Montag, 29. März 2010

Neues von der Schloßstraße: Leerstand, aber nur auf Zeit


Wieder ein neuer Leerstand an der Schloßstraße. Der Bäcker Oebel hat seine Filale zum 23. März geschlossen und verweist seine Kunden auf seine nächstliegende Bäckerei in Oberhausen. War die hohe Bäckereidichte an der Schloßstraße der Hauptgrund für die Schließung?

Neben Oebel gab und gibt es in ihrem Einzugsbereich fünf weitere Bäckereien. Während der Hauseigentümer und Vermieter, die in Bochum ansässige UHB-Gruppe, eben diese Bäckereidichte als Hauptgrund für den Wegzug von Oebel nennt, spricht dessen Verkaufsleiter Karl Heinz Albrecht von einer zu hohen Miete. Albrecht kann sich vorstellen, dass Oebel an einem anderen Standort in Mülheim eine neue Filiale eröffne, wenn dort die Konditionen aus Oebels Sicht stimmen.

Nach Auskunft der Mülheimer Stadtmarketinggesellschaft liegt die Durchschnittsmiete für Geschäftsimmobilien auf der als 1a-Lage kategorisierten Schloßstraße derzeit zwischen 28 und 35 Euro pro Quadratmeter. Der City-Manager der MST, Dennis Fischer, hält diese Mieten im Vergleich mit anderen Großstädten der Region nicht für zu hoch, rät Hauseigentümern aber zu einer flexiblen Mietpolitik, die nicht nur auf Durchschnittsmieten, sondern auf die individuellen Geschäftskonzepte ihrer Mieter sowie auf die Stärken und Schwächen ihres Standortes ausrichten sollte.

UHB-Geschäftsführer Uwe Hartbecle warnt davor den Standort Stadtmitte schlecht zu reden. Sein Unternehmen besitzt in der Innenstadt derzeit zwölf Immobilien. Die gewerblichen Mieter von UHB seien derzeit mit ihrer Geschäftslage und ihren Mietkonditionen zufrieden. Dass die Innenstadt gefragter ist, als man glaubt, sieht Hartbecke daran, dass er sowohl für das Geschäftslokal, das bisher von Oebel genutzt wurde, als auch für das zurzeit ebenfalls leerstehende Ladenlokal eines Handyshops bereits Nachmieter gefunden hat, die die zwischen 120 und 150 Quadratmeter großen Geschäftsräume im April umbauen und ab Mai für ihre Geschäfte nutzen wollen. Hartbeckes Vermietungsstrategie lautet: "Nicht nur auf Mietinteressenten warten und Zeitungsanzeigen schalten, sondern Filialisten gezielt ansprechen."

So wird es ab Mai in der ehemaligen Bäckerei Kindermoden eines französischen Anbieters und im ehemaligen Handy-Shop Reisen zu buchen geben. Das kommt auch Tim Schiebold sehr entgegen, der sich bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Mülheim und Business um die Vermarktung der Geschäftsimmobilien in der Innenstadt kümmert. Denn gerade im Bereich Mode und Textil sieht er in der City noch Nachholbedarf.

MST-City-Manager Dennis Fischer (Ruf: 9609643) und M&B-Mann Tim Schiebold (Ruf: 484843) Hauseigentümern, die ihre Geschäftsimmobilien vermieten wollen oder mietinteressierten Geschäftsleuten auf Anfrage mit Rat und Tat zur Seite.

Sonntag, 28. März 2010

Rückblick in die Stadtgeschichte: Vor 90 Jahren wurde Mülheim für wenige Tage zu einer Räterepublik

Die Stadt erlebt einen stürmischen Frühling. Der Zwang zur massiven Haushaltskonsolidierung in Zeiten uneindeutiger Ratsmehrheiten lässt bei manchem Bürger die Frage aufkommen: Wie kann die Stadt noch regiert werden? Was tröstet, ist die Tatsache, dass Mülheim schon ganz andere politische Frühlingsstürme überstanden hat: zum Beispiel vor 90 Jahren.Im März 1920, man staunt, wird das bürgerliche Mülheim zur Räterepublik. Ein Aktionsausschuss, dem Kommunisten, Unabhängige Sozialdemokraten und Sozialdemokraten angehören, übernimmt im Rathaus das Regiment. Oberbürgermeister Paul Lembke wird entmachtet, die Polizei entwaffnet und privater Waffenbesitz verboten. Rund 500 Bürger schließen sich der von Essen aus einmarschierenden Roten Ruhrarmee an, deren Soldaten nun auch aus der Stadtkasse bezahlt werden.

Der Umsturz von Links ist eine Reaktion auf einen Umsturz von Rechts.Wolfgang Kapp und seine rechtsextremen Gefolgsleute putschen in Berlin gegen die Republik von Weimar. Dagegen streiken auch in Mülheim die Arbeiter. Der Generalstreik hat Erfolg. Der Kapp-Putsch bricht nach wenigen Tagen zusammen.Doch im Ruhrgebiet löst der soeben abgewehrte Staatsstreich eine eigene revolutionäre Dynamik aus. Auch in Mülheim kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen mit Plünderungen, Schießereien, Toten und Verletzten. In einem Aufruf vom 23. März 1920 teilen die roten Revolutionäre im Rathaus der Bevölkerung mit, was sie erreichen wollen. „Für Sozialismus. Für freies Menschentum“, lautet die Parole des Aktionsausschusses, der nach den Betriebsratswahlen vom 25. März durch einen Vollzugsausschuss ersetzt wird.

Die Führer der Räterepublik wollen nicht nur reaktionäre Offiziere und Beamte aus Armee und Verwaltung entfernen, sondern auch die Ausbeutung der Arbeiter beenden. Beschlagnahmungen, gewaltsame Übergriffe und ein zwischenzeitlich verhängtes Alkoholverbot machen die Revolutionäre bei vielen Bürgern unbeliebt.Ihre Tage sind gezählt. Am 29. März erreicht Mülheim ein Ultimatum der Reichswehr. Die Rote Ruhrarmee soll ihre Waffen niederlegen und ihre Gefangenen freilassen.

