Kaiserplatzkreuzung, wo Kebben von dem Schicksal des NS-Gegners Karl Briel berichtet, der noch wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner verhaftet wurde und dessen Schicksal bis heute ungeklärt ist, kommt ein Mann vorbei und ruft „Heil Hitler.“ Der Zwischenfall geht im Straßenlärm fast unter, und die Zeitreisenden ignorieren ihn. Auf dem Kirchenhügel erfahren sie zum Beispiel vom katholischen Pfarrer Heinrichsbauer, der regelmäßig die von der Partei befohlene Beflaggung der Marienkirche vergaß oder vom evangelischen Pastor Barnstein, der in der Petrikirche regimekritische Predigten hielt, aber immer wieder vom Gestapo-Mann Kolk gewarnt wurde, der ihn bespitzeln sollte. An den vielen Stolperstein-Lebensgeschichten, die Kebben im Stadtkern auf Schritt und Tritt erzählen kann, wird der mörderische Wahnsinn des NS-Systems deutlich. „Das Ausgeschlossen sein macht einen kaputt“, zitiert sie zum Beispiel den katholischen Alfred Zsigmond, der nur deshalb drangsaliert wurde, weil seine Mutter Jüdin war. Und so erzählt Kebben zum Beispiel an der Althof- und der Leineweberstraße auch von vormals jüdischen Mitbürgern, die sich auch durch ihren Übertrittt zum Christentum nicht vor Deportation und Tod retten konnten.



Sie zeigt Bilder von der beim großen Luftangriff vom 22./23. Juni 1943 zu 80 Prozent zerstörten Innenstadt und eine Todesanzeige aus der Mülheimer Zeitung, in der eine Familie acht Angehörige beklagt, die im Bombenhagel ums Leben gekommen sind. Am Ende des Zweiten Weltkrieges werden in Mülheim mehr als 1100 Menschen dem Luftkrieg zum Opfer gefallen sein.



Am Schluss des gut zweistündigen Rundgangs, der am Mahnmal für die NS-Opfer im Luisental zu Ende geht, sagt der 1935 in Mülheim geborene Wilfried Hausmann, der Diktatur und Krieg noch als Kind miterlebt hat: „Die vielen bewegenden Einzelschicksale zeigen eine systematische Verfolgung, von der man als Kind gar keine Vorstellung hatte und die einem noch heute die Schamesröte ins Gesicht treiben kann.“



Weitere Informationen zu den Themen-Stadtrundgängen der MST gibt es unter 960 96 42 oder im Internet unter: http://www.muelheim-ruhr.de/



Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 23. Oktober 2010 in der NRZ

Sonntag, 17. Oktober 2010

Ein Sonntagsimpuls aus der Marienkirche

"Wer sich an Gott hält, wird von Gott gehalten." Von diesem Gedanken ließ sich Alt-Weihbischof Franz Grave in seiner Predigt leiten, die er heute in St. Mariae Geburt hielt.

Mit Blick auf Rettung von 33 verschütteten Bergleuten im chilenischen San Jose machte er deutlich, dass dieses technische Wunder der Ingenieurskunst ohne die Glaubenskraft, die den Bergleuten die Zuversicht gab, fast 70 Tage in 600 Metern Tiefe auszuharren, obwohl es für sie keine Gewissheit auf Rettung gab, nicht möglich gewesen wäre.

Auch viele Ingenieure, Techniker oder Ärzte, so Grave, wüssten sich in ihrer persölnlichen Risikoabschätzung, etwa vor einer schweren Operation, im Bewusstsein ihrer eigenen Fehlbarkeit von Gott gehalten, weil sie Selbstvertrauen mit Demut zu verbinden wüssten.

Samstag, 16. Oktober 2010

Wie der ehemalige Stadtrat Paul Heidrich und seine Mitstreiter Behinderten in Bulgarien helfen


Als Paul Heidrich vor zehn Jahren einen Bericht über die menschenunwürdigen Lebensverhältnisse behinderter Heimbewohner in Bulgarien sah, war der Vater eines behinderten Kindes entschlossen, zu helfen. So entstand der Verein zur Förderung von Einrichtungen für Behinderte im Ausland.


Mit Spenden und Zuschüssen der Aktion Mensch sowie mit fachlicher Unterstützung des Landschaftsverbandes Rheinland hat der heute 65 Mitglieder zählende Verein vor allem im Osten Bulgariens durch Bau- und Fortbildungsmaßnahmen sowie durch Hilfsmitteltransporte die Lebensverhältnisse der Betroffenen nachhaltig verbessert.


So wurde in Malko Scharkovo ein aus zwölf Häusern bestehendes Betreuungszentrum, in dem heute 100 behinderte Frauen von 38 Pflegekräften betreut werden modernisiert. Im nahegelegenen Bolyarovo wurde eine zentrale Außenwohngruppe für acht Bewohner eingerichtet. Das nächste Ziel des Vereins ist ein Tageszentrum mit beschützender Werkstatt für Behinderte, das mit Zuschüssen des bulgarischen Staates in Yambol betrieben werden soll.


Obwohl das Bulgarische Helsinki Komitee erst kürzlich darauf hinwies, dass seit 2000 im EU-Land Bulgarien 187 behinderte Heimbewohner an den Folgen von Vernachlässigung und falscher Pflege gestorben sind, sieht Heidrich nach zahlreichen Politikern und Vertretern der Nationalen Agentur für soziales Unterstützung auch ein Umdenken in Bulgarien. Hilfreich war aus seiner Sicht, dass das bulgarische Fernsehen 2009 über Missstände in der stationären Betreuung von Behinderten berichtete. Die Folge: Die bulgarische Regierung will ihre Sozialausgaben um 20 Prozent steigern und die herkömmlichen Heime auf der grünen Wiese schrittweise durch zentral gelegene Wohngruppen und durch Pflegefamilien ersetzen. Mut machte im jetzt auch der Besuch eines Rehabilitationszentrums und einer Wohngruppe, die ein Elternselbsthilfe verein 100 Kilometer südlich von Sofia eingerichtet hat. Auch dies könnte ein lohnendes Unterstützungsprojekt für Heidrich und seine Mitstreiter werden.


Auch wenn der langjährige CDU-Stadtrat Paul Heidrich seine Arbeit als "das Bohren dicker Bretter" beschreibt, hat er doch das Gefühl, dass sich seine ehrenamtliche Arbeit für die Behinderten in Bulgarien lohnt. Wer ihm dabei helfen will, erreicht ihn telefonisch unter der Rufnummer: 0208/460267.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 16. Oktober 2010 in der NRZ

Was sich Blinde und Sehbehinderte zum Tag des Weißen Stockes wünschen

Heute ist der Tag des Weißen Stockes. Vor 46 Jahren vom damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson ins Leben gerufen, will dieser von den Vereinten Nationen ausgerufene Tag weltweit auf die Bedürfnisse von blinden und sehbehinderten Menschen aufmerksam machen.

