Freitag, 31. Dezember 2010

Nicht nur zur Weihnachtszeit will man an der Hauptschule Dümpten die Jugendlichen fördern statt sie zu frustieren


An der Gemeinschaftshauptschule Dümpten ist man schon vor dem 24. Dezember weihnachtlich gestimmt. Gestern verwandelten Schüler und Lehrer aus den Klassen 5 bis 7 das Treppenhaus ihrer Schule in einen Konzertsaal. Mit erstaunlichem Elan schmetterten die Jugendlichen klassische und moderne Weihnachtslieder von „Schneeflökchen Weißröckchen“ bis zur „Weihnachtsbäckerei“ mit so mancher Lecker- und Kleckerei. Musikalisch begleitet wurden sie dabei von ihren Lehrerinnen Iris Plockartz (Klavier), Margret Wartmann (Geige) und Volker Isbruch (Gitarre).


„Singen ist meine Leidenschaft. Mir macht es Freude, immer wieder neue Lieder kennen zu lernen. Und man geht irgendwie beschwingt in den Unterricht, wenn man gesungen hat“, erklärte Lara Derksen aus der 5b nach dem kleinen Konzert, das durch einen Gedichtvortrag der „Tannenflüsterer“ aus der siebten Klasse literarisch abgerundet wurde .Schulleiterin Ulrike Nixdorff und ihre Lehrerkolleginnen Angelika van der Most und Ursula Grün sind immer wieder davon begeistert, „dass auch unsere moslemischen Schüler die christlichen Weihnachtslieder aus voller Kehle mitsingen.“


Dabei legt Nixdorff Wert darauf, „dass wir weniger die christlich-religiöse Bedeutung als vielmehr das gute soziale Miteinander während des Advents in den Mittelpunkt stellen.“Das geschah in diesem Advent zum Beispiel durch ein gemeinsames Morgensingen im Spielekeller, eine Morgenrunde mit einer besinnlich-heiteren Geschichte oder auch dem gemeinsamen Plätzchenbacken in der Schulküche. „Dann ist es ganz still in der Klasse. Und die meisten Schüler genießen diese Atmosphäre, egal ob sie zu Hause etwas Vergleichbares erfahren“, schildert Nixdorff das morgendliche Vorleseerlebnis in ihrer Klasse. „Es geht uns vor allem darum, „den Schülern ein gutes Gefühl und die Fähigkeit zu vermitteln, sich auf so eine Stimmung einlassen zu können“, erklärt die Rektorin den Sinn der Adventsaktivitäten an ihrer Schule.


Dort freut man sich derweil nicht nur auf Weihnachten, sondern auch darüber, dass die Schule von der Bezirks- und Landesregierung mit dem Gütesiegel für individuelle Förderung ausgezeichnet worden ist. Das Gütesiegel hat sich die Hauptschule Dümpten mit einem ausdifferenzierten Förderprogramm verdient.Dazu gehören unter anderem gezielte Unterrichts-, Test- und Traingsverfahren, kleine Lerngruppen, Computerarbeitsplätze in jedem Klassenraum, Unterricht im Zeitstundenformat sowie das Informationssystem für Lehrer, Schüler und Eltern (Ilse), das in Form eines Kalenderbuches die gemeinsame Lernkontrolle und damit auch den bei Lernstanderhebungen und zentralen Abschlussprüfungen nachweisbaren Lernerfolg fördert.


Dieser Text erschien am 16. Dezember 2010 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Einblick in die Weltkirche: Die Gastgeber aus St. Mariae Geburt und ihre Gäste aus Lateinamerika erlebten, dass ihr Glauben verbindet


Mit einer Lateinamerika-Woche schaute die Gemeinde St. Mariae Geburt über ihren eigenen Kirchturm hinaus und erlebte mit dem Besuch des brasilianischen Bischofs Alfredo Schaffler und des honduranischen Kolping-Vorsitzenden Rufino Rodriguez, der in seiner Heimat als ehrenamtlicher Delegierter des Wortes Gottes arbeitet, ein Stück Weltkirche.
Bei einem Einkehrtag tauschten sich Gemeinderäte und andere aktive Laien aus Mariae Geburt mit ihren Gästen aus Brasilien und Honduras unter anderem darüber aus, wie eine Gemeinde etwa durch ehrenamtliches Engagement lebendiger gestaltet und so kraftvoller werden und an Ausstrahlung gewinnen kann.