Am 2. April marschieren Reichswehr- und rechte Freikorpseinheiten ins Ruhrgebiet ein. Zu ihnen gehört auch das Freikorps Schulz, in dem sich ehemalige Soldaten des Mülheimer Infanterieregiments 159 zusammengeschlossen haben.Reichswehr- und Freikorpssoldaten erreichen am 5. April die Stadt. Umgehend wird das Standrecht verhängt und die Rote Ruhrarmee entwaffnet. Die Mülheimer Zeitung feiert tags darauf in ihrer Ausgabe „das Ende der Mülheimer Kommunistenherrschaft.“

Dieser Text erschien am 23. März 2010 in der NRZ

Samstag, 27. März 2010

Ein kleiner Mann im Ohr macht Bankgeschäfte am Geldautomaten barrierefreier, aber nicht risikolos



Das ist für mich ein Stück Freiheit und Selbstständigkeit", freut sich Maria St. Mont und steckt ihr Kopfhörerkabel in den Geldautomaten der Bank ihres Vertrauens. Eine sonorige Herrenstimme sagt ihr, wo es lang geht, wo sie ihr Karte einführen und ihre PIN-Nummer eingeben muss. Natürlich fragt sie der kleine Mann im Ohr auch nach der gewünschten Summe und sagt ihr, wo und wie sie den Auszahlungsvorgang bestätigen oder abbrechen kann. Allerdings muss sich die Kundin beeilen. Denn nach 30 Sekunden wird der Eingabevorgang aus Sicherheitsgründen abgebrochen. Sollte sie dann ihre Karte nicht aus dem Schlitz des Geldautomaten entnehmen, sondern sie vergessen, wird diese ebenfalls aus Sicherheitsgründen eingezogen. Doch das ist der hochgradig sehbehinderten Mülheimerin bisher noch nicht passiert.
Ungern erinnert sich die stellvertretende Vorsitzende des Blinden- und Sehbehinderten Vereins (BSV) an jenen Tag im Februar, als ihr Geldautomat in der Deutschen Bank an der Wallstraße noch nicht sprechen konnte, dafür aber die ursprünglich erhabenen Druckknöpfe, die sie bis dahin auf seinem Monitor hatte ertasten können, durch einen völlig flachen Touchscreen ersetzt worden waren. "Da hatte ich so einen Hals", erinnert sich St. Mont. Die Bankschalter waren bereits geschlossen und sie brauchte dringend Bargeld. Da musste sie auf die Hilfe einer zum Glück ehrlichen Bankkundin zurückgreifen.Nicht nur bei der Deutschen Bank, sondern auch in der Sparkasse an der Saarner Kuppe hat sie bereits mit Hilfe ihres MP3-Kopfhörers einen sprechenden Geldautomaten nutzen können. Jetzt würde sie sich solch einen Apparat, der für barrierefreie Bankgeschäfte sorgt, auch in der Sparkassen-Hauptstelle am Berliner Platz wünschen. "Das ist bereits angedacht", bestätigt Sparkassen-Sprecher Frank Hötzel, kann aber noch keinen genauen Zeitpunkt für die entsprechende Umrüstung nennen. Er verweist aber darauf, dass auch die Sparkasse im Rhein-Ruhr-Zentrum über einen sprechenden Geldautomaten verfügt und die Tastaturen der Geldautomaten in der Hauptstelle wie fast alle der stadtweit 50 Sparkassen-Automaten auch mit einer Blindenschrift ausgestattet sind.
"Aber das hilft natürlich nicht denen, die erst spät erblindet sind und diese Schrift nicht gelernt haben". weiß St. Mont.Leider sind nicht alle Menschen so ehrlich, wie die Bankkundin, die der stellvertretenden BSV-Vorsitzenden im Februar am Bankautomaten zu ihrem Geld verhalf. Polizei-Sprecher Thomas Hemmelmann weiß von drei versuchten und einem erfolgreichen sogenannten Skimming-Angriff zu berichten, die sich 2009 in Mülheim ereigneten. Bei dem erfolgreichen Angriff wurden nach von der Polizei nicht bestätigten Angeben in Saarn insgesamt 80?000 Euro erbeutet. In diesem Jahr wurden bisher noch keine erfolgreichen Manipulationen an Mülheimer Geldautomaten aktenkundig, die nach Polizeierkenntnissen vor allem auf das Konto von bandenmäßig organisierten Kriminellen aus Südosteuropa gehen.Wurden die sensiblen Kartendaten früher vor allem mit kleinen Kameras ausspioniert, die in unauffälligen Vorsätzen am Karteneingabeschlitz des Geldautomaten montiert worden waren, so wird heute beim Klau der sensiblen Kartendaten mit Funksignalen, dem sogenannten Skimming, und mit manipulierten Tastenfeldern gearbeitet.

Während die Deutsche Bank grundsätzlich keine Angaben zur Sicherung ihrer Geldautomaten macht, bestätigt Sparkassensprecher Frank Hötzel, dass sein Arbeitgeber die rund 15?000 Euro kostenden Geldautomaten mit Hilfe von Videoüberwachung und dem Einbau von sogenannten Antiskimminggeräten gegen Manipulationen zu schützen versucht. Diese Geräte funktionieren wie Störsender und machen so die Ausspähung der Kartendaten via Funk unmöglich. Laut Hötzel ist aber bisher noch kein Geldautomat der Sparkasse von einem Skimming-Angriff betroffen gewesen.2009 registrierte die Sparkasse an ihren Automaten rund 3,5 Millionen Zahlungsvorgänge. Tendenz steigend. Die Polizei rät Bankkunden aber zu einer erhöhten Aufmerksamkeit. Wer eine manipulierte Tastatur oder einen anmontierten Vorsatz vor dem Karteneingabeschlitz entdeckt, sollte sie dies unter der Notrufnummer ~110 sofort der Polizei melden, da Skimming-Angreifer in der Regel unweit des Tatortes in einem Auto sitzen, um dort die Geldautomaten via Funksignal auszuspähen. Weitere Informationen zum Thema gibt es auch im Internet unter www.kartensicherheit.de

Dieser Text erschien auch in der NRZ

Freitag, 26. März 2010

Wie sage ich es meinem Kind? Eine Tagung der Katholischen Akademie lud zu einer literarischen Spurensuche nach Gott



Wie sage ich es meinem Kinde? Wie erzähle ich ihm von Gott und erkläre ich ihm, was und wie Gott ist? Eine Tagung, zu der das Medienforum des Bistums und die katholische Akademie Die Wolfsburg eingeladen hatten, begab sich mit Pädagogen, Erzieherinnen und anderen Multiplikatoren aus der Kinder- und Jugendarbeit auf eine Spurensuche durch die Kinder- Jugendliteratur.

