Samstag, 30. Januar 2010

Töne, Texte, Temperamente: Was die Nord-Pfarrei St. Barbara im Kulturhauptstadt-Jahr auf die Beine stellt


Die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 ist nicht entrückt. Sie geht direkt vor der Haustür im Stadtteil über die Bühne, zum Beispiel in den Gemeinden der katholischen Nord-Pfarrei St. Barbara. Den Auftakt macht hier die Aufführung des von Thomas Gabriel komponierten Oratoriums „Simeon." Erzählt wird die biblische Geschichte des greisen Simeon, der im Tempel das Jesus-Kind als Erlöser erkennt Die Aufführung, an der rund 150 Musiker und Sänger mitwirken, beginnt um 20 Uhr in der Auferstehungs- und Urnenkirche Heilig Kreuz an der Tiegelstraße 100. (Foto) Deren Altarraum wird am kommenden Dienstag zur Bühne, auf der der Kirchenmusikdirektor des Ruhrbistums, Stefan Glaser, zwei Chöre, mehrere Solisten, ein Orchester und eine Band dirigieren wird. Eintrittskarten erhält man vor Ort an der Abendkasse für zwölf Euro. Ermäßigte Personen zahlen nur sechs Euro. Pfarrer Manfred von Schwartzenberg versteht das musikalische Großereignis als Geburtstagsgeschenk für die vor einem Jahr eröffnete Urnenkirche, die nicht zum ersten Mal zum Kulturraum wird und deshalb im Rahmen von Ruhr 2010 als eine von 52 spirituellen Kulturtankstellen des Bistums auserkoren wurde.


Warum eignet sich die Dümptener Gottesdienst- und Begräbnisstätte auch als kultureller Veranstaltungsort? Von Schwartzenberg sieht es so: „Kirche und Kultur begegnen sich hier, wo es um Sichtweisen des menschlichen Lebens, menschliche Befindlichkeiten und die Urfrage des Menschen geht: Woher komme ich und wohin gehe ich?" Von eben dieser Frage lassen sich auch der Mülheimer Manfred Wrobel und seine ebenfalls aus der Region kommenden Autorenkollegen Angelika Stephan, Antonia Henning-Zylinski, Michael Pilath, Evelyn Goßmann, Irmgard Lobach und Katarina Niksic inspirieren. Sie lesen am 6. Februar von 16 bis 20 Uhr in Heilig Kreuz ihre Gedichte, Kurzgeschichten und Aphorismen über das existenziellste Thema, das es gibt: Leben und Tod. Musikalisch begleitet werden sie bei ihrer Lesung vom Solo-Gitarristen Mitchel Summer und der Sängerin Sabine Fenner. „Auch wenn sie nebenberuflich schreiben, handelt es sich um ausgesprochen professionelle Autoren, die auch schon mehrfach bei Verlagen veröffentlicht haben", sagt Gastgeber von Schwartzenberg über die Autorengruppe, die sich an jedem ersten Freitag eines ungeraden Monats um 19 Uhr im Handelshof trifft.


Mit Günter Handke ist am 6. Februar auch die Fraktion Sachbuch vertreten. Der Vorstand der Gorbatschow-Stiftung liest ab etwa 17 Uhr in Heilig Kreuz aus einem biografischen Sammelband über Michael Gorbatschow, an dem nicht nur er, sondern auch so prominente Autoren, wie etwa Hans-Dietrich Genscher, Gerd Ruge oder Rita Süssmuth mitgeschrieben haben. Damit vier Stunden Literatur, Musik und Kunst am 6. Februar nicht auf den nüchternen Magen schlagen, wird im Saal unter der Auferstehungskirche auch für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt. Der Eintritt ins Kulturerlebnis ist an diesem Tag in Heilig Kreuz übrigens frei. Weitere sieben Veranstaltungen dieser Art, die jeweils am ersten Samstag des Monats in der Kirche an der Tiegelstraße über die Bühne gehen sollen, sind für das Kulturhauptstadtjahr geplant.


Und das Ruhr-2010-Programm im Mülheimer Norden geht auch andernorts weiter. Schon mal vormerken sollten sich Kinder, Jugendliche und Nachwuchschöre den 10. März. Denn dann lädt die Nord-Pfarrei um 10 Uhr in St. Barbara und um 19 Uhr in Christ-König zu einem geistlichen Gesangswettbewerb ein, bei dem es unter anderem ein ganzes Jahr lang Gesangsunterricht an der Musikschule, ein Musical-Wochenende in Stuttgart, eine Reise zum katholischen Weltjugendtag 2011 in Madrid und andere interessante Preise zu gewinnen gibt. Anmeldungen werden ab sofort (noch bis Mitte Februar) im Pfarrbüro von St. Barbara entgegengenommen. Vormerkenswert ist auch der 11. März, wenn das 80-köpfige Symphonieorchester des Musikgymnasiums Kattowitz um 20 Uhr in der Eppinghofer St. Engelbert-Kirche die Festliche Mülheimer Konzertouvertüre von Piotr Radko und Antonin Dvoraks Symphonie „Aus der Neuen Wellt" aufführen werden. Bei der Festouvertüre handelt es sich um die Uraufführung eines modernen Werkes, das von Schwartzenberg und seine pastoralen Nord-Kollegen Norbert Dudek (St. Mariae Rosenkranz), Michael Clemens (St. Engelbert) und Pater Leo Wiszniewski (Christ König) bei dem in Styrum lebenden Komponisten als zeitgenössischen Musikbeitrag für die Ruhr 2010 in Auftrag gegeben haben. Die Partitur soll am 11. März in St. Engelbert offiziell der Oberbürgermeisterin übergeben werden.


Weitere Auskünfte und Informationen gibt es im Pfarrbüro von St. Barbara am Schildberg 84 unter 7 13 13 und im Internet unter www.barbarakirche.de.

Donnerstag, 28. Januar 2010

Ein Hauch von alter Burschenherrlichkeit: Verbindungsstudenten feierten im Schloss Broich den 110. Geburtstag der Vereinigung Alter Corpsstudenten




Alte Burschenherrlichkeit. Die verströmt der Festkommers, mit dem die Mülheimer Vereinigung Alter Corpsstudenten an diesem Abend im Rittersaal von Schloss Broich ihren 110. Geburtstag feiert. Bunte Mützen und Bänder, wo man hinschaut. Sie dokumentieren die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Studentenverbindung. Der Präsident der Vereinigung, Heinz Wilhelm Auberg (Foto ben: Mitte), selbst Mitglied der Verbindung Franconia Fribergensis, schätzt, dass die gut 100 Teilnehmer des Festkommers aus 80 verschiedenen Verbindungen kommen. „Bei uns spielen politische oder konfessionelle Unterschiede keine Rolle. Wir arbeiten über alle Grenzen hinweg zusammen", erklärt der Ingenieur aus dem Bergfach den wichtigsten Grundsatz seiner Vereinigung.

Zu ihren Gründern gehörte anno 1900 der Mediziner August Bispinck. Sein Urenkel Edgar D., der selbst Hüttenkunde studiert hat und zur Verbindung Montania Aachen gehört, feiert mit. Obwohl erst 46, gilt der Ingenieur im Jargon der Studentenverbindungen als „alter Herr." Denn diesen Status erlangt man, sobald man sein Studium abgeschlossen hat. Dagegen ist der 26-jährige Rob Förster ein „Aktiver." Er studiert in Aachen Architektur und gehört zur selben Verbindung, wie der 78-jährige Kommers-Präside Auberg. Wer einer Studentenverbindung beitritt, wird Mitglied eines Bundes auf Lebenszeit. „Wir wollen ein Brücke zwischen Jung und Alt schlagen", betont Auberg. Die Festversammlung beweist es. Das sitzen junge und alte Männer ganz selbstverständlich beim Bier und diskutieren zum Beispiel über die Vor- und Nachteile der neuen Master- und Bachelor-Studiengänge. Frauen sucht man im Rittersaal an diesem Abend vergebens. Denn die Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung bleibt bis heute in aller Regel männlichen Studierenden vorbehalten.

Allerdings gibt es inzwischen auch rein weibliche Studentenverbindungen. Trotz der antiquierten Geschlechtertrennung weist Edgar D. den Verdacht zurück, Studentenverbindungen hätten etwas gegen Frauen. „Das ist wie in einem Fußballverein. Da sind auch Männer unter sich, können aber trotzdem gemeinsam mit Frauen feiern und Spaß haben," sagt er und verweist auf die Feste und Bälle, zu denen Studentenverbindungen regelmäßig einladen. Und so hält es auch die Vereinigung Alter Corpsstudenten. Während (Mann) beim Kommers im Januar unter sich bleibt, sind die Damen der Aktiven und der Alten Herren beim Sommerfest in Dicken am Damm gern gesehene Gäste.

