Sonntag, 11. Dezember 2011

Warum die Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt in der kommenden Woche nach Lateinamerika schaut

Reisen bildet bekanntlich. Doch weil die 19.000 Mitglieder der katholischen Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt nicht alle nach Lateinamerika reisen können, kommt Lateinamerika in Person von Erzbischof Jorge Jimenez Caravajal aus Kolumbien zu ihnen. Warum blickt die Gemeinde bereits zum dritten Mal im Advent nach Südamerika? "Man kann dort eine enorme Frische des Glaubens erleben, weil der Glaube dort kein Tabu ist, das man verstecken möchte, sondern eine Kraftquelle, zu der man sich auch gerne öffentlich bekennt", sagt Franz Grave. Als Weihbischof des Ruhrbistums stand er lange an der Spitze des Hilfswerkes Adveniat und kennt die Situation in Lateinamerika aus eigener Anschauung.

"Wenn wir über unseren eigenen Kirchturm hinausschauen und mit Erzbischof Jorge Jimenez Caravajal ins Gespräch kommen, können wir daraus auch für uns selbst lernen und sehen, dass wir hier trotz aller Probleme immer noch auf sehr hohem Niveau klagen", glaubt Pfarrer und Stadtdechant Michael Janßen. Der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann, ist vor allem deshalb auf den Bischof aus Lateinamerika gespannt, weil er von ihm erfahren möchte, welche Erfahrungen die Katholiken dort mit dem bereits 2005 begonnenen Dialogprozess gemacht haben, der im Ruhrbistum 2011 angelaufen ist. Obwohl der Dialogprozess bei uns noch nicht abgeschlossen ist, zeigen die bisherigen Diskussionen bereits bekannte Problempunkte auf: Wie geht die katholische Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen um? Wird sie Frauen zum Priesteramt zulassen und den Pflichtzölibat für Priester angesichts des akuten Priestermangels überdenken? Welche Konsequenzen zieht die Kirche aus den Missbrauchsfällen im Priesteramt?

Feldmann lässt keinen Zweifel daran, dass der Kirchendialog in Deutschland in absehbarer Zeit konkrete Ergebnisse zeitigen muss, damit "Menschen das Gefühl haben, dass ihre Anliegen von der Kirche auch ernst genommen, angesprochen und angegangen werden. Während die Generalversammlungen der Katholiken in Lateinamerika inzwischen zum Start eine kontinentalen Glaubens- und Missionsoffensive geführt haben, macht Feldmann vor allem die Glaubenserosion in den jungen Familien Sorge. "

"Ich spüre aber auch bei jungen Menschen eine große Sehnsucht nach einem sinnvollen und glaubenserfüllten Leben. Und ich führe nicht nur Gespräche mit Menschen, die die Kirche verlassen haben, sondern auch mit denen, die wieder in die Kirche zurückkehren", hält Janßen fest und warnt vor übertriebenen Pessimismus.

Neben Gottesdiensten und Treffen mit aktiven Katholiken der Stadt steht am 15. Dezember um 19 Uhr auch eine Vortrags- und Disskussionsveranstaltung im Altenhof an der Kaiserstraße auf dem Besuchsprogramm von Erzbischof Jorge Jimenez Caravajal. Bei dieser Gelegenheit sollen die Ergebnisse der Kirchendialoge in Lateinamerika und im Ruhrbistum zur Sprache kommen.

Weitere Informationen zur Lateinamerikawoche finden sich auf der Internetseite www.mariae-geburt.com, auf einem öffentlich ausliegenden Faltblatt oder im Pfarrbüro von St. Mariae Geburt an der Althofstraße, das telefonisch unter der Rufnummer 0208/32525 erreichbar ist. Weitere Information über das Hilfswerk Adveniat, das seit 50 Jahren besteht, gibt es im Internet unter: http://www.adveniat.de/

Zahlen & Fakten: 2010 verließen 429 Katholiken und 331 Protestanten ihre Kirche. In diesem Jahr waren es bisher 256 Katholiken und 276 Protestanten. Mit jeweils rund 52.000 Mitgliedern stellen die beiden großen Kirchen jeweils ein knappes Drittel der Stadbevölkerung.



Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 9. Dezember 2011 in der NRZ

Montag, 28. November 2011

Ein Streifzug durch ein dunkles Kapitel der Mülheimer Straßennamen

Nomen est omen. Das gilt auch für die Straßennamen unserer Stadt. Zum 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, machte ich mich für die NRZ auf die Spurensuche nach Mülheimer Straßennamen in der NS-Zeit. Wussten Sie, dass die Friedrichstraße während des Dritten Reiches Adolf-Hitler-Straße hieß und der Kaiserplatz der Platz der SA war. Die Heißener Straße hieß Horst-Wessel-Straße. Die Mendener Brücke trug den Namen Hermann Görings. Und die Schulstraße war nach dem deutschnationalen Verleger und Parteiführer Alfred Hugenberg benannt.

Es überraschte mich, im Stadtarchiv herauszufinden, dass die Stadtverwaltung im Mai 1945, auf Befehl der alliierten Militärregierung 17 Straßen umbenennen musste, die nach Nazi-Größen benannt worden waren. Nachdem die Nazis ihre Macht gefestigt hatten, hatten sie ab Mitte der 30er Jahre offensichtlich mit Erfolg die Vordenker und Wegbereiter ihrer Ideologie im Straßenbild und damit im öffentlichen Bewusstsein der Bürger zu verankern.

Es gab aber auch strittige Straßennamen, die das Kriegsende überstanden. Dazu gehörte unter anderem die Hindenburgstraße, die erst 1949, auf Anordnung der Alliierten, umbenannt werden musste und seitdem den Namen des ersten sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert trägt. Die Hindenburgstraße, die die alten Mülheimer vor 1916 als Froschenteich und als Notweg gekannt hatte, war ein Sonderfall. Im Ersten Weltkrieg widmete die Stadt dem "Helden von Tannenberg" eine ihrer zentralen Straßen, weil Hindenburg als General 1914 Ostpreußen von den Russen befreit hatte. Erst später wurde Hindenburg als Reichspräsident, der Hitler zum Reichskanzler ernannte, zu einem der Totengräber der Weimarer Republik.

Noch wesentlich länger überdauerten allerdings die nach dem deutschen Kolonialisten Carl Peters benannte Straße in Eppinghofen und eine Straße sowie ein Platz in Oberdümpten, die noch bis Mitte der 90er Jahre den Namen des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stöcker trugen. Heute tragen diese Straßen und Plätze die Namen der sozialdemokratischen Verfassungsmutter und Juristin Elisabeth Selbert sowie der von den Nazis 1945 ermordeten Anne Frank, die mit ihrem Tagebuch ein unvergängliches und bestürzendes Zeitdokument für die Verbrechen des Holocaust hinterlassen hat.

Ebenfalls erst Mitte der 90er Jahre fasste der Rat der Stadt einen offiziellen Beschluss, der Hitler und Hindenburg die 1933 verliehene Ehrenbürgerschaft der Stadt aberkannte. Zuvor hatte die Stadt argumentiert, die Ehrenbürgerschaften seien mit dem Tode Hitlers und Hindenburgs automatisch erloschen. Nach Auskunft des Verbandes der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) stand die Aberkennung der umstrittenen Ehrenbürgerschaften aus der NS-Zeit bereits 1946 und 1985 Thema im Stadtparlament, war aber nie abschließend beschlossen wurde.

Bis heute gibt es in Mülheim Straßennamen, an denen sich die Geister scheiden. Das bekannteste Beispiel ist die 1967 nach Fritz Thyssen benannte Straße in Dümpten. Thyssen, der einst von sich sagte: "I paid Hitler/Ich bezahlte Hitler" wandelte sich immerhin noch während der Nazi-Zeit vom Förderer zum Gegner Hitlers und wurde so selbst zum Verfolgten. Die Debatte über diesen Straßennamen ist sicher noch nicht abgeschlossen.

Ein ausführlicher Beitrag zu diesem Thema erschien in der NRZ vom 9. November 2011

Samstag, 5. November 2011

Eine Politikerin mit Weitsicht: Die Mülheimer Bundestagsabgeordnete Helga Wex starb vor 25 Jahren






Elterngeld bei Vätern immer beliebter." So titelte kürzlich die NRZ. Die Idee, Eltern finanziell zu unterstützen, damit sie Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren können, ist nicht neu.Bereits 1973 beantragte eine Mülheimerin im Deutschen Bundestag, ein Erziehungsgeld einzuführen und Erziehungszeiten auf die gesetzliche Rente anzurechnen. Helga Wex hieß sie. Sie war damals als stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende der Union eine der prominentesten Bundespolitikerinnen.