"Aus familiären Gründen habe ich einige Zeit ausgesetzt. Aber durch die Begegnung mit Rodriguez und Schaffler habe ich einen starken Impuls bekommen, mich wieder stärker zu engagieren und meine eigene Verantwortung für ein gelingendes Gemeindeleben wahrzunehmen", beschrieb zum Beispiel Wortgottesdienstleiterin Elisabeth Maria Kaufmann den menschlichen Mehrwert, den sie persönlich aus dem gewissermaßen transatlantischen Einkehrtag ziehen konnte.


Ihre als Lektorin und Kommunionhelferin aktive Kollegin Hannelore Leinen zeigte sich nach dem Gespräch mit den Lateinamerikanern vor allem davon beeindruckt, "was dort mit weniger Mitteln alles geleistet werden kann." Ihr Fazit: "Wir sind hier trotz aller Schwierigkeiten noch recht gut dran. Und man sollte sich vielleicht doch noch etwas mehr engagieren."
"Wir haben in unseren Gemeinden eine massive Beteiligung von Laien. Auch hier gibt es viele Laien, die sehr engagiert mitarbeiten. Aber es gibt auch eine große Gruppe von hauptamtlichen Angestellten. Das kennen wir so nicht. Wir arbeiten vollständig ehrenamtlich.", beschrieb Rodriguez den von ihm wahrgenommenen Unterschied. Besonders beeindruckt zeigte er sich von der Aufgeschlossenheit der hiesigen Laien und ihrem großen Interesse an Lateinamerika. "Ich glaube, dass die Kirche auch in Deutschland Zukunft hat", machte der Wortdelegierte aus Honduras seinen Mülheimer Mitchristen Mut und betonte: "Bei Begegnungen wie den unseren kommt es nicht nur darauf an, dass man einander zuhört, sondern auch begreift, was Gott mit ihnen bewirken will."


Pfarrer Michael Janßen empfand die Lateinamerikawoche "wie Exerzitien, die der ganzen Gemeinde gut tun, weil sie uns zeigen, mit welcher Begeisterung das Wort Gottes in Lateinamerika verkündet wird und uns aus der eigenen Betriebsblindheit herausholt und man plötzlich wieder deutlicher sieht, was wir bei uns alles an hauptamtlichen Diensten und ehrenamtlichem Engagement haben."

Der aus Österreich stammende Bischof Schaffler nimmt aus den Mülheimer Tagen "vor allem ein Gefühl der Dankbarkeit" und die Überzeugung mit, "dass die Welt immer mehr zu einem globalen Dorf wird, in dem wir zusammenrücken müssen, viel voneinander lernen können und geschwisterlich zusammenleben können." Nicht ohne Resonanz hatte Schaffler in Mülheim unter anderem um Unterstützung für sein Zisternenbauprojekt geworben. In seinem Bistum Parnaiba im Nordosten Brasilien herrscht große Trockenheit, da es sechs Monate lang nicht regnet. Um so wichtiger ist es, dass die Menschen dort Regenwasser in Zisternen auffangen und so langfristig nutzen können. "In dieser Gemeinde gibt es ein starkes weltkirchliches Bewusstsein. Das zeigt sich nicht nur bei den Kollekten für Adveniat, sondern auch durch Initiativen, wie die Kolumbienhilfe", unterstrich der langjährige Weihbischof und Vorsitzende von Adveniat, Franz Grave, der heute als Seelsorger in Mariae Geburt mitarbeitet. Er glaubt, "dass uns die Gäste aus Lateinamerika in dieser Woche gezeigt haben, was die Seele des kirchlichen Ehrenamtes ist, nämlich die innere Begeisterung für den Glauben und das Wort Gottes."