Warum schließt man sich als junger Mann heute einer Studentenverbindung an? Der 26-jährige Förster lobt vor allem „den Zusammenhalt und die kameradschaftliche Zusammenarbeit." Auch wie man bei einem Konvent Reden hält oder Feste organisiert hat er in seiner Verbindung gelernt. Egard D. hat im Rückblick keinen Zweifel, dass die Mitgliedschaft in seiner Verbindung seinen Charakter geschult habe. Das hat er auch beim Fechten, der Mensur, erfahren, die bei den schlagenden Studentenverbindungen zum Pflichtprogramm zählt. Charakter- und Lebensschule!? Das hört man auch vom CDU-Stadtverordneten und Maschinenbau-Ingenieur Henner Tilgner oder vom Saarner Zahnarzt Hans Joachim Bruns, die zu den Studentenverbindungen Rheno-Borussia und Palaio Alsatia gehören. „Da entstehen lebenslange Freundschaften. Obwohl die Geselligkeit im Vordergrund steht, sind die Vorträge, Exkursionen und Konvente der Verbindung eine gute Schulung", sagt Tilgner. Bruns unterstreicht, dass er als Student in seiner Verbindung neben dem kleinen Einmaleins gesellschaftlicher Umgangsformen „Empathie, Engagement und Verantwortungsbereitschaft" gelernt habe. „Ich habe gelernt, zu organisieren und frei zu argumentieren" beschreibt der Agiplan-Gesellschafter Helmut Schulte seine wichtigste Verbindungserfahrung bei der Normania Karlsruhe. Sein geschliffener und pointierter Festvortrag, in dem Schulte erklärt, wie Deutschland im globalen Wettbewerb gewinnen kann, zeigt, dass er den Mund nicht zu voll genommen hat.

Obwohl Schulte einräumt, dass Studentenverbindungen auch der persönlichen Netzwerkbildung dienen können, warnt er davor, sie als Karriereschmieden misszuverstehen. Diesen Ruf führt auch Edgar D. auf die Zeit zurück, als Akademiker noch eine kleine Elite waren und fast jeder Student einer Verbindung angehörte. Heute, so sind sich Schulte und Edgar D. einig, zähle in der Wirtschaft nicht Herkunft und Verbindung, sondern Leistung und Qualifikation. Wer den Festkommers miterlebt, merkt, dass man unter aktiven und alten Verbindungsstudenten auch Trinkfestigkeit und Sangesfreude lernt. Das Bier, auch alkoholfreies, fließt reichlich. Und ein 20-seitiges Liedheft will zwischen 20 und 24 Uhr durchgesungen sein. Immer wieder unterbricht Konpräside Joachim Kurt Schmidt die angeregten Gespräche mit einem unüberhörbaren „Silentium", wenn wieder ein Lied wie: „Student sein, wenn die Veilchen blühen" oder „Die Gedanken sind frei" und zu guter letzt: „Glück auf, der Steiger kommt" angestimmt werden soll.

Dieser Text erschien am 20. Januar 2010 in der NRZ

Mittwoch, 27. Januar 2010

30 Jahre gibt es die Grünen: Ein Interview mit dem Mülheimer Gründungsgrünen Wilhelm Knabe


Wilhelm Knabe (Foto privat) wurde 1923 im Kreis Dresden geboren. Bis 1959 lebte der promovierte Forstwissenschaftler mit seiner Familie in der damaligen DDR, ehe nach Westdeutschland übersiedelte. Seit Mitte der 60er Jahre lebt er in Mülheim, wo der ehemalige Christdemokrat 1979 die Grünen mit ins Leben rief. 1980 gehörte er auch auf Bundesebene zu deren Gründungsvätern. Sowohl auf Bundes- als auf Landesebene fungierte er in den frühen 80er Jahren als Sprecher der Umwelt-Partei. 1987 zog er für die Grünen in den Bundestag ein, dem er aber bis 1990 angehören sollte. In seiner Bonner Parlamentszeit war er unter anderem Mitglied einer Enquete-Kommission zum Schutz der Erdatmosphäre. 1994 wählte ihn eine schwarz-grüne Ratsmehrheit zum Bürgermeister, ein Amt, das er bis 1999 ausüben sollte.

Was wäre in Mülheim ohne die Grünen nicht erreicht worden?
Die Grünen haben bei allen Mülheimern das Bewusstsein hinterlassen, dass hier etwas Wertvolles auf dem Spiele steht, nämlich dass eine Stadt für Menschen da sein muss und dass eine Stadt Platz haben muss für Natur.

Und dieser Bewusstseinswandel wäre ohne die Grünen nicht möglich gewesen?
Diese Themen wären ohne die Grünen nicht in die politische Diskussion hineingekommen. Auch ein Wahlbündnis, wie das der Mülheimer Bürgerinitiativen (MBI) wäre ohne die Vorexistenz der Grünen nicht möglich gewesen. Es gab auch schon vor der Gründung der Grünen Bürgerinitiativen, die sich für Einzelprojekte einsetzten. Doch die Zusammenschau, dass eine Stadt etwas Ganzes ist und als Ganzes auch dafür sorgen muss, dass Platz für Mensch und Natur da ist, dieses Bewusstsein hätte sich ohne die Grünen nicht durchgesetzt.

Sie haben das Stichwort MBI geliefert. Mülheim war einmal eine Hochburg der Grünen. Die Grünen haben aber viele Stimmen an die MBI verloren. Was ist da schief gelaufen und wie könnten diese Stimmen zurückgewonnen werden?
Von schief gelaufen würde ich nicht sprechen wollen, sondern von einer Entwicklung, in deren Verlauf sich Personen entfremdet haben. Es hat mit einzelnen Personen und radikalen Ansichten begonnen, die nicht der Mehrheit folgen wollten, sondern etwas Eigenständiges machen wollten. Das kann man niemandem verwehren. Das wäre natürlich gut, wenn wir die zu den MBI abgewanderten Menschen zurückgewinnen könnten. Ich wäre sehr dafür, dass hier ein Zusammenschluss möglich ist. Das war ja auch vor 30 Jahren bei der Gründung der Grünen der Fall, als Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen gemeinsam etwas Neues gestaltet haben. Ich fände das eine gute Entwicklung. Und die Zukunft ist offen. Die MBI reichen vielleicht auch weiter in unpolitische Gruppen hinein, in denen sie für grüne Inhalte werben und für die Grünen bei Landtags- und Bundestagswahlen von Bedeutung sein könnten. Ob sie das machen, hängt von den Matadoren ab.

Ist ein Zusammengehen von MBI und Grünen realistisch?
Die Marschrichtung, in die sich die MBI bewegen, kann ich nicht einschätzen, ob hier ein neues Zusammengehen erfolgen könnte. Möglich ist das. Bei gutem Willen wäre das eine prima Entwicklung. Aber da müssen sich die Menschen, die heute verantwortlich sind, zusammenraufen.

Wie haben sich die Mülheimer Grünen, die mit Ihnen bereits einmal den Bürgermeister und mit Helga Sander bis heute eine Dezernentin stellen, in den letzten 30 Jahren verändert?
Ich würde zunächst sagen: Sehr positiv, weil man bereit war mit Anderen Alternativen zur bisherigen Politik auszuarbeiten und sachlich zu diskutieren. Das war vor der Gründung der Grünen gar nicht möglich, weil die SPD als Mehrheitspartei nicht bereit war, Rat von außen anzunehmen. Die SPD hat früher jeden Antrag der Grünen abgeschmettert. Das war mit der CDU anders. Da hat man als gleichberechtigte Partner miteinander gesprochen, das Für und Wider abgewogen und im Rahmen der schwarz-grünen Zusammenarbeit auch in vielen Fällen das Vernünftige getan. Vieles, etwa bei den städtischen Eigenbetrieben, ist später in der schwarz-roten Zusammenarbeit leider wieder zurückgedreht worden.

Wo stehen die Mülheimer Grünen heute?
Die Grünen bilden heute einen inhaltlich geschlossenen Kreisverband, in dem es nicht dauernd zu Streit, Kampf und gegeseitiger Profilierung kommt. So etwas habe ich in den letzten Jahren nie erlebt und das ist ein positives Zeichen. Man versucht zu Anderen Verbindung aufzunehmen und im Rat den Argumenten zum Durchbruch zu verhelfen und Verbündete zu gewinnen. In einer Koalition ist es da natürlich leichter, eine bestimmte Linie durchzuhalten.