Als Bundesvorsitzende der damals 160?000 Mitglieder zählenden Frauenvereinigung in der CDU, die heute Frauenunion heißt, gehörte sie in den 70er und 80er Jahren zu den exponiertesten Frauen- und Familienpolitikerinnen.Viele Ideen und Forderungen, die sie damals in Positionspapieren und Programmen formulierte, klingen auch 25 Jahre nach ihrem Tod immer noch aktuell: Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, etwa durch Teilzeitarbeit und Job-Sharing, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, mehr Frauen in politische Führungsverantwortung, Partnerrente und Erziehungsgeld. Mit letzterem konnte sich Wex 1973 nicht durchsetzen, weil ihr Anliegen auf finanzpolitische Vorbehalte stieß. Auch das klingt uns heute vertraut."Einige ihrer Forderungen waren für einige in ihrer Partei damals fast revolutionär", erinnert sich ihr damaliger Mitarbeiter Jochen Hartmann. Bis heute bewundert er ihre Intensität und Leidenschaft, mit der sie für ihre Überzeugungen kämpfte. Woher diese unermüdliche Motivation kam erfuhr er in einem Gespräch, in dem sie von ihrem sozialdemokratischen Vater erzählte, der von den Nazis in Handschellen durch die Straßen von Buxtehude geführt wurde, wo Wex als Helga Schimke 1924 geboren wurde und heute ein Platz ihren Namen trägt.










"Damit so etwas in Deutschland nicht noch einmal vorkommen kann", wollte die promovierte Literaturwissenschaftlerin nach ihrem Studium in die Politik gehen.Nach einem Intermezzo als Mitarbeiterin einer Literaturzeitschrift und einem Auslandstudium in Brügge und Den Haag machte Wex als Ministerialreferentin in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Bonn ab 1953 ihre ersten politischen Erfahrungen. In der damaligen Bundeshauptstadt lernte sie auch ihren Mann, den Juristen Günther Wex kennen, mit dem sie nach Mülheim ging, wo später zwei Töchter zur Welt kamen. Hier stieg Helga Wex 1961 als CDU-Ratsfrau mit den Themenschwerpunkten Weiterbildung und Kultur in die Kommunalpolitik ein.Doch schon bald bahnte sich der Wechsel in die Bundespolitik an.










1965 kandidierte sie erstmals für den Bundestag. Erfolglos. Ausgerechnet der Tod des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer sorgte im April 1967 dafür, dass die Stadträtin über die Landesliste ihrer Partei in den Bundestag einzog. Dort machte sie sich nicht nur im Ausschuss für Bildung Wissenschaft einen Namen, der dafür sorgte, dass Wex auch in der Bundespolitik blieb, als sie 1969 den Wiedereinzug in den Bundestag verpasste. 1969 wurde sie deshalb zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden ihrer Partei gewählt, um mit dem Themenschwerpunkten Frauen und Familie weibliche Wähler für die gerade abgewählte Union zurückzugewinnen. Ein Jahr vor ihrem Wiedereinzug in den Deutschen Bundestag übernahm Wex 1971 den Vorsitz der CDU-Frauenvereinigung, mit der sie 1975 ein modernes frauen- und familienpolitisches Programm durchsetzte, das sich zum Prinzip Partnerschaft in Familie und Beruf und zur Gleichwertigkeit von Familien- und Erwerbsarbeit bekannte.










"Wir sind Mitstreiter für eine freie Gesellschaft, in der die Stellung der Frau auf gleicher Verantwortung, gleichen Pflichten und gleichen Rechten beruht," betonte sie damals in ihrer Parteitagsrede.Das mag heute, da wir von einer Kanzlerin und einer Ministerpräsidentin regiert werden, fast banal klingen, hört sich aber ganz anders an, wenn man weiß, dass Frauen erst 1977 das Recht erhielten, ohne Zustimmung ihres Ehemannes berufstätig zu werden. Mit Erfolg kämpfte Wex in den 70ern für die Einrichtung einer Bundestags-Kommission und eines Forschungsinstitutes, die ebenso, wie die 1985 von ihr initiierten CDU-Leitsätze "für eine neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau" Antworten auf ihre Lebensfrage gaben: Wie wird Gleichberechtigung Wirklichkeit?










Obwohl sie während der Bundestagswahlkämpfe 1972, 1976 und 1980 in den Schattenkabinetten der jeweiligen Unions-Kanzlerkandidaten als Familienministerin vorgesehen war, wurde sie nach dem Regierungswechsel 1982 unter dem CDU-Kanzler Helmut Kohl keine Familienministerin. Sie blieb Fraktionsvize und wurde Koordinatorin für die deutsch-französischen Beziehungen. Auch ihr Vorschlag eines Familienkabinetts, das alle Regierungsentscheidungen auf Familienfreundlichkeit überprüfen sollte, wurde nicht aufgegriffen. Warum? Der Spiegel mutmaßte in einem Nachruf auf die 1986 an einem Krebsleiden verstorbene Helga Wex, Kohl habe die "elegante und unbequeme Dame aus Mülheim nicht leiden" können. Der Spiegel selbst würdigte sie als "christliche Frauen-Streiterin" und als "Farbtupfer in dem vom grauen Männer-Zwirn beherrschten" Bundestag.










Dieser Beitrag erschien am 10. Seotember 2011 in der NRZ

Sonntag, 23. Oktober 2011

Keine Institution von gestern oder: Warum die Katholischen Öffentlichen Büchereien in Zeiten des demografischen Wandels nötiger denn je sind

Vera Steinkamp vom Medienforum des Bistums nennt beeindruckende Zahlen: 1200 Frauen und Männer haben sich 2010 als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit insgesamt 112.000 Arbeitsstunden in den Katholischen Öffentlichen Büchereien ihrer Gemeinden engagiert. Sie haben dabei 1843 Veranstaltungen auf die Beine gestellt und rund 38.000 Leserinnen und Leser beraten, 5,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. "Ihre Arbeit wird geschätzt. Sie sind sichtbar. Sie sind keine grauen Mäuse", bestätigt die Leiterin des Medienforums den rund 90 ehrenamtlichen Bibliothekaren, die den Weg zum Diözesantag der Katholischen öffentlichen Büchereien in die Wolfsburg gefunden haben.

Die Frauen und Männer des guten Buches haben sich an diesem Samstag im Auditorium der katholischen Akademie versammelt, um sich mit ihrer Zukunft zu beschäftigen. Wie wird diese Zukunft aussehen? "Weniger, vielfältiger, älter und weiblicher", sagt Referentin Ellen Ehring. Die Organisationsberaterin ist immer wieder gefragt, wenn Städte und Landkreise darüber nachdenken, wie sie sich auf den demografischen Wandel einstellen können. Dass unsere Gesellschaft immer älter und bunter wird, macht Ehring mit einem "bewegten Einstieg" deutlich. Alle Tagungsteilnehmer müssen sich in einer Runde aufstellen. "Wer ist unter 30? Bitte vortreten!" Keiner. Gerade mal zwei KÖB-Frauen sind unter 40. Die Gruppe der 40- bis 50-Jährigen ist überschaubar. Die Gruppe der 50- bis 60-Jährigen ist die größte, gefolgt von der Gruppe 60 Plus. Viele treten auch vor, als nach Freunden, Nachbarn und Verwandten mit Zuwanderungshintergrund gefragt wird.

Die Zahlen, die Ehring nennt machen nachdenklich. 2010 hatten wir in 16 deutschen Bundesländern nur 678.000 Neugeborene. 1964 waren es in elf westdeutschen Bundesländern noch 1,57 Millionen. 2050 werden ein Drittel aller Deutschen 65 und älter sein. Schon heute wächst ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland in einer Zuwandererfamilie auf. Und 73 Prozent aller Frauen über 65 sind heute aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung verwitwet. Was bedeutet diese Entwicklung für die Katholischen öffentlichen Büchereien der Zukunft? Ehring macht ihren Zuhörern Mut. "Das wird Ihre Stunde sein. Denn sie sind mit ihren Büchereien nah dran an den Menschen. Halten sie das aufrecht. Denn wir brauchen in Zukunft immer mehr kommunikative Bildungs- und Begegnungsorte, zu denen ältere Menschen hingehen können. Außerdem brauchen wir mehr Komm- und Bringstrukturen." Und auch das macht Ehring deutlich. Katholische öffentliche Büchereien müssen sich im Zeitalter des demografischen Wandel mehr denn je vernetzen, um mit Partnern neue Angebote machen zu können. Sei es eine Informationsveranstaltung für pflegende Angehörige, Qualifizierungsangebote für Zuwanderer oder eine intensivere Betreuung und Förderung der weniger, aber um so wichtiger werdenden Kinder einer immer älter werdenden Gesellschaft. Für Vera Steinkamp steht nach dem Vortrag fest: "Katholische öffentliche Büchereien sind kein kultureller Luxus, sondern ein gesellschaftliches Muss."

Dieser Beitrag erschien am 21. Oktober 2011 im Ruhrwort

Freitag, 21. Oktober 2011

Warum Bernd Fleskes das Prädikat eines behindertenfreundlichen Arbeitgebers verdient hat

Schwerbehindert. Das Wort klingt nach Leistungsunfähigkeit. Vielleicht liegt es daran, dass der Landschaftsverband Rheinland (LVR) zu dem Ergebnis kommt, dass 80 Prozent aller Unternehmen in seinem Bereich ihre gesetzliche Verpflichtung nicht erfüllen, nämlich mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung zu vergeben. Lieber zahlen sie eine entsprechende Ausgleichsabgabe und kaufen sich von ihrer Verpflichtung frei. Der Anteil der Mitarbeiter mit Behinderung liegt in der freien Wirtschaft landesweit gerade mal bei 4,3 Prozent, während im öffentlichen Dienst immerhin 6,6 Prozent aller Beschäftigten ein Handicap haben.

