Montag, 31. Mai 2010

Rückblick: Vor 60 Jahren wurde der HTC Uhlenhorst zum ersten Mal Deutscher Hockeymeister

„Der HTC Uhlenhorst ist der erfolgreichste Hockeyclub Deutschlands“, sagt der 1200 Mitglieder zählende Verein, der 2010 seinen 90. Geburtstag feiert, auf seiner Internetseite über sich selbst. Dieses Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Begründet wird es nicht zuletzt am 28. Mai 1950. Damals, auf den Tag genau vor 60 Jahren, erringen die Hockey-Herren vom HTC vor 5000 begeisterten Zuschauern im heimischen Uhlenhorst die erste Nachkriegsmeisterschaft im deutschen Hockey.Späte Entscheidung. Den Siegtreffer der Uhlen schießt Günter Oelert nach einer Vorlage des späteren Bürgermeisters Herbert Mohr in der 101. Spielminute. Oelert sieht die NRZ auch als den technisch besten Spieler der Partie, in der der HTC am Ende einen glücklichen, aber verdienten Sieg errungen habe.

Die Gegner vom Hockeyclub Raffelberg machen es dem HTC nicht leicht. Doch am Ende setzen sich die Uhlen mit einer starken Läuferreihe und einer von der NRZ als „unüberwindlich“ beschriebenen Abwehr durch. Und so kann Oberbürgermeister Heinrich Thöne nach dem 1:0-Hockey-Krimi im Uhlenhorst dem Spielführer Herbert Mohr den Siegerkranz umhängen. Eigentlich, so meint der Sportreporter der Lokalausgabe, hätte das Spiel schon in der ersten Halbzeit entschieden werden müssen, als der HTC „drei oder vier totsichere Torchancen“ vergeben habe.

Beiden Mannschaften bescheinigt er, dem Publikum „einige Bravourstückchen“ geboten zu haben. Die Hockey-Herren aus dem Uhlenhorst, die später in Barcelona auch den ersten inoffiziellen Europatitel der Landesmeister holen werden, dürfen sich in den folgenden Jahrzehnten noch oft über Deutsche Meistertitel freuen. Bis 1955 erringen sie diesen gleich zweimal und werden 1955 für diese besondere Leistung vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet.Auch Rekordnationalspieler wie Gerd Bachmann (108 Länderspiele) oder Helmut Nonn (50 Länderspiele) werden die nationale und internationale Hockeyklasse des HTC dokumentieren.

Bis 1997 erringen die Hockey-Herren des HTC 16 Mal die Deutsche Feldhockey und einmal die Deutsche Hallenhockeymeisterschaft. Abgerundet wird diese Erfolgsgeschichte von bisher neun Europapokalsiegen.

Dieser Text erschien am 28. Mai 2010 in der NRZ

Sonntag, 30. Mai 2010

40 Jahre Gustav-Heinemann-Schule: Leben lernen von Generation zu Generation


Eine große Schule, wie die Gustav-Heinemann-Schule, die gestern ihren 40. Geburtstag feierte, beeinflusst und berührt das Leben vieler Menschen. „Mein Schwiegersohn hat hier sein Abitur gemacht und ist heute Lehrer an der Willy-Brandt-Schule in Styrum“, erzählt Bürgermeisterin Renate aus der Beek, ehe sie der Jubilarin im Namen der Stadt gratuliert. Vieles zählt sie auf, was den Alltag an Mülheims größter Schule ausmacht: Das Förderprogramm Lernen individuell und das Konzept Europaschule und Schule ohne Rassismus sind nur einige pädagogische Paradebeispiele, die sie in ihrer Laudatio aufzählt. Ihr Fazit: „Eine Schule ist immer nur so gut, wie die Menschen, die in ihr lernen und lehren. Die Gustav-Heinemann-Schule hat mit ihren derzeit 1650 Schülern gezeigt, dass Größe und gemeinsames qualitätsvolles Lernen Hand in Hand gehen können.“

Wie die Gustav-Heinemann-Schule, die bis 1981 Gesamtschule Nord hieß, von Menschen geprägt worden ist und selbst Menschen geprägt hat, machen die Zeitzeugenberichte der Familie Weber deutlich. „Das war eine wilde Zeit“, erinnert sich Günter Weber, an die bildungspolitischen Diskussionen der späten 60er Jahre. Als junger SPD-Stadtverordneter mit Erfahrung in der offenen Jugendarbeit bereitete er damals im Schulausschuss politisch das Feld dafür, dass Mülheims erste Gesamtschule nicht in Saarn, sondern, Ironie der Geschichten, auf einem ehemaligen Ackergrundstück in seinem Stadtteil Dümpten errichtet und im Sommer 1970 mit 350 Schülern und 35 Lehrern unter der Leitung des ersten Schulleiters Günter Wischmann an den Start gehen konnte. Webers Resümee: „Es ist schön zu sehen, wie aktiv die Schule war und weiterhin ist.“

Webers Sohn Roland, der an der Gustav-Heinemann-Schule sein Abitur bestand, erinnert sich besonders gerne an seine Lehrer, „die mit viel Herzblut“ die Schüler dazu anhielten „Dinge auch kritisch zu hinterfragen.“ Gerne erinnert er sich auch an das gute Mensaessen und die Koch AG, von deren Langzeiteffekten seine Familie noch heute profitieren könne. In eher unangenehmer Erinnerung ist ihm dagegen das Sprachlabor geblieben: „Das war schwer zu ertragen, weil man jederzeit abgehört und berichtigt werden konnte.“

Last, but not least berichtet Sohn und Enkel Darius Weber, der zurzeit die elfte Klasse der Gustav-Heinemann-Schule besucht von seinen nicht nur sprach-, sondern auch persönlichkeitsfördernden Erfahrungen beim Schüleraustausch mit England und Frankreich. „Über die Sprache hinaus habe ich viel über das soziale Miteinander und die Kultur des jeweiligen Landes gelernt. Außerdem konnte ich bei dieser Gelegenheit auch lernen, frei zu sprechen“, macht Darius nicht nur mit seinen Worten, sondern mit der souveränen Art seines Vortrages deutlich. An dessen Ende steht die Perspektive, dass die Webers auch in Zukunft auf die Gustav-Heinemann-Schule setzen, indem sie ihr ab dem kommenden Schuljahr auch Darius jüngere Schwester Lea Marie (10) anvertrauen werden.Sie wird dann als Schülerin das fünfte Jahrzehnt der Gustav-Heinemann-Schule miterleben und mitgestalten, von dem Bürgermeisterin Renate aus der Beek in ihrer Laudation schon jetzt sagt, „dass es ein Abenteuer mit vielen neuen Herausforderungen wird.“

Dieser Text erschien am 29. Mai 2010 in der NRZ

Samstag, 29. Mai 2010

Was ihrem Schülersprecher zum 40. Geburtstag der Gustav-Heinemann-Schule einfällt


Mülheims erste Gesamtschule feiert heute ihren 40. Geburtstag. Dennis Albers (18) ist Sprecher ihrer rund 1600 Schüler. Was fällt ihm zu seiner Schule ein?


Was haben Sie in Ihrer Schule fürs Leben gelernt?

In der Gustav-Heinemann-Schule habe ich gelernt, dass der soziale Umgang miteinander gar nicht so schwer ist, wie sich das einige vorstellen. Ich habe gelernt, dass man etwas bewegen kann, wenn man sich engagiert. Ich habe hier Leute gefunden, die mich unterstützen oder die ich unterstützen kann, wenn es darum geht soziale oder auch schulinterne Projekte zu realisieren.


Woran denken Sie dabei?

Ich denke da zum Beispiel an die große Spendenaktion, die an unserer Schule zugunsten der Erdbebenopfer in Haiti durchgeführt wurde. Diese Aktion wurde von maximal zehn Leuten, vor allem aus der Schülervertretung, geplant. Wir haben Spenden innerhalb der Klassen und der Familien gesammelt. Aber auch die selbst gebackenen Waffeln und die Hot Dogs, die wir für den guten Zweck verkauft haben, kamen super an. Die Spendenbereitschaft war überall groß.


Fällt Ihnen noch ein anderes Projekt ein?

Ich bin Mitglied bei den „Suchtsäcken“. Das ist eine Gruppe von derzeit neun Schülern. Wir beschäftigen uns im Moment mit dem Thema Rauchen, haben uns aber auch schon mit Alkohol, Magersucht oder anderen Drogen auseinandergesetzt. Wir haben uns bei Ginko fortgebildet und mit Fachleuten unterhalten, so das wir jetzt in Klassen gehen können, um Vorträge zu halten, Schüler anzusprechen und konkrete Probleme zu bearbeiten. Und die Rückmeldungen, die wir bisher bekommen haben, sind sehr gut.Frage: Was wünschen Sie Ihrer Schule zum Geburtstag?Antwort: Vor allem, das sie auch in den kommenden Jahren so viele engagierte Schüler haben wird. Auch verschönerungsmäßig könnte noch einiges an unserer Schule gemacht werden. Daran arbeitet man und sollte es auch weiterhin tun. Auch große Sportveranstaltungen, wie den Sportsfinderday, deren Erlös sozialen Zwecken zugute kommt, könnte es ruhig öfter geben.


Worin sehen Sie die Stärken Ihrer Schule?

Ich habe das Gefühl, dass bei uns kein Schüler zu kurz kommt, weil man immer viele Ansprechpartner findet, wenn man ein Problem hat, sei es bei den Mitschülern, bei den Lehrern, den Eltern oder auch bei verschiedenen schulinternen Gruppen.


Und welche Schwächen sehen Sie?

Da fällt mir spontan die lange Umbauphase ein, die schon vor zig Jahren beendet sein sollte, die momentan aber immer noch im Gang ist, wobei es inzwischen doch so aussieht, als sollten die Umbauarbeiten jetzt wirklich bald beendet sein. Wir sind eben eine große Schule. Manchmal könnten Absprachen, die getroffen werben, wenn es etwa um die Verschiebung von Klausurterminen geht, schneller an die Schüler herangetragen werden.


Sehen Sie die Größe Ihrer Schule eher als Vor- oder als Nachteil?

Ich sehe die Größe eher als Vorteil, denn als Nachteil, weil man in unserer Schule zwar nicht alle, aber doch sehr viele Leute kennen lernen und eine gute Kommunikation herstellen kann. Wenn man das als Schüler oder Lehrer möchte und sich interessiert, ist man auch in vielen Projekten einbezogen. Dadurch, dass wir im Schnitt 1500 Schüler an unserer Schule haben, haben wir natürlich auch 1500 verschiedene Meinungen, Interessen und Hobbys, die aller gefördert werden wollen. Das passiert eigentlich auch ganz gut. Wir haben ja eine unendliche Anzahl von Arbeitsgemeinschaften, Gruppen und auch Fortbildungsseminare.


Erfahren Sie als Gesamtschüler heute noch Vorbehalte gegen ihre Schulform?

Wer heute noch Vorbehalte gegen die Gesamtschule hat, hat sich nicht richtig informiert. Ich bin auf jeden Fall stolz und glücklich, diese Schule zu besuchen, weil ich hier individuell super gefördert werde und mich gut entwickeln kann.


Dieses Interview erschien am 28. Mai 2010 in der NRZ

Donnerstag, 27. Mai 2010

Vor 50 Jahren wurde aus einer alten Schule in Westkapelle ein neues Jugendheim der Evangelischen Kirchengemeinde Saarn: Das wird jetzt gefeiert


Albert Schweitzer hat einmal gesagt: "Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen der Mitmenschen." Ein Mensch, dem das durch seine Arbeit als Seelsorger gelungen ist, war Pastor Ewald Luhr. Nicht nur der Pastor-Luhr-Platz im Herzen von Saarn, sondern auch das vor 50 Jahren im niederländischen Küstenort Westkapelle eröffnete Jugendheim der Evangelischen Kirchengemeinde Saarn erinnern an seinen vorbildlichen Einsatz zum Wohle seiner Mitmenschen.Am kommenden Wochenende startet die Evangelische Gemeinde Saarn mit Menschen, die dem rund 300 Kilometer von Saarn entfernten Jugendhaus in Westkapelle seit vielen Jahren eng verbunden sind, zu einer Jubiläumsfahrt in die Niederlande. Und sicher wird bei den Feierlichkeiten in Westkapelle auch manches lobende Wort über Pastor Luhr und seinen niederländischen Kollegen Pastor Oosthoek fallen, die zusammen mit der Saarner Gemeindeschwester Erika Bleck und Luhrs Vikar Pastor Reiner Squarr für die ersten Jahrzehnte der Kinder- und Jugendfreizeiten in Westkapelle standen.

Die Geschichte des Saarner Jugendhauses in Westkapelle, in dem heute auch Senioren- und Familiengruppen, Vereine, Kindergarten- Schul und Konfirmandengruppen oder Menschen mit Behinderung Urlaub machen, begann bereits 1954. Damals gab es in Mülheim noch viele Flüchtlingskinder aus dem Osten Deutschlands, die zum Beispiel in einem Rhenag-Haus an der Düsseldorfer Straße untergebracht wurden. Um diesen belasteten Kindern und Jugendlichen einen Erholungsurlaub zu ermöglichen, nahm Pastor Luhr vor 56 Jahren über das Hilfswerk der Rheinischen Landeskirche Kontakt zu seinem Amtskollegen in Westkapelle auf. Einer ersten Ferienfreizeit folgte eine weitere auf dem Bauernhof der Familie Minderhoud.Luhrs und Oosterhoeks Hoffnung ging auf. Durch den Kontakt mit deutschen Kindern und Jugendlichen kamen sich in Westkapelle auch Niederländer und Deutsche der älteren Generationen näher, so dass die Wunden, die der Zweite Weltkrieg und die deutsche Besatzung geschlagen hatten, geheilt werden konnten."Die Mission von Pastor Luhr ist in Westkapelle sicher gelungen", betont Ana Dingemanse-Dieleman. Ihr Vater Willem Dieleman war der Gemeindesekretär, der mit den Worten "Lassen Sie es uns für unsere Kinder tun" 1960 den Westkapeller Bürgermeister Willem Gabrielse davon überzeugte, allen Vorbehalten in der Gemeinde zum Trotz den Saarnern eine alte Schule an der Zuidstraar zu vermieten.