Als eine Wegbegleiterin durch das literarische Dickicht reiste aus Weingarten Anja Ballis an. Sie lehrt dort an der Pädagogischen Hochschule literarisches Lernen. Mit Blick auf ihr eigenes Fach, der Literaturdidaktik, stellte sie fest, dass das Thema Gott hier immer seltener eine Rolle spielt. Andererseits kam sie bei der Umschau durch die aktuelle Bilderbuch-Literatur zu dem Ergebnis, dass Gott hier sehr wohl ein Thema ist, das in sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen für eine zunehmend multikulturelle Gesellschaft von Bedeutung ist, um die jeweiligen kulturellen und religiösen Wurzeln verstehen zu können.

Was den unvoreingenommenen Zuhörer überraschte, war die Tatsache, dass Bilderbuch-Autoren und Illustratoren ihrer Phantasie keine Grenzen setzen, wenn sie Kindern mehr oder weniger direkt von Gott erzählen. Da machen sich in Ulrich Hubs und Jörg Mühles "An der Arche um Acht" drei Pinguine angesichts der Sintflut ihre Gedanken über Gott. In Bart Moeyaerts und Wolf Erlbruchs "Am Anfang" begleitet ein kleiner nackter Mann auf einem Stuhl Gott, der hier ganz traditionell als großer alter Mann erscheint, bei seiner Schöpfung. Ganz menschlich und ganz klein, nämlich als Kind, das die Welt, wie in einer Bastelstunde erschafft, kommt Gott in Annette Swobodas "Der kleine Gott und die Tiere" daher.
Ballis zeigte sich davon überzeugt, dass Bilderbücher gerade in einer zunehmend säkularisierten Welt Kinder und Eltern dazu anregen können, über Gott ins Gespräch zu kommen und gemeinsam zu erkennen, "das Gott sehr vielgestaltig sein kann."

"Lassen Sie es auf einen Versuch ankommen. Und Sie werden im Gespräch mit den Kindern sehr schnell merken, dass die ganz eigenen Gedanken der Kinder über Gott und die Unbefangenheit ihrer Fragen ihr eigenes Religions- und Gottesverständnis oft viel weiter bringt als die Worte vieler Gelehrter." Doch in der Diskussion gab es auch kritische Stimmen aus dem Publikum, die zum Beispiel auf das biblische Gebot: "Du sollst dir kein Bild machen" hinwiesen und die gemeinsame Lektüre einer Kinder-Bibel als die religionspädagogisch sinnvollere Alternative zum Bilderbuch ansahen.

Dieser Text erschien auch in der Wochenzeitung Ruhrwort

Mittwoch, 24. März 2010

Warum der ehemalige Förderschulleiter Wilhelm Schröder ein Buch über die junge Depression schreiben will und dafür Gesprächspartner sucht



Viele kennen ihn noch als Leiter der Wilhelm-Busch-Förderschule. Nicht erst im Ruhestand, aber jetzt verstärkt ist der 66-jährige Pädagoge unter die Buchautoren gegangen. Aktuell arbeitet er an einem Buchprojekt. Thema: Depressionen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wie er zu diesem heißen Eisen kam und was er mit seinem Buch erreichen will, erklärt er mir in einem Gespräch, das ich für die NRZ führte.


Wie kamen Sie als Pädagoge zum Bücherschreiben?
Ich habe immer schon gerne geschrieben und inzwischen sechs Titel zu verschiedenen Themen veröffentlichen können. Als Pädagoge, wie als Buchautor ist die Werteerziehung mein Hauptanliegen, weil ich sehe, dass in unserer Gesellschaft die Werte den Bach runtergehen.


Und wie sind Sie zum Thema Depressionen gekommen?
Den Anstoß gab der Selbstmord von Robert Enke. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Warum nimmt sich ein Mensch sein Leben, der die höchste sportliche Akzeptanz erreicht hat und mit seiner Frau, Kindern und Tieren auf einem Bauernhof leben konnte. Der Tod seiner zweijährigen Tochter konnte seinen Suizid allein nicht erklären. Doch dann habe ich im Nachrichtenmagazin Der Spiegel ein Interview mit Enkes Vater, einem Psychiater, gelesen. In diesem Interview wurde deutlich, dass die Angst zu versagen in Enkes Leben ein ganz großer Faktor war. Er hatte einen sehr hohen Anspruch an sich und mir wurde klar, dass viele Menschen deshalb depressiv werden, weil sie überhöhte Ansprüche an sich stellen und damit nicht klar kommen und so an sich selbst scheitern. Bei meinen weiteren Recherchen habe ich dann herausgefunden, dass vier Millionen Deutsche derzeit als depressiv gelten und die Depression inzwischen zur Volkskrankheit Nummer Eins geworden ist. Der Altersschwerpunkt dieser Erkrankung liegt bei den 30- bis 45-Jährigen, verschiebt sich aber immer mehr zu den 18- bis 25-Jährigen.


Und wie kommen Jugendliche und junge Erwachsene bei ihrem Projekt ins Spiel?
Ich habe Zeitungsanzeigen aufgegeben und so bereits vier Gesprächspartner gewinnen können, die zwischen 18 und 30 Jahre alt sind und mit denen ich auch schon gesprochen haben. Ich bin diesen vier sehr dankbar, dass sie sich zur Verfügung gestellt und geöffnet haben. Alle mussten die Barriere überspringen, über ihre Depression zu sprechen. Doch am Ende haben sich alle für das Gespräch bedankt und waren froh darüber, sich geöffnet zu haben. Jetzt würde ich für mein Buch gerne noch mit acht weiteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen über ihre Depression sprechen. Natürlich sollen die Interviews an einem neutralen Ort geführt und alle Persönlichkeitsmerkmale im Buch anonymisiert dargestellt werden. Betroffene, die an einem Gespräch interessiert sind, bitte ich, sich bei mir zu melden. Ich werde in Kürze auch noch mal mit einem Psychiatrie-Professor sprechen, um mein Buch auch fachlich und inhaltlich fundiert schreiben zu können.


