Sonntag, 29. August 2010

Porträt: Erich Rall ist ein Lobbyist für die Schwachen: Am 1. September feiert der Dümptener VDK-Vorsitzende seinen 80. Geburtstag


Wer ihn sieht, glaubt es nicht. Aber sein Pass dokumentiert es. Erich Rall wurde am 1. September 1930 geboren. Und das bedeutet, dass er in der kommenden Woche seinen 80. Geburtstag feiert. Längst könnte er seinen Ruhestand genießen. Stadessen organisiert er seit sechs Jahren das Vereinsleben des Dümptener Sozialverbandes VDK, lädt die über 400 Mitglieder zu Stammtischen, bei denen nicht nur die Geselligkeit gepflegt wird, sondern regelmäßig auch sozialpolitische und sozialrechtliche Themen besprochen werden.


Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Christel Bach organisiert er außerdem regelmäßig Ausflüge und Feste. Warum tut er das? Rall antwortet mit seinem Lebensmotto: "Anderen helfen, wo man kann. So fängt die eigene Freude an. Diese Freude gönnt er sich schon seit einigen Jahrzehnten.


Denn als Betriebsrat und Vertrauensmann hat sich Rall schon um die Belange seiner schwerbehinderten Kollegen gekümmert, bevor er 1983 zum Sozialverband VDK stieß, dessen Kreisvortand er später angehören sollte. Die Wurzeln seines Engagements findet man in seiner Biografie. Seinen ursprünglich erlernten Beruf als Bergmann musste Rall aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und sich 1967 noch einmal ganz neu orientieren und von der Zeche zur Drahtseilerei Kocks wechseln.


Auch mit seinen fast 80 Jahren engagiert sich Rall nicht nur beim VDK, sondern auch beim Deutschen Gewerkschaftsbund und in der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände für die Belange der Schwerbehinderten. Dieser Begriff führt eigentlich in die Irre. Das stellt Rall immer wieder fest, wenn er sieht das Arbeitnehmer mit Behinderung nicht selten ihre Handicap durch einen besonders ausgeprägten Einsatz am Arbeitsplatz mehr als wettmachen.


Deshalb ärgert sich der VDK-Mann auch darüber, dass so viele Unternehmen sich lieber durch eine Abgabe "freikaufen" statt, wie gesetzlich vorgesehen, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten zu besetzen und dafür sogar Fördermittel des Landschaftsverbandes Rheinland zu bekommen.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 26. August 2010 in NRZ und WAZ

Samstag, 28. August 2010

Vom Leben mit der Kohle. Rechtzeitig zum Siedlerfest gibt es eine neue Broschüre über den Alltag zwischen Mausegatt- und Kreftenscherstraße


„Wenn ein Mensch stirbt, verbrennt eine ganze Bibliothek“, sagt ein japanisches Sprichwort. Walter Schmidt, der seit 1954 in der ab 1899 errichteten Bergmannssiedlung Mausegatt/Kreftenscheer lebt, ist mit seinen 78 Jahren Gott sei Dank noch quicklebendig. Dennoch hielt der ehemalige Bergmann, der ab 1951 auf der Heißener Zeche Wiesche sein tägliches Brot verdiente, in dem er „Kohle machte“, jetzt die Zeit für gekommen, zusammen mit Birgit Schlegel vom Förderverein der Siedlergemeinschaft Mausegatt/Kreftenscheer seine eigenen und die ihm von alten Nachbarn überlieferten Erinnerungen an das Leben und den Alltag in der Heißener Bergmannssiedlung aufzuschreiben.Rechtzeitig zum Siedlerfest, das am 3. und 4. September gefeiert wird, ist mit finanzieller Unterstützung der Sparkasse eine reich bebilderte Broschüre entstanden, in der man auf 64 Seiten nachlesen kann, wie das damals war, mit dem Leben in der Colonie Wiesche, der Nachbarschaftshilfe, dem Kinderkriegen, den Freizeitvergnügen und Beerdigungen oder den Freundschaften, der Moral und dem harten Überlebenskampf in der Kriegs- und Nachkriegszeit.

Besonders gern berichtet Schmidt über die große Solidarität unter den Familien der nicht um sonst Kumpel genannten Bergleute, die vor allem dann zum Tragen kam, wenn Familien in Not gerieten, weil Vater oder Mutter krank und arbeitsunfähig waren. Noch heute kann sich Schmidt darüber ärgern, als wäre gestern gewesen, dass es christliche Bergbauunternehmer wie Stinnes und Thyssen zuließen, dass Bergmannsfamilien mit sechs und mehr Kindern in Häusern mit 55 bis 65 Quadratmetern Wohnfläche leben mussten.In diesem Zusammenhang staunt die Vorsitzende des Fördervereins des Fördervereins der Siedlergemeinschaft Mausegatt, Silke Lange, darüber, dass die Bergmannsfamilien trotz der Enge auch noch Kostgänger beherbergten, die im Bett des Bergmanns schliefen, während der unter Tage arbeitete.

Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld würdigte die neue Broschüre über das Leben in der Mausegattsiedlung bei deren Vorstellung als „eine wertvolle Dokumentation von Lokal- und Regionalgeschichte.“ Nach inzwischen zwei Broschüren über die Heißener Bergmannssiedlung wünscht sich Schmidt jetzt noch ein kleines Bergmannsmuseum zwischen Mausegatt- und Kreftenscheerstraße. Über sein eigenes Leben als Bergmann an der Ruhr sagt der in Basel geborene Schmidt, der eigentlich Koch und Konditor werden sollte: „Für mich war es trotz aller Härten immer auch ein Stück Freiheit.“

Dieser Text erschien am 26. August in NRZ und WAZ

Donnerstag, 26. August 2010

Wenn ein Foto zum Kunstwerk wird: Ein Gespräch mit dem Ruhrpreisträger Heiner Schmitz

Fotograf Heiner Schmitz lässt noch bis zum 9. September 26 seine archaisch starken Bilder in der Galerie der Sparkasse für sich sprechen, die 1997/98 in Israel, Palästina und Jordanien entstanden sind und unter dem Titel „Land der Vergegnungen“ das Problem der Wasserverteilung im Nahen Osten dokumentieren. Für die NRZ sprach mit ihm über seine Profession, die gestern mit dem Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet wurde.

Was macht ein Foto zum Kunstwerk?
Ein Foto soll den Betrachter reizen, das, was er sieht, weiterzudenken. Fotokunst geht immer über die korrekte handwerkliche Abwicklung hinaus. Sie sollte mehr sein als die Abbildung der Wirklichkeit und beim Betrachten immer zu einer gewissen Irritation führen. Als Fotograf will ich mit meinen Bildern eine Aussage betonen oder eine neue Aussage schaffen.

Welches Ihrer Fotomotive hat Sie nachhaltig beeindruckt?
Extrem wichtig sind mir meine ersten Portraitfotos, auf denen deutlich wird, dass die Portraitierten genau wissen, dass sie gerade fotografiert werden. Schnappschüsse haben mich nie interessiert. Im Gegenteil: Mich fasziniert wenn Fotograf und Modell durch die Arbeit zu einer Einheit werden.

Haben Sie dabei bestimmte Bilder im Kopf?
Ich denke da an Schwarz-Weiß-Portraits, die ich 1971 in Deia, dem Worpswede von Mallorca, von Künstlern und Lebenskünstlern gemacht habe. Ich habe eine Affinität zur Schwarz-Weiß-Fotografie. Sie schafft eine Abstraktion und man kann mit dem Kontrast aus Helligkeit und Dunkelheit bestimmte Motivausschnitte viel stärker betonen, wenn man die Farbe weglässt.

Hat die digitale Aufnahmetechnik die Fotografie verändert?
Die Arbeit mit Chemikalien bei der Fotoentwicklung fällt natürlich weg. Der eigentliche kreative Akt der Fotografie hat sich nicht verändert. Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass man schneller und spontaner arbeiten kann und vielleicht mehr drauflos fotografiert, weil man weiß, dass man bestimmte Dinge am Computer nacharbeiten kann, um die Qualität des Fotos sicherzustellen, während man früher beim analogen Fotografieren von vorneherein bestimmte Fehler vermieden hätte, um eine Wiederholung der Fotografie zu vermeiden. Inzwischen ist die digitale Fototechnik so ausgereift, dass sie eine technische Perfektion und Bildschärfe erreicht, die viele Fotografen gar nicht wollen, weil sie den Schmelz und die Körnigkeit der alten analogen Fotos vermissen, die deshalb inzwischen sogar digital wieder in die Bilder eingearbeitet werden.

Dieser Text erschien am 23. August 2010 in der NRZ

Mittwoch, 25. August 2010

Vor 65 Jahren wurde der von den Nazis entlassene Schulleiter Josef Brüggemann vom Bürgerausschuss wieder eingesetzt: Ein Schulbeispiel


Mein NRZ-Beitrag über den ersten Nachkriegsschultag am 6. August 1945 weckte bei Klaus Möltgen Erinnerungen an seinen Großvater Joseph Brüggemann. Denn der wurde am 21. September 1945 vom Bürgerausschuss, der von der britischen Militärregierung ernannten Stadtvertretung zum Leiter des staatlichen und des städtischen Gymnasiums bestellt, die man heute als Otto-Pankok- und Karl-Ziegler-Schule kennt.


Weil das staatliche Gymnasium damals noch weitgehend vom Krieg zerstört war, lernten die Schüler beider Gymnasien im ersten Nachkriegsschuljahr unter der Leitung Brüggemanns im städtischen Gymnasium an der Schulstraße. Dass die Schulleiterwahl auf Brüggemann fiel, obwohl der damals 66-jährige Pädagoge bereits pensioniert war, hatte nicht nur mit seinem guten Pädagogenruf, sondern auch mit seiner allgemein bekannten Gegnerschaft zum NS-Regime zu tun. Brüggemann, den sein Enkel Möltgen als "gütigen Großvater" in Erinnerung behalten hat, der ihm in seiner Wohnung am Kassenberg lieber Geschichten von Homer als deutsche Märchen erzählte, war ein christlicher Konservativer, dem das menschenverachtende Weltbild der Nazis von Anfang an zu wider war, was ihn nach 1933 immer wieder in Bedrängnis brachte und am 1. April 1944 in seiner Zwangspensionierung gipfelte.


Nach insgesamt 31 Schulleiterjahren, davon 19 am staatlichen Gymnasium, wurde er ohne die sonst obligatorische Dankesurkunde aus dem Dienst entlassen. Als Vorwand diente den braunen Machthabern eine "Schülermeuterei" in einem Erntelager. Um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen, schickten die Nazis Schüler ab 1940 in den Ernteeinsatz. So mussten auch Zehntklässler des staatlichen Gymnasiums im September 1942 bei der Kartoffelernte im norddeutschen Landkreis Falllingbostel helfen. Als sie sich dort gegen ihre menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen (feuchte Unterkünfte, zu lange Arbeitszeiten und zu wenig und schlechte Nahrung) auflehnten und auf ihre Rückkehr nach Mülheim pochten, kam es zum Eklat. Brüggemann ließ die Schüler in Aufsätzen ihre Sicht der Dinge darstellen. Obwohl die örtliche Leitung der Hitlerjugend sich vor Ort ein eigenes Bild machte und die Schilderungen der Jungen bestätigte, wurden sie zur Teilnahme an einem Wehrertüchtigungslager verurteilt, bei dem ein Schüler wegen unterlassener medizinischer Hilfe an den Folgen einer Darmverschlingung starb.


Weil sich der in seiner Ehre gekränkte Lehrer, der für das Desaster im Ernteeinsatz mitverantwortlich war, an die Schulaufsichtsbehörden wandte, wurde der Fall erneut aufgerollt und nun politisch gegen Brüggemann instrumentalisiert. Tatsächlich wollten die Machthaber den Pädagogen treffen, der sich immer wieder geweigert hatte, der NSDAP beizutreten und statt auf das Führerprinzip auf sein humanistisches Bildungsideal sowie auf mündige und mitbestimmende Schüler setzte. Seine aufgeklärten pädagogischen Ideen waren seiner Zeit viel zu weit voraus.


Ganz im Sinne der NS-Ideologie war aus dem staatlichen Gymnasium die Langemarckschule geworden, deren Name an eine Schlacht des Ersten Weltkrieges erinnerte. Obwohl Brüggemann in dem Industriellen Hugo Stinnes junior einen einflussreichen Fürsprecher hatte, der sich in einem Brief an den Reichserziehungsminister Rust für ihn und die beschuldigten Schüler einsetzte, wurde er gezwungen, im Oktober 1943 seine vorzeitige Pensionierung zu beantragen.

Die Wortführer der "Schülermeuterei" wurden der Schule verwiesen.


Immerhin war seine zweite Schulleiterernennung in Mülheim eine späte Genugtuung und Rehabilitation, die Brüggemann aber nur relativ kurz genießen konnte, da er bereits im März 1946 seinen Schulleiterdienst aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste und im November des selben Jahres an den Folgen einer Krebserkrankung starb. Zufall der Geschichte: Im Sterbemonat Brüggemanns, der zu den Mitgründern der Mülheimer CDU gehörte, konstituierte sich in der noch erhaltenen Aula des staatlichen Gymnasiums der erste frei gewählte Stadtrat der Nachkriegszeit. Und die Geschichte sollte weitergehen. Brüggemanns Enkel Klaus Möltgen sollte 1959 am ehemaligen Gymnasiums seines Großvaters das Abitur machen, wie dieser Pädagoge und später unter anderem als Kreispartei- und Fraktionsvorsitzender in der CDU politisch aktiv werden.


Dieser Text erschien am 19. August 2010 in der NRZ

Dienstag, 24. August 2010

Der Sternlauf der Religionen endet am 29. August mit einem Fest in der Müga

Wenn für die eigene Mannschaft auf dem Rasen gar nichts mehr läuft, schickt mancher Fußballfan ein Stoßgebet gen Himmel. Und es gibt Fußballspieler, die sich vor dem Anpfiff oder nach einem Torschuss bekreuzigen. Doch was haben Sport und Religion abseits solcher Glaubensgesten miteinander zu tun?

