Mittwoch, 7. Juli 2010

Ein Gespräch mit dem Fußballfachmann Axel Benzinger über den Mehrwert und die Baustellen eines Volkssportes


Während der Weltmeisterschaft in Südafrika sprechen alle über Fußball. Ich auch. Für die NRZ fragte ich den Fußballfachmann Axel Benzinger nach dem sozialen Mehrwert und den Baustellen, die der Fußball auch in Mülheim hat.


Warum sollte man Fußball spielen?

Fußball ist ein Teamsport. Da kann man lernen, auch mit Menschen zu spielen und zu arbeiten, die man vielleicht nicht mag, aber die man neben sich duldet. Das Schönste im Fußball sind aber die Freundschaften, die man gewinnen und ein Leben lang behalten kann. Das habe ich meinen Kindern vorgelebt und auch allen Jugendlichen und Senioren gesagt, die ich trainiert habe.


Warum fasziniert Fußball so viele Menschen?

Das hat mit seiner starken Medienpräsens zu tun und damit, dass sich Menschen mit einem Verein oder einer Nationalmannschaft identifizieren können. Das gilt nicht nur für die Bundesligaclubs, sondern auch für Mülheim, wo etwa der VfB Speldorf eine große Fangemeinde gewonnen hat. Schon bei den Bambinis schweißt Fußball die Menschen zusammen, weil man gemeinsam Siege und Niederlagen erleben kann.


Rechtfertigt diese Anziehungskraft auch in Zeiten leerer öffentlicher Kassen einen millionenschweren Umbau des Ruhrstadions?

In einer Stadt mit 170 000 Einwohnern muss es ein kleines und repräsentatives Stadion geben. So wie es auch ein repräsentatives Schwimmbad oder andere sportliche und kulturelle Einrichtungen geben muss. Dabei ist es egal, ob dort der VfB oder ein anderer Verein spielt.


Was haben die Bürger davon?

Das Ruhrstadion ist Gott sei Dank mit Kunst- und nicht mit Naturrasen ausgelegt worden. So wird es das ganze Jahr über nicht nur für den VfB Speldorf, sondern auch für Schulen und Jugendmannschaften bespielbar sein. So gerne ich den Sportplatz am Blötter Weg hatte. Er reicht für die NRW-Liga mit so prominenten Mannschaften wie Rot Weiß Essen oder Bayer Uerdingen nicht mehr aus. Ich gehe davon aus, dass dort in Zukunft mehr Zuschauer sich die Spiele des VfB Speldorf ansehen werden.


Kann Fußball ein Lehrmeister der Jugend sein?

Es geht beim Fußball vor allem um Spaß und Bewegung. Und da haben wir bei unseren Kindern noch einigen Nachholbedarf. Besonders erfreulich ist, dass immer mehr Mädchen in die Vereine drängen. Der Mädchenfußball ist heute auf dem Vormarsch. Fußball ist heute nicht mehr nur ein Jungensport.


Viele Fußballprofis haben das Kicken auf der Straße gelernt. Das ist für die meisten Kinder heute nicht mehr möglich.

Das ist ein echtes Problem. Deshalb ist es gut, dass die Stadt und der Deutsche Fußballbund verstärkt kleine Kunstrasenplätze wie zum Beispiel an der Boverstraße eingerichtet haben. Der Mülheimer Sportservice hat mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket des Bundes kleine Kunstrasenplätze in Mintard und Heimaterde bauen können. Auch in unserer Fußballhalle erlebe ich immer wieder, wie gerne Jugendliche Fußball spielen, die es auf der Straße nicht mehr können, weil das unsere Verkehrsgegebenheiten nicht mehr zulassen.


Sind Fußballer noch Vorbilder?

Die Profifußballer müssen sich bewusst sein, dass sowohl ihre üblen Fouls als auch ihre Schwalben leider dazu führen, dass es gerade im Jugendfußball Nachahmer gibt. Das kann man nicht oft genug anprangern. Ich schaue mir oft Jugendspiele an und bin schockiert, wenn ich Spiele im Bereich von Acht- bis Zwölfjährigen sehe, wo es zu Eklats, Schlägereien und Spielabbrüchen kommt. Dann frage ich mich schon, inwieweit der Fußball da schon im unteren Bereich Fehler macht.


Wie kann man dagegen wirken?

Man kann nur durch gut aufgestellte Jugendabteilungen dagegen wirken, also durch ausgebildete Trainer, die auch in der Lage sind, Einfluss auf die Eltern zu nehmen. Denn die Aggressivität geht nicht von den Kindern aus, sondern wird von außen durch übermotivierte Eltern und Trainer in die Spiele hineingetragen.

Zur Person:

Der im NRW-Sozialministerium tätige Landesbeamte Axel Benzinger (61) war über 30 Jahre als ehrenamtlicher Fußballtrainer: bei TUS Union 09, Rot Weiß Mülheim, MSV 07 und TSV Heimaterde aktiv. Zwischenzeitlich leitete er auch die Fußballfachschaft des Mülheimer Sportbundes und gehörte zu den Initiatoren des Jugendfußballtages. Seit Oktober ist er nebenberuflich Mitbetreiber einer Fußballhalle. Viele Mülheimer kennen Benzinger auch durch seine ehrenamtliche Vorstandsarbeit im Städtepartnerschaftsverein, wo er sich um die Finnlandkontakte kümmert.


Dieser Text erschien am 3. Juli 2010 in der NRZ

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