Warum ist es so schwer, Gesprächspartner zu diesem Thema zu finden?
Depressionen sind ein Tabuthema. Darüber spricht man nicht. Und wer sich outet, befürchtet Nachteile im Beruf oder Hänseleien in der Schule.


Was möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen?
Menschen sollen sich informieren und erkennen, dass Depressionen kein Randthema unserer Gesellschaft sind, sondern jeden treffen können, vom Hilfsarbeiter bis zum Hochschullehrer. Ich möchte natürlich auch herausarbeiten, welche Hilfen man in Anspruch nehmen kann. Es geht mir auch darum, Betroffenen Mut zu machen, offensiver mit ihrer Depression umzugehen und sich nicht in eine Ecke drängen zu lassen, in die sie nicht gehören.


Warum erkranken auch immer mehr junge Leute an Depressionen?
Ursache dafür können Störungen in der frühen Kindheit, Verlustängste und tatsächliche Verluste von nahestehenden Personen sein. Aber auch Alkohol- oder Drogenprobleme können zu Depressionen führen. Da gibt es ganz unterschiedliche Verursacher.
Sehen Sie auch soziale Ursachen für die jugendliche Depression?
Ganz sicher. Viele Jugendliche sehen ihre Perspektivlosigkeit in einer Gesellschaft, in der der Neoliberalismus immer stärker um sich greift. Sie fühlen sich überflüssig. Und das ist für Depressionen der ideale Nährboden.


Was bleibt dagegen zu tun?
Unsere Gesellschaft muss humaner werden. Niemand darf ausgegrenzt werden. Alle müssen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass ein Leben mit Hartz IV menschenunwürdig ist. Außerdem gibt es für die Jugendlichen der Generation Praktikum kaum noch unbefristete Arbeitsverträge. Ich hoffe, dass Politik und Wirtschaft diese Misere erkennen und dafür sorgen, dass sich gesellschaftlichen Verhältnisse ändern.



Wer sich Wilhelm Schröder als Gesprächspartner für sein neuestes Buchprojekt rund um die junge Depression zur Verfügung stellen möchte, kann ihn unter der Rufnummer: 0178/232 55 35.

Samstag, 20. März 2010

Die Nord-Pfarrei St. Barbara beschenkt Mülheim im Kulturhauptstadtjahr nicht nur mit einer Festliche Konzertouvertüre


Sie klingt machtvoll und poetisch, die Festliche Mülheimer Konzertouvertüre. Komponiert hat sie der aus Kattowitz kommende und heute in Mülheim lebende Komponist Piotr Radko. Gespielt wurde das von den Nord-Pastören Manfred von Schwartzenberg (St. Barbara), Norbert Dudek (St. Mariae Rosenkranz), Pater Leo Wiszniewski (Christ-König) und Michael Clemens (St. Engelbert) in Auftrag gegebene Werk von 80 jungen Musikern des Kattowitzer Musikgymnasiums Karol Szymanowski. 700 Zuhörer in der Engelbertkirche sind begeistert, applaudieren stehend. "Das ist kein musikalischer Gruß aus der Vergangenheit, sondern authentisch 2010", sagt Pfarrer von Schwartzenberg, der die Partitur an diesem Konzertabend im Rahmen der Jugendmusikalischen Kulturwoche von St. Barbara offiziell als Ruhr-2010-Beitrag der Nord-Pfarrei an die Stadt übergibt.

Deren Vertreterin, Bürgermeisterin Renate aus der Beek spricht von einem Zeichen "der kulturellen Verbundenheit der Katholiken mit ihrer Stadt" und schwärmt von einer "Musik, die unsere Herzen berührt hat und uns vereint."

Bleibt zu hoffen das Radkos Musik, die er selbst als expressiv und dramatisch, aber auch als harmonisch und melodisch charakterisiert, im Rahmen der Jugendmusikalischen Kulturwoche von St. Barbara nicht zum letzten Mal zu hören war. Denn deren Partitur soll nun zunächst ins Stadtarchiv wandern. Doch die jungen Sinfoniker des Kattowitzer Musikgymnasiums, denen Radko nach dem Konzert bescheinigt, "mein Werk sehr engagiert gespielt" zu haben, haben ganze Arbeit geleistet. Bei der Generalprobe in St. Engelbert nahmen sie ihr Konzertprogramm, zu dem neben der festlichen Mülheimer Konzertouvertüre auch Pablo de Sarasates Nouvelle Fantasie sur Faust und Antonin Dvoraks neunte Sinfonie "Aus der Neuen Welt" gehörten, als CD auf.

Überhaupt beeindruckt das stramme Programm, das die jungen Musiker aus Kattowitz während der Jugendkulturwoche von St. Barbara absolvierten. Neben dem von ihnen gespielten Sinfoniekonzert, begleiteten sie auch eine Friedensvesper in St. Barbara einen spirituellen Jugend-Gesangswettbewerb in Christ König, eine Requiem-Aufführung in der Düpmpter Auferstehungskirche Heilig Kreuz sowie ein musikalisches Mittagsgebet im Essener Dom. Beeindruckend waren aber auch der Einsatz der vielen Gemeindemitglieder, die nicht nur als Gastfamilien dafür sorgten, dass die Jugendmusikalische Kulturwoche reibungslos über die Bühne gehen konnte und nicht zuletzt der Elan von 260 Kindern und Jugendlichen, die beim Sängerfest der Grundschulen und beim spirituellen Song-Contest in St. Barbara und Christ König auf der Bühne standen.