Der Präsident des Landessportbundes, Walter Schneeloch und der Vorsitzende des Landesarbeitskreises Kirche und Sport, Friedhelm Kreiß, sind sich in der Antwort einig: Dem Sport gehe es wie den Religionen, so sagen sie, um die Vermittlung von Werten wie Fairness, Solidarität, Frieden und Integration. Beide bringen es aus ihrer Perspektive auf den Punkt: "Sport ist mehr als 1:0", betont LSB-Präsident Schneeloch. Und Kirchenmann Kreiß betont: "Uns geht es um die Ganzheit von Leib und Geist. Denn Kirche ist mehr als das Amen nach dem Gottesdienst."Auf dieser geistigen Brücke entstand die Idee, sich im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 mit einem Sternlauf der Religionen "gemeinsam auf den Weg zu machen."

Ziel dieses Laufes, zu dem Organisator Norbert Koch 2000 bis 3000 Teilnehmer aus allen Religionen und Städten der Region erwartet, ist am 29. August die Müga. Zu Fuß, auf dem Rad, per Boot, auf Rollerskates und Sommerskiern werden sich die Teilnehmer der Müga nähern, wo von 13 bis 19 Uhr ein großes Familienfest mit Spiel, Sport und Musik gefeiert wird.Mit dabei ist zum Beispiel der Kölner Jugendchor St. Stephan. Das Vorbeikommen lohnt sich. Vorbeikommen wollen auch Weihbischof Ludger Schepers, LSB-Präsident Schneeloch und vielleicht Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die sich mit anderen prominenten Teilnehmern des Sternlaufes um 14 Uhr am Wasserbahnhof auf den Weg zur Müga machen.

Aber da es an diesem Tag ja nicht nur um Sport, sondern auch um Religion geht, beginnt um 16 Uhr auf der Müga-Drehscheibe eine interreligiöse Feier mit Vertretern der christlichen, jüdischen und islamischen Religionsgemeinschaften. Sie werden miteinander und zusammen mit den Besuchern für das beten, was alle Religionen vereint: der Wunsch nach Frieden.Dazu passt auch der spektakuläre Einsatz der Fallschirmstaffel NRW, die vom Himmel hoch kommend in der Müga landet, um die Friedensbotschaft in Form eines Sterns zu bringen, den geistliche Würdenträger mit Jugendgruppen zur Müga-Drehscheibe eskortieren werden. Bei der interreligiösen Feier werden denn auch nicht nur Geistliche sprechen, sondern auch Jugendliche berichten, warum sie sich in ihrer Religion zu Hause fühlen.

Dieser Text erschien am 20. August 2010 in der NRZ

Was Sport und Kirche voneinander lernen können: Ein Gespräch mit Pfarrer und Tischtennisspieler Wolfgang Sickinger


Wer könnte fachkundiger über die Zusammenhänge von Sport und Religion Auskunft geben als Pfarrer Wolfgang Sickinger, der in seiner Freizeit beim TSV Heimaterde oder zuletzt beim Ruhr-2010-Stilleben auf der A 40 Tischtennis spielte. Für die NRZ befragte ich ihn zum Doppelpass zwischen Sport und Religion.

Was können Pfarrer von Sportlern lernen und umgekehrt?
Von Sportlern können wir als Pfarrer die Konzentration auf ein Ziel lernen: wie Sportler einen Wettkampf, ein Turnier, ein Spiel gewinnen wollen und sich dafür vorbereiten. So könnten Pfarrer mit der Gemeinde oder für ein Projekt gezielt auf ein Ergebnis hinarbeiten und versuchen, dafür die Voraussetzungen zu schaffen, so weit das möglich ist. Gemeinsam Ziele erreichen zu wollen ist auch in der Kirche sinnvoll. Umgekehrt könnten Sportler von Pfarrern lernen, dass Fitness und Pokale nicht das Wichtigste im Leben sind. Jesus sagt: Was würde es dem Menschen helfen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

Tun Leibesübungen auch der Seele gut?
Eindeutig ja: Bewegung an frischer Luft, sportliche Aktivität, ein erfolgreicher Wettkampf können zum seelischen Gleichgewicht beitragen, nicht allein, aber als eine Ursache von mehreren.

Kann Sport zu einer Ersatzreligion werden?
Leider ja. Das sieht man an Auswüchsen mancher Fußballfans im Ruhrgebiet. Bettwäsche in den Vereinsfarben kann ich noch verstehen, aber wenn ich auf dem Friedhof auf einem Grabstein ein Vereinsabzeichen sehe und sonst nichts, wäre mir als Ausdruck der Hoffnung über den Tod hinaus ein Kreuz oder ein Bibelwort einleuchtender. Schalke oder BVB können mich als Fan zwar zum Jubel über die Meisterschaft bringen, aber nicht in den Himmel. Es ist interessant, dass es in 14 Bundesligastädten christliche Fußball-Fan-Vereinigungen gibt, die im Stadion ihren Verein anfeuern, aber auch vom Glauben an Gott erzählen können und Gewalt und übermäßigen Alkoholkonsum ablehnen.

Dieser Text erschien am 20. August in der NRZ

Sonntag, 22. August 2010

Wo und wie der Mensch und seine Kollege Computer eine zweite Chance bekommen


Ruhestand. Manche Menschen nehmen ihn wörtlich und wollen als Rentner in Ruhe gelassen werden. Die 180 in dem 2005 gegründeten Netzwerk der Evangelischen Kirchengemeinde Saarn aktiven Ruheständler lassen es zwar auch ruhig angehen, sind aber weiter offen für neue Menschen, neue Aktivitäten und neue Ideen. Gemeinschaft und Engagement werden ganz unspektakulär gepflegt und entfalten so ihren menschlichen Mehrwert.


So machen auch die Computer-Cracks, die ihre Netzwerkgruppe vor fünf Jahren aus der Taufe hoben, ihr gemeinsames Hobby für andere Menschen fruchtbar, indem sie zum Beispiel im Gemeindezentrum der Christuskirche am Lindenhof Computerkurse für Senioren anbieten oder bei ihrem wöchentlichen Treff, jeweils mittwochs von 11 bis 13 Uhr, gerne Fragen rund um Hardware und Software beantworten. Von ihrer neuesten Idee, alte Computer mit Festplatten, Soundcards und Co neu aufzurüsten, um sie dann Menschen zu spenden, die einen Computer brauchen, aber nicht bezahlen können, kam jetzt als erstes den Bewohnern im Haus Engelbert, das zur Selbecker Fliednerstiftung gehört, zugute.


Die Idee funktioniert natürlich nur dann, wenn die Netzwerker ausgediente Rechner und entsprechendes Zubehör gespendet bekommen, das sie aufarbeiten können. PC-Netzwerker Werner Rausch hatte das Glück des Tüchtigen. Er bekam von seinem ehemaligen Arbeitgeber. der nicht genannt werden möchte, fünf pensionierte „Computer-Kollegen“ zur Wiederverwendung. Mit frischer Festplatte und neuer Soundkarte ausgerüstet konnten Rausch und seine Netzwerk-Kollegen Rudolf Eschenberg, Andrea Ruckelshaus und Gemeindediakonin Ragnhild Geck sie im Haus Engelbert abliefern. So wie die alten Computer dort eine zweite Chance bekommen, so bereiten sich auch die derzeit 32 Menschen mit einer Suchtkrankengeschichte auf ihre zweite Chance für ein selbstständiges Leben ohne Suchtmittel vor.


„Wenn wir unsere Bewohner für das ganz normale Leben draußen fit machen wollen, dann schließt das natürlich auch den Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln wie Computer und Internet ein“, betont der Leiter des soziotherapeutischen Zentrums, Dieter Bork. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, bietet Gruppenleiter und EDV-Fachmann Holger Kischel für die Bewohner von Haus Engelbert regelmäßig Kurse im Seminarhaus der Fliednerstiftung an.Einer der seiner Kursteilnehmer, der 41-jährige Erik M., der den ersten Netzwerk-Computer in Empfang nahm, steht mit seiner Leidensgeschichte, zu viel Arbeit und zu viel Stress, die in einer Alkoholabhängigkeit und Angststörungen mündeten, für eine wachsende Zahl gerade jüngerer Menschen, die nach einem klinischen Entzug „trocken“ sind und jetzt im Haus Engelbert neue Kräfte, neue Einsichten und neues Selbstbewusstsein für den Neustart in die persönliche Selbstständigkeit tanken. Den alte neuen Kollegen Computer empfindet Erik dabei als nützlichen Motivationsschub auf seinem Weg zurück ins Berufsleben.


Wer die Computer-Doktoren des Saarner Netzwerks mit einer Sachspende, vom Rechner bis zur Festplatte oder ganz persönlich unterstützen will, kann sich unter  48 91 20 mit Werner Rausch in Verbindung setzen. Internetinformationen zum Haus Engelbert gibt es unter der Adresse: http://www.engelbert.fliedner.de/


Dieser Text erschien am 19. August 2010 in NRZ und WAZ

Samstag, 21. August 2010

Heinz und Hilde Schmidt betreuen seit 40 Jahren ehrenamtlich den Seniorentreff des Roten Kreuzes an der Prinzeß-Luisen-Straße in Broich


Nehmen wir an: Sie sind 30, haben eine Familie gegründet und stehen mitten im Beruf. In dieser Situation bietet Ihnen jemand eine ehrenamtliche Tätigkeit für die nächsten 40 Jahre an. Sicher lehnen Sie dankend ab und erklären den Anbieter für verrückt.Doch auf dieses Abenteuer haben sich Heinz und Hilde Schmidt vor 40 Jahren eingelassen. Heinz arbeitete damals beim werksärztlichen Dienst der Mannesmann Röhrenwerke und engagierte sich neben seinem Beruf ehrenamtlich als Sanitäter beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Hilde hatte als junge Mutter von zwei kleinen Jungs zu Hause alle Hände voll zu tun. In dieser Situation wurden die beiden Eheleute von der damaligen DRK-Geschäftsführerin Herta von Knoblauch gefragt, ob sie nicht den neuen DRK-Seniorentreff an der Prinzeß-Luisen-Straße betreuen wollten: „Das ist nicht viel Arbeit. Sie müssen nur Kaffee kochen und sich ein bisschen mit den Leuten unterhalten. Ihre Butterbrote bringen sich die Besucher selber mit“, hieß es damals.


Und weil die Schmidts das Herz am rechten Fleck haben, sagten sie zu. „Wir wussten damals gar nicht, worauf wir uns da einlassen“, sagen sie heute. Doch das klingt nicht so, als würden sie ihre Entscheidung von damals bereuen. Im Gegenteil: Wer sich mit den Schmidt über ihre ehrenamtliche Arbeit unterhält, in die sie nach eigener Schätzung 70 bis 80 Stunden pro Woche investieren, vergisst man schnell, dass die beiden inzwischen ein Alter erreicht haben, in dem sie selbst einen Seniorentreff besuchen könnten statt einen zu leiten.Eine Lebensaufgabe „Das ist für uns ein Lebenselixier. Und wir wollen das, was wir hier selbst aufgebaut haben, natürlich auch nicht hängen lassen“, sagt Heinz Schmidt. Und seine Frau ergänzt: „Wenn man sich immer wieder auf neue Menschen einlassen und mit ihren Problemen auseinandersetzen muss, hält das auch jung.“


Deshalb wollen die Schmidts auch „noch einige Jahre weitermachen, so lange es die Gesundheit erlaubt“, zumal Nachfolger noch nicht in Sicht sind und Heinz Schmidt mit Blick in die Zukunft sogar befürchtet, dass es eine vergleichbare Spezies von Ehrenamtlern kaum noch geben wird, weil der Spagat zwischen Familie, Beruf und Engagement immer schwieriger wird.Doch bis jetzt funktioniert das seit 40 Jahren bewährte Erfolgs-Tandem Schmidt. Und das wird am 27. August ab 11 Uhr im DRK-Seniorentreff an der Prinzeß-Luisen-Straße gebührend gefeiert.


Gefeiert werden zwei Menschen, die gerne anpacken und gerne gebraucht werden, egal ob sie in der Küche stehen, Feste und Ausflüge organisieren, renovieren, Rat geben oder einfach nur zuhören.


Dieser Text erschien am 19. August in NRZ und WAZ

Freitag, 20. August 2010

Was macht eigentlich der Ruhrpreisträger Christian Rickert? oder: Am Anfang war die Zeichnung


Man kannte sie, weil sie Schlagzeilen machten, weil ohne sie nichts gelaufen wäre oder weil sie für kurze Zeit im Rampenlicht standen. Wie ist es ihnen ergangen, was machen sie heute? Für die NRZ fragte jetzt beim Maler Christian Rickert (Foto: privat) nach, der vor 40 Jahren mit dem Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet wurde und vor wenigen Tagen seinen 70. Geburtstag feiern konnte."

Am Anfang war die Zeichnung" steht auf seiner Internetseite: www.christian-rickert.com. Tatsächlich begann sein Künstlerleben mit Bleistiftzeichnungen, ein Genre, das er auch heute noch großformatig in seinem Berliner Atelier pflegt. Gerade erst hat er die 100 x 70 Zentimeter große Zeichnung "Die Horde überzieht das Land" vollendet."Wer die Horde ist, kann sich jeder selbst denken", sagt er mit einem Anflug subtiler Ironie, die seinem gesamten Werk nicht fremd ist.

