Mittwoch, 10. November 2010

Auch die Evangelische Kirche muss sparen: Am Wochenende tagt die Kreissynode im Altenhof


Was die katholische Kirche mit der Bildung von drei Groß-Gemeinden (2006) hinter sich hat, könnte dem Evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr noch bevorstehen. Am kommenden Wochenende berät die Kreissynode im Altenhof darüber, wie sich die Evangelische Stadtkirche angesichts sinkender Gemeindegliederzahlen in Zukunft aufstellen soll.


Auch wenn die Kirchensteuerprognose auch für 2011 von 5,275 Millionen Euro Kirchensteuern ausgeht, sprechen die demografischen Zahlen eine eindeutige Sprache. 1973 gab es im Kirchenkreis noch 113.000 evangelische Christen. Heute sind es erstmals weniger als 60.000. Die Evangelische Kirche Deutschlands geht davon aus, dass sie bis 2030, setzt sich der demografische Trend fort, ein Drittel weniger Mitglieder und nur noch die Hälfte ihrer heutigen Finanzkraft haben wird.


Bei den jüngsten Kreissynoden hatte Superintendent Helmut Hitzblick von 2,5 bis 2,8 Millionen Euro gesprochen, die angesichts der tendenziell sinkenden Kirchensteuereinnahmen bis 2015 eingespart werden müssen. Vor diesem Hintergrund muss die Kreissynode darüber entscheiden, was die evangelische Stadtkirche in Zukunft noch leisten muss und was sie noch leisten kann.


Auch wenn durchaus umstritten ist, ob die Kirche in der Krise eher auf zentrale oder dezentrale Strukturen setzen soll, geht der Trend zur Bündelung der Kräfte. Nach der Bildung der Vereinigten Evangelischen Kirchengemeinde aus Altstadt, Menden und Raadt (2006) wird sich 2011 eine die neue Lukagemeinde im Mülheimer Norden formieren. Ihr gehören die Gemeinden Dümpten, Styrum, Johannis und voraussichtlich auch die Markusgemeinde an.


Ihr Presbyterium hatte noch im Mai den Ausstieg aus dem Fusionsprozess beschlossen, weil man nach dem Gemeindezentrum Rolands Kamp nicht auch noch das Gemeindezentrum und den dortigen Kindergarten am Knappenweg aufgeben wollte. Doch jetzt das Presbyterium der Markuskirchengemeinde mehrheitlich eine Kehrtwende vollzogen.


Gegen den Widerstand vieler Gemeindeglieder, die in diesen Tagen Unterschriften sammeln und Mahnwachen organisieren, wurde kürzlich beschlossen, das Gemeindezentrum am Knappenweg Ende 2011 und den Kindergarten Mitte 2012 aufzugeben. Die Mitglieder dee Fordervereins der dort ansässigen Kindertagesstätte Unter dem Regenbogen gehen davon aus, dass sie die Betriebskosten den Gemeindezentrums und des Kindergartens durch Vermietungen und gezieltes Sozialmarketing erwirtschaften können.


Auch in den Linksruhr-Gemeinden Saarn, Speldorf und Broich wurde bereits vor Jahren über eine Fusion diskutiert, die aber bisher nicht weiterverfolgt wurde. Stattdessen baute man eine gemeinsame Kirchenmusik Links der Ruhr auf, um Synergieeffekte nutzen zu können.


Grundsätzlich bleibt die Frage, wie der kleiner werdende Finanzkuchen der Kirchensteuereinnahmen zwischen den Gemeinden und dem Kirchenkreis verteilt wird. Welche Aufgabebn werden wo wahrgenommen? Wie viel Geld sollen die Gemeinden und wie viel Geld die überörtlichen Einrichtungen des Kirchenkreises, wie etwa die Evangelisch Familienbildungsstättem das Diakonische Werk oder die Ehe- Familien- und Lebensberatungsstelle bekommen?