So wurde aus der alten Schule ein neues Jugendhaus, das die Evangelische Kirchengemeinde Saarn Anfang der 70er Jahre kaufen und anschließend immer wieder um- und ausbauen sollte.Bereits 1963 führten die über das Jugendhaus entstanden Kontakte dazu, dass eine Bürgergruppe aus Westkapelle Saarn besuchte und als Gäste in Saarner Familien den deutschen Alltag erlebten.Wirtschaftlich betrachtet ist das Jugendheim in Westkapelle heute eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die mit jährlich rund 40 Ferienfreizeiten zwischen April und November einen Umsatz von rund 160?000 Euro erwirtschaftet. Rosemarie Esser und Kurt Leyk stehen als Geschäftsführer an der Spitze der gGmbH. Und fünf Kochfrauen, die dringend jüngere Verstärkung suchen, sorgen gegen ein kleines Taschengeld für das leibliche Wohl der Feriengäste. Die können sich in 17 Zimmern mit 40 Betten einquartieren. Übernachtung und Vollpension sind im Saarner Jugendheim Westkaplle für 22 bis 32 Euro pro Person zu haben. Ein nachträglich eingebauter Aufzug macht das Gästehaus auch für Rollstuhlfahrer nutzbar. Gruppen, die eine Ferienfreizeit im Saarner Jugendheim von Westkapelle verbringen möchten, können unter der Rufnummer 37 75 99 26 mit der für die Belegungsplanung zuständigen Rosemarie Esser Kontakt aufnehmen.


Dieser Text erschien am 27. Mai 2010 in NRZ und WAZ

Mittwoch, 26. Mai 2010

Rückblick: Vor 35 Jahren wurde das Friedrich-Wennmann-Bad eröffnet: Heute steht es im Rahmen der Haushaltskonsolidierung zur Disposition

Eigentlich gehen Politiker und Beamte nicht gerne baden, schon gar nicht vor Kommunalwahlen. Doch am 30. April 1975 machen sie eine Ausnahme. Denn an diesem Tag eröffnet Oberbürgermeister Dieter aus dem Siepen das neue Hallen- und Freibad Heißen. Und zur Feier des Tages liefern sich Sozial-, Christ- und Freidemokraten mit Mitarbeitern der Stadtverwaltung in gemischten Staffeln ein Wettrennen im 25 mal 12,50 Meter großen Hauptbecken."Mit der Eröffnung dieses Bades", sagt aus dem Siepen in einer Ansprache am Beckenrand, "wird das Leistungsangebot unserer Stadt auf erfreuliche Weise abgerundet." Keine Frage. Das Bad ist im Kommunalwahljahr 1975 Wasser auf die Mühlen der noch mit absoluter Mehrheit regierenden SPD.

Geld spielt noch nicht die Rolle, die es heute spielt. Auf einem 28?000 Quadratmeter großen Areal, das zuvor von einem Schweinezüchter bewirtschaftet worden war, entsteht in nur 13 Monaten eine Anlage, die fast sieben Millionen Mark, also etwa 3,5 Millionen Euro, kostet. Heute, in Zeiten der Haushaltskonsolidierung fragt sich die Stadt, ob sie sich die jährlichen Betriebskosten von 1,5 Millionen Euro und die anstehenden Modernisierungskosten von rund 1,7 Millionen Euro noch leisten kann. 1975 spricht man nicht über Geld, man hat es und investiert es, etwa in Badespaß zum Null- und Minitarif. So können die Bürger das neue Bad, das seit 1991 den Namen des 1989 verstorbenen SPD-Fraktionsvorsitzenden Friedrich Wennmann trägt, in den ersten zehn Tagen eintrittsfrei nutzen. Danach kostet die Badestunde für Erwachsene eine Mark, für Kinder 50 Pfennig.

In der ersten Woche nach der Eröffnung machen rund 15?000 Menschen vom Baden zum Nulltarif Gebrauch.Begeistert berichtet die Lokalpresse über den Clou des Mehrzweckbades: "Noch während der Oberbürgermeister sprach, wurde das Dach in Bewegung gesetzt. Das Heißener Bad verfügt nämlich über ein Dach, das zu zwei Dritteln verfahren werden kann. Das heißt: Es lässt ein teleskopartiges Auffahren zu, sobald die Außentemperatur die Innentemperatur erreicht hat. Und so kann ein Hallenbad als Freibad genutzt werden." Doch das Dach wird zunächst nur aus Demonstrationszwecken am Eröffnungstag in Bewegung gesetzt. Drei Monate dauert es, bis die Außenanlagen und die Liegewiesen des Schwimmbades, das auch mit einer Cafeteria aufwarten kann, fertiggestellt sind. Doch darüber regt sich damals niemand wirklich auf.

Stattdessen wird über Öffnungs- und Belegungszeiten diskutiert.Der Sportausschuss hatte festgelegt, dass das Bad pro Woche 70 Stunden der Öffentlichkeit und 16 Stunden Schulen und Vereinen zur Verfügung stehen soll. Außerdem dachte man bereits darüber nach, ob man nicht bis 1978 ein vergleichbares Bad für den Bereich Broich-Speldorf errichten könnte, ein Plan, der dann doch nicht realisiert wurde.Ganz real sind dagegen die 186?000 Badegäste, darunter auch viele Schüler und Vereinssportler, die sich jährlich im Friedrich-Wennmann-Bad durch Bewegung im Wasser fit halten. Sie alle hoffen, dass ihr Bad im Zuge der Haushaltskonsolidierung nicht den Bach heruntergeht und auch in Zukunft gilt, was NRZ-Redakteur Wolfgang Ibel vor 35 Jahren über das neue Schwimmbad schrieb: "Heißen sitzt nicht mehr auf dem Trockenen. Hier ist ein Mekka für die Anhänger der feuchten Zunft entstanden."

Dieser Text erschien am 30. April 2010 in der NRZ

Dienstag, 25. Mai 2010

Missbrauch: Trotzdem stehen wir zu unserer Kirche: Eindrücke von einer Aktion des Katholikenrates auf dem Kurt-Schumacher-Platz

Missbrauch - Trotzdem stehen wir zu unserer Kirche!“ So steht es auf einem Schild, dass einige Katholikenräte am Samstagvormittag auf dem Kurt-Schumacher-Platz aufstellen. Missbrauch. Das ist ein Wort, das irritiert. Der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann und sein Katholikenratskollege Rolf Völker aus der Gemeinde St. Engelbert geben zu, dass sie nicht ohne Bedenken und mit einem flauen Gefühl im Magen auf die Straße gehen, um mit den Menschen über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche im Besonderen und über Wege aus der Kirchenkrise im Allgemeinen ins Gespräch zu kommen.Scharfe Anwürfe bleiben nicht aus. Doch sie bleiben Einzelfälle: „Das ist ein Saustall. Den muss man ausmisten.“ oder: „Das sind alles Verbrecher. Die sollte man aufhängen“ ist da von einigen Passanten zu hören. Sie wollen allerdings nur ihren Frust los werden und nicht stehen bleiben, um mit den Katholikenräten und Pastor Norbert Dudek von der Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz zu diskutieren.Wer stehen bleibt und das Gespräch sucht, tut dies eher aus einer Position des kritischen Interesses oder der kritischen Solidarität mit der Kirche. „Wir sind doch alle Kirche“ sagt zum Beispiel Adele Kroner aus der Broicher Gemeinde Herz Jesu und findet: „Man kann doch gar nicht genug tun, um Missbrauchsfälle aufzuklären und Missbrauch vorzubeugen.“ Sie sieht die Krise auch als Chance für einen Reinigungsprozess der Kirche, meint aber auch, dass auch die Kirche noch mehr als bisher für die therapeutische Betreuung von Missbrauchsopfern tun müsste.In diesem Zusammenhang weist Katholikenrätin Helmi Loewe von der Arbeitsgemeinschaft katholischer Frauen unter anderem auf die Aufklärungsarbeit hin, die der Verein Donum Vitae leiste, „um damit Kinder stark und Eltern aufmerksam zu machen.“

Eine junge Frau, die einen Kinderwagen schiebt, sagt, dass nicht nur die Kirche, sondern auch das Jugendamt die Missbrauchsproblematik in Familien viel stärker in den Blick nehmen müsste. In den Gesprächen, die die Katholikenräte mit Passanten vor dem Forum führen, wird immer wieder deutlich gemacht: Sexuellen Missbrauch gibt es natürlich nicht nur in der Kirche, nicht nur da, wo katholische Priester zölibatär leben, sondern auch in Familien, wo Verwandte oder verheiratete Familienväter die Täter sind.Dennoch sehen die beiden evangelischen Christinnen Renate Wiesner und Marianne Wilde, die es begrüßen, dass die Katholikenräte mit einem Thema, wie dem sexuellen Missbrauch in ihrer Kirche in die Öffentlichkeit gehen, eine Lehre aus der aktuellen Krise in der Abschaffung des priesterlichen Pflichtzölibats. „Der muss weg“, sagt Wilde. und Wiesner meint: „Der Zölibat für Priester ist nicht der Hit. Denn alle Menschen kommen als sexuelle Wesen auf die Welt. Und ich glaube, dass viele katholische Priester sehr einsam sind.“

Das sieht auch Katholikenrat Martin Linssen nicht anders. Die Abschaffung des Pflichtzölibats würde für ihn zudem angesichts des akuten Priestermangels Sinn machen. Mit Blick auf die aktuelle Missbrauchsdiskussion sagt er: „Missbrauch gibt es auch in anderen Bereichen der Gesellschaft. Doch die Kirche stellt hohe moralische Maßstäbe auf und muss sich deshalb die öffentliche Kritik gefallen lassen.“Nach gut zwei Stunden Diskussion und Gespräch hat sich nicht nur bei Rolf Völker und Wolfgang Feldmann, das flaue Gefühl im Magen gelegt und ist der entspannten Gewissheit gewichen, dass sich ihr Einsatz gelohnt hat, wie sie sagen.

Dieser Text erschien am 25. Mai in der NRZ

Montag, 24. Mai 2010

Das Priesteramt im Wandel: Ein Gespräch mit Stadtdechant Michael Janßen, der heute sein silbernes Priesterjubiläum feiert



In einer Zeit, in der die katholische Kirche nicht viel zu feiern hat, feiert Stadtdechant Michael Janßen am heutigen Pfingstmontag um 16 Uhr sein Silbernes Priesterjubiläum mit einem Hochamt in seiner Pfarrkirche St. Mariae Geburt und einem anschließenden Empfang im Altenhof. Aus gegebenem Anlass sprach ich im Auftrag der NRZ mit dem katholischen Stadtpfarrer über seinen Beruf und das Priesteramt in der Kirchenkrise.


Warum sind Sie überhaupt Priester geworden?
Ich erinnere mich, dass ich meinen Eltern schon als Neunjähriger gesagt habe: Wenn ich Priester werden will, muss ich ein Gymnasium besuchen, an dem ich auch Griechisch und Latein lernen kann. Ein Auslöser war sicher ein Zeitschriftenartikel über Papst Johannes XXIII., den Vater des II. Vatikanischen ökumenischen Konzils, der mir als Neunjähriger in die Finger fiel und bei mir den Wunsch aufbrechen ließ, Priester zu werden. Dieser Wunsch wurde durch das Glaubensvorbild großer Priesterpersönlichkeiten und meiner Eltern sowie durch mein eigenes Mittun in der katholischen Jugendarbeit und in der Meßdienerarbeit bestärkt, so dass ich 1985 zum damals jüngsten Priester des Bistums geweiht wurde.


Wie hat sich der Priesterberuf in den letzten 25 Jahren verändert?
Es sind einfach weniger Priester da. So dass viel mehr Arbeit auf viel weniger Schultern verteilt wird. Heute kommen größere Belastungen auf einen Priester zu. Früher hatte jede Pfarrgemeinde auch einen Kaplan. Und das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Inzwischen werden die Gemeinden nicht nur aufgrund des Priestermangels, sondern aus finanziellen Gründen immer größer. Da schaut ganz Deutschland auf die Umstrukturierung des Ruhrbistums und wird nachziehen müssen, weil die Kirchensteuereinnahmen immer weiter zurückgehen.


Wie ließe sich der Priestermangel beheben?
Schon das II. Vatikanische Konzil hat den Gedanken entwickelt, dass man das Priesteramt auch für verheiratete Männer öffnen könnte, die sich über viele Jahre in der Ehe bewährt haben. Man sollte das noch einmal neu bedenken und wieder auf die Tagesordnung setzen. Bedenkenswert wäre in diesem Zusammenhang aber auch das Diakonat der Frau.


Sollte man nicht gleich den Pflichtzölibat abschaffen?
Ich selbst könnte mir nicht vorstellen, dass ich Priestertum mit Ehe und Familie unter einen Hut bringen könnte. Dafür bin ich einfach zu sehr Priester mit Leib und Seele. Ich bin deshalb für den Zölibat, weil er mir die Freiheit gibt, ganz für Gott und die Menschen da zu sein. Nur weil ich als Priester zölibatär lebe, heißt das ja nicht, dass ich ein einsamer Mensch bin.

Ist es in Zeiten der Diskussion über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche unangenehmer geworden, Priester zu sein?
Ich stelle mich dem. Das ist ja auch in der jüngsten Presseberichterstattung über den Missbrauchsverdacht in Heilig Geist deutlich geworden. Man muss auf alle Fragen klar eingehen. Und ich glaube, dass die Kirche aus der jetzigen Krise gestärkt hervorgehen kann, wenn sie auf die Dinge, die im Raum stehen und ihr vorgeworfen werden, gut reagiert.


Was bedeutet das konkret?
Bei den Missbrauchsfällen hat die Kirche dazu gelernt und erkannt, dass man mit diesen unangenehmen Dingen ganz offen umgehen muss. Und ich glaube, dass wir da jetzt auch auf einem guten und gangbaren Weg sind.


Zur Person: Michael Janßen wurde 1960 in Oberhausen geboren. Nach dem Abitur studierte er in Bochum, Münster und Essen katholische Theologie, ehe er 1984 zum Diakon und 1985 zum Priester geweiht wurde. 1989 kam er erstmals als Kaplan in seine heutige Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt, die er seit 2004 als Pfarrer leitet. Zuvor hatte Janßen, der seit 2008 auch das Amt des Stadtdechanten bekleidet, eine Pfarrgemeinde in Bochum geleitet. 2006 übernahm er die Leitung der neugebildeten Groß-Pfarrei St. Mariae Geburt, zu der rund 18 000 Katholiken in den Gemeinden St. Mariae Geburt und St. Joseph gehören. Neben den beiden Gemeindekirche betreuen Janßen und seine Priesterkollegen in St. Mariae Geburt auch die beiden Filialkirchen St. Theresia vom Kinde Jesu in Heißen-Heimaterde und Heilig Geist in Holthausen.