Wer seine Bilder und Zeichnungen, wie etwa das um 1970 entstandene Ölgemälde "Gemütliches Beisammensein" betrachtet, wirft einen fotorealistischen Blick auf die Wirklichkeit. Rickert arbeitet unter anderem mit den Stilelementen von Verwackelung und buchstäblicher Vielschichtigkeit. "Meine Arbeiten geben keine Antworten. Sie stellen Fragen und fordern auf, Fragen zu stellen", schreibt der 1966 bereits mit dem renommierten Kunstpreis des Jungen Westens ausgezeichnete Ruhrpreisträger denn auch 1974 in einem Selbstporträt. Im gleichen Text heißt es über seine künstlerischen Wurzeln: "Im 17. und 18. Lebensjahr unterwarf mich mein Vater einem harten und intensiven Naturstudium. Somit muss ich den Ausgangspunkt meiner bildnerischen Bemühungen als den eines sachlichen Realismus bezeichnen."Sein Vater Johannes unterrichtete Kunst an der heutigen Otto-Pankok-Schule, wo Christian 1960 das Abitur bestand und anschließend zum Studium nach Berlin ging.

Johannes Rickert war Mitgründer des Kunstvereins und Promoter eines neuen Kunstmuseums. Obwohl sein Sohn bis heute gerne in Berlin lebt und erfolgreich als freischaffender Künstler arbeitet – seine Werke wurden nicht nur in Mülheim, sondern auch in Brüssel, Berlin, Kiel, Mannheim, Darmstadt Düsseldorf und München von Museen, Galerien und Sammlern angekauft und ausgestellt –, bezeichnet der in Breslau geborene Rickert Mülheim bis heute als seine Heimatstadt. Obwohl sich der Wahl-Berliner bei seinen Besuchen, wen wundert es, mit der Mülheimer Verkehrsführung manchmal schwer tut, hat er aus seiner Außensicht den Eindruck, "dass die Stadt wohnlicher geworden ist.", weil es hier inzwischen mehr Straßencafes gebe als in seiner Mülheimer Jugendzeit.

Mit Blick auf den 1977 errichteten Hajek-Brunnen vor dem Kunstmuseum alte Post ist sich Rickert mit der Mehrheit der Mülheimer einig: "Der gehört da nicht hin". Das umstrittene Kunstbauwerk sieht Rickert als Ausdruck eines falscherstandenen Modernismus und Bauhausstil’, "mit dem man damals gegen die als alt und überholt empfundene Architektur aus der Gründerzeit gegensteuern wollte."Gerne erinnert er sich an seine frühen Bootspartien auf der Ruhr und besucht regelmäßig seine in Mülheim lebende Schwägerin und deren Kinder. Dass das Kunstmuseum keines seiner 26 Rickert-Werke in der aktuellen Jubiläumsausstellung präsentiert, schmerzt den Künstler. "Wir hatten die Qual der großen Auswahl, aber wir arbeiten weiter mit unseren Beständen und werden auch Rickert wieder zeigen," verspricht aber der stellvertretende Museumsleiter Gerhard Ribbrock.

Dieser Text erschien am 20. August 2010 in der NRZ

Donnerstag, 19. August 2010

Was sagen sozialpolitische Praktiker zur möglichen Einführung einer Bildungschipkarte für Kinder aus Hartz-IV-Familien?

Bildung vom Nachhilfe- über den Musikschulunterricht bis zur Mitgliedschaft im Sportverein soll es für Kinder und Jugendliche aus Familien, die Arbeitslosengeld II beziehen, künftig per Chipkarte geben. Was sagen sozialpolitisch engagierte Mülheimer zum Vorschlag von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen? Die Ministerin reagiert damit auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, das eine Neuberechnung der Hartz-IV-Regelsätze für Kinder fordert. Langfristig möchte von der Leyen die Bildungskarte mit Hilfe von Spenden und Sponsoring für alle Kinder einführen.

Die bei der Caritas für die sozialen Dienste zuständige Abteilungsleiterin Martina Pattberg findet es „grundsätzlich gut, wenn bildungsferne Familien gefördert werden“, sieht aber auch eine stigmatisierende Wirkung und weist darauf hin, dass auch Kinder aus Familien mit geringem Einkommen einen entsprechenden Bildungsbedarf hätten. „Ich sehe bei den Familien, mit denen wir arbeiten, keinen Missbrauch, sondern die Einstellung: Meinen Kindern soll es besser gehen als mir.“

Sozialamtsleiter Klaus Konietzka findet die Bildungschipkarte gut, „weil damit Bildungschancen erweitert werden.“ Er verweist in diesem Zusammenhang auf die positiven Erfahrungen mit dem Mülheim-Pass, mit dessen Hilfe derzeit 16 800 Mülheimer, die auf auf Sozialleistungen angewiesen sind, öffentliche Dienstleistungen auch aus den Bereichen Bildung und Kultur vergünstigt in Anspruch nehmen können.

Die Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt, Adelheid Zwilling , lehnt die Bildungs-Chipkarte für Kinder aus Hartz-IV-Familien als stigmatisierend ab. Das Geld für die Bildungschipkarte sähe sie lieber in die öffentliche Infrastruktur investiert, um zum Beispiel durch kostenlose Kindergartenplätze, Lernmittelfreiheit, flächendeckende Ganztagsschule inklusive Mahlzeiten und Weiterbildung sowie ein gebührenfreies Studium die Bildungschancen aller Kinder und Jugendlichen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, erhöhen zu können.In die gleiche Richtung tendiert auch die Vorsitzende des Kinderschutzbundes, Ursula Faupel . Eine Bildungschipkarte allein für Kinder aus Hartz-IV-Familien sieht sie als diskriminierend an. Gerade bildungsferne Familien erreicht man aus ihrer Sicht eher dann, wenn man entsprechende Bildungsangebote für ihre Kinder kostenlos und verpflichtend in Kindertagesstätten und Schulen flächendeckend einführen würde. Um einer Stigmatisierung vorzubeugen, empfiehlt der Sozialausschussvorsitzende Johannes Gliem die flächendeckende Einführung einer Bildungskarte für alle Kinder und Jugendlichen mit einer sozial gestaffelten Angebotspalette.

Die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Brigitte Mangen , begrüßt die Bildungschipkarte, „weil sie dafür sorgt, dass die Förderung auch bei denen ankommt, die sie brauchen.“ Da Kinder und Jugendliche heute in allen Lebensbereichen ganz selbstverständlich mit Chipkarten umgingen, glaubt Mangen, dass die Bildungscard von ihnen „eher als cool denn als diskriminierend“ empfunden würde.„Warum sollte das diskriminierend sein?“, fragt auch Rainer Könen von der Arbeitsuchendeninitiative Styrumer Treff. „Diskriminierend wäre es eher, wenn Kinder aus Hartz-IV-Familien Bildung und Kultur nicht wahrnehmen könnten, weil es so ein Angebot nicht gäbe“, betont er.

Auch der Geschäftsführer des Diakonischen Werkes, Hartwig Kistner , begrüßt die Karte, die in seinen Augen nicht diskriminiert, sondern finanzielle Leistungsgerechtigkeit schafft, indem sie der wissenschaftlich nachweisbaren Erkenntnis Rechnung trage, „dass Geldleistungen nicht immer dort ankommen, wo sie hingehen sollen.Angesichts der positiven Erfahrungen mit dem Mülheim-Pass begrüßt auch die stellvertretende Leiterin der Sozialagentur, Jennifer Neubauer , die Idee einer Bildungskarte, die man in den Mülheim-Pass integrieren könnte. Sie plädiert für eine dezentrale und kostengünstige Umsetzung durch die Kommunen.

Dieser Text erschien am 17. August 2010 in der NRZ

Mittwoch, 18. August 2010

Wo Lieder Freunde machen oder: Ehre, wem Ehre gebührt: Eindrücke von einem klangvollen Sommerfest in der Styrumer Union


„Das Lied beherrscht die Welt, weil es die Menschen aufrecht erhält“ – mit eben diesem Lied eröffnen die 46 Sänger der vor fünf Jahren aus Männerchor der Mannesmann-Röhrenwerke 1878 und dem Männergesangverein Eintracht Dimbeck 1883 gebildeten Chorgemeinschaft ihr Sommerfest im Biergarten der Styrumer Union.Auch dass sie einen „alten Jahrgang vom Rhein“ besingen und der selbst als Sänger bekannte Gastwirt Wolfgang Thöne das etwas wehmütige, aber trotzdem schöne Ständchen „Wenn auch die Jahre enteilen, bleibt doch die Erinnerung“ anstimmt, hat seinen besonderen Sinn.


Denn an diesem Dienstagabend ehrt die Mülheimer Chorgemeinschaft mit Hans Hahn und den jetzt zum Ehrenmitglied ernannten Hermann Kirchberg zwei „gute alte Jahrgänge“, für die ihr Chor ein Teil ihres Lebens geworden ist. Hahn fand bereits vor 65 Jahren, unmittelbar nach Kriegsende, zum Mannesmannchor, während Kirchberg 15 Jahre später zu den Chorkollegen stieß und sich seit inzwischen 40 Jahren im Vorstand des Chores engagiert. Beide haben den Chor noch als Thyssenchor unter dem legendären Willi Giesen kennen gelernt, als die Kollegen für Proben auch schon mal dienstfrei bekamen. Lang ist es her.Beide haben auch das Auf und Ab des Chores mit erlebt, der in den 60er Jahren auf 20 Sänger schrumpfte und später durch intensive Mitgliederwerbung wieder 70 Sänger in seinen Reihen hatte. Beide wollen die Freundschaften, die sie im Chor geschlossen haben, nicht missen. „Das Singen hält jung und ist der beste Arzt. Wenn ich hier dienstags bei den Proben mit meinen Chorbrüdern singe, denke ich nicht mehr an meine Wehwehchen“, sagt Ehrenmitglied und Chor-Nestor Hans Hahn, der eben erst seinen 90. Geburtstag gefeiert hat.


Neben Hahn und Kirchberg wurde beim Sommerfest in Styrum zum ersten Mal in der über 130-jährigen Chorgeschichte, wenn auch in Abwesenheit, mit Lenchen Gehrlicher eine Frau zum Ehrenmitglied der singenden Mannesmänner gekürt.Denn seit die musikbegeisterte Dame aus dem sächsischen Rödertal den Mannesmannchor vor 24 Jahren bei einem Konzert am Gardasee hörte, ist sie ein Fan. Sie hat immer mal wieder, wenn es ihr möglich war, dessen Konzerte besucht und lässt seitdem keinen Advent verstreichen, in dem sie die Chorbrüder nicht mit einem liebevoll gestalteten Weihnachtsgruß bedenkt. Das erfreut der Sänger Herzen.


Dieser Text erschien am 12. August 2010 in NRZ und WAZ

Dienstag, 17. August 2010

Laschet oder Röttgen? Das ist bald auch für Mülheims Christdemokraten die Frage: Was meinen die örtlichen Parteispitzen?

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Bald müssen die 798 Mülheimer Christdemokraten in einer Mitgliederbefragung ihren neuen Landesvorsitzenden wählen. Der Fraktionsvize im Landtag, Ex-Integrationsminister Armin Laschet, hatte sich sich bereits erklärt und Bundesumweltminister Norbert Röttgen wird jetzt als sein Gegenkandidat antreten. Für die NRZ fragte ich bei Parteibasis und Parteiführung nach ihren Erwartungen an die neue Landesspitze.

Kreisvorsitzender Andreas Schmidt hält beide Politiker für „gut und fähig“, die Auswahl zwischen zwei Bewerbern und eine Mitgliederbefragung sieht er als den demokratischen Normalfall und wünscht sich vom neuen Landeschef, dass er das Profil der CDU als Großstadtpartei schärft und die Partei als charismatischer Herausforderer der Ministerpräsidentin für „Menschen mit einer modernen Geisteshaltung“ öffnet und attraktiver macht.

Gleich mehrere Ortsverbandsvorsitzende der CDU, wie Markus Püll (Stadtmitte), Heiko Hendriks (Broich), Frank Blum (Saarn), Henner Tilgner (Holthausen) und Carsten Schmidtke (Styrum) glauben, dass der neue Landesvorsitzende vor allem eines tun muss: das konservative Profil der Partei schärfen, um die christdemokratischen Nichtwähler zurückzugewinnen. „Das war ein scharfer Schuss vor den Bug“, sagt Püll. Was heißt hier konservativ? „Der Einzelne muss wieder mehr im Mittelpunkt der Politik stehen“, glaubt Püll. Er empfiehlt seiner Partei, sich auf ihre Grundwerte zu konzentrieren und auch die Steuerpolitik verstärkt in den Blick zu nehmen. Neben der inneren Sicherheit nennen die Befürworter einer konservativen Profilierung auch die Schwerpunkte mittelstandsfreundliche Wirtschaftspolitik und den Kampf gegen eine angebliche Abschaffung des Gymnasiums und die Einführung einer Gemeinschaftsschule, die sie als kontraproduktive „Gleichmacherei“ und Abkehr von der individuellen Talentförderung sehen.

„Wir müssen von der Vorstellung wegkommen, dass der Mensch erst beim Abiturienten anfängt. Wir brauchen nicht nur Menschen, die denken, sondern auch welche, die anpacken“, meint Roland Chrobok aus Dümpten. Was die Personalfrage an der Parteispitze angeht, wollen sich Schmidt und Ursula Schröder (Winkhausen) noch nicht festlegen, während Püll, Blum, Chrobok und Bernd Diekmann (Speldorf) schon aus pragmatischen Gründen zu einer „landespolitischen Lösung“ mit Laschet tendieren, weil sie sich nicht vorstellen können, dass ein Bundespolitiker wie Röttgen stark genug in der Landespolitik verankert sein kann, um der Regierung Paroli zu bieten.

Schmidtke, Hendriks und Henner Tilgner (Holthausen) geben zu, dass sie sowohl bei Laschet als auch bei Röttgen politische Bauchschmerzen haben. Tilgner würde sich einen völligen Neuanfang mit „einem neuen und unverbrauchten Gesicht wünschen“, das nicht unbedingt aus der Politik kommen müsste. Heißens CDU-Chef Eckhart Capitain würde am liebsten für den ehemaligen Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Friedrich Merz stimmen, wenn der als konservativ geltende Wirtschafts- und Finanzexperte aus dem Sauerland denn zur Wahl stünde.