Doch es gibt auch in der freien Wirtschaft Ausnahmen von dieser unrühmlichen Regel. Eine von ihnen ist der Mülheimer Unternehmer Bernd Fleskes. Der 50-Jährige, der selbst einen behinderten Schwager hat, betreibt im Hafen eine Firma für Behältermanagement und Verpackungslogistik. Drei seiner zwölf Mitarbeiter, also 25 Prozent sind schwerbehindert. Einer von ihnen arbeitete zuvor in einer beschützenden Werkstatt und absolviert jetzt bei ihm mit Aussicht auf Erfolg eine Ausbildung zum Fachlageristen. Er schaffte damit den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt. Zwei weitere Mitarbeiter von Fleskes sind körperbehindert. „Sie sind alle sehr glücklich, dass sie mit ihrer Arbeit ihr Leben selbstständig gestalten können und sind deshalb auch besonders leistungsbereit und zuverlässig“, lobt Fleskes seine behinderten Mitarbeiter.

Sein Vorbild empfiehlt der LVR zur Nachahmung und verlieh Fleskes jetzt das Prädikat „behindertenfreundlicher Arbeitgeber.“ Er selbst weiß, was er an seinen Kollegen mit und ohne Handicap hat. „Wir verstehen unseren Betrieb als ein Unternehmen mit sozialem Anspruch“, betont Fleskes. Aber auch in der betriebswirtschaftlichen Praxis hat sich sein Vertrauen in seine gehandicapten, aber leistungsbereiten Mitarbeiter ausgezahlt. „Wir arbeiten sehr gerne mit unseren Mitarbeitern mit Behinderung zusammen. Denn wenn die Rahmenbedingungen auf die persönlichen Bedürfnisse der Mitarbeiter abgestimmt sind, haben alle Freude an der Arbeit und liefern gute Qualität“, versichert Fleskes und macht so seinen skeptischen Unternehmerkollegen Mut, seinem Beispiel zu folgen.

Auch die bei Arbeitgebern weit verbreitete Furcht vor unkalkulierbaren finanziellen und rechtlichen Risiken kann er aus seiner Erfahrung nicht bestätigen.Er selbst musste aus betriebsbedingten Gründen schon einmal zwei gehörlosen Mitarbeiterinnen kündigen und bekam das vom LVR nach einer entsprechenden Begründung auch genehmigt. „Ich bin dort gut aufgehoben“, erklärt Fleskes mit Blick auf die fachliche Beratung und finanzielle Unterstützung, die ihm vom LVR, sowie vom Sozial- und Integrationsamt zuteil geworden ist.

Weitere Arbeitgeberfragen zu den rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen der Einstellung eines schwerbehinderten Mitarbeiters beantwortet Frank Spiller von der Fürsorgestelle beim Sozialamt unter  der Rufnummer: 4 55 -50 62

Dieser Beitrag erschien am 14. Oktober 2011 in der NRZ

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Welche Bedeutung hat die Styrumer Gesamtschule in den letzten 25 Jahren für den Stadtteil gewonnen? Ein Gespräch mit ihrem Schulleiter Behrend Heeren

Heute kann man es sich gar nicht mehr vorstellen. Aber bis 1986 konnte man in Styrum kein Abitur machen. Dann kam die Gesamtschule, die seit 1993 den Namen des ehemaligen Bundeskanzlers und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt trägt. Welche Bedeutung hat diese Schule mit ihren heute 975 Schülern in den letzten 25 Jahren gewonnen. Behrend Heeren muss es wissen. Der 65-jährige Pädagoge leitet die Schule von Anfang an.

Wie hat sich die Schule in den letzten 25 Jahren verändert?
Die Schule hat an Kontinuität und Stabilität gewonnen. Anfangs hatten wir nur 85 Schüler und begannen als eine Abteilung der Gustav-Heinemann-Schule. Damals mussten wir um unser Standing kämpfen. Doch schon im zweiten Schuljahr hatten wir bei den Anmeldungen Überhänge und das hat sich eigentlich bis heute so gehalten. Heute kommen 60 Prozent unserer Schüler aus Styrum.

Wie hat sich der Stadtteil aus Ihrer Sicht seit 1986 gewandelt?
Der Bau dieser Schule war Teil einer Wohnumfeldverbesserung in Styrum, die auch Früchte getragen hat. Doch seit zehn bis 15 Jahren merkt man, dass die soziale Spaltung des Stadtteils voranschreitet und die soziale Schere weiter aufgeht.Frage: Woran merkt man das?Antwort: Man muss nur mit offenen Augen durch die Straßen gehen und sehen, wie sich Menschen kleiden und bewegen, um zu erkennen, dass die Zahl der sozial schwachen Familien zugenommen hat. Ein Indikator an unserer Schule ist die Tatsache, das über 100 von insgesamt 975 Schülern Leistungen des Bildungsteilhabepaketes und kostenlose Schülerbücher des Schulträgers in Anspruch nehmen.

Welche Rolle spielt die starke türkischstämmige Gemeinschaft in Styrum?
Wir haben inzwischen eine gefestigte türkische Infrastruktur im Stadtteil. Das ist nicht nur von Vorteil, weil damit der Zwang abgenommen hat, Deutsch zu lernen. Neben türkischen Geschäften und Vereinen spielt dabei auch das türkische Satellitenfernsehen eine große Rolle, das es vor 25 Jahren noch nicht gegeben hat.Frage: Wie hoch ist der Anteil der türkischstämmigen Schüler an Ihrer Schule?Antwort: Diesen Anteil schätzte ich in der Sekundarstufe 1 auf 25 bis 27 Prozent. Dabei gibt es auch bei den türkischstämmigen Elternhäusern eine Spaltung zwischen bildungsbewussten und bildungsfernen Elternhäusern. In den bildungsnahen Elternhäusern sprechen die Eltern auch ganz bewusst Deutsch. Früher kamen fast alle türkischstämmigen Styrumer Kinder mit Gymnasialempfehlung zu uns. Heute haben einige bildungsnahe türkische Familien auch das Gymnasium für sich entdeckt. Sie stellen dort aber oft fest, dass ihre Kinder nicht so erfolgreich sind, weil wir hier eine breite Stützungs- und Förderinfrastruktur haben, die Kinder fördert und fordert.

Warum hat eine Gesamtschule, wie die Ihre, in Styrum besonders viel Sinn?
Gerade in einem Stadtteil, in dem sich die soziale Schere immer weiter öffnet, ist es wichtig eine Schule zu haben, die als Klammer wirkt, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Dazu trägt das gemeinsame Lernen in unserer Schule bei, in dem die soziale Teilung so lange wie möglich vermieden wird.

Mit der Gründung der Willy-Brandt-Schule konnten Styrumer Schüler erstmals vor Ort Abitur machen. Wie hat sich das auf den Stadtteil ausgewirkt?
Das ist schwer zu sagen, weil wir bisher noch keine Langzeitbiografien erhoben haben. Einige Schüler machen eine Ausbildung. Andere verlassen den Stadtteil, um zu studieren, behalten aber ihre Styrumer Wurzeln. Ein erfolgreiches Bildungsbeispiel ist für mich ein ehemaliger Schüler, der bei uns das Abitur gemacht hat und den ich heute als stellvertretenden Filialleiter regelmäßig in der Styrumer Sparkasse am Sültenfuß treffe.

Welche Bedeutung hat für Sie die in Ihrer Schule ansässige Stadtteilbücherei?
Wir nutzen die Stadtteilbücherei als Schule sehr intensiv, aber auch die Stadtteilbücherei nutzt Räume unserer Schule, etwa für Spiel- und Bastelangebote mit Kindern. Die Leiterin der Stadtteilbücherei, Petra Sachse, stellt regelmäßig Themenapparate für Schüler zusammen. so dass sie in der Bibliothek arbeiten und Aufgaben lösen können. Außerdem haben Schüler zusammen mit der Stadtteilbücherei auch schon eine Ausstellung zum Thema „Widerstand in Mülheim“ erstellt.

Welche Rolle spielt der Stadtteil im Schulalltag?
Er spielt auf vielen Ebenen eine Rolle. Unsere Schüler machen zum Beispiel ihre Betriebspraktika in Styrumer Firmen und Kindertagesstätten. Sie gehen als Lesepaten in die Grundschulen des Stadtteils. Kunstkurse stellen ihre Arbeiten in der Feldmannstiftung oder beim Optiker Früchtenicht aus. Erdkunde- und Kunstkurse haben zum Beispiel Ideen für die Neugestaltung des Sültenfußes oder für die Gestaltung des Naturbades geliefert. Sozialwissenschaftskurse nehmen zum Beispiel die Geschäfte des Stadtteils und ihre Werbung unter die Lupe. Und zurzeit bereitet ein Sozialwissenschaftskurs eine Befragung von Styrumer Senioren vor.

