Sonntag, 24. Oktober 2010

Eine literarische Betrachtung des Gewohnheitstieres Mensch: Wolfgang Rüb stellte bei den Herbstblättern seinen neuen Roman vor


Passend zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung luden die Macher der Mülheimer Literaturreihe Herbstblätter mit Wolfgang Rüb einen ostdeutschen Autor ein, ein echter Gewinn. "Das ist von vorne bis hinten humorvoll“, verspricht Wolfgang Rüb seinen Zuhörern im Medienhaus, bevor der Musikpädagoge aus Sachsen-Anhalt aus seinem zweiten Roman „Wohnquartett mit Querflöte“ liest.Der Mann hat nicht zu viel versprochen.


Seine Zuhörer, leider viel zu wenige, haben an diesem Herbstblätter-Abend viel zu lachen. Sein Humor und seine Sprache kommen fast still und hintergründig herüber. Das Buch erzählt die Geschichte eines ostdeutschen Ehepaares, das die von den Eltern und Schwiegereltern ererbte Jugendstilvilla verkauft, um endlich Geld für die so lange erträumten Reisen zu haben. Doch dann kann es sich aber doch nicht von dem alten Haus trennen, und formiert sich mit dem neuen Besitzer-Ehepaar zu einem Quartett.


Dabei erzählt der Autor zwischen den Zeilen viel über das Leben.Obwohl „Wohnquartett mit Querflöte“ in Rübs ostdeutscher Heimat spielt und seine Protagonisten Renate und Lenz „wie Hunderttausende nach der Wende“ ihre Arbeit als Naturwissenschaftler in der Chemischen Industrie verloren haben, ist sein Buch mehr als ein Regionalroman.Rüb beschreibt das Gewohnheitstier Mensch, das auch nach einer Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse nicht aus seinen alten Verhaltensmustern herauskommt.


Und so reisen Renate und Lenz nach dem Verkauf ihrer Villa eben nicht wie geplant nach Spanien, sondern schauen in ihrem alten Garten immer wieder nach dem rechten. Mal zupfen sie Unkraut. Mal graben sie ein Beet um. Mal gönnen sie sich dort sogar ein Schäferstündchen, was den neuen Eigentümern erst mal gar nicht auffällt.Der 57-jährige Autor, der durch das Briefeschreiben und einen Literaturclub zum Romanschreiben kam, begeistert immer wieder mit Wortwitz. Da lässt er Lenz zum Beispiel sagen: „Wir kannten die Dominikanische Republik gar nicht. Aber auf einmal fehlte sie uns.“ oder, Gorbi lässt grüßen: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, aber wer zu früh kommt, ist auch gestraft."


Und seine bessere Hälfte Renate fragt sich angesichts des „Goldenen Sparbuches“, auf das die Beiden ihren üppigen Verkaufserlös eingezahlt haben: „Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich reich sein will. Einmal nach Spanien und wieder zurück hätte mir auch gereicht.“ Und bei den Bankern, die Renate und Lenz bei der Anlage ihres neuen Reichtums nur zu gerne beraten wollen, bekommen einen echten Kulturschock, als ihnen die beiden, nicht ohne Schalck im Nacken, mitteilen, dass sie ihr Geld "lieber verjubeln als investieren wollen", weil sie nicht einsehen wollen, dass sie jeden Monat nur soviel Geld ausgeben sollen, wie die Zinsen ihres Kapitals ergeben, "damit wir am Ende als Millionäre sterben können."


Eine Zuhörerin, die sich nach der Lesung von Rüb das Buch signieren lässt, sagt ihm: „Es trifft so vieles.“ Tatsächlich trifft Rüb in seinem „Wohnquartett mit Querflöte“ den richtigen Ton und den Nagel auf den Kopf, wenn er Menschen beschreibt, die an der Erfüllung ihrer Lebensträume immer wieder gehindert werden, weil sie zu sehr an materiellen Dingen hängen; und sei es an einem alten Haus.


Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 23. Oktober 2010 in der NRZ

Samstag, 23. Oktober 2010

Die Mülheimer Stadtmarketinggesellschaft lud am Freitag zu einem Stadtrundgang durch das Mülheim unter dem Hakenkreuz


Normalerweise präsentiert die Mülheimer Stadtmarketimg- und Tourismusgesellschaft MST mit ihren jährlich 200 Rundängen zu 42 verschiedenen Themen die schönsten Seiten der Stadt. Doch am Freitagnachmittag führte Anne Kebben im Auftrag der MST 25 interessierte Bürger zu einigen der insgesamt 95 Mülheimer Stolpersteinen, die an Mitbürger erinnern, die von den Nazis ermordet worden sind. Der Rundgang war bedrückend und beeindruckend zugleich. "Wir möchten gerne auch noch mehr Schulklassen für diesen historischen Rundgang gewinnen", betonte Kebben. Sie erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass es 2004 Schüler der Realschule Stadtmitte waren, die die Biografien der jüdischen Mitschüler erforschten, die in den 30er Jahren von den NS-Machthabern gezwungen wurden ihre Schule zu verlassen. Manche von ihnen konnten der Ermordung durch die Nationalsozialisten entfliehen. Andere wurden deportiert und kamen in Konzentrationslagern ums Leben. Heute geht man davon aus, dass rund 270 jüdische Mülheimer dem Holocaust zum Opfer gefallen sind.



Tatsächlich bietet sich der gut zweistündige Stadtrundgang, bei dem Anne Kebben, auf den Spuren der Mülheimer Nazi-Zeit als ein bedrückend lebendiger Beitrag zum Geschichtsunterricht an. Denn die gut vorbereietete Anne Kebben konfrontiert ihre Zeitreisenden im Laufe von gut zwei Stunden mit vielen Einzelschicksalen, Daten, Fakten, Zeitzeugenberichten und Bildern aus der Zeit des Dritten Reiches.



Eigentlich soll der Rundgang der MST zu den „Stolpersteinen“ führen, die in der Innenstadt an Menschen erinnern, die von den Nationalsozialisten ermordet worden sind, die zum Beispiel Juden oder politische Gegner der NS-Diktatur waren. Da überrascht es, dass der Stadtrundgang mit Anne Kebben ausgerechnet auf dem Rathausmarkt beginnt, wo kein Stolperstein liegt. Doch Kebben macht schnell deutlich, warum sie gerade diesen Platz als Ausgangspunkt für die Zeitreise in das Mülheim des Dritten Reiches ausgewählt hat.Sie zeigt ein Bild, das diesen Ort im Jahre 1933 zeigt. Man sieht Hakenkreuzfahnen am Rathaus und begeisterte Menschen davor.Kebben erzählt vom Aufstieg der Mülheimer NSDAP, die 1925 in Anwesenheit von Joseph Goebbels gegründet wurde und bei den Reichstagswahlen 1930 bereits 21 Prozent der Stimmen errang, ehe sie nach den letzten freien Kommunalwahlen vom März 1933 mit 23 Stadtverordneten die stärkste Fraktion im Rat stellte und ihre Macht sofort dazu nutze, ihre politischen Gegner auszuschalten.


Unter den Bürgern, die sich an diesem Nachmittag auf den Weg in die dunkelste Zeit der Stadtgeschichte machen, sind mit Hartmut Mäurer (SPD) und Ursula Schröder (CDU) auch zwei Stadtverordnete: „Ich interessiere mich für die Mülheimer Stadtgeschichte, über die ich ein profundes Halbwissen habe, das ich immer wieder durch wichtige Details ergänzen möchte“, erklärt Mäurer, Und seine Kollegin Schröder sagt: „Da ich erst 1979 nach Mülheim gezogen bin, ist es mir besonders wichtig auch etwas über die frühere Zeitgeschichte der Stadt zu erfahren, um Gästen, mit denen ich durch die Stadt gehe, auch davon berichten zu können.“


