Donnerstag, 22. Juli 2010

Vor 60 Jahren beschrieben der englische Journalist Frank Feldman und seine deutsche Frau Lilo in der NRZ, wie sie Mülheim erlebten


Manchmal liegen die Geschichten auf der Straße. So geht es NRZ-Redaktionsleiter Günter Heubach, vor 60 Jahren im Juli 1950, als er auf der Straße einen jungen Mann in die Lektüre seiner Zeitung vertieft sieht und ihn im Vorbeigehen "Not bad" ("Nicht schlecht!") murmeln hört. Die Beiden kommen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass der junge Mann Frank Feldman heißt und ein englischer Zeitungskorrespondent ist, der mit seiner deutschen Frau Lilo, die ebenfalls als Journalistin arbeitet, das Ruhrgebiet besucht und dabei für einige Tage auch in Mülheim Station macht, um mit seinen eigenen Augen zu sehen, wie sich die ehemalige britische Besatzungszone weiterentwickelt hat. "Frank Feldman überzeugt sich immer selbst an Ort und Stelle, bevor er einen Bericht darüber schreibt", stellt Heubach den 28-jährigen Journalisten seinen Lesern vor.


Feldman habe seine Laufbahn, so Heubach, 1943 bei der Nachrichtenagentur Reuters begonnen, ehe er als freier Korrespondent für Zeitungen in England, USA, Kanada und Australien zu schreiben begann. Für die NRZ-Leser beschreiben Frank- und Lilo Feldmann ihre englische Sicht auf das Mülheim im sechsten Nachkriegssommer. Mit den Mülheimern ins Gespräch zu kommen, ist für das in England lebende Journalistenpaar kein Problem. Denn Deutsch ist seine Muttersprache. Feldmans Wiege stand in Wien. Engländer wurde er erst nach der Flucht aus Nazi-Deutschland im Jahr 1938.

Frank Feldman räumt in seinen Berichten für die Mülheimer NRZ ein, dass das Ruhrgebiet in den Augen seiner englischen Landsleute immer noch als Hitlers ehemalige Waffenschmiede gesehen wird. Umso mehr ist er überrascht, in Mülheim eine "Oase ohne Staub und erstickenden Rauch" zu sehen, die in seinen Augen mit "blühenden Gaben der Natur" ausgestattet sei. Als ausgesprochen verwunderlich empfindet es der englische Journalist, dass Mülheim trotz "der reizvollen Landschaft" und "reicher Schätze der historischen Überlieferung" keinerlei Anstrengungen unternehme, um Touristen anzulocken. Schloss Broich und Kloster Saarn liegen damals noch im Dornröschenschlaf.

Bei einer entsprechenden Werbung, so glaubt Feldman, würden sich vor allem Engländer für das Reiseziel Mülheim begeistern lassen. Und der englische Korrespondent schlägt die Brücke vom Tourismus zur Politik, wenn er drei Jahre vor der Begründung der ersten Mülheimer Städtepartnerschaft mit dem englischen Darlington feststellt: "Wie gut wäre es um das Verstehen unserer beiden Völker bestellt, wenn auch dem kleinen Mann in England die Möglichkeit gegeben würde, selbst an Ort und Stelle ermessen zu können, mit welchen Schwierigkeiten man hier zu kämpfen hat, um wieder zu früherem Wohlstand zu kommen."
Überrascht ist Feldman auch davon, "dass eine Stadt wie Mülheim kein eigenes Theater besitzt, während andererseits seine gepflegten Lokalitäten einen nicht abzuleugnenden Reiz ausüben." Die Stadthalle ist damals noch eine Kriegsruine, die erst sieben Jahre später im neuen Glanz erstrahlen wird. Und bis zum Theater an der Ruhr sind es noch gut 30 Jahre. Damals muss vor allem der Altenhof als Kulturtempel herhalten.

Dennoch sind die Feldmans, die an der Schloßstraße Quartier nehmen, vom städtischen Flair Mülheims begeistert. Ihren Bummel über den Rathausmarkt beschreibt Lilo Feldman als "wunderbar." Wohltuend fällt ihr auf, dass in der Stadt kein Geschäft geschlossen sei und man auch nachmittags, anders, als in England, überall problemlos einkaufen könne. Ihr Ehemann lobt derweil die "vollen Fenster der verschiedentlich sehr ansprechend dekorierten Geschäfte", vermisst aber sein deftiges englisches Frühstück. Ihren morgendlichen Blick auf die Schloßstraße, die damals noch 25 Jahre von der Fußgängerzone entfernt ist, beschreibt Frau Feldman im Juli 1950 so: "Die Straßenbahnen singen vorbei. Die Lastautos rattern vorüber. Scharen von Menschen versuchen mit dem Rad, mit der Straßenbahn oder zu Fuß ihr Arbeitsziel zu erreichen." Was sie im Vergleich zu ihrer englischen Wahlheimat daran verwundert, ist, dass die Büros und Geschäfte schon am frühen Morgen öffnen und auch im Rathaus damals am Samstagvormittag noch gearbeitet wird, während man in Großbritannien 1950 schon die Segnungen der Fünf-Tage-Woche genießt.


Einig sind sich Frau und Herr Feldman auch, dass sich die Mülheimer Hausfrauen anno 1950 wesentlich mehr Mühe mit der Zubereitung der Mahlzeiten machen als ihre britischen Kolleginnen. Das Journalistenpaar aus England bescheinigt den zahlreichen Mülheimer Restaurants, Gartenlokalen und Kaffeehäusern "eine anheimelnde Gemütlichkeit" wie man sie im Vereinigten Königreich nicht antreffe. Lilo Feldmann genießt einen Ausflug mit der Weißen Flotte, die damals bereits im 23. Jahr über die Ruhr schippert, wundert sich aber, dass der Flughafen im 25. Jahr seines Bestehens geschlossen sei. "Stewardess wäre doch ein schöner Beruf für die hübschen Mülheimerinnen, wenn das deutsche Flugwesen wieder eingerichtet wäre," ist Frau Feldmann damals überzeugt. Sicher hätte sie sich über die heutige Aussicht auf eine Schließung des Flughafens gewundert.

Nette Menschen, diese Mülheimer", resümiert Lilo Feldman über ihre Gastgeber und ihr Mann Frank nimmt von Mülheim im Juli 1950 den Eindruck eines "idealen Großstädtchens" mit nach Hause ins Vereinigte Königreich.


Dieser Text erschien am 22. Juli 2010 in der NRZ

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