Samstag, 31. Juli 2010

Das Senioren-Theater Spätlese bringt seit 20 Jahren reife Schauspielkunst auf die Bühne


Reife Schauspielkunst. Dafür steht das Theater Spätlese. Wie hat sich das Theater der spätberufenen Schauspieler seit seiner Gründung entwickelt? Was und wen will es mit seinen Stücken erreichen? Darüber sprach ich für die NRZ mit dem Theaterleiter Eckhard Friedl (51) und den Ensemblemitgliedern Marlies Lönne (68) und Hans-Joachim Peters (74)


Wie kam es zur Gründung des Theaters?

Friedl: Der Gründungsimpuls ging vom damaligen Kulturamtsleiter Hans Georg Küppers aus, der bei der Leonhard-Stinnes-Stiftung Mittel für Seniorenkultur beantragt hatte. Und dann fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, das Projekt zu starten.


Hatten Sie Erfahrungen in diesem Bereich?

Friedl: Mit Seniorenarbeit hatte ich damals keine Erfahrung. Ich hatte zuvor in Bonn und Oberhausen Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen gemacht.


Gab es für Sie damals eine Hemmschwelle, die es zu überwinden galt?

Friedl: Ich hatte zunächst schon Bedenken. Ausgehend von meinem damaligen Altenbild glaubte ich, dass man mit alten Menschen kaum zu brauchbaren theatralen Ergebnissen kommen kann. Glücklicherweise konnte ich damals an einer Fachtagung über Seniorentheater teilnehmen, die mich eines Besseren belehrt und mir Mut gemacht hat, zu sagen: Okay. Ich probiere es.


Wie hat sich das Ensemble formiert?

Friedl: Ich habe damals in Altentagesstätten, mit Handzetteln und in der Lokalpresse dafür geworben und ältere Leute gesucht, die Lust hatten, auf die Bühne zu gehen. Am 20. September 1990 fand ein erstes Informationstreffen mit 40 Teilnehmern im Kloster Saarn statt. Davon machten 21 weiter mit, mit denen wir in drei Projektgruppen gearbeitet haben. Und im Laufe der Zeit kamen dann immer wieder neue Schauspieler dazu.


Hat das Theater Spätlese seine gesellschaftskritischen Stücke von Anfang an selbst geschrieben?

Friedl: Schon beim ersten Treffen im Kloster Saarn habe ich diese Konzeption vorgestellt. Vom ersten Tag an haben wir uns immer wieder ein Thema gesucht, zu dem wir dann gemeinsam ein Stück entwickeln. Das war so erfolgreich, dass wir, abgesehen von einigen Ausflügen, bei denen wir mal was anderes ausprobiert haben, daran bis heute nichts geändert haben.Frage: Warum ist dieser Ansatz so erfolgreich?Antwort: Friedl: Wenn ich Seniorentheater als eine Form verstehe, in der die Sicht der älteren Generation zum Ausdruck kommen soll, muss man auch eine Form finden, in der sich diese Sicht formuliert. Und das ist bei der gemeinsamen Entwicklung der Stücke natürlich ganz gut gegeben.


Wie sind Sie als Schauspielerin zum Theater Spätlese gekommen?

Lönne: Ich wollte schon nach der Schule eine Schauspielausbildung machen und zum Theater. Doch in unserer Familie lernte man nur etwas „Anständiges“. So war das eben vor 50 Jahren. Doch nachdem ich mit 58 als Industriekauffrau in den Vorruhestand gegangen war und das Theater Spätlese auch schon über die Presse verfolgt hatte, schaute ich mir eine Vorstellung an, nach der man hinter den Kulissen auch mit den Schauspielern ins Gespräch kommen konnte. Bei dieser Gelegenheit sprach mich Eckhard Friedl an: Hätten Sie nicht Lust mitzuspielen? Ich habe noch ein Plätzchen frei. Und so habe ich an meinem ersten Theaterworkshop teilgenommen, ohne genau zu wissen, was auf mich zu kam. Gleich bei meinem ersten Auftritt musste ich einen langen Text sprechen.


Fällt Ihnen das Text lernen schwer?

Lönne: Wenn man längere Texte solo sprechen muss ist das schon erblich schwerer, als wenn man kurze Text zusammen mit anderen spricht. Es gibt viele Unwägbarkeiten. Wenn man eine Szene mit drei oder vier Leuten spielt, ist man ja auch auf das Stichwort angewiesen, um richtig einzusetzen. Und wenn das dann nicht kommt, weiß man oft gar nicht mehr, wie man heißt. Ich habe da aber inzwischen die Theaterweisheit verinnerlicht: Egal, was auf der Bühne passiert. Nur nicht aus der Rolle fallen. Und viele Versprecher werden von den Zuschauern ja gar nicht bemerkt.


Und wie sieht es mit dem Lampenfieber aus?

Lönne: Ich habe auch heute noch vor jeder Aufführung Lampenfieber. Aber man merkt es mir nicht mehr an.


Welche Rolle spielen Sie beim Theater Spätlese, Herr Peters?

Ich spiele eigentlich gar nicht. Ich kam als Seiteneinsteiger zur Spätlese, als Eckhard Friedl jemanden suchte, der die Bühnenscheinwerfer bedient, habe ich einmal zu viel aufgezeigt.


Standen Sie also selbst nie im Rampenlicht?

Peters: Doch einmal hat mich Friedel zu einer kleinen Rolle überredet, bei der ich einen Requisiteur spielte, der auf der Bühne Umbauarbeiten macht und ein Geschenk überreicht.


Warum trauen sich weniger Männer als Frauen auf die Bühne?

Peters: Am Textlernen kann es nicht liegen. Vielleicht sind Frauen freier als Männer, wenn es darum geht, auf der Bühne zu agieren und aus sich herauszugehen. Ich selbst weiß nicht, ob ich ohne die Technik zum Theater Spätlese gekommen wäre. Aber es gibt auch Männer, die schauspielerische Ambitionen haben und aus eigenem Entschluss zum Theater kamen, ohne dafür geworben worden zu sein.


Warum ist das Theater Spätlese zur Erfolgsgeschichte geworden?

Peters: Weil wir die Leute auch zum Nachdenken anregen. Die sitzen hier nicht, um sich berieseln zu lassen. Viele Zuschauer haben ein echtes Interesse daran, was hinter den Stücken steckt, die wir auf die Bühne bringen. Da sind auch welche dabei, die nach dem Stück darüber nachdenken und ihre Eindrücke in ihr persönliches Umfeld hineintragen.

Lönne: Nach unseren Aufführungen geht man nicht einfach nach Hause und sagt: Das war ja schön. Unsere gesellschaftskritischen Stücke bieten zwar keine Lösungen, liefern aber Anstöße, in dem sie Probleme bewusst machen und dafür genug Munition liefern, um darüber zu diskutieren.


Hat das Theater Spätlese das Altenbild in unserer Stadt verändert?

Lönne: Ich erlebe oft, dass jüngere Menschen mit einer völlig falschen Vorstellung in unsere Aufführungen kommen und denken: Da wird Klamauk gemacht. Doch nach der Aufführung sind sie von der Themenviefalt und von der Art unserer Inszenierung überrascht und sagen: Das war ja toll. Das hätte ich nicht gedacht.

Friedl: Das ist genau der Punkt. Wenn die Leute, die vorher sagen ‘Geh du mal ins Seniorentheater. Das wird schon nichts Gescheites sein’, wenn die nachher begeistert sind und mit strahlenden Gesichtern herausgehen, dann tragen die das auch in ihr Umfeld hinein und begegnen Vorurteilen, in dem sie aus ihrer Erfahrung heraus sagen können: Ich war im Seniorentheater und das war echt klasse. Und dann schlagen wir hier die ganz große Welle.


Dieses Gespräch erschien am 28. Juli 2010 in der NRZ

Freitag, 30. Juli 2010

Krisen und Kastastrophen: Was soll, was darf mein Kind sehen? Ein Erziehungsberater gibt Tipps



Ob in der Zeitung, im Fernsehen oder im Internet. Man kann derzeit den grausamen Bildern der Loveparade-Katastrophe nicht entgehen. Angesichts der Horrorszenarien, mit denen sie selbst in den Nachrichten konfrontiert werden, mögen sich manche Eltern bangen Herzens fragen, wie wirkt das auf meine Kinder? Was kann ich ihnen zumuten? Wovor muss ich sie schützen, um ihre Seelen vor Schaden zu bewahren?



Der Leiter der der Evangelischen Erziehungsberatungsstelle, Dr. Franz Maurer (52), Diplom-Psychologe und Vater eines zehnjährigen Sohnes, rät Eltern grundsätzlich, auf die Signale ihrer Kinder zu achten und immer gesprächsbereit zu sein, statt restriktiv auf Verbote zu setzen.Während er es für unrealistisch hält, Jugendliche von der zum Teil verstörenden Bilder- und Informationsflut ganz abzuschirmen, ist es aus seiner Sicht notwendig, Kinder vor allzu belastenden Bildern zu behüten und Informationen gezielt zu kanalisieren, zumal Kinder sehr viel emotionaler auf Katastrophenbilder reagierten als Erwachsene.Als ausgesprochen empfehlenswert sieht Maurer die Kindernachrichten Logo in der ARD und im Kinderkanal Kika, weil sie die Ereignisse in Duisburg und andere Katastrophen in der Welt altersgerecht aufbereitet haben.



Die Tagesschau und andere Fernsehnachrichten sollten sich Eltern nur gemeinsam mit ihren Kindern anschauen, um das Gesehene anschließend besprechen zu können.Kinder im Vorschulalter sollte nach Maurers Meinung nur Kindernachrichten anschauen und das auch nur zusammen mit ihren Eltern.„Eltern sind immer ein Modell für ihre Kinder“, sagt der Erziehungsberater sowohl mit Blick auf den Medienkonsum als auch auf den Umgang mit schockierenden Katastrophenbildern. „Man sollte Gefühle nicht wegreden, aber auch nicht in Panik verfallen.

Man sollte mit Kindern über Ängste reden, wenn sie fragen, ihnen aber auch kein Gespräch darüber aufdrängen“, rät Maurer und sieht vor allem den Elternteil als besonders geeigneten Gesprächspartner, der selbst die Ereignisse schon etwas besser verarbeitet hat.“ Es könne, so glaubt er, für Kinder auch etwas Beruhigendes haben, wenn sie sähen, dass zwar etwas Schreckliches geschehen sei, ihre Eltern aber gut damit umgehen könnten. Dass Kinder unter dem Eindruck von Katastrophenbildern Ängste entwickeln, ist aus Sicht des Erziehungsberater nicht besorgniserregend. Psychologischer Rat sollte erst dann gesucht werden, wenn diese Ängste über mehrere Wochen anhalten.

Bei Jugendlichen, die sich vor allem im Internet oft besser auskennen, als ihre Eltern, rät Mauerer Eltern, ihre Vorbildrolle mit dem eigenen Medienkonsum wahrzunehmen und mit ihren Kindern ganz offen darüber zu sprechen, dass es gerade im Internet Bilder und Filme gibt, die man sich auch als Erwachsener besser nicht anschauen sollte, weil sie zu verstörend sein könnten. Nur solche intensive Gespräche und das eigene Beispiel könnten Jugendlichen „ein kritisches Bewusstsein für den Umgang mit Medien vermitteln.“ Über seine eigene Medienentwicklung sagt Maurer: „Auch für mich gab es Bilder, die ich zu einer bestimmten Zeit besser nicht gesehen hätte.“

Die Evangelische Beratungsstelle für Erziehungs- Ehe- und Lebensfragen am Hagdorn 23 ist telefonisch unter der Rufnummer: 32014 erreichbar. Weitere Informationen im Internet unter: www.beratugstelle.kirche-muelheim.de

Dieser Text erschien am 27. Juli 2010 in der NRZ

Donnerstag, 29. Juli 2010

Wie würde in Mülheim der Krisen- oder Katastrophenfall gemanagt? Ein Gespräch mit Ordnungsdezernent Frank Steinfort

Im Angesicht der Loveparade-Katastrophe in Duisburg befragte ich für die NRZ den zuständigen Ordnungsdezernenten Frank Steinfort zum Mülheimer Sicherheits- und Krisenmanagement bei Großveranstaltungen und Katastrophen.

Wer sitzt mit am Tisch, wenn ein Sicherheits- oder Krisenbewältigungskonzept erarbeitet werden muss?
Bei Großveranstaltungen, wie dem Rosenmontagszug oder dem Reggae-Festival zeichnet der Führungsstab der Feuwehr für das Sicherheitskonzept verantwortlich. Geleitet wird dieser Führungsstab vom Feuerwehrchef Burkhard Klein oder seinem Stellvertreter Sven Werner. Neben der Feuerwehr sitzen dann auch andere Mülheimer Hilfsorganisationen, wie etwa die Johanniter Unfallhilfe, das Rote Kreuz, der Malteser Hilfsdienst oder das Technische Hilfswerk, die Polizei und das Ordnungsamt mit am Tisch.

Wie geht man mit möglichen Sicherheitsbedenken um?
Für alles, was sich im öffentlichen Raum abspielt, ist grundsätzlich das Ordnungsamt zuständig. Es muss nach Ortsbegehungen mit allen Beteiligten und in enger Abstimmung mit der Feuerwehr entscheiden, wo zum Beispiel welche Zufahrten für Feuerwehr und Rettungsdienste freizuhalten oder welche Absperrmaßnahmen vorzunehmen sind. Im Vorfeld des Reggae-Festivals gab es auch Einwände von einigen Einwohnern, die sich aber vor allem auf die Lärmbelastung bezogen. Grundsätzlich muss das Ordnungsamt zwischen den Belangen der Anwohner, der Veranstalter und dem öffentlichen Interesse an einer Veranstaltung abwägen. Macht es zum Beispiel Sinn, ein ganzes Wohnviertel abzusperren, um den Zufluss von Fremdparkern zu verhindern? Klar ist. Falschparker, die in Zufahrten für Feuerwehr und Rettungsdienste stehen, werden sofort abgeschleppt.