Spricht man mit der selbst blinden Vorsitzenden des Blinden- und Sehbehindertenvereins (BSV), Christa Ufermann, so wird deutlich, dass es oft die kleinen Dinge und Fahrlässigkeiten des Alltags sind, die blinden und sehbehinderten Menschen das Leben unnötig schwer machen.

Da werden in Bussen und Bahnen die Haltestellen nicht angesagt oder Gehwege von Autofahrern zugeparkt oder von Geschäftsleuten mit Auslagen zugestellt. Da werden taktile Leitstreeifen irreführend verlegt und Akustikampeln geben keinen Ton von sich. Ufermann macht auch keinen Hehl daraus, dass sie die Blumenkübel und Wasserläufe auf der Schloßsstraße unnötig in ihrer Bewegung und räumlichen Orientierung einschränken.

Wer als blinder und sehbehinderter Bürger Rat, Hilfe und Kontakte sucht, findet sie beim BSV, der jeweils am letzten Mittwoch des Monats (ab 16 Uhr) zu seinem offenen Stammtisch in den Handelshof an der Friedrichstraße und am ersten Donnerstag des Monats (von 10 bis 14 Uhr) zu einer Sprechstunde und Hilfsmittelberatung in die Geschäftsstelle der Grünen an der Bahnstraße 50 einlädt.

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter: http://www.bsv-muelheim.de/

Ein Text zu diesem Thema erschien auch am 15. Oktober 2010 in der NRZ

Sonntag, 10. Oktober 2010

Auf ein Wort zum 10.10.10 mit dem Standesbeamten Hans-Michael Scharf


10.10.10. Warum heiraten Menschen an einem solchen Tag mit einem flotten Dreier-Datum? "So einen Hochzeitstag vergisst man natürlich nicht", weiß Standesbeamter Hans-Michael Scharf. Obwohl heute eigentlich Sonntag und damit dienst- und heiratsfrei ist, legen Scharf und seine sieben Kollegen vom Standesamt eine Sonderschicht ein. Denn 21 Paare wollen heute Ja zueinander sagen.


Dabei sagt die Statistik, dass das Scheidungsrisiko bei Ehen, die an einem Tag mit dem flotten Dreier im Datum, häufiger geschieden werden als andere. Aber schon Churchill glaubte bekanntlich nur die Statistiken, "die ich selbst manipuliert habe." Und in dieser besonderen Herzenssache handelt es sich außerdem um eine bundesweite Erhebung ohne Mülheimer Zahlenmaterial.

Doch es bleibt eine statistische Tatsache, dass heute jede dritte- und in manchen Ballungsräumen sogar jede zweite Ehe scheitert. Der 53-jährige Standbeamter, der selbst erst vor acht Jahren in den heiligen Stand der Ehe trat, sieht für diesen gesellschaftlichen Trend verschiedene Gründe:

"Das Berufsleben zwingt heute immer mehr Menschen zu einer zeitlichen und geografischen Flexibilität, die ihnen zu wenig Zeit lässt, um das Ehe- und Familienleben zu pflegen", glaubt Scharf. Er vermisst bei vielen Paaren in der Ehekrise heute aber auch die "Bereitschaft nach Kompromissen und Lösungen zu suchen, um die gemeinsame Lebensplanung zu retten." Das Fundament für eine gute Ehe sieht Scharf, der von sich selbst sagt, dass er "glücklich" verheiratet ist in den Bereitschaft: "sich nicht zu verbiegen, aber an seinen eigenen Unzulänglichkeiten zu arbeiten und die Unzulänglichkeiten des Partners zu akzeptieren, ohne den Partner zurechtbiegen zu wollen."

Allen Scheidungszahlen zum Trotz hält Scharf die Ehe "als höchsten Vertrauens- und Liebesbeweis", der Menschen "Sicherheit und Geborgenheit" gibt als unverzichtbar. Dabei haben es Scharf und seine Kollegen auch immer wieder mit Ehen zu tun, die nicht aus Liebe, sondern aus finanziellen oder rechtlichen Gründen geschlossen werden. Da gibt es die Rentner mit kleinem Ruhegehalt, "die sich mit der Heirat gegenseitig versorgen wollen", die Altenpflegerin aus der Ukraine, die den gutsituierten Senior ehelicht oder den abgewiesenen Asylbewerber, der eine deutsche Frau heiraten möchte, um ein Bleiberecht zu bekommen. Vor allem in letzterem Fall kann das Standesamt mit dem Hinweis auf den Verdacht auf eine Scheinehe, die Mitwirkung an der Eheschließung ablehnen.

Obwohl in Deutschland vor allem aus demografischen Gründen heute weniger als früher geheirattet wird, ist die Zahl der beim Mülheimer Standesamt geschlossenen Ehen in den letzten Jahren konstant geblieben. Pro Jahr sagen hier 850 Paare Ja zueinander, davon rund ein Dutzend gleichgeschlechtlicher Paare. Den Grund für die konstanten Hochzeitzahlen in Mülheim sieht Scharf vor allem im Hochzeitstourismus begründet. Viele auswärtige Paare, so der Standesbeamte, ließen sich in Mülheim trauen, weil man hier auch am Wochenende oder an attraktiven Orten, wie etwas den Schiffen der Weißen Flotte, in der Styrumer Aquarius-Schlosskapelle, in der Kuppel der Camera Obscura, dem Schloss Broich oder in der Residenz Uhlenhorst heiraten könnten.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 9. Oktober 2010 in der NRZ

Dienstag, 5. Oktober 2010

Vor 100 Jahren wurde der Mülheimer Politiker und Unternehmer Max Vehar geboren


Vehar. Den Namen kennen die meisten Mülheimer heute vom gleichnamigen Reisebüro an der Leineweberstraße. Gegründet wurde dieses Reisbüro 1951 von den Brüdern Heinrich und Max Vehar. Das Reisebüro, das seine Kunden im beginnenden Wirtschaftswunder vor allem Urlaubsbusreisen gewann, war Teil einer Spedition, die die Brüder Vehar bereits auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise 1932 aus der Taufe gehoben hatten.

Doch der Name Max Vehar, der am 1. Oktober 1910 in Wien geboren wurde, ist nicht mit der Mülheimer Wirtschafts- sondern auch mit der Mülheimer Politikgeschichte verbunden. Der Mitbegründer der Mülheimer CDU war der bisher letzte Christdenokrat, der das Mülheimer Bundestagsmandat direkt gewinnen konnte. Das war bei der Bundestagswahl 1957, als die CDU mit ihrem Kanzler Konrad Adeneauer zum ersten und einzigen Mal die absolute Mehrheit gewinnen konnte.