Die MST-Stadtführerin berichtet zum Beispiel vom Baudezernenten Artur Brocke und den Stadtverordneten Willi Müller (SPD), Fritz Terres und Otto Gaudig (beide KPD), die ihre Gegnerschaft zu den Nazis mit dem Leben bezahlen mussten oder vom neuen NS-Oberbürgermeister Maerz, der die Stadt in seiner dreijährigen Amtszeit finanziell vollständig ruinierte.Gleich gegenüber dem Rathausturm macht Kebben noch einmal kurz Halt, um zu erzählen, dass das unscheinbare Haus an der Friedrich-Ebert-Straße, in dem heute die Mülheimer Klimaschutzinitative sitzt, bis 1945 die Parteizentrale der NSDAP, das Horst-Wessel-Haus war. Die Nähe von Rat- und Parteihaus sprach für sich. Und auch das erfahren die Zeitreisenden, dass der Vater von Horst Wessel, der die Nazis zu ihrem vielleicht bekanntesten Kampflied "Die Reihen fest geschlossen. SA marschiert" inspirierte, zeitweise als Petrkirchen-Pfarrer in Mülheim an der Heißner Straße wohnte, die damals bezeichnenderweise Horst-Wessel-Straße hieß.Weiter geht es zum Synagogenplatz.



Der Name ist Programm. Dort, wo heute das Medienhaus steht, stand früher die Synagoge. Kebben zeigt unter anderem ein Foto, das das jüdische Gotteshaus in den Flammen der Reichspogromnacht vom November 1938 zeigt. Kebben berichtet unter anderem von der Grundsteinurkunde der Synagoge aus dem Jahr 1905, die heute in einer Vitrine im Medienhaus ausgestellt ist und von dem damals in Mülheim sehr angesehenen Rabbiner Otto Kaiser. Der hatte bei der Grundsteinlegung die symbolhafte Nähe von Synagoge, Petri- und Marienkirche als Hoffnungssymbol dafür beschworen, dass sich die Religion friedlich die Hände reichten und dafür sorgten, „dass nie mehr die Flammen des Hasses aufzüngeln“ würden. Den Tod seiner Frau Eleonore und die Flucht seiner vier Kinder musste der 1925 gestorbene Kaiser Gott sei Dank nicht mehr miterleben.



Wie wichtig und wie gut integriert die jüdischen Mülheimer bis 1933 waren, wird vor allem mit Blick auf die großbürgerlichen Jugendstilhäuser an der Bahnstraße deutlich. „Hier haben viele jüdische Ärzte, Rechtsanwälte und Beamte gewohnt“, erzählt Kebben. Vor dem heutigen Schulverwaltungsamt erfahren die Geschichtsgänger, dass hier seinerzeit das jüdische Bankhaus Hanau seinen Sitz hatte. Staunend hören sie vom eigenen Bahnanschluss des Bankhauses, mit dem die Hanaus ihre Rennpferde nach Baden Baden transportieren konnten und dass einer ihrer Vorfahren im 18. Jahrhundert, Salomon Gombe, Mülheims erste Ruhrschleuse finanzierte.



Gleich gegenüber, an der Bahnstraße 44, wird es trauriger. „Hier befand sich ein sogenanntes Judenhaus“, sagt Kebben und erklärt dessen Funktion als letzten Wohnort, in dem jüdische Bürger interniert wurden, ehe sie irgendwann im Morgengrauen mit einem Zug vom nahen Bahnhof in die Vernichtungslager abtransportiert wurden. Sie berichtet von den Repressalien, denen Bewohner ausgesetzt waren, etwa das sie kein Telefon haben und keine Haustiere halten, aber auch nicht zur Arbeit oder zur Schule gehen durften. Doch sie berichtet auch von einem Bäcker, der sie nachts heimlich und gegen das Verbot der Nazis nachts mit Brot belieferte.



Vor dem Rosenhof an der Kaiserplatzkreuzung, wo Kebben von dem Schicksal des NS-Gegners Karl Briel berichtet, der noch wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner verhaftet wurde und dessen Schicksal bis heute ungeklärt ist, kommt ein Mann vorbei und ruft „Heil Hitler.“ Der Zwischenfall geht im Straßenlärm fast unter, und die Zeitreisenden ignorieren ihn. Auf dem Kirchenhügel erfahren sie zum Beispiel vom katholischen Pfarrer Heinrichsbauer, der regelmäßig die von der Partei befohlene Beflaggung der Marienkirche vergaß oder vom evangelischen Pastor Barnstein, der in der Petrikirche regimekritische Predigten hielt, aber immer wieder vom Gestapo-Mann Kolk gewarnt wurde, der ihn bespitzeln sollte. An den vielen Stolperstein-Lebensgeschichten, die Kebben im Stadtkern auf Schritt und Tritt erzählen kann, wird der mörderische Wahnsinn des NS-Systems deutlich. „Das Ausgeschlossen sein macht einen kaputt“, zitiert sie zum Beispiel den katholischen Alfred Zsigmond, der nur deshalb drangsaliert wurde, weil seine Mutter Jüdin war. Und so erzählt Kebben zum Beispiel an der Althof- und der Leineweberstraße auch von vormals jüdischen Mitbürgern, die sich auch durch ihren Übertrittt zum Christentum nicht vor Deportation und Tod retten konnten.