Auch bei den Pfarrstellen muss langfristig eingespart werden. Ab 2011, so will es die Rheinische Landeskirche soll es nur noch für 3000 Gemeindeglieder eine volle Pfarrstelle geben. Derzeit hat der Kirchenkreis mit seinen knapp 60.000 Gemeindegliedern 22 Pfarrstellen, also einen Überhang von zwei Pfarrstellen.
Das Foto zeigt die Dümptener Markuskirche am Springweg. Weitere Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie im Internet unter: http://www.kirche-muelheim.de/ oder: http://www.winkhausen24.de/

Montag, 8. November 2010

Eine Erinnerung an John F. Kennedy: 50 Jahre nach seiner Wahl zum Präsidenten der USA

Normalerweise lesen Sie an dieser Stelle nur Beiträge zu lokalen Beiträgen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Bereits am 13. Juli 2010 hatte ich die Gelegenheit im Katholischen Bildungswerk an der Althofstraße einen Vortrag über John F. Kennedy zu halten, der vor 50 Jahren als erster Katholik zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Dass er auch für die Mülheimerf Jugend ein politischer Hoffnungsträger war, zeigte der spontane Trauermarsch, zu dem sich junge Leute nach seiner Ermordung am 22. November 1963 in der Mülheimer Innenstadt formierten.

Hier lesen Sie in der Folge einen Beitrag, der auf der Basis meines Vortrages im Katholischen Bildungswerk entstand und in den katholischen Zeitungen RUHRWORT und DIE TAGESPOST erschienen ist.

Auch im zurückliegenden Wahlkampf versuchten seine Gegner, US-Präsident Obama, mit der Feststellung zu diskreditieren, er sei Moslem. Sein republikanischer Unterstützer, Ex-Außenminister Colin Powell konterte die Angriffe mit der Gegenfrage: "Was wäre falsch daran, wenn er ein Moslem wäre? Nichts." Obama selbst antwortete bei einem Wahlkampfauftritt auf die Frage: Warum sind Sie Christ? "Ich bin Christ aus Überzeugung. Ich habe aber erst spät in meinem Leben zum Glauben gefunden. Die Grundsätze, nach denen Jesus Christus gelebt hat, haben mich angesprochen. Nach denen wollte auch ich mein Leben führen."
Die beiden Zitate machen deutlich, welche Rolle die Religion in der amerikanischen Politik spielt. Obwohl die amerikanische Verfassung in ihrem ersten Zusatzartikel von 1791 die Religionsfreiheit garantiert, kennt Amerika als Land der religiösen Freiheit auch die religiöse Intoleranz. Der sahen sich früher auch katholische Politiker ausgesetzt, die nach dem höchsten Amt im protestantisch geprägten Amerika strebten.

1928 scheiterte der demokratische Gouverneur von New York, Alfred E. Smith, als erster katholischer Präsidentschaftskandidat, nicht nur, aber auch, weil er Katholik war. Seine deutliche Niederlage mit 41:59 Prozent der abgegebenen Stimmen veranlasste vor 50 Jahren den Ex-Präsidenten Harry S. Truman davor, seine Demokratische Partrei davor zu warnen, mit Senator John F. Kennedy aus Massachusetts wieder einen Katholiken zu ihrem Präsidentschaftskandidaten zu nominieren. Wie Smith musste sich auch Kennedy den Vorwurf anhören: Wenn ein Katholik ins Weiße Haus einziehe, werde in Washington der Papst mitregieren.
Kennedy konnte die Vorbehalte erst entkräften, nachdem er die Vorwahlen im mehrheitlich protestantischen West Virigina gewonnen und am 12. September 1960 vor protestantischen Pastoren in Houston/Texas eine viel beachtete Grundsatzrede über das Verhältnis von Kirche und Staat gehalten hatte.

Damals sagte Kennedy unter anderem: "Ich glaube an ein Amerika mit einer absoluten Trennung von Kirche und Staat. Ich glaube an ein Amerika, das offiziell weder katholisch, protestantisch noch jüdisch ist Schließlich glaube ich an ein Amerika, in der religiöse Intoleranz eines Tages beendet wird."