Musste in Mülheim auch schon mal ein Krisenstab gebildet werden?
Bei einer Großveranstaltung war das bisher noch nicht der Fall, aber bei der Vogelgrippe 2006, beim Orkan Kyrill im Januar 2007 und bei der Schweinegrippe 2009. Es geht bei der Bildung eines Krisenstabes ja nicht so sehr um die Zahl von Veranstaltungsteilnehmern, sondern um das zu erwartende Gefährdungspotenzial. Das wäre vielleicht bei einer großen Demonstration von Neo-Nazis gegeben, aber nicht beim Rosenmontagszug mit seinen bis zu 100 000 Besuchern. Dieses Risiko war aber sowohl bei den Verwüstungen durch Kyrill oder bei der Vogel- und Schweinegrippe gegeben, als wir fürchten mussten, dass der Erreger vom Tier auf den Menschen überspringt.

Wer gehört dem Krisenstab an?
Der Krisenstab wird von mir in meiner Funktion als Ordnungs- und Sicherheitsdezernent geleitet, damit die Oberbürgermeisterin im Krisenfall den Rücken frei hat, um Presseerklärungen abzugeben oder sich vor Ort ein Bild zu machen. Neben Feuerwehr, Polizei und Ordnungsamt, sitzen dann auch alle Fachbereiche mit am Tisch, die je nach Bedarf, involviert sind, zum Beispiel das Gesundheitsamt oder andere Dienste. Eine Schlüsselrolle spielt der ärztliche Leiter Rettungsdienst. Das ist für Mülheim der Arzt Thomas Franke, der jeweils zur Hälfte bei der Stadt beziehungsweise der Feuerwehr und beim Evangelischen Krankenhaus arbeitet. Mit am Tisch sitzt aber auch der für die Information der Öffentlichkeit verantwortliche Pressesprecher der Stadt.

Wie arbeitet der Krisenstab im Ernstfall?
Der Krisenstab tagt in der Hauptfeuerwache, zurzeit noch unter beengten Verhältnissen an der Aktienstraße und demnächst in der neuen Feuerwache an der Duisburger Straße. Im Ernstfall bilden Mitarbeiter der Feuerwehr ein Sekretariat für den Krisenstab, in dem die Lageberichte von Polizei und Rettungsdiensten eingehen und sofort beurteilt und in Entscheidungen umgesetzt werden können. Im Fall von Kyrill standen wir zum Beispiel vor der Frage, woher bekommen wir zusätzliche Motorsägen, um umgestürzte Bäume zu beseitigen. Im Fall von Vogelgrippe und Schweinepest mussten wir etwa die Frage beantworten, wie viel Impfstoff wir brauchen, wer zuerst geimpft werden sollte und wie die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt werden könnte, wenn die Geschäfte wegen einer Epidemie geschlossen werden müssten. Bei einem massenhaften Anfall von Verletzten tritt ein Notfallplan in Kraft, der zurzeit überarbeitet wird. Die Rettungsdienste werden über eine Mobilfunkkette alarmiert. Der ärztliche Leiter Rettungsdienst muss sich vor Ort ein Bild machen, um zu entscheiden, wo ein Behandlungsplatz für Verletzte eingerichtet werden kann und wer wo mit welcher Priorität behandelt werden muss. Mit unseren eigenen Kräften vor Ort können wir bis zu 50 Verletzte versorgen. Käme es zu mehr Verletzten, müssen wir auswärtige Hilfe anfordern.

Wer hat im Ernstfall das letzte Wort und die Verantwortung?
Das bin ich in meiner Funktion als Leiter des Krisenstabs. Deshalb werden auch alle Entscheidungen des Krisenstabs protokolliert, damit sie im Falle einer Untersuchung nachzuvollziehen sind. Das bedeutet im Ernstfall, dass ich auch zum Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen werden könnte. Deshalb würde ich auch nie gegen einen begründeten Rat der Fachleute von Feuerwehr oder Polizei entscheiden. Dafür sind die Leute dort zu gut ausgebildet.

Kann man sich auf ein solches Krisenmanagement vorbereiten?
Wir haben alle zwei bis drei Jahre eine Übung des Krisenstabes, in der wir Krisenszenarien nachstellen. Einmal haben wir zum Beispiel den Absturz eines großen Passagierflugzeuges in der Stadtmitte simuliert. Da ging es ganz schön zur Sache.
Macht Sie diese Verantwortung für den Ernstfall manchmal schlaflos?
Nein. Dafür bin ich ausgebildet. Man muss damit umgehen können. Das ist eine Typfrage. Und ich weiß: Jeder kann immer nur sein Bestes tun.

Machen die Duisburger Ereignisse Sie nachdenklicher und skeptischer, wenn es darum geht, Großveranstaltungen nach Mülheim zu holen?
Ja. Sicher. Absolut.

Zur Person: Stadtdirektor Frank Steinfort (52) ist seit elf Jahren als Dezernent im Verwaltungsvorstand für die Bereiche Recht, Sicherheit, Ordnung, Personal und Organisation verantwortlich. Vor seiner Zeit in Mülheim war der gebürtige Duisburger zehn Jahre lang als Referent für die Bereiche kommunales Verfassungsrecht, Bauordnungs- und Planungsrecht beim Deutschen Städtetag in Köln tätig. Nach dem Abitur hatte Steinfort zunächst eine Banklehre bei der Dresdner Bank absolviert und anschließend an der Universität Bonn Rechtswissenschaft studiert. Zwischen seinem ersten und zweiten Staatsexamen schrieb Steinfort eine Doktorarbeit über die verfassungsrechtlichen Grundlagen der Veröffentlichungsfreiheit des Wissenschaftlers. Als Assistent an der Juristischen Fakultät Bonn und als Referendar beim Amtsgericht und der Staatsanwaltschaft Duisburg, bei der Stadtverwaltung Linz am Rhein und in Rechtsanwaltspraxen in Düsseldorf und Köln sammelte der Jurist erste Berufserfahrungen.
Der seit 1986 verheiratete und inzwischen zweifache Familienvater Frank Steinfort ist Mitglied der CDU.

Dieser Text erschien am 27. Juli 2010 in der NRZ

Ortstermin an der Hügelstraße: Anwohner bezweifeln die Bremswirkungen der dort aufgestellten Baken


Eigentlich wollte die Bezirksvertretung 2 den Anwohnern der Hügelstraße mit der Aufstellung von Baken, die die Fahrbahn einengen, und das Rasen unmöglich machen, einen Gefallen tun. Bürgerbeschwerden und anschließende Geschwindigkeitsmessungen führten im Oktober 2009 zu einem entsprechenden Beschluss, der jetzt in die Tat umgesetzt wurde.


„Doch die Situation ist seitdem eher schlechter als besser geworden“, betont Anwohner Siegfried Tromborg. Seine Nachbarin Käthe Schwechten beobachtet immer wieder Autofahrer, die angesichts der Baken, Gas geben statt zu bremsen, sobald die Fahrbahn frei ist, weil sie den Gegenverkehr fürchteten und nicht stehen bleiben wollten.Jürgen Schulmann und seine Frau Brigitte finden: „Das Geld hätte man sich sparen können.“ Außerdem bedauern sie den Wegfall von Parkbuchten und hätten sich eine frühzeitige Einbindung der Anwohner gewünscht.Statt der Baken kann sich Schwechten eine Fahrbahnmarkierung oder ein Tempo-30-Schild auf der Hügelstraße vorstellen.Doch Bezirksvertreter Roland Chrobok (CDU) und Helmut Voß vom Tiefbauamt sind sich einig, dass man das Raser-Problem eher durch Baken als durch Schilder oder Fahrbahnmarkierungen in den Griff bekommen kann.


„Wir wollen uns der Diskussion mit den Anwohnern nicht verschließen und müssen vielleicht darüber nachdenken, wie man sie noch besser einbinden kann“, sagt Chrobok, will den Anwohnern in der Sache aber keine Hoffnungen auf eine Revision des BV-Beschlusses machen. Er kann sich aber vorstellen, die rot-weiß-gestreiften Baken mit Baustellencharme durch schmucke Blumenkübel zu ersetzen. Seine BV-Kollegin Sabine Schweizerhof von WIR aus Mülheim, die seiner Zeit gegen die Aufstellung der Baken gestimmt hat, hat Verständnis für den Unmut der Anwohner und glaubt, dass sich Parkbuchten und Fahrbahnmarkierungen besser ins Straßenbild einfügen.


Jetzt sollen erneute Geschwindigkeitsmessungen die Bremswirkung der Baken überprüfen und Straßenplaner Voß ist davon überzeugt, dass die Baken an der Hügelstraße ebenso die Raser ausbremsen, wie sie das bereits auf anderen Straßen getan haben.


Dieser Text erschien am 23. Juli 2010 in der NRZ

Montag, 26. Juli 2010

Wie Realschüler von der Mellinghofer Straße ihre Kompetenzen für das Berufsleben checken ließen




Auch wenn sie jetzt ihre verdienten Sommerferien genießen, haben einige der Neuntklässler von der Realschule an der Mellinghofer Straße in diesen Wochen einen Termin mit Friedrich Mosch, sozusagen ein Nachspiel. Mosch ist Berufsberater bei der Agentur für Arbeit an der Kaiserstraße.In der letzten Woche des abgelaufenen Schuljahres schaute er im Rahmen einer Berufsorientierungswoche in der Dümptener Realschule vorbei, um die Kompetenzen der Neuntklässler zu testen. Das kam gerade recht. Denn die Neuntklässler müssen sich schon jetzt um ihre Bewerbung kümmern, wenn sie nach ihrem Abschluss in der Klasse 10 einen Ausbildungsplatz bekommen wollen.Doch welcher Beruf ist der Richtige?




„Es ist sehr schwer, sich selbst objektiv einzuschätzen“, findet nicht nur Nathalie Garbe. Ein Online-Kompetenzcheck, den die vom Land NRW und der Wirtschaft getragene Stiftung Partner für Schule entwickelt hat, geben ihr und ihren Mitschülern eine erste Orientierungshilfe. Unter www.komptenzcheck.de absolvieren sie im Computerraum ihrer Schule einen Test, der einem klassischen Einstellungstest nachempfunden ist.Da müssen zum Teil in Sekunden Schnelle mathematische Aufgaben gelöst werden. „Gar nicht so leicht, sich in vier Sekunden für die richtige Lösung zu entscheiden“, meint nicht nur Janina Bölefeld. Auch die anderen Aufgaben, bei denen zum Beispiel der Verlauf einer Zahnradreihe nachvollzogen werden oder im Vergleich von vier gedrehten und dreidimensionalen Buchstabenbildern das Ursprungsbild herausgefunden werden muss, haben es in sich.„Die Schüler sollen zu einer realistischen Selbsteinschätzung ihrer Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit kommen“, erklärt Klassenlehrerin Gritt Freiberg-Scheidt das Testverfahrens, bei dem neben dem mathematischen und räumlichen Denken auch das Textverständnis und soziale Kompetenzen auf den Prüfstand kommen.




„Ich kann gut Kontakte knüpfen“, freut sich Nathalie Garbe nach der Auswertung ihres Tests, in dem sie bestimmte Alltagssituationen spontan und goldrichtig als eher kommunikativ oder informativ eingeschätzt hat. Nathalie möchte gerne im Büro arbeiten. Doch Berufsberater Mosch weist sie beim Auswertungsgespräch darauf hin, dass ihre Testergebnisse auch ein gutes technisches und räumliche Verständnis ausweisen.




In den Einzelgesprächen, die er während der Sommerferien vertiefen will, kämpft Mosch immer wieder gegen „Klischees im Kopf“ und dafür „bei der Berufswahl frei heranzugehen“ und auch Alternativen zum vermeintlich allein selig machenden Traumberuf in den Blick zu nehmen. Und so stellt sich etwas heraus, dass Nathalie schon oft ihrem Vater, einem Elektriker bei der Arbeit zugeschaut und assistiert hat. Vielleicht wäre eine technischer Beruf für sie ja auch ein sinnvoller Weg. Gesprächsstoff für einen persönlichen Beratungstermin in der Agentur für Arbeit.




Was den 60-jährigen Berufsberater überrascht, ist die Tatsache, dass er in Beratungsgesprächen immer noch und immer wieder auf geschlechtsspezifische Klischeevorstellungen trifft. „Viele Eltern können sich ihre Tochter eher als Bürokauffrau denn als Elektrikerin vorstellen.“ Gerne bittet Mosch deshalb auch die Eltern zu den Beratungsgesprächen in der Agentur dazu, um genau abzugleichen, wie sie ihre Kinder sehen und wie diese wiederum sich selbst und ihre Fähigkeiten einschätzen.Viel Aufklärungsarbeit muss Mosch auch leisten, wenn es darum geht, dass immer noch sehr traditionell begrenzte Spektrum der zur Auswahl stehenden Berufsbilder zu weiten. „Wenn jemand zum Beispiel gut mi Zahlen umgehen kann, muss er nicht automatisch Bankkauffrau oder Bankkaufmann werden, sondern kann auch im als Lagerfachkraft im Bereich Logistik Karriere machen“, betont Mosch. Aus der Berufsorientierungswoche an der Realschule Mellinghofer Straße hat der Berufsberater den Eindruck mitgenommen, „dass die Realschüler nicht schlechter als früher sind und mit ihrer praxisorientierten Schulausbildung eine guteBeufsperspektive haben“ Längst spürt Mosch bei den jungen Leute eine Trendwende, hin zu der Erkenntnis, dass Abitur und Studium auf dem heutigen Arbeitsmarkt kein Allheilmittel und kein Königsweg mehr sind.




