Donnerstag, 29. April 2010

Zum 1. Mai: Warum die CDU- und IG-Metall-Vorstandsfrau Regina Görner Kirchen und Gewerkschaften als klassische Verbündete sieht


Der unglückliche Zufall der katholischen Terminplanung wollte es, dass am Dienstagabend gleich zwei Christdemokratinnen zur Sozialpolitik sprachen: Bundeskanzlerin Angela Merkel vor 500 Zuhörern in der Wolfsburg und Regina Görner vom Bundesvorstand der CDU und der IG Metall vor 30 Gästen des katholischen Arbeitnehmerempfangs im Pfarrsaal von St. Barbara.Doch Quantität ist bekanntlich nicht gleich Qualität. Und so hätte man auch Görner mehr Zuhörer gewünscht, als sie auf Einladung des Katholikenrates der Frage nachging „Alles für den Markt?“ und die Konsequenzen aus der Wirtschaftskrise aufzeigte.

Hermann Meßmann vom gastgebenden Sachausschuss Berufs- und Arbeitswelt gab gleich zu Anfang die Richtung vor: „Arbeitslosigkeit spaltet die Gesellschaft und verhindert, dass Menschen am Schöpfungsauftrag mitwirken können.“Woher neue Arbeitsplätze kommen sollen, konnte Görner auch nicht sagen. Aber sie machte deutlich, dass nur ein starker Staat und starke Gewerkschaften dafür sorgen können und müssen, dass die strukturellen Nachteile der Arbeitnehmer, „die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft anzubieten, um zu überleben“ ausgeglichen oder zumindest gemildert werden können. Mit Blick auf die christliche Soziallehre und die päpstlichen Sozialenzykliken machte die ehemalige Sozialministerin des Saarlandes deutlich, dass Kirchen und Gewerkschaften Verbündete seien, wenn es um den Kampf gegen die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse und schlecht bezahlter Leiharbeitsverträge gehe. Alt-Pastor Meinolf Demmel forderte ein stärkeres sozialpolitisches Engagement der Pfarrgemeinderäte.

Von prekären Arbeitsverhältnissen, so Görner, seien vor allem junge Berufseinsteiger und Berufsrückkehrer betroffen. Sie verwies auf eine Studie des NRW-Sozialministeriums, wonach Leiharbeiter nur zwei Drittel dessen verdienten, was Festangestellte für die gleiche Arbeit bekämen.Mit Sorge sieht sie, dass immer weniger der neu entstehenden Arbeitsplätze unbefristet sind. Das habe negative Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte und Sozialversicherungen, aber auch auf die Bereitschaft junger Menschen, Familien zu gründen und sich gesellschaftlich zu engagieren.Am Beispiel der IG-Metall-Kampagne Operation Übernahme zeigte sie, dass die Gewerkschaften ihren Einfluss geltend machen könnten, um jungen Leuten eine Berufsperspektive nach der Ausbildung zu verschaffen. Allerdings müssten die Gewerkschaften in den Betrieben nicht nur die Blaumann-Fraktion, sondern auch die steigende Zahl junger Akademiker für sich gewinnen.

Mannesmann-Betriebsrat Peter Hennecke unterstrich die positive Einflussnahme der IG-Metall am Beispiel seines Arbeitgebers. Der habe auf Druck der Gewerkschaft in einem hauseigenen Tarifvertrag zugesagt mindestens 38 der derzeit 56 Leiharbeiter schrittweise in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis zu übernehmen.Nach den Erfolgen beim Kurzarbeitergeld und den Konjunkturförderprogrammen sieht Görner jetzt die Durchsetzung eines gesetzlichen Mindestlohns und einer internationalen Börsentransaktionssteuer auf der sozialpolitischen Agenda.

Dieser Text erschien am 21. April 2010 in der NRZ

Mittwoch, 28. April 2010

Innenansichten eines Traumberufes: Warum die Medizinstudentin Christina Spangenberg unbedingt Hausärztin werden will


"Warum willst du denn ausgerechnet Hausärztin werden. Da arbeitet man doch viel und verdient vergleichsweise wenig?" Solcherlei Fragen hat die 25-jährige Medizinstudentin Christina Spangenberg immer wieder von Kommilitonen zu hören bekommen. Doch das lässt sie nicht an ihrem Entschluss zweifeln, "dass ich lieber als Hausärztin in einer Gemeinschaftspraxis als in der Hierarchie eines Krankenhauses arbeiten möchte, weil man als Hausärztin Patienten nicht nur abschnittsweise, sondern langfristig behandeln und begleiten kann." Doch nur 15 von 160 Semesterkollegen haben sich entschlossen, im letzten Drittel ihres Praktischen Jahres ein hausärztliches Praktikum zu absolvieren.Seit gut zwei Wochen geht Spangenberg nur noch mittwochs zur Universität, um an ihrer Doktorarbeit zu feilen und sich aufs Examen vorzubereiten. An den anderen Tagen ist ihr Arbeitsplatz die Praxis von Uwe Brock.

Auch an diesem Tag zieht sie sich im Aufenthaltsraum ihren weißen Kittel über. Nur das Emblemes ihrer Universität Duisburg-Essen zeigt, dass es sich hier noch nicht um die Ärztin, sondern um die Medizinstudentin Spangenberg handelt. In einer ersten Besprechung erörtert sie mit ihrem Chef, welche Blutwerte bei welchem Patienten abzunehmen sind und welche Laborwerte vom Vortrag bereits vorliegen.Patientenbriefe und Karteikarten sucht man vergebens. Alles läuft über den Computer. Jeder Patient hat seine eigene Datei. Was für den Laien auf dem Bildschirm wie die Kurven einer Statistik aussieht, ist tatsächlich die elektronische Dokumentation von Blutdruck- oder Blutzuckerwerten. "Daran muss man sich erst mal gewöhnen. Jede Praxis hat ihr eigenes System", sagt Spangenberg. Jeder ärztliche Handgriff muss im PC dokumentiert werden.Die Medizinstudentin erinnert sich noch an ihre ersten Arbeitstage in der Praxis, als sie erst mal lernen musste, wie Rezepte auszufüllen und Verordnungen zu formulieren sind.

Während Brock die ersten akuten Notfälle des Tages verarztet, schickt er seine PJ-lerin auf Hausbesuch.Die Tür öffnet sich in der Seniorenwohnung des Sommerhofes. Bei einem bettlägerigen Mann, der erst vor kurzem nach einem Schlaganfall das Krankenhaus verlassen hat, überprüft sie Blutdruck- und Blutzuckerwerte, testet mit einem kleinen Gerät, das für den Laien wie eine elektronische Wäscheklammer aussieht, den Sauerstoffgehalt des Blutes und hört die Lunge ab. Alles in Ordnung. Doch die Frau des 82-Jährigen macht sich Sorgen, weil ihr Mann nicht essen will. "Wenn Sie nichts essen wollen, kann es mit Ihren Kräften auch nicht besser werden", redet Spangenberg ihm gut zu. Noch einmal holt sie ihr Stetoskop heraus, dessen Gebrauch ihr offensichtlich schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, um die Darmgeräusche abzuhören und organische Gründe für seine Appetitlosigkeit auszuschließen. "Der Darm ist aktiv", stellt sie fest und vermutet psychische Ursachen. Ein Thema für die nächste Besprechung mit Dr. Brock. Später wird er sie beauftragen, mit dem Neurologen des Mannes zu telefonieren. Vorläufiges Fazit: Die verordneten Antidepressiva müssen erst Mal anschlagen, um mit der Stimmung auch den Appetit wieder zu heben.Die nächste Patientin wartet im Pflegezentrum Bonifatius. Weil die an Demenz erkrankte Dame gelegentlich Herzrhythmusstörungen hat, überprüft Spangenberg mit Hilfe der vielseitigen "elektronischen Wäscheklammer" die Frequenz des Herzschlages und den Sauerstoffgehalt des Blutes. "Alles in Ordnung", stellt sie fest und fragt: "Wie ist es mit der Luft?" "Gut", antwortet die Seniorin, der das Lächeln und der aufmunternde Händedruck der Studentin sichtbar gut tut.Zurück in der Praxis muss der Computer mit den neuesten Patientendaten gefüttert werden. "Das ist noch ungewohnt für mich", sagt Spangenberg mit einem Lächeln, als sie für diese Arbeit im Behandlungszimmer auf dem Stuhl ihres Chefs Platz nimmt. Jetzt sieht sie wirklich aus wie Frau Dr. Spangenberg. Ansonsten steht sie bei Patientengesprächen meistens hinter ihrem Chef.

"Meine Aufgabe ist es, zuzuhören und zuzusehen und mir so praktisches Wissen passiv anzueignen", sagt sie bescheiden. Doch sie tut noch mehr. Sie nimmt nicht nur Blut ab oder misst den Blutdruck, sie führt auch kleinere Vorgespräche, um Symptome und erste Diagnosevermutungen aufzunehmen. Nach jeder Behandlung bespricht Brock mit ihr den Fall: "Was halten Sie davon? Welche Therapieschritte wären aus Ihrer Sicht sinnvoll?" Er genießt es, seine Motivation und sein Wissen an die Kollegin weiterzugeben und gleichzeitig auch von ihrem frischen akademischen Wissen zu profitieren. "Ich möchte mir später nicht sagen lassen: Ihr habt nichts getan", erklärt Brock mit Blick auf den prognostizierten Ärztemangel. Obwohl er selbst noch 19 Jahre von der Rente entfernt ist, denkt er jetzt schon daran, "dass ich mein Lebenswerk ja später auch einmal in gute Hände legen will."Und wie reagieren die Patienten auf die Medizinstudentin im Behandlungzimmer? "Bis jetzt hat mich noch niemand raus geschickt", sagt Spangenberg lakonisch und fügt hinzu: "Manche erkundigen sich sogar nach dem Stand meines Studiums." Ilse Fiebich spricht wohl für viele Patienten, wenn sie sagt: "Das muss ja auch sein. Irgendwo müssen die Ärzte ja ausgebildet werden. Akademiker sollten während ihres Studiums noch viel mehr in der Praxis lernen."Spangenberg hat die medizinische Praxis während ihres Studiums bereits in etlichen Monaten kennen gelernt. Sie hat in Kliniken in der Chirurgie, aber auch in der Inneren Medizin und in der Anästhesie gearbeitet. Auch in einer anderen Hausarztpraxis und in der Krankenpflege hat sie hospitiert. Was der Hauptunterschied zwischen der klinischen und der hausärztlichen Praxis ist? "In der hausärztlichen Praxis muss man die Palette seiner Diagnoseinstrumente herunterschrauben. Da arbeitet man weniger mit Geräten und muss mehr in Gesprächen herausfinden, was dem Patienten fehlt." Brock bestätigt: "Die kommunikativen Fähigkeiten sind für einen Hausarzt entscheidend, um sich in einen Patienten hineinzuversetzen und nachempfinden zu können, worauf bestimmte Symptome zurückzuführen sein könnten.


Und wie geht die angehende Ärztin mit dem täglichen Leid um, mit dem sie von Berufs wegen konfrontiert wird? "Da wächst man rein. Das muss jeder mit sich ausmachen", sagt sie und spricht von einer Balance zwischen Nähe und professioneller Distanz zwischen Arzt und Patient. Doch sie gibt zu: "Manches bleibt auch im Kopf hängen." Und dabei denkt an eine Frau, die sie während eines klinischen Praktikums kennen lernte und die mit 35 an Eierstockkrebs starb. "Dann tut es gut, wenn man Freunde und Familie hat, die einen auffangen können."


Dieser Text erschien am 27. April 2010 in der NRZ

Hintergrund: Der lange Weg zum Hausarzt - Steuert auch Mülheim langfristig auf einen Ärztemangel zu?


Der Weg zur niedergelassenen Hausärztin oder zum Hausarzt ist lang. Wer sein Medizinstudium, einschließlich Praktika und Praktischem Jahr, in der Regelstudienzeit abschließt, kann frühestens nach zwölf Semestern, also nach sechs Jahren, sein Examen machen.

Dem Examen schließt sich eine dreijährige Zeit als Assistenzarzt in einer Klinik an, die eine Facharztausbildung im Bereich Innere- und Allgemein-Medizin umfasst. Danach müssen die jungen Medizinerinnen und Mediziner aber noch einmal zwei Jahre als Assistenzarzt in einer hausärztlichen Praxis gearbeitet haben, ehe sie sich selbstständig als Hausarzt oder Hausärztin allein oder zusammen mit Kollegen mit einer eigenen Praxis niederlassen können.Hausarzt Uwe Brock (links) und Medizinstudentin Christina Spangenberg (rechts) sind sich einig, dass der Trend immer mehr zu Gemeinschaftspraxen geht, und zwar aus wirtschaftlichen, arbeitstechnischen und sozialen Gründen. Beide Mediziner wünschen sich für die Hausärzte weniger Bürokratie und mehr Zeit für den Patienten zu haben, aber auch für das eigene Privatleben.