Was sollten sich die Grünen in der laufenden Ratsperiode auf ihre Fahnen schreiben?
Sie müssen dafür eintreten, Freiflächen weitmöglichst zu erhalten. Und wenn neue Betriebe nach Mülheim kommen, was ich für vernünftig halte, um die Wirtschaftskraft zu stärken, muss das nicht auf der grünen Wiese stattfinden. Denn wir haben ehemalige Industrieflächen, die nicht mehr gebraucht werden. Außerdem muss vorrangig in Bildung, die Sanierung der Schulen, in die Betreuung von Kindern und in Kindertagesstätten investiert werden. Da haben wir eine riesige Aufgabe zu erledigen.

Dieses Interview ist am 12. Januar 2010 in der NRZ erschienen

Sonntag, 24. Januar 2010

Noten gegen die Not: Junge Musiker wollen mit alten Meistern der Caritas-Stiftung helfen


Hans-Theo Horn (rechts) hat ein Lebensmotto: „Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern das Durchhalten.” Der Vorsitzende der Caritas-Stiftung weiß, wovon er spricht. 2007 wurde die Stiftung, die die Arbeit des katholischen Sozialverbandes unterstützen will, aus der Finanznot heraus geboren.


Ihr Stammkapital ist seitdem von 25 000 Euro auf 60 000 Euro angewachsen. „2010 können wir noch weiteres Kapital ansammeln. Ab 2011 müssen wir dann die Kapitalerträge der Stiftung erstmals ausschütten”, erklärt Horn. Das bisher angesammelte Stiftungskapital wurde nicht nur durch Spenden und Zustiftungen, sondern auch durch die Erlöse von inzwischen fünf Benefizkonzerten erwirtschaftet.

Das sechste „Noten-gegen-die-Not-Konzert” wird am 31. Januar um 17 Uhr in der katholischen Stadtkirche St. Mariae Geburt an der Althofstraße 5 über die Bühne gehen. Nach dem Charisma-Chor, den Essener Domsingknaben und den Chören der Folkwang-Universität stellen sich diesmal 25 junge Musiker der Musikschule, darunter auch einige Jugend-musiziert-Preisträger, in den Dienst der guten Sache. In ihrem „Concerto Da Camera” werden sie virtuose Kammermusik auf historischen Instrumenten zu Gehör bringen.
Die beiden federführenden Flötistinnen und Musikschullehrerinnen Anne Machowinski und Silvia Gies (Mitte) versprechen den Zuhörern ein „sehr abwechlungsreiches und kurzweiliges Konzert mit farbiger und reicher Instrumentierung.” Auf dem Programm der jungen Kammermusiker, die ihr Konzert nicht nur spielen, sondern auch moderieren werden, stehen unter anderem Werke von Antonio Vivaldi (1678-1741), Georg Philipp Telemann (1681-1767), Ginolo Caccini (1550-1618) und Johann Christian Schickbardt (1680-1782).
In den Vorjahren konnte die Caritas-Stiftung jeweils 500 bis 600 Kozertbesucher in der Marienkirche begrüßen. Für ihren Vorsitzenden ist der Konzertbesuch auch „ein Barometer für die Wertschätzung von Caritas.”

Dass der katholische Sozialverband die Stiftungserlöse gut gebrauchen kann, macht seine Direktorin Regine Arntz (links) mit dem Hinweis deutlich, dass man zwischen 2004 und 2006 eine 40-prozentige Kürzung der Bistumsmittel verkraften musste.
Stiftungsmittel könnte sie zum Beispiel zur Finanzierung der Industriecafes einsetzen, in dem psychisch kranke Menschen Beschäftigung finden oder für einen Feuerwehrtopf, aus dem spontane Hilfs- und Unterstützungangebote für Familien und Kinder in Not bezahlt werden könnten. „Trotz der großen Not in aller Welt, wie jetzt auf Haiti, sollten wir nicht vergessen, dass es auch bei uns wirklich Not gibt”, betont Stiftungsvorstand Hans Theo Horn und macht deutlich, dass sowohl die Spenden als auch die Zustiftungen nicht nur steuerlich begünstigt werden, sondern auch zweckgebunden gegeben werden können.

Die Eintrittskarten für das Benefizkonzert kosten 15 Euro. Kinder bis 14 Jahre haben freien Eintritt. Karten sind in allen katholischen Pfarrbüros, in der katholischen Ladenkirche am Kohlenkamp 30, im Caritas-Zentrum an der Hingbergstraße 176 sowie an der Tageskasse in der Marienkirche erhältlich. Weitere Informationen gibt es bei der Caritas unter 3 000 8 0 oder online unter http://www.caritas-muelheim.de/

Dieser Text erschien am 22. Januar 2010 in der NRZ

Donnerstag, 21. Januar 2010

Wo Kirche auf Gesellschaft trifft: Das Bistum und sein neuer Bischof luden zum Jahresempfang in die Wolfsburg


Geistige Impulse für das neue Jahr – die sollte es beim Jahresempfang der Katholischen Akademie Die Wolfsburg geben. Deren Leiter, Michael Schlagheck, und Ruhrbischof Franz Josef Overbeck machten mit Blick auf das Kulturhauptstadtjahr deutlich, dass das Ruhrgebiet von der Industrie und auch von der aus christlichen Quellen gespeisten Kultur geprägt wurde. „Wir prägen die Kulturhauptstadt mit”, sagte Schlagheck.


Im Ausblick auf Ruhr-2010-Veranstaltungen in seinem Hause nannte er das mit der Stiftung Mercator und der Landeszentrale für politische Bildung auf drei Jahre angelegte Projekt Jugend-Dialog 2020. Hier treffen sich Jugendliche diverser sozialer, kultureller, ethischer, religiöser und weltanschaulicher Herkunft in der katholischen Akademie, um sich über die Grundlagen eines wertebezogenen Zusammenlebens in unserer Demokratie zu verständigen.
Um die Wertegrundlage unserer Gesellschaft ging es auch Franz Josef Overbeck. Die Arbeit der Wolfsburg selbst sieht er als Ausdruck dafür, dass die selbst von einem Strukturwandel geprägte Kirche im Ruhrbistum „nicht für den Rückzug aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit steht” und „ihren Standort nicht versteckt”. Overbeck machte deutlich, dass soziale Praxis vom Glauben nicht abgespalten werden könne. Angesichts der Fragen nach ethischen Lehren aus der Wirtschafts- und Finanzkrise, nach einem gerechten Zugang zur Gesundheitsversorgung und einer Balance zwischen wirtschaftlichem Erfolg und sozialer Gerechtigkeit unterstrich der Ruhrbischof den Anspruch der Kirche „mitten im Leben zu stehen” und mit dafür zu sorgen, „dass das Leben humaner gestaltet wird”.

Um die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ging es auch dem Politikwissenschaftler Karl Rudolf Korte von der Universität Duisburg-Essen in seiner Analyse des Verhältnisses von Wählern und Regierenden. „Wir lieben das Messbare, weil uns die Maßstäbe fehlen”, klagte Korte. Politiker und Wähler müssen sich nach seiner Ansicht von der „Droge der Demoskopie” verabschieden und sich mehr Zeit geben und nehmen, um Politik zu erklären und sie wirken zu lassen. Die Wähler, so Korte, sehnten sich nach mehr Inhalt und „demokratischem Charisma”, das Zukunftsperspektiven aufzeige, handelten bei ihrer Wahlentscheidung aber oft wie Schnäppchenjäger.

Mittwoch, 20. Januar 2010

Mit Drahtseilen, made in Mülheim, geht es jetzt im Dubai Tower hoch hinaus

Trotz Wirtschafts- und Finanzkrise wurde jetzt mit dem 800 Meter hohen Burj Khalifa in Dubai der größte Wolkenkratzer der Welt gebaut. Als weltweit führender Drahtseilanbieter war auch das in Broich und Speldorf ansässige Drako Drahtseilwerk mit im Geschäft.

Projektpartner war in diesem Fall die Aufzugfirma Otis. Der lieferte Drako Drahtseile mit einer Gesamtlänge von rund 130 000 Metern und einem Gesamtgewicht von rund 165 Tonnen. Die Hochleistungsstahlseile vom Typ Drako 300 T – das bedeutet: Jedes Drahtseil mit einem Durchmesser von 22 Millimetern umschließt 300 Einzeldrähte – zeichnen sich durch eine hohe Biegefestigkeit aus. Sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass die Aufzugfahrgäste im Dubai Tower mit einer Geschwindigkeit von bis zu zehn Metern pro Sekunde hoch hinaus und wieder hinunter kommen können.