Dieser Text erschien am 22. Juli 2010 in NRZ und WAZ

Sonntag, 25. Juli 2010

Portrait: Der ehemalige Stadtdechant Dieter Schümmelfeder ist sein 50 Jahren Priester: Er sagt: "Ich habe einen schönen Beruf"

Viele kennen ihn noch als Stadtdechanten und Pfarrer von St. Engelbert. Am heutigen Sonntag hat der der ehemalige Generalvikar des Ruhrbistums, Dieter Schümmelfeder, im Essener Dom sein Goldenes Priesterjubiläum gefeiert. Dem Festgottesdienst schloss sich ein Empfang in der Aula des bischöflichen Generalvikariates an.

„Wenn ich heute noch einmal vor der Entscheidung stünde, würde ich es genauso machen“, sagt der 74-Jährige im Rückblick auf seine Priesterweihe durch den ersten Ruhrbischof Franz Hengsbach im Jahre 1960. „Seitdem haben wir 600 000 Katholiken verloren. Deshalb ist der noch andauernde Umstrukturierungsprozess notwendig. Die Menschen müssen über ihren Kirchturm hinausschauen und lernen, pfarrübergreifend zu denken“, beschreibt er den Wandel der Kirche.

„Ich habe einen schönen Beruf“, sagt der Priester, der seine Arbeit als Seelsorger nie nur theologisch, sondern auch sozial verstand. „Nah bei den Menschen zu sein, sie in allen Lebenssituationen zu begleiten und eine Botschaft zu haben, die gut für ihr Leben ist“, begeistert Schümmelfeder bis heute für seinen Beruf. Er räumt aber auch ein: „Es war nicht immer leicht.“ Er weiß, dass es heute schwerer ist, Priester zu sein.„Früher hatten Priester ihre moralische Autorität von Amts wegen. Heute können sie diese nur durch das authentische Vorbild ihrer Person gewinnen“, betont der Jubilar. „Wir müssen ein gutes Bild abgeben, um neue Priester zu gewinnen. Wir dürfen nicht auf die Menschen warten, sondern müssen noch mehr auf sie zugehen“, fordert er von seinen Amtsbrüdern. Missbrauchsfälle im Priesteramt sieht er „als dickes Minus.“

Konsequente Aufklärung und Aufarbeitung sind für ihn die einzige Chance, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Langfristig kann er sich auch eine katholische Kirche mit zölibatär lebenden und verheirateten Priestern vorstellen.

Dieser Text erschien in leicht geänderter Fassung am 17. Juli 2010 in der NRZ

Weitere Informationen zum Thema unter: www.bistum-essen.de

Samstag, 24. Juli 2010

Ein Tischgespräch über unser tägliches Brot im Angesicht des Kulinarischen Treffs an der Ruhr


Noch heute und morgen lädt die MST Feinschmecker und die, die es werden wollen, zum Kulinarischen Treff an der Ruhr. Deshalb sprach ich für die NRZ mit dem Bäckermeister Hans-Ulrich Kahrger einmal über unser tägliches Brot zu sprechen.

Kann das Grundnahrungsmittel Brot eine Delikatesse sein?
Oh, ja. Brot kann eine Delikatesse sein. Beobachten Sie mal. In jedem guten Restaurant wird vor dem Essen knuspriges Brot mit Schmalz oder Butter gereicht. Und da greift jeder zu. Auch zu Haus können Brot und Brötchen ein echter Genuss sein, wenn man sie richtig lagert oder auch mal wieder warm macht und mit einem guten Aufstrich verzehrt.

Macht die Sommerhitze unser tägliches Brot teurer?
Ich habe vor drei Tagen einen Anruf von der Mühle bekommen, die mir mitteilte, dass das Mehl im Preis steigt. Weil die Bauern aufgrund der Hitze nicht mit dem Kornertrag rechnen können, wie im letzten Jahr. Das Korn vertrocknet bei dieser Hitze auf den Feldern.

Wissen die Menschen bei uns ihr tägliches Brot zu schätzen?
Ich glaube schon, dass die Leute ihr tägliches Brot zu schätzen wissen. Entscheidend ist, dass wir als Bäcker die Qualität halten. Vor allem muss das im Brot drin sein, was wir den Leuten auch sagen. Angeboten wird viel. Aber die Menschen wissen vor lauter Inhaltsstoffen oft nicht mehr, was für sie gut ist. Wir stellen unser Brot immer noch so, wie früher, auf handwerkliche Art und ohne Chemikalien oder Schimmelschutz her. Und das wird von den Leuten geschätzt. Frage:

Kennen Sie selbst das harte Brot der frühen Jahre?
Als Kind konnte mich eine Schnitte Brot zum Lachen bringen. Und ich weiß: Kein Brot ist wirklich hart. Auch wenn man heute kaum noch ein Brot verkaufen kann, das ein oder zwei Tage gelegen hat. Aber ich werfe kein Brot weg. Es wird entweder zum halben Preis verkauft oder der Mülheimer Tafel zur Verfügung gestellt.

Gibt es auch heute das harte Brot der frühen Jahre?
Ich will es nicht hoffen. Aber einen Teil davon zu erleben, ist vielleicht gar nicht schlecht, damit man schätzen lernt, was man hat. Wir haben genügend zu essen. Das ist aber nicht überall auf der Welt so.

Backen Sie auch schon mal kleine Brötchen?
Kleine Brötchen backen sollte man nur, wenn man sich schuldig fühlt. Aber als Bäcker sollte man auf jeden Fall immer schöne und große Brötchen backen. Man sollte aber auch den Preis im Auge behalten und immer daran denken, dass die Menschen, die sich ein Brötchen oder ein Gebäckstück kaufen, dafür auch arbeiten müssen und das der Preis im Rahmen bleiben sollte, damit die Menschen Brot, Brötchen und Kuchen auch noch genießen können.

Wann ist für Sie der Ofen aus?
Der Ofen ist gedanklich aus, wenn man nach dem Backen und der Nacht, in der man gearbeitet hat, manchmal sieht, welche Bürokratie und Kosten auf einen zukommen, mit denen man nicht gerechnet hat und die plötzlich da sind. Dann denkt man manchmal schon: Soll ich den Laden nicht lieber zumachen, als mich weiter so zu schinden. Aber dieser Gedanke wird dann doch immer wieder hinten an gestellt.

Wem würden Sie mal wünschen, kleine Brötchen zu backen?
So manchen Politiker würde ich mal wünschen, dass er kleine Brötchen backen und essen muss, weil er gar nicht sieht, mit welchem, gerade jetzt im Sommer auch schweißtreibenden Aufwand so ein Brötchen entsteht. Manchem Politiker täte es sicher mal gut, in der Backstube mitzuarbeiten, um zu sehen, was dem Bäckereihandwerk so alles auferlegt worden ist.

Woran denken Sie dabei?
Jede Trinkhalle und jede Tankstelle darf unsere Produkte von morgens bis abends herstellen und verkaufen. Nur der Bäcker, der das gelernt hat, darf das nicht. Für uns als Bäcker ist es unglaublich, dass wir unser Geschäft nicht auflassen dürfen, um unsere Ware anzupreisen, wenn wir das möchten.

Zur Person: Der Dümptener Bäckermeister Hans Ulrich Kahrger ist 67 Jahre alt und betreibt seit 42 Jahren eine Bäckerei und Konditorei an der Mellinghofer Straße 222. Seinen Beruf bezeichnet er selbst als Berufung. Sein Berufscredo lautet: "Ich verkaufe meinen Kunden das, was ich selbst auch gerne essen würde." Seine Bäckerei hat Kahrger nicht ererbt, sondern erworben. Dennoch trat er beruflich in die Fußstapfen seines Vaters, der auch Bäckermeister war, aber als Soldat nicht aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkam und bis heute als "vermisst" gilt. Die Bäckerei Kahrger ist ein Familienbetrieb, in dem auch Ehefrau Karin und sein 30-jähriger Sohn Andre´mitarbeiten. Der Arbeitstag in der Backstube ist nichts für Morgenmuffel, denn er beginnt schon um zwei Uhr in der Nacht, damit die Kunden ab sechs Uhr morgens frische Brötchen, Brot und mehr bekommen können.

Dieser Text erschien am 24. Juli 2010 in der NRZ

Donnerstag, 22. Juli 2010

Vor 60 Jahren beschrieben der englische Journalist Frank Feldman und seine deutsche Frau Lilo in der NRZ, wie sie Mülheim erlebten


Manchmal liegen die Geschichten auf der Straße. So geht es NRZ-Redaktionsleiter Günter Heubach, vor 60 Jahren im Juli 1950, als er auf der Straße einen jungen Mann in die Lektüre seiner Zeitung vertieft sieht und ihn im Vorbeigehen "Not bad" ("Nicht schlecht!") murmeln hört. Die Beiden kommen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass der junge Mann Frank Feldman heißt und ein englischer Zeitungskorrespondent ist, der mit seiner deutschen Frau Lilo, die ebenfalls als Journalistin arbeitet, das Ruhrgebiet besucht und dabei für einige Tage auch in Mülheim Station macht, um mit seinen eigenen Augen zu sehen, wie sich die ehemalige britische Besatzungszone weiterentwickelt hat. "Frank Feldman überzeugt sich immer selbst an Ort und Stelle, bevor er einen Bericht darüber schreibt", stellt Heubach den 28-jährigen Journalisten seinen Lesern vor.


Feldman habe seine Laufbahn, so Heubach, 1943 bei der Nachrichtenagentur Reuters begonnen, ehe er als freier Korrespondent für Zeitungen in England, USA, Kanada und Australien zu schreiben begann. Für die NRZ-Leser beschreiben Frank- und Lilo Feldmann ihre englische Sicht auf das Mülheim im sechsten Nachkriegssommer. Mit den Mülheimern ins Gespräch zu kommen, ist für das in England lebende Journalistenpaar kein Problem. Denn Deutsch ist seine Muttersprache. Feldmans Wiege stand in Wien. Engländer wurde er erst nach der Flucht aus Nazi-Deutschland im Jahr 1938.

Frank Feldman räumt in seinen Berichten für die Mülheimer NRZ ein, dass das Ruhrgebiet in den Augen seiner englischen Landsleute immer noch als Hitlers ehemalige Waffenschmiede gesehen wird. Umso mehr ist er überrascht, in Mülheim eine "Oase ohne Staub und erstickenden Rauch" zu sehen, die in seinen Augen mit "blühenden Gaben der Natur" ausgestattet sei. Als ausgesprochen verwunderlich empfindet es der englische Journalist, dass Mülheim trotz "der reizvollen Landschaft" und "reicher Schätze der historischen Überlieferung" keinerlei Anstrengungen unternehme, um Touristen anzulocken. Schloss Broich und Kloster Saarn liegen damals noch im Dornröschenschlaf.

Bei einer entsprechenden Werbung, so glaubt Feldman, würden sich vor allem Engländer für das Reiseziel Mülheim begeistern lassen. Und der englische Korrespondent schlägt die Brücke vom Tourismus zur Politik, wenn er drei Jahre vor der Begründung der ersten Mülheimer Städtepartnerschaft mit dem englischen Darlington feststellt: "Wie gut wäre es um das Verstehen unserer beiden Völker bestellt, wenn auch dem kleinen Mann in England die Möglichkeit gegeben würde, selbst an Ort und Stelle ermessen zu können, mit welchen Schwierigkeiten man hier zu kämpfen hat, um wieder zu früherem Wohlstand zu kommen."
Überrascht ist Feldman auch davon, "dass eine Stadt wie Mülheim kein eigenes Theater besitzt, während andererseits seine gepflegten Lokalitäten einen nicht abzuleugnenden Reiz ausüben." Die Stadthalle ist damals noch eine Kriegsruine, die erst sieben Jahre später im neuen Glanz erstrahlen wird. Und bis zum Theater an der Ruhr sind es noch gut 30 Jahre. Damals muss vor allem der Altenhof als Kulturtempel herhalten.

Dennoch sind die Feldmans, die an der Schloßstraße Quartier nehmen, vom städtischen Flair Mülheims begeistert. Ihren Bummel über den Rathausmarkt beschreibt Lilo Feldman als "wunderbar." Wohltuend fällt ihr auf, dass in der Stadt kein Geschäft geschlossen sei und man auch nachmittags, anders, als in England, überall problemlos einkaufen könne. Ihr Ehemann lobt derweil die "vollen Fenster der verschiedentlich sehr ansprechend dekorierten Geschäfte", vermisst aber sein deftiges englisches Frühstück. Ihren morgendlichen Blick auf die Schloßstraße, die damals noch 25 Jahre von der Fußgängerzone entfernt ist, beschreibt Frau Feldman im Juli 1950 so: "Die Straßenbahnen singen vorbei. Die Lastautos rattern vorüber. Scharen von Menschen versuchen mit dem Rad, mit der Straßenbahn oder zu Fuß ihr Arbeitsziel zu erreichen." Was sie im Vergleich zu ihrer englischen Wahlheimat daran verwundert, ist, dass die Büros und Geschäfte schon am frühen Morgen öffnen und auch im Rathaus damals am Samstagvormittag noch gearbeitet wird, während man in Großbritannien 1950 schon die Segnungen der Fünf-Tage-Woche genießt.