Dieser Text erschien auch in der Wochenzeitung RUHRWORT

Freitag, 19. März 2010

Kleine Dinge erhalten die Menschlichkeit oder: Warum Menschen freiwillig ins Altenheim gehen



Wer sich mit Edda Straßburger (rechts) und Jan Dirk Heimbuch unterhält, lernt vor allem eines: Es sind die kleinen Dinge im Leben, die wirklich wichtig sind. Was die beiden zusammen mit 33 anderen ehrenamtlichen Helfern im städtischen Altenheim am Kuhlendahl leisten, hört sich unspektakulär an. Da wird mit Bewohnern gesprochen, gespielt oder einfach nur zugehört. Da wird vorgelesen, gemeinsam gesungen, ein abgerissener Knopf wieder angenäht oder Einkäufe erledigt. Da werden Bewohner im Krankenhaus besucht, Spaziergänge unternommen oder kleine Feste ausgerichtet. Heimbuch, Straßburger und ihre Mitstreiter in Sachen Menschlichkeit können sich die Zeit nehmen, die den 56 hauptamtlichen Pflegekräften im Haus Kuhlendahl oft fehlt.

"Das ist ein sehr harter und schwerer Beruf", sind sich Heimbuch und Straßburger einig, wenn sie bei ihren ein bis zwei Besuchen pro Woche den Arbeitsalltag des Pflegepersonals mitbekommen, das es oft mit altersverwirrten Menschen zu tun hat, die auf Schritt und Tritt Hilfe benötigen. "Sie entlasten die Mitarbeiter und bringen Freude in den Alltag der Bewohner," beschreibt Einrichtungsleiterin Andrea Andres-Lübking (links) den Mehrwert der ehrenamtlichen Unterstützung. Das wichtigste Kapital ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter sieht Anders-Lübking in deren Persönlichkeit und Lebenserfahrung, die sie befähigt, sich auf ganz unterschiedliche Menschen im Altenheim einzulassen.

Natürlich menschelt es auch im Altenheim. "Ich stelle immer wieder fest, dass der Charakter eines Menschen im Alter besonders stark hervortritt, weil er Schwächen weniger gut kaschieren und kompensieren kann." Warum gehen Menschen wie Straßburger und Heimbuch, die mit ihren 80 und 69 Lebensjahren nach einem arbeitsreichen Leben als Medizinisch Technische Assistentin und als Inhaber einer Druckerei selbst das Seniorenalter erreicht haben, freiwillig ins Altenheim? Sowohl Straßburger, die sich bereits seit 20 Jahren als Mitglied eines ökumenischen Kirchenkreises im Haus Kuhlendahl engagiert, als auch Heimbuch, der erst vor einigen Monaten durch das Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) zu seinem Ehrenamt im Haus Kuhlendahl, haben den Wunsch, der Gesellschaft und ihren Mitmenschen etwas zurückzugeben. Beide berichten nicht nur vom guten Gefühl freudig erwartet zu werden oder in strahlende Augen zu schauen. Sie sind sich auch einig, dass ihnen ihr ehrenamtliches Engagement vor allem zwei Dinge beschert hat: den Verlust der Angst vor dem Altenheim und die Dankbarkeit für das eigene Leben.
Dieser Text erschien auch in NRZ und WAZ

Sonntag, 14. März 2010

Vor 50 Jahren gewannen die Handball-Frauen vom RSV die Deutsche Meisterschaft


Erfolgreicher Spitzensport. Dabei denkt man heute in Mülheim vielleicht an Hockey und den mehrfachen deutschen Meister HTC Uhlenhorst. Doch Mülheim war auch mal eine Handballhochburg. Lang ist es her, 50 Jahre um genau zu sein, als man sich in Mülheim über den Gewinn einer deutschen Handballmeisterschaft freuen konnte. Am 13. März 1960 schlugen die Handball-Damen des RSV Mülheim im Meisterschaftsfinale das Team des Südmeisters 1. FC Nürnberg mit 10:5 und holten den Titel an die Ruhr.Damit knüpften die Damen an frühere Handball-Erfolge des Rasensportvereins und seiner Herren an, die 1947 Deutscher Meister geworden waren.


Nach ihrem Finalsieg in der Halle Münsterland wurden die Handball-Heldinnen von den Stadtspitzen und begeisterten Handballkollegen und Fans auf dem Rathausmarkt begeistert gefeiert. Oberbürgermeister Heinrich Thöne überreichte den Meisterspielerinnen Nelken und sagte: „Unsre Stadt darf stolz auf die Leistung dieser Mädel sein. Denn schließlich fällt einem ein deutschen Meistertitel nicht einfach in den Schoß.“Wie wahr. Als westdeutsche Vizemeisterinnen zogen die von Torfrau Liesel Linnenschmidt angeführten RSV-Handballerinnen vor 50 Jahren in die Finalrunde der Deutschen Meisterschaften ein. Gleich zum Auftakt des Turniers schlugen sie die Handball-Damen vom SC Südwest Berlin mit 6:0. Das machte Mut und ließ auch eine 1:2-Niederlage gegen Nürnberg wegstecken und durch einen 4:3 Sieg über den Westdeutschen Handballmeister Greven ausgleichen.


Am Tag des Finales, das 2500 Zuschauer in der Halle Münsterland in der ersten Reihe miterlebten zeigten sich die Vize-Meisterinnen des Jahres 1959 in meisterhafter Form. Nach der ersten Halbzeit hieß es bereits 7:3 für die Mülheimerinnen. Die haben das Glück der Tüchtigen. Denn die Nürnbergerinnen konnten drei Strafwürfe nicht verwandeln. Allerdings konnten auch die RSVlerinnen einen Strafwurf nicht im gegnerischen Tor unterbringen. Doch am Ende reichte es allemal für deutsche Handballkrone und NRZ-Sportreporter Willi Rüter schrieb am Tag nach dem Finale von einem „Sieg der Kameradschaft“ und von einem „für den Frauenhandball erstaunlich guten Endspiel.“