Schröder, Püll und Diekmann sind sich einig, dass der neue Vorsitzende der Landes-CDU mit mehr Offenheit die Basis vor Ort stärker einbeziehen muss als bisher, indem er „die Menschen mitnimmt und ihnen seine Politik erklärt“, damit sie sich nicht von der Politik abwenden. „Die Menschen sind sehr frustriert und wollen oft gar nichts mehr von Politik hören“, gibt Schröder ihren Eindruck aus vielen Gesprächen wieder und wünscht sich vom neuen Chef-Christdemokraten an Rhein und Ruhr, „dass er wieder mehr Pepp in die Politik bringt und die Leute aus ihrer Trauer und Lethargie heraus holt.“

Dazu gehört für Diekmann auch die Ehrlichkeit „den Menschen zu sagen, was finanziell geht und was nicht.“ Ganz in diesem Sinne sieht Diplom-Kaufmann Blum „eine Finanzpolitik der neuen Landesregierung, die alles auf Pump verspricht“, als Angriffspunkt für die CDU-Opposition im Landtag.Auch wenn Chrobok und Hendriks durchaus nicht sicher sind, ob eine Urwahl durch alle Parteimitglieder automatisch den besten Kandidaten ins Amt bringt, sind sich die Ortsverbandsspitzen der Mülheimer CDU einig, dass das Instrument einer Mitgliederbefragung zur erwünschten Aktivierung der Parteibasis beitragen und vielleicht auch motivieren kann, selbst politisch wieder mitzuarbeiten.

Dieser Text erschien am 14. August 2010 in der NRZ

Montag, 16. August 2010

Auch in den den Sommerferien macht die Mülheimer Politik nicht nur Pause: Eine Umschau

Der Begriff Stallwache kommt aus der Zeit, als es beim Militär noch eine Kavallerie gab und die Stallwächter Tag und Nacht darauf achten mussten, dass es den Armeepferden an nichts fehlte. Heute kennen wir die Stallwache vor allem als Bezeichnung für die Menschen, die in der parlamentarischen Sommerpause dafür sorgen, dass der Politikbetrieb weiterläuft. Auch in Mülheim gibt es sie, die politischen Stallwächter. Die NRZ sprach mit einigen von ihnen.

Bei der SPD: halten derzeit Fraktionsgeschäftsführer Claus Schindler und sein Chef Dieter Wiechering Stallwache. Schindler ist derzeit unter anderem dabei, Ortstermine zu organisieren, bei denen sich die Fachpolitiker der Fraktion in den Sommerferien ein eigenes Bild machen, zum Beispiel von der Berufsbildungswerkstatt oder vom Café Light und der drogenmedizinischen Ambulanz der Arbeiterwohlfahrt. „Dabei spielen natürlich auch die anstehenden Haushaltsberatungen eine Rolle, wenn man die Frage beantworten muss, welcher Träger was wie optimal bewerkstelligen kann und welche Zuschüsse die Stadt leisten kann und muss“, sagt Schindler. Fest im Blick hat er deshalb auch die Vorbereitung der Haushaltsklausur in der letzten Ferienwoche, bei der er aber „nichts sensationell Neues erwartet“, weil das Haushaltssicherungskonzept ja bereits stehe und im Rahmen des Doppelhaushaltes fortgeschrieben werde. Natürlich nutzt Schindler die Sommerpause auch dazu, sein Büro im Gerd-Müller-Haus an der Auerstraße aufzuräumen und Akten zu studieren, die bei ihm auf Wiedervorlage liegen, etwa zum Thema Flughafen. Neben solch schwerer Kost gönnt sich der Sozialdemokrat aber auch politisch inspirierende Lektüre, wie das Buch „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“, in dem der ZEIT-Chefredakteur und der Alt-Kanzler die politische, wirtschaftliche und soziale Lage „sehr selbstkritisch reflektieren“.

Bei der CDU: In der CDU-Geschäftsstelle an der Bahnstraße stehen Partei-Geschäftsführerin Astrid Timmermann-Fechter und die stellvertretende Fraktionschefin Ramona Baßfeld bei der Stallwache vor dem Stabwechsel. Heute verabschiedet sich Timmermann-Fechter in den Urlaub nach Mecklenburg-Vorpommern.Veranstaltungen vorbereiten, Ortstermine abstimmen, Anfragen beantworten und Einladungen verschicken. „Dieses Tagesgeschäft geht auch während der Sommerpause durch“, betont Timmermann-Fechter. „Ich habe meinen Schreibtisch voll“, betont Baßfeld mit Blick auf die Buchhaltung der knapp 800 Mitglieder zählenden Kreispartei, um die sich die Betriebsleiterin jetzt verstärkt kümmert. Als Vize-Chefin der Ratsfraktion trifft sich Baßfeld am kommenden Freitag mit ihrem Amtskollegen Henner Tilgner und Fraktionschef Wolfgang Michels zur politischen Lagebesprechung. Und am 30. August steht die Haushaltsklausur der CDU-Fraktion auf ihrem Terminplan. „Wir waren aber schon fleißig und haben unsere Hausaufgaben gemacht“, sagt Baßfeld angesichts des Doppelhaushaltes, dessen Beratung nach der Sommerpause ansteht.

Bei den Grünen: Während der Betrieb bei den Christdemokraten fast wie gewohnt weiter geht, haben ihre Bahnstraßen-Nachbarn von den Grünen ihre Geschäftsstelle bis zum 22. August geschlossen. Allerdings hört Schatzmeister Axel Hercher, der sich jetzt um die Buchführung kümmert, regelmäßig den Anrufbeantworter ab und checkt die eingegangenen E-Mails.„Ich genieße es, dass ich jetzt abends weniger Termine habe“, gibt Vorstandssprecherin Ingrid Tews zu. Dennoch ist die Sommerpause auch für sie und ihre Parteifreunde nicht politikfrei. Erst am letzten Samstag hatten sie einen Infostand in der City und am 25. August trifft sich der Kreisvorstand, um unter anderem über die Frage zu beraten, ob und welchen Erhöhungen von Grund- und Gewerbesteuer man im Rahmen der Haushaltskonsolidierung zustimmen soll. „Wenn, dann muss das moderat geschehen. Aber ganz ohne wird es wohl nicht abgehen. Dafür ist der Haushalt zu sehr an die Wand gefahren“, meint Tews. Diese zentrale Finanzfrage soll aber auch noch einmal bei einer Mitgliederversammlung, die ebenso vorbereitet werden muss, wie etwa eine Informationsveranstaltung zur Energiepolitik.

Bei der FDP: „Man muss auch mal Urlaub machen, um aufzutanken und neue Frische zu gewinnen. Sonst ist man am Ende ausgepowert“, findet FDP-Fraktionschef Peter Beitz. Dennoch macht er derzeit keinen Urlaub. Natürlich beschäftigt auch ihn in der Sommerpause der Haushalt und die Frage, wie man das Steuergeld der Bürger zielgerichteter „und nicht wie mit dem Schrotgewehr“ investieren kann. Am 25. August trifft sich seine Fraktion zur Haushaltsklausur. Doch Beitz macht sich derzeit ganz grundsätzliche Gedanken über ein Leitbild für Mülheim, das er nicht nur mit seinen Kollegen aus der Politik, sondern mit möglichst vielen Bürgern aus allen Bereichen diskutieren und auf den Weg bringen will, „um nicht nur beim Haushalt mit einem großen Wurf aus dem Klein-Klein herauszukommen“ und die Frage zu beantworten, wo die Stadt in 15 Jahren stehen will.

Bei den MBI: Wie bei der FDP hat man auch bei den Mülheimer Bürgerinitiativen (MBI) die Sommerpause zu Gesprächen mit anderen Ratsfraktionen genutzt, um mit Blick auf die Haushaltsberatungen gemeinsame finanzpolitische Anträge zu sondieren. „Unseren haushaltspolitischen Arbeitskreis haben wir aber nicht aktiviert. Denn es macht keinen Sinn, die selben Sachen noch mal zu besprechen“, sagt MBI-Fraktionssprecher Lothar Reinhard angesichts des Doppelhaushaltes und der seit Monaten auf dem Tisch liegenden Konsolidierungsvorschläge des Kämmerers. Stattdessen bereiten Reinhard und seine MBI-Mitstreiter derzeit einen Antrag für die nächste Hauptausschusssitzung vor, der die Stadt die Option regionaler Stadtwerke prüfen lassen will, um sich aus der Abhängigkeit vom Stromriesen RWE zu befreien. Und auch das wird in der MBI-Geschäftsstelle geleistet, die Vorbereitung eines Sommerfestes, das am 28. August rund um den Europa-Pavillon in der Müga gefeiert werden soll.

Bei WIR aus Mülheim: Schon in der heißen Phase angekommen sind diese Vorbereitungen beim Wählerbündnis „Wir aus Mülheim“ (WIR), das bereits am kommenden Sonntag zu seinem Sommerfest in den Styrumer Feldmannpark einlädt. Bereits am Montag hat sich WIR-Bezirksvertreterin Sabine Schweizerhof bei einem Ortstermin am Bottenbruch mit Anwohnern getroffen, die sich eine Wiedereinführung der von der Bezirksvertretung aufgehobenen Einbahnstraßenregelung wünschen, Außerdem bereitet man bei WIR die Eröffnung des neuen Fraktionsbüros an der Oberhausener Straße vor, in dem bereits am 21. August „um die Giftliste des Haushaltes zu wälzen“

Dieser Text erschien am 13. August 2010 in der NRZ

Sonntag, 15. August 2010

Wie sparsam geht die Stadt mit unserem Steuergeld um: Ein Gespräch mit der Mülheimerin Bärbel Hildebrand vom Bund der Steuerzahler NRW


Vater Staat und öffentliche Hand. Das hört sich nach milder Gabe an, wenn von der Bezahlung öffentlicher Leistungen die Rede ist. Zu leicht gerät in Vergessenheit, dass der Staat nur ausgeben kann, was vorher erarbeitet wurde. Eigentlich. Tatsächlich belaufen sich die öffentlichen Schulden aller Ebenen auf 1,7 Billionen Euro. Deswegen mahnen die Mülheimerin Bärbel Hildebrand und ihre Kollegen vom Bund der Steuerzahler immer wieder, mit Geld sorgsam umzugehen. Die NRZ sprach mit ihr über Verschwendung, auch am Beispiel Mülheim, in einer Zeit, da man im Rahmen der Haushaltskonsolidierung überlegt, die schon jetzt vergleichsweise hohen Gewerbesteuer- und Grundsteuersätze weiter anzuheben.

Wie kommen Sie an Informationen, die nicht immer gerne preisgegeben werden?Informationen erhalten wir von unseren Mitgliedern und von interessierten Bürgern, aber auch von Journalisten die selbst recherchiert haben und manchmal auch von Politikern oder aus Verwaltungen.

Müssen Sie sich auch mit Mülheimer Steuergeldverschwendungen befassen?
Uns beschäftigt natürlich Ruhrbania. Da erreichten uns viele Zuschriften. Wir haben das Thema recherchiert und auch in unserer Zeitschrift Der Steuerzahler darüber berichtet. Aktuell stellen wir zwar keine Recherchen an, beobachten das Projekt aber weiter.

Was macht Ihnen angesichts von Ruhrbania Bauchschmerzen?
Wir haben die Befürchtung, dass Mülheim sich an diesem Projekt überhebt. Dass die Stadt etwas tun muss, steht außer Frage. Die Stadt geht komplett vor die Hunde, wenn man es nicht schafft, die Innenstadt wieder attraktiver zu machen und die Bürger mit einzubinden. Ob Ruhrbania der richtige Weg ist, wagen wir zu bezweifeln, weil wir uns des Eindrucks nicht erwehren können, dass der Stadt das Ganze aus den Händen gleitet. Der Baubeginn hat sich immer wieder verzögert. Dann hat man immer wieder neu geplant, was dort eigentlich hin soll. Und wir denken, wenn eine Stadt ihre Innenstadt so komplett umkrempeln will, wie das mit Ruhrbania geschehen soll, dann muss sie doch genau wissen, was sie da unten an der Ruhrpromenade haben will. Will ich dort Wohnungen? Will ich Geschäfte? Will ich Büros? Das muss ich mir vorher überlegen und nicht, wenn der Prozess schon angefangen hat. Das kann ich als Stadt auch nicht den Investoren überlassen. Denn ich muss doch als Stadt Stadtplanung betreiben. Wir haben nicht den Eindruck, dass die Stadt weiß, was sie dort haben will, erst ein Hotel, dann das Ärztezentrum. Nichts von allem kommt. Und wenn stattdessen dort noch mehr Wohnebebauung entstehen soll und das alte Stadtbad noch nicht komplett vermietet oder verkauft ist, stellt sich die Frage, wie viel Wohnbebauung verträgt eine Stadt. Das sind alles offene Fragen, von denen wir nicht den Eindruck haben, dass die Stadt Mülheim sie beantworten kann.

Warum kann Ruhrbania den Mülheimer Steuerzahler teuer zu stehen kommen?Das lässt sich schlecht berechnen. Dieser Fall würde nur eintreten, wenn die Stadt auf ihren Grundstücken sitzen bliebe, sie nicht oder nur unter Wert verkaufen könnte und sie selbst bebauen oder bepflanzen müsste. Wenn die Stadt ihre Grundstücke verkauft und damit das Geld einnehmen kann, was sie veranschlagt hat, ist sie finanziell gut heraus und in ihrer Planung. Wenn sie aber Ihr Planungsziel nicht erreicht, die Menschen wieder in die Innenstadt und an die Ruhr zu holen, hätte man sich auch alles schenken können. Dann hätte man die Stadt auch so lassen können, wie sie ist.