Produkt- und Vertriebsmanager Lothar Sieber, der zusammen mit seinem Kollegen Stephan Allwermann bei Drako für das Dubai-Projekt zuständig war, gibt sich bei der Frage nach dem finanziellen Volumen des Großauftrags bedeckt. Nur so viel sagt er: „Es handelt sich um einen nicht uninteressanten Produktionsanteil mit einem Gegenwert von mehreren 100 000 Euro.”
Mit dem Hinweis, dass für die Aufzüge in acht von zehn der weltweit höchsten Gebäude Drako-Drahtseile verwendet worden sind, macht Sieber deutlich, dass der Großauftrag aus Dubai sein Unternehmen nicht unvorbereitet getroffen hat. Gerade erst hat Drako weitere 400 Tonnen Drahtseile nach Hong Kong ausgeliefert, wo das 480 Meter hohe International Comercial Centre ICC errichtet wird.

Derzeit verdienen die rund 200 Drako-Mitarbeiter ihr Geld zu 80 Prozent mit Drahtseilen für Aufzüge. Die Lieferungen für Bergbau und Industrie machen die restlichen 20 Prozent der Produktion aus.

Montag, 18. Januar 2010

König Karneval trifft Robin Hood: Eindrücke von einer närrischen Extra-Schicht der MüKaGe in Dümpten

Der Karneval hat viele Vorzüge. Einer besteht darin, dass man sich in der fünften Jahreszeit verkleiden kann und so in eine Rolle schlüpft, die man im richtigen Leben gerne spielen würde. „Was will uns das also sagen” fragt sich der unverkleidete Zeitungsmann von der NRZ, als er am Samstagabend beim „Extra-Närrisch”-Fest der MüKaGe im gleichnamigen Dümptener Autohaus den SPD-Vorsitzenden Frank Esser als König und den CDU-Ratsherren Werner Oesterwind als Robin Hood verkleidet sieht.

In einer Schunkel- und Programmpause befragt, weisen beide Politiker eine programmatische Aussage ihres Kostüms weit von sich. Der SPD-Chef zeigt auf den Umhang, der zusammen mit der Krone sein Kostüm komplett macht und ihn als Karten-König ausweist. Bei Esser steht an diesem Abend nicht nur Karneval, sondern auch eine Skatrunde auf dem Programm. Und da passt sein Königs-Kostüm doppelt gut. Doch eines gesteht er in närrischer Feierlaune dann doch noch: „Wenn meine Partei mir immer wie einem König folgen würde, wäre ich schon sehr zufrieden.”

Und was sagt der Robin Hood von der CDU? „Nein. Ich bin nicht der Rächer der Entnervten, sondern möchte nur Karneval feiern und Spaß haben und das Verkleiden gehört doch einfach dazu”, erklärt der Ratsherr und verweist auf seine Inspiration durch einen Karnevalsfreund von der Kölner Ehrengarde.

Hier hat also offensichtlich das Missionswerk des rheinischen Frohsinns ganze Arbeit geleistet. Der rheinische Karneval ist an diesem Abend auch in Dümpten vertreten. Eine achtköpfige Abordnung der Düsseldorfer Ehrengarde schaut sich das Programm auf der Bühne nicht nur an, sondern steuert mit ihrem Lied auch selbst etwas bei: „Wir sind die Ehrengarde unserer Stadt, die so viel zu bieten hat. Im Karneval am Rhein ziehen wir auf mit einer Menge Spaß. Und das muss auch so sein.”

Vor allem mit Blick auf die Tanzgarden der MüKaGe sind der Kommandant der Ehrengarde, Manfred Kaiser, und sein Stellvertreter, Siegfried Minuth, begeistert. „Die Stimmung und die Tanzgarden sind wirklich toll. Die könnten sich überall sehen lassen”, finden die beiden Düsseldorfer. Mit dieser Meinung sind sie nicht allein. Zurecht bekommen die jungen Garde- und Showtänzerinnen der MüKaGe an diesem Abend von den 200 Jecken im Autohaus viel Applaus und Saalraketen. Besonders gut kommt beim Publikum der Showtanz „Ruhrgebeat 2010”, den die Juniorengarde zusammen mit ihren Trainerinnen Sandra Gaetke und Petra Lahnstein einstudiert hat.

In der ersten Szene ihrer Choreografie treten die jungen Tänzerinnen zum Beispiel mit Bergmannshelm, Grubenlicht und großen Stadtschildern auf. Auf der einen Seite stehen die Stadtnamen des Reviers. Auf der anderen sind Industriemotive und Panoramen aus der Region zu sehen. Getanzt wird unter anderem zu Herbert Grönemeyers Revier-Hymne: „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, als man glaubt.” Ein starkes Bühnenbild, das der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 alle Ehre macht und auch ihre Wirkung auf die Gäste der MüKage nicht verfehlt.

Sonntag, 17. Januar 2010

Auch das örtliche THW hilft den Helfern auf Haiti

"Das Wichtigste ist jetzt sauberes Wasser", sagt Rainer Wiebels vom Ortsverband des Technischen Hilfswerkes (THW) mit Blick auf die katastrophale Lage der vielen tausend Erdbebenopfer in Haiti. Gerade erst hat er von einer Ärztin vor Ort gehört, die vor drohender Seuchengefahr warnt, weil im Krisengebiet sauberes Wasser fehlt, dass getrunken oder mit dem zum Beispiel die Wunden der Verletzten ausgewaschen werden könnten.

Deshalb schickt das THW Experten für die Aufbereitung von Trinkwasser ins Krisengebiet. Damit die entsprechenden Anlagen vor Ort zum Einsatz kommen können, müssen sie hier zunächst vom Logistikzentrum des THWs in Heiligenhaus zum Auslandslager nach Mainz gebracht werden. Diese Aufgabe hat der Mülheimer Ortsverband des THWs übernommen. Denn seine Fachgruppe „Wasserschäden Pumpen" verfügt über das längste Transportgespann, das das THW in Deutschland zu bieten hat. Lastkraftwagen und Wechselbrückenanhänger bringen zusammen 14 Meter Ladefläche auf die Straße. Gerade genug, um jetzt die ersten beiden Trinkwasseraufbereitungsanlagen von Heiligenhaus nach Mainz zu transportieren, die nach Haiti geflogen werden sollen.

Mit einer kurzfristigen Kraftanstrengung wurden Laster und Anhänger, die eigentlich als rollendes Lager für Pumpen und Schläuche nutzt werden, für den Anlagentransport freigemacht. Obwohl die beiden THW-Fahrer, die das Riesengespann mit den beiden Anlagen gestern über die Strecke Mülheim – Heiligenhaus – Mainz und wieder zurück steuerten, inzwischen wieder daheim sind, rechnet man beim Ortsverband des THWs damit, dass der Spezial-Lkw und sein XXL-Anhänger in den nächsten Tagen erneut für den Transport von Trinkwasseraufbereitungsanlagen angefordert werden. Deshalb bleiben auch Pumpen und Schläuche bis auf weiteres in der Fahrzeughalle des Ortsverbandes, damit der Transportzug für weitere Einsätze freigehalten werden kann.

Samstag, 16. Januar 2010

Wie die katholische Stadtgemeinde Haiti helfen will: Franz Grave kennt Haiti aus eigener Anschauung und appelliert an unsere Solidarität

Die Bilder vom Erdbeben auf Haiti und seinen zahllosen Opfern haben auch das Seelsorgeteam der Stadtpfarrei St. Mariae Geburt schockiert. Nicht nur Pfarrer Michael Janßen will möglichst schnell helfen und ruft die Mitglieder seiner Gemeinde zu einer großzügigen Spende auf, die am 16. und 17. Januar, jeweils nach den Gottesdiensten bei einer Türkollekte für die Menschen in Haiti gegeben werden kann.