Einig sind sich Frau und Herr Feldman auch, dass sich die Mülheimer Hausfrauen anno 1950 wesentlich mehr Mühe mit der Zubereitung der Mahlzeiten machen als ihre britischen Kolleginnen. Das Journalistenpaar aus England bescheinigt den zahlreichen Mülheimer Restaurants, Gartenlokalen und Kaffeehäusern "eine anheimelnde Gemütlichkeit" wie man sie im Vereinigten Königreich nicht antreffe. Lilo Feldmann genießt einen Ausflug mit der Weißen Flotte, die damals bereits im 23. Jahr über die Ruhr schippert, wundert sich aber, dass der Flughafen im 25. Jahr seines Bestehens geschlossen sei. "Stewardess wäre doch ein schöner Beruf für die hübschen Mülheimerinnen, wenn das deutsche Flugwesen wieder eingerichtet wäre," ist Frau Feldmann damals überzeugt. Sicher hätte sie sich über die heutige Aussicht auf eine Schließung des Flughafens gewundert.

Nette Menschen, diese Mülheimer", resümiert Lilo Feldman über ihre Gastgeber und ihr Mann Frank nimmt von Mülheim im Juli 1950 den Eindruck eines "idealen Großstädtchens" mit nach Hause ins Vereinigte Königreich.


Dieser Text erschien am 22. Juli 2010 in der NRZ

Mittwoch, 21. Juli 2010

Hingucken und handeln: Die Arbeiterwohlfahrt bietet Erzieherinnen eine kostenlose Fortbildung zum Thema sexueller Missbrauch von Kindern an


Sexueller Missbrauch von Kindern. Das Thema macht Angst, vor allem, wenn es zum Handeln und zu unangenehmen Entscheidungen zwingt. Als Erzieherin in einer Kindertagesstätte kann man mit diesem Thema schneller konfrontiert werden, als einem lieb ist. "Da gibt eine große Ohnmacht", weiß die Diplom-Sozialpädagogin Yansa Schlitzer (Foto) von der Awo-Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte, Sexualität und Partnerschaft.Deshalb bietet sie zusammen mit qualifizierten Honorarkräften der Arbeiterwohlfahrt eine auf zehn Zeitstunden angelegte Fortbildung an, in der Erzieherinnen kostenfrei lernen können, wie sie Verdachtsmomente erkennen, die auf einen sexuellen Missbrauch hinweisen können, wie sie sich in einer entsprechenden Situation verhalten sollten und wie sie altersgerecht Kinder und Eltern für das Thema sensibilisieren können.


Die Bandbreite reicht von Spielen, in denen Kinder mit ihrem Körper und ihren Gefühlen vertraut gemacht werden, bis zur Gestaltung eines Elternabends, bei dem Eltern dazu angeregt werden, die Persönlichkeit ihrer Kinder zu stärken und sie zu befähigen, im Ernstfall Nein sagen und sich wehren oder Hilfe holen zu können.Drei Kindertagesstätten haben das Fortbildungsangebot in Form eines zwei- bis dreitägigen Workshops bereits wahrgenommen. Es dürfen noch mehr werden.


"Der Bedarf ist da", weiß die Geschäftsführerin der Awo, Adelheid Zwilling. Sie verweist darauf, dass jährlich 20 Anrufe beim Awo-Sorgentelefon Elefon eingehen, die das Thema sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen betreffen. Schlitzer schätzt, dass sie allein in Beratungsgesprächen jährlich mit acht bis zehn Verdachtsfällen konfrontiert wird.Dass die Awo überhaupt in der Lage ist, vorbeugende Aufklärungs- und Fortbildungsarbeit zur Verhinderung des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen zu betreiben, ist nicht mehr selbstverständlich.


Weil die Leonhard-Stinnes-Stiftung zum Jahresbeginn ihre Förderung einstellte, musste der Sozialverband seine vorbeugende Aufklärungsarbeit an Schulen nach 20 Jahren einstellen. An der Gustav-Heinemann-Schule und an der Gesamtschule Saarn schlossen engagierte Eltern die finanzielle Lücke, die auf dieses Angebot für die Schüler der siebten Klassen nicht verzichten wollten. Das kostenfreie Fortbildungsangebot für Erzieherinnen wurde durch eine Projektfinanzierung der Cläre-und Hugo-Stinnes-Stiftung möglich, die insgesamt 50?000 Euro, verteilt auf fünf Jahre, zur Verfügung stellt.Was also können Erzieherinnen tun, wenn sie Verdacht schöpfen oder nach Hinweisen für einen sexuellen Missbrauch von Kindern suchen? Schlitzer will und kann keine fertigen Antworten liefern, warnt aber vor Hysterie und mahnt zur ruhigen Besonnenheit.


Eine guter Anfang sollte aus ihrer Sicht das Hingucken und Hinhören sein, verbunden mit einem regelmäßigen Austausch unter den Kolleginnen. Wenn ein Kind zum Beispiel plötzlich blaue Flecken oder Angstzustände hat oder sich allzu distanzlos verhält, wenn ein Mädchen davon berichtet, dass sie nach dem Duschen immer vom Vater abgetrocknet wird, obwohl sie das längst alleine könnte, oder ein Kind davon berichtet, dass es immer wieder alleine beim alleinlebenden Onkel übernachtet, rät Schlitzer zumindest hellhörig zu werden und die Möglichkeit eines sexuellen Missbrauchs nicht außer Acht lassen.Im Zweifel, auch dazu soll die Fortbildung Erzieherinnen ermutigen, kann man sich auch externe Hilfe bei Beratungsstellen wie der der Arbeiterwohlfahrt holen, ohne gleich mit einem Verdachtsfall zur Polizei gehen zu müssen. "Wir unterliegen der Schweigepflicht", betont denn auch Schlitzer.


Kontakt und Hilfe: Erzieherinnen und Kindertagesstätten, die sich für eine kostenfreie Fortbildung zum Thema sexueller Missbrauch von Kindern interessieren, können sich unter 45 003 225 an Yansa Schlitzer von der Awo-Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte, Sexulaität und Partnerschaft wenden. Dort ist sie auch per E-Mail an: y.schlitzer@awo-mh.de erreichbar. Die Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt ist an der Heinrich-Melzer-Straße 17 zu finden. Weitere Informationen über die Angebote der Arbeiterwohlfahrt gibt es im Internet unter www.awo-mh.de.Kinder und Jugendliche, die Fragen zur Sexualität haben oder Schutz und Hilfe bei sexuellem Missbrauch suchen, erreichen das Elefon der Arbeiterwohlfahrt dienstags und donnerstags von 18 bis 21 Uhr unter der kostenlosen Rufnummer 0 800/666 777 6. Alle Anrufer bleiben anonym und die Mitarbeiter der Awo unterliegen der Schweigepflicht.
Dieser Text erschien am 14. Juli 2910 in der NRZ

Dienstag, 20. Juli 2010

Seit 30 Jahren gibt es in Mülheim eine Verbraucherberatungsstelle: Fragen und Antworten rund um die Lobbyarbeit für den König Kunden


Mit der Eröffnung der ersten Verbraucherberatungsstelle bekam der Verbraucherschutz in Mülheim vor 30 Jahren ein Gesicht und eine Anlaufstelle. Mit der heutigen Leiterin Christiane Lersch sprach ich für die NRZ über die Entwicklung und Arbeitsschwerpunkte der Bartungsstelle, deren Kundenkontakte von etwa 4500 im Jahr 1980 auf rund 20 000 im vergangenen Jahr angestiegen sind.

Warum kam es im Juli 1980 zur Eröffnung der Verbraucherberatungsstelle?
In vielen anderen Städten gab es schon Beratungsstellen. Es hatte sich gezeigt, dass es wichtig ist, Verbraucherzentralen vor Ort zu haben, um eine unabhängige Beratung in Fragen der Haushaltsführung und der Geräteberatung anbieten zu können, weil die Vielzahl der unterschiedlichen Produkte und Geräte im Laufe der Jahrzehnte immer größer geworden war und die Verbraucher eine Orientierungshilfe benötigten. Außerdem bekamen wir damals vom Gesetzgeber auch die Möglichkeit Verbraucher in Rechtsfragen zu beraten. Ab 1983 spielte zum Beispiel das Problem der Sittenwidrigen Kreditverträge eine große Rolle.

Wie hat sich Verbraucherberatung seitdem verändert und weiterentwickelt?
Sie hat sich von der Geräteberatung abgewandt und leistet heute vor allem Rechtsberatung. Anfangs ging es vor allem um die Reklamation defekter Hausgeräte. Heute spielen auch Reise- und Telekommunikationsrecht sowie Internet- und Energierecht, aber auch das Gesundheitswesen eine wichtige Rolle.

Wie behält man als Verbraucherberaterin bei so vielen Rechtsbereichen den Überblick?
Wir werden ausgezeichnet geschult. Und wenn wir uns bei einer Frage nicht sicher sind, haben wir auch eine Verbracherschutzzentrale, die uns mit ihren Fachleuten unterstützend zur Seite steht.

Wo drückt Verbraucher derzeit besonders häufig der Schuh?
Es geht derzeit massiv um Telekommunikationsrecht und Gewinnspiele.

Mit welchen Fragen werden Sie in Beratungsgesprächen konfrontiert?
Bei der Telekommunikation haben wir derzeit das Problem, dass Verträge unterschrieben werden, die die Kunden nicht verstehen. Da werden neben einem Festnetzanschluss auch mal gerne mehrere Mobilfunkverträge abgeschlossen oder es werden Handys versprochen, die dann nicht ausgeliefert werden. Immer wieder wird im Verkaufsgespräch etwas anderes verhandelt, als das, was danach vom Kunden unterschrieben wird. Ich habe einen Kunden, der einen Festnetz und fünf Mobilfunkverträge unterschrieben hat, weil er der deutschen Sprache nicht mächtig ist. Das geht natürlich auf keine Kuhhaut. Auch bei Gewinnspielen haben wir immer wieder das Problem, dass Kunden mehrere Gewinnspiele untergeschoben werden, obwohl sie vielleicht nur eines oder auch gar keines abgeschlossen haben. Das geschieht in der Regel durch unlautere Anrufe, bei denen Kunden ein Gewinnspiel an der Backe haben, wenn sie an der falschen Stelle Ja gesagt haben. Auch wenn sie diesen mündlichen Vertrag dann widerrufen, wird das ignoriert.

Wie können Sie geschädigten Kunden aus der Klemme helfen?
Wir haben in Einzelfällen die Möglichkeit über Kontaktpartner in den Unternehmen die spezielle Situation eines Kunden zu erklären und damit die Verträge wieder zu lösen. Ansonsten gibt es rechtliche Möglichkeiten. Wir prüfen zum Beispiel, ob Widerrufsrechte nicht anerkannt werden, die zu geben sind, wenn ein Vertrag im Internet geschlossen worden ist. Von uns ist aber auch viel Psychologie gefordert, wenn es darum geht, Kunden die Angst zu nehmen, weil sie von Internet-Abzockern, die rechtlich nichts zu melden haben, mit massiven Forderungen bedrängt werden.

Schreiben Sie viele böse Briefe?
Wir haben Musterbriefe, mit denen sich Kunden erst mal selber helfen können. Wir können natürlich auch eine Rechtsvertretung übernehmen. Bei komplizierten Fällen könnten wir auch die Anwältin der Verbraucherzentrale einschalten, die zum Beispiel auch eine außergerichtliche Klärung vorantreibt.

Müsste der Gesetzgeber Geschäfte am Telefon nicht grundsätzlich verbieten?
Es wäre schön gewesen, wenn der Gesetzgeber, damals noch unter Regierungsverantwortung der Großen Koalition, die letzte Rechtsänderung gegen unlauteren Wettbewerb im vergangenen Jahr so vorgenommen hätte, wie wir uns das gewünscht haben, nämlich, dass telefonisch zustande gekommene Verträge vom Kunden noch einmal schriftlich bestätigt werden müssten. Leider hat es damals dagegen eine massive Lobbyarbeit, vor allem durch die Versandhäuser gegeben. Da stehen dann angeblich Arbeitsplätze auf dem Spiel und dann wird eine sinnvolle Lösung eben mal verneint. Das Gesetz soll zwar überprüft werden, aber leider erst in drei Jahren.

Wie kann man sich gegen solche Telefonabzocke schützen?
Sobald man merkt, dass es sich um den unerwünschten und unlauteren Anruf einer Firma handelt gar nichts mehr sagen und einfach auflegen. Man sollte sich nicht in eine Gespräch verwickeln lassen, indem man dann an der falschen Stelle Ja sagt und eine Vertrag am Hals hat.

Wer bezahlt den Verbraucherschutz in Mülheim?
Der Etat der Verbraucherberatungsstelle wird zu je 50 Prozent von Stadt und Land finanziert, abzüglich unserer eigenen Einnahmen. Etwa zehn Prozent unseres Budgets können wir selbst erwirtschaften. Wenn wir zum Beispiel Rechtsberatung durchführen, kostet das sieben Euro. Eine außergerichtliche Rechtsvertretung kostet 19 Euro. Versicherungs- und Altersvorsorgeberatung werden individuell und selbsttragend vom Verbraucher bezahlt. Testberichte aus der Infothek kosten 1,50 Euro und Kopien 15 Cent. Das macht keinen Verbraucher arm.