Nach Angaben des Marburger Bundes fehlen in Deutschland schon heute 6000 Ärzte. Gleichzeitig geht jeder dritte Mediziner, der in Deutschland ausgebildet wurde nach seinem Studium zum Beispiel nach Österreich, in die Schweiz oder nach Skandinavien, weil dort Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen oft besser sind. Hinzu kommt die Alterung der Gesellschaft, die den Ärztebedarf tendenziell steigen lassen dürfte. Anders als etwa in vielen ländlichen Regionen gibt es in Mülheim mit seinen 107 Hausärzten derzeit keine Unterversorgung, sondern mit einer Quote von 119 Prozent sogar eine leichte Überversorgung.

Doch der Vorsitzende der Mülheimer Ärztekammer, Uwe Brock, (links) weist darauf hin, dass den 20 Hausärzten, die in den nächsten fünf Jahren in Pension gehen, voraussichtlich nur zehn neue Hausärzte gegenüberstehen werden. Als Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein weiß er, dass in diesem Bezirk jährlich im Durchschnitt 100 junge Mediziner, davon zwei Drittel Frauen, ihr Studium abschließen, der tatsächliche Ärztebedarf aber bei jeweils 200 bis 250 liegt. Setzt sich dieser Trend fort, ist ein akuter Ärztemangel programmiert.

Dienstag, 27. April 2010

Nachgefragt: Wie halten es die Mülheimer mit ihren jetzt zwei Stimmen bei der Landtagswahl?

Am Sonntag, 9. Mai, haben 128 000 Mülheimer bei der Landtagswahl gleich zweimal die Wahl. Wie bei Bundestagswahlen kann man jetzt auch bei der NRW-Wahl zwei Kreuze machen, um mit der Erststimme über den Wahlkreis-Abgeordneten und mit der Zweitstimme über die Regierungsmehrheit im Landtag zu entscheiden. Wie halten es die Mülheimer mit Erst- und Zweitstimme? Tun sie sich schwer mit der differenzierten Stimmabgabe, die ihnen ein Stimmensplitting erlaubt oder setzen sie es gar gezielt ein?

Ich fragte beim Wahlamt und in der Stadtmitte beim Mann und der Frau auf der Straße nach. Aufgrund der Erfahrungen bei den Bundestagswahlen stellt Wahlamtsleiter Wolfgang Sauerland fest, dass etwa 30 bis 40 Prozent der Wähler ihre Stimmen aufteilen und damit die Vorteile der kombinierten Mehrheits- und Verhältniswahl nutzen, um einen bestimmten Kandidaten im Wahlkreis und eine bestimmte Regierungsmehrheit zu wählen. Obwohl die Aufteilung in Erst- und Zweitstimmen die Auszählung des Wahlergebnisses um etwa ein Drittel in die Länge zieht, bekommen die Wahlhelfer weder bei der Bundestags- noch bei der jetzt anstehenden Landtagswahl einen Zähl-Zuschlag.

Auch wenn mancher einen Augenblick überlegen musste, konnten alle befragten Bürger gestern den Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme erklären. Trotzdem hätte dem Rentner Helmut Marzian (72) „eine Stimme gereicht, weil das übersichtlicher ist und der politische Cocktail, der auf dem Wahlzettel steht, die Entscheidung ohnehin schwierig macht.“ Er wählt in der Regel durch und gibt beide Stimmen den Kandidaten der von ihm bevorzugten Partei. Buchhändler Klaus Bloem (58) hat seine beiden Stimmen schon per Briefwahl abgegeben. Er ist ein ausgesprochener Anhänger des Stimmensplittings, „weil man dadurch zwischen Personen und Programmen unterscheiden und auf mögliche Koalitionsbildungen Einfluss nehmen kann.“Wenn es nach der arbeitssuchenden Einzelhandelskauffrau Elvira Meier (52) ginge, „hätte es ruhig bei einer Stimme bleiben können, weil das einfacher und übersichtlicher ist“ und sie ohnehin traditionell einer bestimmten Partei ihre Stimme gibt und durchwählt, statt zu splitten.

Obwohl auch der 62-jährige Rentner Jürgen van Beusekom eine „Stammpartei“ hat, begrüßt der die Chance des Stimmensplittings, „weil es den Wählern mehr Einflussmöglichkeiten gibt.“Die 33-jährige Zahnarzthelferin Emriye Tasman glaubt, dass die Unterscheidung in Erst- und Zweitstimme „die meisten Leute irritiert und eine einzige Stimme übersichtlicher wäre“, wobei sie insgesamt noch eher unschlüssig, ist, wem sie am Wahlsonntag ihre Stimmen geben soll. „Den meisten Bürgern würde eine Stimme reichen“, glaubt auch die 65-jährige Rentnerin Brigitte Schulz und bekennt sich dazu, auch bei Bundestagswahlen ihre bevorzugte Partei mit beiden Stimmen „durchzuwählen.

“Dem 55-jährige Architekt Lutz Weber war noch gar nicht bewusst, dass er jetzt auch bei der Landtagswahl zwei Stimmen hat. Grundsätzlich findet er Erst- und Zweitstimme „aber sehr positiv, weil man so zwischen Partei und Person differenzieren kann.“ Eine Möglichkeit, die er bei Bundestagswahlen schon oft genutzt hat. Der 60-jährige Rentner Udo Quattelbaum, der gerade erst in seine Heimatstadt zurückgezogen ist, weiß noch gar nicht, ob er am 9. Mai wählen gehen kann, „weil ich noch gar keine Wahlbenachrichtigung bekommen habe.“

Dennoch begrüßt er es grundsätzlich, zwei Stimmen zu haben, „mit denen ich zwischen den Personen in einer Stadt und überregionalen Parteien differenzieren kann.“ Obwohl Busfahrer Helmut Kampmann (63) bisher mit beiden Stimmen eher „durchwählt“, glaubt er trotzdem, „dass die Wähler mit Erst- und Zweitstimme tendenziell mehr bewegen können, obwohl man nie genau wissen kann, was am Ende dabei herauskommt.“Auch die 33-jährige Diplom-Geografin Katrin Blumberg (33) findet das Stimmensplitting mit Erst- und Zweitstimme „gut“ und hat dies auch bei Bundestagswahlen „manchmal“ praktiziert.

Sie kann sich aber auch vorstellen, dass die Unterscheidung zwischen Erst- und Zweitstimmen verwirren kann. Ausgesprochen „logisch“ und „gut“ erscheint das Stimmensplitting auch dem Ehepaar Sigrid und Peter Lohmar, „weil man so zwischen den Kandidaten in einer Stadt und den Parteien auf Landesebene unterscheiden kann.“Krankenschwester Christine Hubert (51) hält es mit dem Stimmensplitting und dem Durchwählen von Wahl zu Wahl verschieden. „Der Wechsel in der Politik ist sehr viel intensiver geworden“, findet sie und glaubt, dass eine zunehmend wechselhafte Politik es Wählern auch zunehmend schwerer macht, mit ihrer Erst- und Zweitstimme zwischen Parteien und Personen sinnvoll zu differenzieren.

Dieser Text erschien am 27. April 2010 in der NRZ

Sonntag, 25. April 2010

Warum das gute alte Buch Zukunft hat: Ein Gespräch mit den Buchhändlerinnen Ursula Hilberath und Brigitta Lange zum Welttag des Buches


Der 23. April wirdweltweit als Tag des Buches begangen. Aus diesem Anlass fragte ich die beiden Buchhändlerinnen Ursula Hilberath (rechts) und Brigitta Lange: Hat das gute alte Buch im Zeitalter der elektronischen Medien Zukunft? Ihre Anwort ist ein Ja ohne wenn und Aber, zumindest im Bereich der schönen Literatur. Bei der Sachliteratur sieht Lange allerdings auch einen verstärkten Trend zu aktuellen elektronischen Medien. Gerade im juristischen Bereich arbeite man heute zunehmend mit Downloads aus dem Internet.

Ihre These: "Die Leute wollen etwas in der Hand haben" und: "Lesen ist wie Kino im Kopf. Beim Lesen stehe ich mit meiner Phantasie im Mittelpunkt und bestimme, wann, wo und wie schnell ein Vergnügen stattfindet", währrend Zuhörer eines Hörbuches oder Hörspieles und Zuschauer eines Filmes immer in ein bestimmtes Zeitraster gedrängt werden und tendenziell einer Reizüberflutung ausgesetzt sind.

Das Litertur gerade auch bei den Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 16 gefragt ist, sehen sie täglich in ihrer Buchhandlung an der Düsseldorfer Straße, die sie seit 16 Jahren gemeinsam betreiben. Genauso lange gibt es auch schon den von ihnen initiierten und zusammen mit Kooperationspartnern aus dem Stadtteil durchgeführten Saarner Bücherfrühling, der vom 3. bis 20. Mai seine 16. Auflage erleben wird.

"Am Anfang war es schwierig, weil die Verlage gerade neue Buchhandlungen kritisch beäugen, aber inzwischen haben wir uns in der Branche einen guten Ruf erarbeitet, so das wir inzwischen mehr Lesungen angeboten bekommen, als wir im Programm des Saarner Bücherfrühlings unterbringen könnten.", schildern Hilberath und Lange die Entwicklung ihrer Literaturreihe. Der Zuspruch von Autoren und Literaturfreunden hat dazu geführt, dass der Saarner Bücherfrühling heute nicht mehr nur eine, sondern gut zwei Wochen dauert und durch Lesungen im Oktober und November ergänzt wird. "Wir haben ein sehr aufgeschlossenes und xperimentierfreudiges Publikum, das sich auch auf neues einlässt und uns vertraut, frei nach der Devise: Da kannst du hin gehen und erlebst auf jeden Fall einen schönen Abend", sagen die Buchhändlerinnen über das örtliche Literatur- und Lespublikum.

Gibt es Bücher, die ihr eigenes Leben nachhaltig beeinflusst haben? Lange erinnert sich spontan an die skurrilen und witzigen Bücher mit den Gesichten von Mary Popins, "durch die ich eine anglophile Ader entwickelt und mir bis heute bewahrt habe." Während Lange später Anglistik studierte, entstand auch Hilberaths Begeisterung für die von ihr später studierte Kunstgeschichte durch die Kunstbücher ihrer Eltern.

Haben die Leute auch in den Zeiten von Wirtschafts- und Finanzkrise noch Geld für ein gutes Buch übrig? Hilberath und Lange erinnern sich an einen Umsatzeinbruch im letzten Herbst, als die Krise begann und in den Medien breit diskutiert wurde. Doch von diesem Einbruch habe man sich wieder im Laufe des Jahres erholt und könne jetzt sagen: "Die Umsätze sind stabil." Lange glaubt sogar, dass die Menschen in der Krise wieder eher zum vergleichsweise preiswerten Lesevergnügen eines Buches greifen, als viel Geld für Reisen und Restaurantbesuche auszugeben. Dabei sehen sie die Zeiten vor Weihnachten und während der ausgesprochen öffentlichkeitswirksamen und medienpräsenten Frankfurter Buchmesse im Herbst als die verkaufsstärksten Monate ihrer Branche, ohne die Zeit der Urlaubslektüre im Frühjahr und Sommer als leseschwache Monate abqualifizieren zu wollen.

Nach der Zukunft des Buches gefragt, sieht Hilberath die Buchhändler in der Verantwortung. "Denn von dem ersten Buch, das wir einem Kind empfehlen, kann das spätere Lesverhalten geprägt werden."

Weitere Informationen, auch zum Saarner Bücherfrühling, im Internet unter: http://www.hilabuch.de/

Samstag, 24. April 2010

Wie lebte es sich vor 150 Jahren in Eppinghofen? - Der dritte Band des Projektes Volkszählung 1861 liefert Antworten


Wie lebte es sich vor 150 Jahren in Eppinghofen? Der dritte Band von „Volkszählung 1861“, der ab sofort für 7,95 Euro in der Buchhandlung Röder an der Friedrich-Ebert-Straße 4 und in der Reinigung Dehm an der Eppinghofer Straße 169 zu bekommen ist, liefert interessante Einblicke. Nach Speldorf und Broich hat sich Familienforscherin Bärbel Essers jetzt also Eppinghofen vorgenommen, Ihr historisches Stadtteilpanorama stützt sich nicht auf das statistische Datenmaterial der Volkszählung, sondern auch auf alte Akten und die zeitgenössische Lokalpresse.