Dieser Text erschien am 16. Dezember 2010 im Ruhrwort

Montag, 27. Dezember 2010

Vom Ausflugslokal zur Jugendherberge: Vor 120 Jahren wurde das Haus am Kahlenberg eröffnet, das die Stadt jetzt an einen privaten Investor verkaufte

Das ist ein Haus der Mülheimer Bürger“, sagt Herbergsvater Eugen Meyer über seinen Wohn- und Arbeitsplatz, den er Ende des Jahres zusammen mit seiner Frau Angelika in Richtung Ruhestand verlassen wird.Mehr als zwei Jahrzehnte lang haben die Meyers am Kahlenberg Menschen beherbergt und beköstigt. In ihrer fürsorglichen Obhut waren hier Kindergartengruppen und Schulklassen, Theater- und Musikensemble, kirchliche Gruppen oder etwa die Teilnehmerinnen des Mädchenkulturfestivals und der Internationalen Jugendbegegnungen zu Gast.

„Da geht einem das Herz auf. Da weiß man, wofür man arbeitet“, erinnert er sich an die Tage an denen seine Frau und er volles Haus hatten. Noch heute muss er lachen, wenn er sich an die Steppkes erinnert, die ihn mit: „Du, Herr Meyer“ oder: „Herr Hausherbert“ ansprachen, weil ihnen das Wort Herbergsvater nicht über die Lippen kommen wollte. Meyer wünscht sich für die Jugendherberge am Kahlenberg eine öffentliche Nachnutzung. Mit dem Einzug eines Vereins für Kinder und Jugendarbeit könnte er gut leben, mit der Vermarktung als Wohneigentum, wie ihn die Ratsmehrheit jetzt beschlossen hat, nicht.Meyers Arbeitsplatz, der vielleicht den schönsten Ruhrblick der Stadt bietet, wurde vor 120 Jahren im November 1890 als Ausflugslokal eröffnet. Bis zu 4000 Gäste fanden im Innenraum und auf der Terrasse Platz.

Ab 1897 brachte die elektrische Straßenbahn die Ausflügler zum Kahlenberg, den der Mülheimer Verschönerungsverein mit Hilfe der Stadt in den 1880er Jahren von einem Steinbruch in eine grüne Oase verwandelt hatte. Aber auch Mülheims Wassersportler wussten den Bierkeller des Kahlenberg-Restaurants als Treffpunkt zu schätzen.Der Ausflug zum Kahlenberg lohnte sich. Denn ab 1909 stand dort auch der Bismarckturm. Und bis 1957 konnte man von dort aus mit einer Fähre auf die andere Ruhrseite nach Saarn übersetzen. Außerdem gab es dort zwischen 1902 und 1924, als Mülheim noch Garnisonsstadt war, eine Militärbadeanstalt, die aber auch von den Mülheimer Zivilisten genutzt werden konnte.Doch als sich 1944 die Wehrmacht am Kahlenberg einquartierte, war Schluss mit Lustig und Lecker an der Ruhr.

Der Wehrmacht folgte 1945 die britische Rheinarmee, die ihr Quartier am Kahlenberg ab 1946 zumindest teilweise und am Wochenende als Ausflugslokal für die Mülheimer freigab. Doch der Betrieb rechnete sich nicht und wurde 1951 eingestellt.Damals gab es in der Bauverwaltung Überlegungen, das alte Haus am Kahlenberg abzureißen, ehe sich der damalige Jugenddezernent und spätere Oberstadtdirektor Bernhard Witthaus 1952 damit durchsetzen konnte, dort eine Jugendherberge einzurichten. Dass seine Idee gut ankam, zeigten die 65 000 Gäste aus 50 Ländern, die sich bis 1962 am Kahlenberg beherbergen ließen. Doch nicht nur die Gäste, sondern auch die Handwerker gingen in der alten Jugendherberge ein und aus. 1986 mussten Stadt und Land 1,8 Millionen Mark in die Modernisierung der Jugendherberge investieren.