Dieses Interview erschien am 22. Mai 2010 in der NRZ

Sonntag, 23. Mai 2010

Vorfahrt für die Integration: Zu seinem 25. Geburtstag bekommt der Treffpunkt in Saarn einen Kleinbus mit Rollstuhllifter spendiert



Geburtstag wird im Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte zwar erst am 27. Juni gefeiert. Denn dann besteht das integrative Jugendzentrum, das mit finanzieller Hilfe von Stadt und Land von der Pfarrgemeinde St. Mariae Himmelfahrt getragen wird seit 25 Jahren.
Doch schon in der vergangenen Woche konnten die beiden hauptamtlichen Mitarbeiter des Hauses, Renate Schlieper und Carsten Lewrick, ein Geburtstagsgeschenk für die Einrichtung entgegennehmen, einen zweiten Kleinbus mit Rollstuhlhebebühne.

"Jetzt haben wir zwei solche Kleinbusse, die wir auch dringend benötigen", betont Schlieper. Denn ihr Kollege Lewrick und die beiden Zivildienstleistenden des Jugendzentrums an der Landsberger Straße, das auch als Gemeindehaus für Feste und Gruppentreffen genutzt, fahren mit den Kleinbussen jede Woche etwa 90 geistig und körperlich mehrfach behinderte junge Menschen. Sie bringen sie vom Arbeitsplatz in einer beschützenden Werkstatt ins Saarner und Jugendzentrum und anschließend auch wieder zu Hause.

Alleine hätte die Gemeinde die Anschaffung eines solchen behindertengerechten Kleinbusses, der immerhin 61.0000 Euro gekostet hat, gar nicht stemmen können. Doch weil die Aktion Mensch, die früher Aktion Sorgenkind hieß, 47.000 Euro und der Lionsclub Mülheim-Hellweg noch einmal 10.000 Euro zur Verfügung stellten, kam die Sache ins Rollen. Den Rest der Summe bringen Gemeinde und Jugendzentrum durch den Verkauf eines älteren Kleinbusses auf, der jetzt nicht mehr gebraucht wird.

"Hier bekommen junge Menschen mit und ohne Behinderung die Chance, ganz zwanglos eine Beziehung zueinander aufzubauen", erklärt Frank Lenz vom Lionsclub, warum sein Verein schon zum wiederholten Male den Treffpunkt finanziell unterstützt hat. Wie sieht diese Integration im Alltag aus? Obwohl man im konfessionsübergreifend für alle Besucher offenen Jugend- und Gemeindezentrum keine Strichliste führt, gehen Schlieper und Lewrick von bis zu 300 Besuchern pro Woche aus.

Dass Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung sich kennen lernen, miteinander sprechen oder spielen, ergibt sich im Treffpunkt an der Landsberger Straße eher beiläufig und wird so zur Selbstverständlichkeit, die auch bei Festen und Veranstaltungen oder einer Segelfreizeiten gelebt wird. "Gerade bei der Segelfreizeit wird die Integration natürlich besonders intensiv erlebt. Denn dann muss jeder jedem helfen", berichtet Lewrick. Der Kirchenvorstand Günter Maas, bringt es wohl auf den Punkt, wenn er über den Treffpunkt für behinderte und nichtbehinderte Kinder- und Jugendliche sagt: "Das ist zwar ein Haus, das von der Gemeinde eingerichtet worden ist und getragen wird, aber weit darüber hinaus in die gesamte Stadt hinein wirkt."


Weitere Informationen über den Treffpunkt und seine integrative Segelfreizeit, die er auch in diesem Sommer wieder für Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren anbietet, findet man im Internet unter: http://www.treffpunkt-saarn.de/


Dieser Text erschien am 13. Mai 2010 im Ruhrwort

Samstag, 22. Mai 2010

Eine Stadt setzt sich in Szene: Mülheim-Filme im Wandel des Zeitgeistes


"Kamerateam nimmt Mülheim aufs Korn“, heißt es vor 40 Jahren in der NRZ. Anfang der 70er Jahre sieht sich die Stadt auf dem Weg zur 200 000 Einwohner zählenden Großstadt und will sich ins rechte Bild setzen.


Drei Wochen durchstreifen Regisseur Harro Börner, Kameramann Klaus Krämer und Assistent Gerd Umbach die Ruhrstadt auf der Suche nach Motiven für ihren Film „Ein Brief aus Mülheim“. Auf dem Rathausturm verschaffen sie sich zu Beginn der Dreharbeiten am 19. Mai 1970 einen ersten Überblick. Danach geht es in die Altstadt, wo das Tersteegenhaus gefilmt wird. Anschließend steht ein Ausflug ins Ruhrtal auf dem Programm des im Auftrag der Stadt arbeitenden Filmteams. Altstadt und Weiße Flotte, das sind bei allem Wandel im Mülheimer Selbstbildnis die Konstanten in allen Mülheim-Filmen, die nach dem Zweiten Weltkrieg gedreht worden sind.


Doch wer die offiziellen Mülheim-Filme der 70er Jahre „Ein Brief aus Mülheim“ und „Das Motiv Mülheim“ mit den Stadt-Streifen aus den 50er Jahren „Ein Tag wie viele“ und „Ein kleiner Fluss mit Perspektive“ miteinander vergleicht, erkennt auf den ersten Blick markante Unterschiede des Zeitgeistes. In den 50er Jahren ist zwar auch von Mülheims landschaftlichen Reizen die Rede. Wir sehen die unvermeidlichen Schiffe der Weißen Flotte und den so heute nicht mehr vorhandenen alten Flora-Biergarten an der Ruhr und urwüchsige alte Mölmsche, die es sich an ihrem Lebensabend auf einer Bank am Ruhrufer bequem machen. Doch im Mittelpunkt stehen Arbeit und Wiederaufbau. Kumpel fahren unter Tage ein. An der Friedrich-Wilhelms-Hütte wird noch ein Hochofen in Gang gehalten, der täglich 1000 Tonnen Eisen ausspruckt. Stolz werden Wohnungs- und Schulneubauten präsentiert. Die stadtnahe Natur sieht man vor allem als Ort, an dem man sich von Tagen voller Arbeit und Anstrengung erholen kann. Was auffällt: Die meisten Menschen sind zu Fuß, mit Rad, Motorrad oder Straßenbahn unterwegs. Die zockelt noch über die alte Schloßbrücke. Und der Innenstadtverkehr wird noch von Polizisten geregelt.
Welcher Unterschied zu den schwungvollen und fortschrittsgläubigen Siebzigern. Die Röcke sind kürzer, die Filmschnitte schneller und die Flimmusik ist fetziger geworden. Die Stadtfilme erinnern an Spielfilme.


Der Autoverkehr fließt in Massen und ungebremst. Stolz präsentiert man auch die Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz. 1970 sind sie noch im Modell zu sehen. Von einer Stadtmitte 2 ist die Rede: „Man wollte Menschen in Mülheim und keine leer gefegten Straßen nach Feierabend“, heißt es. Bilder von vollen Gaststätten und Straßencafés auf der Schloßstraße vermitteln den Eindruck einer Stadt, in der man jetzt auch die schönen Seiten des Lebens zu genießen weiß.
Der „kleine Markt“ am Rathaus steht noch voller Stände und ist so groß, wie man ihn heute gerne hätte. Stolz präsentiert man neben dem City- auch das 1973 eröffnete Rhein-Ruhr-Zentrum als damals größtes Einkaufszentrum Europas: „Hier macht das Einkaufen Spaß. Da kann der Regenschirm zu Hause bleiben.“


Sind es 1970 im „Brief aus Mülheim“ zwei Folkwang-Schauspielschüler, die ein Ehepaar mimen, das sich in seiner künftigen Heimatstadt umschaut und seine ersten Eindrücke in einem Brief an Freunde zusammenfasst, macht sich im auch bei Film-Festivals ausgzeichneten „Motiv“-Mülheim-Film 1975 ein Fotograf zum Teil recht waghalsig auf Motivsuche in der Stadt und fotografiert echt filmreif aus dem offenen Hubschrauber.



Hintergrund: Horst Kimmerfeldt ist im städtischen Medienzentrum am Synagogenplatz der Herr der Filme. Insgesamt hat er 9500 Filme in seinem Archiv, davon 85 rund um das Thema Mülheim. Diese Filme werden zum Beispiel von Kindergärten, Schulen, Unternehmen, städtischen Ämtern, aber auch von interessierten Bürgern angefordert. Zurzeit überarbeitet die Mülheimer Stadtmarketing- und Tourismusgesellschaft MST zusammen mit einer Münsteraner Filmproduktion den letzten großen Mülheim-Film, der 2005 gedreht und seitdem rund 3000 mal verkauft wurde. Seine Neufassung wir ab Ende Juni im MST-Infocenter am Synagogenplatz für knapp 10 Euro zu bekommen sein. Die zuständige MST-Mitarbeiterin Heike Blaeser-Metzger schätzt die Produktionskosten des neuen Mülheim-Films auf rund 20.000 Euro. Zum Vergleich: Den ersten Mülheim-Film der Nachkriegszeit ließ sich die Stadt 1953 rund 34.000 Mark kosten. Der 1957 gedrehte Film "Kleiner Fluss mit Perspektive" kostete sie 54.000 Mark. Und der 1975 gedrehte Film "Motiv Mülheim" kostete am Ende rund 100.000 Mark.
Dieser Text erschien am 19. Mai 2010 in der NRZ

Freitag, 21. Mai 2010

Welche Landesregierung wollen die Wähler von morgen heute: Ein Gespräch mit Zehntklässlern der Otto-Pankok-Schule


Es ist der Klassiker der Gesellschaftsspiele: "Mensch ärgere dich nicht." Die Spieler versuchen, sich mit ihren schwarzen, roten, grünen und gelben Figuren gegenseitig aus dem Spiel zu werfen, um die Nase vorn zu haben und als Erster ins Ziel zu kommen. Das geht nicht immer ganz friedlich und ohne Ärger ab, so wie beim aktuellen Koalitionspoker in Düsseldorf. Schwarz-Rot, Rot-Rot-Grün, Rot-Grün-Gelb oder vielleicht mal Schwarz-Grün-Gelb? Das ist derzeit die Königsfrage bei der Regierungsbildung im Land. Drei Tage vor der Landtagswahl befragte ich für die NRZ die die Zehntklässler der Otto-Pankok-Schule nach ihren Erwartungen an die Landespolitik. Acht Tage nach der Landtagswahl sprach ich mit den 16- und 17-jährigen Gymnasiasten darüber, welche Regierungskonstellation ihnen vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Anliegen für NRW die liebste wäre.

Leonie Hallmann , die sich von der neuen Landesregierung eine bessere Lobby für junge Leute und eine Abschaffung der Studiengebühren gewünscht hatte, würde am liebsten eine rot-grüne Koalition sehen, auch weil SPD und Grüne für den Ausstieg aus der Atomenergie stehen. Am Wahlabend hätte sie sich vom Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers erhofft, dass er seine Niederlage ohne Wenn und Aber eingestanden hätte und nicht einfach abgetaucht wäre. Nachdem es jetzt für Rot-Grün nicht reicht, hält sie Neuwahlen für die sauberste Lösung. Diese böte dann die Chance, auch die 16- und 17-Jährigen mitwählen zu lassen.

Sebastian Pios , der sich von der neuen Landesregierung unter anderem eine Revitalisierung der Städte erhoffte, ist froh, dass Schwarz-Gelb im Land abgewählt worden ist, weil diese Koalition zu wenig für Arbeitnehmer getan und unrealistische Steuersenkungen versprochen habe. Jetzt setzt er ganz pragmatisch auf eine Große Koalition, "weil sie die deutlichste Mehrheit hätte, die auch in kritischen Fragen standhalten könnte, während bei einer knappen Regierungsmehrheit sich nur ein oder zwei Abgeordnete querzustellen bräuchten, um dafür zu sorgen, dass die ganze Koalition unnütz ist."

Maxime Nederkorn , der vor der Wahl auf Verbesserungen im bestehenden Bildungssystem und auf ein längeres gemeinsames Lernen gedrungen hatte, hat die Abwahl von Schwarz-Gelb erwartet und setzt jetzt auf eine Ampel-Koalition, in der sich die soziale Kompetenz der SPD, die Umweltkompetenz der Grünen und die Wirtschaftskompetenz der FDP ergänzen könnte.
Eine Regierungsbeteiligung der CDU, die er nicht nur in der Umweltpolitik als zu wenig zukunftsorientiert und als zu konservativ sieht, hält Maxime nicht für sinnvoll.

Antonia Fangmann , für die das Thema Umweltschutz oberste Priorität hat, sagt: "Schwarz-Gelb hat nicht viel erreicht." Ihre Lieblingskoalition wäre Rot-Grün gewesen. Jetzt würde sie am liebsten abwarten, welche Mehrheitsbildung sich durchsetzt. Doch auf Nachfragen bekennt sie, dass sie sich von einer rot-rot-grünen Landesregierung mehr Impulse für die Umweltpolitik erwartet als von einer Großen Koalition.

Anna Briel-Pump , die sich vor allem mehr Investitionen in die Bildung wünscht, kann sich eher eine Ampel- als eine rot-rot-grüne Koalition vorstellen. Bei Rot-Rot-Grün sei der Streit programmiert, weil die Unterschiede zwischen Linkspartei und SPD zu gravierend seien. Grundsätzlich ärgert sich Anna darüber, dass es nach der Wahl wieder einmal mehr um Machtfragen als um inhaltliche Fragen gehe.

Das sieht ihr Lehrer Hans Werner Nierhaus genauso. Er ist übrigens der einzige in der Klasse 10d, der sich auch eine Jamaika-Koalition aus den bürgerlichen Parteien CDU, Grüne und FDP vorstellen kann, weil die Meinungsunterschiede zur Atomenergie in der Landespolitik keine Rolle spielten.

Sein Schüler Matthias Wesser , der Bildung und Umwelt als die wichtigsten Zukunftsthemen sieht, kann sich eine solche Koalition unter maßgeblicher Beteiligung der abgewählten Regierungsparteien CDU und FDP nicht vorstellen. Weil seine Wunsch-Koalition Rot-Grün keine Mehrheit hat, kann er sich am ehesten eine Regierung aus SPD, Grünen und FDP vorstellen, da er diese Partner "als liberale Parteien" einschätzt, die auch in der Bildungspolitik besser zusammenarbeiten könnten als eine Große Koalition, in der sich CDU und SPD weiter über Gemeinschaftsschule contra dreigliedriges Schulsystem streiten würden.