In Mülheim reichte es dafür nicht, aber der CDU-Kandidat errang immerhin 45,5 Prozent der Stimmen und lag mit 844 Stimmen Vorsprung vor dem Sozialdemokraten Otto Striebeck. Seine Parteifreunde feierten den frischgebackenen Abgeordneten, der bereits seit 1952 dem Rat angehörte im Gesellenhaus mit dem Absingen des Deutschlandliedes.

Vehar wurde Bundespolitiker, blieb aber auch Kommunalpolitiker. In Bonn setzte er sich als Mitglied des Verkehrsausschusses für den Ausbau und gegen die Schließung des Speldorfer Eisenbahnausbesserungswerkes ein. Aber auch eine bessere Besoldung der damals noch schlechtbezahlten Lehrer sowie die Renten und die Deutschlandfrage standen auf seiner politischen Agenda.

Auf der Stadtebene übernahm Vehar 1956 den Fraktions- und 1960 den Parteivorsitz der CDU. Seiner Partei, die er als demokratisches Bollwerk "gegen jede radikale Strömung" ansah, schrieb er ins kommunalpolitische Stammbuch, dass es im Stadtrat, dem er selbst bis 1975 angehören sollte, "weder Regierung noch Opposition, sondern nur Mitverantwortung" geben könne.

Seine Tochter Monika Bräuker beschreibt ihren Vater als "extrem sozial" und seine Neffe Günter Vehar erinnert sich an ihn als "einen Gründertyp, der gerne immer wieder etwas neues anpackte". Obwohl Max Vehar seinen Erfolg von 1957 nicht wiederholen konnte, sollte er bis 1976 dem Bundestag angehören. Die Landesliste seiner Partei machte es möglich. Sein politisches und wirtschaftliches Lebenswerk wurde in den frühen 70er Jahren mit dem Ehrenring der Stadt und mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Wenige Tage vor seinem 82. Geburtstag ist Max Vehar am 25. September 1992 in Mülheim gestorben.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 1. Oktober 2010 in der NRZ

Montag, 4. Oktober 2010

Wie eine Mülheimerin in Frankfurt/Oder an einer Baustelle der Wiedervereinigung mitarbeitete


Am Vorabend des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung hatte ich Gelegenheit, mit Elisabeth Condipodaro Marchetta, die heute das Standesamt leitet, über ihren Einsatz in Frankfurt an der Oder zu sprechen.


Dort half sie von 1991 bis 1994 beim Aufbau des Jugendamtes. Den Hintergrund ihres ungewöhnlichen Dienstes bildet das Kooperationsabkommen zwischen NRW und Brandenburg, in dessen Folge Mülheim an der Ruhr und Frankfurt an der Oder Partner auf Zeit wurden. Denn mit dem Beitritt zur Bundesrepublik übernahmen die Länder der ehemaligen DDR auf das westdeutsche Verwaltungssystem.


Condipodaro half ihren ostdeutschen Kollegen vor allem beim Aufbau einer wirtschaftlichen Jugendhilfe. Wie berechnet man Unterhalt und Pflegesätze für die Unterbringung in einem Heim? Wie ermittelt man einen einkommensbezogenen Elternbeitrag für Kindertagesstätten? Wie baut man eine Akte auf ? Wie kann man Aufgaben innerhalb der Verwaltungshierarchie sinnvoll delegieren und wie eigenverantwortlich kann ein Verwaltungsmitarbeiter entscheiden? Solche und ähnliche Fragen bestimmten damals ihren Arbeitstag an der neuen deutschen Ostgrenze.


Wenn man Condipodaro heute nach ihrer Motivation fragt, warum sie ihren Arbeitsplatz über 600 Kilometer nach Osten verlagerte, spricht sie von ihrem Wunsch "mal etwas neues auszuprobieren" und von ihrer Familiengeschichte.


Der griechisch-italienische Name lässt nicht vermuten, dass Condipodaro aus einer deutschen Ost-West-Familie stammt. Der Vater kam aus Ostpreußen ins Ruhrgebiet, wo er die Mutter kennen und lieben lernte. Der Großvater und ein Vetter des Vaters lebte nach 1945 im Osten Deutschlands, in Thale, im Harz. So lernte Condipodaro schon als Kind bei Familienbesuchen im Harz den DDR-Alltag kennen. Leere Regale und lange Warteschlangen gehörten ebenso dazu wie eine ausgeprägte Nachbarschaftshilfe oder die Angst vor den regieden DDR-Grenzern, die mit ihrer Maschinenpistole ins Zugabteil kamen und die Koffer nach verbotenen Büchern, Zeitschriften oder technischen Geräten durchsuchten, die nicht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat ausgeführt werden durften.


Und dann kam der Mauerfall vom 9. November 1989. Condipodaro konnte es erst gar nicht glauben. Anders, als ihr Vater, hatte sie sich mit der deutschen Teilung abgefunden. Doch jetzt war sie froh, dass der Vater wieder problemlos in seine alte Heimat reisen konnte, die heute ein Teil Polens ist. Die Verwandten aus dem Harz waren jetzt öfter zu Besuch in Mülheim und kauften dem Vater mit ihrer neuen D-Mark seinen alten Audi ab.


Ihre Dienstzeit in Frankfurt/Oder hat Condipodaro in guter Erinnerung behalten, obwohl ihr die Ost-Kollegen erst mal misstrauisch begegnet waren und sie am ersten Tage gerne wieder heimgefahren wäre. Doch am Ende fand sie an der Oder nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Sie selbst spricht von einer Zeit, "in der ich sehr frei arbeiten und viel bewirken konnte."


Nachdem sie ihren Ost-Kollegen bewiesen hatte, dass sie nicht zur Fraktion der besserwisserischen Wessis zählte, nahmen diese ihren Rat gerne an. "Sie arbeiteten sehr engagiert, obwohl sie weniger verdienten, als wir aus dem Westen und neben ihrem Dienst auch noch Fortbildungslehrgänge besuchen mussten", erinnert sich Condipodaro voller Respekt an ihre Ost-Kollegen, die sie nie als "Jammer-Ossis" erlebte. Auch wenn sie selbst Zeugin der wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen in der ehemaligen DDR wurde, hat sie bei späteren Besuchen in Frankfurt/Oder immer wieder feststellen können, "dass dort viel Geld in die richtigen Kanäle geflossen ist."


Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 3. Oktober 2010 in der NRZ

Sonntag, 3. Oktober 2010

Wie Mülheim vor 20 Jahren die Deutsche Einheit feierte

Daran merkt man, dassman älter geworden ist. Plötzlich kann man sich an Ereignisse erinnern, die inzwischen zur Zeitgeschichte geworden sind. So ist das auch mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990.

Ich meine, es wäre erst vorgestern gewesen, dass ich zu den Mülheimern gehörte, die sich am 3. Oktober 1990 in der Kundenhalle der Sparkasse einfanden, um mit einem Festakt und einem anschließenden Volksfest auf dem Berliner Platz die neue Deutsche Einheit zu feiern. Das Jugendsinfonieorchester der Musikschule spielte das Deutschlandlied, bei dem alle mitsagen, und die Ode an die Freude aus Beethovens neunter Sinfonie.

Die musikalische Brücke zwischen der deutschen und der europäischen Hymne passte zu der internationalen Verantwortung des wiedervereinigten Deutschlands, die Oberbürgermeisterin Eleonore Güllenstern und NRW-Staatssekretär Hartmut Krebs an diesem Festtag in ihren Reden beschworen. "Wie viel weniger kostet die friedliche Widervereinigung Deutschlands als acht Tage Krieg." und: "Das Nationale muss immer dem Menschlichen untergeordnet werden", sagte Güllenstern damals.

Nach dem Festakt, bei dem Schauspieler vom Theater an der Ruhr literarische und philosophische Texte über Deutschland rezitierten, wurde auf dem Berliner Platz mit einem frischgezapften Bier auf die Einheit angestoßen, an deren Vollendung wir bis heute arbeiten.

Ein Text zu diesem Thema erschien am 2. Oktober 2010 in der NRZ

Dienstag, 28. September 2010

Ulrich Stockem möchte, dass sich an seiner neuen Schule etwas tut


Am Otto-Pankok-Gymnasium hat das neue Schuljahr mit einem neuen Schulleiter begonnen. Der 50-jährige Ulrich Stockem, der zuvor eine Gesamtschule in Duisburg führte, versteht sich selbst als "Entwickler". Seine neue Schule, an der zurzeit 54 Lehrer 800 Schüler unterrichten, möchte er so weiterentwickeln, dass sie neue Anziehungskraft entwickelt und wieder mehr als 1000 Schüler haben wird.

Stockem, der zuvor in Duisburg eine Gesamtschule geleitet hat, hält nichts von einer ideologischen Schuformdiskussion. "Es gibt in allen Schulformen gute und schlechte Schulen", weiß der Lehrer, der mit Chemie, Sport und Sozialwissenschaft, eine ungewöhnliche Fächerkombination studiert hat.

Im Laufe seines Pädagogenlebens hat er bereits in verschiedenen Schulformen unterrichtet. Eine private Wirtschaftsschule und eine Realschule gehören ebenso zu den Stationen seines beruflichen Werdeganges wie ein Gymnasium in Duisburg und die Gesamtschule in Saarn. Wie will er jetzt das Otto-Pankok-Gymnasium neu aufstellen und attraktiver machen?

Wie will er die Schule, an der der Maler und Bildhauer Otto Pankok anno 1911 seine Reifeprüfung ablegte, neu aufstellen? Während Stockem die Schule im musischen und kreativen Bereich gut aufgestellt sieht, möchte er einen neuen Unterrichtsschwerpunkt Wirtschaft aufbauen und den Fremdsprachenbereich um Spanisch erweitern. Und abseits des Stundenplans soll auch die Werteerziehung gestärkt werden.

Samstag, 4. September 2010

Wie hält man es in Mülheimer Krankenhäusern mit der Hygiene?


Wer in ein Krankenhaus geht, tut dies in der Hoffnung, dass er es gesund wieder verlassen kann. Doch die tragischen Todesfälle in der Universitätsklinik Mainz mahnen auch die Mülheimer Kliniken. Viren, Bakterien und Keime sind ein auf den ersten Blick unsichtbares, aber umso gefährlicheres Gesundheitsrisiko.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft bestätigt Schätzungen, wonach bis zu 800.000 der insgesamt 18 Millionen Patienten, die jährlich in einem deutschen Krankenhaus behandelt werden dort an Keimen, Bakterien und Viren erkranken. In bis zu 50.000 Fällen sind die Folgen dieser Erkrankung sogar tödlich.

Was tun? Die Hygiene beginnt sowohl im St. Marien-Hospital als auch im Evangelischen Krankenhaus, das jeährlich rund 20.000 Patienten stationär behandelt, mit der Desinfektion der Hände. Die entsprechenden Desinfektionsmittel, die nicht nur von Ärzten und Pflegekräften, sondern auch von Besuchern genutzt werden sollten, kommen Geräten, die an einen Seifenspender erinnern und inzwischen in fast allen Klinikräumen zu finden sind.

Im Marien-Hospital testet man derzeit ein von an der Fachhochschule Gelsenkirchen entwickeltes Handhygiene-Monitoring, mit dem die quantitative Nutzung des Desinfektionsmittels durch elektronische Sendesignale dokumentiert und so überwacht werden kann.

Im Evangelischen Krankenhaus orientiert man sich im Kampf gegen die Ausbreitung des multiresistenten MRSA-Erregers am Beispiel der Niederlande. Wie dort, werden alle stationär aufgenommenen Patienten einer Risikobefragung unterzogen. Patienten, die bereits einmal vom MRSA-Erreger befallen waren, Dialyse-Patienten sind, innerhalb der letzten zwölf Monate stationär in einer Klinik oder innerhalb der letzten sechs Monate mit Antibiotika behandelt worden sind, gehören zur Risikogruppe. Deshalb werden sie zunächst so lange von den anderen Klinikpatienten isoliert, bis ein Labortest nachgewiesen hat, dass sie keinen MRSA-Erreger in sich tragen.

Nach Angaben der Hygienebeauftragten des Evangelischen Krankenhauses, Gabriele Kantor und Hans Georg Knoob (Foto , liegt das Risiko, dort an Bakterien, Viren oder Keimen zu erkranken mit 1,5 Prozent im Bundesdurchschnitt. In zwei Drittel aller Fälle, so betonen sie, würden Keime, Bakterien und Viren allerdings durch Patienten oder Besucher von außen in die Klinik gebracht. Deshalb warnen sie Besucher auch davor, sich mit ihrer Straßenkleidung aufs Patientenbett zu setzen.

Von selbst versteht sich in beiden Mülheimer Krankenhäusern, die nicht nur über eigene Hygienebeauftragte verfügen, sondern sich auch regelmäßig Kontrollen des Gesundheitsamtes stellen müssen, dass vor der Benutzung von Infusionsdosen, Spritzen oder Operationsgeräten die Desinfektion beziehungsweise Sterilisierung steht.