Das Mülheimer Spendengeld soll dem auf Haiti engagierten bischöflichen Hilfswerk Adveniat zugute kommen. Der langjährige Adveniat-Vorsitzende Franz Grave gehört heute zum Seelsorgerteam von Mariae Geburt. Er kennt Haiti aus eigener Anschauung. Dreimal – 1993, 2003 und 2006 – bereiste er das Land, das schon lange vor der aktuellen Naturkatastrophe als das Armenhaus Lateinamerikas galt. Grave erinnert sich „an die radikale Armut der Menschen, die auf der Straße liegt.” Die tieferen Ursachen der Dauer-Misere Haitis erkennt der Alt-Weihbischof in einer Mischung aus ökologischer Verwüstung, mangelnder Bildung, politischer Korruption und eine kontraproduktive US-Politik, die Haiti als ihren Hinterhof ansieht. „Das ist kein Eigenlob, sondern die schlichte Wahrheit, wenn ich sage, dass die katholische Kirche die einzige stabile Institution auf Haiti ist, der die Menschen am ehesten vertrauen”, erklärt Grave. 70 bis 80 Prozent der Haitianer sind Christen. Da, wo es auf Haiti so etwas wie eine soziale Infrastruktur – etwa in Form von Schulen, Lehrwerkstätten, Armenküchen, Jugendheimen oder Hospizen – gibt, werden sie von den katholischen Pfarreien, der haitianischen Bischofskonferenz oder vor Ordensgemeinschaften wie den Salesianern Don Boscos und den Schwestern der seligen Mutter Theresa getragen.
20 000 Euro Adhoc-Hilfe


Genau hier findet auch Adveniat, das bereits eine Adhoc-Hilfe von 20 000 Euro für die Wiederaufbauhilfe in Haiti bereitgestellt hat, seine Ansprechpartner und Vertrauenleute, die für die Umsetzung von Hilfsprojekten und die korrekte Verwendung von Spendengeldern garantieren. „Haiti war schon vor der Erdbebenkatastrophe ein Land am Abgrund und ist dringend auf internationale Hilfe angewiesen”, sagt die für Haiti zuständige Adveniat-Referentin Margit Wichelmann und verweist auf das Spendenkonto, das Adveniat unter dem Stichwort „Erdbeben Haiti” bei der Bank im Bistum Essen eingerichtet hat.
Weitere Informationen bei Adveniat unter 02 01/17 56 0 oder im Internet unter: www.adveniat.de und: www.blickpunkt-lateinamerika.de

Donnerstag, 14. Januar 2010

Rückblick: Er war ein echter Spitzenbeamter: Vor 55 Jahren starb Friedrich Freye

„Ich habe nichts gegen Beamte. Die tun ja nichts”, lautet ein im Karneval immer wieder zu hörender Büttenredner-Witz. Nichts ist harteneckiger als Vorurteile, zumal in Zeiten, in denen die Tarifforderung nach Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst auf die öffentliche Haushaltsnot trifft. Es gab und gibt natürlich immer sehr fleißige Beamte, die weit mehr tun als nur ihre Pflicht und deshalb unbezahlbar sind.

Einer von ihnen war Friedrich Freye. Ein Schiff der Weißen Flotte und eine Straße in Saarn tragen heute seinen Namen. Mit dem Namen des Stadtkämmerers und Stadtdirektors, der am 14. Januar 1955 an den Folgen einer Gallen- und Lebererkrankung stirbt, verbindet sich die Planung und Organisation des Wiederaufbaus.

Der Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Infrastruktur verlangte Organisationstalent, Finanzierungsideen und die Fähigkeit, Menschen für diese Mammutaufgabe zu begeistern. Beides brachte Freye mit. Der in Pommern geborene Freye trat 1906 in die Dienste der Stadt Mülheim und lernte hier das Verwaltungshandwerk von der Pike auf.
In den Nachrufen auf Freye finden sich nicht nur Hinweise auf sein vorbildliches Pflichtbewusstsein und seinen Arbeitseifer, sondern auch auf seine Fähigkeit, den menschlichen Kontakt zu den Mitarbeitern in seinem Verantwortungsbereich zu halten.
Dass sich Freye mit seinem Einsatz für den Wiederaufbau der Stadt ein Denkmal in den Herzen seiner Mitbürger gesetzt hat, zeigt die große Anteilnahme nach seinem viel zu frühen Tod. Als er auf dem Hauptfriedhof beigesetzt wird, richten die städtischen Verkehrsbetriebe Sonderlinien ein, um die vielen Trauergäste dort hin zu bringen.

Freye war nicht nur Stadtkämmerer und Stadtdirektor, sondern auch Chef der städtischen Betriebe. Eines seiner absoluten Lieblingsprojekte war der Wiederaufbau der Weißen Flotte. Denn er wusste genau: Menschen, die hart arbeiten, müssen sich auch erholen können.
Er selbst schonte seine Kräfte nicht, arbeitete nicht nur in der Stadtverwaltung, sondern auch bei örtlichen Wohnungsbauunternehmen, beim Städtetag, der Stadtsparkasse oder den späteren Mannesmann-Röhrenwerken an den vielen Baustellen des Wiederaufbaus in der ersten Reihe mit. In seinem Arbeitszimmer brannte auch spät abends noch Licht. Eigentlich sollte Freye schon Ende 1953 in den Ruhestand gehen. Doch der Rat hielt den Kämmerer angesichts seiner Erfahrung und seiner persönlichen Verbindungen für so unentbehrlich, dass er bei der Landesregierung die Verlängerung der Dienstzeit um ein Jahr beantragte. Düsseldorf sagte Ja – Freye machte weiter.

Doch schon im August seines letzten Dienstjahres wurde der unermüdliche Spitzenbeamte krank. Am 25. Dezember feierte Freye seinen 66. Geburtstag. Sechs Tage später wurde er in den Ruhestand verabschiedet. 14 Tage nach seiner Pensionierung war er tot. In ihrem Nachruf auf den Verstorbenen schrieb die NRZ damals: „Mit Friedrich Freye hat die Stadt einen ihrer bedeutendsten und fähigsten Köpfe verloren. Und wenn man in Jahren einmal von dem großartigen Wiederaufbau der Stadt Mülheim spricht, dann wird man mit Ehrfurcht seinen Namen nennen.”

Dienstag, 12. Januar 2010

Schnee und Eis lassen die mölmschen Jecken kalt, die am Wochenende das Stimmungsthermometer steigen ließen

Eines steht fest. Mülheims Jecken sind keine Weicheier. Trotz Schnee, Eis und Sturm bahnten sie sich am Wochenende den Weg zum Frohsinn. Vielleicht ist der närrische Wille, Spaß an der Freude zu erleben, ja nicht nur in klimatisch unterkühlten Zeiten, besonders unbeugsam.
So feierten 250 Narren am Samstagabend mit der Röhrengarde Silber-Blaz im Handelshof ein volkstümliches Karnevalsfest. Besonders froh war die Vorsitzende und Prgrammleiterin der Röhrengarde, Elli Schott, darüber, dass auch die 40 Gäste aus dem Fliednerdorf wohlbehalten von Selbeck in die Stadtmitte kamen.

Wer die Begeisterungsfähigkeit der behinderten Dorfbewohner kennt, weiß, dass sie wild entschlossen waren, sich vom Wintertief Daisy nicht einen Höhepunkt ihres Jahres verderben zu lassen. Kein Wunder also, dass ausgerechnet ein Cowboy aus dem Fliednerdorf seinen Sitzplatz im hinteren Bereich des Festsaales verließ, um ganz fasziniert und aus nächster Nähe das bunte Programm auf der Bühne zu verfolgen. Am liebsten wäre er wohl gleich mit auf die Bühne gegangen. Was er und die anderen Jecken im Saal dort zu sehen bekamen, ließ zumindest das Stimmungsthermometer steigen. Wirklich schön anzusehen waren der Elan, mit dem der tanzende Nachwuchs der Röhrengarde, mal im klassichen Gardetanz, mal mit einem Showtanz der Marke Samaba Brasil eine flotte Sohle aufs Bühnenparkett legte: „Was wir hier sehen, zeigt, dass wir mit unserer Jugendarbeit richtig liegen”, stellte Sitzungspräseident Jörg Lindner fest. Was auffiel: Bei der Röhrengarde gibt es nicht nur Tanzmariechen, sondern auch mehr als einen Tanzmajor.

Doch neben Tanz, Musik vom Fanfarenzg der KG Düse und Schlagergesang vom Duo Roulette kam bei den silber-blauen Röhrengardisten auch das Lachmuskeltraining nicht zu kurz. Das übernahm zum zum Beispiel Änne aus Dröppellingsen, ein urkomisches Frauenzimmer aus dem Sauerland. „Silber-Blau sind meine Lieblingsfarben. Denn ich habe in meinem Leben schon so maches versilbern müssen und blau war ich auch schon oft”, ließ sie ihr Publikum wissen und hatte schon die ersten Lacher auf ihrer Seite. Die Lacher auf seine Seite zu ziehen, war auch für Bauchredner Ette und seine freche Puppe Lilly: kein Problem: „Muss der Prinz nicht mal eine Saalrunde spendieren...Ich war gestern mit meiner Frau auf einem Trödelmarkt. Und? Bist du sie los geworden.”

Mann amüsierte sich auch gestern im Autohaus Extra, wo mit rund 180 Jecken die zweite Herrensitzung der Roten Funken über die Bühne ging. Und die Herren der Schöpfung bekamen denn auch jede Menge zu sehen, was Männerherzen höher schlagen lässt. Die Funken geizten nicht mit weiblichen Reizen. Die ließen nicht nur die Jecken, sondern auch ihre Hormone in Schunkellaune kommen, etwa, wenn der Funken-Präsident Heino Passmann Durst hatte und Nummern-Girl Blondie ihn nicht auf dem Trockenen sitzen ließ und mit ihren wechselnden Outfits, die mehr zeigten als sie verhüllten, im gekonnten Tanzschritt vorführte, warum Frauen als das schöne Geschlecht gelten.