Dieser Beitrag erschien am 20. Oktober 2011 in NRZ und WAZ

Montag, 17. Oktober 2011

Die Stadtbücherei im Wandel der Zeit

Bücher müssen nicht teuer sein. Dafür sorgt die Stadtbücherei. Fast eine Million mal haben Mülheimer im letzten Jahr dort nicht nur Bücher, sondern auch Zeitschriften, Hörbücher, Musik-CDs, Spiele oder DVD-Filme ausgeliehen. Dass sich der Umzug vom Rathausmarkt ins neue Medienhaus 2009 für die Stadtbücherei ausgezahlt hat, sieht Büchereileiterin Claudia vom Felde daran, dass die Zahl der Ausleihen in der alten, 1969 eröffneten Stadtbücherei am Rathausmarkt nur bei 690 000 lag.

„Viele Geschäftsleute verbringen hier ihre Mittagspause. Und es kommen auch mehr Schüler und Studenten als früher“, berichtet vom Felde aus dem Alltag des Medienhauses am Synagogenplatz. Als dieser Platz noch Viktoriaplatz hieß, wurde dort bereits 1905 eine Volkslesehalle eingerichtet. So schließt sich der Kreis.Verführung zum LesenDie Bibliothekschefin bestätigt, dass literarische Appetitmacher, wie die Frankfurter Buchmesse oder die derzeit laufenden Mülheimer Herbstblätter vor allem die Nachfrage nach neuen Romanen steigern. Aber auch Hör- und Sachbücher, so vom Felde, stünden bei den Bibliotheksnutzern hoch im Kurs. Dagegen sind Musik- und Videokassetten inzwischen nicht mehr gefragt und deshalb aus den Regalen verschwunden.Heute haben sie in der Stadtbücherei, zu der neben der Zentralbibliothek im Medienhaus, auch die Schul- und Stadtteilbüchereien an der Oberhausener Straße in Styrum, an der Frühlingstraße in Speldorf, an der Kleiststraße in Heißen und an der Boverstraße in Dümpten gehören die Auswahl aus insgesamt 240 000 verschiedenen Medien. Ein Ankaufetat von jährlich 200 000 Euro sorgt dafür, dass die Stadtbücherei auf dem aktuellen Stand bleibt.

Welcher Unterschied zu den 70 000 Büchern, mit denen die Stadtbücherei vor 60 Jahren an den Start ging. Es war ein Neustart nach dem Krieg. Denn beim großen Luftangriff vom Juni 1943 war ein Großteil des Bibliotheksbestandes in Flammen aufgegangen. Die Reste wurden an der Ruhr- und an der Kettwiger Straße eingelagert. Mit dem Wiederaufbau der Stadtbücherei, deren Ursprünge bis ins Jahr 1883 zurückreichen, konnte man erst 1947 beginnen.Schon ab 1926 hatte der Weg zum guten Buch zur Schloßbrücke geführt. Dort, wo heute neue Wohnungen mit exklusivem Ruhrblick entstanden sind, gingen die Mülheimer damals entweder zum Schwimmen ins Stadtbad oder zum Schmökern in die Stadtbücherei.

Im Haus an der Leineweberstraße, damals lautete die Adresse noch Schloßstraße 70, waren nicht nur Ausleihe und Lesesaal sowie Jugend- und eine Musikbücherei, sondern auch eine heimatkundliche Abteilung, eine Buchbinderei und ein Ausstellungsraum untergebracht. Da war es nur folgerichtig, dass man nach dem Bibliotheksumzug in den Neubau am Rathausmarkt 1970 an der Schloßbrücke das städtische Kunstmuseum einquartierte, das 1994 in die Alte Post umziehen sollte.Und die Geschichte der Stadtbücherei, die heute täglich von mehr als 1000 Bürgern besucht wird, geht mit dem Start der E-Book-Ausleihe im Januar 2012 weiter.

Dieser Beitrag erschien am 15. Oktober 2011 in der NRZ

Samstag, 15. Oktober 2011

Wie sich ein Stadtteil eine neue Schule erkämpfte: Die Entstehungsgeschichte der Styrumer Gesamtschule

Als Pädagoge weiß der inzwischen pensionierte Winfried Schmidt: Die Schule ist wie das Leben, eine Baustelle. Die aktuellen Umbaumaßnahmen an der Styrumer Gesamtschule erinnern ihn an die Bauarbeiten, die dort bewerkstelligt werden mussten, als er dort vor gut 30 Jahren Schulleiter war.Was vor 25 Jahren zur Gesamtschule wurde, war zu seiner Zeit noch eine Hauptschule und in baulich bedenklichem Zustand.

1977 kam Schmidt von der damals noch existierenden Hauptschule an der Bülowstraße in Broich an die Oberhausener Straße. „Das war das reinste Paradies gegenüber den Verhältnissen, wie ich sie damals in Styrum antraf“, erinnert sich Schmidt an eine Schule, die damals extremen Renovierungsbedarf hatte.Der Zustand der Klassenräume förderte die damals ohnehin schon vorhandene Frustration und Gewaltbereitschaft der Jugendlichen und stand im krassen Kontrast zur neuen Lehrküche und zum Technikraum, mit dem man schon damals auf praxis- und berufsorientiertes Lernen setzte.

Als sich der Schulausschuss eines Tages zu einem Besuch mit Pressebegleitung ansagte, setzte Schmidt einige Schüler bewusst auf den Flur, um die Raumnot zu unterstreichen. Die Lokalpresse titelte „Kinder müssen auf dem Schulflur lernen.“Spätestens, als er davon erfuhr, dass die ohnehin baubedürftige Hauptschule an der Oberhausener Straße noch drei Pavillons auf ihren Schulhof gestellt bekommen sollte, um dort zwölf Klassen der Realschule Styrum unterzubringen und das ganze als „Schulzentrum Styrum“ zu deklarieren. mobilisierten sich Eltern, Lehrer und Schüler.

Unter dem Motto „Wir sind nicht Mülheims Cinderella. Macht mit dem Neubau etwas schneller. Für die City hat man Geld. Um Styrum ist es schlecht bestellt“ sammelte man 1980 über 5000 Unterschriften für einen Schulneubau an der Oberhausener Straße. „Der ganze Stadtteil hat sich uns angeschlossen und man merkte, wie die Aktion den Styrumern ein neues Selbstbewusstsein gab“, erinnert sich Schmidt.Doch ab 1981 wurde aus der Bewegung für die Modernisierung der alten Hauptschule eine Bewegung für eine Gesamtschule in Styrum. Schmidt erinnert sich an eine große Informationsveranstaltung in der Styrumer Union. Den Anstoß zur Trendwende vom Hauptschulumbau zur neuen Gesamtschule für Styrum kam durch den 1981 gefassten Ratsbeschluss zustande, in Saarn eine zweite Gesamtschule zu errichten.

Die erste Gesamtschule der Stadt, die Gustav-Heinemann-Schule war bereits 1970 in Dümpten gegründet worden. „Wenn Ihr der Meinung seid, dass die Gesamtschule die bestmögliche Schulform ist, dann gehört sie auch nach Styrum“, beschreibt Schmidt die Argumentationslinie gegenüber der damals mit absoluter Mehrheit regierenden SPD. Doch es sollte noch bis 1986 dauern, ehe das Ziel einer Styrumer Gesamtschule, die erstmals die Möglichkeit eröffnete, im Stadtteil das Abitur zu machen, Wirklichkeit werden sollte.

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrung ist Schmidt, der später die Hauptschule an der Frühlingstraße in Speldorf leitete zu der Einsicht gekommen, dass das vielfach gegliederte Schulsystem schon lange nicht mehr funktioniert und das eine Stadtteilschule, die Schüler aller bisherigen Schulformen in einer neun Schulform zusammenführt zukunftsweisend ist, ob in Styrum oder auch in Eppinghofen.

Dieser Beitrag erschien am 6. Oktober 2011 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Als die Demokratie in Mülheim laufen lernte: Vor 65 Jahren wählten die Mülheimer den ersten Stadtrat der Nachkriegszeit

Ein steigendes Haushaltsdefizit und rückläufige Gewerbesteuer. Da wird Kommunalpolitik zur Quadratur des Kreises. Da ist die Ratsarbeit alles andere als vergnügungssteuerpflichtig. Das war sie vor 65 Jahren allerdings noch viel weniger als heute. Damals wählten die Mülheimer ihren ersten Nachkriegsrat.

„Herr im eigenen Haus“ sollten die Mülheimer werden. So forderte es die britische Militärregierung in einem Aufruf vom Mai 1946. Das Müllheimer Haus glich ein Jahr nach Kriegsende noch einer Ruine. 800 000 Kubikmeter Trümmerschutt lagen auf den Straßen. Fast 30 Prozent aller Wohngebäude waren zerstört. Zwei Drittel galten als kriegsbeschädigt. In dieser Situation fordert die britische Militärregierung die Bürger auf: „Schließe dich einer Partei an. Informiere dich politisch. Arbeite mit. Hilf mit. Es gibt nur diesen einen Weg zur Freiheit.”Die Stadt wiederaufzubauen und den Hunger zu überwinden waren über alle Parteigrenzen hinweg das politische Gebot der Stunde und das beherrschende Thema in mehr als 100 Wahlversammlungen.