Auch wenn die Jugendherberge mit 70 Betten in 16 Räumen jetzt auch eine Bar und eine Bauernstube, zwei große Tagesräume, einen Grillplatz, eine Dachterrasse und einen offenen Kamin hatte, konnte die schöne Herberge in den letzten Jahren nicht mehr mit den modernen Komfortstandards mithalten. Die Gästezahl sank von 8674 im Jahre 2004 auf 6119 im vergangenen Jahr. Genau das war auch der Anstoß für die Stadt, an den Verkauf der Jugendherberge zu denken und deren Betriebskosten von jährlich rund 132 000 Euro im Rahmen der Haushaltskonsolidierung einzusparen.Dabei hat der Abschied von der Jugendherberge am Kahlenberg viele Gesichter. Eines davon war die letzte Kindertheateraufführung, die dort am 28. November mit „Weihnachten im Mäuseland“ und den selbstgebackenen Plätzchen der Meyers über die Bühne ging.

Dieser Text erschien am 20. November 2010 in der NRZ

Freitag, 24. Dezember 2010

Helden des Alltags: Was eine Post- und ein Zeitungszusteller im Winter erleben können


Wer hat sich nicht schon mal weiße Weihnachten gewünscht? In diesem Jahr stehen die Chancen dafür gut. Denn leise rieselt der Schnee und er verwandelt Mülheim in ein Winterwunderland. Doch gerade die fleißigen Menschen, die täglich dafür sorgen, dass wir unsere Post und unsere Zeitung bekommen können im Winterwunderland auch ihr blaues Wunder erleben.


„Das ist wirklich Hochleistungssport“, sagt die 40-jährige Postzustellerin Michaela Zimmermann, die sich derzeit durch ihr verschneites und vereistes Revier entlang der Duisburger Straße kämpft. „Ich rechne immer zwei Stunden zusätzlich ein“, sagt sie und bittet die Bürger um Verständnis, wenn die Post in diesen Wintertagen nicht immer ganz pünktlich kommt.


An diesem Montag ist sie von 9.30 Uhr bis 16 Uhr in der Speldorfer Schneewüste unterwegs. „Ich bin enttäuscht. Gestern war doch Sonntag, da hätte man doch schon mal den einen oder anderen Gehweg saubermachen können“, klagt Zimmermann. Besonders ärgert sie sich über vereiste Treppen und zugefrorene Briefkästen, die von den Anwohnern nicht rechtzeitig vom Eis befreit worden sind. Nicht nur vereiste Wege, sondern auch Schneehügel am Straßenrand machen ihr das Wechseln der Straßenseite und damit das Leben als Briefträgerin schwer.


Briefträgerin. Diese Bezeichnung trifft bei Zimmermann nur bedingt zu. Denn sie bringt die Post mit einem gut bereiften Fahrrad von Haus zu Haus. Damit komme ich besser durch die engen Gassen“, sagt sie.Gerade in der Vorweihnachtszeit, wenn die Postzustellerin besonders viele Briefe und Päckchen von Haus zu Haus bringen muss, transportiert sie auf ihrem Dienstrad schon mal locker 70 Kilo.Doch auch unter dem Eindruck der erschwerten Arbeitsbedingungen im Winter, dem sie kleidungstechnisch unter anderem mit Ski-Unterwäsche, Thermosohlen und Spikes unter den Schuhen trotzt, sagt Zimmermann auch nach 16 Dienstjahren noch: „Die Arbeit macht mir auch jetzt Spaß.“


Dafür sorgen etwa die großen Kinderaugen, die sie sieht, wenn sie Weihnachtspakete abliefert, oder die Leute, die sie auf eine heiße Tasse Tee hereinbitten, damit sie sich auf ihrer Tour durch Speldorf aufwärmen kann.Belohnung nach der TourUnd womit belohnt sich die wetterfeste Postzustellerin, wenn sie wieder zu Hause ist. „Dann nehme ich erst mal ein heißes Bad und gönne mir ein leckeres Mittagessen mit einem Stück Kuchen als Nachtisch“, sagt Zimmermann und lächelt voller Vorfreude, ehe sie ihr 70-Kilo-Postrad weiter durch die verschneiten und vereisten Straßen schiebt.


