Freitag, 9. April 2010

So gesehen: Ist das Leben eine Schlangengrube? oder: Kein Kobra-Alarm mehr an der Kleiststraße

Kulturpessimisten haben es immer schon geahnt. Unser Leben ist nicht nur eine Baustelle, sondern auch noch eine Schlangengrube, in der jeder jedem sein Wolf ist, um im tierischen Sprachbild zu bleiben.

Fast drei Wochen hat eine 30 Zentimeter lange Kobra die Bewohner eines Mehrfamilienhauses an der Kleiststraße in Atem gehalten . Dabei denkt man bei der Heimaterde, in der die Kleiststraße gelegen ist, so gar nicht an Schlangengrube, sondern an eine Dorfidylle, in der die Welt noch in Ordnung ist.

Denkste. Ausgerechnet hier brachte ein junger Mann seine Mitbewohner in äußerste Gefahr und Feuerwehr, Ordnungsamt und Technisches Hilfswerk mächtig auf Trab, in dem er seine Wohnung freiwillig in eine Schlangengrube verwandelte.

Da fällt mir unser alter Hausmeister, Gott hab ihn selig ein, dem partout kein Vierbeiner ins Haus kommen durfte, weil er fürchtete, dass unser Haus sonst auf den Hund käme. Was er wohl sagen würde, wenn er den dreiwöchigen Kobra-Alarm an der Kleiststraße noch miterlebt hätte. Sicher hätte er sich, wie von der Tarantel gestochen, tierisch darüber aufgeregt.

Doch so ändern sich die Zeiten. Früher hat man sich darüber aufgeregt, wenn jemand einen Vogel hatte. Heute ist man als jemand, der als Haustierhalter nie über Goldhamster und Wellensittich hinausgekommen ist, schon dankbar, wenn er nur einen Vogel und keine Meise hat. Die gute Nachricht: Die hochgiftige Schlange an der Kleiststraße ist tot. Sie ist Feuerwehr und Ordnungsamt gestern auf den Leim gegangen, in dem sie auf einem als Fangvorrichtung ausgelegten Klebstreifen hängen bleib und dort buchstäblich auf der Strecke blieb.

Die schlechte Nachricht: Auch weiterhin wird uns so manche falsche Schlange über den Weg laufen. Vielleicht sollte uns die Schlangenjagd an Kleiststraße, die nach Schätzungen der Stadt Folgekosten von rund 100.000 Euro heraufbeschworen hat, ja zeigen, dass unser Alltag nur dann keine lebensgefährliche Schlangengrube wird, wenn wir das einzig heilsame Gegenmittel parat haben: Mehr Menschlichkeit und zumindest ein bisschen gesunden Menschenverstand.

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