Welche finanziellen Sündenfälle sind denn, abseits von Ruhrbania an Sie herangetragen worden?
Das waren Dinge, die zum Teil auch mit Ruhrbania zusammenhängen. Der Abriss des Überfliegers an der Konrad-Adenauer-Brücke war ein Punkt. Als wir im Rahmen unserer Ruhrbania-Recherchen im Planungsdezernat nachgefragt haben, hat man uns dort allerdings sehr schlüssig erklärt, dass der Abriss der Überflieger nötig ist, um das neue Ein- und Ausfahrtkonzept für die Innenstadt zu schaffen. Ein davon losgelöster Fall waren die Baumkübel auf der Schloßstraße. Wir haben uns die Kübel angeschaut und bewerten sie nicht als Verschwendung, weil einer Stadt nicht verboten werden kann, ihre Innenstadt attraktiver zu machen und weil ein Pflasterband, wie die Schloßstraße, durch die Bäume unserer Ansicht nach gewinnt.

Mit welchem Fall von Steuergeldverschwendung kam Mülheim zuletzt in Ihr jährlich herausgegebenes Schwarzbuch?
Vor elf Jahren hatten Bürger die City-Toiletten als zu teuer und unangemessen kritisiert. Damals ging es um das vollautomatische Toilettenhaus an der Leineweberstraße. Das kostete 200 000 Mark. Und man hatte erst kurz vorher die Toilettenanlage am Viktoriaplatz für 150 000 Mark saniert. Das erschien uns doppelt gemoppelt. Deshalb haben wir das kritisiert. Aber inzwischen steht außer Frage, dass sie dort stehen und sicher auch genutzt werden.

Wie kann der Bund der Steuerzahler öffentliche Geldverschwendung ahnden? Wir schaffen vor allem Öffentlichkeit. Das schafft Druck. Wer mit einem Verschwendungsfall in unserem Schwarzbuch landet, wird bundesweit durch die Medien gezogen. Wir binden natürlich auch lokale Medien und unsere Mitglieder vor Ort mit ein und veröffentlichen Verschwendungsfälle auf unserer Internetseite. Das gefällt nicht jedem. Wir bekommen dann auch Kritik zurück. Doch damit können wir leben. Denn wir recherchieren unsere Fälle sehr sorgfältig und bitten auch die Betroffenen um Stellungnahme.

Suchen Kommunalpolitiker Ihren Rat , um Verschwendung zu vermeiden?
Auf jeden Fall. Es gibt viele Ratsfraktionen, die unseren Kommunalexperten, einen studierten Volkswirt mit kommunaler Verwaltungserfahrung anfragen, der sich mit dem Thema kommunale Haushalte excellent auskennt. Er erklärt den ehrenamtlichen Kommunalpolitikern den Aufbau eines kommunalen Haushaltsplanes und zeigt Sparvorschläge auf. Aus Mülheim gab es eine solche Anfrage bisher leider noch nicht. Aber, was nicht ist, kann ja noch werden.

Hintergrund: Die Journalistin Bärbel Hildebrand und ihre Kollegin Andrea Defeld recherchieren für den nordrhein-westfälischen Bund der Steuerzahler Fälle von Steuergeldverschwendung. Der Bund der Steuerzahler ist ein eingetragener Verein mit landesweit 70 000 und bundesweit 300 000 Mitgliedern. Ihm gehören sowohl interessierte Bürger als auch Unternehmen und Gruppen an. Die Einzelmitgliedschaft kostet jährlich 72- und die Unternehmensmitgliedschaft 96 Euro. Der Bund der Steuerzahler setzt sich nicht nur für einen sorgfältigen Umgang mit Steuergeldern, sondern auch für ein einfacheres, gerechteres und an die Lohnentwicklung angekoppeltes Steuersystem ein. Der Bund der Steuerzahler fordert die Abschaffung von Bagatellsteuern, wie Hunde- oder Sektsteuer, deren Erhebung mehr kostet als sie dem Staat einbringen. Die Gewerbesteuer möchte der Bund der Steuerzahler durch einen kommunalen Hebesatz bei der Lohn- und Einkommens sowie bei der Körperschafts- und Umsatzsteuer ersetzen. Außerdem sollte der Spitzensteuersatz nicht schon bei einem Netto-Jahreseinkommen von 53 000 Euro, sondern erst bei 60 000 Euro einsetzen. Bürger können sich unter 02 11/99 175 25 oder per E-Mail an: presse@steuerzahler-nrw.de an den Steuerzahlerbund wenden. Weitere Infos im Internet unter: http://www.steuerzahler-nrw.de/

Dieser Text erschien am 4. August 2010 in der NRZ

Samstag, 14. August 2010

"Brüder zur Sonne, zur Freiheit": Vor 65 Jahren wurde im Speldorfer Tengelmannsaal der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund gegründet

In Mülheim gibt es derzeit rund 54 600 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitnehmer. Rund 18 500 von ihnen sind im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisiert.Noch vor der Bildung von Parteien sind es die Gewerkschaften, die vor 65 Jahren von der britischen Militärregierung als politische Organisationen zugelassen werden. 1500 Arbeitnehmer versammeln sich am 12. August 1945 im Speldorfer Tengelmann-Saal, um den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) zu gründen.

Bereits am 5. Juni 1945 hatte die britische Militärregierung der Bevölkerung mitgeteilt: „Freie Gewerkschaften werden zugelassen. Jedoch muss deren Tätigkeit mit demokratischen Mitteln ausgeübt werden. Die Gewerkschaften sollen nicht nur in beruflichen, wirtschaftlichen und sonstigen Aufgaben tätig sein, sondern die Erziehung des deutschen Volkes in freiheitlicher Lebensgestaltung und demokratischem Gedankengut fördern.“Schon wenige Tage nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen nehmen Mülheimer Gewerkschafter im April 1945 Kontakt zur Militärregierung auf und gründen eine Antifaschistische Bewegung (Antifa), in der sich Gewerkschafter unterschiedlicher Weltanschauungen sammeln. Schon damals wird deutlich. Der Trend geht zur Einheitsgewerkschaft.

Anders als im Kaiserreich und in der Weimarer Republik wollen sich die Arbeitnehmervertreter nach Diktatur und Krieg nicht mehr in sozialistische, christliche und liberale Gewerkschaften auseinanderdividieren.Zu ihrem Mülheimer Hauptquartier wird das ehemalige Haus des christlichen Metallarbeiterverbandes an der Bahnstraße. Das heutige Gewerkschaftshaus an der Friedrichstraße entsteht erst Mitte der 70er Jahre.Bei ersten Betriebsversammlungen diskutieren Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter über die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Arbeitszeit, Lohn und Produktionsprobleme, so will es die britische Militärregierung, bleiben aber vorerst Tabu.

Gegenüber der Militärregierung formuliert die Antifa erste Gewerkschaftsziele. Dazu gehören die Entfernung aller aktiven Nationalsozialisten aus ihren Positionen und die Bildung von Kontrollausschüssen zur Überwachung und Inbetriebnahme der öffentlichen Verwaltungen und Industriebetriebe. Betriebsausschüsse werden gebildet und die drei Gewerkschafter Ernst Tommes, Heinrich Melzer und Johann Doetsch als Dreierausschuss beauftragte, die Gründung von Einheitsgewerkschaften vorzubereiten. Dazu passt: Tommes ist Sozialdemokrat. Doetsch kommt aus der christlichen Arbeitnehmerbewegung und Melzer ist parteilos.

Am 12. August 1945 ist es dann so weit: Bei der Gründungsversammlung sagt der ehemalige Sozialdezernent Tommes: „Wir wollen alle arbeitenden Menschen zusammenfassen, um ohne parteipolitische Bindung für die Zukunft zugunsten aller arbeitenden Menschen einzutreten.“ Tommes beschwört „die Beseitigung der allgemeinen großen Not“, die Wieder- aufnahme der 1933 abgebrochenen internationalen Gewerkschaftsbeziehungen und „Deutschlands Rückkehr zu Frieden, Versöhnung und Völkerverständigung.“ Ausdrücklich erinnert er an diesem Tag des Neuanfangs auch an das Vermächtnis der von den Nazis ermordeten Gewerkschafter Willi Müller, Otto Gaudig, Fritz Terres, Hans Kaiser und Paul Meister.

Zum ersten Vorsitzenden des Mülheimer FDGB, der später auf das F im Namen verzichtet, wird der damals 55-jährige Heinrich Melzer gewählt, nach dem heute eine Straße in der Stadtmitte benannt ist. Der von den Nazis verfolgte und zeitweise inhaftierte Melzer, trat bereits als 17-jähriger Kesselschmied dem Deutschen Metallarbeiterverband bei. Er gehörte nach dem Ersten Weltkrieg zum Arbeiterrat bei Thyssen und führte von 1922 bis 1933, die Geschäfte der Deutschen Arbeiter Union. Die von der britischen Militärregierung herausgegebene Ruhrzeitung spricht am 15. August 1945 in einem Rückblick auf die Gründungsversammlung von „einem machtvollen Bekenntnis zum Wiederaufbau der Gewerkschaftsbewegung und vergisst dabei auch nicht den musikalischen Beitrag des Mülheimer Volkschores, der zur Feier des Tages das Arbeiterlied „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ angestimmt habe.

Als der Gewerkschaftsbund neun Monate nach seiner Gründung 1946 zu seiner ersten Maikundgebung auf dem Sportplatz an der Südstraße einlädt, folgen rund 10 000 Beschäftigte dem Aufruf. Eine der damaligen Forderungen lautet: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.“ Das klingt auch heute, angesichts von Lohndumping und immer mehr unsicheren Arbeitsverhältnissen, immer noch aktuell.Allerdings kann der Mülheimer DGB, der seit 1994 zu einem Regionalverband mit den Nachbarstädten Essen und Oberhausen gehört, von 10 000 Teilnehmern einer Maikundgebung wohl nur noch träumen und froh sein, wenn er ein Zehntel davon am Tag der Arbeit auf die Straße bringt.

Dieser Text erschien am 12. August 2010 in der NRZ

Freitag, 13. August 2010

Warum die Produktion der Hörzeitung Echo Mülheim von der Tonkassette auf die CD-Rom umgestellt wird


Sie lesen die NRZ. Gott sei Dank. Doch was machen die Menschen, die blind oder stark sehbehindert sind und das deshalb nicht können? Ganz einfach: Sie hören sie. Die Hörzeitung Echo Mülheim macht es möglich. 24 ehrenamtliche Leser lesen aktuelle Informationen aus der lokalen Tagespresse sowie Mitteilungen der Stadtverwaltung, der Mülheimer Verkehrsgesellschaft und des Blinden - und Sehbehindertenvereins (BSV).


Und der selbst an den Folgen des Grünen Stars spät erblindete Ali Arslan (45) nimmt das auf. So wird aus dem gedruckten das gesprochene Wort. Seit zehn Jahren sorgen Arslan und seine sehende Assistentin Petra Weiher dafür, dass derzeit 60 Hörerer einmal wöchentlich ihre lokale Hörzeitung kostenlos als Tonkassetten per Blindenpost ins Haus geschickt bekommen. Doch spätestens ab Weihnachten haben die Tonkassetten ausgedient und werden durch CD-Roms ersetzt. Arslan macht sich bereits an seinem Arbeitsplatz im Medienhaus am Synagogenplatz mit der neuen Technik vertraut und wird demnächst an einer ausführlichen Schulung teilnehmen.


Der sehende Besucher wundert sich im ersten Augenblick, wenn er Arslan vor einem schwarzen Computerbildschirm arbeiten sieht, ehe er versteht: Statt auf den Bildschirm zu schauen, hört der blinde Hörzeitungsmacher auf eine elektronische Stimme, die ihm ansagt, bei welchem Arbeitsschritt er gerade angelangt ist: "Aufnahme, Kopieren, Schneiden, Einfügen" ist da zum Beispiel vom Kollegen Computer zu hören, dessen Schnitt- und Aufnahmeprogramm Arslan mit bestimmten Tastenkombinationen steuert.


"Die Hörbüchereien für Blinde und Sehbehinderte haben bereits vollständig von der Tonkassette auf die CD-Rom umgestellt. Außerdem nutzen fast alle Hörer inzwischen Daisy-Player statt Kassettenrekorder", erläutert Arslan den Hintergrund der technischen Umstellung. Warum macht das Sinn? "Die CD-Roms sind haltbarer und haben eine bessere Tonqualität, so dass sie die Produktion der Hörzeitung langfristig auch finanziell preiswerter machen", erklärt der Hörzeitungsproduzent, der auch schon mal als Reporter unterwegs ist, wenn er zum Beispiel bei Polizei und Feuerwehr oder bei der Mülheimer Verkehrs- und der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft Interviews führt.


Wenn die Kassetten von Echo Mülheim im Dezember durch CD-Roms ersetzt werden, und darin sieht Arslan die größte Innovation für die Hörer, kann Echo Mülheim auf einem Daisy-Player abgespielt werden, der an einen kleinen CD-Player erinnert, aber mehr Steuerungstasten als dieser hat. Mit dieser Kombination aus Pfeil und Zahlentasten können die Hörer künftig auf der CD wie in einer Zeitung blättern und mit Hilfe eines Inhaltsverzeichnisses ganz gezielte Artikel und Mitteilungen ansteuern, die sie besonders interessieren. Ein Daisy-Player kostet in der Regel 300 bis 400 Euro. Seine Anschaffung wird nicht von allen, aber doch von einigen Krankenkassen als Hilfsmittel finanziell unterstützt.

Der Daisy-Player macht die Hörzeitungslektüre komfortabler und individueller. Die Umstellung der Hörzeitung von den Tonkassetten und Rekordern auf CD-Roms und die digitale Produktion am Computer kostet 6000 Euro. Diese Investition wird zu 80 Prozent von der Fürsorgestelle des Landschaftsverbandes Rheinland getragen. Den Rest der Summe bezahlt die Stadt.