Ebenfalls als Zusteller in Speldorf unterwegs ist Kurt Linden. Der 71-Jährige sorgt dafür, dass Sie Ihre Zeitung ins Haus geliefert bekommen. Seine Tour beginnt bereits zwischen drei und vier Uhr in der Frühe. „Es ist schon anstrengend, den Zeitungskarren mit jeweils 60 bis 70 Blättern durch Eis und Schnee zu ziehen“, gibt Linden zu. Er setzt auf „kleine Schritte“ und Spikes unter den Schuhen, um Stürze zu verhindern. Bisher ist er nur einmal gestürzt und das war im Sommer.Als besonders riskant empfindet er Marmorfliesen auf Treppen und in Hauseingängen. „Die sind unter Schnee besonders rutschig“, sagt er.


Generell sind seitlich und nicht direkt am Straßenrand gelegene Hauseingänge für den Zusteller, der sich mit Mantel, Mütze, Schal und doppelter Unterwäsche warm hält, ein schwieriges Pflaster, wenn es nicht nur dunkel, sondern auch glatt ist. Linden schätzt, dass er für seine zweieinhalbstündige Tour im Winter etwa 20 Minuten länger braucht. „Die Leute reagieren in aller Regel verständnisvoll, wenn die Zeitung morgens etwas später kommt.“ Wie ein Bergmann unter Tage ist Linden morgens mit einer Kopfleuchte unterwegs, damit er den dunklen Weg erkennen kann.


Weil er schon vor sechs Uhr morgens unterwegs ist, kann er nie damit rechnen, dass Anwohner zu diesem Zeitpunkt Gehwege geräumt oder gestreut haben. Während er in den reinen Wohnstraßen seines Speldorfer Reviers zu Fuß unterwegs ist, steigt Linden zwischenzeitlich immer wieder in sein Auto um, ohne das eine Zeitungszustellung, etwa im Gewerbegebiet an der Ruhrorter Straße, gar nicht möglich wäre.


Nach seiner zehn Kilometer langen Morgentour durch Speldorf gönnt sich der Mann, daheim erst mal einen Blick in die Zeitung und natürlich ein gutes Frühstück, ehe er sich auf die zweite Tour des Tages begibt: um die Zeitungen dort abzuliefern, wo sie am Morgen noch nicht angekommen sind. Dann ist der 71-Jährige nicht nur in Speldorf, sondern in ganz Mülheim unterwegs. Aber nicht zu Fuß, sondern mit dem Auto.


Dieser Text erschien am 22. Dezember 2010 in der NRZ

Sonntag, 19. Dezember 2010

Manchmal kommt der Nikolaus auch als Frau daher: Eine Adventsgeschichte aus der Heimaterde


Eine Frau im katholischen Bischofsgewand. Ist das möglich? Es ist, St. Nikolaus macht es möglich. Denn er kommt in der Grundschule am Sunderplatz als Frau daher. Für die NRZ sprach ich mit der Fördervereinsvorsitzenden und zweifachen Mutter Anja Bollmeier (47), darüber, warum sie nur zu gern den heiligen Nikolaus von Myra verkörpert.


Welche Kindheitserinnerungen haben Sie an den Nikolaus?

Sehr schöne. Obwohl mich der Nikolaus nie persönlich besucht hat. Aber ich musste als Kind immer meine Stiefel blank putzen. Und wenn ich dann am Nikolausmorgen erwachte, hing ein Nikolausbild über meinem Bett und meine Stiefel, die ich vor die Tür gestellt hatte, waren gut gefüllt.


Warum schlüpfen Sie als Frau und Mutter gerne in die Rolle des heiligen Nikolaus?

Wir haben sonst auch einen Vater, der das gerne übernimmt, aber in diesem Jahr verhindert war. Und deshalb bin ich gerne in die Rolle des Nikolaus geschlüpft, weil ich mich ohnehin gerne verkleide und den Kindern Geschichten erzähle. Es macht einfach riesigen Spaß, in die großen und strahlenden Kinderaugen zu schauen. Außerdem hilft mir auch meine Körpergröße dabei, den Bischof Nikolaus glaubhaft darzustellen.