Sie zeigt Bilder von der beim großen Luftangriff vom 22./23. Juni 1943 zu 80 Prozent zerstörten Innenstadt und eine Todesanzeige aus der Mülheimer Zeitung, in der eine Familie acht Angehörige beklagt, die im Bombenhagel ums Leben gekommen sind. Am Ende des Zweiten Weltkrieges werden in Mülheim mehr als 1100 Menschen dem Luftkrieg zum Opfer gefallen sein.



Am Schluss des gut zweistündigen Rundgangs, der am Mahnmal für die NS-Opfer im Luisental zu Ende geht, sagt der 1935 in Mülheim geborene Wilfried Hausmann, der Diktatur und Krieg noch als Kind miterlebt hat: „Die vielen bewegenden Einzelschicksale zeigen eine systematische Verfolgung, von der man als Kind gar keine Vorstellung hatte und die einem noch heute die Schamesröte ins Gesicht treiben kann.“



Weitere Informationen zu den Themen-Stadtrundgängen der MST gibt es unter 960 96 42 oder im Internet unter: http://www.muelheim-ruhr.de/



Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 23. Oktober 2010 in der NRZ

Sonntag, 17. Oktober 2010

Ein Sonntagsimpuls aus der Marienkirche

"Wer sich an Gott hält, wird von Gott gehalten." Von diesem Gedanken ließ sich Alt-Weihbischof Franz Grave in seiner Predigt leiten, die er heute in St. Mariae Geburt hielt.

Mit Blick auf Rettung von 33 verschütteten Bergleuten im chilenischen San Jose machte er deutlich, dass dieses technische Wunder der Ingenieurskunst ohne die Glaubenskraft, die den Bergleuten die Zuversicht gab, fast 70 Tage in 600 Metern Tiefe auszuharren, obwohl es für sie keine Gewissheit auf Rettung gab, nicht möglich gewesen wäre.

Auch viele Ingenieure, Techniker oder Ärzte, so Grave, wüssten sich in ihrer persölnlichen Risikoabschätzung, etwa vor einer schweren Operation, im Bewusstsein ihrer eigenen Fehlbarkeit von Gott gehalten, weil sie Selbstvertrauen mit Demut zu verbinden wüssten.

Samstag, 16. Oktober 2010

Wie der ehemalige Stadtrat Paul Heidrich und seine Mitstreiter Behinderten in Bulgarien helfen


Als Paul Heidrich vor zehn Jahren einen Bericht über die menschenunwürdigen Lebensverhältnisse behinderter Heimbewohner in Bulgarien sah, war der Vater eines behinderten Kindes entschlossen, zu helfen. So entstand der Verein zur Förderung von Einrichtungen für Behinderte im Ausland.


Mit Spenden und Zuschüssen der Aktion Mensch sowie mit fachlicher Unterstützung des Landschaftsverbandes Rheinland hat der heute 65 Mitglieder zählende Verein vor allem im Osten Bulgariens durch Bau- und Fortbildungsmaßnahmen sowie durch Hilfsmitteltransporte die Lebensverhältnisse der Betroffenen nachhaltig verbessert.


So wurde in Malko Scharkovo ein aus zwölf Häusern bestehendes Betreuungszentrum, in dem heute 100 behinderte Frauen von 38 Pflegekräften betreut werden modernisiert. Im nahegelegenen Bolyarovo wurde eine zentrale Außenwohngruppe für acht Bewohner eingerichtet. Das nächste Ziel des Vereins ist ein Tageszentrum mit beschützender Werkstatt für Behinderte, das mit Zuschüssen des bulgarischen Staates in Yambol betrieben werden soll.