Man erfährt nicht nur wer wo gewohnt und gearbeitet hat, sondern auch, wie man es in Eppinghofen vor 150 Jahren mit Bauvorschriften hielt. Kaum zu glauben, dass Bauanträge damals mündlich vorgebracht werden konnten und in wenigen Tagen bewilligt wurden.Eppinghofen war 1861 Teil der Landbürgermeisterei Mülheim. Hier lebten gerade einmal 3239 mehrheitlich evangelische Einwohner, die zum Beispiel als Bauern, aber auch als Bergleute auf der Zeche Sellerbeck oder als Arbeiter in der Friedrich-Wilhelms-Hütte und in der Zinkhütte an der Aktienstraße den Lebensunterhalt für ihre Familien verdienten.


Trotz Industrie war Eppinghofen 1861 ein immer noch ländlich geprägter Ort. Der Bürgergarten war noch ein Bauernhof, allerdings schon mit einer Gastwirtschaft und die Aktienstraße noch eine private Straße, die Fuhrwerke nur gegen eine Gebühr passieren durften. Apropos Straße: Lesenswert ist auch ten Brinks Beitrag über den langen Weg von der Hausnummerierung zu den Straßennamen, die in Eppinghofen erst 1887 eingeführt wurden.


Dieser Text erschien am 22. April 2010 in NRZ und WAZ

Freitag, 23. April 2010

Rat und Hilfe für das Leben im Alter: Ein Besuch bei der städtischen Seniorenberatung, die sich bei der Seniorenmesse Ruhr vorstellte


Wenn es stimmt, dass Alt werden nichts für Feiglinge ist, wie es die amerikanische Schauspielerin Mae West einmal formulierte, dann ist Heinz Laufenburg ein sehr mutiger Mann. Der 75-jährige kümmert sich um seine schwer pflegebedürftige Frau, obwohl er selbst schwer pflegebedürftig ist. Auf der Seniorenmesse Ruhr schaut er an diesem Sonntag im Forum am Stand der städtischen Senioren- Pflege und Wohnberatung vorbei. Dort trifft er auf einen alten Bekannten. Der Berater Jorge Escanilla-Rivera kennt Laufenburgs Lebensgeschichte vom Alt werden und den damit verbundenen Herausforderungen und Zumutungen aus vielen Gesprächen. Weil Laufenburg ins Krankenhaus muss und sich nicht um seine Frau kümmern kann, hat ihm Escanilla-Rivera für sie einen Pflegeplatz im Engelbertusstift organisiert.Dafür ist ihm Laufenburg dankbar, auch wenn die monatlichen Zuzahlungen seine Rente von 1400 Euro bei weitem überschreiten. Jetzt muss das Ersparte seiner Frau für die Pflege herangezogen werden, ehe das Sozialamt einspringt und die Kosten übernimmt, die die Pflegeversicherung nicht abdeckt.Doch Laufenburgs Geschichte vom Altwerden, die für viele steht, geht weiter.

Weil er selbst gesundheitlich stark angeschlagen ist, denkt er jetzt selbst über den Einzug in ein Altenheim nach. Doch dort einen Platz zu bekommen, ist gar nicht so einfach, wenn man, wie er, noch keine Pflegestufe hat und eigene finanzielle Mittel begrenzt sind. „So lange man sich noch selbst waschen kann, bekommt man auch keine Pflegestufe“, weiß Laufenburg zu berichten. Deshalb hat er dem Seniorenberater von der Stadt jetzt eine Vollmacht für alle Behördengänge erteilt, damit dieser ihm dabei hilft, eine Pflegestufe zu beantragen. „Ohne Pflegestufe gibt es keine Zusage für die Kosten einer Heimunterbringung“, erklärt Escanilla-Rivera.Der Berater hat es in seinen Sprechstunden und auch bei der Seniorenmesse immer wieder mit Menschen zu tun, die vor der Frage stehen, ob sie sich einen Pflegeplatz für Angehörige überhaupt leisten können.

Mit dem Hinweis, dass das Thema Zuzahlungen erst bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 3600 Euro greift und selbst dann zum Beispiel Ausbildungskosten für Kinder, berufsbedingte Aufwendungen oder auch Schulden angerechnet werden, relativiert er diese Ängste und rät in jedem Fall den Betroffenen erst einmal eine individuelle Beratung und Berechnung in Anspruch zu nehmen. „Natürlich hat eine Pflege zu Hause immer Vorrang. Ein Umzug ins Pflegeheim kommt nur dann in Betracht, wenn sie für die Betroffenen eindeutig mit einer höheren Lebensqualität verbunden ist“, betont Escanilla-Rivera.So dreht sich für ihn und seine Kollegen ein Großteil ihrer Beratungsgespräche darum, wie man mit hauswirtschaftlichen Hilfestellungen, ambulanten Pflegediensten oder dem barrierefreien Umbau der eigenen Wohnung möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben kann.

Muss ein Treppenlift oder eine Rampe eingebaut werden? Müssen Türen rollstuhlgerecht verbreitert werden? Wie kann ein Badezimmer durch eine ebenerdige Duschzelle oder einen Wannenlift barrierefrei gemacht werden?Ob die Kosten auch dafür von der Krankenkasse oder dem Sozialamt übernommen werden können, hängt von den persönlichen Vermögensverhältnissen der Betroffenen und davon ab, ob sie zum Beispiel eine Pflegestufe haben oder eine 100-prozentige Schwerbehinderung nachweisen können.Dass die meisten Menschen lieber zu Hause als in einem Heim alt werden wollen, sieht Sozialdezernent Ulrich Ernst daran, dass die Verweildauer in den städtischen Altenheimen oft nur noch wenige Monate beträgt, weil immer mehr Menschen erst im Schwerstpflegefall und kurz vor ihrem Lebensende den Weg dort hin finden. Ernst und Escanilla-Rivera sind sich einig, dass die Wirklichkeit in den Altenheimen besser ist als ihr Ruf.

„Es ist dort auch mit Hilfe von Ehrenamtlichen viel getan worden, etwa durch kulturelle Angebote oder auch durch den Umbau von Stationen in Wohngruppenbereiche, um die Lebensqualität der Bewohner zu verbessern“, betont Ernst.Gleichzeitig sehen der Seniorenberater und der Sozialdezernent eine zentrale Herausforderung darin, durch die Verknüpfung haupt- und ehrenamtlicher Kräften neue Netzwerke zu schaffen und alte, von der Kirchengemeinde bis zur Altentagesstätte wiederzubeleben, um die soziale Infrastruktur zu schaffen, die ein selbstbestimmtes Leben im Alter erst möglich macht. Sei es in den eigenen vier Wänden, einer Altenwohnung mit ambulanter Pflegebetreuung, in einer Alten-Wohngemeinschaft oder, wie es sich die 59-jährige Messebesucherin Marlies Wetzel, wünschen würde, in einem Mehrgenerationenhaus, in dem Alt und Jung unter einem Dach leben und sich gegenseitig helfen könnten. Zukunftsmusik!

Weitere Informationen finden ratsuchende Senioren beim Seniorenberater Jorge Escanilla-Rivera im Sozialamt an der Viktoriastraße 26-28 unter der Rufnummer: 0208/455-50 07.

Dieser Text erschien am 19. April in der NRZ.

Dienstag, 20. April 2010

Jung, begabt und engagiert: Eindrücke von der Osterakademie in der Wolfsburg



Null Bock. Das gilt nicht für die 25 Oberstufenschüler, die in ihrer zweiten Osterferien-Woche mit Politikern, Managern, Journalisten und Wissenschaftlern über nichts weniger, als über die Zukunft unserer Gesellschaft diskutieren. Sie tun dies im Rahmen einer Osterakademie, zu der die Katholische Akademie Die Wolfsburg mit finanzieller Unterstützung der Landesstiftung Partner für Schule und der Bundeszentrale für politische Bildung hochbegabte Jugendliche aus ganz Nordrhein-Westfalen eingeladen hat.


Energieversorgung, Klimawandel und Mobilität stehen ebenso auf ihrer Agenda wie der Arbeitsmarkt, das Problemkind Schule, die Landtagswahl oder die Erfolgsaussichten von US. Präsident Barack Obama. Ein weites Feld, das die 17- und 18-Jährigen mit Energie und Elan bearbeiten. "Das sind Jugendliche, die viel zu bieten haben. Die Schüler diskutieren mit unseren Referenten und Podiumsteilnehmern auf Augenhöhe", staunt der zuständige Tagungsleiter Matthias Keidel. Das ist nicht selbstverständlich. Denn zu ihren Gesprächspartnern gehören zum Beispiel gestandene Manager, wie etwa der Vorstandschef der RWE Rheinland Westfalen Netz AG, Arndt Neuhaus, oder der Bochumer Werksdirektor von Opel, Manfred Gellrich oder bildungspolitisch versierte Landtagsabgeordnete, wie Klaus Kaiser von der CDU und Renate Hendricks von der SPD.


Letztere müssen sich zusammen mit dem Landeschef der Jungen Liberalen, Marcel Hafke bei der Diskussion über das "Problemkind Schule" zwei Stunden lang auf Herz und Nieren prüfen lassen. Die Diskussion ist sehr dicht und konzentriert. Bei gezielten Fragen nach der Finanzierung von kleineren Klassen, den zum Teil kontraproduktiven Folgen des Turbo-Abiturs oder dem Sinn und Unsinn von Studiengebühren und einem Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem oder der zuweilen fraglichen Qualität von Seiteneinsteigern im Lehramt, merken die Politiker schnell, dass sie es hier mit Experten in eigener Sache zu tun haben, die sich nicht mit Wahlkampffloskeln abspeisen lassen.


Am Ende geht die Rechnung der Schüler auf. Neben allen Meinungsunterschieden in strukturellen Fragen gestehen die Politiker parteiübergreifend ein, dass die individuelle Förderung der Schüler durch kleine Klassen, mehr Lehrer und das Aufzeigen konkreter Zukunftsperspektiven verbessert werden muss.


Die Akademieteilnehmerinnen Ramona Raabe aus Königswinter, Sally Rogalla aus Essen und Constanze Kalthoff aus Bochum haben nicht nur nach der Diskussion mit den Landespolitikern das gute Gefühl, "dass unsere Gesprächspartner bereit sind uns genau zuzuhören und unsere Argumente nachzuvollziehen." Das gleiche Kompliment machen sie aber auch ihren Altersgenossen und Akademie-Kollegen. "Wenn wir in der Schule so lernen könnten, wie hier, wäre das mit dem Turbo-Abi gar kein Problem", glaubt Sally Rogalla. Und Constanze Kalthoff resümiert: "Das ist hier ein sehr angenehmer und gar nicht elitärer Kreis von engagierten und interessierten Jugendlichen." Warum opfert man als Schülerin einen Teil seiner Osterferien, um an einer Osterakademie mit dem Oberthema "Begabung und Verantwortung" teilzunehmen?
Ramona, die später als Autorin im Bereich Film und Medien arbeiten möchte ist vor allem "von der Begegnung mit hochkarätigen Persönlichkeiten begeistert, die gar nicht abgehoben sind" und spricht von "einer enormen Horizonterweiterung." Sally, die Wirtschaftsingenieurin werden möchte hat in der Diskussion mit den Wirtschaftsmanagern begriffen, "dass sie nicht nur viel Geld verdienen, sondern auch viel Verantwortung tragen müssen." Für sich selbst zieht sie die Konsequenz, "dass man gerade als Frau frühzeitig Prioritäten setzen muss und zwischen der vollen Ausschöpfung seines Potenzials und einem Familienleben entscheiden muss." Constanze nimmt aus der Osterakademie vor allem den Impuls mit, "dass man seiner Leidenschaft folgen muss." Sie selbst möchte sich beruflich als Juristin mit Recht und Unrecht auseinandersetzen und hat mit einem Praktikum bei der Staatsanwaltschaft bereits den ersten Schritt in diese Richtung unternommen.


Alle drei sind sich aber auch einig, dass man sein Talent auch entfalten sollte, in dem man sich in seinem Umfeld einbringt. Auch das haben sie schon gemacht, sei es in der Obdachlosenhilfe, in der Schülervertretung oder bei den Meßdienern und Pfadfindern.
"Das ist ein ganz wichtiger Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung, der Jugendlichen eine Antwort auf die Frage gibt: Wo stehe ich? und darüber hinaus wertvolle Netzwerke entstehen lässt", beschreibt Tagungsleiter Keidel einen wesentlichen Mehrwert der Oster- und Sommerakademien für begabte Jugendliche.