Ähnlich sieht das sein Mitschüler Julian Laufs , der davon ausgeht, dass sich die Grünen für eine Jamaika-Koalition nicht hergeben werden, "nur, um an der Regierung beteiligt zu sein." Die Meinungsunterschiede zwischen CDU, Grünen und FDP sieht er als zu groß an. Lieber als eine Ampel- oder eine Große Koalition, "in der zwei gleichstarke Parteien eher gegeneinander als miteinander arbeiten" würden, wäre ihm deshalb eine rot-rot-grüne Koalition. Von einer solchen Regierungskoalition erwartet Laufs am ehesten, dass sie nicht an den, aus seiner Sicht falschen Stellen einsparen würde: nämlich an den Ausgaben für Bildung und der Kinderbetreuung.

Dieser Text erschien am 17. Mai 2010 in der NRZ

Donnerstag, 20. Mai 2010

Warum Mülheimer Katholiken gerade jetzt für ihre Kirche auf die Straße gehen wollen


"Wir müssen aus der Defensive herauskommen," sagt der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann. (Foto) Keine leichte Aufgabe für die katholische Stadtkirche, die zurzeit von einem Missbrauchverdacht in Heilig Geist erschüttert wird, der auf einem über dreißig Jahre zurückliegenden Vorfall beruht.Gerade weil derzeit zum Teil Jahrzehnte zurückliegende Missbrauchsfälle im Priesteramt den Ruf der katholischen Kirche arg angegriffen haben, wollen Feldmann und acht Mitstreiter aus der katholischen Stadtkonferenz am kommenden Samstag von 10 bis 12 Uhr auf dem Kurt-Schumacher Platz Rede und Antwort stehen und erklären, warum sie an ihre Kirche glauben.

Die Aktion scheint nötig. Seit Jahresbeginn sind allein in Mülheim 216 Katholiken aus ihrer Kirche ausgetreten, die Verbindung zu den Missbrauchsfällen liegt auf der Hand. Feldmann hofft auf eine sachliche Diskussion, bei der alle Themen auf den Tisch kommen. Er macht sich aber auch auf die eine oder andere Polemik gefasst. "Wir lassen uns von einigen wenigen Verbrechern unsere Kirche nicht kaputt machen", erklärt er die Motivation, für die Kirche auf die Straße zu gehen. Es lohnt sich. Davon sind Feldmann und die anderen Laienvertreter der katholischen Stadtkirche überzeugt.

"In der Kirche wir so viel Gutes geleistet. Hier geben Menschen ihre Zeit, ihre Kraft und ihr Geld dafür, dass vor allem auch junge Menschen eine gute Zukunft haben", erklärt Feldmann.Wer jetzt aus der Kirche austrete und ihr damit auch seine Kirchensteuer entziehe, so Feldmanns Appell, entziehe ihr auch die Möglichkeit, Missbrauchsopfer zu entschädigen und darüber hinaus natürlich wichtige Sozial- und Bildungsarbeit in Kindergärten, Schulen, Sozialverbänden und Krankenhäusern zu leisten.Das Ziel der Diskussionsaktion, die um 12 Uhr mit einer Gebetsstunde in der katholischen Stadtkirche St. Mariae Geburt ausklingen wird, formuliert der Sprecher der katholischen Laien so: "Wir wollen uns der Kritik stellen und nichts verharmlosen oder vertuschen. Aber wir wollen auch den Blick für das öffnen, was an Positivem in der Kirche geleistet wird und so verhindern, dass alles in einen Topf geworfen wird und wir als Kirche und Gemeinschaft der Gläubigen in Bausch und Bogen verdammt werden."Dabei fühlen sich Feldmann und seine Mitstreiter für die katholische Kirche durch die Reformimpulse des ökumenischen Kirchentages, etwa mit Blick auf den priesterlichen Pflichtzölibat oder die Haltung zu wiederverheirateten Geschiedenen, ermutigt und bestärkt.

Dieser Text erschien am 18. Mai 2010 in der NRZ

Mittwoch, 19. Mai 2010

Das Ruhrbistum prüft derzeit einen Missbrauchsverdacht gegen einen ehemaligen Priester der Gemeinde Heilig Geist: Fall liegt mehr als 30 Jahre zurück

Hat es auch in Mülheims katholischer Kirche einen Missbrauchsfall im Priesteramt gegeben? Der Vorwurf steht zumindest im Raum. Ein Priester, der vor mehr als 30 Jahren in der Holthausener Gemeinde Heilig Geist tätig war, wird verdächtigt. Das teilte Stadtdechant Michael Janßen am Samstagabend während eines Gottesdienstes sogar der Gemeinde mit. "Die Menschen waren sehr betroffen, aber auch sehr dankbar dafür, dass ich das Problem offen angesprochen habe", schildert Janßen die ersten Reaktionen.

"Wir sind hier zur Wahrheit und Klarheit verpflichtet und ich wollte mich nicht dem Verdacht aussetzen, irgendetwas zu vertuschen", betont Janßen. Auch wenn Janßen deutlich macht, dass sexueller Missbrauch kein kirchliches, sondern ein gesellschaftliches Problem sei, lässt er keinen Zweifel daran: "So ein Vorwurf trifft uns besonders hart, weil wir als Kirche einen hohen moralischen Anspruch haben."Der mutmaßliche Missbrauchsfall in Heilig Geist liegt bereits mehr als dreißig Jahre zurück und wäre somit juristisch verjährt. Der unter Verdacht stehende Priester lebt inzwischen im Ruhestand und wohnt auch nicht mehr in Mülheim.

Die Gemeinde Heilig Geist ist 2006 im Rahmen der Umstrukturierung des Bistums in der Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt aufgegangen. Geblieben ist nur die Filialkirche in Holthausen.Trotz der juristischen Verjährung soll jetzt auch die Staatsanwaltschaft über den Fall informiert werden, "um möglicherweise auch Indizien zu ermitteln, die den verdächtigten Priester entlasten könnten", wie Bistums-Sprecher Ulrich Lota auf NRZ-Anfrage erklärt.Lota ist Mitglied des zehnköpfigen Arbeitsstabes, der die bischöfliche Beauftragte für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im Bistum Essen, Dorothee Trynogga, berät. Ihm gehören fünf hauptamtliche Mitarbeiter des Bistums und fünf externe Fachleute an, darunter Juristen, Mediziner und Psychologen.Dieser Arbeitsstab hat bereits Gespräche mit dem verdächtigten Priester und dem vermeintlichen Missbrauchsopfer geführt, die den Verdacht nicht ausräumen konnten. Deshalb hat der Stab dem Bischof eine kirchenrechtliche Voruntersuchung empfohlen, die vom gemeinsamen Kirchengericht der Bistümer Köln und Essen durchgeführt wird. Je nachdem, ob diese kirchenrechtliche Voruntersuchung den unter Verdacht stehenden Priester be- oder entlastet, fällt dann auch die letztendliche Entscheidung der römischen Glaubenskongregation aus.

Sollte sich der Verdacht bewahrheiten, droht dem Beschuldigten kirchenrechtlich als Höchststrafe die Entfernung aus dem Priesteramt.Der über 30 Jahre zurückliegende Verdachtsfall in Heilig Geist, gibt der am kommenden Samstag, 22. Mai, von 10 bis 12 Uhr von Mitgliedern der katholischen Stadtkonferenz auf dem Kurt-Schumacher -Platz geplanten Diskussionsaktion: "Missbrauch: Trotzdem stehen wir zu unserer Kirche" eine besondere Brisanz.

Dieser Text ist am 18. Mai 2010 in der NRZ erschienen

Dienstag, 18. Mai 2010

Warum der Fotograf Heiner Schmitz den Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft verdient hat

"Er hat mich überrascht, aber auch gefreut." So lakonisch kommentiert Fotograf Heiner Schmitz, die Tatsache, dass er den 103. und mit 5500 Euro von der Sparkasse dotierten Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft erhält.

Womit hat er sich den verdient? In der Begründung der Jury ist von einem "in über 40 Jahren gewachsenen Werk" die Rede, "das in besonderer Weise Auftragsfotografie und freie fotografische Kunst verknüpft hat." Geht es noch etwas genauer? "Das sehr differenzierte seines künstlerischen Schaffens ist geprägt von seinem aus der Tätigkeit in der Werbung übernommenen konzeptionellen Ansatz, sich Themen inhaltlich zu nähern", heißt es da weiter und: "In seinen fotografischen Serien nehmen Menschen und Orte einen besonderen Stellenwert ein."Auch dass er sich als Professor an der FH in Dortmund um den Fotografennachwuchs, der sich heute Fotodesigner nennt, verdient gemacht hat, wird lobend erwähnt.

"Ich wollte meinen Studenten nie etwas von gestern beibringen", sagt Schmitz. Deshalb behielt er auch als Professor sein eigenes Fotostudio und brachte bei Symposien Absolventen und Profis regelmäßig zusammen, um die reine Lehre von der Fotokunst an der Wirklichkeit des Marktes zu messen.Die Frage, wann ein Foto zum Kunstwerk wird, beantwortet Schmitz nicht nur als Sachverständiger für die Industrie- und Handelskammer, sondern auch als Ruhrpreisträger so: "Wenn ein Foto eine Gestaltungshöhe erreicht, auf der es zu einer eigenen schöpferischen Arbeit wird, der es gelingt, einen Gedanken oder eine Aussage in eine gestalterische Form zu bringen."

Besonders gut ist ihm das selbst vielleicht bei seiner Fotoserie über Landschaften und Menschen in Palästina gelungen. Bilder, die er, inspiriert von den dort allgegenwärtigen Themen Trockenheit und Wasser, mit Texten aus Bibel, Talmud und Koran untertitelt hat, um ihren Eindruck zu verstärken und gleichzeitig das Verbindende zwischen den manchmal vermeintlich trennenden Weltregionen aufzuzeigen.

Doch nicht nur in der weiten Welt, sondern auch in Mülheim ist Schmitz, nicht nur als Fotograf ein aufmerksamer Beobachter und Teilnehmer des Zeitgeschehens. Natürlich macht er sich als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Mülheimer Künstler und der Künstlergruppe Ander, mit der er im Juni die leeren Kaufhof-Schaufenster kunstvoll ausfüllen will, dafür stark, die kulturellen Einrichtungen vor dem Rotstift zu retten. Dran bleibt er auch an dem Ziel eines Mülheimer Künstler- und Atelierhauses. Dass der Speldorfer Schmitz die Objekte seiner Kunst und seines Engagements immer wieder auch direkt vor der eigenen Haustür gefunden hat, zeigen sein unvergessener Einsatz für den Erhalt des Raffelbergparks und sein Foto- und Textband, den er 2009 über das 100 Jahre zuvor eröffnete und 1992 geschlossene Solbad Raffelberg vorgelegt hat, ein sehens- und lesenswertes Werk.Ebenfalls 2009 stellte er zusammen mit dem in Mülheim ansässigen Internationalen Club der Schlitzohren und gut 100 Kollegen aus dem Bund freischaffender Fotodesigner eine Fotoauktion auf die Beine, die 25 000 Euro für chinesische Erdbebenopfer einbrachte.

Dieser Beitrag erschien am 12. Mai 2010 in der NRZ

Montag, 17. Mai 2010

Styrum: Ein Stadtteil kämpft um seine Bücherei



Es wird eng auf dem Schulhof zwischen Willy-Brandt-Schule und der Gemeinschaftsgrundschule Styrum. Rund 1500 Schüler und Lehrer demonstrieren für nichts geringeres als das Recht auf Bildung. Und die findet in Styrum nicht nur in der Gesamtschule und den drei Grundschulen statt, die an diesem Dienstagvormittag in ihrer Forderung nach dem Erhalt der Schul- und Stadtteilbücherei an der Oberhausener Straße vereint sind.

Auch sie steht im Rahmen der kommunalen Haushaltskonsolidierung zur Disposition. Der Rat der Stadt entscheidet am 27. Mai. Haben die Schul- und Stadtteilbüchereien eine gute politische Lobby? "Ich hoffe es", sagt Lehrer und Sozialdemokrat Matthias Kocks. "Man kann die Eltern nicht auffordern, dass sie ihren Kindern vorlesen und etwas für deren Bildung tun, wenn man gleichzeitig Stadtteilbüchereien schließt. Auch Stadt und Schulen müssen das Ihrige zur Bildung von Kindern und Jugendlichen dazu tun", sekundiert die stellvertretende Leiterin der Willy-Brandt-Schule, Ingrid Lürig.Was sie in der Schul- und Stadtteilbücherei gelernt haben, machen Willy-Brandt-Schüler aus der Klasse 6d deutlich, indem sie auf einer Bühne Balladen von Goethe bis Ringelnatz als Rap vortragen, Direkt vor ihnen hat jemand ein Banner mit der Aufschrift
"Eine Schule ohne Bücherei ist wie ein Kind ohne eine Mutter" angebracht.
Willy-Brandt-Schüler Tim Cem-Blaszka beteiligt sich auf seine Weise am Protest für den Erhalt der Stadtteilbibliothek, indem er wie viele seiner Mitschüler auf einer Leseinsel Grundschülern vorliest. "Es ist für mich sehr entscheidend, dass ich mir meine Bücher direkt vor Ort besorgen kann und nicht erst in die Stadtmitte fahren muss, wenn ich mich zum Beispiel auf eine Klausur vorbereite", erklärt Tim, warum er die Bücherei in seiner Schule um keinen Preis missen möchte.Während die Gesamtschulkonrektorin Lürig am Beispiel der in der Jahrgangsstufe 12 zu erstellenden Facharbeiten deutlich macht, wie Jugendliche in der Bücherei das themen- und zielorientierte Recherchieren lernen, sagt ihre Kollegin Maria Schrader aus ihrer Sicht als Rektorin der Katholischen Grundschule Styrum: "Die Schul- und Stadtteilbücherei ist auch für unsere Kinder ein wichtiger Anlaufpunkt und ein wichtiger Faktor für ihre Bildung, weil sie hier nicht nur vormittags lernen, sondern auch nachmittags sinnvoll ihre Freizeit verbringen können."Ein riesiges Banner, das Schüler für diesen Tag gestaltet haben, bringt das Motto der Veranstaltung auf den Punkt: "Sparen! Aber nicht an Bildung", ist da zu lesen.
Weniger plakativ, aber nicht weniger eindrucksvoll sind die stillen fünf Minuten, in denen man nur noch Blätterrascheln auf dem Schulhof zwischen Oberhausener- und Augustastraße hört, weil dort 1500 Kundgebungsteilnehmer das tun, was ihnen die Stadtteilbücherei zu allererst ermöglicht: lesen."Die Bücherei wird wirklich ausgiebig genutzt. Hier lernen Schüler die Lust am Lesen und das selbstständige Recherchieren und Arbeiten mit Büchern. Deshalb hat ihr Erhalt nicht nur mit Kultur, sondern auch mit Bildung zu tun", betont Gesamschullehrer Markus Klingberg, der sich für das demonstrative Fünf-Minuten-Freiluft Lesen den Zukunfts-Thriller "Heiliger Zorn" mitgebracht hat.