Über solchen Chauvinismus zwischen den Zeilen kann man heute im Land der Frauen-Fußball-Weltmeisterinnen nur noch schmunzeln. Aber Man(n) war halt vor 50 Jahren noch nicht so weit in Sachen Gleichberechtigung. Trotzdem ließ Rüter keinen Zweifel an seiner Anerkennung für die RSV-Handballmeisterinnen, wenn er schrieb: „Als der Schlusspfiff ertönte, lagen sich die Mädel freudetrunken in den Armen. Sie brauchten Minuten, um es fassen zu können. Sie waren neuer Deutscher Meister. Trainingsfleiß, Idealismus und grenzenlose Liebe zum Handball hatten ihre Krönung erfahren.“


Dieser Text erschien auch in der NRZ

Samstag, 13. März 2010

Wie Gustav-Heinemann-Schüler den vom Erdbeben betroffenen Kindern in Haiti helfen


Kyra Tagaz ging es wie vielen, die im Januar die ersten Fernsehbilder vor der Erdbebenkatastrophe in Haiti sahen. Sie war erschüttert. Doch die angehende Abiturientin von der Dümptener Gustav-Heinemann-Schule beließ es nicht bei der Erschütterung. „ich habe mir gesagt: Wir sind doch eine große Schule mit 1600 Schülern. Da müssen wir doch was machen können, um den Menschen in Haiti helfen zu können“, erinnert sie sich an ihren ersten Gedanken.Mit ihrem Willen zu helfen, lief sie bei Schulleitung und Schülvertretung offene Türen ein. „Wir haben zwar schon eine Partnerschule in Thailand, die wir regelmäßig unterstützen. Aber ich habe sofort eingesehen, dass die akute Nothilfe für die Erdbebenopfer in Haiti jetzt Vorrang haben muss“, betont Schulleiterin Christa van Behrend.


Schon einen Tag nachdem sie in einem Gespräch mit Tagaz erste Ideen für eine Spendenaktion gesammelt hatte, tagte die Schülervertretung.Bei der Schülerratssitzung kristallisierten sich erste Aktionen heraus. Die vier Anmeldetage der Gustav-Heinemann-Schule standen bevor. An diesen Tagen der offenen Tür versorgten Oberstufenschüler die zahlreichen Besucher mit selbstgebackenen Waffeln und Hot Dogs. Unterstützt von Schülermutter Sabine Beckmann brachten Fünftklässler bei dieser Gelegenheit 230 Primeln an die Frau und den Mann. Dabei blieb es nicht.

Die Schulpflegschaftsvorsitzende Alexandra Neuendorf nutzte „unser gut durchstrukturiertes Netzwerk“, um innerhalb der Elternschaft um Spenden für die Haiti-Hilfe zu werben.Die Mutter der Initiatorin, Vera Tagaz, nutzte den kurzen Draht zu ihrem Arbeitgeber, dem Diakonischen Werk. Sie besorgte nicht nur Sammeldosen, mit denen HeinemannSchüler bei Freunden, Familienangehörigen und in ihren Nachbarschaften um eine Spende für Haiti baten, sondern machte sich auch schlau, wem man die Schüler- und Elternspenden sinnvollerweise zukommen lassen sollte.Die einhellige Wahl der Schulgemeinschaft fiel schließlich auf die in Duisburg ansässige Kindernothilfe. Sie ist dem Diakonischen Werk angeschlossen und arbeitet seit 1981, unter anderem in einem Netzwerk mit der Heilsarmee und den Vereinten Nationen in Haiti, um vor allem elternlosen Kindern einen geschützten Raum zu bieten, in dem sie nicht nur essen, trinken und schlafen, sondern auch spielen und lernen können.

Dabei steht die Kindernothilfe, wie ihre Bildungsreferentin Susanne O’ Byrne Schülern, Lehrern und Eltern jetzt berichtete, selbst vor einer großen Wiederaufbauanstrengung. Denn das Erdbeben hat fünf ihrer bisher sechs Kinderzentren in Haiti zerstört. Jetzt ist man nach der ersten Notversorgung dabei nicht nur den vorhanden Bestand wiederaufzubauen sondern langfristig insgesamt 13 Kinderzentren einzurichten. Beim Wiederaufbau geht man nach dem Prinzip vor: „Weniger ist mehr.“ Zeltstädte und Holzhäuser ersetzen die Steinhäuser, die dem Erdbeben nicht standhalten konnten.Dass die Arbeit der Kindernothilfe, die vor Ort von einem Partnerbüro koordiniert wird, nötiger denn je ist, macht O’Byrne mit dem Hinweis deutlich, dass derzeit schätzungsweise eine Million Kinder elternlos oder „unbegleitet“ in Haiti überleben müssen und damit der Gefahr ausgesetzt sind, von Menschenhändlern verschleppt oder als Haussklaven missbraucht und ausgebeutet zu werden.Dabei kümmert sich die Kindernothilfe nicht nur um die materielle Versorgung elternloser Kinder, sondern auch um ihre therapeutische Begleitung, um die traumatischen Erfahrungen des Erdbebens aufzuarbeiten. „Das ist ein sehr beeindruckendes Engagement und ich versichere Ihnen, dass Ihre Spenden gut eingesetzt werden“, versprach O’Byrne, als sie jetzt einen Scheck über 4305 Euro für die Kindernothilfe in Empfang nehmen konnte

Dieser Text in auch in NRZ und WAZ erschienen

Dienstag, 9. März 2010

Der neue Ruhrbischof besuchte die Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt


43 Pfarrgemeinden hat das Ruhrbistum Essen. In dieser Woche lernte sein neuer Bischof die Stadtpfarrei St. Mariae Geburt kennen. Auf dem Kirchenhügel traf sich Franz-Josef Overbeck mit Mitarbeitern, Kirchenvorständen und Pfarrgemeinderäten der 19.000 Katholiken zählenden Groß-Pfarrei, zu der neben Mariae Geburt und St. Joseph auch die Filialkirchen Heilg Geist und Theresia-Heimaterde gehören.

Die Umstrukturierungsprozesse im Bistum, daran ließ Overbeck keinen Zweifel, sind nach dem Weggang seines Vorgängers Genn nicht beendet. "Wir sind nicht am Ende einer Entwicklung, sondern mittendrrin", betonte der neue Ruhrbischof. Dass er in langfristigen Zeiträumen denkt, unterstrich der mit 45 Jahren jüngste Bischof Deutschlands mit der Bemerkung: "Wenn der liebe Gott mich gesund sein lässt, werden Sie mich hier noch 30 Jahre als Bischof ertragen müssen."