Schön anzusehen waren aber auch die Gardedamen der Prinzengarde, die mal als Trompetentruppe und dann im farbenfrohen Sommerlook und mit dem Sound der Neuen Deutschen Welle: „Ich will Spaß” die Bühne enterten.
Ein echter Hingucker und Programmhöhepunkt war natürlich auch die Tanzrevue der Ruhrgarde, die als „Menue à la Carte” mit aufregend schönen Frauen in aufregend schönen Kostümen für jeden Geschmack etwas zu bieten hatte und einen Hauch von Pariser Lido ins Dümptener Autohaus zauberte. Worüber Mann besonders staunte, war das rasante Tempo, mit dem Frau immer wieder mit einer neuen Choreografie von Christiane Paffendorf und einem neuen Kostüm bezauberte, eben noch eine flotten Küchenfee und dann schon wieder ein glamouröses Showgirl.

Und was machte Mann auf der Bühne. Da war das vermeintlich starke Geschlecht vor allem für die Lachnummern zuständig. Da war Manni, der Rocker zum Beispiel: „heilfroh, dass ich 1,88 Meter groß bin. Denn der kleine Mann muss doch die Zeche der Finanzkrise zahlen.”
Und das Komödiantenduo Blöd und Blöd deklinierte, passend zum Sonntag, die geistliche Hierarchie durch: „Den Pfarrer nennt man Hochwürden, den Kardinal Eminenz, den Papst Heiliger Vater. Und wenn man so dick ist wie du, sagen die Leute: Ach, du lieber Gott.”

Samstag, 9. Januar 2010

Von Mülheim nach Litembo: Vor 50 Jahren ging die Ärztin Irmel Weyer nach Tansania, um dort eine Klinik aufzubauen




Wenn Irmel Weyer von Litembo erzählt, wirkt ihre Stimme unheimlich jung und lebendig. Dann kann man kaum glauben, dass die Ärztin, die im Westen von Tansania eine Urwaldklinik aufgebaut hat, schon 82 Jahre alt sein soll.

Was zog sie vor 50 Jahren ins tiefste Afrika? „Ich wollte immer schon Menschen helfen. Und ich wollte dort hin, wo noch keiner gewesen ist”, beschreibt sie ihre Motivation für ein geradezu abenteuerliches Leben, das sie ganz den Menschen und der Medizin gewidmet hat. Obwohl sie dieses außergewöhnliche Leben auch mit dem Verzicht auf Ehemann und Kinder bezahlt hat, lässt sie keinen Zweifel daran, dass sie alles noch einmal so machen würde, wie sie es gemacht hat.

Aufgewachsen ist Weyer in Stadtmitte und Eppinghofen. Ihre ersten Schuljahre verbrachte sie an der heutigen Martin-von-Tours-Schule. Das Abitur bestand sie 1946 an der Luisenschule, ehe sie zum Medizinstudium nach Regensburg und Passau ging. Dort sollte sie mit den Mission-Benediktinern in Kontakt kommen, die ihr den Weg nach Afrika wiesen.
Wenn man nach ihrer Prägung fragt, dann erzählt sie zum Beispiel von ihrer Zeit bei der Pfarrjugend von St. Engelbert, die sich während der Nazi-Zeit heimlich im Gemeindekeller traf, oder vom großen Luftangriff auf Mülheim, den sie im Juni 1943 als Feuermelderin erlebte, und dass sie beim Löschen der Kirche helfen musste.

Obwohl sie seit einigen Jahren in Ostercappeln lebt, wo sie sich um ihre sechs Jahre ältere und kranke Schwester kümmert, sieht sich Weyer nach wie vor als Mülheimerin. Bis heute hat sie eine Wohnung an der Aktienstraße. Weil die Urwaldärztin, die von 1960 bis 1996 als Klinik-Chefin in Litembo zum Teil mit einfachsten Mitteln Menschen behandelt und geheilt hat, immer noch viele Freunde in Mülheim hat, ist sie bestens über das Geschehen in ihrer Heimat informiert, weiß etwa ganz genau Bescheid über die Misere der Innenstadt.
Was ihre Bindung zu Mülheim, das sie in den letzten fünf Jahrzehnten oft nur besuchsweise erlebt hat, bis heute so stark macht, ist eine der positivsten Erfahrungen, die sie in ihrem Leben als Ärztin, Entwicklungshelferin und Menschenfreundin gemacht hat: „Ich hätte nie gedacht, dass ich hier so viele Menschen finden würde, die mir helfen”, sagt sie und lässt keinen Zweifel daran, dass ihr Engagement in Litembo nur mit der Hilfe aus der Heimat so erfolgreich werden konnte. Für diese Brücke der Menschlichkeit, die zwischen Mülheim und Litembo gebaut werden konnte, steht vor allem Pfarrer Erich Endlein, der 1967 einen Förderverein ins Leben rief, der Weyers Arbeit erst mit Sach- und dann auch mit Geldspenden unterstützte. Inzwischen ist aus dem 300 Mitglieder zählenden Förderverein die Dr.-Irmel-Weyer-Stiftung erwachsen.

Was im November 1960 in Litembo mit zehn fensterlosen Hütten, 40 Betten, zwei deutschen Krankenschwestern und zwei Not-Operationen im Schein einer Taschenlampe begann, ist heute eine moderne Klinik mit 360 Betten geworden. Die hat seit einigen Jahren den Status eines Regierungskrankenhauses. Geleitet wird die Klinik, zu der unter anderem eine Chirurgie, eine Gynäkologie, eine Allgemeinmedizin und eine Kinderstation sowie ein Haus für Ärzte und Angehörige gehören, von sechs einheimischen Ärzten, die mit Weyers Hilfe in Deutschland, Österreich und England ausgebildet werden konnten.

Dass die Leitung der Klinik, die sie in zum Teil mühevoller Kleinarbeit aufgebaut hat, heute ganz in tansanischer Hand liegt, macht sie glücklich: „Denn wir haben unser Projekt immer als Hilfe zur Selbsthilfe angesehen”, sagt Weyer. Weil sie auch mit Hilfe aus Mülheim ihr Feld in Litembo gut bestellt hatte, konnte sie 1996 auch guten Gewissens Afrika verlassen, um ihre angeschlagene Gesundheit in Deutschland behandeln zu lassen. Heute, da ihre eigene Gesundheit wiederhergestellt ist, steht sie ihrer gesundheitlich angeschlagenen Schwester bei und macht dabei einen ausgesprochen frohgemuten Eindruck, wohl gespeist von der Dankbarkeit für ein nicht nur erfolgreiches, sondern auch erfülltes Leben dies- und jenseits von Afrika.
Fotos: privat

Freitag, 8. Januar 2010

Selbsthilfe in Sachen Sauberkeit: Ein Beispiel für aktiven Bürgersinn in der Heimaterde


Sauberkeit und möglichst viel unberührte Natur – das wünscht sich wohl jeder Bürger in seinem Wohnumfeld. Doch es geschieht nichts Gutes, außer man tut es. Dieser zeitlos aktuellen Ensicht Erich Kästners folgend, packten jetzt 30 Mitarbeiter der Wohnungsbaufirma Immeo und Anwohner der Neulenshöhe, der Nollendorfstraße, der Buschkante und der Kleiststraße gemeinsam an und krämpelten die Ärmel hoch, um im Heimaterder Siepental zumindest einen Teil der Altlasten abzubauen, die sich dort über Jahrzehnte auf einer wilden Müllkippe angesammelt hatten. Beim dreistündigen Großreinemachen im Siepental, in dem früher zeitweise auch Tagebergbau betrieben worden war, wurde so manches zu Tage gefördert, was am Ende zwei große Müllcontainer (Foto) füllte.

Was da von den fleißigen Heinzelmännchen aus der Heimaterde aufgelesen wurde, reichte vom alten Einkaufswagen bis zum Speisfass, von Blechen, Baumaterialien, Bauschutt, einem alten Grill und Teerpappe bis zu diversen Steinen sowie altem Ast- und Strauchwerk. Vor allem die Müllabfuhr in den Schubkarren, die die Anwohner des Siepentals selbst mitgebracht hatten, gestaltete sich aufgrund der schwierigen Boden- und Wetterverhältnisse äußerst schwierig. Da tat es gut, dass sich die Helfer zwischendurch mit einem zünftigen Erbseneintopf stärken konnten. Den hatte Immeo ebenso zur Verfügung gestellt wie die beiden Groß-Container. Weil der Altmüll im Siepental mit einer Reinigungsaktion gar nicht abzutragen war, wollen das in der Heimaterde engagierte Wohnungsbauunternehmen und die Siedlervereinigung Heimaterde schon im Frühjahr ein zweites Großreinemachen starten.