Kontakt: Wer mit einem ärztlichen Attest nachweisen kann, dass er blind oder sehbehindert ist, kann die Hörzeitung Echo Mülheim kostenlos beziehen. Weitere Auskünfte geben Ali Arslan und Petra Weiher unter der Rufnummer  455 41 88 oder unter der Rufnummer 455 42 88 sowie per E-Mail an: Hoerzeitung@stadt-mh.de Auf diesem Weg können sich auch sehende Menschen mit dem Hörzeitungsteam in Verbindung setzen, die bereit sind, alle drei Wochen für 30 bis 60 Minuten als ehrenamtliche Leser an der Produktion der Hörzeitung im Tonstudio des Medienhauses am Synagogenplatz mitzuwirken.
Dieser Text erschien am 10. August 2010 in der NRZ

Mittwoch, 11. August 2010

408 Karstadt-Mitarbeiter im Rhein-Ruhr-Zentrum hoffen und bangen jetzt bis zum 3. September

Eigentlich wollten Betriebsrastchefin Andrea Grisail und der für den Bereich Einzelhandel zuständige Verdi-Vize-Geschäftsführer Günter Wolf den 408 Karstadt-Kollegen im Rhein-Ruhr-Zentrum bei einer Betriebsversammlung am 17. August sagen, wie es mit ihnen und ihrem Unternehmen weitergeht. Die Betriebsverammlung wird auf jeden Fall stattfinden. Doch Klarheit über die Karstadt-Zukunft wird es auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht geben.Denn das zuständige Insolvenzgericht in Essen hat seine Entscheidung über die Annahme des Insolvenzplanes gestern auf den 3. September vertagt.

Grisail hofft, dass an diesem Tag „die finale Entscheidung“ fällt und die Kollegen „den Kopf wieder frei haben können“, um sich auf ihre eigentliche Arbeit von Beratung und Verkauf konzentrieren zu können. „Wir kämpfen jeden Tag. Das macht keinen Spaß. Wir können hier nichts beeinflussen, sondern nur warten. Manche Kollegen stecken das gut und mache Kollegen nicht so gut weg“, beschreibt sie die mit der Zukunftsangst verbundene seelische Belastung der Belegschaft. „Das ist eine für die Kollegen absolut demoralisierende Zitterpartie“, findet Verd-Mann Wolf. Mit Grisail ist er sich einig, dass jetzt der Karstadt-Vermieter Highstreet mit finanziellen Zugeständnisssen an den Karstadt-Investor Nicolas Berggruen an der Reihe ist, nachdem jeder Karstadt-Mitarbeiter auf jährlich rund 1500 Euro Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet, um einen finanziellen Beitrag zur Sanierung des Unternehmens zu leisten: Und das bei Bruttomonatgehältern von 1665 bis 2108 Euro. Auch die Stadt habe mit einem Gewerbesteuerverzicht ihre Solidarität mit Karstadt gezeigt und die Beschäftigten so „politisch gut unterstützt.“

Was Betriebsrätin Grisail in dem schwierigen Schwebezustand Mut macht, ist die Tatsache, „dass uns unsere Kunden die Treue halten.“ Auch den Umstand, dass Investor Berggruen mit dem Vermieter Highstreet so hartneckig um günstigere Mietkonditionen verhandelt, findet sie „gut, weil das zeigt, dass er zusammen mit uns etwas Zukunftsfähiges aufbauen möchte, damit wir nicht in zwei Jahren wieder dort sind, wo wir jetzt sind.“

Dieser Text erschien am 11. August 2010 in der NRZ

Dienstag, 10. August 2010

Reiseziel Mülheim: Ein Sommergespräch über die lokale Tourismusförderung


Sommerzeit ist Urlaubszeit. Viele Mülheimer zieht es als Touristen in die Ferne. Doch es gibt auch Menschen, die als Touristen nach Mülheim kommen. Über die lokale Tourismusförderung im Jahr der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010 sprach ich die NRZ mit MST-Geschäftsführerin Inge Kammerichs (die hier an ihrem Arbeitsplatz Schloss Broich neben der Büste der preußischen Königin Luise zu sehen ist, die hier als junge Prinzessin als "Touristin" weilte.) .


Warum kommen Touristen nach Mülheim?

Der Ruhrtalradwanderweg war sicher eine Initialzündung für unsere Region und auch die Kulturhauptstadt ist ein Glücksfall für uns. Beides hat dazu geführt, dass wir inzwischen Gäste aus ganz Deutschland begrüßen können, die auch mehrere Tage hier verbringen.


Von welchen Gästen sprechen wir?

Viele Vereine und Firmen, aber auch private Kleingruppen und individuelle Radwanderer haben sich in diesem Jahr entschieden nach Mülheim zu kommen. Dabei können wir sowohl bei den Tagestouristen als auch bei den Touristen, die bis zu sechs Tagen in Mülheim bleiben, deutliche Zuwächse verzeichnen. Auch bei den Buchungen für die Stadthalle konnten wir unseren Umsatz verdoppeln und renommierte Veranstaltungen, wie die Tagungen der Rheinischen Notarskammer, der Implantologen oder die pharmaziehistorische Biennale, nach Mülheim holen, die auch mit Übernachtungen verbunden sind.


Was bedeutet das in konkreten Zahlen?

Wir haben in den ersten fünf Monaten des Jahres im Vergleich zu 2009 gut 16 000 Übernachtungen mehr gehabt, obwohl 2010 kein besonderes Messejahr war und auch der Geschäftstourismus nicht zugenommen hat. Etwa 11000 Übernachtungen sind touristisch veranlagt. Etwa 5000 Übernachtungen konnten wir durch neue Veranstaltungen in der Stadthalle gewinnen. Im Vergleich zu 2009 konnten wir die Raumbuchungen in der Stadthalle während der ersten sechs Monate von 254 auf 393 steigern. Das bedeutet, wir konnten unseren Umsatz bei den Raummieten von 207 000 Euro im ersten Halbjahr 2008 auf 412 000 Euro im ersten Halbjahr 2010 steigern.


Welche Rolle spielt dabei die Ruhr2010?

Eine wichtige, weil sie gerade während der ansonsten eher ruhigen Sommermonate zu einer Nachfragebelebung geführt hat.Frage: Wie zahlt sich die Tourismusförderung für Mülheim wirtschaftlich aus?Antwort: Wir wissen, dass jeder Hotelgast im Durchschnitt 130 Euro und jeder Tagestourist immerhin 30 bis 40 Euro in der Stadt lässt.Frage: Das Ruhrgebiet ist nicht als Tourismusregion bekannt. Behindert Sie das Image der Industrieregion?Antwort: Die Kulturhauptstadt hat uns da eine Tür aufgemacht und uns ermöglicht unser Image zu verbessern. Schon bei der Internationalen Tourismusmesse 2009 in Berlin konnte man das Gänsehautgefühl bekommen, dass das Ruhrgebiet jetzt als Tourismusregion geboren worden ist, weil Menschen hierhin kommen, die etwas erleben und bekommen, was sie so nicht erwartet haben. Sie erkennen, dass man im Ruhrgebiet zum Beispiel ein schönes Wochenende verbringen kann.


Geht es nach dem Ruhr-2010-Boom mit dem Ruhrtourismus wieder bergab?

Das ist unsere große Sorge. Als Touristiker hoffen wir natürlich, dass wir auch weiterhin die Möglichkeiten behalten unsere Region nach außen hin darzustellen, damit das, was jetzt ins Rollen gekommen ist und auch erste wirtschaftliche Erfolge bringt, weiter entwickelt werden kann, und nicht unter Sparzwängen wieder eingestampft wird.


Gibt es in Mülheim ein Bewusstsein und eine Infrastruktur für Tourismus?

Das ist ja die wunderbare Koppelung, dass diese Infrastruktur gerade im Jahr der Kulturhauptstadt vorhanden ist, die es vor drei Jahren so noch nicht gegeben hat. Unsere Touristen-Information, die gerade erst vom Deutschen Tourismusverband zur besten in NRW gekürt worden ist, hat einen guten Standard erreicht. Nach schweren Verhandlungen gibt es jetzt auch ein ÖPNV-Ticket, mit dem Touristen durch die Region fahren können. Aber nicht nur bei den Verantwortlichen hat es ein Umdenken gegeben. Mehr Bürger kennen die Attraktionen ihrer Stadt und identifizieren sich mit ihnen. Auch die Zahl der von Privatleuten vermieteten Gästezimmer ist deutlich angestiegen.


Profitieren auch die Hotels vom neuen Ruhrtalradweg?

Wir haben jetzt überall Radständer und auch eine Werkstatt für Radtouristen eingerichtet. Und auch die Hoteliers reißen sich inzwischen darum, bei unseren Ruhrtalradführer mitzumachen. Viele sind positiv überrascht, wie viele Touristen der Ruhrtalradweg nach Mülheim gebracht hat. Da passt sich der Markt an.


Zur Person: Inge Kammerichs (52) ist seit 2008 Geschäftsführerin der Mülheimer Stadtmarketing und Tourismusgesellschaft MST. Die gelernte Fremdenverkehrskauffrau und Fachwirtin für Messe- Kongress- und Tagungswesen kam 2001 zur MST, wo sie als Abteilungsleiterin den Bereich Tourismusförderung aufbaute. 2004 übernahm sie dort zusätzlich die Projektplanung und Betreuung für die Camera Obscura sowie die Verantwortung für die Vermarktung der Stadthalle. Als Tochter einer bayerischen Gastronomenfamilie arbeitete sie bereits mit 13 Jahren im elterlichen Betrieb mit und lernte, was Tourismusförderung an der Basis bedeutet. Nach ihrer Ausbildung an der Akademie Schloss Kleßheim bei Salzburg betreute sie in Bad Birnbach Planung und Bau von zwei Hotels. Später war sie in der Direktion von Fünf-Sterne-Hotels im Salzburger Land und in Düsseldorf tätig, ehe sie als Beraterin für die Betriebsberattungsgesellschaft Gastgewerbe arbeitete.


Dieser Text erschien am 7. August 2010 in der NRZ

Sonntag, 8. August 2010

Rückblick: Als Mülheim seinen ersten Nachkriegsschultag erlebte


Zurzeit genießen Mülheims 20 000 Schüler ihre Sommerferien. Vor 65 Jahren haben ihre Großeltern ihren ersten Nachkriegsschultag erlebt. Am 6. August 1945 nehmen die 22 Volksschulen Mülheims mit rund 9400 Schülern ihren Lehrbetrieb wieder auf. Die Kinder der ersten bis sechsten Klasse machen den Anfang. Ihre Mitschüler aus den Volksschulklassen 7 und 8 haben, ebenso wie die Schüler der Mülheimer Mittelschule an der Oberstraße und der Mülheimer Gymnasien, noch bis Anfang Oktober schulfrei.


"Das waren Zeiten", möchte man da als heutiger Schüler denken, sollte sich aber nicht zu früh in die Schulzeiten seiner Großeltern zurück wünschen.Nachdem die Mülheimer Schulen kriegsbedingt im Oktober 1944 ihren Lehrbetrieb eingestellt hatten, weil Bomben fielen und die meisten Schüler ohnehin in der Kinderlandverschickung waren, während viele Lehrer zu Hause oder an der Front zum Kriegseinsatz abkommandiert worden waren, konnte der Schulbetrieb wenige Monate nach Kriegsende nur schrittweise begonnen werden, weil viele Schulen, in Mülheim alleine elf, zerstört waren. Und selbst die Schulen, die den Krieg heil oder zumindest nur teilweise beschädigt überstanden hatten, konnten oft nicht vollständig für den Unterricht genutzt werden, weil sie, aus der Not heraus, als Verwaltungsdiensstelle, als Wohnraum oder auch, wie im Fall der heutigen Karl-Ziegler-Schule, als Hilfskrankenhaus genutzt wurden.


Der akuten Raumnot versuchte man mit Schichtunterricht und Klassenstärken von mehr als 60 Schüler pro Lehrer Herr zu werden. Heute werden schon Klassenstärken von 30 Schülern als pädagogisch bedenklich eingestuft. Als die Mülheimer Schulkinder vor 65 Jahren noch buchstäblich die Schulbank drücken und ihren Griffel herausholen, treibt sie nicht nur Wissensdurst, sondern auch der Hunger um. Das städtische Ernährungs- und Wirtschaftsamt ist auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die kommt zum Beispiel im Form amerikanischer Care-Pakte oder einer Schulspeisung durch das Schwedische Rote Kreuz dem Mülheimer Nachwuchs zugute. Jungen und Mädchen nehmen 1945 nicht nur einen Ranzen, sondern auch einen Henkelmann mit zur Schule, wo der Hausmeister die Milch- und Suppenkelle schwingt. Neben Milch stehen auch Biskuit- und Erbsmehlsuppe auf dem Schulspeiseplan.


Was man nicht aufisst, wird mit nach Hause mitgenommen.Aber nicht nur der knurrende Magen, sondern auch der Mangel an Kohlen- und Brennstoff, macht den Unterricht damals schwer. Wenn die Kohlen fehlen, gibt es im Herbst und Winter 1945 kältefrei.Ganz anders eingeheizt wird dagegen den Lehrern, die in der NSDAP und ihren Organisationen eine führende Rolle gespielt haben. Ihnen verweigert die britische Militärregierung die Wiedereinstellung und schickt auch die als politisch unbelastet eingestuften Lehrer für sechs Wochen in einen Schulungskurs, "damit sie den jungen Menschen den Blick für die neue Welt klar und weit öffnen können," wie es am 11. August 1945 in einem Bericht der von der Militärregierung herausgegebenen Ruhrzeitung heißt. Insbesondere Geschichte und Pädagogik müssen die Lehrer bei von den Briten ausgewählten Hochschullehrern neu lernen.Nicht nur politisch belastete Pädagogen, sondern auch ideologisch eingefärbte Schulbücher aus der NS-Zeit werden ausgemustert.