Obwohl sich Kennedy selbst bewusst nicht als katholischen, sondern nur als demokratischen Präsidentschaftskandidaten deklarierte und alles, wie etwa die Forderung nach einer staatlichen Unterstützung für katholische Konfessionsschulen vermied, was ihn in den Augen protestantischer Wähler als zu katholisch erscheinen lassen konnte, schätzt man, dass ihn seine katholische Konfession am Ende etwa drei Millionen Stimmen gekostet haben dürfte.
Entsprechend knapp fiel denn auch am 8. November 1960 Kennedys Wahlsieg über den Republikaner Richard M. Nixon aus. Kennedy gewann gerade einmal mit einem Stimmenanteil von gut 50 Prozent und einem Vorsprung von gut 100.000 Stimmen. Dabei konnte Kennedy als Katholik gerade in den Großstädten punkten, in denen viele katholische Amerikaner irischen, italienischer, polnischer, deutscher und spanischer Herkunft lebten. Hinzu kam, dass sich der katholische Bevölkerungsanteil seit der Wahlniederlage von Alfred Smith verdoppelt hatte. Heute stellen die Katholiken übrigens ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung und in den Bundesstaaten New Mexiko, Rhodes Island und Massachusetts sogar die Bevölkerungsmehrheit.
Der Wahlsieg des Katholiken Kennedy hatte Signalwirkung und führte zu einem verstärkten öffentlichen Engagement der amerikanischen Katholiken. Katholische Schulen, Universitäten und Krankenhäuser sind heute in den USA selbstverständlich, wenn auch das Problem des sexuellen Missbrauchs im Priesteramt auch der katholischen Kirche in den USA moralisch und materiell nachhaltig geschadet hat.

Als mit Senator John Kerry 2004 wieder ein katholischer Senator aus Massachusetts für das Präsidentenamt kandidierte, spielte seine katholische Konfession im Wahlkampf keine Rolle mehr, ebenso wie für katholischen Senator aus Dalaware, Joseph Biden, der 2009 als Vizepräsident mit Barack Obama ins Weiße Haus einzog. In der Euphorie des Präsidentschaftswahlkampfes von 2008 hatten viele seiner Anhänger Obama als einen "schwarzen John F. Kennedy" apostrophiert. Wie einst Kennedy stand Obama für ein gerechteres Amerika. Was für Kennedy die Bürgerrechte, war für den ersten schwarzen US-Präsidenten Obama ein umfassender Krankenversicherungsschutz für alle Amerikaner. Wie die Präsidentschaft Kennedy endete, ist bekannt. Welcher Erfolg Obama beschieden sein wird, ist nach den Kongresswahlen ungewisser denn je.

Sonntag, 7. November 2010

Ein Leben zwischen Moschee und Minirock: Melda Akbas stellte bei den Herbstblättern ihre Autobiografie vor


Nicht nur Stadtbibliothekarin Claudia vom Felde ist begeistert: „Toll, dass sie in ihrem Alter schon so ein großartiges Buch schreibt und so gut argumentieren kann“, schwärmt die Gastgeberin der Literaturreihe Herbstblätter über Melda Akbas. Die 19-jährige Autorin, die gerade in Berlin ihr Abitur gemacht hat und demnächst Rechts- und Politikwissenschaften studieren möchte, stellt an diesem Abend im Medienhaus ihre Autobiografie „So wie ich will – Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“ vor.

Das passt zur aktuellen Integrationsdebatte und interessiert gut 60 Zuhörer. Damit gehört diese Herbstblätter-Veranstaltung zu einer der am besten besuchtesten der Literaturreihe. Tatsächlich ist der Abend ein Lehrstück über gelungene Integration. Selbstbewusst und charmant liest Akbas Passagen aus ihrem Buch vor, um dann ihr Publikum immer wieder um Fragen und Diskussionsbeiträge zu bitten. In der Diskussion ist sie um keine Antwort verlegen. Auch kritische Fragen wie die, warum sie trotz ihrer deutschen Staatsbürgerschaft betone, Türkin zu sein, bringen sie nicht aus dem Konzept. „Ich habe immer die Berliner Luft geatmet und beherrsche die deutsche Grammatik unfallfrei, obwohl sie verflixt schwer ist. Mein Türkisch ist dagegen heute schlechter als mein Englisch. Und ich könnte nicht ein Jahr in der Türkei überleben, ohne mich darüber zu ärgern, was dort nicht so gut funktioniert wie in Deutschland. Dennoch habe ich ein Heimatgefühl, wenn ich meine Großeltern in der Türkei besuche. Das schließt sich nicht aus, deutsche Staatsbürgerin zu sein und sich trotzdem mit der türkischen Kultur der eigenen Familie verbunden zu fühlen“, sagt Akbas.