Mit Blick auf die über Generationen angewachsene private Mülldeponie vor der Haustür im Siepental sagte Immeo-Geschäftsführer Ulrich Risthaus: „Das ist ein Zustand, den wir als Eigentümer dieses schützenwerten Gebietes nicht mehr hinnehmen konnten und auch nicht mehr hinnehmen wollen." Mit dem Schriftführer der Siedlervereinigung, Egon Janz, war sich Risthaus angesichts der Bürgerselbsthilfe in Sachen sauberes Siepental einig: „Es muss uns gelingen, ein neues Verständnis für die Schönheit und den ökologischen Wert dieses Tales bei den Anwohnern ins Bewusstsein zu rücken." Erst im Dezember hatte Immeo im Siepental einen Kanal angelegt, mit dem das Oberflächenwasser der oberhalb anliegenden Grundstücke in die normale Kanalisation eingeleitet werden kann.

Donnerstag, 7. Januar 2010

Porträt: Norbert Dudek - Ein Pastor, der den richtigen Ton trifft


Es soll Pfarrer und Pastöre geben, die ihrer Gemeinde die Flötentöne beibringen. Davon hält Norbert Dudek, seit fünf Jahren Pastor der Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz, nichts. Der bekennende Schottland-Fan, spielt lieber Dudelsack. Ein Freund, der als Pipe-Major in einer Band spielte, brachte ihn auf den musikalischen Geschmack. Das archaisch anmutende Dudelsackspiel ist für ihn perfekt, um Atemtechnik und Körperspannung zu trainieren. Man guckt und hört hin, wenn der Pastor von Mariae Rosenkranz im Schottenrock und mit Dudelsack bei Gemeinde- oder Stadtteilfesten aufspielt.

„Die einen lieben es. Die anderen hassen es", sagt er lakonisch über seine aus dem kirchenmusikalischen Rahmen herausfallende Leidenschaft. Ob er auch aufspielt oder gar den Ton angibt, wenn seine Gemeinde am kommenden Samstag, 9. Januar, um 18 Uhr zu ihrem Neujahrsempfang in den Union-Saal an der Neustadtstraße einlädt? Wer weiß? Neues anzugehen und auf andere zuzugehen, ist für den 41-jährigen Priester, der in Köln geboren wurde und im Sauerland aufwuchs, ehe er später als Kaplan in der Stadtpfarrei Mariae Geburt erste seelsorgerische Erfahrungen sammelte, kein Problem. Sein multikultureller Stadtteil Styrum erfordert aber auch dieses Talent. Er weiß, dass er und seine Kirche Neues wagen müssen, wo es kein flächendeckendes katholisches Milieu mehr gibt. So pflegt er als Islam-Beauftragter des Stadtdekanates den Dialog mit muslimischen Mülheimern. Und nicht von ungefähr ist das Jugendpastorale Zentrum der Stadtkirche in seiner Gemeinde angesiedelt. Seiner Kirche empfiehlt er den Mut, Jugendlichen mehr Raum zu geben, in dem sie sich ausprobieren können. 2009 wurde am Marienplatz denn auch ein Abenteuerspielplatz eröffnet und junge Graffitikünstler schufen am Jugendheim von Mariae Rosenkranz Kunst am Bau. Ein Hingucker.

Beim Neujahrsempfang am Samstag wird sich mit Sigrid Geiger denn auch eine neue Gemeindereferentin vorstellen, die ihn unter anderem in der Arbeit als Stadtjugendseelsorger unterstützen wird. Auch Ökumene und Frohsinn, der alle Christenmenschen verbinden sollte, kommen in Styrum nicht zu kurz, etwa am 10. Januar um 17 Uhr bei einem ökumenischen Taufgedächtnisgottesdienst in der evangelischen Immanuelkirche an der Kaiser-Wilhelm-Straße 21. oder bei der Karnevalsfestmesse am 17. Januar um 11.15 Uhr in Mariae Rosenkranz. Auch dann dürfte Norbert Dudek, wie in den Vorjahren, wieder eine Predigt halten, die humorvoll aus dem normalen liturgischen Rahmen fällt und ganz bestimmt den richtigen Ton trifft.

So gesehen: Nicht nur zur Neujahrszeit kommt es auf den eignen Kompass an

Wenn das neue Jahr vor der Tür steht, oder, wie jetzt, schon begonnen hat, fragt man sich, wo es wohl lang geht. Das fragt sich Vater nicht nur zum Jahresübergang, sondern auch dann, wenn es zu Tochter, Schwiegersohn und Enkelkindern geht.

Nicht, dass wir mit ihm als Familienchauffeur nicht irgendwann doch ans Ziel gekommen wären. Doch es brauchte seine Zeit, bis Vater die zielführenden Autobahnabfahrten verinnerlicht hatte. Ausgerechnet jetzt, da er sich fahrttechnisch am Ziel sah, bekam er zu Weihnachten einen elektronischen Navigator geschenkt, der ihm den Weg weisen sollte. Er montierte das Gerät im Auto und programmierte Start und Ziel, wie es ihm der technische versierte Schwiegersohn aufgetragen hatte.

Die elektronische Stimme und die schönen bunten Straßeansichten auf dem Display gaben ihm das Gefühl, dass jetzt nichts mehr schief gehen könne, zumindest solange, bis wir plötzlich in einer Sackgasse standen. Der elektronische Wegweiser versprach ihm, die Route neu zu berechnen. Doch Vater schaltete das Gerät ab und seinen Kopf wieder ein, um seiner eigenen Erfahrung und seinem Gefühl zu folgen. Und siehe da: Wir fanden wieder unseren Weg und kamen an. Wenn das nicht wegweisend für 2010 ist: Nur wer seinen eigenen Kompass im Kopf hat, erreicht sein Ziel.

Montag, 4. Januar 2010

Kinder an die Macht: Mülheims närrischer Nachwuchs macht Ernst

Kinder an die Macht" sang eins Herbert Grönemeyer. Die mölmschen Jecken nahmen ihn gestern beim Wort und proklamierten den 14-jährigen Mirko (I.) Schuster und die gleichaltrige Sandy Matuszczak im Dümptener Autohaus Extra zu Mülheims Nachwuchsregenten. Beide kommen, wie ihre Pagen, Rene Reiße (11) und Chiara Driesch (9) aus der Jubiläumsgesellschaft Mülheimer Carnevalclub Rot Weiß von 1959.


Doch ganz im Gegensatz zu Grönemeyers Liedtext: "Gebt den Kindern das Kommando. Sie berechnen nicht, was sie tun," wissen Mülheims Kindertollitäten, die von Gabi und Hermann-Josef Hüßelbeck durch die Session begleitet werden, ganz genau, was sie wollen. Das machten sie in den elf Paragrafen ihres närrischen Regierungsprogramms deutlich. Stilecht gingen die Pagen Rene und Chiara auf roten Samtkissen in die Knie, damit sie den kleinen Tollirtäten bei ihrem ersten großen Auftritt die Proklamationsrolle fürs Ablesen in Augenhöhe vorhalten konnten.
Bürgermeisterin Renate aus der Beek schrieb genau mit, was der Regenten-Nachwuchs von der Stadtspitze erwartet, zum Beispiel, dass bis Rosenmontag alle Mülheimer Straßen tip-top sein und wie neu aussehen sollen oder das alle Mülheimer Kinder an den Tollen Tagen nicht nur hausaufgaben- und schulfrei, sondern auch mehr Taschengeld bekommen sollen. Gut. Letzteres dürfte angesichts des leeren Stadtsäckels eher ein Appell an die elterlich denn an die städtische Regierung gewesen sein.

Direkt angesprochen wurden die Bürgermeisterin, ihr Amtskollege Markus Püll und Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld mit der Tollitäten-Forderung, die Stadtspitze möge sich als Fußgruppe am Rosenmontagszug beteiligen oder sich mit zehn Kilo Kamelle für den Rosenmontagszug freikaufen. "Wir kaufen uns frei und sind trotzdem beim Rosenmontagszug mit dabei", versprach aus der Beek. Auch beim Thema Schul- und Hausaufgabenfrei signalisierte sie den Kindertollitäten Unterstützung aus dem Rathaus. Die Mahnung zum Straßenzustand konterte sie dagegen mit kostenneutralem Humor. "Wenn es Rosenmontag schneit und eine dicke Schneedecke auf den Straßen liegt, sehen sie alle, wie neu auf." Mal sehen, ob diese Rechnung aufgeht oder, wie ein Schneemann in der Sonne dahin schmilzt.
Doch nicht nur der Stadtspitze, sondern auch der Spitze des mölmschen Karnevals gaben die Kindertollitäten Arbeitsaufträge mit auf den Weg in die heiße Phase der Session: Hauptausschuss-Präsident Heiner Janßen darf bei seinen Karnevalsauftritten künftig nicht länger als fünf Minuten sprechen. Einzige Ausnahme soll die Kinderkarnevalsparty im Forum sein, wenn er zusammen mit seinem Geschäftsführer und Vizepräsidenten Hans Klingels eine Büttenrede halten soll, die maximal zehn Minuten lang sein darf.