Dieser Text erschien am 13. Mai in NRZ und WAZ

Sonntag, 16. Mai 2010

Was sagt der Sparkassenchef zum milliardenschweren Rettungspaket für den Euro?


750 Milliarden Euro. Dafür müsste man 250 000 Mal drei Millionen Euro im Lotto gewinnen. Kein Glücksspiel ist hoffentlich der so ausgestattete Rettungsfonds, mit dem die EU-Finanzminister den Euro stabilisieren und EU-Länder, wie Griechenland aus der Schuldenfalle befreien wollen. Otto Normalsparer wird angesichts solcher Bürgschaften bange. Doch was sagt ein Mann dazu, der wie der Sparkassen-Vorstandsvorsitzende Martin Weck täglich von Berufs wegen mit dem Geld anderer Leute umgeht?


War der riesige Rettungsfonds für den Euro alternativlos?

Vor dem Hintergrund der Entwicklung an den Märkten definitiv, wenn die Politik zeigen will, dass sie Vertrauen in den Euro hat.


Müssen Sparer langfristig eine Inflation befürchten?

Erst mal ist es gut, dass die Märkte so reagiert haben, wie sie reagiert haben. Denn sie zeigen mit einem Ansteigen des Dax und einem Anspringen bei den Notierungen für griechische Staatsanleihen und auch mit der deutlichen Veränderung des Euro, dass das Stabilisierungspaket erreicht, was es erreichen soll, nämlich die Marktpsychologie beruhigen. So lange es Garantien bleiben und diese Gelder nicht in der Volkswirtschaft ankommen, sind inflationäre Tendenzen sicher nicht zu befürchten, wie sie hervorgerufen würden, wenn dieses 700-Milliarden-Paket als Konjunkturprogramm direkt in die europäische Volkswirtschaft fließen würde.


Sind Kunden verunsichert und kaufen Gold und wechseln in andere Währungen?

Goldkäufe haben wir nach der Lehman-Pleite gesehen. Wir haben Anfang 2009 in Deutschland kein Gold mehr liefern können. Aktuell haben wir die Nachfrage in diesem Maße nicht. Die meisten Kunden sehen das ruhig, weil sie im Euro investiert sind und damit auch keine Währungsverschiebungen direkt ins Depot durchschlagen. Wir haben also keinen Run auf Gold oder andere Währungen. Es ist ja auch fraglich, ob man sein Geld in Gold anlegen soll. Denn der Goldpreis wird nun mal in Dollar notiert. Und da haben wir in den letzten vier Monaten 20 Cent auf einen Dollar verloren. Da muss der Goldpreis schon sehr stark steigen, damit ich meinen Kaufpreis wieder herausbekomme, wenn ich mein Gold wieder in Euros umtausche. Gold ist auf jeden Fall ohne Rendite. Der Euro wird uns langfristig erhalten bleiben. Ein stabiler Euro muss politisch und volkswirtschaftlich gestaltet werden.


Bleibt der Euro also langfristig stabil?

Der Euro wird sich sicher in einer höheren Schwankungsbreite als in den letzten Monaten bewegen. Da war er gegenüber dem Dollar äußerst stabil. Das wird auf Normalmaß zurückkommen. Auch die Exporte werden dadurch für uns wieder leichter. Das ist etwas, was wir als Exportnation brauchen. Und die Währungsparität zum Dollar ist für unsere Maschinen- und Autobauer wieder erträglicher, als sie es in den letzten Monaten gewesen ist. Volkswirtschaftlich bezogen auf die deutsche Exportwirtschaft dürfte der Euro sicher weiter stabil laufen. Denn wir sind zusammen mit den Franzosen und den Benelux-Staaten die wirtschaftlich führenden Nationen, die den Karren in eine vernünftige Richtung ziehen werden.


Muss sich der Otto Normalsparer mit Sparbuch oder Sparvertrag also keine Sorgen um sein Erspartes machen?

Der Sparer muss sich da definitiv keine Sorgen machen. Er sollte sich sicher mehr Gedanken um seine Vorsorge machen. Denn wir haben in den letzten Jahren viel Geld verkonsumiert. Wenn denn die Sparbemühungen von Bund, Land und Kommune auf uns zukommen, ist es sicher ratsam, wenn man sich an die Aussage hält: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Not sehe ich zwar nicht kommen. Aber es ist sicher sinnvoll mit einem Sparvertrag Geld anzusparen, dass man dann bei Bedarf ins Haus, ins Auto oder in etwas anderes investieren kann.


Kann man Währungsspekulationen verhindern?

Das wird nicht funktionieren, weil man bei Finanzmarktgeschäften nie erkennen kann, ob es Absicherungsgeschäfte für realen Handel und Exporte sind oder ob sie reine Finanztransaktionen sind.


Dieses Interview erschien am 11. Mai 2010 in der NRZ

Samstag, 15. Mai 2010

Warum nicht nur die Stadt, sondern auch die Evangelische Kirche sparen muss: Ein Bricht von der Kreissynode


Nicht nur die Stadt, auch der evangelische Kirchenkreis an der Ruhr und seine Gemeinden müssen sparen. In einem Bericht zur Finanz- und Strukturplanung prognostizierte Superintendent Helmut Hitzbleck am Freitagabend bei der Kreissynode im Altenhof einen drastischen Rückgang der Kirchensteuereinnahmen. Derzeit können 5,275 Millionen Euro als Nettobetrag an die Gemeinden (3,58 Millionen), den Kirchenkreis (1,41 Millionen Euro) und an das Diakonische Werk (0,2 Millionen Euro) verteilt werden. 2015 werden es auf der Basis der demografischen Entwicklung nur noch drei Millionen Euro sein können. In dieser Aufstellung nicht enthalten sind die Personalkosten für Pfarrer (2,65 Millionen Euro) und rund 69 000 Euro, die in einem Umlageverfahren für den kirchlichen Entwicklungsdienst abgeführt werden.
Obwohl Hitzbleck deutlich machte, dass der Kirchenkreis und seine Gemeinden neben den Kirchensteuern auch auf öffentliche Zuschüsse, Spenden, Zinseinnahmen und Vermächtnisse zurückgreifen kann, ließ er keinen Zweifel daran, dass die Herbstsynode 2010 einschneidende Struktur- und Finanzierungsbeschlüsse treffen muss, um die Handlungsfähigkeit der evangelischen Kirche langfristig zu sichern.Hitzbleck entwarf drei mögliche Zukunftsmodelle: Modell 1 würde darauf hinauslaufen, dass die Gemeinden sich völlig eigenständig weiterentwickeln und der Kirchenkreis mit seinen gemeinschaftlichen Aufgaben drastisch "abgespeckt" wird.Modell 2 liefe auf eine stärkere Regionalisierung der Kirchenstruktur hinaus,, bei der Gemeinden verstärkt fusionieren und zusammenarbeiten, um ihre kirchlichen Aufgaben mit weniger Geld erfüllen zu können. Die finanziellen Einschnitte beim Kirchenkreis wären dann weniger drastisch.Das von Hitzbleck selbst langfristig bevorzugte Modell 3 liefe auf eine Zentralisierung und Bündelung der finanziellen und personellen Ressourcen hinaus. Personelle und finanzielle Angelegenheiten werden gemeinsam auf der Kreisebene entschieden. Die Gemeinden bleiben aber geistlich eigenständige Einheiten. Außerdem soll verstärkt gemeindeübergreifend, themen,- aufgaben- und zielgruppen orientiert gearbeitet werden, um auch mit Hilfe alternativer Gemeindemodelle noch mehr als bisher auch kirchenferne Menschen ansprechen und für Glauben und Kirche gewinnen zu können.Superintendent Hitzbleck formulierte die Herausforderung, vor der die derzeit 62 000 Mitglieder zählende Evangelische Stadtkirche in den kommenden Monaten und Jahren steht, so: "Sie, liebe Mitglieder der Kreissynode, spüren, dass wir an einem Scheideweg stehen. Wir müssen entscheiden, ob wir als Kirche zerbröseln oder ob wir unsere Potenziale für einen Neustart bündeln wollen."

So gesehen: Warum die Kirche nicht im Dorf bleiben kann
 
Demokratie ist nicht einfach, weil sie zur Verantwortung zwingt. Das erleben jetzt auch die Synodalen und Presbyter der evangelischen Kirche. Sie müssen die Weichen für eine Zukunft stellen, in der man die Kirche nicht im Dorf lassen, sondern alle Kräfte bündeln muss, damit Kirche auch mit weniger Geld in Wort und Tat vielleicht noch mehr Glaubwürdigkeit und Anziehungskraft als bisher entwickeln kann.
Dieser Beitrag erschien am 10. Mai 2010 in der NRZ

Freitag, 14. Mai 2010

Welche Impulse kann der Ökumenische Kirchentag dem Gemeindeleben vor Ort geben: Ein Gespräch mit dem Theologen Gerhard Bennertz


Bis Sonntag treffen sich 120 000 Menschen in München zum zweiten ökumenischen Kirchentag, einige von ihnen kommen auch aus Mülheim. Doch was kann ein solches Großereignis für die Gemeindeleben und die Ökumene vor Ort bringen. Für die NRZ sprach ich darüber mit Pfarrer Gerhard Bennertz. Der Religionspädagoge engagiert sich seit Jahrzehnten für den christlich-jüdischen Dialog.

Welche Impulse kann der Münchener Kirchentag für Mülheim bringen?
Ich erlebe immer wieder, wie Menschen, die von solchen Kirchentagen nach Hause kommen, in ihren Gemeinden das einbringen, was sie auf einem solchen Kirchentag erlebt haben, nämlich das praktische Zusammenleben vor Ort. Man ist bei allen Kirchentagsveranstaltungen gemeinsam mit allen anderen, wobei nicht nur die Teilnehmer, sondern auch die Referenten aus unterschiedlichen Kirchen und Bereichen kommen. Dieses hautnahe Erleben von Gemeinsamkeiten im Glauben ist in vielen Ortsgemeinden sicher noch nicht der Fall. Da tut es gut, wenn Gemeindemitglieder Impulse mit nach Hause bringen und ihren Mitchristen dort zeigen: Es ist schon viel mehr möglich. Dabei ist in vielen Gemeinden das hautnahe Zusammenleben evangelischer und katholischer Christen schon eingetreten, aber oben in der Kirchenspitze noch nicht. Auch hier zeigt der Kirchentag, dass man an der Kirchenspitze aufeinander zugehen und gemeinsam Gottesdienst feiern kann.

Warum tun sich die Amtskirchen so schwer mit dem gemeinsamen Abendmahl?
Für die beiden großen christlichen Kirchen ist das Abendmahl ein Sakrament, das eine Heiligkeitsfunktion hat. Das Problem ist, dass in der katholischen Kirche das Opfer und die Wandlung mehr betont werden, so dass Brot und Wein, dem katholischen Verständnis nach, in der Eucharistie zum Blut und Leib Christi werden. Aber ich sehe und erlebe da einen Bedeutungswandel, nämlich dass man Vergangenes, in diesem Fall das letzte Abendmahl Christi, als gegenwärtig wirksam ansieht und als etwas, das ein Symbol ist. In diese Richtung wird das ökumenische Gespräch auch in den nächsten Jahren gehen. Aber vor Ort ist es schon heute so, dass die Pfarrer nicht mehr alle ihre Schäfchen kennen und nicht unbedingt wissen, wer vielleicht gar nicht mitmachen darf, weil er nicht die Voraussetzungen dafür hat. Das funktioniert heute vielfach nicht mehr, weil die Gemeinden so groß geworden sind. Dieser Weg wird auch weitergehen.

"Damit ihr Hoffnung habt" lautet das Kirchentagsmotto. Wie kann Kirche in einer für sie selbst und für die Gesellschaft schwierigen Situation Hoffnung schöpfen?
Der Kirchentag ist eine globale Zusammenkunft, bei der katholische, evangelische und orthodoxe Christen zusammenkommen und sich am Samstag zu einem orthodoxen Mahl zusammenfinden. Das ist ein Ansatz. Man geht da hin und erlebt, was die anderen machen, die einem selbst noch etwas fremd sind. Und durch dieses Erleben empfindet man dann mehr für das, was der Sinn des anderen ist, so dass man ihn besser verstehen kann. Und das ist auch das, was wir in unserer Welt wollen und erreichen müssen, nämlich die jeweils anderen besser verstehen und mit ihnen reden zu können anstatt aneinander vorbeizureden. Hoffnung im biblischen Sinne heißt: Man fängt jetzt an zu arbeiten und bleibt nicht in seinem Loch sitzen und sagt: "Ist das alles schlimm in dieser Welt."

Dieses Interview erschien am 13. Mai 2010 in der NRZ

Donnerstag, 13. Mai 2010

Benefizkonzert der Marinekameradschaft hat ein finanzielles Nachspiel für den Nachwuchs


Musik verbindet, im Zweifel auch die Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen. So war das auch mit dem Benefizkonzert, das die Mülheimer Marinekameradschaft und Musiker der Bundeswehr am 12. März in der Stadthalle gaben.Die 850 Musikfreunde, die sich vom Ausbildungsmusikkorps der Bundeswehr mit einem bunten Potpourri unterhalten ließen, taten sich nicht nur selbst etwas Gutes, sondern auch Kindern in Mülheim und Afghanistan. Mit dem Kauf ihrer Konzertkarte leisteten sie einen Beitrag zum Konzerterlös von 6000 Euro.


