Freitag, 23. April 2010

Rat und Hilfe für das Leben im Alter: Ein Besuch bei der städtischen Seniorenberatung, die sich bei der Seniorenmesse Ruhr vorstellte


Wenn es stimmt, dass Alt werden nichts für Feiglinge ist, wie es die amerikanische Schauspielerin Mae West einmal formulierte, dann ist Heinz Laufenburg ein sehr mutiger Mann. Der 75-jährige kümmert sich um seine schwer pflegebedürftige Frau, obwohl er selbst schwer pflegebedürftig ist. Auf der Seniorenmesse Ruhr schaut er an diesem Sonntag im Forum am Stand der städtischen Senioren- Pflege und Wohnberatung vorbei. Dort trifft er auf einen alten Bekannten. Der Berater Jorge Escanilla-Rivera kennt Laufenburgs Lebensgeschichte vom Alt werden und den damit verbundenen Herausforderungen und Zumutungen aus vielen Gesprächen. Weil Laufenburg ins Krankenhaus muss und sich nicht um seine Frau kümmern kann, hat ihm Escanilla-Rivera für sie einen Pflegeplatz im Engelbertusstift organisiert.Dafür ist ihm Laufenburg dankbar, auch wenn die monatlichen Zuzahlungen seine Rente von 1400 Euro bei weitem überschreiten. Jetzt muss das Ersparte seiner Frau für die Pflege herangezogen werden, ehe das Sozialamt einspringt und die Kosten übernimmt, die die Pflegeversicherung nicht abdeckt.Doch Laufenburgs Geschichte vom Altwerden, die für viele steht, geht weiter.

Weil er selbst gesundheitlich stark angeschlagen ist, denkt er jetzt selbst über den Einzug in ein Altenheim nach. Doch dort einen Platz zu bekommen, ist gar nicht so einfach, wenn man, wie er, noch keine Pflegestufe hat und eigene finanzielle Mittel begrenzt sind. „So lange man sich noch selbst waschen kann, bekommt man auch keine Pflegestufe“, weiß Laufenburg zu berichten. Deshalb hat er dem Seniorenberater von der Stadt jetzt eine Vollmacht für alle Behördengänge erteilt, damit dieser ihm dabei hilft, eine Pflegestufe zu beantragen. „Ohne Pflegestufe gibt es keine Zusage für die Kosten einer Heimunterbringung“, erklärt Escanilla-Rivera.Der Berater hat es in seinen Sprechstunden und auch bei der Seniorenmesse immer wieder mit Menschen zu tun, die vor der Frage stehen, ob sie sich einen Pflegeplatz für Angehörige überhaupt leisten können.

Mit dem Hinweis, dass das Thema Zuzahlungen erst bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 3600 Euro greift und selbst dann zum Beispiel Ausbildungskosten für Kinder, berufsbedingte Aufwendungen oder auch Schulden angerechnet werden, relativiert er diese Ängste und rät in jedem Fall den Betroffenen erst einmal eine individuelle Beratung und Berechnung in Anspruch zu nehmen. „Natürlich hat eine Pflege zu Hause immer Vorrang. Ein Umzug ins Pflegeheim kommt nur dann in Betracht, wenn sie für die Betroffenen eindeutig mit einer höheren Lebensqualität verbunden ist“, betont Escanilla-Rivera.So dreht sich für ihn und seine Kollegen ein Großteil ihrer Beratungsgespräche darum, wie man mit hauswirtschaftlichen Hilfestellungen, ambulanten Pflegediensten oder dem barrierefreien Umbau der eigenen Wohnung möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben kann.

Muss ein Treppenlift oder eine Rampe eingebaut werden? Müssen Türen rollstuhlgerecht verbreitert werden? Wie kann ein Badezimmer durch eine ebenerdige Duschzelle oder einen Wannenlift barrierefrei gemacht werden?Ob die Kosten auch dafür von der Krankenkasse oder dem Sozialamt übernommen werden können, hängt von den persönlichen Vermögensverhältnissen der Betroffenen und davon ab, ob sie zum Beispiel eine Pflegestufe haben oder eine 100-prozentige Schwerbehinderung nachweisen können.Dass die meisten Menschen lieber zu Hause als in einem Heim alt werden wollen, sieht Sozialdezernent Ulrich Ernst daran, dass die Verweildauer in den städtischen Altenheimen oft nur noch wenige Monate beträgt, weil immer mehr Menschen erst im Schwerstpflegefall und kurz vor ihrem Lebensende den Weg dort hin finden. Ernst und Escanilla-Rivera sind sich einig, dass die Wirklichkeit in den Altenheimen besser ist als ihr Ruf.

„Es ist dort auch mit Hilfe von Ehrenamtlichen viel getan worden, etwa durch kulturelle Angebote oder auch durch den Umbau von Stationen in Wohngruppenbereiche, um die Lebensqualität der Bewohner zu verbessern“, betont Ernst.Gleichzeitig sehen der Seniorenberater und der Sozialdezernent eine zentrale Herausforderung darin, durch die Verknüpfung haupt- und ehrenamtlicher Kräften neue Netzwerke zu schaffen und alte, von der Kirchengemeinde bis zur Altentagesstätte wiederzubeleben, um die soziale Infrastruktur zu schaffen, die ein selbstbestimmtes Leben im Alter erst möglich macht. Sei es in den eigenen vier Wänden, einer Altenwohnung mit ambulanter Pflegebetreuung, in einer Alten-Wohngemeinschaft oder, wie es sich die 59-jährige Messebesucherin Marlies Wetzel, wünschen würde, in einem Mehrgenerationenhaus, in dem Alt und Jung unter einem Dach leben und sich gegenseitig helfen könnten. Zukunftsmusik!

Weitere Informationen finden ratsuchende Senioren beim Seniorenberater Jorge Escanilla-Rivera im Sozialamt an der Viktoriastraße 26-28 unter der Rufnummer: 0208/455-50 07.

Dieser Text erschien am 19. April in der NRZ.

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