Bedroht die öffentliche Finanznot die Existenz der Verbraucherberatungsstelle?
Mit der Stadt haben wir einen Vertrag, der bis Ende 2014 läuft. So lange sind unsere Finanzen gesichert. Danach hoffen wir natürlich auf die Weiterführung dieser Beratungsstelle. Bisher sind da alle Zeichen sehr positiv, dass dies auch von der Stadt und allen Parteien gewollt und gewünscht ist. Zurzeit haben wir kein Problem. Wenn es wirtschaftlich noch weiter den Bach heruntergeht, müssen wir noch mal gucken. Aber wir fahren jetzt schon mit geringsten Mitteln.

Warum zahlt sich Steuergeld für Verbraucherberatung aus?
Unsere Arbeit beugt vor. Wir sparen Sozialleistungen, indem wir dafür sorgen, dass Geld, dass wirtschaftlich in Mülheim zur Verfügung steht hier bleibt und nicht in die Kassen dubioser Anbieter abfließt und die Rechte des Verbrauchers einfordern, wenn zum Beispiel Pfändungsgrenzen beachtet werden. So verhindern wir, dass Menschen in Verschuldung abrutschen oder Sozialleistungen bekommen müssen.

Hintergrund: Die 46-jährige Diplom-Ökotrophologin Christiane Lersch leitet die Mülheimer Verbraucherberatungsstelle seit September 2009. Sie trat die Nachfolge der plötzlich verstorbenen Susanne Groth an. In der Beratung unterstützt wird die Ernährungs- und Hauswirtschaftswissenschaftlerin Lersch von ihren Kolleginnen Karin Bordin und Christine Bruns. Vor ihrer Mülheimer Zeit leitete sie ab 1992 die Verbraucherberatungsstellen in Velbert, Bochum und Langenfeld.

Die erste Mülheimer Verbraucherberatungsstelle wurde im Juli 1980 an der Friedrichstraße 21 eröffnet und von Ulrike Hänscheid-Löber geleitet. Später zog die Beratungsstelle zur Friedrich-Ebert- und danach zur Kaiserstraße um, ehe sie im November 2009 vom Forum in ihre heutigen Räume an der Leineweberstraße 54 einzog, wo sie montags und donnerstags von 9 bis 14 und von 15 bis 18 Uhr sowie dienstags und freitags von 9 bis 14 Uhr geöffnet unter der Rufnummer: 3 20 25 oder per Mail an: muelheim@vz-nrw.de erreichbar ist. Weitere Informationen im Internet unter: http://www.vz-nrw.de/ erreichbar ist.

Eine leicht gekürzte Fassung dieses Textes erschien am 20. Juli 2010 in der NRZ

Montag, 19. Juli 2010

Vor 200 Jahren starb Preußens Königin Luise, die als Prinzessin auch Broich besuchte


Ihre Beziehung zu Mülheim war kurz, so wie ihr Leben. Am 19. Juli 1810, also auf den Tag genau, vor 200 Jahren starb Preußens Königin Luise gerade einmal 34 Jahre alt an den Folgen einer Lungenentzündung und, so will es die Legendenbildung, am gebrochenen Herzen.
Als sie 1787, 1789 und 1791 mit ihrer Großmutter, der Landgräfin Marie Luise Albertine von Hessen-Darmstadt, jeweils für wenige Monate, auf deren Besitz Schloss Broich weilte, war sie noch die Prinzessin zu Mecklenburg-Strelitz. Ihr Vater Herzog Karl zu Mecklenburg-Strelitz war Schwager des englischen Königs Georg III. und verwaltete als Gouverneur in dessen Auftrag das Kurfürstentum Hannover.

Weil Lusises Mutter und Stiefmutter früh im Kindbett starben, wurde die Prinzessin von ihrer Großmutter erzogen. Zwei Jahre, nach ihrem letzten Besuch in Broich heiratete Luise den späteren preußischen König Friedrich Wilhelm III. In 17 Ehejahren schenkte sie ihm zehn Kinder und wurde zur Legende, als sie 1807, wenn auch vergeblich versuchte, Napoleon davon zu überzeugen, dem geschlagenen Preußen einen milden Friedensvertrag zu gewähren. Dieser Einsatz, verbunden mit Anmut, Herzenswärme und Volksnähe, ließ die früh verstorbene Luise in der Erinnerung ihrer Landsleute zur Königin der Herzen werden, die als "preußische Madonna" und als Ikone der nationalen Einheit verehrt wurde. Auch in Mülheim fand der Luisenkult seinen Niederschlag. Die Prinzeß-Luisen-Straße in Broich, das Luisental an der Ruhr, die Luisenschule und ihre Büste im Schloss Broich, die früher in den Ruhranlagen stand, halten die Erinnerung an Luise auch bei uns bis heute lebendig.

Samstag, 17. Juli 2010

Guter Rat muss nich teuer sein: Die Alltagsassistenz Hilfe zur Selbsthilfe für ein selbstständiges Leben im Alter


Es kann doch nicht so schwer sein, ein Bild auf- oder eine Gardine abzuhängen, einzukaufen oder mit dem Bus von A nach B zu fahren? So denkt man, wenn man jung und gesund ist. Doch das einfache Alltagsleben kann ganz schön schwer werden, wenn mit dem Alter die Gebrechen kommen und das Portemonnaie am Ende des Monats nicht durch eine gute Rente aufgefüllt wird, mit der man sich die eine oder andere Hilfestellung einkaufen kann.

Hier setzt die Alltagsassistenz der Paritätischen Initiative für Arbeit (Pia) an. "Wir wollen, dass alte Menschen möglichst lange selbstständig in ihren eigenen vier Wänden leben können. Und wir wissen, dass eine zweite Hand dabei sehr hilfreich sein kann", beschreibt ihre Leiterin, Sabine Dams, die Aufgabe. Annemarie Kirchenbauer (87) und Karin Zimmermann (62) wissen, wovon Dams spricht. Die Seniorinnen, die mit großen Handicaps und kleinen Renten zu kämpfen haben, bekommen von ihrer Alltagsassistentin Vesna Jovanovic Besuch (49). Sie nimmt sich drei bis vier Stunden Zeit, um mit den Damen zu kochen, Einkäufe zu erledigen oder sie zum Arzt zu begleiten. Gemeinsame Spaziergänge, Konzert- oder Friedhofsbesuche können auch zur Alltagsassistenz gehören. "Ich fühle mich sicherer, wenn sie bei mir ist," sagt Zimmermann über ihre Assistentin. Mit Jovanovic an ihrer Seite kann sie auch wieder Bus und Bahn fahren, was der an Parkinson leidenden Frau sonst nicht mehr möglich wäre. "Ich nehme wieder am Leben teil, aber es ist nicht leicht, Hilfe anzunehmen, wenn man sie nicht bezahlen kann," weiß Kirchenbauer. Das ist die Hemmschwelle, die auch in Dams Augen viele Ältere und hilfsbedürftige Menschen davon abhält, den Weg zur Alltagsassistenz zu finden.

Kirchenbauer selbst ist froh, dass sie ihre eigene Hemmschwelle überwunden hat. "Ich bin glücklich, dass es so etwas in Mülheim gibt", sagt die 87-Jährige, die selbst früher ehrenamtlich tätig war und als Arzthelferin gearbeitet hat. Sie genießt die Besuche ihrer Alltagsassistentin nicht nur, weil sie ihr zum Beispiel beim Beziehen der Betten hilft oder mit ihr das Mittagessen kocht, sondern weil sie sich in ihrer Gesellschaft nicht mehr einsam fühlt: "Ich kann mich unterhalten und an der einen oder anderen Stelle auch mein Wissen noch weitergeben," freut sich Kirchenbauer.

Und Jovanovic, die ihre Arbeit "als sehr vielseitig" empfindet, sieht sich keineswegs nur als Dienstleisterin. "Manchmal fühle ich mich, als wenn ich eine nette Großmutter besuche. Man bekommt auch viel zurück. In den Gesprächen kann ich immer wieder von der Lebenserfahrung profitieren und erleben, dass man seinen Kopf nicht hängen lassen muss, wenn es im Leben mal nicht so gut lauft. Die alleinerziehende Mutter, die ihren Beruf als Sozialpädagogin aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste und jetzt als Arbeitslosengeld-II-Bezieherin zu der mit 2,50 Euro pro Stunde entlohnten Arbeitsgelegenheit kam, weiß, wie es sich anfühlt, wenn es im Leben nicht rund lauft. Doch jetzt strahlt sie über das ganze Gesicht, wenn sie von den Begegnungen mit den Menschen berichtet, die ihre Hilfe brauchen.

"Der Bedarf ist da," weiß Dams, die die Alltagsassistenten in einer Schulung auf die sozialen, medizinischen, kommunikativen und rechtlichen Aspekte ihrer Arbeit vorbereitet hat. "Wir legen Wert darauf, dass hier immer mehr als eine oder zwei Hände im Spiel sind," unterstreicht sie den Assistenzcharakter, der für die Kunden kostenlosen Dienstleistung. Die Alltagsassistenten sollen nicht alleine für ihre Klienten, sondern immer mit ihnen daheim und unterwegs arbeiten.

Jovanovic könnte sich auch vorstellen, dauerhaft und hauptberuflich als Alltagsassistentin zu arbeiten. Doch ihre jetzige Arbeitsgelegenheit, die von der Sozialagentur finanziert wird, bleibt ein Intermezzo. Nach zwölf Monaten ist für die Alltagsassistentin Schluss.

Der Leiter der Sozialagentur, Matthias Spies, hält die Alltagsassistenz zwar für sinnvoll, aber derzeit nicht für ausbaubar, weil sie keine Arbeitsplätze bei kommerziellen Dienstleistern gefährden soll. Auch wenn Spies sich vorstellen kann, dass sich das im Zuge des demografischen Wandels eines Tages ändern wird, sieht er für diese Alltagsdienstleistung derzeit noch keinen sich selbst tragenden Markt. Was deren Leiterin Mut macht, ist die Tatsache, dass die Arbeitsgelegenheit als Alltagsassistent immerhin in sieben von bisher 40 Fällen zu einem Sprungbrett in eine soziale Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt geworden ist.
Lesen Sie weiter: Hintergrund: Was die Alltagsassistenz leistet
Dieser Text erschien am 17. Juli 2010 in der NRZ

Hintergurnd: Was leistet die Alltagsassistenz?


Die von Diplom-Sozialwissenschaftlerin Sabine Dams geleitete Alltagsassistenz wurde im April 2008 von der Stadt ins Leben gerufen und von der Paritätischen Initiative für Arbeit organisiert. Sie hat seitdem über 100 Senioren geholfen. Sie kann von Menschen ab 65 in Anspruch genommen werden, die einen Mülheim-Pass haben, weil sich ihre Rente auf dem Niveau der sozialen Grundsicherung bewegt, aber auch von jenen, die keine 65, aber schwerbehindert sind. Das Büro an der Viktoriastraße ist montags bis freitags (8-18 Uhr) und samstags (10-14 Uhr) geöffnet und unter der Rufnummer: 0208/84 85 727 telefonisch erreicghbar. Am ersten Samstag des Monats ist die Alltagsassistenz von 10 bis 14 Uhr mit einem Infotisch vor Edeka im Forum anzutreffen. Außerdem lädt sie am dritten Mittwoch des Monats um 15 Uhr zum Kaffeeklatsch in die Seniorenresidenz Sommerhof ein.

Mittwoch, 14. Juli 2010

Hintergrund: Daten und Fakten zur Katholischen Akademie Die Wolfsburg, die vor 50 Jahren eröffnet wurde


Die 1960 in der Wolfsburg eröffnete Katholische Akademie des Ruhrbistums führt heute jährlich 200 eigene Tagungen durch und ist darüber hinaus Gastgeberin von Tagungen, die nicht in ihrer eigenen Regie, sondern zum Beispiel von Universitäten, Unternehmen und Gewerkschaften oder kirchlichen Trägern durchgeführt werden.


Der promovierte Erziehungswissenschaftler, Theologe und Psychologe Michael Schlagheck leitet die Akademie, in der jährlich rund 25 000 Gäste über Gott und die Welt reden und nachdenken, seit 1995. In der Wolfsburg, die 50 Mitarbeiter vom Dozenten bis zum Haustechniker beschäftigt, stehen auch 70 Gästezimmer für Tagungsteilnehmer zur Verfügung, die von weit her kommen und deshalb in der Akademie übernachten möchten.


Weitere Informationen über die Arbeit der Katholischen Akademie Die Wolfsburg am Falkenweg 6 in Speldorf lesen Sie im nachfolgenden Interview mit ihrem Direktor Michael Schlagheck.


Darüber hinausgehende Informationen zur Akademie finden Sie im Internet unter: www.die-wolfsburg.de

Ihr sollt kein katholisches Ghetto sein: Ein Gespräch über 50 Jahre Katholische Akademie Die Wolfsburg


Seit 50 Jahren ist die Katholische Akademie Die Wolfsburg eine wichtige Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft. Dazu passte die prominente Gratulantin. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach im März 2010 im Rahmen einer Feierstunde zum Jubiläum in der Wolfsburg über Solidarität und soziale Sicherheit. Der Akademiedirektor Michael Schlagheck äußert sich in diesem Interview darüber, wie die Wolfsburg entstanden ist, wie sie sich weiterentwickelt hat und was sie heute und morgen leisten kann.


Wie kommt die Katholische Akademie zu ihrem ungewöhnlichen Namen Wolfsburg?
Das bereits 1906 errichtete Gebäude der Akademie war früher ein Hotel mit gleichem Namen, der sich darauf bezog, dass es noch bis ins 19. Jahrhundert in den umliegenden Wäldern Wölfe gab. Als der erste Ruhrbischof Franz Hengsbach nach der Bistumsgründung 1958 Örtlichkeiten für eine katholische Akademie suchte, hat er zunächst das Schloss Broich im Blick, hörte aber dann von dem hiesigen Hotel, das damals verkauft werden sollte. Hengsbach wurde sich mit dem Hotelbesitzer handelseinig und behielt den eingebürgerten Namen einfach bei.