Dieser Text erschien am 17. April 2010 im Ruhrwort

Montag, 19. April 2010

Die Saarner Oembergschule feiert ihren 50. Geburtstag mit einer Kulturfestwoche


„Fräulein Schörken“ würde sich wundern, wenn sie heute ihre alte Schule am Oemberg betreten würde und sähe, dass Grundschulkinder heute ganz selbstverständlich auch Englisch lernen und in jedem Klassenraum einen Internetanschluss finden, mit dessen Hilfe sie zum Beispiel Informationen zu Unterrichtsthemen von Sachkunde bis Rechnen in Sekundenschnelle abrufen können.

Internet? Damit hätte die erste Rektorin der Oemberg-Schule, deren Vorname in den Schulakten nicht mehr ausfindig zu machen ist, nichts anfangen können. Denn die anfangs 206 Kinder ihrer vor 50 Jahren eingerichteten Volksschule lernten noch ausschließlich das, was sie von ihren Lehrern hörten oder in ihren Schulbüchern lasen.Vor 50 Jahren hatte man es noch mit steigenden Schülerzahlen zu tun. Und so kam es, dass die großzügig gebaute Oembergschule schon zwei Jahre nach ihrem Start mit 607 Schülern aus allen Nähten platzte und selbst die Aula für den Unterricht genutzt werden musste.1968 wurde aus der Volks- eine Gemeinschaftsgrundschule, an der heute 482 Kinder in 20 Klassen fürs Leben lernen. Sie tun dies heute nicht nur am Elsenborner Weg, sondern auch auch in einem Schulgebäude an der Karl-Forst-Straße in Selbeck.

Bereits in den 70er Jahren erweiterte sich die Schule, die seit sechs Jahren auch einen Unterricht in Ganztagsklassen anbietet, um eine Turnhalle und einen Pavillon. Besonders stolz sind die heutige Rektorin Gabriele Romagno und ihre Kollegen auf die musischen und sportlichen Erfolge ihrer Schützlinge. Die Oemberg-Schüler nehmen an dem Programm „Jedem Kind ein Instrument“ (Jeki) teil. „Das Erlernen eines Instrumentes fördert die Fähigkeit, sich auf etwas zu konzentrieren und auch mal anderen zuzuhören,“ ist die Oemberg-Rektorin überzeugt. Und sportlich gesehen, wurden die Oemberg-Schüler zuletzt Vizestadtmeister im Schwimmen. „Bei uns verlässt kein Kind die Schule als Nichtschwimmer“, freut sich Romagno.

Die sportlichen Erfolge der Oemberg-Schüler, zu denen jüngst auch noch ein guter dritter Platz bei den Fußball-Hallenmeisterschaften der Mülheimer Grundschulen hinzukam, kommen nicht von ungefähr. Im Rahmen ihrer Ganztagsbetreuung kooperiert die Schule mit dem Mülheimer Sportbund und Sportvereinen wie dem KHTC und dem Tuspo Saarn, so dass das Spektrum der Schul-Sport-AGs am Oemberg vom Abenteuerturnen über Fußball bis Hockey reicht. Ergänzt wird das Angebot durch eine musische AG, in der Schüler sich zusammen mit dem Künstler Alfred Dade an das Malen von Bildern und an das Formen von Sklupturen heranwagen.

Der Schulgeburtstag wird vom 19. bis 23. April mit einer Kulturfestwoche gefeiert, die mit einem ökumenischen Gottesdienst begann und am 23. April ab 15 Uhr mit einem großen Kehraus-Fest ausklingt. Im Rahmen des Abschlussfestes wird das White-Horse-Theater mit Zweit- Dritt- und Viertklässlern zwei englische Theaterstücke aufführen. In der Festwoche soll es mit einer historischen Schulausstellung, Konzerten, Musical- und Theateraufführungen sehr kreativ zugehen. So haben die Schüler der Klassen 2b, 3c und 3d am 19. April um 17 Uhr in der Aula am Elsenborner Weg das Musical „Findet Nemo“ aufgeführt. Musikalisch geht es dort auch am 20. April ab 16.30 Uhr mit einem Frühlingskonzert weiter, bei dem gesungen, getanzt und musiziert wird. Last, but not least lädt der Selbecker Schulstandort an der Karl-Forst-Straße am selben Tag um 19 Uhr zu einem Musikabend ein.Der Festakt zum Jubiläum wird am 21. April um 16 Uhr in der Aula am Elsenborner Weg gefeiert.

Weitere Informationen zum Schul- und Jubiläumsprogramm der Oembergschule gibt es im Internet unter: http://www.ggs-oemberg.de/

Dieser Text erschien am 15. April 2010 in NRZ und WAZ

Sonntag, 18. April 2010

So gesehen: Die Seniorenmesse Ruhr zeigt uns, dass Alt und Jung in einem Boot sitzen

Immer mehr alte und immer weniger junge Menschen. Angesichts des demografischen Wandels beschwören manche Untergangspropheten einen Krieg der Generationen heraufbeschwören. Es gibt nichts unsinnigeres. Denn wer mit offenen Augen durchs Leben geht, sieht sofort: Junge und Alte sitzen in einem Boot.

Die frühere Seniorenbeiratsvorsitzende Helga Krusenbaum hat das einmal auf den Nenner gebracht: „Heute wir. Morgen ihr.“Das ist der Laufe der Dinge. Auch die Jungen werden mal alt und sind deshalb schon im eigenen Interesse gut beraten schon heute die Infrastruktur zu schaffen, in der man würdig alt werden darf und kann, auch wenn man vielleicht nicht mehr so schnell, so stark, so geistesgegenwärtig und mobil ist.

Ob wir diese Zukunftsaufgabe meistern, ist abhängig von vielen kleinen Dingen: Mehr Respekt und Rücksicht im Alltag. Wir müssen uns vom Jugendwahn verabschieden und die Langsamkeit neu entdecken und sei es in Form von Taktfrequenzen bei Bus,- Bahn und Aufzugtüren oder Ampelschaltungen. Wir brauchen mehr Nahversorgung und Nahverkehr für eine alternde Gesellschaft, die nicht mehr so mobil sein wird, um alles in großen Zentren auf der grünen Wiese einkaufen zu können. Wir brauchen daheim und unterwegs mehr Barrierefreiheit, wenn wir nicht mehr jede Hürde nehmen können. Und wir brauchen bezahlbare Betreuung und unbezahlbare menschliche Zuwendung in Familie und Nachbarschaft, damit wir uns auch als altes Haus in unserer Stadt noch zu Hause fühlen können.

Dieser Text erschien am 14. April 2010 in der NRZ

Samstag, 17. April 2010

Aus dem Tag der älteren Generation ist inzwischen die Seniorenmesse Ruhr geworden

Nomen est omen“ sagen die alten Lateiner. Recht haben sie. Denn dass aus dem Tag der älteren Generation, die Seniorenmesse Ruhr geworden ist, die das Forum am 18. April, von 11 bis 17 Uhr zur Messehalle werden lässt, ist ein starkes Zeichen. Was vor 21 Jahren mit einem Tapeziertisch auf der Schloßstraße begann, zieht heute 70 Aussteller und mehr als 10 000 Besucher an.

Längst präsentieren sich bei dieser Veranstaltung, für die sich neben dem Seniorenbeirat und dem Gastgeber Forum die MST verantwortlich zeichnet, nicht mehr nur Selbsthilfegruppen der Öffentlichkeit. Zunehmend sind es auch professionelle Anbieter vom Pflegedienst bis zum Akustiker und vom Wohnungsbauunternehmen bis zum Finanz- und Gesundheitsdienstleister, die den Markt des Alters entdeckt haben, der ganz neue Bedürfnisse schafft, an die man vor 20 Jahren noch nicht gedacht hat. Hinzu kommen Gruppen, wie die Seniorenorganisationen der politischen Parteien oder kulturelle Initiativen, wie das Seniorentheater Mülheimer Spätlese oder die Seniorenzeitung „Alt, na und“, in denen Senioren selbst aktiv und kreativ werden.Die Vielfalt der Informations- und Unterhaltungsangebote mit, von und für Senioren zeigt: Wir sind angekommen im demografischen Wandel.

Mülheim ist alt und wird noch älter, schon heute sind 29 Prozent der Mülheimer älter als 60. Aber wann ist man eigentlich alt? MST-Veranstaltungsmanager Bernd Westhoff spricht von der Generation 50 plus, die von der Seniorenmesse angesprochen werden soll. „Gerade ältere Menschen wollen sich direkt vor Ort informieren. Sie suchen den persönlichen Kontakt und die persönliche Kommunikation. Sie wollen sich ihre Informationen eben nicht anonym aus dem Internet holen“, erklärt der Vorsitzende des Seniorenbeirates, Helmut Storm, den enormen Publikumsandrang, der durch die zentrale Lage des Veranstaltungsortes natürlich noch verstärkt wird.

Storm weiß aus den Rückmeldungen der Vorjahre, dass viele Besucher die Seniorenmesse zum Tag der älteren Generation auch als Kontaktbörse und Ausflugsziel sehen, an dem das kulinarische Angebot für das leibliche Wohl nicht zu unterschätzen ist. Kurz: Bei Oma und Opa bleibt am Sonntag die Küche kalt.Dass alte Menschen das Alter heute auch zunehmend als einen sehr aktiven und kreativen Lebensabschnitt begreifen, macht ein Blick auf das Bühnenprogramm der Seniorenmesse deutlich. Das Unterhaltungsspektrum reicht vom Seniorentanz über den immer wieder gern gehörten Saarner Bergsteigerchor bis zum „fidelen Rentner“ Heinz Schmidt, der mit einem Schlagerprogramm der Marke Oldie but Goldy auf die Bühne gehen wird. Als Ex-Prinz und Leiter des DRK-Seniorentreffs an der Prinzess-Luisen-Straße verkörpert Schmidt selbst das aktive Alter.Doch Seniorenbeirats-Chef Storm weiß auch, dass das Alter nicht nur aus aktiver Freizeitgestaltung besteht. Und so will der Seniorenbeirat an seinem Informationsstand auch die Sorgen alter Menschen anhören und aufnehmen. Wo Senioren in unserer Stadt der Schuh drückt, weiß Storm, in seinem Hauptamt Geschäftsführer des Roten Kreuzes, aber schon jetzt. „Die Wohnungsfrage wird immer wichtiger. Die Menschen fragen sich: Wie kann ich im Alter möglichst lange selbstständig in meinen eigenen vier Wänden wohnen bleiben oder welche Lebensformen gibt es sonst. Denn das klassische Altenheim sehen die Meisten nur als letzte Alternative“, weiß er aus vielen Gesprächen zu berichten. Insofern dürften die Stände der von Stadt und Allgemeiner Ortskrankenkasse betriebenen ambulanten Pflegestützpunkte sowie der städtischen Senioren- und Wohnungsberatung am Sonntag besonders gefragt sein.

Die von Storm ebenfalls oft gehörten Klagen über automatische Bus- und Bahntüren, die für viele Senioren viel zu schnell auf und zu gehen und damit ein Verletzungsrisiko darstellen, dürften dann wohl ein Fall für den Infostand der Mülheimer Verkehrsgesellschaft sein.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter: http://www.muelheim-ruhr.de/ Weitere Anregungen und Fragen an den Seniorenbeirat nimmt dessen Geschäftsführerin Anke Klein unter der Rufnummer: 0208/455-5005 entgegen.

Dieser Text erschien 14. April 2010 in der NRZ

Mittwoch, 14. April 2010

Warum Suchtvorbeugung schon im Kindergarten anfangen muss

Beim Thema Sucht denkt man landläufig eher an Jugendliche und Erwachsene, aber nicht unbedingt an Kinder im Kindergartenalter. "Wir wissen aber, dass viele Verhaltensauffälligkeiten, die im Kindesalter entstehen, später bei manchen Jugendlichen in ein Sucht- oder Gewaltproblem münden können", sagt Norbert Kathagen von der hiesigen Fachstelle der Ginko-Stiftung, die sich mit Beratung und Aufklärung um die Vermeidung und Überwindung von Suchtverhalten bemüht. Kurz gesagt: Wer im Kindergarten seine Spielkameraden ständig stört oder ihnen das Spielzeug weg nimmt, schlägt später auch eher zu oder greift zur Flasche, wenn es Probleme gibt.

Deshalb geht Ginko-Mann Kathagen, von Hause aus Sozialarbeiter und Pädagoge, jetzt mit Papilio in die Kindergärten. Papilio, zu deutsch "Schmetterling", ist ein vom Beta-Institut entwickeltes und in Nordrhein-Westfalen von der Barmer GEK finanziell gefördertes Programm, das spielerisch versucht, Kinder in ihrem Sozialverhalten zu stärken und sie emotional zu stabilisieren und damit konfliktfähiger zu machen, damit sie, um im Bild des Schmetterlings zu bleiben, am Ende in ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung beflügelt werden.Ein wissenschaftlich begleiteter Modellversuch, an dem in Augsburg 700 Kinder teilgenommen haben, zeigt, dass sich das Sozialverhalten der Kinder, die das Papilio-Programm durchlaufen haben ein deutlich besseres Sozialverhalten an den Tag legen, als die Kinder ohne Papilio-Erfahrung.