Was die Katholiken an der Ruhr weiter ertragen müssen, ist das Schrumpfen ihres Bistums. Overbeck geht davon aus, dass die Zahl der katholischen Christen in den kommenden 20 Jahren noch einmal um bis zu 200.000 zurückgehen wird. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Die 2006 bereits schmerzlich umstrukturierten Gemeinden des Bistums müssen mit weniger Menschen, weniger Mitarbeitern und so auch mit noch weniger Kirchensteuern auskommen.

Allein vor dem Hintergrund dieser vor allem demografisch und wirtschaftlich verursachten Entwicklung sieht Overbeck keine Alternativen zu Großraum-Pfarreien und der Bereitschaft "über den eigenen Tellerrand zu schauen." Auch wenn der Realist Overbeck den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der katholischen Stadtpfarrei keine rosigen Zukunftsvisionen präsentieren konnte, strahlte er im Gespräch mit ihnen doch so etwas, wie Gelassenheit und Zuversicht aus. "Wir sind nicht mehr Volkskirche, sondern nur noch Kirche im Volk", beschrieb der Ruhrbischof den grundsätzlichen Wandel. Zum Hintergrund: In Mülheim gibt es derzeit noch rund 60.000 katholische Christen. Im Gebiet des 1958 gegründeten Ruhrbistums stellen die rund 900.000 Katholiken nur noch etwa ein Drittel der Bevölkerung.

Ein verstärktes Engagement in der Erwachsenen-Katechese ist für Overbeck ebenso erforderliche wie eine verstärkte ökumenische Zusammenarbeit bei den karitativen Dienstleistungen. Die Gemeinden müssen nach seiner Amsicht künftig auch noch mehr auf die Menschen zugehen, die nur unregelmäßig am Gemeindeleben teilnehmen, "um ihre Herzen zu gewinnen." Die Gemeindeaktiivitäten, so Overbeck, müssten angesichts gewandelter Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt und in der Ganztagsschule, mehr als früher, auf die Wochenenden konzentriert werden.

Die Mitarbeiter der Gemeinden, vom Kirchenmusiker über die Gemeindereferentin bis zur Erzieherin, sieht Overbeck als "Türöffner für die Menschen, zu denen wir als Kirche keinen Kontakt mehr haben." Mit dem Kuratoriumsvorsitzenden des St. Marien-Hospitals, Bernhard Wirtz, ist sich Overbeck allerdings einig, dass auch in Zeiten struktureller Sprazwänge "Caritas und Ökonomie in der Balance bleiben müssen" und die "Pfarrer mehr sein müssen, als die Manager von Großraumpfarreien."
Das Foto zeigt Stadtdechant Michael Janßen und Ruhrbischof Franz Josef Overbeck in der Begegnungsstätte an der Pastor-Jakobs-Straße

Donnerstag, 4. März 2010

Rückblick: Warum vor 50 Jahren die alte Schloßbrücke gesprengt wurde


Manchmal geht die Geschichte seltsame Wege. In den letzten Kriegstagen des Frühjahres 1945 soll der Unteroffizier Rudolf Steuer die für den Vormarsch der amerikanischen Truppen strategisch wichtige Schloßbrücke sprengen.
Er kommt diesem Befehl seiner militärischen Vorgesetzten nicht nach und entgeht nur knapp dem Kriegsgericht. Die Stadt dankt es Steuer, in dem sie ihm nach dem Krieg beim Wiederaufbau seines Hauses hilft.

Fast 15 Jahre später wird die Schloßbrücke in zwei Etappen am 21. und am 28. Februar 1960 dann doch gesprengt. Warum? Weil das von 1909 bis 1911 errichtete Bauwerk, das seiner Zeit an die Stelle der 1844 erbauten Kettenbrücke getreten war, den modernen Verkehrsströmen nicht mehr gewachsen ist. An zwei aufeinander folgenden Sonntagen lässt Sprengmeister Bohnenkamp, jeweils um kurz nach neun Uhr, sein Signalhorn ertönen und legt den Schalter um. Er muss Präzisionsarbeit leisten, damit die Detonation von vier Zentnern Sprengstoff im Zentrum der Stadt nicht zu einem Desaster wird. Vom Stadtbad aus dokumentieren Pressefotografen und Kameraleute seine heikle Mission. Hinter den Sicherheitsabsperrungen der Polizei drängen sich viele Schaulustige, die ebenfalls mit ihrer Fotoapparat ein Bild von diesem denkwürdigen und unheimlichen Ereignis mit nach Hause nehmen wollen. Bohnenkamp bewältigt seine schwierige Aufgabe im Fokus der Öffentlichkeit und kann anschließend zahlreiche Glückwünsche entgegennehmen, weil er seinen Sprengstoff für die Brücke auf mehr als 2100 Sprenglöcher verteilt, die mit einer Zeitverzögerung von jeweils einer einunddreißigstel Sekunde nacheinander detonieren. So wird eine Explosion mit einer verheerenden Druckwelle vermieden. Stattdessen versinken die Steinmassen der alten Schloßbrücke in der Ruhr und sorgen für enormen Wellengang. Nach den beiden Sprengungen müssen Baggerschiffe Tage lang Schutt aus der Ruhr holen. Doch die Sprengtechnik hat sich bewährt. Bei beiden Teilsprengungen kommt niemand zu Schaden. Auch Fenster zerbersten in der 300 Meter großen Sperrzone nicht. Nur in einem nahe gelegenen Schaufenster wird nach der Detonation ein Sprung festgestellt.

Die ausgesprochen vorsichtige Sprengtechnik ist besonders wichtig, da neben der alten bereits die neue Schloßbrücke Formen angenommen hat. Sie wird seit Dezember 1959 für den Verkehr genutzt. Nach der Sprengung der alten Schloßbrücke müssen auch deren Pfeiler schrittweise durch kleinere Sprengungen beseitigt werden. Erst nach der Schaffung neuer Brückenfundamente kann die neue Schloßbrücke im September 1960 auf ihre endgültige Position „geschoben“ und anschließend wieder für den Verkehr in beide Fahrtrichtungen freigegeben werden.