Eine von ihnen fand mit dem späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer im Speldorfer Tengelmann-Saal statt. Der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Adenauer war damals CDU-Vorsitzender der britischen Zone.Brot und StimmeDie SPD-Ratskandidatin und Awo-Chefin Änne Fries forderte angesichts der dramatischen Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung in der NRZ: „Wir müssen verlangen, dass endlich mehr Bezugsmarken herausgegeben werden, denn Ware ist an verschiedenen Stellen noch gelagert.“ Die britische Militärregierung fürchtete angesichts der großen Not, dass die Kommunisten mehr Zulauf bekommen könnten.

Nicht zuletzt deshalb hob sie in der Woche vor der Wahl die Brotration an. Ihre Furcht war unbegründet.Fast 79 Prozent der wahlberechtigten Mülheimer machten am 13. Oktober 1946 von ihrem Wahlrecht Gebrauch, gut 27 Prozent mehr als bei der letzten Kommunalwahl 2009 Die Wahlnacht vom 13. auf den 14. Oktober 1946 wurde lang. Die Auszählung der 71 500 Stimmen Stimmen dauerte bis 4.30 Uhr. Dann stand fest:

Die CDU zieht mit 39 Prozent der Stimmen und 22 Stadtverordneten als stärkste Fraktion in den neuen Rat ein und stellt mit Wilhelm Diederichs den Oberbürgermeister. Die von Heinrich Thöne angeführten Sozialdemokraten erringen 37 Prozent der Stimmen und 14 Mandate, werden zweitstärkste Fraktion. Die Freien Demokraten erringen mit 13 Prozent der Stimmen zwei und die Kommunisten mit zehn Prozent der Stimmen nur ein Stadtratsmandat.

Drei Wochen nach der Kommunalwahl trat der erste Nachkriegsstadtrat zu seiner ersten Sitzung zusammen. Weil der Ratssaal noch kriegszerstört war, tagten die Stadtverordneten in der Aula des heutigen Otto-Pankok-Gymnasiums an der Von-Bock-Straße, streng beobachtet von den Vertretern der britischen Militärregierung.

Dieser Beitrag erschien am 13. Oktober 2011 in der NRZ

Sonntag, 9. Oktober 2011

Eine gute Idee braucht Unterstützung: Die katholische Ladenkirche am Kohlenkamp hat jetzt einen Förderverein







"Eingeladen Kirche zu erleben" steht über dem Eingang der katholischen Ladenkirche am Kohlenkamp 30. Das ist dort seit sechs Jahren Programm. Und das soll es auch in Zukunft bleiben. Deshalb stellt sich dort am 24. September 2011 ein neuer Förderverein vorgestellt, der die Ladenkirche finanziell unterstützen möchte, um dieses Angebot langfristig zu erhalten.










Konkret geht es, wie der Vorsitzende des Fördervereins, der Pfarrer von St. Barbara, Manfred von Schwartzenberg, sagt, um die Finanzierung der Kaltmiete für das Ladenlokal in bester City-Lage. Dafür sind monatlich 1200 Euro aufzubringen.Beim Thema Miete hat es die vor sieben Jahren eröffnete Evangelische Ladenkirche an der Kaiserstraße 4 besser. Ihr Ladenlokal befindet sich im Altenhof und damit in einem Haus des Kirchenkreises An der Ruhr. Auch wenn die evangelische Ladenkirche im Gegensatz zu ihrer katholischen Schwester mit Nina Gutmann eine hauptamtliche Leiterin hat, werden beide Ladenkirchen maßgeblich von ehrenamtlichen Helfern betreut. In der katholischen Ladenkirche tun 50 und in der evangelischen 25 Ehrenamtliche Dienst. Trotz dieses unentgeltlichen Einsatzes bleiben nicht unerhebliche Kosten für den Betrieb der Ladenkirchen. Können sich das Kirchen in Zeiten sinkender Mitgliederzahlen und stagnierender Kirchensteuereinnahmen überhaupt leisten und wenn ja, warum?










Johannes Valkyser, der das ehrenamtliche Mitarbeiterteam der katholischen Einrichtung leitet, sieht sie als "Türöffner" und als "eine Oase der Stille" für Menschen, die vielleicht nicht ohne weiteres eine Kirche betreten oder das Gespräch mit einem Pfarrer suchen würden, aber dennoch viele Fragen an das Leben, den Glauben und die Kirche haben. "Gerade weil wir keine Hauptamtlichen sind, können wir mit unseren Besuchern auf Augenhöhe sprechen und uns manchmal dabei in unserem christlichen Glauben gegenseitig bestärken", sagt Valkyser. Rund 6000 Besucher pro Jahr und täglich eine Handvoll Besucher der 12-Uhr-Andacht sieht er als Beleg dafür, "dass die Ladenkirche verhältnismäßig gut angenommen wird."










Das gelte auch für die Sozialsprechstunde der Caritas am Freitagvormittag.Valkysers ehrenamtliche Kollegin Monika Nelges, die sich seit drei Jahren im Mitarbeiterteam der evangelischen Einrichtung engagiert, sieht die Ladenkirche als "einen religiös geprägten Kommunikationsort und als ein niederschwelliges Angebot." Immer wieder stellt sie fest, "dass die Menschen, die zu uns kommen, es genießen, hier immer jemanden anzutreffen, der ein offenes Ohr und Zeit für sie hat." Dabei sprechen sie und ihre Kollegen mit den Besuchern der Ladenkirche im wahrsten Sinne über Gott und die Welt, ohne das es immer gleich um Religion gehen müsste.










Superintendent Helmut Hitzbleck, der die Evangelische Ladenkirche wie mancher seiner Pfarrerkollegen auch gerne als Ort für seine Sprechstunde nutzt, begreift die Ladenkirche als ein "Stück Öffentlichkeitsarbeit" und weist darauf hin, dass jährlich 60 bis 90 Menschen die Ladenkirche als Anlaufpunkt nutzen, um "in einer freien Atmosphäre das Gespräch zu suchen" und wieder in die Evangelische Kirche einzutreten. Auch Hitzblecks katholischer Amtsbruder, Stadtdechant Michael Janßen, der bedauert, dass es seiner Zeit nicht zu einer ökumenischen Ladenkirche gekommen ist, weiß, "dass der allergrößte Teil der Menschen, die in die katholische Kirche eintreten über ein Gespräch in der Ladenkirche zu uns Pfarrern kommen."










Janßens Amtsvorgänger und Ehrenstadtdechant von Schwartzenberg hält die Ladenkirche für unverzichtbar, "weil wir als Kirche auch dort hingehen müssen, wo die Menschen sind, die nicht auf die Idee kämen, die Schwelle einer Kirche zu übertreten."










Mit jeweils rund 52 000 Gemeindemitgliedern, stellen Katholiken und Protestanten in Mülheim je ein knappes Drittel der Stadtbevölkerung. Beide Stadtkirchen haben sich in den vergangenen Jahren mit zum Teil schmerzvollen Gemeindefusionen auf weiter sinkende Kirchensteuereinnahmen eingestellt. Der Evangelische Kirchenkreis, der für 2010 5,25 Millionen Euro Kirchensteuer einnahm, geht davon aus, bis 2015 2,5 Millionen Euro seiner Mittel einsparen zu müssen. Die hauptamtliche Mitarbeiterstelle in der Evangelischen Ladenkirche wurde halbiert. Auf katholischer Seite reduzierten sich die Kirchensteuerzuweisungen des Bistums mit der Gründung der drei neuen Groß-Pfarreien 2006 von 1,7 Millionen auf eine Million Euro. Personal musste abgebaut und der katholische Gemeindeverband aufgelöst werden.Die katholische Ladenkirche am Kohlenkamp 30 ist unter der Rufnummer:  2999 678 erreichbar und werktags (10-18 Uhr) sowie samstags (10-14 Uhr geöffnet. Die evangelische Ladenkirche an der Kaiserstraße 4 (Rufnummer:  305  67  31) ist wochentags zur gleichen Zeit und samstags von 11 bis 14 Uhr geöffnet.











Dieser Beitrag erschien am 24. September 2011 in der NRZ 

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Werner Gilles: Ein Maler aus Mülheim wird 50 Jahre nach seinem Tod vom Kunstmuseum Alte Post mit einer Ausstellung geehrt:



Träumender und Sehender. Unter diesem Titel präsentiert das Kunstmuseum in de Alten Post von Sonntag, 9. Oktober, bis zum 8. Januar eine Werkschau des Malers und Grafikers Werner Gilles (1894-1961), der zu den Meistern der klassischen Moderne gehört. Im Vorfeld der Ausstellung sprach ich für die NRZ mit dem 1925 in Mülheim geborenen Gilles-Neffen Klaus Kleinheisterkamp über den Maler und dessen Verhälsnis zu Mülheim.






Welche Beziehung hatte Ihr Onkel zu Mülheim?



Er ist als Fünfjähriger zusammen mit seinen Eltern nach Heißen gekommen, wo sein Vater als Volksschullehrer unterrichtete.Frage: Wie stark war seine Bindung an die Stadt?Antwort: Er hat bis zum Ersten Weltkrieg in Mülheim gelebt, ehe er dann 1914 Soldat wurde. Später hat er zwar nicht mehr hier gelebt, war aber immer wieder in Mülheim zu Besuch und hat sich auch selbst immer als Mülheimer gesehen. Auch die Entwicklung seiner alten Schule, des Staatlichen Gymnasiums, das heute den Namen Otto Pankoks trägt, interessierte ihn sehr. Deshalb hat er in Mülheim nicht nur uns, sondern immer wieder auch seinen alten Kunstlehrer Borgmann besucht.