DerzeitKathagen zwölf Erzieherinnen, wie man mit Papilio Kindern und Eltern pädagogisch Flügel machen kann. Der Trainer setzt bei der Fortbildung der Multiplikatoren auf eine Mischung aus Vortrag, Gruppenworkshop und Rollenspiel.Wie funktioniert Papilio? Kathagen setzt beim spielerischen Element an: Die der Augsburger Puppenkiste entsprungene Paula und ihre Kissenbolde Freudibold, Zornibold und Bibberbold sollen zu ständigen Begleitern des Kindergartenalltags werden.

Mit Hilfe einer Materialkiste, aus der Erzieher unter anderem Mutmachlieder und Mutmachgeschichten hervorzaubern können, sollen sie mit Kindern regelmäßig Gefühle und ihre Ursachen thematisieren. Warum bin ich heute fröhlich wie Freudibold, traurig wie Zornibold oder ängstlich wie Bibberbold? Wer über seine eigenen Gefühle sprechen kann, kann auch besser mit ihnen umgehen und somit auch Konflikte konstruktiver lösen.Zum pädagogischen Werkzeugkasten von Papilio gehören aber auch ein Spielzeug-macht-Ferien-Tag im Kindergarten, mit dem die Phantasie und Kreativität der Kinder angeregt werden soll, damit sich "kein Kind hinter seinem Spielzeug verstecken kann" und man mehr Zeit hat, um Kinder in den Blick zu nehmen und sie frei miteinander spielen zu lassen, indem sie zum Beispiel sich mal selbst einen Ball basteln. "Damit tun sich Kinder oft leichter als die Erzieher, weil sie Spielzeug auch als pädagogisches Handwerkszeug verstehen", weiß Kathagen.Apropos pädagogisches Handwerk.

Bei dem Papilio-Spiel "Meins-deins-unser-Spielzeug" lernen die Kinder, gemeinsam Spielregeln aufzustellen. Denn Norbert Kathagen glaubt, dass man, abgesehen natürlich von einigen nicht zu diskutierenden Grundregeln, mehr Demokratie im Kindergarten wagen kann und auch muss.
"Denn," so betont er, "wenn man Kinder in die Aufstellung von Regeln mit einbezieht, identifizieren sie sich auch eher mit diesen Regeln und halten sie ein.

Hintergrund: Das Papilio-Fortbildungs-Programm kann aus organisatorischen Gründen in der ersten
Staffel nur für maximal zwölf Erzieherinnen angeboten werden. Doch es gibt
bereits weitere Interessenten und Norbert Kathagen möchte in einigen Wochen
bereits eine zweite Staffel der Papilio-Fortbildung starten.Kathagen weist in
diesem Zusammenhang darauf hin, dass alle Kindergärten, Kindertagesstätten und
Familienzentren, die an dem Papilio-Programm teilnehmen, sich für diesen
zusätzlichen Qualitätsstandard zertifizieren lassen können. Das pädagogische
Handwerkszeug, das den Fortbildungsteilnehmern in Form einer Materialkiste an
die Hand gegeben wird, können Eltern auch käuflich erwerben. Wer sich für
Papilio und eine entsprechende Fortbildung zum Preis von 120 Euro interessiert,
kann sich mit Norbert Kathagen von der Ginko-Fachstelle an der Kaiserstraße 90
unter ~ 300 69 44 oder per E-Mail an n.kathagen@ginko-stiftung.de in Verbindung
setzten. Weitere Informationen im Internet: www.ginko-stiftung.de oder
http://www.papilio.de/

Dieser Text erschien am 13. April 2010 in der NRZ

Montag, 12. April 2010

Nicht nur an der Gustav-Heinemann-Schule fürchtet man um den Bestand der Stadtteilbüchereien


Wer die Schul- und Stadtteilbücherei in der Gustav-Heinemann-Schule an der Boverstraße betritt, merkt sofort: Hier ist vom Boden bis zum Dach alles nagelneu, hell und freundlich. Erst im Dezember wurde die Bibliothek nach einem langen und teuren Umbau, den man im Rahmen der Schulsanierung bewerkstelligt hatte, neu eröffnet.

Besonders stolz ist man an der Gustav-Heinemann-Schule darauf, dass die Bibliothek jetzt barrierefrei ist und nicht nur über selbstöffnende Türen sondern auch einen rollstuhlgerechten Aufzug verfügt.Angesichts dieses Aufwandes ist es nicht nur für die Elternpflegschaftsvorsitzende der Gustav-Heinemann-Schule, Alexandra Neuendorf, „dass man hier viel Geld reinfließen lässt, wenn man die Bibliothek in ein Kommunikationszentrum ohne Bibliothekare umwandeln will.“

Neuendorf könnte sich bei einer Einsparung der Bibliothekarsstellen zwar vorstellen, „dass die Eltern eine ehrenamtliche Betreuung organisieren, damit pfleglich mit Büchern und anderen Medien umgegangen wird.“ Doch die fachliche Vermittlung von Medienkompetenz und die Anleitung bei der Recherche für Facharbeiten und Referate können in ihren Augen nur ausgebildete Bibliothekare leisten. Neuendorf weist darauf hin, dass die Bibliothek an der Boverstraße auch von vielen Bürgern und Schülern anderer Schulen im knapp 19 000 Einwohner zählenden Stadtteil genutzt wird. 2008 wurden hier mehr als 66 000 Medien ausgeliehen, ein gutes Drittel aller stadtweit entliehenen Büchereimedien.Besonders ärgerlich findet Elternvertreterin Neuendorf, dass bei der Haushaltskonsolidierung ausgerechnet in einem Bereich der Bildung gespart werden soll, den Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld als politische Priorität postuliert habe. Keinen Zweifel lässt Neuendorf, dass ihr Einsparungen bei Ruhrbania, „auch wenn das Frau Mühlenfeld nicht gerne hört, lieber wären , als das Sparen auf Kosten von Jugend, Bildung und Kultur.

„Was macht den eine Stadt aus, wenn nicht Bildung und Kultur“, fragt sich Neuendorf und betont: „Die Stadt ist ja nicht von einem Tag auf den anderen in ihre missliche Finanzlage geraten.“Just heute will die Schulkonferenz der Gustav-Heinemann-Schule einen Protestbrief an die Ratsfraktionen und Schuldezernent Peter Vermeulen absenden. Außerdem hat man eine Unterschriftenaktion gestartet, die auch an anderen Schulen des Stadtteils unterstützt wird.Wie die Umwandlung von einer Stadtteilbücherei in ein bibliothekarloses Kommunikationszentrum aussehen könnte, müsste laut Schul- und Kulturdezernent Peter Vermeulen noch konkret überlegt werden.

Für denkbar hielte er zum Beispiel eine ehrenamtliche Betreuung oder eine hauptamtliche Betreuung durch bereits im Stadtteil verankerte Institutionen wie etwa Jugendzentren. Wenn die Stadtteilbüchereien in Dümpten, Heißen, Styrum und Speldorf auf diesem Weg zu Stadtteil-Kommunikationszentren würden, rechnet die Stadt in ihrem Konsolidierungsvorschlag mit Einsparungen von jeweils 225 000 Euro in 2011 und 2012 sowie mit einer Entlastung von jeweils 700 000 Euro in den Jahren 2013 und 2014.

Dieser Text in auch in der NRZ erschienen.

Sonntag, 11. April 2010

Rückblick: Mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen ging in Mülheim vor 65 Jahren der Zweite Weltkrieg zu Ende

Wer Ansichten des alten Mülheims vor 1939 betrachtet, hat manchmal das Gefühl, auf eine andere Stadt zu gucken. Ganze Straßenzüge scheinen verschwunden zu sein. Der historische Fotovergleich macht anschaulich, wie sehr der Zweite Weltkrieg das Gesicht der Stadt verändert hat.

Vor 65 Jahren geht dieser Krieg für die Mülheimer zu Ende, knapp einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Am 11. April 1945 erreichen amerikanische Soldaten die Stadt. Es sind US-Soldaten der 17. Luftlandedivision und der 79. Infanteriedivision, die die Stadt von Norden und Osten aus kommend einnehmen. Nur vereinzelt, etwa am Dickswall und am Auberg, stoßen sie noch auf den Widerstand des Volkssturms, kommt es zu Schusswechseln und Artilleriebeschuss. Die meisten Männer des Volkssturms legen an diesem letzten Kriegstag einfach ihre Waffen nieder und gehen nach Hause.

Auch die Straßenbahnwagen, die auf der Duisburger Straße als Panzersperren in Stellung gebracht worden sind, stellen für die US-Truppen kein Problem dar. Das gilt auch für die Panzersperren auf der Schloßbrücke. Sie ist die einzige Brücke, die das Kriegsende unbeschädigt überstanden hat, weil Unteroffizier Rudolf Steuer aus Merzig trotz der Drohung mit einem Kriegsgerichtsverfahren ihre Sprengung verweigert hat. Die Stadt wird es ihm später mit der Hilfe beim Wiederaufbau seines Hauses danken.

Mülheim selbst ist eine Trümmerwüste, auf deren Straßen bei Kriegsende 800 000 Kubikmeter Schutt liegen. Fast 5000 Mülheimer haben den Krieg nicht überlebt. Viele erleben das Kriegsende außerhalb ihrer Stadt, etwa in der Kinderlandverschickung oder in der Kriegsgefangenschaft. Bereits am 25. März hatte die Gauleitung die Bürger aufgefordert, die Frontstadt Mülheim zu verlassen. Doch 88 000 sind geblieben, gehen am 11. April 1945 zum Teil sogar ganz normal zur Arbeit.


Mehr Angst als vor den amerikanischen Soldaten, denen sie bevorzugt mit weißen Fahnen und Taschentüchern begegnen, haben die Mülheimer vor den 10 000 Fremd- und Zwangsarbeitern, die das Kriegsende zum Teil unter unmenschlichen Bedingungen überlebt haben. Vereinzelt kommt es jetzt zu Plünderungen und gewaltsamen Übergriffen.
Um die Situation zu entspannen, quartieren die Amerikaner einige Zwangsarbeiter in die vergleichsweise gut ausgestatteten Kasernen an der Kaiser- und an der Zeppelinstraße ein. Als erste Stadtkommandanten übernehmen die US-Majore Mrachek und Keene am Morgen im Rathaus das Regiment und übergeben Oberbürgermeister Edwin Hasenjaeger die ersten Bekanntmachungen der Militärregierung.

Später wird Mülheim Teil der britischen Besatzungszone. Bis 1946 werden 276 Mitarbeiter der Verwaltung entlassen, weil sie als ehemalige Nationalsozialisten als politisch belastet gelten.

Dieser Text erschien am 10. April 2010 in der NRZ

Samstag, 10. April 2010

Neues von gestern aus dem Kloster Saarn


Wenn Mülheimer ins Kloster gehen, muss es nicht für immer sein. Denn das Kloster Saarn, in dem von 1214 bis 1808 Zisterzienserinnen beteten und arbeiteten, treffen sich heute Bürger im Klostercafe, besuchen Gottesdienste in der Klosterkirche St. Mariae Himmelfahrt oder das im Herbst 2008 eröffnete Klostermuseum, das ehrenamtlich von den Freunden und Förderern von Kloster Saarn betrieben wird. Fast 6000 Menschen haben hier bereits die Klostergeschichte erkundet. 200 Mal haben Wolfgang Geibert und Hans Theo Horn vom Verein der Klosterfreunde interessierte Gruppen durch das Museum geführt, das im Kulturhauptstadtjahr 2010 eine von 53 spirituellen Kulturtankstellen des Ruhrbistums ist.