Diesen Betrag, den der Vorsitzende der Marinekameradschaft, Werner Gerbener, gestern übergab, dürfen sich jetzt der Mülheimer Elternverein Stöpsel und der Sozialverein Lachen helfen teilen. Der Elternverein Stöpsel betreibt an der Tilsiter Straße in Holthausen und an der Howadtstraße in Styrum Kindertagesstätten und betreut Ganztagsgruppen an der Hölterschule. "Wir sind extrem froh über diese Unterstützung", bekennt Vereinsvorstand Natalie Fiebig. Durch einen wetterbedingten Wasserschaden waren 2009 in der Kindertagsstätte an der Tilsiter Straße Möbel zerstört worden, die jetzt ersetzt werden können.Der Verein Lachen helfen, der ebenfalls 3000 Euro in Empfang nehmen durfte, wird von Soldaten der Bundeswehr und Bundespolizisten getragen, die sich in Afghanistan für den Bau von Kindergärten und Schulen engagieren.


Nachdem die bisher elf Benefizkonzerte der Marinekameradschaft mehr als 70?000 Euro für verschiedene soziale Projekte zugunsten von Kindern und Jugendlichen eingespielt haben, wird es am 26. März 2011 im Theatersaal der Stadthalle ein Wiederhören mit dem Ausbildungsmusikkorps der Bundeswehr geben.


Dieser Text erschien am 12. Mai in der NRZ

So gesehen: Martime Streicheleinheiten

In harten Zeiten, wie diesen, kann man Streicheleinheiten gut gebrauchen. Genau diese bekamen gestern der Elternverein Stöpsel und einige seiner Kindergartenkinder nicht nur finanziell (siehe oben), sondern auch ganz handfest in Form von Kuschelbären im Admiralslook von der Mülheimer Marinekameradschaft.

"Ein Admiral ist das, was bei euch in der Kindertagesstätte die Erzieherinnen sind. Der ist der Chef in der Marine und hat das Kommando", erklärte der Vorsitzende der Marinekameradschaft, Werner Gerbener den kleinen Matrosen vom Stöpsel-Schiff den militärischen Rang. Was will uns dieser Vergleich sagen? Wird in Kindertagesstätten heute ein so strenges Regiment, wie bei der Marine geführt? Manche Erzieherin dürfte das anders sehen und sich an manchen Tagen in ihrer Kindertagesstätte eher, wie bei der Meuterei auf der Bounty fühlen.

Den knackige Seemannsvergleich sehen die kleinen Stöpsel-Matrosen und ihre Kollegen auf anderen Kita-Schiffen wohl auch angesichts der Teddybären im Admiralslook ganz entspannt und pragmatisch. Denn ihr wahrer Seeheld dürfte kein geringerer als Kapitain Iglu sein, weil auch maritime Streicheleinheiten im Zweifel durch den Magen gehen.

Dienstag, 11. Mai 2010

Wenn große Persönlichkeiten kleinen Persönlichkeiten vorlesen: Ein Bilderbuchbeispiel für Leseförderung


Das Wort sagt es schon. Vor dem eigenen Lesen kommt das Vorlesen. Und deshalb hatten die Erzieherin Andrea Rosin und ihre Kolleginnen vom katholischen Kindergarten der Saarner Kirchengemeinde St. Mariae Himmelfahrt eine einfache und zugleich geniale Idee, die Rosin so erklärt: „Große Persönlichkeiten lesen kleinen Persönlichkeiten etwas vor.

"Für ihre Veranstaltungsidee, die sie im Rahmen des Saarner Bücherfrühlings in die Tat umsetzten, fanden sie mit dem grünen Alt-Bürgermeister Wilhelm Knabe (Foto) und dem christdemokratischen Linksruhr-Bürgermeister Gerhard Allzeit denn auch ein schwarz-grünes Vorleser-Duo, das sich gestern im Kloster Saarn hör- und sichtbar Mühe gab.Gestik und Artikulation waren perfekt. Man merkte dem 86-jährigen Knabe und dem 75-jährigen Allzeit an, dass sie ihren eigenen Enkelkindern schon oft vorgelesen haben. Immer wieder hielten sie Blickkontakt zu ihren kleinen Zuhörerinnen Sophie (5) und Josephine (4), die beide auf dem Schoß von Rosin gespannt den vorgetragenen Geschichten folgten und unterstrichen den Handlungsverlauf von Zeit zu Zeit mit einer Handbewegung.

Knabe begeisterte die jungen Damen mit einer selbst geschriebenen Geschichte über den Jungen Ivo und drei Hunde, die ihm helfen, eine gestohlene Muschel zurückzubekommen. Allzeit unterhielt sie mit einer tierisch spannenden Geschichte über drei kleine Schweinchen, die von einem Wolf bedrängt werden, ihn dann aber mit einer List in die Flucht schlagen können.„Aller Anfang ist schwer“, kommentierte Allzeit den bescheidenen Publikumszuspruch am Mittwochnachmittag, der zeigte, dass auch eine gute Idee Zeit braucht, um Anhänger zu finden.„Die Kinder, die gekommen sind, haben ein Recht darauf, dass man sein Bestes gibt“, fand Knabe. „Das fördert auf jeden Fall die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten der Kinder und ihren Spaß am Formulieren“, beschreibt Knabe den pädagogischen Mehrwert des Vorlesens. Außerdem glaubt er, dass das Vorlesen, anders als die Geschichten aus der technischen Konserve, auch „eine stärkere geistige Verbindung zwischen Kindern, Eltern und Großeltern schafft“, die wie „eine Brücke zwischen den Generationen trägt“.

Darüber hinaus liest Knabe seinen Enkeln auch deshalb gerne selbst geschriebene Geschichten vor, „weil mir das mehr Spaß macht und den Kopf beweglich hält“.Knabe und Allzeit wollen auf jeden Fall auch im Saarner Bücherfrühling 2011 wieder als Vorleser bereit stehen. Josephine und Sophie freuen sich auf jeden Fall schon jetzt aufs Wiedersehen.

Dieser Text erschien am 6. Mai 2010 in der NRZ

Sonntag, 9. Mai 2010

Was die Wähler von morgen zur Landtagswahl sagen: Ein Gespräch mit Zehntklässlern der Otto-Pankok-Schule



Heute werden sie ihre Stimmen noch nicht abgeben. Aber die Landtagswahl entscheidet auch über ihre Zukunft. Ich sprach für die NRZ mit den 16- und 17-jährigen Schülern der Klasse 10d am Otto-Pankok-Gymnasium, die bei der Kommunalwahl bereits zum ersten Mal ihr Kreuz gemacht haben, darüber, was sie von Politikern erwarten und was sie von der landespolitischen Kontroverse über die Zukunft des Schulsystems halten.


Matthias Wesser und seine Klassenkameraden sind gut vorbereitet. Gerade erst haben sie im Geschichts- und Politikunterricht über die erste Landtagswahl 1947 und die Besonderheiten von Erst- und Zweitstimme bei dieser Landtagswahl gesprochen. Erstaunt waren sie zum Beispiel darüber, dass auch die CDU vor 63 Jahren mit ihrem Ahlener Programm für die Verstaatlichung der Grund- und Schwerindustrie eintrat und das es auch damals eine Wahlbeteiligung gab, die mit 67 Prozent etwa auf dem heutigen Niveau lag, weil viele Menschen zwei Jahre nach dem Ende von Krieg und NS-Diktatur nichts mit Politik und Parteien zu tun haben wollten.Mit Blick auf die kommende Landtagswahl sind Matthias vor allem die Themen Bildung und Umwelt wichtig, weil sich in diesen Politikfeldern entscheidet, wie er in Zukunft in unserer Gesellschaft leben kann. Dabei denkt er etwa an die Laufzeiten von Atomkraftwerken und deren Langzeitfolgen. Die Wahlkampf-Debatte über das Pro und Contra von Gemeinschaftsschule und einem gegliederten Schulsystem sieht er skeptisch. Wenn Schüler aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten mit ihren ganz unterschiedlichen Problemen und Begabungen zusammenkommen, werde das auch "neue Konfliktherde" schaffen, ist Matthias überzeugt. Gleichzeitig findet er es gut, "wenn starke Schüler leistungsschwächeren Schülern helfen." Doch statt über einen Systemwechsel nachzudenken hielte es Matthias für sinnvoller zum alten Abitur nach neun weiterführenden Schuljahren zurückzukehren, "weil das doch bisher gut funktioniert hat."


Seine Mitschülerin Anna Briel-Pump rät Politikern, öfter in die Schulen zu kommen, "um mehr Kontakt zu Jugendlichen und Schulwissen aus erster Hand zu bekommen." Auch sie warnt davor, "das ganze Modell des G9-Abiturs, das funktioniert hat, einfach wegzuwerfen." Stattdessen würde sie sich vom Land kleinere Klassen und mehr Förderkurse wünschen. Wenn Anna am Sonntag bereits wählen dürfte, würde sie die Chance meine Stimme anzugeben nicht verschenken", weil "man sich auch einbringen muss, wenn man mit darüber entscheiden, will, wie wir später leben."


Ihr Klassenkamerad Julian Laufs wünscht sich von den Landespolitikern, dass sie bei ihrer Schulstrukturdebatte "daran denken, was mit den Schülern passiert, wenn das Schulsystem jetzt umstrukturiert würde." Er hofft, "dass man jetzt erst mal die Umstellung vom G8 auf das G9-Abitur vernünftig durchzieht, ehe man vielleicht in zehn Jahren wieder über etwas ganz anderes nachdenkt." Im Wahlkampf sieht Julian, dass Politiker "vor allem das Positive herauskehren" und auf plakative Themen setzen, "mit denen sie die Wähler packen können", während die Probleme, "für die sie keine wirkliche Lösung haben eher hinten runterfallen." Aus Frust über Politiker und Parteien sein Wahlrecht nicht wahrzunehmen, wäre für Laufs keine Lösung. "Denn", so sagt er: "Wenn wir nicht wählen, wählen wir Parteien, die wir nicht wollen. Und wenn Politiker wahllos an die Macht kommen, bekämen wir wieder furchtbare Verhältnisse."


Julians Mitschüler Maxim Nederkorn findet: "Eine Einheitsschule ist ja im Ansatz nicht schlecht. Doch man sollte sich erst mal darauf konzentrieren, dass das neue G8-System, also das Abitur nach 12 Schuljahren besser funktioniert, in dem man zum Beispiel auch Förderprogramme für Schüler anbietet." Er könnte sich vorstellen, dass Schüler künftig nicht mehr nur vier, sondern sechs Jahre zusammen lernen, ehe sie ein weiterführende Schulform wählen. Maxim hat den Eindruck, dass Politiker "mehr auf ihre öffentliche Wirkung bedacht sind und weniger auf die Probleme der Menschen eingehen." Dennoch glauben Matthias und Maxim: "dass man mit Politik definitiv die Lebensbedingungen von Menschen verbessern kann, wenn man es auch angeht." Deshalb würden sie ihre Wahlrecht nicht ungenutzt lassen, "weil das ein Bestandteil unserer Demokratie ist und dafür sorgt, dass die extremen Parteien nicht immer weniger Gegenspieler haben."


Leonie Hallmann hat im Landtagswahlkampf den Eindruck gewonnen, "dass Politiker mehr auf die Probleme von älteren als auf die der jungen Menschen eingehen, weil es in unserer Gesellschaft immer weniger Junge und immer mehr Ältere gibt." Für ihren Geschmack ist zu viel von Rente und zu wenig von Studiengebühren die Rede. Letztere sind ihr ein Dorn im Auge: "Es ist nicht mehr so einfach zu studieren, wenn man kein Geld hat und in einen höheren Beruf gelangen will. Doch wir brauchen mehr qualifizierte Leute", findet Leonie und plädiert deshalb zumindest für niedrigere Studiengebühren und bessere Studienbedingungen. Mit Sorge sieht sie die Zukunft ihres Jahrganges, der 2013 als Doppeljahrgang der G8 und G9-Abiturienten auf den Arbeits- und Ausbildungsmarkt strömen wird. "Dann müssen sich doppelt so viele Schulabgänger die gleiche Zahl von Ausbildungs- und Studienplätzen teilen, so dass sie am Ende weniger Chancen haben", befürchtet Leonie. Weil sie sich jetzt vor allem von älteren Politikern und Wählern, "die die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen nicht immer nachvollziehen können, fremdbestimmt" fühlt, wünscht sie sich, dass das Wahlalter im Land, wie bereits in den Städten auf 16 Jahre herabgesetzt wird, damit auch "wir Jüngeren besser über unsere Zukunft mitbestimmen können."


Wichtiger als Schule und Studiengebühren, ist für Antonia Fangmann der Umwelt- und Klimaschutz. "Das Thema Schule ist für uns in drei Jahren erledigt. Aber mit unserer Umwelt müssen wir noch länger leben," betont sie und macht klar: "Unser jetziger Lebensstil ist viel zu belastend für die Umwelt. Da muss sich etwas ändern. Das, was bisher für den Umweltschutz getan wird reicht nicht aus." Den Bau von Elektroautos sieht sie nur als ersten Schritt. Politiker müssten auch mehr für den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs tun und Menschen davon überzeugen, "dass man viele Wege zu Fuß zurücklegen kann." Doch Antonia gibt sich keinen Illusionen hin: "Viele Menschen wollen sich nicht ändern und Politiker wollen im Wahlkampf den Leuten gefallen, um wiedergewählt zu werden." Mit ihrem Klassenkameraden Matthias ist sich Antonia einig, "dass wir uns als Staatsbürger nicht nur die Rosinen herauspicken können" und das Wahlrecht auch die Pflicht beinhaltetet, sich über Parteien und Programme zu informieren, damit man eine fundierte Wahlentscheidung treffen könne.


Ihr Mitschüler Sebastian Pios glaubt, dass sich Jugendliche ernster genommen fühlten, "wenn Politiker öfter in die Schulen kämen, um mit ihnen zu diskutieren und zu überprüfen, ob ihrer System in der Praxis auch funktioniert." Deshalb würde er Politikern auch raten zuerst das vorhandene Schulsystem zu optimieren und eine "Gemeinschaftsschule, die vom Prinzip nicht schlecht ist" vorerst nur an einigen Standorten und auf freiwilliger Basis auszuprobieren, ehe man sie vielleicht in einigen Jahren flächendeckend einführe oder darauf verzichte, ehe die Jugendlichen im bestehenden System zwischen alle Stühlen säßen und das Nachsehen hätten. Handlungsbedarf sieht Sebastian auch bei der Revitalisierung der Städte. "Die Städte müssen wieder attraktiver werden, damit sich die Menschen auch in ihnen wohlfühlen und sich für das Gemeinwesen engagieren", glaubt er und rät Politikern, "nicht alles auf einmal machen zu wollen, sondern sich auf einige zentrale Aufgaben zu konzentrieren." Um Jugendliche mehr für Politik zu interessieren und sie zu befähigen, ihr Wahlrecht auszuüben, würde sich der Schüler wünschen, das jeweils im Monat vor einer wichtigen Wahl eine Wochenstunde für die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen, Politikern und Parteiprogrammen reserviert würde.
Über seine Jugend im Ersten Weltkrieg schrieb der 1893 in Saarn geborene Künstler Otto Pankok (Foto) "Unsere energiegeladene Jugend hat man geknebelt, versklavt und zermürbt. Man hat uns zur Verzweiflung getrieben und jeden Funken aus dem Schädel geknallt." Er zeigte damit auch, was passieren kann, wenn Bürger sich nicht um Politik kümmern.