Zu diesem Thema erschien am 24. August 2010 ein Beitrag in der NRZ

Freitag, 3. September 2010

Geschichten aus dem Nahverkehr: Wenn einer mit Bus und Bahn fährt, dann kann er was erleben


"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen", wusste schon der Dichter Matthias Claudius. Das gilt auch für die kleinen Reisen nach nebenan. Das erfuhr jetzt der Unternehmensberater Michael Kutz. Sein Büro an der Oberhausener Straße steuert er täglich mit der Straßenbahnlinie 112 an. Auch seinen Kunden, die ihn dort besuchen, empfiehlt er die Bahn. Denn die hält direkt vor der Haustür.

Doch in letzter Zeit hat seine Begeisterung für die Bahn gelitten. Und Kutz fragt sich, ob er die Straßenbahn noch guten Gewissens empfehlen kann. Verspätungen und fehlende Anzeigen oder Durchsagen sind ihm ebenso ein Ärgernis wie Fahrkartenstempelautomaten, die außer Betrieb sind. "Dafür sind wir nicht zuständig", hörte er immer wieder wenn er Fahrer oder Kontroleure der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) auf solche Missstände ansprach.



Doch als "Krönung" mangellender Servicekultur und Kundenorientierung empfand er die Ehrenrunde, die er kürzlich drehen musste, ehe er an seiner Ziel-Haltestelle Willy-Brandt-Schule aussteigen konnte. Obwohl er rechtzeitig den Halteknopf drückte, ließ der Fahrer ihn nicht aussteigen. Die Fahrt ging weiter und Kutz musste an der nächsten Haltestelle Landwehr aussteigen, um zurück zu fahren. Ärgerlich. Denn für den Unternehmensberater ist Zeit Geld.



Vom verantwortlichen Fahrer, bekam Kutz aber keine Entschuldigung, sondern nur ein gleichgültiges Achselzucken und eine abfällige Handbewegung als Antwort. Ist die MVG also Teil der Servicewüste Deutschland? Ihr Sprecher Jens Kloth verneint und bedauert den Vorfall. Die derzeit 260 Fahrer der MVG, so betont er, würden regelmäßig für einen freundlichen und deeskalierenden Umgang mit Fahrgästen geschult. Auch die Mitarbeiter der Leitstelle seien angewiesen, Verspätungen, elektronisch anzuzeigen oder per Lautsprecher durchzusagen.



Dass sich für Kutz die Straßenbahntür nicht öffnete, kann sich Kloth nur damit erklären, dass sich die entsprechende Elektronik durch häufigen gebraucht rasch abnutzt und schnell abnutzt. So könne es passieren, dass das Öffnungssignal nicht rechtzeitig im Bordcomputer des Fahrers angezeigt würde. Allerdings, so Kloth, würden alle Fahrzeuge mindestens einmal täglich gewartet, um sie bei Bedarf zu reparieren. Das gelte auch für die Fahrkartenstempelautomaten. Deren Farbbänder müssten aufgrund der starken Inanspruchnahme regelmäßig gewechselt werden. Im Zweifelsfall rät Kloth, sich sofort an den Fahrer zu wenden. Bleibt nur zu hoffen, dass man dann auf einen freundlicheren Kollegen im Führerstand trifft als zuletzt Michael Kutz. Aber das Leben ist eben eine Baustelle. Warum sollte es da beim Service in Bussen und Bahnen anders sein?

Ein Text zu diesem Thema erschien am 24. August in der NRZ

Sonntag, 29. August 2010

Porträt: Erich Rall ist ein Lobbyist für die Schwachen: Am 1. September feiert der Dümptener VDK-Vorsitzende seinen 80. Geburtstag


Wer ihn sieht, glaubt es nicht. Aber sein Pass dokumentiert es. Erich Rall wurde am 1. September 1930 geboren. Und das bedeutet, dass er in der kommenden Woche seinen 80. Geburtstag feiert. Längst könnte er seinen Ruhestand genießen. Stadessen organisiert er seit sechs Jahren das Vereinsleben des Dümptener Sozialverbandes VDK, lädt die über 400 Mitglieder zu Stammtischen, bei denen nicht nur die Geselligkeit gepflegt wird, sondern regelmäßig auch sozialpolitische und sozialrechtliche Themen besprochen werden.


Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Christel Bach organisiert er außerdem regelmäßig Ausflüge und Feste. Warum tut er das? Rall antwortet mit seinem Lebensmotto: "Anderen helfen, wo man kann. So fängt die eigene Freude an. Diese Freude gönnt er sich schon seit einigen Jahrzehnten.


Denn als Betriebsrat und Vertrauensmann hat sich Rall schon um die Belange seiner schwerbehinderten Kollegen gekümmert, bevor er 1983 zum Sozialverband VDK stieß, dessen Kreisvortand er später angehören sollte. Die Wurzeln seines Engagements findet man in seiner Biografie. Seinen ursprünglich erlernten Beruf als Bergmann musste Rall aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und sich 1967 noch einmal ganz neu orientieren und von der Zeche zur Drahtseilerei Kocks wechseln.


Auch mit seinen fast 80 Jahren engagiert sich Rall nicht nur beim VDK, sondern auch beim Deutschen Gewerkschaftsbund und in der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände für die Belange der Schwerbehinderten. Dieser Begriff führt eigentlich in die Irre. Das stellt Rall immer wieder fest, wenn er sieht das Arbeitnehmer mit Behinderung nicht selten ihre Handicap durch einen besonders ausgeprägten Einsatz am Arbeitsplatz mehr als wettmachen.


Deshalb ärgert sich der VDK-Mann auch darüber, dass so viele Unternehmen sich lieber durch eine Abgabe "freikaufen" statt, wie gesetzlich vorgesehen, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten zu besetzen und dafür sogar Fördermittel des Landschaftsverbandes Rheinland zu bekommen.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 26. August 2010 in NRZ und WAZ

Samstag, 28. August 2010

Vom Leben mit der Kohle. Rechtzeitig zum Siedlerfest gibt es eine neue Broschüre über den Alltag zwischen Mausegatt- und Kreftenscherstraße


„Wenn ein Mensch stirbt, verbrennt eine ganze Bibliothek“, sagt ein japanisches Sprichwort. Walter Schmidt, der seit 1954 in der ab 1899 errichteten Bergmannssiedlung Mausegatt/Kreftenscheer lebt, ist mit seinen 78 Jahren Gott sei Dank noch quicklebendig. Dennoch hielt der ehemalige Bergmann, der ab 1951 auf der Heißener Zeche Wiesche sein tägliches Brot verdiente, in dem er „Kohle machte“, jetzt die Zeit für gekommen, zusammen mit Birgit Schlegel vom Förderverein der Siedlergemeinschaft Mausegatt/Kreftenscheer seine eigenen und die ihm von alten Nachbarn überlieferten Erinnerungen an das Leben und den Alltag in der Heißener Bergmannssiedlung aufzuschreiben.Rechtzeitig zum Siedlerfest, das am 3. und 4. September gefeiert wird, ist mit finanzieller Unterstützung der Sparkasse eine reich bebilderte Broschüre entstanden, in der man auf 64 Seiten nachlesen kann, wie das damals war, mit dem Leben in der Colonie Wiesche, der Nachbarschaftshilfe, dem Kinderkriegen, den Freizeitvergnügen und Beerdigungen oder den Freundschaften, der Moral und dem harten Überlebenskampf in der Kriegs- und Nachkriegszeit.