Worin sehen Sie den pädagogischen Mehrwert des Nikolaustages?

Ich finde es gerade in unserer kalten und nüchternen Zeit wichtig, diese Tradition und die mit ihr verbundene Magie und ihre Rituale aufrechtzuerhalten.Frage: Warum ist das wichtig?Antwort: Es geht darum, den Kindern das Gefühl der Zusammengehörigkeit und den Glauben an das Gute und Schöne im Leben zu vermitteln. Diese Magie hat mir als Kind gut getan und tut auch heute Kindern gut.


Glauben die Kinder heute noch an den Nikolaus?

80 Prozent der Kinder, auch in der vierten Klasse, machen mit und haben Spaß daran. Manche Kinder in der ersten Klasse haben auch schon mal Angst. Aber denen sage ich dann: Schau mich nur an. Ich bin kein wilder böser Mann. Ich bin der Nikolaus. Manchmal sagt ein Kind auch: Dich gibt es gar nicht. Dann sage ich: Natürlich gibt es mich. Du siehst doch, dass ich vor dir stehe.


Was haben Sie im Goldenen Nikolausbuch notiert?

Ich habe den Kindern erzählt, dass mir meine Engel mitgeteilt haben, dass es in der Grundschule am Sunderplatz nur liebe Kinder gibt und meine Seiten über böse Kinder deshalb leer sind. Viel Spaß hatten die Kinder, als ich gefragt habe, ob die Lehrerinnen denn auch nett zu ihnen seien. In allen Klassen haben die Kinder diese Frage übrigens mit einem einhelligen Ja beantwortet. Viele haben auch gestaunt, als ich ihnen erzählte, dass ich als Nikolaus der Schutzpatron der Kinder bin.


Werden Sie als Nikolaus von den Kindern auch schon mal angesprochen?

Ja. Gerade erst hat mir ein Junge gesagt: Lieber Nikolaus, bitte überanstrenge dich nicht. Denn du weißt ja: Für deine alten Knochen kann das ganz schön gefährlich sein und böse enden.


Ist es für Sie als Frau schwierig, in die Rolle eines alten Bischofs zu schlüpfen?

Ich versuche natürlich, etwas dunkler zu sprechen. Und wenn mir das nicht ganz gelingt, erkläre ich den Kindern, dass meine Stimme nicht mehr ganz so dunkel klingt, weil ich ja auch schon so alt bin. Das akzeptieren die meisten Kinder und eines meinte heute zu seinem Klassenkameraden: Ich habe dir doch gesagt, dass das der Hausmeister war.


Sind Sie als Frau am Ende der bessere Nikolaus?

Nein. Ich finde es schon schön, wenn ein Mann diese Rolle verkörpert. Aber oft scheitert es daran, dass die Männer berufstätig sind und deshalb keine Zeit haben. Ich arbeite zwar auch als Medizinisch-Technische Assistentin, hatte heute aber frei. Und deshalb hat das ganz gut gepasst.


Was hatten Sie für die Kinder in Ihrem Sack?

Da waren Lernspiele drin, die das logische Denken fördern. Diese Spiele habe ich den Kindern nicht einzeln, sondern immer für die ganze Klasse mitgebracht. Das gilt auch für den Nikolausteller mit den Mandarinen und Nüssen.


Wie reagiert Frau Nikolaus auf Weihnachtsmänner?

Die ignoriere ich.


Dieses Gespräch erschien am 4. Dezember 2010 in der NRZ

Samstag, 11. Dezember 2010

Heinrich Thöne setzte als Oberbürgermeister Maßstäbe: Vor 120 Jahren wurde er geboren

Oberbürgermeister zu sein kann Spaß machen, wenn man das Gefühl hat, dass es mit der Stadt aufwärts geht. Diese Freude kann man Heinrich Thöne auf dem Foto ansehen, das ihn 1951 mit der damals ältesten Bürgerin des Stadtteils bei der Eröffnung der neuen Straßenbahnlinie nach Oberdümpten zeigt. Damals war er seit drei Jahren Oberbürgermeister.