Warum braucht das Ruhrbistum eine katholische Akademie?
Hengsbach wollte hier einen Ort schaffen, an dem vieles aus Kirche, Theologie, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Gewerkschaften zusammengeführt. Er selbst hat den Mitarbeitern der Wolfsburg mit auf den Weg gegeben: "Ihr sollt kein katholisches Ghetto sein." Es ging ihm ganz im Geiste des 1962 begonnenen II. Vatikanischen Konzils um eine Öffnung der katholischen Kirche und eine Spurensuche Gottes in den verschiedenen gesellschaftlichen Wirklichkeiten, deren Vertreter hier miteinander und mit Glauben und Kirche ins Gespräch gebracht werden sollten. Das ist bis heute aktuell.


Wie hat sich der Akademiebetrieb verändert?
Unsere Gesellschaft ist heute deutlich pluraler als früher. Das heißt für uns. Es ist heute schwer sich mit Allgemeinwissen in den gesellschaftlichen Dialog einzubringen. Heute müssen wir uns ganz gezielt auf bestimmte konzentrieren und Kooperationspartner suchen, mit denen wir dann gemeinsame Projekte entwickeln können. Wurde früher auch schon mal bei einer offenen Akademie über kontroverse Themen, wie etwa das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaften diskutiert, so suchen wir uns heute Kooperationspartner, mit denen wir dann bestimmte Themenbereiche bearbeiten. Dann bieten wir zusammen mit türkischen und islamischen Vereinen eine Tagung zu Migration und Integration an, begleiten in Zusammenarbeit mit Krankenhäuser Ärzte in ihrer medizinethischen Ausbildung oder führen in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) drei sportethische Studientage an, die jeder absolvieren muss, der beim DOSB eine Trainerlizenz erwerben möchte.


Greift die Akademie auch aktuelle und umstrittene Fragen auf?
Auf jeden Fall. Daran können wir nicht vorbeigehen. So haben wir im Juni bei einer Tagung mit Theologen, Psychologen und Medizinern das Thema Pädophilie und sexueller Missbrauch sowohl aus der Täter- wie aus der Opferperspektive beleuchten, um die Ursachen dieses Problems zu verstehen. Auch das Thema Homosexualität wird die Akademie demnächst aufgreifen.
 
Ist die Wolfsburg eine Denkfabrik?
Ich würde das selbst über uns nicht sagen. Aber wenn das andere sagen, freue ich mich darüber. Die katholische Akademie ist ein Ort, an dem weitergedacht wird. Wir sind nah an den Themen der Zeit und wollen die Wirkung von Glauben diskutieren und auch den Mut aufbringen, Dinge infrage zu stellen und wenn nötig aus dem Glauben heraus auch ungleichzeitig und sperrig zu sein.

Welche Rolle spielen Sie im Rahem der Kulturhauptstadt Ruhr 2010?
Als katholische Akademie haben wir die Federführung für alle kirchlichen Aktivitäten im Rahmen von Ruhr 2010 übernommen. Wir haben kulturelle Initiativen entwickelt und zusammengeführt. Wir laden zum Beispiel zu Tagungen, Ausstellungen, Konzerten und Lesungen ein. Zusammen mit der Essener Philharmonie und der Folkwanguniversität beleuchten wir mit einer Tagung und Konzerten die Entdeckung und Entwicklung der Mehrstimmigkeit. Außerdem laden wir im Herbst zu einem Symposium über die Umnutzung von nicht mehr gebrauchten Kirchen ein, eine Frage, die im Bistum Essen bereits beantwortet werden muss und für andere Bistümer auch noch aktuell werden dürfte.


Wie wird der Akademiebetrieb finanziert?
Ein Drittel unserer Mittel kommen aus dem Haushalt des Bistums. Fünf Prozent unseres Budgets wird mit Landeszuschüssen im Rahmen des Weiterbildungsgesetztes finanziert. Und den Rest müssen wir durch Tagungsbeiträge oder durch eine Projektfinanzierung bestreiten, die sich zum Beispiel aus der Kooperation mit Stiftungen, Unternehmen und Verbänden ergibt. Darüber hinaus gibt es einen Förderverein, der die Arbeit finanziell unterstützt.


Können Sie Zahlen nennen?
Das möchte ich nicht tun. Aber in einer Zeit knapper werdender kirchlicher Mittel ist klar, dass man wirtschaftlicher als früher denken und eigene Mittel erbringen muss.

Hat die Katholische Akademie angesichts dieser strukturellen Veränderungen, die praktisch eine nicht nur finanzielle Verschlechterung der Rahmenbedingungen mit sich bringen werden Zukunft?
Ich habe die Gewissheit, dass die katholische Akademie eine gute Perspektive hat, weil die Aufgabe, Kirche und Gesellschaft miteinander ins Gespräch zu bringen, nicht überholt ist. Sie wird in einer radikal pluralen Gesellschaft , die nach gemeinsamen Werten und Grundsätzen suchen muss, wenn sie nicht auseinanderfliegen will, immer wichtiger. Das zeigt auch die Diskussion über die ethischen Konsequenzen, die aus der Finanzkrise zu ziehen sind, wenn diese sich nicht wiederholen soll.

Samstag, 10. Juli 2010

Die Initiative Tschernobyl-Kinder hat wieder junge Gäste aus Weißrussland, diesmal als Kulturbotschafter: Ein Gespräch mit Dagmar van Emmerich

Die 1992 gegründete Initiative Tschernobyl-Kinder konnte mit Hilfe von Spenden, Gastfamilien und den Einnahmen des Tschernobylladens an der Bachstraße bisher 1600 weißrussischen Kindern und Jugendlichen, die von der den Folgen der Reaktorkatastrophe in Mitleidenschaft gezogen wurden, einen Erholungs- und Behandlungsaufenthalt in Mülheim ermöglichen. In dieser Woche sind 48 Kinder und Jugendliche aus dem weißrussischen Zhodino zu Gast in Mülheim, wo die Initiative ein barrierefreies Jugendzentrum eingerichtet hat. Zur Besuchergruppe gehört auch Zhodinos Bürgermeister Vassily Grischenko. Für die NRZ fragte ich die Gründerin und Vorsitzende der Tschernobyl-Initiative, Dagmar van Emmerich, zu den Hintergründen des aktuellen Besuches.

Was ist bei diesem Besuch aus Weißrussland anders?
Dass er diesmal unter der Überschrift Jugendbegegnung und Kulturprojekt steht und nicht unter der Überschrift Erholungsaufenthalt.Frage: Womit wird das deutlich?Antwort: Unsere Gäste sind in diesem Jahr zu 85 Prozent junge Musiker, Tänzer und Sänger.

Wird man etwas von ihrer Kunst zu sehen und zu hören bekommen?
Sie werden am Samstag, 10, Juli, um 15 Uhr eintrittsfrei mit einem reichhaltigen Programm aus Chor- und Sologesang sowie mit einer Orchesteraufführung und hervorragenden Instrumentalsolisten im Rahmen des von den Duisburger Philharmonikern initiierten Ruhr-2010-Projektes Interfaces zusammen mit Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet, aus Chile und unserer finnischen Partnerstadt Kovola zu sehen und zu hören sein.

Was bedeutet dieses Gastspiel für die jungen Weißrussen?
Das ist für die Jugendlichen aus Zhodino ein ganz besonderes Ereignis, an einem internationalen Jugend-Kultur-Projekt teilnehmen zu können. Das hat auch in der ganzen Stadt Begeisterung ausgelöst. Seit letztem Jahr wird geprobt und einstudiert. Mittelpunkt ist dabei das von uns eingerichtete Jugendzentrum in Zhodino.

Warum gehört diesmal auch Zhodinos Bürgermeister zu den Gästen?
Er ist stolz auf seine jungen Leute, möchte hier aber auch von einem Know-How-Transfer profitieren. Ein ganz wichtiges und drängendes Problem ist für die Menschen in Zhodino die Müllentsorgung. Deshalb hatten wir gestern einen umfangreichen Informationsbesuch bei der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft. Und wir haben Grund zu hoffen, dass sich auch der Geschäftsführer der MEG mal Zeit nehmen wird, um nach Weißrussland aufzubrechen.

Wo steht Ihre Hilfsinitiative? Wie hat sie sich weiterentwickelt?
Den Gedanken der humanitären Hilfe für die Opfer der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl verlieren wir natürlich nicht aus dem Auge. Das ist uns wichtig. Dazu werden wir 2011 auch eine Ausstellung in Mülheim haben. Wir sehen aber auch eine gute Möglichkeit durch das Kennenlernen junger Menschen, die auf einer anderen Ebene als der des Erholungsurlaubs zu uns kommen können, junge Leute aus Weißrussland und Deutschland viel mehr und selbstverständlicher zusammenzubringen. Darin sehe ich eine Perspektive und Notwendigkeit für die gemeinsame Zukunft.

Dieser Text erschien am 9. Juli in der NRZ

Freitag, 9. Juli 2010

Hans Günter Bruns: Ein bodenständiger Fußballprofi mit Mülheimer Wurzeln

Am Mittwoch verlor Deutschland das WM-Halbfinale gegen Spanien mit 0:1. An die Begegnung beider Mannschaften hat Hans-Günter Bruns ebenfalls schlechte Erinnerungen. "Bei einem Unentschieden wären wir weiter gewesen. Aber dann haben wir durch ein Kopfballtor in der 90. Minute unglücklich verloren und waren aus dem Turnier", erinnert sich der heute 55-Jährige Ex-Fußball-Profi aus Mülheim an die Niederlage gegen Spanien, die er als Ersatzspieler auf der deutschen Reservebank miterlebte und die Deutschland 1984 das Europameisterschafts-Aus in der Vorrunde brachte. Auch im Europameisterschaftsfinale 2008 sollte Deutschland ebenfalls mit 0:1 das Nachsehen gegen Spanien haben. Jetzt hoffte Bruns mit allen anderen deutschen Fans vergeblich auf ein glücklicheres Ende für die deutsche Nationalmannschaft, in deren Trikot er selbst viermal gespielt hat.

Dennoch sieht Bruns, dessen Fußballerlaufbahn beim RSV in Heißen und bei Rot Weiß Mülheim begann, nachdem er bereits als kleiner Knirps in einer Straßenmannschaft am Winkhauser Weg gekickt hatte, die von den Medien geschürte Weltmeisterschaftseuphorie "sehr durchwachsen". Vor allem die Fernsehkommentare zu den WM-Spielen sind aus seiner Sicht als Fußballer "ahnungslos" und deshalb das Geld der Rundfunkgebührenzahler nicht wert. Obwohl Bruns keinen Hehl daraus macht, dass er in seiner Zeit als Fußballprofi bei Clubs wie Schalke 04, Wattenscheid 09, Fortuna Düsseldorf und Borussia Mönchengladbach "wirklich gutes Geld verdient hat", empfindet er den medialen und kommerziellen Trubel um den heutigen Profifußball als "zu wenig realitätsbezogen und abgehoben".Der Profi, der seine Spielerkarriere, während der er in Mülheim wohnen blieb, nach 366 Bundesliga-Spielen in 17 Jahren 1990 beendete, schätzt, dass sich die Spielergehälter nicht zuletzt durch lukrative Werbeverträge seitdem etwa verzehnfacht haben dürften.

Obwohl der gelernte Versicherungskaufmann Bruns als Trainer des Zweitligisten Rot Weiß Oberhausen heute auch sein Geld mit Fußball verdient, hat er immer Wert darauf gelegt, "dass der Spaß am Fußball nicht unter die Räder kommt." Deshalb zog es Bruns, der in den frühen 80er und 90er Jahren den VFB Speldorf trainierte, auch immer zu Clubs, in denen es eher familiär zugeht.Kann er aus seiner eigenen Erfahrung ambitionierten Nachwuchsspielern eine Profikarriere in der Bundesliga empfehlen? "Wenn man das Talent und die Qualität dazu hat, sollte man es probieren, aber auch zweigleisig fahren und eine Berufsausbildung machen. Denn eine Fußballerkarriere kann auch schnell zu Ende sein, wenn man sich zum Beispiel verletzt oder doch nicht so gut ist, wie man es selbst geglaubt hat", erklärt Bruns.

Was den früher von ihm trainierten VFB Speldorf angeht, sieht er mit der NRW-Liga , für die jetzt das Ruhrstadion umgebaut wird, die sportlichen und finanziellen Möglichkeiten ausgereizt, weil sich die zahlungskräftigen Sportsponsoren, die es in Mülheim gebe, eher für Tennis und Hockey als für Fußball interessierten.

Dieser Text erschien in leicht veränderter Fassung am 7. Juli 2010 in der NRZ

Styrum: Endlich wieder freie Fahrt durch die Unterführung an der Steinkampstraße


Der letzte Handschlag an der Baustelle im Bereich zwischen Steinkampstraße, Hauskampstraße und Friesenstraße ist symbolischer Art: Bezirksbürgermeisterin Heike Rechlin-Wrede und Bauarbeiter Frank Arnscheidt räumen am Mittwochvormittag die letzte Absperrung aus dem Weg. Jetzt kann der Verkehr wieder durch die Unterführung am Styrumer Bahnhof fließen. Zwölf Monate war sie wegen der Straßen- und Rohrbauarbeiten gesperrt. Jetzt liegt die Steinkampstraße etwa 35 Zentimeter tiefer, so dass auch Lastwagen problemlos die 3,80 Meter hohe Brücke unterqueren können.Anwohner Hans-Peter Raddatz drückt seine Gefühlslage mit einem Transparent aus: „Gott sei es gedankt“, ist da zu lesen. Dazu passt, dass wie bestellt, aber doch rein zufällig , ausgerechnet der Pfarrer von St. Barbara, Manfred von Schwartzenberg, mit seinem Motorrad als erster die wieder freigegebene Unterführung an der Steinkampstraße passiert.