Obwohl das Bulgarische Helsinki Komitee erst kürzlich darauf hinwies, dass seit 2000 im EU-Land Bulgarien 187 behinderte Heimbewohner an den Folgen von Vernachlässigung und falscher Pflege gestorben sind, sieht Heidrich nach zahlreichen Politikern und Vertretern der Nationalen Agentur für soziales Unterstützung auch ein Umdenken in Bulgarien. Hilfreich war aus seiner Sicht, dass das bulgarische Fernsehen 2009 über Missstände in der stationären Betreuung von Behinderten berichtete. Die Folge: Die bulgarische Regierung will ihre Sozialausgaben um 20 Prozent steigern und die herkömmlichen Heime auf der grünen Wiese schrittweise durch zentral gelegene Wohngruppen und durch Pflegefamilien ersetzen. Mut machte im jetzt auch der Besuch eines Rehabilitationszentrums und einer Wohngruppe, die ein Elternselbsthilfe verein 100 Kilometer südlich von Sofia eingerichtet hat. Auch dies könnte ein lohnendes Unterstützungsprojekt für Heidrich und seine Mitstreiter werden.


Auch wenn der langjährige CDU-Stadtrat Paul Heidrich seine Arbeit als "das Bohren dicker Bretter" beschreibt, hat er doch das Gefühl, dass sich seine ehrenamtliche Arbeit für die Behinderten in Bulgarien lohnt. Wer ihm dabei helfen will, erreicht ihn telefonisch unter der Rufnummer: 0208/460267.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 16. Oktober 2010 in der NRZ

Was sich Blinde und Sehbehinderte zum Tag des Weißen Stockes wünschen

Heute ist der Tag des Weißen Stockes. Vor 46 Jahren vom damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson ins Leben gerufen, will dieser von den Vereinten Nationen ausgerufene Tag weltweit auf die Bedürfnisse von blinden und sehbehinderten Menschen aufmerksam machen.

Spricht man mit der selbst blinden Vorsitzenden des Blinden- und Sehbehindertenvereins (BSV), Christa Ufermann, so wird deutlich, dass es oft die kleinen Dinge und Fahrlässigkeiten des Alltags sind, die blinden und sehbehinderten Menschen das Leben unnötig schwer machen.

Da werden in Bussen und Bahnen die Haltestellen nicht angesagt oder Gehwege von Autofahrern zugeparkt oder von Geschäftsleuten mit Auslagen zugestellt. Da werden taktile Leitstreeifen irreführend verlegt und Akustikampeln geben keinen Ton von sich. Ufermann macht auch keinen Hehl daraus, dass sie die Blumenkübel und Wasserläufe auf der Schloßsstraße unnötig in ihrer Bewegung und räumlichen Orientierung einschränken.

Wer als blinder und sehbehinderter Bürger Rat, Hilfe und Kontakte sucht, findet sie beim BSV, der jeweils am letzten Mittwoch des Monats (ab 16 Uhr) zu seinem offenen Stammtisch in den Handelshof an der Friedrichstraße und am ersten Donnerstag des Monats (von 10 bis 14 Uhr) zu einer Sprechstunde und Hilfsmittelberatung in die Geschäftsstelle der Grünen an der Bahnstraße 50 einlädt.

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter: http://www.bsv-muelheim.de/

Ein Text zu diesem Thema erschien auch am 15. Oktober 2010 in der NRZ

Sonntag, 10. Oktober 2010

Auf ein Wort zum 10.10.10 mit dem Standesbeamten Hans-Michael Scharf


10.10.10. Warum heiraten Menschen an einem solchen Tag mit einem flotten Dreier-Datum? "So einen Hochzeitstag vergisst man natürlich nicht", weiß Standesbeamter Hans-Michael Scharf. Obwohl heute eigentlich Sonntag und damit dienst- und heiratsfrei ist, legen Scharf und seine sieben Kollegen vom Standesamt eine Sonderschicht ein. Denn 21 Paare wollen heute Ja zueinander sagen.