Rechtzeitig zur Ruhr 2010 warten die Freunde und Förderer von Kloster Saarn mit einem neuen Exponat, einer Sonderausstellung, einem Theaterstück zu Klostergeschichte und einer neuen Reihe von Klostergesprächen auf, die auch nach dem Ende des Kulturhauptstadtjahres fortgeführt werden sollen.Bei dem neuen Exponat, das schon jetzt im Klostermuseum zu sehen ist, handelt es sich um etwas sehr altes, nämlich um Reliquien, die die Klosterfreunde zwar nicht historisch wasserdicht, aber aufgrund wissenschaftlich belegter Indizien der Märtyrergruppe um die Kölner Stadtheiligen Ursula, Gereon und Eliphius zuordnen können. Dabei stützen sie sich auf die aus dem 13. Jahrhundert stammenden Reste eine Pergamenturkunde, die belegt, dass der damalige Kölner Erzbischof Engelbert bei seinen beiden Besuchen im Kloster Saarn die Reliquien als Geschenk, vermutlich zur Altar- und Friedhofsweihe, mitgebracht hat. Bisher hatte Klosterfreund Hans Theo Horn die Reliquien in einem alten Pillendöschen verwahrt. Jetzt werden sie im Klostermuseum in einem kleinen Reliquienschrein präsentiert, den der Saarner Juwelier Jochen Laerbusch geschaffen und gestiftet hat. (siehe Foto: Horn)


Neben diesem Reliquienschrein und vielen der insgesamt 1248 Klosterfundstücke, die in den 80er Jahren ausgegraben und später aufgearbeitet wurden, aber bisher aus Platzgründen nicht gezeigt werden konnten, wird man bei der Sonderausstellung „Mit Brief und Siegel“ vom 22. Mai bis zum 29. September im Klostermuseum drei Original- und eine Facsimile-Urkunde in Augenschein nehmen können. Sie stehen für Wegmarken der Saarner Klostergeschichte.


Es handelt sich dabei um eine Waldschenkungsurkunde des Kölner Erzbischofs Engelbert aus dem Jahr 1221, um die Ernennungsurkunde für die Äbtissin Agnes von Hillen, die 1642 vom Nuntius Fabio Chigi, dem späteren Papst Alexander VII., ausgestellt wurde, um eine Schutzgarantie für die klösterlichen Einkünfte durch den Landesfürsten Herzog Wilhelm von Jülich-Berg aus dem Jahre 1478 und in Form eines Facsimiles um einen päpstlichen Schutzbrief für das Kloster von 1223.Im Rahmen ihrer Sonderausstellung bieten die Freunde und Förderer von Kloster Saarn auch Sonderführungen und Vorträge an. Schon jetzt haben sich acht Schulen mit ihren Klassen für eine von Wolfgang Geibert angebotene Sonderführung angemeldet, bei denen Schüler nicht nur die Klostergeschichte kennen lernen, sondern anschließend auch mit Tinte und Federkiel eine Prüfung als Urkunden-Skriptoren ablegen.


Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.freunde-kloster-saarn.de
Dieser Text erschien am 10. April 2010 in der NRZ

Freitag, 9. April 2010

So gesehen: Ist das Leben eine Schlangengrube? oder: Kein Kobra-Alarm mehr an der Kleiststraße

Kulturpessimisten haben es immer schon geahnt. Unser Leben ist nicht nur eine Baustelle, sondern auch noch eine Schlangengrube, in der jeder jedem sein Wolf ist, um im tierischen Sprachbild zu bleiben.

Fast drei Wochen hat eine 30 Zentimeter lange Kobra die Bewohner eines Mehrfamilienhauses an der Kleiststraße in Atem gehalten . Dabei denkt man bei der Heimaterde, in der die Kleiststraße gelegen ist, so gar nicht an Schlangengrube, sondern an eine Dorfidylle, in der die Welt noch in Ordnung ist.

Denkste. Ausgerechnet hier brachte ein junger Mann seine Mitbewohner in äußerste Gefahr und Feuerwehr, Ordnungsamt und Technisches Hilfswerk mächtig auf Trab, in dem er seine Wohnung freiwillig in eine Schlangengrube verwandelte.

Da fällt mir unser alter Hausmeister, Gott hab ihn selig ein, dem partout kein Vierbeiner ins Haus kommen durfte, weil er fürchtete, dass unser Haus sonst auf den Hund käme. Was er wohl sagen würde, wenn er den dreiwöchigen Kobra-Alarm an der Kleiststraße noch miterlebt hätte. Sicher hätte er sich, wie von der Tarantel gestochen, tierisch darüber aufgeregt.

Doch so ändern sich die Zeiten. Früher hat man sich darüber aufgeregt, wenn jemand einen Vogel hatte. Heute ist man als jemand, der als Haustierhalter nie über Goldhamster und Wellensittich hinausgekommen ist, schon dankbar, wenn er nur einen Vogel und keine Meise hat. Die gute Nachricht: Die hochgiftige Schlange an der Kleiststraße ist tot. Sie ist Feuerwehr und Ordnungsamt gestern auf den Leim gegangen, in dem sie auf einem als Fangvorrichtung ausgelegten Klebstreifen hängen bleib und dort buchstäblich auf der Strecke blieb.

Die schlechte Nachricht: Auch weiterhin wird uns so manche falsche Schlange über den Weg laufen. Vielleicht sollte uns die Schlangenjagd an Kleiststraße, die nach Schätzungen der Stadt Folgekosten von rund 100.000 Euro heraufbeschworen hat, ja zeigen, dass unser Alltag nur dann keine lebensgefährliche Schlangengrube wird, wenn wir das einzig heilsame Gegenmittel parat haben: Mehr Menschlichkeit und zumindest ein bisschen gesunden Menschenverstand.

Donnerstag, 8. April 2010

Rückblick: Vor 100 Jahren mussten die alten Heißener Mülheimer werden


Nicht nur Dümpten, sondern auch Heißen wurde vor 100 Jahren eingemeindet. Aus den rund 14 000 Einwohnern der Landbürgermeisterei Heißen wurden am 1. April 1910 offiziell Mülheimer. Ihre Eingemeindung sahen die alten Heißener, wenn man der Mülheimer Zeitung glauben darf, „kühl bis ans Herz hinan.“ Das verwundert nicht. Denn was sie an ihrer 32 Jahre zuvor gegründeten Landbürgermeisterei hatten, wussten sie, aber nicht, was sie als Stadtteil im groß gewordenen Mülheim zu erwarten hatten.Zur Landbürgermeisterei hatte nicht nur der gleichnamige Ortsteil, sondern auch Menden, Holthausen, Menden, Raadt, Winkhausen und Haarzopf gehört.


Wer heute nach Spuren der kommunalen Eigenständigkeit Heißens sucht, braucht nur das 1879 errichtete Gebäude der heutigen Sparkasse am Heißener Markt zu betrachten. Dort residierten der erste Landbürgermeister Dietrich Meier und sein Nachfolger Paul Wasse. Als das Heißener Rathaus 1901 auch Sparkasse wurde, zog Bürgermeister Wasse in seine neue Dienstvilla, die gleich neben dem Rathaus errichtet wurde und dort bis heute ebenso steht wie die evangelische Gnadenkirche und die unweit gelegene katholische Josephskirche. Auch die beiden Gotteshäuser entstanden in den 1880er und 1890er Jahren, als Heißen ein selbstständiges Gemeinwesen war.


Dass die Bevölkerung der Landbürgermeisterei von anfangs 8000 auf später rund 14 000 Seelen anwuchs, kam nicht von ungefähr. Denn in Heißen gab es viel zu tun. Allein auf den drei Zechen Rosenblumendelle, Humboldt und Wiesche verdienten um 1900 rund 3000 Bergleute den Lebensunterhalt für ihre Familien. In der ab 1899 entstehenden Colonie Wiesche, die heute allgemein Mausegattsiedlung genannt wird, fanden die meisten ein Heim.Aber auch außerhalb des Bergbaus wurde Geld verdient und ausgegeben, zum Beispiel in der Landwirtschaft oder in einem der rund 300 ortsansässigen Gewerbeunternehmen. Deren Bandbreite reichte von der Bierbrauerei über Schlachthäuser bis zur Schmiedewerkstatt mit Motorenbetrieb.


In einer Zeit ohne Fernsehen und Radio wurde auch in Heißen die Geselligkeit groß geschrieben. 32 Vereine und 33 Gastwirtschaften sorgten um 1900 dafür, dass sich die Heißener nicht nur daheim wie zu Hause fühlen konnten.Bereits elf Jahre vor der Eingemeindung wurde 1899 mit der Einrichtung einer Straßenbahnverbindung eine verkehrstechnische Brücke nach Mülheim geschlagen. Hinzu kamen ein Ausbau der Straßen sowie Post und Sparkasse.


Dieser Text ist am 8. April 2010 in NRZ und WAZ erschienen.

Mittwoch, 7. April 2010

"Da liegt ein enormes Potenzial brach" oder: Andreas Düsing - Ein Mann will arbeiten


Die wollen doch gar nicht arbeiten und machen es sich auf unsere Kosten in der sozialen Hängematte bequem.“ Diese Vorurteile über Langzeitarbeitslose kann man an Stammtischen immer wieder hören. Andreas Düsing ist ein Beispiel dafür, dass diese Parolen mit der sozialen Wirklichkeit in der Regel nichts zu tun haben.Der 49-Jährige sucht Arbeit, weil er arbeiten will und arbeiten kann. Das hat er jetzt bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) bewiesen. Die Awo gab dem Arbeitslosengeld-II-Empfänger eine Chance, die er genutzt hat.


Finanziell gefördert durch die Sozialagentur stellte sie ihn für ein Jahr ein, um sich von ihm eine Festschrift zum 90-jährigen Bestehen des Sozialverbandes erstellen zu lassen. Das war für den gelernten Buchhändler und studierten Sozialwissenschaftler die richtige Aufgabe, deren Ergebnis sich auf 90 Seiten nachlesen und sehen lassen kann.Historische, politische und soziale Fakten zusammenzutragen, zu ordnen und in einer gegliederten Form schriftlich darzustellen, hat Düsing in seinem Studium gelernt, das er 1992 mit einem Diplom abschloss. „Ich habe sehr viel über die Mülheimer Sozialgeschichte gelernt und war immer wieder überrascht, wie eng Awo und Stadt miteinander verbunden waren“, erinnert sich Düsing an seine Archivrecherchen, bei denen er nicht nur unzählige Vorstandsprotokolle, Schriftwechsel und Akten, sondern auch Zeitungsbände ausgewertet hat. Dabei fand er heraus, dass auch die guten alten Zeiten in Mülheim alles andere als gut waren, so dass die Awo bereits während der 20er Jahre in der Jugendgerichtshilfe gefordert war und am Kohlenkamp eine Armenküche betreiben musste.Als Düsing den beiden Awo-Geschäftsführern Adelheid Zwilling und Lothar Fink sein Manuskript präsentierte, waren sie voll des Lobes: „Toll, dass wir Sie haben.“ Auch das Lob von anderer Seite blieb nach dem Erscheinen der Chronik nicht aus.


Von dieser Anerkennung zehrt Düsing noch heute. „Ich habe jetzt etwas, das ich vorzeigen kann und mit dem ich beweisen kann, dass bei meiner Arbeit etwas herausgekommen ist“, freut sich Düsing.Auch wenn der Awo-Job auf Zeit das Thema Arbeitslosigkeit für den 49-jährigen Dümptener nicht erledigt hat, ist er dankbar für diese Chance. Wichtiger als die Tatsache, dass er mit seiner Arbeit mehr Geld bekam als im Arbeitslosengeld-II-Bezug war und ist ihm das Gefühl „wieder im Spiel zu sein.“Seine Augen leuchten, wenn er das sagt. Und er konkretisiert dieses Gefühl, wenn er hinzufügt: „Der Tag hat wieder Struktur. Man steht morgens früh auf und fährt mit der Straßenbahn irgendwo hin.“ Und Awo-Chef Fink hat bei Düsing „ein echtes Aha-Erlebnis gehabt“, hat an ihm gesehen, wie ein Mensch mit seiner Arbeit wächst, „plötzlich ganz anders auftritt, selbstbewusster wird und viel sicherer spricht.“ Doch er merkt auch, wie ihn die erneute Aussicht auf das Arbeitslosengeld II „seelisch belastet.“ Denn Düsings Tage bei der Awo sind gezählt. Dabei könnte ihn Fink gut gebrauchen. Düsing hat bei der Awo nicht nur die Chronik erstellt.


Er hat in der Telefonzentrale ausgeholfen, das Archiv der Awo auf Vordermann gebracht, einen täglichen Pressespiegel zusammengestellt und Recherchedienste für die Geschäftsführung übernommen. Doch Fink fehlt das Geld für eine entsprechende Stelle, die er dem qualifizierten Mitarbeiter gerne anbieten würde. „Damit gehen sie abends nach Hause“, beschreibt er seinen eigenen Zwiespalt. Und Düsing macht keinen Hehl daraus, dass gerne bei der Awo bliebe. „Ich habe finanziell keine hohen Ansprüche. Außerdem wird hier eine sinnvolle Arbeit geleistet, zu der ich auch persönlich einen Bezug habe. Und die Kollegen haben es mir einfach gemacht, mich hier einzubringen und mich wohlzufühlen“, beschreibt Düsing seine Arbeit bei der Awo, die ihm nicht nur Geld und Anerkennung, sondern auch „ein bisschen Optimismus“ gebracht hat. Letzteren braucht der Vater einer 16-jährigen Tochter für seinen erneuten Bewerbungsmarathon, den er mit Unterstützung seiner Fallmanagerin bei der Sozialagentur nun wieder absolvieren muss. „Der Arbeitsmarkt ruft nicht gerade hier“, weiß Düsing. Am liebsten würde er weiter bei einem Sozialverband, in einem Archiv, bei einer Buchhandlung oder in einer Bibliothek arbeiten, kann sich darüber hinaus beruflich „aber grundsätzlich fast alles vorstellen.“Warum tut sich ein so qualifizierter und motivierter Mann wie er so schwer, Arbeit zu finden? „Ich bin in die typische Frauenfalle getappt“, sagt er.