Und was sollte sich das ganz gemeine närrische Fußvolk aus der Regierungserklärung der Nachwuchsregenten hinter die Ohren schreiben? Vielleicht, dass Randalierer beim Rosenmontagszug nach Aschermittwoch die Bürgersteige fegen müssen und dass die Kindertollitäten bis Aschermittwoch nur noch lachende Gesichter sehen wollen.

Sonntag, 3. Januar 2010

Es geschah an einem 3. Januar: Als in Mülheim die erste Zeitung erschien

Sicher. Wir haben heute Internet, Radio und Fernsehen. Doch wie beginnt ein guter Tag? Natürlich mit einem guten Frühstück. Und zu einem guten Frühstück gehört die Zeitungslektüre. Ihre erste Zeitung können die Mülheimer am 3. Januar 1797 lesen. Was sie da auf vier eng bedruckten und bilderlosen Din A-5-Seiten lesen, hat nichts mit Mülheim, sondern nur mit hoher Politik, Diplomatie und Schlachtenlärm zu tun. Lokalberichterstattung? Fehlanzeige. Der Verleger des Blattes, der Buchdrucker Gerhardt Wilhelm Blech, will mit seinem Blatt, wie er schreibt, "dem aufmerksamen Weltenbürger die Begebenheiten unserer tatenreichen Zeit verkündigen."

Das tut er mit Hilfe von Korrespondentenbriefen zweimal pro Woche. Der Mann ist flexibel und wechselt schon nach einer Ausgabe den Titel seiner Zeitung. Aus der Mülheimer Zeitung von Kriegs- und Staatsgeschäften wird in der zweiten Ausgabe vom 6. Januar 1797die Mülheimer Zeitung der neuesten Begebenheiten. Mülheim ist in Sachen Zeitung spät dran. Das Erscheinen der ersten deutschen Zeitung liegt bereits gut 190 Jahre zurück. Andererseits liegt Mülheim damals im Trend der Zeit. Aufklärung ist angesagt. Das Lesefieber grassiert, wenn bisher auch nur ein Viertel der Deutschen lesekundig ist. Aller Anfang ist schwer. Dafür sorgt auch der Landesherr, in diesem Fall, Landgraf Ludwig.

Der hat Blechs "untertänigsten Antrag" auf Herausgabe einer Zeitung bereits im September 1796 "gnädigst bewilligt." Gnade?! Ja Gnade. Denn trotz Aufklärung ist damals immer noch Absolutismus und Herrscherrecht von Gottes Gnaden angesagt. Mit der Pressefreiheit ist es damals noch nicht so weit her. Und so fällt Zeitungsverleger Blech schon wenige Jahre später beim Landesherren in Ungnade und bekommt seine Zeitungslizenz wieder entzogen. Ursache: unbekannt, aber wahrscheinlich politisch unangenehm. Erst 1873 gibt es wieder eine von Julius Wacker begründete und später vom Verleger Ernst Marks herausgegebene Mülheimer Zeitung. Doch das ist eine andere Geschichte.

Samstag, 2. Januar 2010

Aber bitte mit Sahne: Das Stadtcafe Sander am Kohlenkamp feiert seinen 250. Geburtstag




"Aber bitte mit Sahne", sang einst Udo Jürgens. So eine genussvolle Lebenseinstellung ist ganz nach dem Geschmack von Friedhelm Großenbeck uund seiner Frau Anke Holthaus. Das Konditorenehepaar führt das Stadtcafe Sander am Kohlenkamp bereits in der siebten Generation.

Anno 1760, also vor sage und schreibe 250 Jahren eröffnete der Bäcker und Bergmann Georg Sander am Kohlenkamp seine kleine Bäckerei, aus der sein Urenkel August Sander 1868 das Cafe Sander machte. Das Markenzeichen des Cafes am Kohlenkamp, den Baumkuchen, führte Gustav Sander ein, der das Traditionsunternehmen von 1910 bis zu seinem Tode 1950 führte.

Gustav brachte das Familienunternehmen nicht nur kulinarisch, sondern auch technisch voran. Dabei musste er schwere Rück- und Schicksalsschläge verkraften. Im Ersten Weltkrieg musste Sander wegen Rohstoffmangels immer wieder auf Ersatzstofrfe zurückgreifen. Und seine beiden Söhne Gustav und Helmut, die das Konditorenhandwerk erlernt hatten, fielen im Zweiten Weltkrieg. Es war seine Witwe Hermine, die das Cafe nach Gustavs Tod zusammen mit ihren vier Töchtern fortführte, ehe ihr Tochter Marie zusammen mit ihrem Mann, dem Konditormeister Friedhelm Großenbeck, 1963 die Leitung des Cafehauses übernahm.

Friedrich Großenbeck und Marie Sander, beide Jahrgang 1921, übergaben das Geschäft mit den süßen Sachen, 1983 dann an ihren Sohn Friedhelm und deren Frau Anke. Ob die achte Sander-Generation, Sohn Martin und Tochter Anja, die Cafehaus-Tradition fortführen, steht noch in den Sternen.

Für Friedhelm Großenbeck, der bereits mit 14 nach der Schule in die Konditorenlehre ging, war es seinerzeit keine Frage, die Familientradition fotzuführen. Warum auch nicht? Das Geschäft mit Kuchen und Torten boomte. "Zwei Stückchen Kuchen pro Cafebesuch waren damals Standard", erinnert sich der 50-jährige Konditormeister an die Hochzeiten des Stadtcafes.

Die begannen in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Menschen ausgehungert waren und kulinarischen Nachholbedarf hatten und dauerten bis in die 80er Jahre. Dann kam die Gesundheits- und Schlankheitswelle. Heute ist nach einem Stückchen Kuchen in der Regel Schluss mit Genuss. Die Konditoren vom Kohlenkamp haben sich auf die Kundenwünsche eingestellt, kreieren ihre Torten heute zum Beispiel mit wesentlich weniger Zucker, als anno dazumal.

Dass die Familie Sander-Großenbeck, Schlankheitswelle hin oder her, aber auch im 250. Jahr ihres Unternehmens nicht am Hungertuch nagen muss, hat sie ihren vielen Stammkunden und kulinarischen Überzeugungstätern zu tun, die immer wieder gerne ins Cafe kommen, dass sie als entspannende und gesellige Oase im hektischen Alltagsgetriebe empfinden.

"Es gibt Gott sei Dank genug Menschen, die sich nicht verrückt machen lassen und wissen: Was ich in Maßen genieße, ist auch gut für mich", sagt Konditormeister Großenbeck, der seinen eigenen Kuchen nicht nur backt, sondern während der Arbeit auch immer wieder nascht. "Schließlich muss ich ja probieren", sagt er mit einem Augenzwinkern.

Nach seinem Umbau im Jahr 1981 legte sich das Cafe Sander ganz bewusst ein gutbürgerliches und gediegenes Ambiente zu, das vor allem die ältere Kundschaft ansprach und anspricht. Großenbecks älteste Stammkundin ist gerade 100 geworden und kommt bis zu fünfmal pro Woche ins Cafe.

Dass seine Stammkunden alle zur Generation 50 und 60 Plus gehören, sieht der Konditormeister mit Blick auf den demografischen Wandel durchaus als Vorteil. Mehr alte Menschen bedeuten für ihn auch potenziell mehr Cafehausbesucher. Neben Qualität und Service hat Großenbeck dabei auch das Thema Barrierefreiheit im Blick. Denn immer mehr betagte Cafehausbesucher sind auf einen Rollator oder einen Rollstuhl angewiesen. Da müssen die Zugänge ebenderdig und die Toilettenräume größer sein.

Dass Cafe Sander sich inzwischen auch über Mülheims Grenzen hinaus einen Namen gemacht hat, zeigt die Tatsache, dass die Zeitschrift "Feinschmecker" Sander 2005 als eines der besten Cafes in Deutschland empfahl.

Einen ausführlichen Beitrag über das Traditionsunternehmen Cafe Sander finden Sie auch im Mülheimer Jahrbuch 2010.