Dabei sagt die Statistik, dass das Scheidungsrisiko bei Ehen, die an einem Tag mit dem flotten Dreier im Datum, häufiger geschieden werden als andere. Aber schon Churchill glaubte bekanntlich nur die Statistiken, "die ich selbst manipuliert habe." Und in dieser besonderen Herzenssache handelt es sich außerdem um eine bundesweite Erhebung ohne Mülheimer Zahlenmaterial.

Doch es bleibt eine statistische Tatsache, dass heute jede dritte- und in manchen Ballungsräumen sogar jede zweite Ehe scheitert. Der 53-jährige Standbeamter, der selbst erst vor acht Jahren in den heiligen Stand der Ehe trat, sieht für diesen gesellschaftlichen Trend verschiedene Gründe:

"Das Berufsleben zwingt heute immer mehr Menschen zu einer zeitlichen und geografischen Flexibilität, die ihnen zu wenig Zeit lässt, um das Ehe- und Familienleben zu pflegen", glaubt Scharf. Er vermisst bei vielen Paaren in der Ehekrise heute aber auch die "Bereitschaft nach Kompromissen und Lösungen zu suchen, um die gemeinsame Lebensplanung zu retten." Das Fundament für eine gute Ehe sieht Scharf, der von sich selbst sagt, dass er "glücklich" verheiratet ist in den Bereitschaft: "sich nicht zu verbiegen, aber an seinen eigenen Unzulänglichkeiten zu arbeiten und die Unzulänglichkeiten des Partners zu akzeptieren, ohne den Partner zurechtbiegen zu wollen."

Allen Scheidungszahlen zum Trotz hält Scharf die Ehe "als höchsten Vertrauens- und Liebesbeweis", der Menschen "Sicherheit und Geborgenheit" gibt als unverzichtbar. Dabei haben es Scharf und seine Kollegen auch immer wieder mit Ehen zu tun, die nicht aus Liebe, sondern aus finanziellen oder rechtlichen Gründen geschlossen werden. Da gibt es die Rentner mit kleinem Ruhegehalt, "die sich mit der Heirat gegenseitig versorgen wollen", die Altenpflegerin aus der Ukraine, die den gutsituierten Senior ehelicht oder den abgewiesenen Asylbewerber, der eine deutsche Frau heiraten möchte, um ein Bleiberecht zu bekommen. Vor allem in letzterem Fall kann das Standesamt mit dem Hinweis auf den Verdacht auf eine Scheinehe, die Mitwirkung an der Eheschließung ablehnen.

Obwohl in Deutschland vor allem aus demografischen Gründen heute weniger als früher geheirattet wird, ist die Zahl der beim Mülheimer Standesamt geschlossenen Ehen in den letzten Jahren konstant geblieben. Pro Jahr sagen hier 850 Paare Ja zueinander, davon rund ein Dutzend gleichgeschlechtlicher Paare. Den Grund für die konstanten Hochzeitzahlen in Mülheim sieht Scharf vor allem im Hochzeitstourismus begründet. Viele auswärtige Paare, so der Standesbeamte, ließen sich in Mülheim trauen, weil man hier auch am Wochenende oder an attraktiven Orten, wie etwas den Schiffen der Weißen Flotte, in der Styrumer Aquarius-Schlosskapelle, in der Kuppel der Camera Obscura, dem Schloss Broich oder in der Residenz Uhlenhorst heiraten könnten.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 9. Oktober 2010 in der NRZ

Dienstag, 5. Oktober 2010

Vor 100 Jahren wurde der Mülheimer Politiker und Unternehmer Max Vehar geboren


Vehar. Den Namen kennen die meisten Mülheimer heute vom gleichnamigen Reisebüro an der Leineweberstraße. Gegründet wurde dieses Reisbüro 1951 von den Brüdern Heinrich und Max Vehar. Das Reisebüro, das seine Kunden im beginnenden Wirtschaftswunder vor allem Urlaubsbusreisen gewann, war Teil einer Spedition, die die Brüder Vehar bereits auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise 1932 aus der Taufe gehoben hatten.

Doch der Name Max Vehar, der am 1. Oktober 1910 in Wien geboren wurde, ist nicht mit der Mülheimer Wirtschafts- sondern auch mit der Mülheimer Politikgeschichte verbunden. Der Mitbegründer der Mülheimer CDU war der bisher letzte Christdenokrat, der das Mülheimer Bundestagsmandat direkt gewinnen konnte. Das war bei der Bundestagswahl 1957, als die CDU mit ihrem Kanzler Konrad Adeneauer zum ersten und einzigen Mal die absolute Mehrheit gewinnen konnte.