Besonders gern berichtet Schmidt über die große Solidarität unter den Familien der nicht um sonst Kumpel genannten Bergleute, die vor allem dann zum Tragen kam, wenn Familien in Not gerieten, weil Vater oder Mutter krank und arbeitsunfähig waren. Noch heute kann sich Schmidt darüber ärgern, als wäre gestern gewesen, dass es christliche Bergbauunternehmer wie Stinnes und Thyssen zuließen, dass Bergmannsfamilien mit sechs und mehr Kindern in Häusern mit 55 bis 65 Quadratmetern Wohnfläche leben mussten.In diesem Zusammenhang staunt die Vorsitzende des Fördervereins des Fördervereins der Siedlergemeinschaft Mausegatt, Silke Lange, darüber, dass die Bergmannsfamilien trotz der Enge auch noch Kostgänger beherbergten, die im Bett des Bergmanns schliefen, während der unter Tage arbeitete.

Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld würdigte die neue Broschüre über das Leben in der Mausegattsiedlung bei deren Vorstellung als „eine wertvolle Dokumentation von Lokal- und Regionalgeschichte.“ Nach inzwischen zwei Broschüren über die Heißener Bergmannssiedlung wünscht sich Schmidt jetzt noch ein kleines Bergmannsmuseum zwischen Mausegatt- und Kreftenscheerstraße. Über sein eigenes Leben als Bergmann an der Ruhr sagt der in Basel geborene Schmidt, der eigentlich Koch und Konditor werden sollte: „Für mich war es trotz aller Härten immer auch ein Stück Freiheit.“

Dieser Text erschien am 26. August in NRZ und WAZ

Donnerstag, 26. August 2010

Wenn ein Foto zum Kunstwerk wird: Ein Gespräch mit dem Ruhrpreisträger Heiner Schmitz

Fotograf Heiner Schmitz lässt noch bis zum 9. September 26 seine archaisch starken Bilder in der Galerie der Sparkasse für sich sprechen, die 1997/98 in Israel, Palästina und Jordanien entstanden sind und unter dem Titel „Land der Vergegnungen“ das Problem der Wasserverteilung im Nahen Osten dokumentieren. Für die NRZ sprach mit ihm über seine Profession, die gestern mit dem Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet wurde.

Was macht ein Foto zum Kunstwerk?
Ein Foto soll den Betrachter reizen, das, was er sieht, weiterzudenken. Fotokunst geht immer über die korrekte handwerkliche Abwicklung hinaus. Sie sollte mehr sein als die Abbildung der Wirklichkeit und beim Betrachten immer zu einer gewissen Irritation führen. Als Fotograf will ich mit meinen Bildern eine Aussage betonen oder eine neue Aussage schaffen.

Welches Ihrer Fotomotive hat Sie nachhaltig beeindruckt?
Extrem wichtig sind mir meine ersten Portraitfotos, auf denen deutlich wird, dass die Portraitierten genau wissen, dass sie gerade fotografiert werden. Schnappschüsse haben mich nie interessiert. Im Gegenteil: Mich fasziniert wenn Fotograf und Modell durch die Arbeit zu einer Einheit werden.

Haben Sie dabei bestimmte Bilder im Kopf?
Ich denke da an Schwarz-Weiß-Portraits, die ich 1971 in Deia, dem Worpswede von Mallorca, von Künstlern und Lebenskünstlern gemacht habe. Ich habe eine Affinität zur Schwarz-Weiß-Fotografie. Sie schafft eine Abstraktion und man kann mit dem Kontrast aus Helligkeit und Dunkelheit bestimmte Motivausschnitte viel stärker betonen, wenn man die Farbe weglässt.

Hat die digitale Aufnahmetechnik die Fotografie verändert?
Die Arbeit mit Chemikalien bei der Fotoentwicklung fällt natürlich weg. Der eigentliche kreative Akt der Fotografie hat sich nicht verändert. Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass man schneller und spontaner arbeiten kann und vielleicht mehr drauflos fotografiert, weil man weiß, dass man bestimmte Dinge am Computer nacharbeiten kann, um die Qualität des Fotos sicherzustellen, während man früher beim analogen Fotografieren von vorneherein bestimmte Fehler vermieden hätte, um eine Wiederholung der Fotografie zu vermeiden. Inzwischen ist die digitale Fototechnik so ausgereift, dass sie eine technische Perfektion und Bildschärfe erreicht, die viele Fotografen gar nicht wollen, weil sie den Schmelz und die Körnigkeit der alten analogen Fotos vermissen, die deshalb inzwischen sogar digital wieder in die Bilder eingearbeitet werden.

Dieser Text erschien am 23. August 2010 in der NRZ

Mittwoch, 25. August 2010

Vor 65 Jahren wurde der von den Nazis entlassene Schulleiter Josef Brüggemann vom Bürgerausschuss wieder eingesetzt: Ein Schulbeispiel


Mein NRZ-Beitrag über den ersten Nachkriegsschultag am 6. August 1945 weckte bei Klaus Möltgen Erinnerungen an seinen Großvater Joseph Brüggemann. Denn der wurde am 21. September 1945 vom Bürgerausschuss, der von der britischen Militärregierung ernannten Stadtvertretung zum Leiter des staatlichen und des städtischen Gymnasiums bestellt, die man heute als Otto-Pankok- und Karl-Ziegler-Schule kennt.


Weil das staatliche Gymnasium damals noch weitgehend vom Krieg zerstört war, lernten die Schüler beider Gymnasien im ersten Nachkriegsschuljahr unter der Leitung Brüggemanns im städtischen Gymnasium an der Schulstraße. Dass die Schulleiterwahl auf Brüggemann fiel, obwohl der damals 66-jährige Pädagoge bereits pensioniert war, hatte nicht nur mit seinem guten Pädagogenruf, sondern auch mit seiner allgemein bekannten Gegnerschaft zum NS-Regime zu tun. Brüggemann, den sein Enkel Möltgen als "gütigen Großvater" in Erinnerung behalten hat, der ihm in seiner Wohnung am Kassenberg lieber Geschichten von Homer als deutsche Märchen erzählte, war ein christlicher Konservativer, dem das menschenverachtende Weltbild der Nazis von Anfang an zu wider war, was ihn nach 1933 immer wieder in Bedrängnis brachte und am 1. April 1944 in seiner Zwangspensionierung gipfelte.