Nicht nur Anwohner Raddatz und seinem Nachbarn Heinz Freese von der Hauskampstraße fällt ein Stein vom Herzen, denn mit dem Abschluss der Bauarbeiten ist auch die Zeit der nervenaufreibenden Umwege vorüber. Allerdings ist Freese überzeugt, dass die Bauarbeiten viel früher hätten abgeschlossen sein können. Immer wieder habe er nur zwei oder gar keine Arbeiter an der Baustelle gesehen. Bezirksbürgermeisterin Rechlin-Wrede dankt den Anwohnern für ihr Verständnis und ihre Leidensfähigkeit, sieht den Zeitplan der Bauarbeiten aber nur um drei Wochen überschritten und spricht von einer „sinnvollen Investition in die Infrastruktur.“Die Kosten für die Straßenbauarbeiten beziffert sie auf 500 000 Euro und weist darauf hin, dass mit Hilfe des Konjunkturpaketes II, dass die Steinkampstraße zwischen Hauskamp- und Friesenstraße mit lärmoptimiertem Asphalt, zwei Bushaltestellen und neuen Parkplätzen ausgestattet werden konnte.


Mit der Tieferlegung der Steinkampstraße mussten im Bereiche zwischen Hohe- und Poststraße auch vier große Wasserversorgungsleitungen der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft ausgetauscht werden, was noch einmal mit 600 000 Euro zu Buche schlug.Was die Bauarbeiten besonders schwierig machte, waren unvorhergesehene, weil in den Plänen nicht verzeichnete Leitungen und Betonfundamente. „Solche Bauarbeiten möchte ich in den nächsten fünf Jahren nicht mehr erleben“, gab die städtische Bauleiterin Britta Us zu, die viele Überstunden in das Projekt investiert hatte.


Dieser Text erschien am 8. Juli in NRZ und WAZ

Mittwoch, 7. Juli 2010

Ein Gespräch mit dem Fußballfachmann Axel Benzinger über den Mehrwert und die Baustellen eines Volkssportes


Während der Weltmeisterschaft in Südafrika sprechen alle über Fußball. Ich auch. Für die NRZ fragte ich den Fußballfachmann Axel Benzinger nach dem sozialen Mehrwert und den Baustellen, die der Fußball auch in Mülheim hat.


Warum sollte man Fußball spielen?

Fußball ist ein Teamsport. Da kann man lernen, auch mit Menschen zu spielen und zu arbeiten, die man vielleicht nicht mag, aber die man neben sich duldet. Das Schönste im Fußball sind aber die Freundschaften, die man gewinnen und ein Leben lang behalten kann. Das habe ich meinen Kindern vorgelebt und auch allen Jugendlichen und Senioren gesagt, die ich trainiert habe.


Warum fasziniert Fußball so viele Menschen?

Das hat mit seiner starken Medienpräsens zu tun und damit, dass sich Menschen mit einem Verein oder einer Nationalmannschaft identifizieren können. Das gilt nicht nur für die Bundesligaclubs, sondern auch für Mülheim, wo etwa der VfB Speldorf eine große Fangemeinde gewonnen hat. Schon bei den Bambinis schweißt Fußball die Menschen zusammen, weil man gemeinsam Siege und Niederlagen erleben kann.


Rechtfertigt diese Anziehungskraft auch in Zeiten leerer öffentlicher Kassen einen millionenschweren Umbau des Ruhrstadions?

In einer Stadt mit 170 000 Einwohnern muss es ein kleines und repräsentatives Stadion geben. So wie es auch ein repräsentatives Schwimmbad oder andere sportliche und kulturelle Einrichtungen geben muss. Dabei ist es egal, ob dort der VfB oder ein anderer Verein spielt.


Was haben die Bürger davon?

Das Ruhrstadion ist Gott sei Dank mit Kunst- und nicht mit Naturrasen ausgelegt worden. So wird es das ganze Jahr über nicht nur für den VfB Speldorf, sondern auch für Schulen und Jugendmannschaften bespielbar sein. So gerne ich den Sportplatz am Blötter Weg hatte. Er reicht für die NRW-Liga mit so prominenten Mannschaften wie Rot Weiß Essen oder Bayer Uerdingen nicht mehr aus. Ich gehe davon aus, dass dort in Zukunft mehr Zuschauer sich die Spiele des VfB Speldorf ansehen werden.


Kann Fußball ein Lehrmeister der Jugend sein?

Es geht beim Fußball vor allem um Spaß und Bewegung. Und da haben wir bei unseren Kindern noch einigen Nachholbedarf. Besonders erfreulich ist, dass immer mehr Mädchen in die Vereine drängen. Der Mädchenfußball ist heute auf dem Vormarsch. Fußball ist heute nicht mehr nur ein Jungensport.


Viele Fußballprofis haben das Kicken auf der Straße gelernt. Das ist für die meisten Kinder heute nicht mehr möglich.

Das ist ein echtes Problem. Deshalb ist es gut, dass die Stadt und der Deutsche Fußballbund verstärkt kleine Kunstrasenplätze wie zum Beispiel an der Boverstraße eingerichtet haben. Der Mülheimer Sportservice hat mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket des Bundes kleine Kunstrasenplätze in Mintard und Heimaterde bauen können. Auch in unserer Fußballhalle erlebe ich immer wieder, wie gerne Jugendliche Fußball spielen, die es auf der Straße nicht mehr können, weil das unsere Verkehrsgegebenheiten nicht mehr zulassen.


Sind Fußballer noch Vorbilder?

Die Profifußballer müssen sich bewusst sein, dass sowohl ihre üblen Fouls als auch ihre Schwalben leider dazu führen, dass es gerade im Jugendfußball Nachahmer gibt. Das kann man nicht oft genug anprangern. Ich schaue mir oft Jugendspiele an und bin schockiert, wenn ich Spiele im Bereich von Acht- bis Zwölfjährigen sehe, wo es zu Eklats, Schlägereien und Spielabbrüchen kommt. Dann frage ich mich schon, inwieweit der Fußball da schon im unteren Bereich Fehler macht.


Wie kann man dagegen wirken?

Man kann nur durch gut aufgestellte Jugendabteilungen dagegen wirken, also durch ausgebildete Trainer, die auch in der Lage sind, Einfluss auf die Eltern zu nehmen. Denn die Aggressivität geht nicht von den Kindern aus, sondern wird von außen durch übermotivierte Eltern und Trainer in die Spiele hineingetragen.

Zur Person:

Der im NRW-Sozialministerium tätige Landesbeamte Axel Benzinger (61) war über 30 Jahre als ehrenamtlicher Fußballtrainer: bei TUS Union 09, Rot Weiß Mülheim, MSV 07 und TSV Heimaterde aktiv. Zwischenzeitlich leitete er auch die Fußballfachschaft des Mülheimer Sportbundes und gehörte zu den Initiatoren des Jugendfußballtages. Seit Oktober ist er nebenberuflich Mitbetreiber einer Fußballhalle. Viele Mülheimer kennen Benzinger auch durch seine ehrenamtliche Vorstandsarbeit im Städtepartnerschaftsverein, wo er sich um die Finnlandkontakte kümmert.


Dieser Text erschien am 3. Juli 2010 in der NRZ

Dienstag, 6. Juli 2010

In Mülheims polnischer Partnerstadt Opole fiel Komorowskis Wahlsieg deutlicher aus als im Landesdurchschnitt

Wenige Tage nach der Bundespräsidentenwahl hat auch unser Nachbarland Polen einen neuen Präsidenten bekommen. Während der Präsident in Deutschland indirekt durch die Bundesversammlung gewählt wurde, hatten die Bürger in Polen und damit auch in Mülheims polnischer Partnerstadt Opole, dem bis 1945 zu Deutschland gehörenden Oppeln, die Möglichkeit der direkten Wahl ihres Staatsoberhauptes. Der polnische Staatspräsident hat im Gegensatz zum deutschen Bundespräsidenten nicht nur repräsentative Aufgaben. Er ist Oberbefehlshaber der Armee und kann mit seinem Veto in die Gesetzgebung eingreifen.Der Wahlsieg des liberalen Kandidaten Bronislaw Komorowski fiel mit einem Stimmenanteil von 73,76 Prozent der Stimmen in der Partnerstadt Opole deutlicher als im Landesdurchschnitt aus, wo der Bewerber der liberalen Bürgerplattform um Ministerpräsident Donald Tusk 53,01 Prozent der Stimmen gewann.

Sein nationalkonservativer Gegenkandidat, Ex-Premierminister Jaroslaw Kaczynski, Bruder des im April bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Präsidenten Lech Kaczynski, errang landesweit 46,99 Prozent, in Opole aber nur 26,24 Prozent. Insgesamt 58,42 Prozent der 97 130 wahlberechtigten Oppelner Bürger gaben am Sonntag ihre Stimme bei der Präsidentenwahl ab. Damit lag ihre Wahlbeteiligung im polnischen Landesdurchschnitt.

Wahlberechtigt waren am Sonntag auch 910 polnische Staatsbürger mit Wohnsitz in Mülheim. Sie konnten im polnischen Konsulat in Köln oder per Briefwahl ihre Stimme abgeben.Lebensmittelpunkt Mülheim Einer von ihnen ist Woijciech Brzeska, Pressesprecher der Mülheimer Sozialholding. Er ist polnischer und deutscher Staatsbürger. „Ich habe auf die Stimmabgabe verzichtet, weil ich meinen Lebensmittelpunkt in Deutschland sehe. Aber ich habe die Wahl in Polen mit Interesse verfolgt“, betont Brezska. Er freut sich über den Sieg des Liberalen Komorowski, weil er davon positive Impulse für die deutsch-polnischen Beziehungen und die Europapolitik Polens erwartet.

Bei einer Direktwahl des Bundespräsidenten, die er sehr begrüßen würde, hätte Brzeska übrigens für Joachim Gauck gestimmt, „weil er sich große Verdienste um die Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen erworben und die Menschen davon überzeugt hat, dass man das begangene Unrecht erst aufarbeiten muss, ehe es eine Versöhnung zwischen Tätern und Opfer geben kann.“

Dieser Text erschien am 6. Juli 2010 in der NRZ

Montag, 5. Juli 2010

Wie die Caritas Jugendlichen eine Starthilfe für das selbstständige Leben in den eigenen vier Wänden gibt

„Mit 17 hat man noch Träume“, sang einst Peggy March. Das ist Schlager. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Mit 17 oder 18 den eigenen Alltag zu organisieren und in den eignen vier Wänden so zu wirtschaften, dass am Ende des Monats die Rechnung aufgeht, ist kein Kinderspiel.Die erste eigene Wohnung. Das klingt, wie ein Traum. Es kann aber auch zum Alptraum werden, wenn man zwischen ungewaschener Wäsche und unbezahlten Rechnungen den Überblick verliert.Deshalb haben die Caritas-Sozialdienste, unterstützt von der Jugendhilfe und dem Kommunalen Sozialen Dienst, das Projekt Wohnstart 17 plus ins Leben gerufen.

Dahinter verbirgt sich eine Wohngemeinschaft in bester Innenstadtlage, in der zurzeit vier 17- und 18 Jahre junge Frauen das selbstständige Leben im eigenen Haushalt lernen. Unterstützt werden sie dabei von zwei Sozialarbeiterinnen der Caritas, die regelmäßig in der WG vorbeischauen, um bei Alltagsfragen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das könne bei der Frage „Wie mache ich eigentlich Kartoffelpüree?“ anfangen und bei der Frage „Wie eröffne ich mein eigenes Konto“ aufhören, berichtet die Sozialarbeiterin und Projektkoordinatorin Anne Genau. Was den sozialen Mehrwert der Wohnstart-17-Plus-WG ausmacht, ist die Tatsache, dass hier junge Menschen beim Start ins selbstständige Leben unterstützt werden, die es in ihrem Leben bisher nicht leicht hatten, weil sie zum Beispiel aus konfliktbeladenen Familien kommen und deshalb etwa in Heimen oder Pflegefamilien groß werden mussten.

Die 18-jährige Djeljan, deren Familie aus Serbien nach Deutschland kam, ist eine der vier Bewohnerinnen. Sie nimmt die Starthilfe der 17-Plus-WG gerne in Anspruch: „Im Haushalt bin ich schon sehr selbstständig, aber wenn es darum geht, wie ich mit meinem Geld umgehe, brauche ich doch noch jemanden, der mir unter die Arme greift“, sagt die junge Frau, die in einem Heim aufgewachsen ist, über sich selbst. Die erste eigene Wohnung bezog sie mit einem Freund. Doch das ging schief. „Auch mit der Schule hatte ich Probleme“, erzählt Djeljan.Eine

In dieser verzweifelten Situation war sie sehr froh, als ihr beim Jugendamt der Wohnstart 17 plus als Ausweg vorgeschlagen wurde. „Die hängen sich hier wirklich rein“, bescheinigt die 18-Jährige den beiden Sozialarbeiterinnen und Pädagoginnen Ines Wegmann und Carolin Brückner, die im Auftrag der Caritas die Starter-WG begleiten. Mit ihrer Hilfe hat Djeljan neuen Mut gefasst. Nach dem Um - und Einzug will sie jetzt erst mal ihren Hauptschulabschluss in Angriff nehmen und anschließend eine Ausbildung in einem sozialen Beruf starten, vielleicht als Pflegekraft in einem Altenheim.