Dieser Text erschien am 7. Mai 2010 in der NRZ.

Mülheim und seine Landtagsabgeordneten: Eine kleine Wahlgeschichte

Man soll, laut Churchill, zwar nur die Statistik glauben, die man selbst manipuliert hat. Doch die Zahlen der Mülheimer Landtagswahlgeschichte (siehe Kasten) sprechen eine eindeutige Sprache und dokumentieren eine sozialdemokratische Dominanz. Denn die SPD hat bei der Direktwahl in den Mülheimer Landtagswahlkreisen fast immer die Nase vorn gehabt. Christ- und Freidemokraten oder Grünen blieb bisher nur der Weg über die Landesliste ihrer Partei.Nur einmal, bei der ersten Landtagswahl, gelang es mit Robert Lehr einem Christdemokrat direkt in den Landtag gewählt zu werden. Das war bei der ersten Landtagswahl im April 1947. Ironie der Geschichte: Der Mann war gar kein Mülheimer, sondern ein ehemaligen Düsseldorfer Oberbürgermeister, der drei Jahre später von Konrad Adenauer zum Bundesinnenminister ernannt werden sollte. Lehr siegte im Mülheimer Süd-Wahlkreis, in dem die Mehrheiten der SPD auch später nie so hoch ausfielen, wie im Nord-Wahlkreis, den 1947 der Mülheimer Sozialdemokrat und Gewerkschafter Heinrich Bruckhoff gewinnen konnte.

Bis zur Wahlkreisreform von 2005, mit der der Landtag verkleinert wurde, gab es zwei Mülheimer Landtagswahlkreise.Der erste Nachkriegsabgeordnete Mülheims wurde allerdings nicht gewählt, sondern von der britischen Militärregierung ernannt, die das Land Nordrhein-Westfalen 1946 aus der Taufe gehoben hatten. Sie entschied sich für den Christdemokraten Max Kölges, der Mülheim bereits während der 20er Jahre als katholischer Zentrumspolitiker im preußischen Landtag vertreten hatte. Friseur und Kreishandwerksmeister Kölges, dem Mülheim unter anderem die Gründung einer Handwerker- und Innungskrankenkasse zu verdanken hatte, sollte nicht der einzge Handwerker bleiben, der die Mülheimer in Düsseldorf vertrat. 1980 sollte sein Parteifreund, der damalige Landesinnungsmeister der Schornsteinfeger, Franz Püll, für den verstorbenen CDU-Spitzenkandidaten Heinrich Köppler in den Landtag einziehen und ihm 15 Jahre lang angehören.

Ihr politisches Handwerk hatten die meisten Landtagsabgeordneten in der Kommunalpolitik gelernt. Schaut man zum Beispiel auf die Sozialdemokraten Heinrich Bruckhoff (1947-1956), Bernhard Witthaus (1950-1966), Heinrich Lemberg (1958-1966) und Fritz Denks (1966-1975) oder den Liberalen Wilhelm Dörnhaus (1947-1958), so waren politische Doppelmandate in den ersten Nachkriegsjahrzehnten keine Seltenheit. So waren Bruckhoff und Lemberg nicht nur Landtagsabgeordnete, sondern auch SPD-Fraktionschefs im Rat. Witthaus war neben seinem Landtagsmandat bis 1963 sogar Oberstadtdirektor, während Dörnhaus und später Denks nicht nur Abgeordneter, sondern auch Bürgermeister waren.Die Sozialdemokraten Gerd Müller (1980-1990) und Günter Weber (1990-2000) bekleideten dieses Amt dagegen vor ihrem Einzug in den Landtag. Weber nutzte seinen Einfluss als Verkehrs- und Städtebaupolitiker im Landtag unter anderem dafür, um Gelder für den Bau der Dümptener Umgehung an der Mellinghofer Straße und für den Umbau des Alten Bürgermeisteramtes zur Bürgerbegegnungsstätte locker zu machen. Webers Parteifreund und Vorgänger Erich Kröhan (1966-1990) brachte es im Verkehrsausschuss sogar bis zum Vorsitzenden. Den Vorsitz seiner Fraktion hatte zumindest zeitweise der langjährige FDP-Landtagsabgeordnete Heinz Lange (1958-1975) inne. Lange verließ seine Partei allerdings nach der Bildung der sozialliberalen Koalition und wandte sich später der CDU zu. Nach Lange zog allerdings mit dem Mülheimer Partei- und Fraktionschef Hans Robertz (1975-1980) noch einmal ein Mülheimer Liberaler in den Landtag ein.

Ab 1990 hatte Mülheim dann mit Brigitte Schumann und seit 2000 mit Barbara Steffens auch grüne Landtagsabgeordnete, die sich vor allem in der Bildungs- und in der Sozialpolitik profiliert haben. Steffens, die heute stellvertretende Vorsitzende der grünen Landtagsfraktion ist, unterschrieb schon vor ihrem Einzug in den Landtag in ihrer Funktion als Landessprecherin der Grünen 1995 den ersten rot-grünen Koalitionsvertrag in NRW.Dass das Mülheimer Landtagsmandat zu einem echten Karrieresprungbrett werden kann, sieht man beispielhaft an den Sozialdemokraten Bodo Hombach (1990-1998) und Hannelore Kraft (seit 2000). Während der heutige Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe 1998 zunächst zum Wirtschaftsminister des Landes und wenige Monate später zum Kanzleramtsminister aufstieg, wurde Hannelore Kraft schon ein Jahr nach ihrem Einzug in den Landtag vom damaligen Ministerpräsidenten Clement zunächst zur Europa- und später zur Wissenschaftsministerin des Landes ernannt.Wie eng Sieg und Niederlage, Karrieresprung und Karriereende in der Politik beieinander liegen, zeigte sich gerade bei der letzten Landtagswahl 2005. Obwohl seine Partei die Landtagswahl gewann, verlor der christdemokratische Schulpolitiker Hans Martin Schlebusch nach acht Jahren sein Parlamentsmandat, weil die Liste seiner Partei nicht weit genug gezogen hatte. Dagegen verlor Sozialdemokratin Kraft zwar mit ihrer Partei die Landtagswahl und damit ihren Ministerposten, stieg aber anschließend zur Partei- und Fraktionschefin der NRW-SPD auf und strebt bei der Landtagswahl am 9. Mai jetzt sogar das Amt der Ministerpräsidentin an. Sie wäre im Falle eines Wahlsieges die erste Frau an der Spitze Nordrhein-Westfalens. Die erste Frau, die Mülheim im Landtag vertrat, war allerdings, um im Parteienproporz zu bleiben, eine Christdemokratin. Anni Seelbach gehörte dem Landtag von 1962 bis 1970 an, wo sie sich vor allem in der Rechts- und Familienpolitik engagierte.

Dieser Text erschien am 4. Mai 2010 in der NRZ

Samstag, 8. Mai 2010

Neues aus der englishen Partnerstadt. Labour behauptet den Wahlkreis Darlington: Jenny Chapman zieht ins Unterhaus ein


Wir wählen am 9. Mai unsere Landtagsabgeordneten. Die Bürger in unserer nordenglischen Partnerstadt Darlington haben ihre Abgeordnete für das britische Unterhaus bereits am 6. Mai gewählt. 61,9 Prozent der Darlingtoner haben von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht.


Das sind 2,4 Prozent mehr als vor fünf Jahren.
In der Partnerstadt bleibt alles beim alten und doch kommt es zu einem Wechsel. Die Labour-Party konnte den Wahlkreis Darlington behaupten, musste aber im Vergleich zur Unterhauswahl 2005 deutlich Federn lassen. Die knapp 98 000 Einwohner von Darlington werden in den kommenden fünf Jahren von Jenny Chapman im Parlament vertreten. Die 36-jährige Psychologin tritt die Nachfolge ihres Parteifreundes Alan Milburn an, der bis 2003 unter Tony Blair Gesundheitsminister war.
Engagement für Kinder

Chapman, die seit 2007 dem Stadtrat von Darlington angehört und sich insbesondere auch als ehrenamtliche Vorsitzende des Childrens Trust für die Belange von Kindern, und Jugendlichen eingesetzt hat, gewann das Parlamentsmandat von Darlington mit 39,4 Prozent der abgegeben Stimmen. Vor fünf Jahren hatte Labour den Wahlkreis noch mit 52,3 Prozent der Stimmen geholt. Chapmans konservativer Kontrahent, der 43-jährige Rechtsanwalt und Stadtrat Edward Legard landete mit 31,5 Prozent der Stimmen auf Platz zwei, gefolgt von liberaldemokratischen Stadtrat und Geschäftsmann Mike Barker (55), der mit 23,4 Prozent der Stimmen als dritter durchs Ziel. ging Mit einem Plus von 5,4 Prozent und 4,9 Prozent, konnten Konservative und Liberale zwar deutlich zulegen, aber am Ende der geschwächten Labour Party das Mandat in Westminster doch nicht abjagen.

Denn das britische Mehrheitswahlrecht führt dazu, dass nur der Wahlkreissieger ins Parlament einzieht und die Stimmen der zweit- und drittplazierten Bewerber unter den Tisch fallen. Würde man dieses System auf die letzte Mülheimer Kommunalwahl 2009 umrechnen säßen heute im Rat der Stadt nur 20 Sozialdemokraten und sieben Christdemokraten, weil die SPD in 20- und die CDU in sieben Stimmbezirken die Mehrheit erzielt hat. Grüne, MBI, WIR und Linke hätten nach diesem Mehrheitswahlsystem den Einzug ins Stadtparlament nicht geschafft. Vorteil: Mehrheitsbildung und Entscheidungsfindung wären erheblich einfacher. Nachteil: Die Mandatsverteilung würde kleine Parteien benachteiligen und wäre nicht repräsentativ für den Wählerwillen. Anderseits: Hätten die Mülheimer das vorher gewusst, hätten sie vielleicht anders gewählt.


Dieser Text erschien am 8. Mai 2010 in der NRZ

Freitag, 7. Mai 2010

Wenn es Nacht wird am Fünter Weg: Warum sich viele Anwohner vor allem im Sommer um den Schlaf gebracht sehen

Wirklich friedlich ist dieser Fünter Weg am Montagnachmittag. Nur einige Kinderstimmen sind aus der dortigen Grundschule zu hören. Die meisten Häuser sind hier ebenso adrett anzusehen wie ihre kleinen Vorgärten. Ein gutbürgerliches Wohnquartier im Herzen von Heißen. Doch wenn es Nacht wird am Fünter Weg, soll es hier zuweilen gar nicht so gutbürgerlich zugehen. Vond randalierenden, alkoholisierten und pöbelnden Jugendlichen war jüngst bei einer Anwohnerversammlung im Kulturzentrum Fünte die Rede.

Der Mann von der Presse will es wissen und klingelt bei Anwohnern am unteren Fünter Weg. Gerne berichten sie dem Besuch von der Zeitung ihre Erfahrungen. Ihre Namen wollen sie aber nicht in der Presse sehen. Von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist da die Rede, die vorzugsweise im Sommer freitags und samstags zwischen 21 und 2 Uhr den Fünter Weg zu ihrer Rennstrecke machen und sich an der Tankstelle an der Gracht/Ecke Fünter Weg mit Alkohol versorgen. "Wir fragen im Zweifel immer nach dem Ausweis. Deshalb werden wir manchmal sogar ausgelacht. Aber wir fragen lieber einmal zu viel als einmal zu wenig nacht", betont Tankstellenmitarbeiterin Veronika Brehmen. Sie hat in den letzten Wochen mehrfach am späten Freitag- und Samstagabend im Tankstellenshop Dienst gehabt und nie Probleme mit alkoholisierten oder gar randalierenden Jugendlichen bekommen.
Doch wenn man den befragten Anwohnern glauben darf, steigt mit den Temperaturen auch das Randale-Risiko.

Berichtet wird von jungen Rowdies, die ihre Bier- und Schnapsflaschen in den Vorgärten auf kleinen Grünflächen oder auf dem Schulhof am Fünter Weg hinterlassen, nicht selten in Form von Scherben, die in diesem Fall kein Glück, sondern nur eine Verletzungsgefahr mit sich bringen. Es gibt sogar Nachbarn, die nach so manchem heißen Wochenende am Fünter Weg privat mit der Müllzange unterwegs sind, um die unansehnlichsten Überreste zu beseitigen.
Noch mehr als über die eine oder andere Notdurft, die im nächtlichen Vollrausch in dem einen oder anderen Vorgarten erledigt wird, ärgern sich die Fünter über abgetretene Autospiegel oder besprühte Hauswände und Garagentore, die dann auf eigene Kosten wieder neu gestrichen oder ersetzt werden müssen. Nur wenige sehen es so gelassen, wie Anwohnerin Elke Thom, die angesichts angetrunkener Jugendlicher, die über die Stränge schlagen zwar nicht begeistert ist aber sagt: "Damit kann ich leben." Und der ehemalige Stadtverordnete Dieter Denecke, der als Anwohner am Fünter Weg immer wieder mal auf dem Schulhof trinkende Jugendliche beobachtet hat, schätzt, "dass das in den letzten Wochen vielleicht ein- oder zweimal passiert ist."

Andere Anwohner fühlen sich aber schon "von Schreien, die sich manchmal anhören, als ob einer germeuchelt würde", in ihrer Nachtruhe empfindlich gestört, vor allem dann, wenn ihre Schlafzimmer zur Straßenseite hin liegen. Wie könnte man das Problem entschärfen, das von einer Gruppe ausgeht, die auf vier bis zehn Personen geschätzt wird? Die meisten der befragten Anwohner wünschen sich eine stärkere Polizeipräsenz in den fraglichen Stunden am späten Freitag- und Samstagabend. Zwar befindet sich unmittelbar am Fünter Weg eine Bezirksdienststelle der Polizei. Doch die ist nur tagsüber besetzt. Außerdem würden sie es begrüßen, wenn die Tankstelle an den kritischen Tagen zumindest ab 22 Uhr auf den Verkauf von Alkohol verzichten würde. Eine Vorstellung, die für Tankstellen-Mitarbeitern Brehmen unvorstellbar ist.