Nach insgesamt 31 Schulleiterjahren, davon 19 am staatlichen Gymnasium, wurde er ohne die sonst obligatorische Dankesurkunde aus dem Dienst entlassen. Als Vorwand diente den braunen Machthabern eine "Schülermeuterei" in einem Erntelager. Um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen, schickten die Nazis Schüler ab 1940 in den Ernteeinsatz. So mussten auch Zehntklässler des staatlichen Gymnasiums im September 1942 bei der Kartoffelernte im norddeutschen Landkreis Falllingbostel helfen. Als sie sich dort gegen ihre menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen (feuchte Unterkünfte, zu lange Arbeitszeiten und zu wenig und schlechte Nahrung) auflehnten und auf ihre Rückkehr nach Mülheim pochten, kam es zum Eklat. Brüggemann ließ die Schüler in Aufsätzen ihre Sicht der Dinge darstellen. Obwohl die örtliche Leitung der Hitlerjugend sich vor Ort ein eigenes Bild machte und die Schilderungen der Jungen bestätigte, wurden sie zur Teilnahme an einem Wehrertüchtigungslager verurteilt, bei dem ein Schüler wegen unterlassener medizinischer Hilfe an den Folgen einer Darmverschlingung starb.


Weil sich der in seiner Ehre gekränkte Lehrer, der für das Desaster im Ernteeinsatz mitverantwortlich war, an die Schulaufsichtsbehörden wandte, wurde der Fall erneut aufgerollt und nun politisch gegen Brüggemann instrumentalisiert. Tatsächlich wollten die Machthaber den Pädagogen treffen, der sich immer wieder geweigert hatte, der NSDAP beizutreten und statt auf das Führerprinzip auf sein humanistisches Bildungsideal sowie auf mündige und mitbestimmende Schüler setzte. Seine aufgeklärten pädagogischen Ideen waren seiner Zeit viel zu weit voraus.


Ganz im Sinne der NS-Ideologie war aus dem staatlichen Gymnasium die Langemarckschule geworden, deren Name an eine Schlacht des Ersten Weltkrieges erinnerte. Obwohl Brüggemann in dem Industriellen Hugo Stinnes junior einen einflussreichen Fürsprecher hatte, der sich in einem Brief an den Reichserziehungsminister Rust für ihn und die beschuldigten Schüler einsetzte, wurde er gezwungen, im Oktober 1943 seine vorzeitige Pensionierung zu beantragen.

Die Wortführer der "Schülermeuterei" wurden der Schule verwiesen.


Immerhin war seine zweite Schulleiterernennung in Mülheim eine späte Genugtuung und Rehabilitation, die Brüggemann aber nur relativ kurz genießen konnte, da er bereits im März 1946 seinen Schulleiterdienst aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste und im November des selben Jahres an den Folgen einer Krebserkrankung starb. Zufall der Geschichte: Im Sterbemonat Brüggemanns, der zu den Mitgründern der Mülheimer CDU gehörte, konstituierte sich in der noch erhaltenen Aula des staatlichen Gymnasiums der erste frei gewählte Stadtrat der Nachkriegszeit. Und die Geschichte sollte weitergehen. Brüggemanns Enkel Klaus Möltgen sollte 1959 am ehemaligen Gymnasiums seines Großvaters das Abitur machen, wie dieser Pädagoge und später unter anderem als Kreispartei- und Fraktionsvorsitzender in der CDU politisch aktiv werden.


Dieser Text erschien am 19. August 2010 in der NRZ

Dienstag, 24. August 2010

Der Sternlauf der Religionen endet am 29. August mit einem Fest in der Müga

Wenn für die eigene Mannschaft auf dem Rasen gar nichts mehr läuft, schickt mancher Fußballfan ein Stoßgebet gen Himmel. Und es gibt Fußballspieler, die sich vor dem Anpfiff oder nach einem Torschuss bekreuzigen. Doch was haben Sport und Religion abseits solcher Glaubensgesten miteinander zu tun?

Der Präsident des Landessportbundes, Walter Schneeloch und der Vorsitzende des Landesarbeitskreises Kirche und Sport, Friedhelm Kreiß, sind sich in der Antwort einig: Dem Sport gehe es wie den Religionen, so sagen sie, um die Vermittlung von Werten wie Fairness, Solidarität, Frieden und Integration. Beide bringen es aus ihrer Perspektive auf den Punkt: "Sport ist mehr als 1:0", betont LSB-Präsident Schneeloch. Und Kirchenmann Kreiß betont: "Uns geht es um die Ganzheit von Leib und Geist. Denn Kirche ist mehr als das Amen nach dem Gottesdienst."Auf dieser geistigen Brücke entstand die Idee, sich im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 mit einem Sternlauf der Religionen "gemeinsam auf den Weg zu machen."

Ziel dieses Laufes, zu dem Organisator Norbert Koch 2000 bis 3000 Teilnehmer aus allen Religionen und Städten der Region erwartet, ist am 29. August die Müga. Zu Fuß, auf dem Rad, per Boot, auf Rollerskates und Sommerskiern werden sich die Teilnehmer der Müga nähern, wo von 13 bis 19 Uhr ein großes Familienfest mit Spiel, Sport und Musik gefeiert wird.Mit dabei ist zum Beispiel der Kölner Jugendchor St. Stephan. Das Vorbeikommen lohnt sich. Vorbeikommen wollen auch Weihbischof Ludger Schepers, LSB-Präsident Schneeloch und vielleicht Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die sich mit anderen prominenten Teilnehmern des Sternlaufes um 14 Uhr am Wasserbahnhof auf den Weg zur Müga machen.

Aber da es an diesem Tag ja nicht nur um Sport, sondern auch um Religion geht, beginnt um 16 Uhr auf der Müga-Drehscheibe eine interreligiöse Feier mit Vertretern der christlichen, jüdischen und islamischen Religionsgemeinschaften. Sie werden miteinander und zusammen mit den Besuchern für das beten, was alle Religionen vereint: der Wunsch nach Frieden.Dazu passt auch der spektakuläre Einsatz der Fallschirmstaffel NRW, die vom Himmel hoch kommend in der Müga landet, um die Friedensbotschaft in Form eines Sterns zu bringen, den geistliche Würdenträger mit Jugendgruppen zur Müga-Drehscheibe eskortieren werden. Bei der interreligiösen Feier werden denn auch nicht nur Geistliche sprechen, sondern auch Jugendliche berichten, warum sie sich in ihrer Religion zu Hause fühlen.