Projektkoordinatorin Anne Genau macht deutlich, dass das Leben in der WG nur ein Übergang in die eigenen vier Wände sein kann, der nicht länger als zwölf Monate dauern sollte. Bürgermeisterin Renate aus der Beek, die der Caritas bei der WG-Einweihung bescheinigte „Nicht erst auf die Mittel von Europäischen Union oder vom Bund gewartet zu haben, sondern die Not erkannt und selbst gehandelt zu haben“, versprach denn auch, ihre Kontakte zu nutzen, um der Caritas bei der Suche nach Sponsoren und Wohnungen für die 17-Plus-Wohnstarter zu helfen. Schon jetzt könnte die WG zum Beispiel Sponsoren für ein Fernsehgerät, einen Haushaltszuschuss für Ausflüge oder eine leistungsfähigere Küche gebrauchen.

Die Caritas bezahlt die Personalkosten für die Betreuung der 17-Plus-WG und übernimmt die Strom- und Telefonkosten. Die Miete für ihre WG-Wohnung, die aus vier Wohnräumen, einem Bad, einer Küche und einem gemeinsamen Wohnzimmer besteht, finanzieren die Bewohnerinnen aus der Hilfe zum Lebensunterhalt, die ihnen im Rahmen der Jugendhilfe zusteht sowie durch Bafög und andere Ausbildungsbeihilfen. Auch wenn jetzt nur junge Frauen in der Starter-WG leben, können auch junge Männer das Wohnförderangebot nutzen.

Dieser Text erschien am 1. Juli 2010 in der NRZ

Sonntag, 4. Juli 2010

Ehrenamt: Was bringt es?: Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Dümpten lud zur Diskussion

Das Leben ist eine Baustelle, auch beim Sommerfest, zu dem in der vergangenen Woche die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Dümpten einlud. Da wurden zum in einer Legostadt rund 500 000 Bausteine verbaut. Doch die Gemeinde wollte es nicht bei Spiel und Spaß belassen und lud deshalb am Vorabend ihres Sommerfestes zu einer Diskussion über den Wert des Ehrenamtes: „Ehrenamt! Was bringt es?“ wurde da gefragt. Allein der Aufbau des beachtlichen Festzeltes, das war auf den ersten Blick zu erkennen, war nur mit vielen ehrenamtlichen Helfer zu schaffen. Das allein schon war ein großer Kraftakt für eine Gemeinde mit gerade mal 57 Mitgliedern.„Wir sind nur stark, wenn wir hier im Stadtteil zusammenhalten“, machte der Vorsitzende des rund 500 Mitglieder starken Dümptener Bürgervereins, Bernd Lüllau, deutlich: ob Wandergruppe und Bewahrung des Hexbachtales oder Lärmschutz an der A40 und Erhalt von Buslinien. Lüllau sieht vor Ort ein breites Betätigungsfeld für bürgerschaftliches Engagement. Und er sieht vor allem die ältere Generation in der Pflicht, ihr Wissen im Rahmen des Ehrenamtes an die junge Generation weiterzugeben.

Dass auch wenige viel erreichen können, zeigte der Beitrag von Horst Schiffmann, der mit fünf Mitstreitern auf ehrenamtlicher Basis die Bürgerbegegnungsstätte im Alten Bürgermeisteramt an der Mellinghofer Straße betreibt und mit einem Frühstückstreff am jedem Mittwoch zwischen 8 und 12 Uhr einen geselligen Anlaufpunkt geschaffen hat, den vor allem viele ältere Menschen im Stadtteil nicht missen möchte.„Dass man sich in der Nachbarschaft und in der Familie gut versteht und sich gegenseitig hilft, das stirbt nicht aus“, gab sich Klaus Beese von der Siedlergemeinschaft zuversichtlich, auch wenn er feststellen muss, dass auch in seiner Vereinigung, der rund 60 Familien mit 200 Personen angehören, das ehrenamtliche Engagement vor allem von den Älteren getragen wird.Christina Hartmann vom Springenden Punkt St. Barbara und André Passmann vom Jugendzentrum an der Nordstraße konnten aber aus ihrer Praxis berichten, dass Jugendliche in ihren Einrichtungen nicht nur passiv ihre Freizeit genießen, sondern sich auch als ehrenamtliche Helfer einbringen und so die hauptamtlichen Mitarbeiter unterstützen. Sei es bei der Organisation eines Nachwuchsbandfestivals oder durch die Leitung eines Tanzkurses.

„Es geht für Jugendliche vor allem darum, Erfahrungen zu sammeln“, betonte Passmann, der selbst in der Jugendarbeit vom Ehrenamtler zum Hauptamtler wurde.Eva Winkler vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement machte mit Blick auf Neuntklässler der Gustav-Heinemann-Schule, die im Rahmen ihres Unterrichts regelmäßig als Helfer in Altenheime und andere gemeinnützige Einrichtungen des Stadtteils gehen, deutlich, „dass man Verantwortung lernen kann.“ Sie plädierte grundsätzlich dafür, die ehrenamtliche Arbeit in Gemeinden, Vereinen und Verbänden „in kleine Päckchen zu stückeln und sie so auf möglichst viele Schultern zu verteilen, um niemanden zu überfordern.„Ehrenamt macht Freude“, erklärte Ursula Scholten vom Dümptener Seniorenclub denn auch die Motivation für ihr eigenes Engagement.

Dieser Text erschien am 1. Juli 2010 in NRZ und WAZ
Das Leben ist eine Baustelle, auch beim Sommerfest, zu dem in der vergangenen Woche die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Dümpten einlud. Da wurden zum in einer Legostadt rund 500 000 Bausteine verbaut. Doch die Gemeinde wollte es nicht bei Spiel und Spaß belassen und lud deshalb am Vorabend ihres Sommerfestes zu einer Diskussion über den Wert des Ehrenamtes: „Ehrenamt! Was bringt es?“ wurde da gefragt. Allein der Aufbau des beachtlichen Festzeltes, das war auf den ersten Blick zu erkennen, war nur mit vielen ehrenamtlichen Helfer zu schaffen. Das allein schon war ein großer Kraftakt für eine Gemeinde mit gerade mal 57 Mitgliedern.„Wir sind nur stark, wenn wir hier im Stadtteil zusammenhalten“, machte der Vorsitzende des rund 500 Mitglieder starken Dümptener Bürgervereins, Bernd Lüllau, deutlich: ob Wandergruppe und Bewahrung des Hexbachtales oder Lärmschutz an der A40 und Erhalt von Buslinien. Lüllau sieht vor Ort ein breites Betätigungsfeld für bürgerschaftliches Engagement. Und er sieht vor allem die ältere Generation in der Pflicht, ihr Wissen im Rahmen des Ehrenamtes an die junge Generation weiterzugeben.Dass auch wenige viel erreichen können, zeigte der Beitrag von Horst Schiffmann, der mit fünf Mitstreitern auf ehrenamtlicher Basis die Bürgerbegegnungsstätte im Alten Bürgermeisteramt an der Mellinghofer Straße betreibt und mit einem Frühstückstreff am jedem Mittwoch zwischen 8 und 12 Uhr einen geselligen Anlaufpunkt geschaffen hat, den vor allem viele ältere Menschen im Stadtteil nicht missen möchte.„Dass man sich in der Nachbarschaft und in der Familie gut versteht und sich gegenseitig hilft, das stirbt nicht aus“, gab sich Klaus Beese von der Siedlergemeinschaft zuversichtlich, auch wenn er feststellen muss, dass auch in seiner Vereinigung, der rund 60 Familien mit 200 Personen angehören, das ehrenamtliche Engagement vor allem von den Älteren getragen wird.Christina Hartmann vom Springenden Punkt St. Barbara und André Passmann vom Jugendzentrum an der Nordstraße konnten aber aus ihrer Praxis berichten, dass Jugendliche in ihren Einrichtungen nicht nur passiv ihre Freizeit genießen, sondern sich auch als ehrenamtliche Helfer einbringen und so die hauptamtlichen Mitarbeiter unterstützen. Sei es bei der Organisation eines Nachwuchsbandfestivals oder durch die Leitung eines Tanzkurses. „Es geht für Jugendliche vor allem darum, Erfahrungen zu sammeln“, betonte Passmann, der selbst in der Jugendarbeit vom Ehrenamtler zum Hauptamtler wurde.Eva Winkler vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement machte mit Blick auf Neuntklässler der Gustav-Heinemann-Schule, die im Rahmen ihres Unterrichts regelmäßig als Helfer in Altenheime und andere gemeinnützige Einrichtungen des Stadtteils gehen, deutlich, „dass man Verantwortung lernen kann.“ Sie plädierte grundsätzlich dafür, die ehrenamtliche Arbeit in Gemeinden, Vereinen und Verbänden „in kleine Päckchen zu stückeln und sie so auf möglichst viele Schultern zu verteilen, um niemanden zu überfordern.„Ehrenamt macht Freude“, erklärte Ursula Scholten vom Dümptener Seniorenclub denn auch die Motivation für ihr eigenes Engagement.

Dieser Text erschien am 1. Juli 2010 in NRZ und WAZ

Samstag, 3. Juli 2010

In der Saarner Freiluftgalerie Kunst raus setzen Kinder und Jugendliche unseren Lebensraum ins Bild


Ironie der Geschichte. Der Anstoß zu der vom evangelischen Pfarrer Albrecht Sippel initiierten und bis heute federführend organisierten Aktion „Kunst Raus“ kam vor 18 Jahren ausgerechnet aus dem katholischen Köln. Dort entdeckte Dagmar Schenk, Presbyterin der Evangelischen Kirchengemeinde Saarn, auf einem Platz eine Freiluftausstellung, bei der Künstler ihre Werke auf 1,50 Meter mal 1,50 Meter großen Plakatständern präsentierten und so ihre Kunst aus den Museen und Galerien holten. Dies faszinierte sie so sehr, dass sie, wieder daheim, ihrem Pfarrer davon berichtete. Beide waren sich einig: „So etwas könnten wir hier auch machen.“


1992 machte dann der auch an der Kölner Aktion beteiligte Künstler Alexander Pey die Saarner Dorfmitte mit seinen 14 Werken erstmals zur Freiluftgalerie. Sein Thema war damals der zweite Golfkrieg von 1991.In den folgenden Jahren konnte man bei den Kunst-Raus-Rundgängen durch Saarn auch Werke von Künstlern aus Mülheim und der Rhein-Ruhr-Region entdecken, ohne dafür wie in einem Museum Eintritt bezahlen zu müssen. Im vergangenen Sommer waren es die Künstler der Gruppe Ander, die sich mit ihren Arbeiten für die Kunst-Raus-Ausstellung an den 1893 in Saarn geborenen Maler und Bildhauer Otto Pankok erinnerten.In diesem Jahr wollten Sippel und seine kunstsinnigen Mitstreiter aus der Evangelischen Kirchengemeinde keine renommierten, sondern junge Meister aus dem eigenen Stadtteil ins Bild setzten.Uns so kann man jetzt beim Kunst-Rausrundgang an neun Stationen zwischen Dorfkirche, Düsseldorfer Straße und Klostermarkt oder zwischen Otto-Pankok-Straße und Pastor-Luhr-Platz „unseren Lebenraum“ sehen, wie Kindergartenkinder und Schüler „unseren Lebensraum“ sehen.Das Spektrum reicht vom farbenfrohen Gemälde über eine großformatige Bleistiftzeichnung bis zur Fotocollage, Natur und Freizeitmotive wurden ebenso ins Bild gesetzt wie klassische Saarner Wahrzeichen.


Letztere kann man zum Beispiel auf dem Pastor-Luhr-Platz entdecken, wo die Kinder des Evangelischen Familienzentrums Lindenhof aufgezeichnet haben, was sie bei ihrem Stadtteilrundgang mit dem Skizzenblock gesehen und festgehalten haben. Eher philosophisch gingen dagegen die Schüler aus dem Kunstkurs der Jahrgangsstufe 11 der Gesamtschule Saarn ans Werk, die an der Dorfkirche die „Kleinen Fluchten“ des Alltags aufgemalt haben.Ein Bild mit starken Farben und starker Symbolik sehen wir auch vor dem Haus Kinderlust an der Otto-Pankok-Straße. Dort haben Kindergartenkinder der Evangelischen Tageseinrichtung vor ihrer eignen Haustür den Blick auf unseren Lebensraum Erde gewagt: Kleine Menschen in allen Farben tragen den Globus. Ihrer Botschaft, „Wenn viele kleine Leute viele kleine Schritte gehen, können sie die Welt verändern“, kann sich kein Betrachter entziehen.


„Wir haben es nicht bereut, mitgegangen zu sein. Das war spannend und schön. Die Kinder haben große Kunst geschaffen, weil sie nicht zu lange nachdenken, sondern malen, was sie sehen, erleben und fühlen. Man spürt bei Betrachten der Kunstwerke ihre geistige Beweglichkeit und ihre innere Ergriffenheit“, schilderten Elisabeth und Norbert Schmitz aus Speldorf ihren Eindruck vom ersten Kunst-Raus-Rundgang mit Albrecht Sippel Der zweite beginnt am 7. Juli um 18 Uhr am Evangelischen Gemeindehaus an der Holunderstraße 5 . Infos unter 48 66 54.


Dieser Text erschien am 1. Juli 2010 in NRZ und WAZ