Da spürt man die Eloquenz der ehemaligen Schülersprecherin, die von einem Charlottenburger Gymnasium mit hohem Diplomatenkinderanteil bewusst auf ein Kreuzberger Gymnasium mit hohem Migrantenanteil wechselte. Warum? „Ich merkte, dass ich selbst Vorurteile gegen die entwickelte, für die ich mich einsetzen wollte. Ich wollte wissen, wie das läuft, um nicht wie manche Politiker von etwas zu schwafeln, von dem man keine Ahnung hat.“Akbas verschweigt nicht ihre Frustrationserlebnisse. Sie berichtet von ihrem gescheiterten Versuch, einen Mädchenabend zu organisieren, weil die Eingeladenen erst zu- und dann wieder absagten, weil ihre Teilnahme dem Freund oder der Familie nicht recht waren.

Oder sie erzählt von ihrem zwiespältigen Gefühl, weil sie sich oft mit deutschen oder italienischen Mitschülern besser verständigen konnte als mit ihren türkischen. Aber sie berichtet auch von türkischen Freundinnen, die trotz Kopftuch ihren eignen Weg gesucht und gefunden und am Ende ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben. „Man darf nicht nur auf die Extreme gucken. Es gibt immer viele Schattierungen“, betont die junge Autorin.Dass Schwarz-Weiß-Muster die Wahrnehmung der Wirklichkeit verstellen, macht auch ihre autobiografische Lesung deutlich. An manchen Stellen amüsiert sie sich selbst über die von ihr beschriebene Situationskomik, etwa wenn ihre Mutter im Zimmer der Tochter die Frauenzeitschrift mit Sextipps entdeckt und sich das Journal sehr zu Meldas Verwunderung mit der Bemerkung ausleiht: „Vielleicht kann ich ja noch etwas dazulernen“. Ein Zuhörer fragt nach: „Haben Sie das Heft zurück bekommen?“ Die Antwort kommt prompt: „Nein.“

Schnell wird klar, dass Akbas aus einer Familie kommt, in der traditionelle Wertvorstellungen, Bildungsbewusstsein und politisches Interesse keine Gegensätze sind.„Ohne meine Mutter wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Sie hat mir schon früh vorgelesen und immer darauf geachtet, dass ich meine Hausaufgaben mache. Vor ihr konnte ich keine Fünf geheim halten“, beschreibt Akbas die Bildungsambitionen ihrer Mutter.Sie selbst ist davon überzeugt: „Bildung ist immer der Schlüssel.“ In der Diskussion stimmt sie einem Zuhörer zu, als der feststellt: „Vorurteile entstehen, weil wir oft zu wenig über den persönlichen Hintergrund von Menschen wissen.“ Obwohl Akbas ihre Suche danach, „wo man hingehört“, als „Hürdenlauf“ beschreibt und von Konflikten mit dem Vater berichtet, der seine Tochter angesichts von Jeans, Top und Weste „nicht wie einen Hippie“ auf die Straße gehen lassen wollte,“ zeigt sich, dass sie am Ende ihren eigenen Lebensweg zwischen Moschee und Minirock gefunden hat, weil sie immer wieder den Mut zur Rebellion gehabt hat.„Auch deutsche Väter tun sich manchmal schwer, ihre Töchter loszulassen“, räumt ein Mann ein. Und eine Frau erinnert sich an die Warnung ihrer Mutter „Bring bloß keinen evangelischen Freund mit nach Hause“, als Akbas über die familiären Turbulenzen im Vorfeld einer deutsch-türkischen Hochzeit in ihrer Familie berichtet

Am Ende der Diskussion sagt der Vorsitzende des Türkischen Vereins, Fevzi Eraslan, der seit 53 Jahren in Deutschland lebt und als Diplom-Ingenieur auch beruflich seinen Weg gefunden hat, mit Blick auf Akbas: „Ich habe meine eigene bikulturelle Erfahrung immer als Reichtum empfunden. Und deshalb sind Sie für mich ein Vorbild.“

Dieser Beitrag erschien am 29. Oktober 2010 in der NRZ