Der am 28. November 1890 in Bocholt geborene Thöne gehört zu den Mülheimer Stadtoberhäuptern, denen eine besonders lange und erfolgreiche Amtszeit beschieden war. Thöne, der 1912 als gelernter Former nach Mülheim kam, um bei der Friedrich-Wilhelms-Hütte seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wurde als Oberbürgermeister der Jahre 1948 bis 1969 zur Galionsfigur des Wiederaufbaus.Was seine Biografie so faszinierend macht, sind ihre unerwarteten Wendungen mit allen Höhen und Tiefen. Als der spätere Sozialdemokrat Thöne 1890 geboren wurde, wurden Bismarcks Sozialistengesetze aufgehoben. In dem Jahr, als er nach Mülheim kam, wurde die SPD bei den Reichstagswahlen erstmals zur stärksten Partei. 1913, im Todesjahr August Bebels wurde Thöne selbst Sozialdemokrat, nachdem er bereist 1907 dem Deutschen Metallarbeiterverband beigetreten war.

Thöne gehörte zu der Generation, die zwei Weltkriege und eine Diktatur überstehen mussten. Im Ersten Weltkrieg wurde er verwundet und später für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Im Zweiten Weltkrieg machten ihm die Nazis das Leben schwerer als es ohnehin schon war.Damit rächten sich die braunen Machthaber unter anderem dafür, dass er sich als Stadtverordneter 1933 geweigert hatte, für die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Adolf Hitler zu stimmen. Dass ihm selbst diese höchste Auszeichnung der Stadt 1960 zu Teil werden sollte, mag er rückblickend als ausgleichende Gerechtigkeit der Geschichte empfunden haben.

Er selbst betonte später, auch in den dunkelsten Stunden der Demütigung „nie an Kapitulation oder Resignation gedacht“ zu haben.Das größte Glück im Leben des Heinrich Thöne war zweifellos die Erfahrung, nach dem Niedergang der ersten deutschen Demokratie den Aufstieg der zweiten deutschen Demokratie in Mülheim mitgestalten zu können. Seine ersten politischen Erfahrungen hatte der Sozialdemokrat bereits während der Weimarer Republik gesammelt. Ab 1922 war er Betriebsratsvorsitzender Friedrich-Wilhelms-Hütte und Zweiter Bevollmächtigter des Metallarbeiterverbandes.1929 wurde er erstmals in den Stadtrat gewählt, dem er nach 1945 zunächst von der britischen Militärregierung ernannt und später von den Mülheimern gewählt wieder angehören sollte.

Für den bürgernahen Pragmatismus Thönes spricht ein Satz aus einem seiner frühen Rechenschaftsberichte als erster Nachkriegs-Vorsitzender der Mülheimer SPD: „So lange Menschen in Mülheim auf eine menschenwürdige Wohnung warten, brauchen wir keinen ideologischen Unterbau.“ Mit diesem bodenständigen Politikverständnis gewann er als Spitzenkandidat der SPD fünf Kommunalwahlen, drei davon mit absoluter Mehrheit. Weil seine Bürotür für Ratsuchende immer offen stand, öffneten ihm viele Mülheimer auch außerhalb der SPD ihre Herzen.

Nicht zuletzt weil er als Oberbürgermeister viele Grundsteine für neue Wohnungen und Schulen legen konnte, wurde er im Bewusstsein vieler Mülheimer zur Symbolfigur des Wiederaufbaus, den er selbst immer als „Gemeinschaftsleistung“ beschrieb.Als Heinrich Thöne 1969, zwei Jahre vor seinem Tod, aus seinem Amt ausschied, sagte er, was heute noch aktuell klingt: „Der politische Gegner darf nie zum Feind werden. Nur in einem vernünftigen Miteinander, Füreinander und Nebeneinander ist etwas Großes zu erreichen.“ Ein guter Gedanke, der die Erinnerung an einen Bürger lohnt, nach dem nicht nur die Volkshochschule und ein Schiff der Weißen Flotte, sondern auch eine Stiftung zur Förderung der Altenhilfe benannt ist.

Dieser Text erschien am 27. November 2010 in der NRZ