Dieser Text erschien am 21. Februar 2010 in der NRZ

Dienstag, 2. März 2010

Wie ehrlich sind die Mülheimer Steuerzahler? Ein Gespräch mit dem Leiter des Finanzamtes


Derzeit diskutiert die Politik darüber, ob der Bund eine CD mit Steuersünderdaten kaufen sollte, um so hinterzogene Steuern doch noch in die knappen Staatskassen zu lenken. Ich sprach mit dem Vorsteher des Mülheimer Finanzamtes, Manfred Winkler, vor dem Hintergrund der aktuellen Kontroverse über die Frage der Steuerehrlichkeit.

Sollte der Staat die CD kaufen, um, wie im Fall Zumwinkel, ein Vielfaches an hinterzogenen Steuern zurückzubekommen?
Das könnte ertragreich sein. Aber es bleibt die Frage, ob das moralisch in Ordnung ist oder ob man sich als Staat damit nicht erpressbar macht und am Rande der Hehlerei bewegt. Ob man sich trotzdem in diesem Fall auf einen übergesetzlichen Notstand berufen kann, weil man anders an die Informationen nicht kommen würde, sollte von Juristen auf höchster Ebene geklärt werden. Wenn Deutschland und die Schweiz ein Rechtsabkommen über den Austausch von Steuerinformationen schließen, wäre das sicher ein Punkt für die Steuerehrlichkeit.

Wie ist es um die Steuerehrlichkeit der Mülheimer bestellt?
Darüber gibt es keine Statistiken, so dass ich nicht genau sagen kann, wie viele Mülheimer Steuern hinterziehen. Die Versuchung dazu ist sicher immer da. Ich kann nur Zahlen nennen, ohne sagen zu können, wie viele Personen dahinter stehen. Im letzten Jahr wurden in unserem Amtsbezirk insgesamt elf Jahre und sieben Monate als Freiheitsstrafen wegen Steuerhinterziehung verhängt. 2008 waren es nur drei Jahre und 2007 zehn Jahre und neun Monate. Gleichzeitig sank die Summe der Geldauflagen, gegen deren Zahlung ein Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt werden konnte, von 343 500 Euro (2008) auf 162 782 Euro. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 lag die Gesamtsumme der Geldauflagen bei 284 900 Euro. Außerdem wurden 2008 Bußgelder in Höhe von 25 524 Euro verhängt. 2009 wurden Geldstrafen in Höhe von 60 200 Euro und Geldbußen in Höhe von 4 600 Euro verhängt. Mit Geldstrafen können schwere Fälle von Steuerhinterziehung geahndet werden, während Geldbußen bei fahrlässigen Steuerordnungswidrigkeiten verhängt werden.

Steuerehrlichkeit muss von den Mitarbeitern der Finanzverwaltung durchgesetzt werden. Ist Ihr Amt da gut ausgestattet?
Auch unser Personal schrumpft. Derzeit haben wir 225 Mitarbeiter. 2008 waren es noch 20 mehr, so dass die Arbeit auf die verbliebenen Kollegen verteilt werden muss. Außerdem setzt man in der Finanzverwaltung verstärkt auf Automation und elektronische Risikomanagementsysteme. Ein Großrechner im Rechenzentrum NRW arbeitet da für uns im Hintergrund kräftig mit. Alle Steuerbescheide werden dort, auf unseren Anstoß hin, vollautomatisch erstellt. Außerdem gibt es eine EDV-gestützte Zufallsauswahl, die die Plausibilität von Angaben überprüft und so unehrliche Steuerzahler zu Tage fördern soll.
Gibt es beim Finanzamt Mülheim auch Steuerfahnder?
Nein. Die Steuerfahndung, die auch für uns zuständig ist, ist beim Finanzamt für Steuerstrafsachen und -fahndung in Essen angesiedelt. Wir haben aber hier in Mülheim 25 Außendienstmitarbeiter, die als Betriebsprüfer, Umsatzsteuer-Sonderprüfer oder Lohnsteueraußenprüfer unterwegs sind. Aber diese Mitarbeiter haben nicht die Kompetenzen eines Steuerfahnders.

Wie viel Steuern zahlen die Mülheimer eigentlich?
2009 hatten wir ein Steueraufkommen von rund 1,3 Milliarden Euro. Das waren 17 Prozent weniger als 2008. Dabei fällt auf, dass das Lohnsteueraufkommen 2009 um 31 Prozent gesunken, das Umsatzsteueraufkommen aber um 11 Prozent gestiegen ist. Das Minus kann man vielleicht darauf zurückführen, dass Menschen ihren Arbeitsplatz verloren haben oder auch darauf, dass Unternehmen ihren lohnsteuerlichen Sitz, also den Ort, an dem sie ihre Steuern zahlen, verlagert haben. Das Plus ist eigentlich ein gutes Zeichen für eine florierende Wirtschaft und zeigt, dass Unternehmen relativ solide Umsätze gemacht haben.

Könnte ein einfacheres Steuerrecht die Steuerehrlichkeit fördern?
Auf jeden Fall. Denn bis zu einer bestimmten Größenordnung versteht jeder Bürger, dass er Steuern zahlen muss. Unsere Mitarbeiter müssen sich ständig in neue Rechtsvorschriften einarbeiten. Das erleichtert die Arbeit nicht. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen, die nicht steuerlich beraten werden, sich schwer tun, ihre Steuererklärung richtig aufzustellen. Im Zweifel ist es also auf jeden Fall besser, sich helfen zu lassen. Bisher sind Politiker wie Paul Kirchhof leider gescheitert, die versucht haben, unser Steuerrecht zu vereinfachen.

Hand aufs Herz: Haben Sie bei Ihrer Steuererklärung auch schon mal einen Fehler gemacht?
Nicht, dass ich wüsste. Aber meine Steuererklärung ist auch sehr übersichtlich, wie bei den meisten fest angestellten Arbeitnehmern auch.

Dieser Text erschien im Februar auch in der NRZ