Und weil man deshalb nur noch ganz wenige alte Schulbücher nutzen kann, die neuen aber noch nicht da sind, muss das Amtsblatt der Stadt regelmäßig Texte für den Schulunterricht veröffentlichen. Und so erscheinen dort neben offiziellen Bekanntmachungen regelmäßig auch literarische Texte von den Gebrüdern Grimm bis zu Goethe, die in den Schulen vorerst das Lesebuch ersetzen.

Der Zeitzeuge Hans Fischer erinnert sich: Die "Sommerferien" 1945 begannen für den damals 13-jährigen Hans Fischer am 11. Juni mit der Rückkehr aus der Kinderlandverschickung in Mähren und endeten nicht schon am 6. August, sondern erst am 1. Oktober 1945. Denn er besuchte das städtische Gymnasium, das er vor der Kinderlandverschickung noch als Emil-Kirdorf-Schule gekannt hatte und das heute den Namen des Mülheimer Chemie-Nobelpreisträgers Karl Ziegler trägt. Viele Lehrer, die er als aktive Nazis kannte, sah er nicht wieder. Andere, die als Mitläufer eingestuft wurden, kehrten nach einer Übergangsfrist an die Schule zurück. Fischer und seine Klassenkameraden wurden zum Teil aber auch von alten Lehrern unterrichtet, die eigentlich schon pensioniert werden sollten, aber aufgrund des Lehrermangels reaktiviert wurden. Fischer erinnert sich: "Die Lehrer unterrichteten damals von einem Pult aus, das auf einem Podium stand. Geschichte und Politik waren anfangs im Unterricht kein Thema. Erst später hat uns unser Deutschlehrer etwas über Demokratie und Verfassungsgeschichte erzählt, während unser Englischlehrer, der auch als Dolmetscher eingesetzt war, uns berichtete, wie in England gewählt wird und wie das Schulsystem dort funktioniert." Weil es noch keine Schulbücher gab, mussten Fischer und seine Klassenkameraden anfangs "alles von der Tafel abschreiben". Statt in Schulhefte schrieb er mit einem Bleistift auf die Rückseite alter Rechnungsblöcke, die sein Vater von seinem Arbeitsplatz bei Tengelmann-mit nach Hause gebracht hatte. Die Biskuit-Erbsmehlsuppe, die sie als Schulspeisung empfingen, wurde von Fischer und seinen Mitschülern ob ihrer Konsistenz auch schon mal gerne als "Dübelmasse" verspottet, aber trotzdem hungrig verschlungen. Im Schuljahr 45/46 lernen die Schüler des städtischen und des noch beschädigten staatlichen Gymnasiums, das später nach dem Mülheimer Maler Otto Pankok benannt werden sollte, unter einem Dach im heutigen Karl-Ziegler-Gymnasium.
Das Foto zeigt August Weilandt in dem von ihm betreuten Historischen Klassenzimmer an der Schlägelstraße in Styrum mit ehemaligen Schülerinnen der Realschule Stadtmitte
Dieser Text erschien am 6. August 2010 in der NRZ

Samstag, 7. August 2010

Seit 40 Jahren sorgt der Heißener Seniorenclub an der Folkenbornstraße für beste Gesellschaft


Viele alte Menschen vereinsamen, wenn der Ehepartner gestorben und die Kinder aus dem Haus sind. Was tun, wenn auch die Freunde weniger werden und die Rente keine großen Sprünge mehr zulässt?Vielleicht sollte man im Heißener Seniorenclub an der Folkenbornstraße 59 vorbeischauen. Dort ist an diesem Samstag nichts von Einsamkeit zu spüren. Die Tanzfläche ist dicht bevölkert. Kein Wunder. Die von Klaus Heckmann aufgelegten Schlager waren vor 40 Jahren brandneu, erfüllen aber auch als Oldies immer noch ihren Zweck, sorgen für Stimmung und Lebensfreude. Genau das tut auch der Seniorenclub, dessen 40. Geburtstag man mit Musik vom Band und Bier vom Fass feiert.


Ingrid Bütefür tanzt nicht. Sie sitzt an einem der schön gedeckten Tisch und beobachtet mit sichtlichem Vergnügen das bunte Treiben. Als Vorsitzende ist die 70-Jährige zusammen mit ihrer Stellvertreterin Brigitte Dors der Motor des Seniorenclubs und sorgt für Programm.Und auch wenn an der Folkenbornstraße gerade keine Geburtstagsparty steigt, steht dort dienstags bis freitags, jeweils von 14 bis 18 Uhr, einiges auf dem Programm.Die unverzichtbaren Klassiker, wie Kaffee, Kuchen und Klönen findet man hier ebenso, wie Spiel, Spaß und Unterhaltung, ob beim gemeinsamen Basteln, beim Bingo, beim Skat oder beim Schach. Abgerundet wird das reife Freizeitangebot durch jahreszeitliche Feste und Tagesausflüge, die zuletzt ins Münsterland, zum Rhein und nach Belgien führten.


Viel ehrenamtliche Arbeit für Bütefür, die sich früher nieht hätte vorstellen können, einen Seniorenclub zu besuchen, geschweige denn zu leiten. Doch im Leben kommt es oft anders, als man vorher denkt. Nach dem Tod ihres Mannes drohte sie in ein Loch zu fallen, aus dem sie eine Bekannte herausholte und mit zur Folkenbornstraße brachte. Dort war sie erst dabei und bald schon mittendrin, seit drei Jahren als Clubchefin und guter Geist. „Mutter, du bist richtig aufgeblüht“, bekommt sie heute von ihren Kindern zu hören. Und das liegt wohl am guten Gefühl, gebraucht zu werden und etwas sinnvolles zu tun. „Wenn ich in strahlende Augen schaue und höre: Danke für diesen schönen Nachmittag, weiß ich, meine Arbeit hat sich gelohnt“, sagt die 70-Jährige mit einem fast jugendlich wirkenden Elan. Besonders freut sich Bütefür darüber, wenn sie sieht, wie Besucher im Seniorenclub wieder aufblühen, weil sie hier nicht nur neue Freunde und Gesprächspartner, sondern manchmal auch eine neue Liebe finden.Clubmitglied Erika Rautenstrauch bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Hier hat man Unterhaltung und trifft nette Leute. Das ist besser als zu Hause alleine auf der Couch herumzusitzen.“Warum braucht man dafür einen Seniorenclub? „Uns in einem Lokal zu treffen, geschweige denn ein so einmaliges Angebot, könnten wir uns mit unseren kleinen Renten doch gar nicht leisten“, beschreibt Clubmitglied Anika Stopka den sozialen Mehrwert der seiner Zeit vom SWB errichteten und heute von der Arbeiterwohlfahrt getragenen Altentagesstätte. Kein Wunder, dass nicht nur Stopka hofft, „dass uns diese Einrichtung noch möglichst lange erhalten bleibt.“


Die Mitgliedschaft im Heißener Seniorenclub kostet jährlich 15 Euro. Die Altentagesstätte an der Folkenbornstraße 59 ist mit den Buslinien 136 und 129 (Haltestelle Hinnebecke) sowie mit der U 18 (Haltestelle Mühlenfeld) erreichbar. Weitere Auskünfte unter der Rufnummer: 0208/43 30 30


Dieser Text erschien am 5. August 2010 in NRZ und WAZ

Freitag, 6. August 2010

SPD setzte im Sozialausschuss eine Experten-Anhörung zum Thema Aids durch, musste sich aber auch Kritik gefallen lassen

Nach den Sommerferien wird es Anfang September eine Expertenanhörung geben, die den Aufklärungs-, Vorbeugungs-, Beratungs- und Betreuungsbedarf beim Thema Aids dokumentieren soll. Der Sozialausschuss stimmte jetzt einem entsprechenden SPD-Antrag zu.

Allerdings mussten sich die Antragsteller auch Kritik gefallen lassen: „Es ist gut, wenn die SPD die Wichtigkeit des Themas erkannt hat. Aber die Fraktionen hatten bereits genug Gelegenheit sich im Gespräch mit Experten ein Bild zu machen. Deshalb ist ein Expertenhearing nach den Sommerferien überflüssig“, begründete Martin Römisch die Ablehnung der FDP-Fraktion. Und Ingrid Tews von den Grünen, die sich der Stimme enthielten, warnte davor, dass die Expertenanhörung zu einer „SPD-Profilierungsveranstaltung werden könnte.“

Diesen Verdacht wies der Sprecher der SPD-Fraktion Sascha Jurczyk, zurück: „Wir wissen, wie wir im Mai abgestimmt haben“, sagte er im Rückblick auf die Erhöhung oder Umschichtung der kommunalen Mittel für Aids-Beratung, Betreuung und Vorbeugung, die SPD und CDU seiner Zeit abgelehnt hatten. „Wir wollen uns nicht profilieren, sondern im Interesse der Betroffenen sinnvoll handeln“, verteidigte Jurczyk den Antrag seiner Fraktion. Sein Parteifreund, der Ausschussvorsitzende Johannes Gliem, nannte die Experten-Anhörung in Sachen Aids „einen richtigen und fairen Weg, um alle Fakten öffentlich auf den Tisch zu legen und alle Beteiligten ein Stück schlauer zu machen“.

In diesem Zusammenhang verwies Gliem auch auf einen Antrag der SPD, mit dem seine Fraktion bereits im Februar die Verbesserung schulischen Vorbeugungs- und Aufklärungsarbeit in den Blick genommen habe. In den Gesprächen mit Schwangerschaftskonflikt- und Drogenberatungsstellen habe sich gezeigt, dass das Thema Aids hier nur ein Randthema sei.„Die Betroffenen haben ein Recht auf gute Beratung“ Ähnlich wie Tews ließ auch Gliem keinen Zweifel daran, dass eine Expertenanhörung dazu führen könne, „dass sich die Stadt bereit erklären muss, mehr Mittel einzusetzen“.

Der Leiter des Gesundheitsamtes, Georg Ohde, machte deutlich, dass seine Behörde zwar in der Lage ist, Anfang September eine Expertenanhörung zu organisieren. Deren Ergebnisse aber bis zur nächsten Sozialausschusssitzung am 16. September schriftlich zu dokumentieren, sei innerhalb von 14 Tagen arbeitstechnisch nicht zu leisten.Daraufhin erklärte sich Jurczyk im Namen der antragstellenden SPD-Fraktion dazu bereit, dass ein ausführlicher Bericht über die Expertenanhörung erst vor dem Beginn der Etatberatungen im Oktober vorliegen soll. In der Ausschusssitzung vom 16. September wolle man sich hingegen mit einem „kurzen schriftlichen Zuschnitt der Anhörungsergebnisse“ begnügen.

Torsten Schrodt vom Sozialverein der Lesben und Schwulen, der im Mai Mittel für eine hauptamtliche Beratungs- und Betreuungskraft für seine Aids-Beratungsstelle Lebenslust an der Teinerstraße beantragt hatte, zog nach der Sitzung eine vorsichtig optimistische Zwischenbilanz: „Wenn eine solche Anhörung dazu führt, dass Politiker den Bedarf erkennen und sich den betroffenen Menschen widmen, dann soll es mit der Anhörung gut sein.“Obwohl Schrodt den vorhanden Bedarf in zahlreichen Gesprächen mit der Politik bereits geklärt sieht und die Argumente von Grünen und FDP nachvollziehen kann, hofft er jetzt darauf, dass sich die AIDS-Anhörung im Sinne der Betroffenen positiv auf die Haushaltsberatungen auswirkt.Denn für ihn steht fest: „Die Betroffenen haben ein Recht auf eine gute Begleitung und Beratung. Und die ehrenamtlichen Helfer haben ein Recht darauf, vor Ausbeutung und Überforderung geschützt zu werden. Dabei sollen Haupt- und Ehrenamt nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie müssen vielmehr ineinander greifen und sich ergänzen.“

Dieser Text erschien am 1. Juli 2010 in der NRZ

Donnerstag, 5. August 2010

Rückblick: Vor 65 Jahren begann mit dem Bürgerausschuss der lange Weg zur kommunalen Selbstverwaltung


Das Rathaus ist eine Baustelle. Der Rat und seine Ausschüsse genießen derzeit bei der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft in Styrum und in der Volkshochschule an der Bergstraße in Broich Sitzungsasyl. Vor 65 Jahren ist das Rathaus auch eine Baustelle, allerdings ganz anders als heute. Damals geht es nicht um Modernisierung, sondern um Wiederaufbau.


Das Rathaus ist noch von den Bomben des Zweiten Weltkrieges gezeichnet, als der Bürgerausschuss am Nachmittag des 3. August 1945 im Trausaal zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentritt.Der Vertreter der britischen Militärregierung, Major Green, der die Bürgerräte in ihr Amt einführt, weist in seiner Ansprache auf die Symbolik hin. Dass die nicht gewählten, sondern von der Militärregierung ernannten Ausschussmitglieder nicht im alten, noch zerstörten Ratssaal, tagen können, sondern in ein „kleines Sälchen“ ausweichen müssen, ist für ihn Ausdruck dafür, „dass in Zeit der nationalsozialistischen Diktatur jede Selbstverwaltung verloren gegangen“ sei.