Dieser Text erschien am 20. August 2010 in der NRZ

Was Sport und Kirche voneinander lernen können: Ein Gespräch mit Pfarrer und Tischtennisspieler Wolfgang Sickinger


Wer könnte fachkundiger über die Zusammenhänge von Sport und Religion Auskunft geben als Pfarrer Wolfgang Sickinger, der in seiner Freizeit beim TSV Heimaterde oder zuletzt beim Ruhr-2010-Stilleben auf der A 40 Tischtennis spielte. Für die NRZ befragte ich ihn zum Doppelpass zwischen Sport und Religion.

Was können Pfarrer von Sportlern lernen und umgekehrt?
Von Sportlern können wir als Pfarrer die Konzentration auf ein Ziel lernen: wie Sportler einen Wettkampf, ein Turnier, ein Spiel gewinnen wollen und sich dafür vorbereiten. So könnten Pfarrer mit der Gemeinde oder für ein Projekt gezielt auf ein Ergebnis hinarbeiten und versuchen, dafür die Voraussetzungen zu schaffen, so weit das möglich ist. Gemeinsam Ziele erreichen zu wollen ist auch in der Kirche sinnvoll. Umgekehrt könnten Sportler von Pfarrern lernen, dass Fitness und Pokale nicht das Wichtigste im Leben sind. Jesus sagt: Was würde es dem Menschen helfen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

Tun Leibesübungen auch der Seele gut?
Eindeutig ja: Bewegung an frischer Luft, sportliche Aktivität, ein erfolgreicher Wettkampf können zum seelischen Gleichgewicht beitragen, nicht allein, aber als eine Ursache von mehreren.

Kann Sport zu einer Ersatzreligion werden?
Leider ja. Das sieht man an Auswüchsen mancher Fußballfans im Ruhrgebiet. Bettwäsche in den Vereinsfarben kann ich noch verstehen, aber wenn ich auf dem Friedhof auf einem Grabstein ein Vereinsabzeichen sehe und sonst nichts, wäre mir als Ausdruck der Hoffnung über den Tod hinaus ein Kreuz oder ein Bibelwort einleuchtender. Schalke oder BVB können mich als Fan zwar zum Jubel über die Meisterschaft bringen, aber nicht in den Himmel. Es ist interessant, dass es in 14 Bundesligastädten christliche Fußball-Fan-Vereinigungen gibt, die im Stadion ihren Verein anfeuern, aber auch vom Glauben an Gott erzählen können und Gewalt und übermäßigen Alkoholkonsum ablehnen.

Dieser Text erschien am 20. August in der NRZ

Sonntag, 22. August 2010

Wo und wie der Mensch und seine Kollege Computer eine zweite Chance bekommen


Ruhestand. Manche Menschen nehmen ihn wörtlich und wollen als Rentner in Ruhe gelassen werden. Die 180 in dem 2005 gegründeten Netzwerk der Evangelischen Kirchengemeinde Saarn aktiven Ruheständler lassen es zwar auch ruhig angehen, sind aber weiter offen für neue Menschen, neue Aktivitäten und neue Ideen. Gemeinschaft und Engagement werden ganz unspektakulär gepflegt und entfalten so ihren menschlichen Mehrwert.


So machen auch die Computer-Cracks, die ihre Netzwerkgruppe vor fünf Jahren aus der Taufe hoben, ihr gemeinsames Hobby für andere Menschen fruchtbar, indem sie zum Beispiel im Gemeindezentrum der Christuskirche am Lindenhof Computerkurse für Senioren anbieten oder bei ihrem wöchentlichen Treff, jeweils mittwochs von 11 bis 13 Uhr, gerne Fragen rund um Hardware und Software beantworten. Von ihrer neuesten Idee, alte Computer mit Festplatten, Soundcards und Co neu aufzurüsten, um sie dann Menschen zu spenden, die einen Computer brauchen, aber nicht bezahlen können, kam jetzt als erstes den Bewohnern im Haus Engelbert, das zur Selbecker Fliednerstiftung gehört, zugute.


Die Idee funktioniert natürlich nur dann, wenn die Netzwerker ausgediente Rechner und entsprechendes Zubehör gespendet bekommen, das sie aufarbeiten können. PC-Netzwerker Werner Rausch hatte das Glück des Tüchtigen. Er bekam von seinem ehemaligen Arbeitgeber. der nicht genannt werden möchte, fünf pensionierte „Computer-Kollegen“ zur Wiederverwendung. Mit frischer Festplatte und neuer Soundkarte ausgerüstet konnten Rausch und seine Netzwerk-Kollegen Rudolf Eschenberg, Andrea Ruckelshaus und Gemeindediakonin Ragnhild Geck sie im Haus Engelbert abliefern. So wie die alten Computer dort eine zweite Chance bekommen, so bereiten sich auch die derzeit 32 Menschen mit einer Suchtkrankengeschichte auf ihre zweite Chance für ein selbstständiges Leben ohne Suchtmittel vor.


„Wenn wir unsere Bewohner für das ganz normale Leben draußen fit machen wollen, dann schließt das natürlich auch den Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln wie Computer und Internet ein“, betont der Leiter des soziotherapeutischen Zentrums, Dieter Bork. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, bietet Gruppenleiter und EDV-Fachmann Holger Kischel für die Bewohner von Haus Engelbert regelmäßig Kurse im Seminarhaus der Fliednerstiftung an.Einer der seiner Kursteilnehmer, der 41-jährige Erik M., der den ersten Netzwerk-Computer in Empfang nahm, steht mit seiner Leidensgeschichte, zu viel Arbeit und zu viel Stress, die in einer Alkoholabhängigkeit und Angststörungen mündeten, für eine wachsende Zahl gerade jüngerer Menschen, die nach einem klinischen Entzug „trocken“ sind und jetzt im Haus Engelbert neue Kräfte, neue Einsichten und neues Selbstbewusstsein für den Neustart in die persönliche Selbstständigkeit tanken. Den alte neuen Kollegen Computer empfindet Erik dabei als nützlichen Motivationsschub auf seinem Weg zurück ins Berufsleben.


Wer die Computer-Doktoren des Saarner Netzwerks mit einer Sachspende, vom Rechner bis zur Festplatte oder ganz persönlich unterstützen will, kann sich unter  48 91 20 mit Werner Rausch in Verbindung setzen. Internetinformationen zum Haus Engelbert gibt es unter der Adresse: http://www.engelbert.fliedner.de/


Dieser Text erschien am 19. August 2010 in NRZ und WAZ