In Mülheim reichte es dafür nicht, aber der CDU-Kandidat errang immerhin 45,5 Prozent der Stimmen und lag mit 844 Stimmen Vorsprung vor dem Sozialdemokraten Otto Striebeck. Seine Parteifreunde feierten den frischgebackenen Abgeordneten, der bereits seit 1952 dem Rat angehörte im Gesellenhaus mit dem Absingen des Deutschlandliedes.

Vehar wurde Bundespolitiker, blieb aber auch Kommunalpolitiker. In Bonn setzte er sich als Mitglied des Verkehrsausschusses für den Ausbau und gegen die Schließung des Speldorfer Eisenbahnausbesserungswerkes ein. Aber auch eine bessere Besoldung der damals noch schlechtbezahlten Lehrer sowie die Renten und die Deutschlandfrage standen auf seiner politischen Agenda.

Auf der Stadtebene übernahm Vehar 1956 den Fraktions- und 1960 den Parteivorsitz der CDU. Seiner Partei, die er als demokratisches Bollwerk "gegen jede radikale Strömung" ansah, schrieb er ins kommunalpolitische Stammbuch, dass es im Stadtrat, dem er selbst bis 1975 angehören sollte, "weder Regierung noch Opposition, sondern nur Mitverantwortung" geben könne.

Seine Tochter Monika Bräuker beschreibt ihren Vater als "extrem sozial" und seine Neffe Günter Vehar erinnert sich an ihn als "einen Gründertyp, der gerne immer wieder etwas neues anpackte". Obwohl Max Vehar seinen Erfolg von 1957 nicht wiederholen konnte, sollte er bis 1976 dem Bundestag angehören. Die Landesliste seiner Partei machte es möglich. Sein politisches und wirtschaftliches Lebenswerk wurde in den frühen 70er Jahren mit dem Ehrenring der Stadt und mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Wenige Tage vor seinem 82. Geburtstag ist Max Vehar am 25. September 1992 in Mülheim gestorben.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 1. Oktober 2010 in der NRZ

Montag, 4. Oktober 2010

Wie eine Mülheimerin in Frankfurt/Oder an einer Baustelle der Wiedervereinigung mitarbeitete


Am Vorabend des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung hatte ich Gelegenheit, mit Elisabeth Condipodaro Marchetta, die heute das Standesamt leitet, über ihren Einsatz in Frankfurt an der Oder zu sprechen.


Dort half sie von 1991 bis 1994 beim Aufbau des Jugendamtes. Den Hintergrund ihres ungewöhnlichen Dienstes bildet das Kooperationsabkommen zwischen NRW und Brandenburg, in dessen Folge Mülheim an der Ruhr und Frankfurt an der Oder Partner auf Zeit wurden. Denn mit dem Beitritt zur Bundesrepublik übernahmen die Länder der ehemaligen DDR auf das westdeutsche Verwaltungssystem.


Condipodaro half ihren ostdeutschen Kollegen vor allem beim Aufbau einer wirtschaftlichen Jugendhilfe. Wie berechnet man Unterhalt und Pflegesätze für die Unterbringung in einem Heim? Wie ermittelt man einen einkommensbezogenen Elternbeitrag für Kindertagesstätten? Wie baut man eine Akte auf ? Wie kann man Aufgaben innerhalb der Verwaltungshierarchie sinnvoll delegieren und wie eigenverantwortlich kann ein Verwaltungsmitarbeiter entscheiden? Solche und ähnliche Fragen bestimmten damals ihren Arbeitstag an der neuen deutschen Ostgrenze.


Wenn man Condipodaro heute nach ihrer Motivation fragt, warum sie ihren Arbeitsplatz über 600 Kilometer nach Osten verlagerte, spricht sie von ihrem Wunsch "mal etwas neues auszuprobieren" und von ihrer Familiengeschichte.