Weil seine Frau, von der er inzwischen geschieden ist, besser als er verdiente, stieg er nach der Geburt seiner Tochter aus dem Job aus und kümmerte sich als Vater und Hausmann um die Familie. Eine Erfahrung, die er nicht missen möchte. Doch diese Auszeit wird ihm heute als „fehlende Berufserfahrung“ angekreidet.„Leider sind nur wenige Arbeitgeber bereit so wie die Awo, sich Leute anzuschauen, um sie auszuprobieren“, bedauert Düsing. Er wünscht sich deshalb einen mit Steuergeldern finanzierten zweiten Arbeitsmarkt mit sozial sinnvollen Tätigkeiten, auf dem Langzeitarbeitslose wieder eine Chance bekommen. Denn angesichts ihrer großen Zahl glaubt er, „dass hier ein enormes Potenzial brach liegt.“


Dieser Text erschien am 7. April 2010 in der NRZ

Dienstag, 6. April 2010

Auch der Städtepartnerschaftsverein könnte vom Rotstift-Diktat im städtischen Haushalt empfindlich getroffen werden



Der Vereinsvorsitzende Martin Weck (Foto) fordert die Mitglieder und Sympathisanten des Fördervereins Mülheimer Städtepartnerschaften auf, im Internetportal der Stadt unter www.muelheim-ruhr.de im Rahmen des Bürgerforums zur Haushaltskonsolidierung der Stadtspitze und den Ratsmitgliedern deutlich zu machen, warum der Verein keinesfalls auf eine hauptamtliche und bei der Stadt angesiedelte Geschäftsführung verzichten kann. Nach Wecks Ansicht kann die kontinuierliche Koordination der zahlreichen Kontakte in die Partnerstädte Tours, Darlington, Kuusankoski/Kovolola, Oppeln, Kfar Saba und Beykoz nur durch eine hauptamtliche Anlaufstelle bei der Stadt gewährleistet werden. Das gilt für Weck umso mehr, als das es nicht in allen Partnerstädten einen bürgerschaftlich getragenen Förderverein, wie in Mülheim, gibt. Schon eher hält es Weck für möglich den Wegfall des städtischen Zuschusses von aktuell 7400 Euro pro Jahr durch das Einwerben von Stiftungs,- Sponsoren- und Drittmittel ausgleichen zu können.
Durch einen Verzicht auf eine amtliche Koordination der Städtepartnerschaften will die Stadt in diesem Jahr 33.400 Euro und in den Folgejahren jeweils 120 000 Euro an Personalkosten einsparen. Allein durch die Aufgabe der im Rathaus angesiedelten Geschäftsstelle des Städtepartnerschaftsvereins würde die Stadt jährlich 52 000 Euro einsparen.

Die ebenfalls vom Stadtkämmerer vorgeschlagene Einsparung der Sachkosten für städtepartnerschaftliche Aktivitäten würde die Stadtkasse in diesem Jahr um 15000 Euro und in den Folgejahren um jeweils 30 000 Euro entlasten. Ein Zahlenvergleich macht deutlich, das der derzeit 307 Mitglieder zählende Förderverein wesentlich mehr Mittel für die Pflege der Städtepartnerschaften erwirtschaftet hat, als er an städtischen Zuschüssen dafür bekommen hat. In den 15 Jahren seines Bestehens hat der Förderverein rund 180000 Euro als Mitgliedsbeiträge und rund 97000 Euro als Spenden für Begegnungen im Rahmen der Städtepartnerschaften verwenden können.In der gleichen Zeit hat er mit Hilfe von Sponsoren 212 000 Euro als Zuschüsse für Begegnungen an Schulen, Vereine und Verbände auszahlen können. Gleichzeitig erhielt er für sein Engagement städtische Mittel in Höhe von 38000 Euro.
 

Montag, 5. April 2010

Der Saarner Heinz Weirauch hat jetzt ein Buch über Nonnen und Pistolen im alten Kloster Saarn geschrieben



Über Kloster Saarn (Foto) ist schon viel geschrieben worden. Hier lebten und arbeiteten von 1214 bis 1808 Zisterzienserinnen. Doch wie ging die Geschichte des Klosters weiter, als es keines mehr war. Darüber hat der gebürtige Saarner Heinz Weirauch jetzt ein Buch geschrieben, das unter dem Titel "Von Nonnen und Pistolen" in der Reihe Zeitschrift des Mülheimer Geschichtsvereins erschienen ist.


Spannend und anekdotenreich lässt sich auf 93 Seiten nachlesen, dass das Kloster nach seiner Aufhebung durch Napoleon zunächst von seiner letzten Äbtissin Agathe von Heinsberg gepachtet und bewirtschaftet wurde, aber dann schon bald einer sehr weltlichen Nutzung als Kaserne und Gewehrfabrik zugeführt wurde. Nach den Nonnen kamen zunächst russische und preußische Soldaten und später die Gewehrfabrik des Sylvestre Trinelle ins Kloster.
Der bezahlte seine Arbeiter zwar gut, führte aber auch ein strenges Regiment. Seine Facharbeiter, die er vor allem aus Frankreich und Belgien nach Saarn geholt hatte, büchsten immer wieder aus, wenn ihr Heimweh zu groß wurde. Dann ließ sie Trinelle von der Polizei steckbrieflich suchen und wieder einfangen, denn als Facharbeiter und Geheimnisträger im Dienste der preußischen Armee durften sie Saarn nur mit ausdrücklicher Erlaubnis ihres Dienstherrn verlassen.


1862 war es mit der Waffenproduktion im Kloster vorbei. Weil die militärisch wichtige Produktionsstätte zu nah an der französischen Grenze lag, wurde sie nach Erfurt verlegt. Produziert wurde im Kloster aber weiterhin, jetzt für den zivilen Bedarf. 1865 zog Wilhelm Backhaus mit seinem Holzhandel und Sägewerk dort ein. Außerdem wurden Teile des Klosters jetzt als Tapetenfabrik und Eisengießerei genutzt.


1906 erwarb dann der Industrielle August Thyssen das Kloster, um hier nach Gutsherrenart eine Landwirtschaft betreiben zu lassen, ehe seine Familie die Anlage in den 30er Jahren der Stadt schenkte. Die nutzte das alte Kloster vor allem als Wohnraum für bedürftige Familien. Für reichlich Protest und die Gründung des Saarner Bürgervereins sorgte damals, dass ein Teil des Klosters dem Straßenausbau der B1 weichen musste.


Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel das Kloster in einen Dornröschenschlaf, aus dem es erst Ende der 70er Jahre durch archäologische Ausgrabungen des Rheinischen Landesmuseums geweckt wurde. Sie gaben den Anstoß für die vom Bistum, der Stadt, dem Land und engagierten Bürgern betriebenen Restaurierung von Kloster Saarn, das heute als Bürgerbegegnungsstätte dient und seit 2008 ein Klostermuseum beherbergt, das vom Verein der Freunde und Förderer von Kloster Saarn betrieben wird.


Heinz Weirauchs Buch "Von Nonnen und Pistolen" ist für 5 Euro im örtlichen Buchhandel, im Klostermuseum Saarn und im Mülheimer Stadtarchiv ab der der Aktienstraße 85 erhältlich.
Weitere Informationen im Internet unter:
www.freunde-kloster-saarn.de sowie im Stadtarchiv Mülheim unter der Rufnummer 0208/455-4260

Sonntag, 4. April 2010

So gesehen: Frohe Ostern oder: Da haben wir den Salat


Mein Gemüsehändler und ich sind uns grün. Doch jetzt überraschte er mich im negativen Sinne, als er 1,80 Euro für den Salatkopf haben wollte, der eine Woche zuvor noch 1,20 Euro kostete.

„Da habe ich den Salat“, dachte ich mir und sprach ihn auf die inflationäre Preisentwicklung an. Hatte ich etwas verpasst? Sind die Griechen jetzt doch schon pleite und der Euro nichts mehr wert? Doch mein Mann fürs Gemüse klärte mich auf: „Vor Ostern setzen die Großhändler immer die Preise hoch.“ Interessant. Bisher hatte ich vor Ostern höchstens mit höheren Eierpreisen gerechnet. Doch jetzt schießt auch noch der Salat preislich ins Kraut? Kein Wunder, dass man da als Otto-Normalverbraucher und Kleinverdiener finanziell gesehen ruckzuck in den Bohnen ist.

Vielleicht haben einige Händler Ostern als Fest der Auferstehung auch missverstanden, indem sie vorher eine Preiserhöhung aus ihren roten Zahlen auferstehen wollen.Wenn dem so wäre, sollte ich vielleicht bei meinem Brötchengeber auch mal einen einen vorösterlichen Honorarzuschlag erbitten. Doch die Erfüllung dieser Bitte dürfte wohl genauso realistisch sein wie das Warten auf den Osterhasen, der uns die Eier ins Haus bringt -- natürlich ohne österlichen Preisaufschlag.

Samstag, 3. April 2010

Rückblick: Vor 100 Jahren wurde aus der Landbürgermeisterei Dümpten ein Mülheimer Stadtteil


Wenn die heute knapp 19 000 Dümptener von ihrem Stadtteil reden, sprechen sie gern vom „Königreich.“ Das zeugt von einer besonders intensiven Verbindung mit ihrem Stadtteil. Diese rührt ebenso wie der Begriff aus einer Zeit, als Dümpten eine eigenständige Landbürgermeisterei war.Als Dümptens Bürgermeister Paul Beuther (1850-1917), ein altgedienter preußischer Offizier, unter anderem mit einem Festumzug und hoch zu Ross in sein neues Amt eingeführt wurde, sollen Leute auf der Straße gerufen haben: „Das ist ja wie in einem Königreich.“ Soweit die Legende.

Heute erinnert die Paul-Beuther-Straße neben dem 1908 errichteten und inzwischen als Bürgerbegegnungsstätte genutzten Bürgermeisteramt an der Mellinghofer Straße (Foto) an die Jahre der Dümptener Eigenständigkeit. Ironie der Geschichte: Während die Landbürgermeistereien Styrum und Broich 1904 bereits nach Mülheim eingemeindet wurden, wurde Dümpten eben in diesem Jahr zur Bürgermeisterei erhoben.Das hatte sicher auch mit dem enormen Bevölkerungswachstum zu tun. Dümpten, das damals vor allem vom Bergbau und von der Landwirtschaft lebte, hatte seine Einwohnerzahl von 1871 bis 1907 auf gut 12 000 vervierfachen können. In dem Königreich wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts noch Kohle gemacht. Hier gab es mit Sellerbeck und Roland gleich zwei Zechen. Während Sellerbeck schon im Jahre 1905 stillgelegt wurde, förderte man auf Roland das schwarze Gold noch bis 1928 zu Tage. Dort standen 1906 immerhin 863 Bergleute in Lohn und Brot.

Vieles von dem, was das Dümptener Stadtteilleben bis heute prägt, war damals schon vorhanden: die beiden Kirchen am Schildberg und an der Oberheidstraße, die Straßenbahn, mit der man für zehn Pfennige von der Mellinghofer Straße zum heutigen Hauptbahnhof fahren konnte, ein kaiserliches Postamt, das heute als Pizzeria genutzt wird, Volksschulen und die beiden Sportvereine DTV und TV Einigkeit. Während der Dümptener Turnverein bei Gründung der Landbürgermeisterei schon seit 19 Jahren existierte, sollte sich der TV Einigkeit erst zwei Jahre später gründen.Was überrascht, ist die Tatsache, dass es in der vor 1904 zur Landbürgermeisterei Styrum gehörenden Landbürgermeisterei Dümpten bereits drei katholische, fünf evangelische und eine jüdische Volksschule gab.Neben dem Schulwesen gehörten unter anderem auch die Armenfürsorge und der Wegebau zum Verantwortungsbereich der Landbürgermeisterei. Beuther und seine Verwaltung, zu der auch die beiden Beigeordneten Schaap-haus und Hellweg gehörten, trieben unter anderem den Ausbau der Mühlenstraße voran. Sie erhöhten die Lehrergehälter und ließen am Wenderfeld eine weitere evangelische Volksschule errichten, die ab 1965 als Sonder- und heute als Förderschule genutzt wird.Eine Apotheke, zwei Kassenärzte, eine Ortskrankenkasse und eine Sparkasse komplettierten die öffentliche Infrastruktur der Landbürgermeisterei.