In welcher Beziehung standen Werner Gilles und Otto Pankok?



Dazu kann ich aus eigener Kenntnis nur wenig sagen. Ich weiß, dass sie Klassenkameraden am Staatlichen Gymnasium waren und während der 20er Jahre mehrfach gemeinsam in Frankreich waren. Später hat es dann aber eine Verstimmung zwischen ihnen gegeben, über deren Ursache ich aber nichts herausfinden konnte. Ich weiß aber, dass mein Onkel Otto Pankok als Maler sehr geschätzt hat, auch deshalb, weil Pankok, wie er selbst, unter den Nazis als „entarteter Künstler“ galt.






Wie sah Gilles die Nationalsozialisten?



Er war Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg. Das entsprach dem damaligen deutschnationalen Zeitgeist. Auch als Student am Bauhaus war er noch deutschnational eingestellt, hat sich dann aber Ende der 1920er Jahre vom Gedanken des starken Deutschtums entfernt. Den Nationalsozialismus hat er von vorneherein abgelehnt, weil er immer wieder sagte: „Das kann nur Krieg geben.“ Während der NS-Zeit wurden einige seiner Bilder vernichtet. Er durfte nicht ausstellen und bekam kein Arbeitsmaterial. Doch er hatte Freunde, die ihm immer wieder ein Bild abgekauft und ihn somit unterstützt haben.






In welcher Beziehung stand Gilles zur Industriellenfamilie Stinnes?



Edmund Stinnes, der älteste Sohn von Hugo Stinnes senior und Bruder von Hugo Stinnes junior, war ein Klassenkamerad und Freund. Er hat ihm bereits nach dem Abitur 1913 ein Stipendium verschafft, das dann zwar durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde, mit dessen Hilfe er dann allerdings in den 20er Jahren am Bauhaus in Weimar und Dessau studieren konnte.






War Ihr Onkel als Künstler auch in seiner alten Heimat angesehen?



Werner Gilles hat seine große Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Ab 1948 hat er viele Bilder verkaufen können. Da war er dann auch finanziell gut gestellt, blieb aber weiter bescheiden. Wenn er während des Winters nach Mülheim kam, hat er sehr stark mit dem damaligen Museumsdirektor Werner Kruse und dem Kunstpädagogen Johannes Rickert zusammengearbeitet. Diese beiden haben sich immer wieder dafür eingesetzt, dass das städtische Museum für seinen Bestand auch Werke Mülheimer Künstler erwarb.






Was macht Ihren Onkel in Ihren Augen zu einem großen Maler?



In den 20er Jahren wurde er sehr stark von den neuen Klassikern wie Erich Heckel, Franz Marc und anderen beeinflusst. Später hat er sich dann selbstständig gemacht und nach dem Krieg auch sehr stark mystisch, religiös und durch die Insel Ischia inspiriert gemalt. Er hat immer versucht, den Gegenstand, den er malte, noch etwas mit zu erfassen und dann doch zu abstrahieren. Das ist, was ihn einmalig macht. Es gibt eigentlich keine Schule, die vergleichbar ist.






Dieser Beitrag erschien am 4. Oktober 2011 in der NRZ

Montag, 3. Oktober 2011

Sprechen wir über Deutschland und seine (Un)-Tugenden: Eine Mülheimer Umfrage zum Tag der Deutschen Einheit

Heute feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. An so einem Feiertag, an dem wir uns über die Wiedervereinigung unseres Landes freuen können, stellt sich die Frage: Was ist eigentlich deutsch? Für die NRZ suchte ich nach Antworten und wurde fündig.

Der Vorsitzende des Türkischen Vereins, Fevzi Eraslan (73), der seit 1957 in Deutschland lebt, findet es typisch deutsch, "dass hier alles in vergleichbar ruhigen und geordneten Bahnen verläuft." Das fange schon beim Straßenverkehr an. Für den Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde Rhein-Ruhr. Mustafa Okur (70) ist typisch deutsch, dass er als türkischer Zuwanderer eine berufliche und private Existenz aufbauen konnte und nach 50 Jahren in Deutschland sagen kann: "Hier ist meine Heimat."
Und das liegt für ihn "an den Menschen, mit denen ich hier lebe."Der am Otto-Pankok-Gymnasium unterrichtende Deutsch- und Geschichtslehrer Joachim Junik (59) sieht sein Deutschsein als "ein besonderes Gefühl für die deutsche Sprache und die Zugehörigkeit zur deutschen Sprache." Auch einen "in weiten Teilen kritischer und differenzierter Umgang mit der eigenen Geschichte", und ein vorsichtiger Patriotismus sind für ihn typisch deutsch. Deutsch?! Da denkt auch der Religionspädagoge und Israel-Experte des Städtepartnerschaftsvereins Gerhard Bennertz (73) neben der "Vielfalt des deutschen Waldes" an die "Wortvielfalt und komplexe Grammatik der deutschen Sprache." Die mache vielen Zuwanderern das Leben schwer, schaffe aber auch die Grundlage dafür: "sich in der deutschen Sprache besonders präzise ausdrücken zu können."
Denkt der Heißener Pfarrer Michael Manz (48) an Deutschland, fallen ihm das Nörgeln und die Unzufriedenheit als deutsche Untugenden ein. "Wir suchen erst mal das Haar in der Suppe, bevor wir sie überhaupt kochen", glaubt Manz. Den deutschen Perfektionismus sieht er als "unser preußisches Erbe", dass uns das Leben schwer macht. "Wir wollen alles perfekt haben und wenn es nicht so ist, fangen wir an zu meckern", schreibt er uns Deutschen ins nationale Stammbuch.Auch der Leiter des Altenheines Ruhrgarten, Oskar Dierbach, hat manchmal den Eindruck, "dass wir Deutschen jammern, bis der Arzt kommt und uns durch eine totale Ökonomisierung bekloppt machen lassen, statt uns auf unser kreatives Potenzial und unsere guten Ansätze in Bildung, Kultur und Nächstenliebe zu besinnen."
Für Markthändler Heinz Rademacher (76), der mit seiner Familie die Fische von der deutschen Waterkant auf den Mülheimer Wochenmarkt an der Schloßstraße bringt, sind: "Fleiß, Pünktlichkeit und das Streben nach Regelmäßigkeit und Ordnung" deutsche Tugenden.Für den 41-jährigen Jens Roepstorff , der als Stadtarchivar unsere Geschichte bewahrt, dokumentiert und vermittelt, sind "Pessimismus und Zukunftsangst" typisch deutsche Charakterzüge. "Wir gucken immer pessimistisch in die Zukunft, obwohl es uns besser geht als vielen anderen Ländern und auch unsere Geschichte zeigt, dass es wieder aufwärts gehen kann, auch wenn man am Boden liegt."
Für den am Löhberg ansässigen Buchhändler Michael Fehst (47) sind "Regulierungswut und das starre Festhalten an überkommenen Dingen, die wir eigentlich nicht mehr brauchen" typisch deutsch, egal, ob im Straßenverkehr, in der Schullandschaft oder beim Steuerrecht. "Zuverlässigkeit, Beständigkeit und Treue" sieht die aus dem heute polnischen Teil Pommerns stammende Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Margrit Schlegel , als typisch deutsche Tugenden. "Wir Deutschen versprechen nicht so leichtfertig etwas. Wenn wir das Gefühl haben, ein Versprechen nicht einhalten zu können, lehnen wir einen an uns herangetragenen Wunsch im Zweifel lieber gleich ab", beschreibt Schlegel, die in ihrer alten Heimat regelmäßig deutsch-polnische Seminare durchführt, ihre Landsleute."
Genauigkeit, Gründlichkeit und latente Unfreundlichkeit", sieht die 54-jährige Leiterin der Schule am Hexbachtal, Ulrike Nixdorff , als typisch deutsche Charakterzüge. Genauigkeit und Gründlichkeit entspringen ihrer Ansicht nach dem Wunsch, es nach den Erfahrungen von NS-Diktatur und Krieg "wieder gut und besser zu machen und das wieder aufzubauen, was in der Zeit des Nationalsozialismus zerstört worden ist." Dazu gehört für sie auch ein bewusster und kritischer Umgang mit der eigenen Geschichte. Die latente Unfreundlichkeit ihrer Landsleute führt Nixdorff schlicht auf das schlechte Wetter zurück. Ein Mann aus Jamaika sagte ihr jüngst: "Wie kann man fröhlich sein, wenn der Himmel und die Häuser grau sind."
Fröhlich sein? Schauspieler und Regisseur Dean Luthmann (65) attestiert seinen Landsleuten nicht nur einen Hang zur bürokratischen Pedanterie, sondern auch eine "gewisse Humorlosigkeit", die manchmal darin gipfelt, "sich lieber auf Kosten anderer zu amüsieren, statt über sich selbst zu lachen."Die blau-weiße Karnevalistin Dagmar Bohnenkamp (59) traut den Deutschen dagegen auch Frohsinn zu. Sie sieht aber einen auf der Basis individueller Freiwilligkeit funktionierenden Familiensinn, der nicht durch kulturelle Normen erzwungen wird, ebenso als deutsche Tugend wie das starke Bewusstsein für Sauberkeit und Anspruch: "Wenn ich etwas mache, muss ich es gut machen. Sonst kann ich es gleich bleiben lassen."
Alt-Bürgermeister Günter Weber (75), der sowohl den Tag des Mauerbaus wie den des Mauerfalls in Berlin erlebte, sieht die "Gründlichkeit" im Guten wie im Schlechten als typisch deutsche Eigenschaft. Das macht er an dem enormen Unheil fest, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg angerichtet haben, aber auch in dem erfolgreichen Streben, "sich nach dem totalen Krieg einzubringen, um eine bessere Welt wieder aufzubauen."Künstler Peter Torsten Schultz (67) beschreibt das typisch Deutsche im Telegrammstil: "Märchen, Brot, Eigenheime, Wandern, Recht haben, aufräumen, arbeiten, krank werden, Tatort gucken, nach Amerika gucken und europäisch denken."
Für seine Künstlerkollegin Ursula Vehar (71) geht das Deutschsein durch den Magen: "Unseren Pflaumenkuchen mit Zimt, Zucker und Schlagsahne gibt es so in keinem anderen Land der Welt", weiß sie von ihren ausländischen Freunden und Gästen, die sich von ihr immer wieder einen typisch deutschen Pflaumenkuchen wünschen.