Und was sagt die Polizei zum Samstagnacht-Fieber der randalierenden und trinkenden Jugendlichen am Fünter Weg? "Dafür gibt es die 110," betont Polizeisprecher Thomas Hemmelmann und fügt erklärend hinzu: "Wenn wir gerufen werden, kommen wir auch und gehen jeder Ruhestörung nach, obwohl das nicht unsere originäre Aufgabe ist. Aber wenn wir nicht gerufen werden, können wir auch nicht kommen."

Donnerstag, 6. Mai 2010

Arbeitgeber Kirche oder: Warum es sich lohnt Kirchensteuer zu zahlen




Viele Menschen verlassen die christlichen Kirchen aus ganz unterschiedlichen Gründen: Weil sie sich die Kirchensteuer sparen wollen, weil sie von einem Seelsorger oder einer kirchlichen Einrichtung enttäuscht worden sind oder auch angesichts der aktuellen Diskussion über Missbrauchsfälle im kirchlichen Bereich. Welche Bedeutung hat die Kirchensteuer für die Existenz der beiden christlichen Kirchen, die nicht nur Glaubensgemeinschaft, sondern auch Arbeitgeber sind?

Was sagen Superintendent und Stadtdechant zur Kirchensteuer?
„Kirche würde es auch ohne Kirchensteuer geben”, ist Superintendent Helmut Hitzbleck überzeugt, sieht die Kirchensteuer aber auch als Ausdruck dafür, „dass man Christ nicht für sich allein sein kann und sich als Christ auch in die Gemeinschaft einbringen muss.” Sein katholischer Amtskollege formuliert es profaner: „Mit Nächstenliebe kann man keine Heizung reparieren.” Fazit: Die Kirchen leben nicht vom Brot allein, kommen aber auch nicht ohne das Geld ihrer Mitglieder aus, wenn sie das Wort Gottes in die Tat umsetzen wollen.

Wie viel Kirchensteuer bekommen die Kirchen?
In Mülheim gibt es derzeit rund 62 000 evangelische und rund 60 000 katholische Christen. Dabei sind zum Beispiel nur ein Drittel der evangelischen Christen überhaupt kirchensteuerpflichtig, zahlen also einen neun-prozentigen Aufschlag auf ihre Lohn- und Einkommenssteuer. Zwei Drittel werden als Kinder oder Rentner gar nicht besteuert. Beim Evangelischen Kirchenkreis rechnet man aktuell mit jährlichen Steuereinnahmen von 11 Millionen Euro. Nach einem Finanzausgleich der Kirchenkreise sowie an die Landeskirche und die Evangelische Kirche Deutschlands zu zahlende Umlagen sowie Lohn- und Altersvorsorgekosten für die Pfarrer bleiben rund sechs Millionen Euro Kirchensteuern. Vier Millionen Euro gehen an die Gemeinden des Kirchenkreises, die dieses Geld wiederum zu etwa 75 Prozent in Personalkosten investieren. Rund 200.000 Euro bekommt das Diakonische Werk. Mit Blick auf den demografischen Wandel und auch weil viele Menschen arbeitslos sind oder aus dem Ruhrgebiet wegziehen, kalkuliert man beim Kirchenkreis mit einem sinkenden Netto-Betrag, den man an die Gemeinden und die Diakonie verteilen kann. Für 2009 rechnet man nur noch mit 5,5 Millionen Euro und für 2015 sogar nur noch mit vier Millionen Euro. Gleichzeitig steht die Langzeitprognose der Evangelischen Kirche Deutschlands im Raum, wonach man aufgrund des demografischen Wandels bis 2030 mit einer Halbierung der Kirchensteuereinnahmen rechnen muss. Derzeit zahlen die evangelischen und katholischen Christen in Deutschland jährlich etwa acht Milliarden Euro Kirchensteuer.Antwort: Anders als bei der Evangelischen Kirche werden die Kirchensteuereinnahmen der katholischen Stadtkirche zunächst komplett an das Ruhrbistum überwiesen. Das Bistum überweist den derzeit drei Pfarrgemeinden der Stadtkirche dann einen bestimmten Kirchensteueranteil, der sich nach der Mitgliederzahl der Gläubigen, aber auch nach zusätzlichen Aufgaben und Liegenschaften der Gemeinden richtet. Erhielten die Mülheimer Kirchengemeinden bis 2006 noch jährlich 1,7 Millionen Euro, so sind es derzeit noch 1,055 Millionen Euro. Dieser finanzielle Abwärtstrend ist Ausdruck einer massiven Umstrukturierungs- und Einsparungsoperation, zu der sich das Ruhrbistum 2005/2006 aufgrund des demografisch und sozial verursachten Bevölkerungsschwundes im Ruhrgebiet gezwungen sah. 2008 hat das Ruhrbistum noch rund 98 Millionen Euro Kirchensteuern eingenommen. Für dieses Jahr rechnet es mit einem Kirchensteuerrückgang von 7,7 Millionen Euro.

Welche Rolle spielen Kirchenaustritte?
Superintendent Hitzbleck und Stadtdechant Janßen wollen den Anteil der Kirchenaustritte an der finanziellen Situation der beiden Stadtkirchen weder unter- noch überschätzen und verweisen auf langfristige soziale und demografische Trends sowie die wieder zunehmende Zahl von Kircheneintritten. In der Bilanz bleibt jedoch ein Minus. Betrachtet man die Jahre 2007, 2008 und 2009, so stieg die Zahl der evangelischen Kirchenaustritte von 345 auf 423, um dann wieder auf 321 zu sinken. Seit Jahresbeginn haben 131 Protestanten ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Die Zahl der katholischen Kirchenaustritte stieg zwischen 2007 und 2009 von 255 auf 299. Seit Januar 2010 haben in Mülheim 190 Katholiken ihre Kirche verlassen. Gleichzeitig konnte sich die evangelische Kirche von 2007 bis 2009 über 378 Neuaufnahmen kirchensteuerpflichtiger Mitglieder freuen. Auf katholischer Seite registrierte man insgesamt 66 Kirchenneueintritte und 547 Taufen. Letzteres ist aber nur eine Kirchensteueroption auf die Zukunft. Den aktuellen Anstieg der Kirchenaustritte führen Hitzbleck und Janßen vor allem auf die 2009 eingeführte Kapitalbesteuerung zurück. Hier hätten viele Bankberater dazu geraten, die freiwillige Kirchensteuer einzusparen.

Wie viele Menschen beschäftigt der Arbeitgeber Kirche in Mülheim?
Beim evangelischen Kirchenkreis arbeiten derzeit insgesamt 420 Beschäftigte. Hinzu kommen 40 Geistliche. Den größten Mitarbeiterblock bilden die 140 Beschäftigten der evangelischen Kindertagesstätten, gefolgt von den 118 fest angestellten Mitarbeitern des Diakonischen Werkes, 100 Gemeindemitarbeitern und 65 Mitarbeitern im breit gefächerten Verwaltungsbereich. Auch in der katholischen Stadtkirche stellen die 156 Beschäftigten der 2006 in einen Zweckverband des Bistums überführten Kindertagesstätten den größten Beschäftigten-Block, gefolgt von den 150 Mitarbeitenden der Caritas Sozialdienste. Vor allem auf der Gemeindeebene wurde im Zuge der Umstrukturierungs- und Einsparmaßnahmen des Bistums 2006 massiv Personal abgebaut. Allein beim aufgelösten Gemeindeverband fielen rund 30 Stellen Weg. Auch die Pfarrgemeinden mussten stark abspecken. Gab es vor der Umstrukturierung 98 katholische Gemeindemitarbeiter, die sich auf 46 Vollzeitstellen verteilten, so konnten die drei 2006 neugegründeten Groß-Pfarreien St. Mariae Geburt, St. Mariae Himmelfahrt und und St. Barbara nur noch über insgesamt 21 Vollzeit-Stellen verfügen, von denen drei Stellen auf die jeweiligen Verwaltungsleiter der Pfarrgemeinden entfallen. Dabei wurden durchaus Schwerpunkte gesetzt, wie Stadtdechant Michael Janßen am Beispiel seiner eigenen Pfarrei St. Mariae Geburt deutlich macht. So konnte der Umfang der Kirchenmusikerstellen zu 86 Prozent erhalten werden, während man die Küsterstellen um 75 Prozent reduzierte und durch ehrenamtliche Helfer ersetzte.

In dieser Beschäftigungsbilanz nicht enthalten sind die Stiftungen und Unternehmen kirchlichen Ursprungs, die sich unabhängig von der Kirchensteuer finanzieren. Dazu gehören das Evangelische Krankenhaus (1250 Mitarbeiter), das St. Marien-Hospital (650 Mitarbeiter) und die Theodor-Fliedner-Stiftung mit bundesweit 1900 Mitarbeitern.

In welchen Bereichen ist die Kirche als Arbeitgeber engagiert?
Die Bereiche Bildung und Soziales bilden den Arbeitsschwerpunkt der beiden Stadtkirchen, die zum Beispiel in der Familienbildung und in der Sozialberatung, in der offenen Ganztagsschule, aber auch in der Ehe- und Erziehungsberatung, in der Betreuung psychisch kranker Menschen sowie in der Kinder- Jugend- und Familienhilfe oder in der Sucht- und Schwangerenberatung aktiv sind. Hinzu kommen die Wohnungsnotfallhilfe, die Erwachsenenbetreuung, die Jugendgerichtshilfe, die Hilfe für Flüchtlinge und Zuwanderer oder die stadtteilorientierte Gemeinwesenarbeit und Sozialberatung.Antwort: Angesichts dieses breiten Arbeits- und Aufgabenspektrums des Arbeitgebers Kirche kommt Superintendent Hitzbleck zu dem Ergebnis, „dass Kirche als soziale Lobby und sozialethischer Ansprechpartner für unsere Gesellschaft unverzichtbar ist.” Und Stadtdechant Janßen glaubt mit Blick auf die Kirchensteuerdiskussion, „dass ein Ausfall der Kirche ein Vakuum reißen würde, dass der Staat gar nicht füllen könnte.”

Ist die Kirche angesichts ihrer moralischen Autorität auch ein menschlicher Arbeitgeber?
In diesem Zusammenhang verweist Superintendent Hitzbleck darauf, dass der Kirchenkreis bisher keine einzige betriebsbedingte Kündigung ausgesprochen habe, obwohl man in den letzten 15 Jahren aus finanziellen Gründen etwa ein Drittel aller Pfarr- und Verwaltungsstellen einsparen musste. Auch sein katholischer Amtskollege Janßen ist im Rückblick auf den Personalabbau des Umbau-Jahres 2006 der Ansicht, „dass sich die Kirche mit ihren Sozialplanregelungen und Abfindungen sehen lassen kann.” Eine betriebsbedingte Kündigung, so Janßen, sei 2006 nur in einem einzigen Fall nötig gewesen. Immer wieder wurde Personalabbau durch Vorruhestandsregelungen oder den Wegfall von Stellen realisiert, die durch die Pensionierung ihrer Inhaber frei geworden waren. Sowohl in den Gesprächen mit Superintendent Hitzbleck als auch mit den evangelischen und katholischen Mitarbeitervertetern Petra Busch und German Geiger fallen immer wieder die Begriffe „Dritter Weg” und „Dienstgemeinschaft.” Helmut Hitzbleck formuliert es so: „Man redet miteinander. Wir sind nicht nur Arbeitgeber, sondern auch Heimat der Beschäftigten.” Auch Petra Busch, die in der Verwaltung des evangelischen Kirchenkreises arbeitet, und der Kantor der katholischen Gemeinde St. Joseph, German Geiger, benutzen den Vergleich eines Handwerksbetriebs, in dem eine familiäre Atmosphäre herrsche und viele Probleme auf dem kleinen Dienstweg geklärt würden. Angesichts des zum Teil rabiaten Personalmanagements und Personalabbaus in der freien Wirtschaft sagt Busch über ihren Arbeitgeber Kirche: „Noch schweben wir hier wie auf einer Wolke und werden als Mitarbeiter gemeinschaftlich mit einbezogen, weil unser Arbeitgeber keine Gewinnmaximierung anstrebt.” Mit ihrem katholischen Kollegen Geiger ist sich Busch einig, dass ihr Arbeitgeber sich auch in Punkto Arbeitszeit vergleichsweise flexibel auf die individuellen Bedürfnisse von Mitarbeitern einstellt. Auf der anderen Seite arbeiten auch Kirchenmusiker Geiger und seine Kollegen nicht nach dem Prinzip Stechuhr, wenn zum Beispiel in den klassischen Festzeiten wie Ostern, Advent und Weihnachten so manche Überstunde anfällt.

Wie ist es um die Entlohnung und Rechte kirchlicher Mitarbeiter bestellt?
Die Bezahlung der kirchlichen Mitarbeiter entspricht dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes, dessen Tarifabschlüsse in der Regel zeitverzögert übernommen werden. Außerdem gelten die allgemeinen Bestimmungen des Arbeitsrechtes. Allerdings verzichten die Mitarbeiter der Kirchen de facto auf ihr Streikrecht. Anders als im öffentlichen Dienst ist die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kein offizieller Tarifpartner. „Verdi würde gerne, aber Verdi ist nicht”, unterstreicht Superintendent Hitzbleck. Allerdings weist Verdi-Geschäftsführerin Henrike Greven darauf hin, dass auch kirchliche Mitarbeiter zunehmend in ihre Gewerkschaft eintreten, um im Ernstfall arbeitsrechtliche Beratung und Vertretung in Anspruch nehmen zu können. Auch hier gebe es angesichts bereits vollzogener oder befürchteter Stelleneinsparungen eine wachsende Verunsicherung. Außerdem verweist Greven darauf, dass Verdi neben den kirchlichen Mitarbeiterverbänden auch in den auf Landesebene angesiedelten Schiedskommissionen vertreten sei. Diese Arbeitsrechtlichen Kommissionen der Kirchen, in denen Arbeitnehmer und Arbeitgeber paritätisch vertreten sind und im Zweifelsfalle einen neutralen Schlichter hinzuziehen, entscheiden im Ernstfall über alle strittigen Fragen. Allerdings sieht Verdi-Gewerkschafterin Greven in der kirchlichen Dienstgemeinschaft nur eine „abgespeckte Mitbestimmung”, mit der man manches eben nicht erreichen könne.

Dieser Text erschien am 5. Mai 2010 in der NRZ