Ironie der Geschichte: Kaum war der Bau des Bürgermeisteramtes, in dessen Keller das örtliche Gefängnis untergebracht war, vollendet, fuhr der Zug der Zeit auch schon in Richtung Eingemeindung. Der Trend der Zeit ging zu Großstädten. Dümpten konnte sich dem Sog Mülheims, das 1908 die 100 000-Einwohner-Schwelle zur Großstadt überschritten hatte, nicht entziehen.Die 1908 begonnenen Eingemeindungsverhandlungen wurden am 19. November 1909 mit der Unterzeichnung eines entsprechenden Vertrages abgeschlossen. Er sah unter anderem vor, dass das vorhandene Restvermögen der Landbürgermeisterei auch in Dümpten verbleiben und investiert werden sollte. Der Dümptener Gemeinderat und die Ortskrankenkasse wurden aufgelöst, während die örtliche Sparkasse und eine Einwohnermeldestelle erhalten blieben. Unklar blieb am Tag der Eingemeindung, dem 1. April 1910, nur die Zukunft des kaiserlichen Postamtes. Die Belange der Dümptener Bürger wurde nun von drei der damals 66 Stadtverordneten wahrgenommen, die dem neuen Stadtteil Dümpten zugestanden worden waren.

Dieser Text erschien am 1. April 2010 in NRZ und WAZ

Freitag, 2. April 2010

Seit zehn Jahren sorgt der Verein Donum Vitae dafür, dass Frauen und Paare im Schwangerschaftskonflikt nicht alleine gelassen werden


Katholische Schwangerschaftskonfliktberatung gibt es nicht mehr. 1999 verordnete Papst Johannes Paul II. der Kirche den Ausstieg aus der Schwangerschaftskonfliktberatung. Seine Argumentation: Die katholische Kirche dürfe nicht mit einem entsprechenden Beratungsnachweis die Voraussetzung für einen Schwangerschaftsabbruch und damit für die Tötung ungeborenen Lebens schaffen.Dieses Verbot rief vor zehn Jahren auch in Mülheim engagierte Christen auf den Plan, die der Ansicht waren, die katholische Kirche dürfe Frauen im Schwangerschaftskonflikt nicht alleine lassen. Sie gründeten den Verein Donum Vitae, dessen lateinischer Name Programm ist: "Geschenk des Lebens."

Der heute knapp 100 Mitglieder zählende gemeinnützige Verein trägt eine Beratungsstelle, die zu 80 Prozent aus Landesmitteln und zu 20 Prozent aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert wird. Nur so können Ulla Höhne (Foto) und ihre Kollegin Bettina Bubbat van Hasseln eine Beratung gewährleisten, die, wie sie sagen, "kostenlos, aber nicht umsonst ist."Um ihre anspruchsvolle Aufgabe erfüllen zu können, haben sich die Sozialpädagogin und die Sozialwissenschaftlerin zusätzlich zu Familien- und Gesprächstherapeutinnen ausbilden lassen. Es sind schwere Gespräche, die sie meistens mit Frauen und nur selten mit Frauen und Männern führen, wenn es um die Frage geht: Kann und will ich in meiner jetzigen Lebenssituation Mutter oder Vater werden? Oder: Kann ich die Verantwortung für ein behindertes Kind übernehmen?"Wir beraten ergebnisoffen. Wir wollen niemanden überreden, sondern gemeinsam mit den Betroffenen eine Entscheidung finden, die auch für ihr weiteres Leben gut ist", betont Ulla Höhne.Obwohl Donum Vitae von einem christlichen Menschenbild ausgeht, berät der Verein auch Frauen, die aus dem Islam kommen oder gar keine religiöse Bindung haben.

Dabei stellt Höhne immer wieder fest, dass religiös geprägte Frauen in besonders großer Gewissensnot sind, wenn sie ungewollt schwanger werden. "Ich dürfte eigentlich gar nicht schwanger sein, kann aber auch das Kind nicht bekommen", beschreibt Höhne die moralische und oft auch materielle Zwickmühle, in der viele Klientinnen stecken.Die Frauen, die den Weg zu Höhne und Bubbat van Hassel finden, kommen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen. "Dabei ist der finanzielle Aspekt nicht unbedingt der Entscheidende, wenn Frauen über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken", sagt Höhne. Oft seien vielmehr die fehlende Unterstützung durch Partner, Familie oder Arbeitgeber ausschlaggebend..Vor allem die betroffenen Männer verdrängen das Problem viel zu oft. "Ich muss doch nicht zur Psychotante", schilderte eine Klientin Höhne jüngst die Reaktion ihres Partners, als sie ihn bat, mit zur Beratung zu kommen.

Dabei versuchen die beiden Frauen den ungewollt Schwangeren immer wieder klar zu machen: "Sie müssen Ihre Probleme nicht alleine lösen." So helfen die Beraterinnen im Ernstfall auch bei der Beantragung finanzieller Hilfen, etwa in Form des Arbeitslosengeldes II, aber auch mit Geld von der Bundesstiftung Mutter und Kind oder von der katholischen Aktion für das Leben. Sie unterstützen Frauen auch bei der Suche nach einer Wohnung oder vermitteln, wenn es nicht anders geht, einen Platz im Frauenhaus.Trotz aller Aufklärungsarbeit, die auch die Frauen von Donum Vitae etwa vorbeugend in Schulklassen leisten, müssen Höhne und Bubbat van Hasseln oft feststellen, dass ungewollte Schwangerschaften nach wie vor ein angst- und tabubesetztes Thema sind, das in der Gesellschaft gerne verdrängt wird. Am Anfang einer ungewollten Schwangerschaft steht nicht selten ein unzureichendes Wissen über die Wirkung von Verhütungsmitteln. Wer weiß schon, welche Kondomgröße er braucht und wie schnell ein Kondom perforiert und damit unbrauchbar wird, weil Mann es diskret im Portemonnaie mit den Geldmünzen zusammenwirft, oder dass die Wirkung der Pille durch die Einnahme von Antibiotika außer Kraft gesetzt wird.

Stichwort Donum Vitae


Die von der Sozialpädagogin Ulla Höhne und der Sozialwissenschaftlerin Bettina Bubbat van Hassel betreute Beratungsstelle von Domum Vitae findet sich an der Schloßstraße 8-10. Sie ist montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr und freitags von 9 bis 14 Uhr unter ~ 969 15 15 sowie per E-Mail an muelheim@donumvitae.org erreichbar. Die kostenlosen Beratungsgespräche finden nach Vereinbarung statt.

2009 suchten 259 Frauen und Paare den Rat von Donum Vitae. In 148 Fällen wurde eine Konfliktberatung und in 111 Fällen eine allgemeine Schwangerschaftsberatung durchgeführt. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr bei 557 Beratungsgespräche geführt. Dass der Rat von Donum Vitae zunehmend gefragt ist, macht ein Zahlenvergleich deutlich: So fanden im ersten Beratungsjahr 2001 nur 69 Frauen im Schwangerschaftskonflikt und 28 Schwangere mit allgemeinem Beratungsbedarf den Weg zu Donum Vitae.

Dieser Text erschien am 31. März 2010 in der NRZ

Donnerstag, 1. April 2010

Rückbick Vor 80 Jahren wurde der Atenhof an der Kaiserstraße eröffnet: Ein Haus für Kirche, Kultur und mehr


Sein Name lässt es erahnen: Der Altenhof ist schon alt. Vor genau 80 Jahren wurde er offiziell eröffnet. Seine Geschichte reicht aber noch viel weiter zurück, nämlich bis ins Mittelalter. Ursprünglich befand sich dort, wo von 1927 bis 1929 der heutige Altenhof gebaut wurde, der von einer Mauer umgebene Wirtschaftshof der Edelherren von Mülheim.Später ging der Hof auf dem Kirchenhügel in den Besitz der Grafen von Altena und von Styrum über und war zwischenzeitlich sogar Sitz eines Hofgerichtes. 1794 wurde die Witwe Brink, die später Mülheims ersten Bürgermeister Hermann Vorster heiraten sollte, ihr neuer Besitzer. Den Altenhof verkaufte sie ihrerseits für 30 000 Gulden an den neuen Styrumer Schlossherren Philipp Marck, der dort ab 1821 eine Landwirtschaft betrieb.

Das alles war schon wieder Geschichte, als die Evangelische Altstadtgemeinde am 30. März 1930 den heutigen Altenhof eröffnete. Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise. Dementsprechend sang man beim Einweihungsfest: „Wohl tobet um die Mauern der Sturm in wilder Wut. Das Haus wird’s überdauern.“ Welche Stürme auf den Altenhof noch zukommen würden, konnte man sich damals allerdings noch nicht ausmalen.Ende der 20er Jahre war der Bau des Gebäudes ein willkommenes Beschäftigungsprogramm, das 500 Arbeitern, 107 Handwerkern und 30 Firmen Lohn und Brot gab. Der von den Rathaus-Architekten Hans Grossmann und Artur Pfeifer entworfene Mehrzweckbau, den sich die Evangelische Altstadtgemeinde 720 000 Mark kosten ließ, passte aber auch in die Zeit. Denn erst im Jahr zuvor war gleich nebenan die neue Marienkirche entstanden, die ebenso wie der Altenhof im zweckmäßigen Stil der Bauhausarchitektur errichtet worden war.Zur Eröffnung des Altenhofes, in dem Wohnungen und Arbeitsräume für die Kirchenverwaltung ebenso ihren Platz fanden wie Geschäfte, eine Gaststätte mit zwei Kegelbahnen und zwei große Veranstaltungssäle mit Bühne, schrieb die Mülheimer Zeitung: „Die äußere Erscheinung des Baus ist dem Wunsch der Gemeinde entsprechend sehr schlicht gehalten. Der einzige Luxus besteht in einem kleinen Turm, der die Bedeutung des Hauses unterstreichen und zugleich eine Brücke in die Vergangenheit zum ehemaligen Altenhof schlagen soll.“Der Altenhof, der als Gemeindehaus errichtet worden war, wurde rasch zu einem beliebten Veranstaltungs- und Ausstellungsort. In den 30er Jahren muss man dort für eine Fahrzeug- und Motorschau sogar eine Mauer eingerissen haben, um den nötigen Platz für die Ausstellung eines Flugzeuges zu bekommen.Die Flugzeuge der Alliierten waren es, die während des Zweiten Weltkrieges dem Altenhof arg zusetzen. Beim großen Luftangriff vom 22./23. Juni 1943 wurde das repräsentative Kirchenhaus schwer beschädigt. Doch man konnte es rasch so weit wieder herstellen, dass es noch während des Krieges als Notschlafstelle und Lazarett, aber auch als Gottesdienstraum genutzt werden konnte.Nach dem Kriegsende wurde der Altenhof vor allem Kulturort. Bis zur Wiedereröffnung der Stadthalle war er der Mittelpunkt des Mülheimer Kulturlebens. Hier gingen in den ersten 25 Jahren seines Bestehens mehr als 10 000 Veranstaltungen über die Bühne: Konzerte, Vorträge, Filmvorführungen, Feste und Ausstellungen, aber auch Ratssitzungen.Doch ab 1957 lief die Stadthalle dem Altenhof seinen Rang ab.

Er wurde zu einem reinen Verwaltungs- und Wohnsitz für kirchliche Mitarbeiter. In den 70er Jahren erwog man sogar, das Gebäude, dessen Tuffsteinfassade unter Denkmalschutz stand, ganz abzureißen. Doch dazu kam es nicht. Stattdessen wurde der Altenhof Mitte der 80er Jahre für vier Millionen Mark umgebaut und bekam damit seine Funktion als Veranstaltungsort zurück, der heute nicht nur von der Kirche, sondern auch von Parteien, Wohlfahrtsverbänden und Karnevalsvereinen gerne als Fest- Tagungs- und Veranstaltungsort genutzt wird.Als die Evangelische Kirche vor fünf Jahren ihre Gemeinde- und Kirchenkreisverwaltungen zusammenlegte, wurde ihr gemeinsamer Dienstsitz noch einmal für rund eine MillionEuro zu einem modernen und vor allem barrierefreien Verwaltungs- und Veranstaltungszentrum umgebaut.

Dieser Text erschien am 30. März 2010 in der NRZ