Der griechisch-italienische Name lässt nicht vermuten, dass Condipodaro aus einer deutschen Ost-West-Familie stammt. Der Vater kam aus Ostpreußen ins Ruhrgebiet, wo er die Mutter kennen und lieben lernte. Der Großvater und ein Vetter des Vaters lebte nach 1945 im Osten Deutschlands, in Thale, im Harz. So lernte Condipodaro schon als Kind bei Familienbesuchen im Harz den DDR-Alltag kennen. Leere Regale und lange Warteschlangen gehörten ebenso dazu wie eine ausgeprägte Nachbarschaftshilfe oder die Angst vor den regieden DDR-Grenzern, die mit ihrer Maschinenpistole ins Zugabteil kamen und die Koffer nach verbotenen Büchern, Zeitschriften oder technischen Geräten durchsuchten, die nicht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat ausgeführt werden durften.


Und dann kam der Mauerfall vom 9. November 1989. Condipodaro konnte es erst gar nicht glauben. Anders, als ihr Vater, hatte sie sich mit der deutschen Teilung abgefunden. Doch jetzt war sie froh, dass der Vater wieder problemlos in seine alte Heimat reisen konnte, die heute ein Teil Polens ist. Die Verwandten aus dem Harz waren jetzt öfter zu Besuch in Mülheim und kauften dem Vater mit ihrer neuen D-Mark seinen alten Audi ab.


Ihre Dienstzeit in Frankfurt/Oder hat Condipodaro in guter Erinnerung behalten, obwohl ihr die Ost-Kollegen erst mal misstrauisch begegnet waren und sie am ersten Tage gerne wieder heimgefahren wäre. Doch am Ende fand sie an der Oder nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Sie selbst spricht von einer Zeit, "in der ich sehr frei arbeiten und viel bewirken konnte."


Nachdem sie ihren Ost-Kollegen bewiesen hatte, dass sie nicht zur Fraktion der besserwisserischen Wessis zählte, nahmen diese ihren Rat gerne an. "Sie arbeiteten sehr engagiert, obwohl sie weniger verdienten, als wir aus dem Westen und neben ihrem Dienst auch noch Fortbildungslehrgänge besuchen mussten", erinnert sich Condipodaro voller Respekt an ihre Ost-Kollegen, die sie nie als "Jammer-Ossis" erlebte. Auch wenn sie selbst Zeugin der wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen in der ehemaligen DDR wurde, hat sie bei späteren Besuchen in Frankfurt/Oder immer wieder feststellen können, "dass dort viel Geld in die richtigen Kanäle geflossen ist."


Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 3. Oktober 2010 in der NRZ

Sonntag, 3. Oktober 2010

Wie Mülheim vor 20 Jahren die Deutsche Einheit feierte

Daran merkt man, dassman älter geworden ist. Plötzlich kann man sich an Ereignisse erinnern, die inzwischen zur Zeitgeschichte geworden sind. So ist das auch mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990.

Ich meine, es wäre erst vorgestern gewesen, dass ich zu den Mülheimern gehörte, die sich am 3. Oktober 1990 in der Kundenhalle der Sparkasse einfanden, um mit einem Festakt und einem anschließenden Volksfest auf dem Berliner Platz die neue Deutsche Einheit zu feiern. Das Jugendsinfonieorchester der Musikschule spielte das Deutschlandlied, bei dem alle mitsagen, und die Ode an die Freude aus Beethovens neunter Sinfonie.

Die musikalische Brücke zwischen der deutschen und der europäischen Hymne passte zu der internationalen Verantwortung des wiedervereinigten Deutschlands, die Oberbürgermeisterin Eleonore Güllenstern und NRW-Staatssekretär Hartmut Krebs an diesem Festtag in ihren Reden beschworen. "Wie viel weniger kostet die friedliche Widervereinigung Deutschlands als acht Tage Krieg." und: "Das Nationale muss immer dem Menschlichen untergeordnet werden", sagte Güllenstern damals.

Nach dem Festakt, bei dem Schauspieler vom Theater an der Ruhr literarische und philosophische Texte über Deutschland rezitierten, wurde auf dem Berliner Platz mit einem frischgezapften Bier auf die Einheit angestoßen, an deren Vollendung wir bis heute arbeiten.

Ein Text zu diesem Thema erschien am 2. Oktober 2010 in der NRZ