Auch wenn der britische Major keinen Zweifel daran lässt, dass der Bürgerausschuss keine demokratisch legitimierte Stadtvertretung sei, weist Green bereits in die Zukunft, wenn er feststellt, „dass der Tag kommen wird, an dem ein gewähltes Stadtparlament zusammentritt.“ Bis dahin wird es noch 15 Monate dauern.In der Ruhrzeitung, dem offiziellen Organ der britischen Militärregierung, wird die Amtseinführung des Bürgerausschusses als „ein bedeutsamer Schritt zum kommunalen Aufbau Mülheims“ gewertet.Unter den zwölf Mitgliedern des Bürgerausschusses finden sich unter anderem Persönlichkeiten, wie der spätere Oberbürgermeister Heinrich Thöne, der spätere Oberstadtdirektor und Landtagsabgeordnete Bernhard Witthaus, der spätere Bundestagsabgeordnete Otto Striebeck, Bürgermeister, Landtagsabgeordneter und Kreishandwerksmeister Max Kölges oder der erste DGB-Chef Heinrich Melzer, die auch in den folgenden Jahren Mülheims Politik mitbestimmen werden.


Sie und ihre Kollegen, die vor allem den Vorzug haben, dass sie ausgewiesene Gegner des NS-Regimes waren und damit politisch unbelastet sind, sollen den ebenfalls von den Briten ernannten Oberbürgermeister Werner Hoosmann beraten und als Bindeglied zwischen Stadtverwaltung, Militärregierung und Bürgerschaft fungieren, „um Wünsche der Bürgerschaft an die Verwaltung heranzutragen, aber auch harte Maßnahmen der Bürgerschaft überzeugend zur Kenntnis zu bringen.“


OB Hoosmann spricht vom „Zusammenbruch“ und meint damit das vier Monate zurückliegende Kriegsende, aus dem dem „gesamten deutschen Volk die Aufgabe des Wiederaufbaus erwachsen ist.“ In enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit, so hofft Hoosmann, werden Militärregierung und Bürgerausschuss „Not lindern“ und das Fundament für eine neue kommunale Arbeit schaffen. „Unsere gemeinsame Aufgabe jetzt und in der näheren Zukunft“, so betont der Oberbürgermeister, „ist, das Lebensnotwendige für unsere Bevölkerung zu beschaffen, also für Essen, Wohnen, Arbeit und ähnliche praktische Dinge zu sorgen.“ Um seine Arbeit organisieren zu können, setzt der Bürgerausschuss später auch Fachausschüsse für die Bereiche Schule, Fürsorge, Kultur und Bauen ein. Er beruft einen neuen Sparkassenvorstand, bringt ein Wohnungsnotprogramm und die Instandsetzung der örtlichen Krankenhäuser auf den Weg.


Die Not in Mülheim ist damals mit Händen zu greifen. Jede vierte Wohnung ist zerstört. 800 000 Kubikmeter Trümmerschutt liegen auf den Straßen. Die Versorgung mit den rationierten Lebensmitteln, die nur schleppend nach Mülheim kommen, weil Transportmittel und Treibstoff fehlen, beschreibt Major Green lakonisch als „knapp, aber nicht katastrophal.“ Die Finanzlage der Stadt nennt er „nicht diskutabel.“ Was das vom Krieg zerstörte Mülheim besonders belastet, ist der unaufhörliche Zustrom von ehemals Evakuierten und Flüchtlingen. Ende September 1945 leben 130 000 Menschen in der Trümmerstadt.Bürgerausschussmitglied und Sozialdezernent Ernst Tommes betont in einer Erklärung, dass die Mitglieder des Bürgerausschusses keine egoistischen, sondern nur allgemeine Interessen verfolgen würden. Neben dem materiellen Wiederaufbau sieht Tommes vor allem „die Abkehr vom Faschismus“ als die wichtigste Aufgabe. Alle aktiven Nationalsozialisten müssten aus ihren Ämtern entfernt und „die Jugend in die richtigen Bahnen“ geleitet werden.


Dieser Text erschien am 3. August 2010 in der NRZ

Mittwoch, 4. August 2010

Altenpfleger sind mehr den je gefragt, aber immer noch stark belastet und nicht gut bezahlt

Welcher Beruf bietet mir eine gute und möglichst krisensichere Zukunft? Vor dieser Frage stehen derzeit Schulabgänger, die eine Berufsausbildung beginnen wollen oder Arbeitssuchende, die sich beruflich neu orientieren müssen.

Eine Antwort könnte für sie die Ausbildung zur Altenpflegerin oder zum Altenpfleger sein. Denn mit dem Alterungsprozess unserer Gesellschaft wird diese Berufsgruppe tendenziell immer wichtiger. Schon heute sind 23,8 Prozent aller Mülheimer 65 Jahre und älter.Dass das Stellenangebot in diesem Bereich größer ist als die Anzahl der Bewerber, sieht die Sprecherin der Agentur für Arbeit, Katja Hübner, daran, dass derzeit bei der Agentur 20 freie Altenpflegerstellen bei ambulanten Pflegediensten und Altenheimen, aber nur zehn Stellenbewerber gemeldet sind. Und das dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein, weil viele Altenheime ihre Stellen ausschreiben, ohne sie der Agentur zu melden.

Fachleute aus dem Bereich der Altenpflege beklagen schon jetzt einen Fachkräftemangel, verbunden mit einer Überalterung der aktiven Pflegerschaft und einer tendenziell weiter ansteigenden Zahl der Pflegefälle. Welche arbeitsmarktpolitische Bedeutung die Altenpflege schon heute hat, zeigen die Zahlen des Sozialamtes und des Kommunalen Stabes Stadtentwicklung und Stadtforschung.

Nach ihren Angaben gibt es in Mülheim 29 ambulante Pflegedienste und 17 stationäre Einrichtungen , also Altenheime, mit insgesamt 1861 Pflegeplätzen .Folgt man der aktuellsten verfügbaren Erhebung aus dem Jahr 2007, so arbeiteten in Mülheim 636 Altenpfleger bei ambulanten Pflegediensten und 1 376 Altenpfleger in Altenheimen. Doch wie wird man Altenpflegerin oder Altenpfleger? Und was muss man können?Die auf drei Jahre angelegte Ausbildung ist seit 2003 bundeseinheitlich durch den Gesetzgeber geregelt. Bewerber sollten mindestens einen qualifizierten Hauptschulabschluss haben und Eigenschaften, wie Verantwortungsbewusstsein, Kontaktbereitschaft, Einfühlungsvermögen und psychische Belastbarkeit sowie Interesse an sozialen, wirtschaftlichen und musischen Themen mitbringen.Laut Arbeitsagentur verdienen Ausbildende in der Altenpflege im ersten Ausbildungsjahr monatlich netto 807 Euro, im zweiten Ausbildungsjahr 867 Euro und im dritten Ausbildungsjahr 955 Euro.

In diesem Zusammenhang weist Agentur-Sprecherin Hübner darauf hin, dass ab August in der Altenpflege ein gesetzlicher Mindeststundenlohn von 8,50 Euro in West- und 7,50 Euro in Ostdeutschland gilt und dass mit Bildungsgutscheinen bis 2013 landesweit 1000 neue Ausbildungsplätze in der Altenpflege geschaffen werden sollen.Das gerade erst angelaufene Angebot wird laut Hübner gut angenommen. Neben ihrer praktischen Berufsausbildung bei ambulanten Pflegediensten, in Altenheimen, Krankenhäusern, Rehabilitationskliniken oder Kurzeitpflegeeinrichtungen absolvieren angehende Altenpfleger auch eine theoretische Ausbildung.

Diese wird zum Beispiel im Mülheimer Seminarhaus der Theodor-Fliedner-Stiftung angeboten.Der stellvertretende Leiter des Seminarhauses, Andreas Johann, der selbst als Intensivpfleger gearbeitet hat, ehe er nach einer Zusatzausbildung in den Altenpflegelehre wechselte, weist darauf hin, dass seine Bildungseinrichtung ab Oktober erstmals mit zwei Ausbildungskursen startet, um dem wachsenden Fachkräftebedarf in der Altenpflege Rechnung zu tragen. An jedem Ausbildungskurs können maximal 28 angehende Altenpfleger teilnehmen. In Form von Blockseminaren absolvieren sie während ihrer dreijährigen Ausbildung insgesamt 2100 Unterrichtsstunden. In denen vermitteln die fünf festangestellten Altenpflegelehrer zusammen mit externen Honorar- und Fachdozenten zum Beispiel Pflegetechniken, medizinische und medikamentenkundliche Kenntnisse, aber auch die Fähigkeit mit demenziell veränderten Menschen umgehen zu können und in der Pflegepraxis alten Menschen eine sinnvolle Tagesstruktur zu schaffen.

Aufgrund seiner praktischen Erfahrungen schätzt Johann, dass etwa zehn Prozent der Auszubildenden ihre Ausbildung abbrechen werden. Dass auch ausgebildete Altenpfleger nicht immer dauerhaft in ihrem Beruf arbeiten, führt er unter anderem auf die belastenden Arbeitsbedingungen und die mehr als bescheidene Bezahlung zurück. Das monatliche Nettogehalt eines ausgebildeten Altenpflegers bewegt sich, laut Johann, in einer Größenordnung von 1200 Euro. Nach mehreren Jahren Berufserfahrung könne es vielleicht auf 1500 oder 1600 Euro steigen. Die einzige Chance, als Altenpfleger mehr zu verdienen sieht er in zusätzlich belastenden Überstunden und Nachtschichten oder in einer Zusatzqualifikation, die zur Übernahme verantwortungsvoller Leitungsfunktionen in der Altenpflege befähige.

Dieser Text erschien am 27. Juli 2010 in der NRZ

Montag, 2. August 2010

Spaziergänger statt Kohlenkähne: Vor 130 Jahren wird das Ruhrufer zum Naherholungsgebiet


An der Ruhr spazieren gehen. Auf diese Idee wären die alten Mölmschen nicht gekommen. Noch bis in die 1860er Jahre war die Ruhr vor allem eines, ein stark befahrener Transportweg für Kohlenschiffe. Doch dann kam die Eisenbahn und hängte die Kohlenkähne ab. Auch der Leinpfad war ursprünglich kein Gehweg, sondern Trampelpfad für die Pferde, die die Kohlenkähne die Ruhr hinauf ziehen mussten.

Doch bis zum Ende der 1870er Jahre kam die einst boomende Kohlenschifffahrt auf der Ruhr fast zum Erliegen. Jetzt mussten sich die Stadtväter etwas neues einfallen lassen. Der alte Hafen an der Ruhr wurde mit Erde aus einem Garten am Hingberg zugeschüttet. Und genau dort, wo die Stadt heute mit der Ruhrbania und seiner Ruhrpromenade ein neues Vorzeigequartier am Fluss schaffen will, begannen die neuen Ruhranlagen anno 1880 Gestalt anzunehmen. Um das Projekt voranzutreiben, gründete der Bürgermeister Karl von Bock und Polach einen Verschönerungsverein, dem bis zu seiner Auflösung im Jahr 1913 unter anderem so bekannte Mülheimer, wie August Thyssen und Hugo Stinnes angehören sollten.
Anfangs sahen viele Mölmsche den neuen Grünstreifen an der Ruhr skeptisch. Denn ihm musste der alte Gänseplatz weichen, an dem traditionelle Wäsche gebleicht wurde. Mühsam musste die Stadt private Grundstücke zusammenkaufen, um die Vision einer grünen Oase in der Stadtmitte Wirklichkeit werden zu lassen. Doch schon wenige Jahre später erfreuten sich die Ruhranlagen großer Beliebtheit.

Im Mai 1914 beschrieb die Mülheimer Zeitung die Bedeutung der gerade umgestalteten Ruhranlagen, wie folgt: "Der Zweck der Ruhranlagen ist ihrer Lage nach im am engsten bebauten Stadtteil und so ungefähr in der Mitte der Stadt zweifellos möglichst vielen Menschen Erholung durch Spaziergänge im Grünen und durch die Augenweide an gut gepflegten Rosen, schön gewachsenen Einzelbäumen, an blühenden Gehölzen und Blumen zu verschaffen." Und die Zeitung ließ auch keinen Zweifel daran, welchem Ziel diese Erholung im Grünen dienen sollte, nämlich: "dass man ungestört vom Straßenverkehr in Ruhe und Muße die Schönheit der Pflanzen auf sich einwirken lassen kann, hierdurch Erholung von getaner Arbeit und Stärkung zu neuer Arbeit sich holend."

Just am Vorabend des Ersten Weltkrieges hatten die Ostruhranlagen zwischen Eisenbahnbrücke und dem wenige Jahre zuvor mit Thyssen Hilfe gebauten Stadtbad, ein neues Bild bekommen, wie wir es noch bis zum Beginn der Bauarbeiten an der Ruhrpromenade (siehe Foto) in Teilen kannten oder zumindest erahnen konnten. Auch die Einmündung an der Delle bekam damals ihren heutigen Spazierwegcharakter. Hatten bis dahin vor allem Bäume und Rasenflächen die Ruhranlagen bestimmt, so versuchte man jetzt mit Rücksicht auf "Klima, Stadtbild und Geldmittel" eine zwar kleine und schmale, aber doch abwechslungsreiche Gartenlandschaft mit Rosengarten und Rosenbögen, Blumenbeeten, Hecken, Stauden und einem Kinderspielplatz zu schaffen. Auch an einen Konzertplatz am Stadtbad wurde gedacht. Denn schließlich war Mülheim damals noch eine Garnisonsstadt, in der die Militärmusiker gerne gehört wurden. Doch die kaiserlichen Soldaten des Infanterieregimentes 159 sollten später ebenso aus dem Stadtbild verschwinden, wie die in den Ostruhranlagen aufgestellte Büsten des ersten Reichskanzlers Bismarck, des ersten deutschen Kaisers Wilhelm I. und des Generalfeldmarschalls von Moltkes. Nur die Büste der vor 200 Jahren gestorbenen Königen Luise, die ursprünglich im Luisental stand, hat die Stürme der Zeit überlebt und ist zumindest als Büste ins Schloss Broich zurückgekehrt, wo die junge Prinzessin zu Mecklenbur-Strelitz 1787, 1789 und 1791 mit ihrer Großmutter Marie Luise Albertine von Hessen-Darmstadt einige Monate verlebt hatte.

Dieser Text erschien am 30. Juli 2010 in der NRZ