Dieser Beitrag erschien am 3. Oktober 2011 in der NRZ

Sonntag, 2. Oktober 2011

Warum sich Kirchen und Gewerkschaften dafür stark machen, dass der Sonntag Sonntag bleibt



War heute was? Ach ja. Sonntag! Bereits am Samstag ging die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) auf die Straße, um vor der Ladenkirche am Kohlenkamp mit Passanten über den Wert des Sonntags ins Gespräch zu kommen. Warum und mit welcher Resonanz? Für die NRZ fragte ich den Vorsitzenden des KAB-Stadtverbandes, Hermann Meßmann.






Warum gehen Sie für den Sonntag auf die Straße?



Wir machen gemeinsam mit den Gewerkschaften Aktionen, weil wir die Sonntagsruhe bewahren wollen. Für uns als KAB geht es natürlich auch darum, dass die Kirche in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird und zu gesellschaftlich relevanten Themen Stellung bezieht.



War Ihren Gesprächspartnern der Sonntag wichtig?



Die Menschen erkennen, dass die Sonntagsruhe immer mehr ausgehöhlt wird, auch wenn viele aus wirtschaftlichen Gründen schon mal eine Sonntagsschicht mitgenommen haben. Ich habe in den Gesprächen eine positive Resonanz gespürt und bin unter diesem Eindruck mehr denn je sehr dafür, dass die ausufernden Ladenöffnungszeiten wieder zurückgeschraubt werden sollten. Ich muss nicht spät abends oder nachts noch ein Pfund Zucker kaufen können. Das kann ich den ganzen Tag über erledigen. Ich denke dabei an die vielen Mitarbeiter im Einzelhandel, die aus ihren Familien gerissen werden, weil sie noch am späten Abend oder eben sonntags Dienst tun müssen.



Brauchen wir nicht auch Sonntagsarbeit und tut es ein anderer freier Tag in der Woche nicht auch?



Dinge, die sein müssen, wie Dienst am Kranken oder gesellschaftliche Hilfsdienste, müssen natürlich auch am Sonntag geleistet werden. Aber die Sonntagsarbeit, die nicht unbedingt sein muss, sollte reduziert werden. Denn am Sonntag besteht die Möglichkeit, dass die Familie wieder zusammenfindet und gemeinsam Dinge erleben kann. Dazu gehört für mich natürlich auch der religiöse Bereich. Die Familie hat aus unserer Sicht oberste Priorität, weil sie die Grundlage der Gesellschaft ist.






Dieser Beitrag erschien am 26. September 2011 in der NRZ

Mittwoch, 14. September 2011

Urlaub anno dazumal: Erinnerungen an die gute alte Sommerfrische







Sommerzeit ist Urlaubszeit. Und der Trend, so bestätigt Alexandra Scholz vom Speldorfer Reisebüro Fleck, geht wieder zum Urlaub im eigenen Land, "weil es preiswerter ist und viele Leute auch nicht gerne fliegen." Die Reisekauffrau und ihre Kollegen stellen fest, dass vor allem der Urlaub an Ost- und Nordsee hoch im Kurs steht. Wer keine Flugangst hat und sich viel Sonne für wenig Geld wünscht, den zieht es laut Scholz derzeit vor allem in die Türkei oder nach Ägypten und Tunesien, während klassische Urlaubsziele wie Ibiza und Menorca wegen gestiegener Preise weniger attraktiv seien, anders, als die "gut gebuchten" Kreuzfahrten und das Urlaubsziel schlechthin: Mallorca. Da sei vor allem bei ganz jungen Urlaubern gefragt.










Wie machten eigentlich unsere Eltern und Großeltern Urlaub, als von All inclusive noch keine Rede war. Aus erster Hand erfahre ich von meiner Mutter Edith Emons, die gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert hat, dass sie in ihren Kindertagen mit Vater, Mutter und zwei jüngeren Geschwistern "entweder in unserem eigenen Schrebergarten in Köln oder auf Bauerhöfen im Westerwald und im österreichischen Vorarlberg" ihre Sommerfrische verlebt hat. "Da konnte man Tiere entdecken und mit Freunden spielen. Außerdem kam man schnell dort hin und es war preiswert," schildert sie die unschlagbaren Vorteile der sommerlichen Landpartien, als die Kinder noch nicht kriegsbedingt aufs Land verschickt werden mussten.










Meine Zeitreise auf der Suche nach der Sommerfrische von Anno Dazumal führt mich weiter in das Haus Ruhrgarten an der Mendener Straße. Der Name ist Programm. Beim Ausblick auf die Ruhr fühlt man sich gleich, wie im Urlaub. Hier treffe ich unter anderem die 85-jährige Sophia Heinz. Sie verbindet den Sommer ihrer Kindheit nicht mit Urlaub, sondern "mit viel Arbeit." Denn ihre Eltern betrieben eine Landwirtschaft und brauchten die Tochter im Sommer als Erntehelferin. Den ersten richtigen Urlaub erlebte sie erst Ende der 60er Jahre bei einer Familienfreizeit im ostwestfälischen Bracke. "Dort gab es für unsere Kinder jede Menge Spiel, Sport und Programm. Und mein Mann und ich konnten einmal in aller Ruhe spazieren gehen und die wunderbare Landschaft genießen," erinnert sie sich an ihre Sommerfrische in der Bibelschule von Bracke. Urlaub in einer Bibelschule? "Ja. Denn mein christlicher Glaube hat mir immer viel Kraft gegeben und mich froh gemacht", sagt Heinz im Rückblick auf ihre Lebensreise.










Ähnlich erging es auch ihrer 1921 in Selbeck geborenen Mitbewohnerin Margarete Anstütz. "Im Sommer sind wir schön zu Hause geblieben. Denn meine Eltern hatten eine große Landwirtschaft. Wir hatten selbst Feriengäste und haben auf dem Feld mitgeholfen. Außerdem durften wir in den Sommerferien immer länger aufbleiben." Nur bedingt in guter Erinnerung hat sie dagegen den ersten Urlaub, den sie vor 60 Jahren mit ihrem frisch angetrauten Mann an der ostfriesischen Waterkant und mit einer eifersüchtigen Schwiegermutter im Gepäck verbracht hat. "Ein Mal und nie wieder", resümiert Anstütz.










Ihre 95-jährige Mitbewohnerin Leni Haag, die den Ruhrgarten bereits aus ihrem früheren Engagement als Grüne Dame bei der Evangelischen Krankenhaushilfe kennt, verbrachte die Sommerferien ihrer Kindheit entweder in Hiddensen bei Detmold, also im Teutoburger Wald, oder bei Opa und Onkel, die in Trebin bei Lukenwalde, also in der Nähe von Berlin, einen großen Bauernhof betrieben. Natürlich besuchte sie mit ihren Schwestern im Teutoburger Wald auch das Hermanns-Denkmal. Allemal lieber waren ihr aber die Wanderungen, bei denen sie unzählige Blumen pflücken konnte. Bei den Ferien auf dem Lande fand sie es spannend, Kühe, Schweine und Hunde zu füttern oder dem Opa, der eine Bienenzucht betrieb, beim Schleudern des Honigs zuzuschauen. Im Rückblick bleiben Haag auch die sommerlichen Opernbesuche bei Wagners auf dem Grünen Hügel in Bayreuth in guter Erinnerung, die sie sich später zusammen mit einer Schwester immer wieder gerne gönnte.










Margarete Dütemeyer (87) und ihre sechs Geschwister hatten bei der Fahrt in die Sommerferien einen unschlagbaren Preisvorteil: einen Vater, der bei der Eisenbahn arbeitete. Wenn sich Dütemeyer daran erinnert, wo sie und ihre Geschwister den Sommer verlebten, dann erinnert sie sich an Bauernhöfe und Landgüter im Lipper- und im Oldenburger Land oder auch in der Magdeburger Börde. Mal musste sie den Pferden Hafer geben, mal die Kinder des Gutsbesitzers hüten, mal im Hühnerstall die Eier fürs Frühstück einsammeln. Die Zeit auf dem Lande war für die Kinder aus dem Ruhrgebiet die reinste Aufpäppelung, bei der sich jeder nach Herzenslust satt essen durfte. In der Rückschau auf ihre Jugend ist ihr aber auch eine Reise auf die Nordseeinsel Baltrum unvergessen geblieben, die sie als Mitglied der Mädchengruppe ihrer Kirchengemeinde erlebte. Noch heute gerät sie ins Schwärmen, wenn sie daran zurückdenkt, wie sie mit ihren Kameradinnen am Strand spielte, im Meer schwamm oder in den Dünen den Sonnenuntergang beobachtete.










Dass Berlin immer eine Reise wert ist, kann die 86-jährige Martha Lange aus eigener Anschauung bestätigen. Den beeindruckendsten Sommerurlaub ihrer Jugend verbrachte die 14-Jährige in der Deutschen Hauptstadt. Der Onkel besuchte mit ihr den Zoologischen Garten und die Tante ging mit ihr abends ins Kabarett. Nicht minder beeindruckte sie dort die erste U-Bahn-Fahrt ihres Lebens. "So etwas kannten wir hier damals ja noch gar nicht", erinnert sich die gebürtige Saarnerin an ihren abenteuerlichen Sommerurlaub in der Weltstadt.

Dieser Beitrag erschien am 11. August 2011 in der NRZ

Montag, 12. September 2011

Warum brauchen wir eigentlich Denkmalschutz? Ein Gespräch mit dem Mülheimer Architekten Wolfgang Kamieth, der in einem Denkmal zu Hause ist



Zum Tag des offenen Denkmals sprach ich für die NRZ mit Wolfgang Kamiethdarüber, warum wir den Denkmalschutz als Gesellschaft brauchen. Als Architekt ist Kamieth nicht nur am Bau neuer Häuser interessiert. Er selbst wohnt zusammen mit seiner Frau Annette in einem sehr alten Fachwerkhaus, das 1784 am Ruhrufer errichtet wurde und das er 1988 erworben und restauriert hat.






Damals mussten wir jeden Balken nummerieren und 80 Prozent des Fachwerkes austauschen, weil die Balken verfault waren, erinnert sich Kamieth an den Kraftakt.In einem Haus zu wohnen, in dem schon viele Generationen vor uns gelebt haben, fasziniert ihn. Wir können uns nur mit unserer Zukunft beschäftigen, wenn wir auch unsere Vergangenheit kennen, ist Kamieth überzeugt. Er selbst hat sich sehr intensiv mit der Geschichte seines Hauses und dessen früheren Bewohnern beschäftigt, die er bis 1812 zurückverfolgen kann. Er weiß, dass hier früher Ruhrschiffer und Schlosser lebten und arbeiteten. An der Fassade hat er auch Hinweise auf Vorrichtungen gefunden, die zeigen, dass die alten Mölmschen hier früher ihre Pferde festmachen und ein Päuschen mit Ruhrblick einlegen konnten. Ob hier auch mal aus- und eingeschenkt wurde, konnte ich aber bisher nicht herausfinden, bedauert Kamieth.






Was macht ein Haus oder ein Gebäude zum Denkmal? Wenn es das Stadtbild prägt und für eine Epoche steht, sagt der Architekt. Denkmalschutz ist für ihn deshalb kein Selbstzweck, sondern eine elementare Aufgabe der Stadt, weil wir als Menschen Bilder brauchen, die uns unsere kulturellen Entwicklung vor Augen führen und unsere Identität prägen.Deshalb macht es aus seiner Sicht auch Sinn, Denkmäler und Wahrzeichen, wie die Alte Post, die Petrikirche oder das Schloss Broich zu erhalten, obwohl man heute sicher kein Schloss Broich mehr bauen würde. Dass man Anfang der 60er Jahre darüber nachdachte, die Broicher Burg abzureißen, kann er sich heute gar nicht mehr vorstellen.






Aber auch die in den frühen 70er Jahren entstandenen Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz mag er in diesem Sinne nicht als schlecht und falsch verurteilen, sondern sieht sie als Zeugen für den modernistischen Zeitgeist der 70er Jahre, in denen alles Alte als schlecht galt und die Menschen mit ganz anderen Erwartungen und Vorstellungen lebten.






Er selbst hat in den 70er Jahren Architektur studiert und erinnert sich noch gut daran, dass wir damals für Denkmalschutz gar nicht sensibilisiert wurden. Die Faszination für die Restaurierung alter Häuser packte ihn aber schon bald, als der junge Architekt für eine große Wohnungsbaugesellschaft in Duisburg eine alte Arbeitersiedlung wiederstellen musste. Bei Neubauprojekten arbeitet man am Schreibtisch, aber bei der Restaurierung von Altbauten muss man vor Ort sein. Da ist man festgelegt und muss sehen, was man aus dem machen kann, was man vorfindet beschreibt der Architekt seine Begeisterung für denkmalgeschütztes Bauen.






Durchaus kritisch sieht er die Privatisierung von Häusern in den alten Arbeitersiedlungen Heimaterde und Mausegatt. Dort, wo privatisiert wird und jeder Hauseigentümer individuell entscheiden kann, ob er zum Beispiel ein altes Holz- durch einen Kunststofffenster ersetzen kann, geht ein Stück des ursprünglichen Charakters der Siedlung verloren, glaubt Kamieth.Obwohl er sich in diesen Fällen eine strengere Gestaltungssatzung, wie in den Niederlanden wünschen würde, begrüßt er es, dass der Denkmalschutz heute nicht mehr so regide ist wie noch vor einigen Jahren und verstärkt auch die moderne Nutzung alter Gebäude im Blick hat, wenn zum Beispiel eine Gründerzeitvilla mit einem Halbetagenaufzug barrierefreier gemacht werden muss. Deshalb macht es für Kamieth auch nur dann Sinn, ein altes Gebäude zu erhalten, wenn es heute sinnvoll genutzt werden kann, wie das zum Beispiel mit den alten Wassertürmen in Broich und Styrum geschehen ist, die als Camera Obscura mit Filmmuseum und als Aquarius mit Wassermuseum zu neuen Wahrzeichen in alten Mauern geworden ist.






Faszinierend findet es der Architekt aus dem Baujahr 1951, der heute auch als Energieberater in Sachen Wärmedämmung unterwegs ist, dass alte Häuser, wie die über 600 Jahre alte Walkmühle im Rumbachtal oder auch viele alte Kirchen mit so dicken Mauern gebaut wurden, dass sie es bis heute mit jeder modernen Wärmedämmung aufnehmen können.Beim Bau eines Hauses maßstäblich auf menschliche Proportionen und Symmetrien zu achten und Baumaterial aus der Region zu verwenden, sind für den Architekten Kamieth die wichtigsten Lehren der alten Baumeister, die es in seinen Augen bis heute zu beherzigen gilt, weil sie unsere Häuser, Straßen und Städte schön machen.






Dieser Beitrag erschien am 10. September 2011 in der NRZ








Dieser Beitrag erschien am 10. September 2011 in der NRZ

Samstag, 10. September 2011

Ein Blick in die Stadtgeschichte: Wie die Mülheimer vor 50 Jahren den Mauerbau in Berlin erlebten

Wenn wir heute an Flüchtlinge denken, denken wir an Menschen, die aus fernen Ländern zu uns kommen, weil sie vor Krieg und Verfolgung fliehen. Laut Ausländerbehörde leben in Mülheim derzeit 91 Asylbewerber aus dem Irak und aus verschiedenen afrikanischen Staaten, die als Asylbewerber in unserer Stadt Zuflucht gefunden haben.Flüchtlinge aus der ZoneVor 50 Jahren kamen die Flüchtlinge, die in Mülheim Zuflucht suchten aus Deutschland, nämlich aus der DDR, die damals noch als sowjetische besetzte Zone bezeichnet wurde. In den Wochen vor dem Mauerbau schwoll der Flüchtlingsstrom an. Anfang August 1961 ging die Stadtverwaltung von 1500 Zonenflüchtlingen aus, die in Mülheim untergebracht werden mussten, weil sie die Freiheit im Westen Deutschland dem realexistierenden Sozialismus im SED-Staat vorzogen. „Spitzbart und Brille sind nicht des Volkes Wille“ hieß es damals in einem Witz, der in der DDR hinter vorgehaltener Hand über Staats- und Parteichef Walter Ulbricht erzählt wurde.

Doch angesichts der Flüchtlingsströme und der Kriegsgefahr verging vielen Menschen im August 1961 das Lachen.Schon am 25. Juli 1961 hatte es in der Mülheimer NRZ geheißen: „Durch die anhaltende Flüchtlingswelle aus der Sowjetzone sieht sich jetzt auch Mülheim vor ein schwieriges Problem gestellt. Die Stadt muss etwa um die Hälfte mehr an Flüchtlingen aufnehmen, als die Jahresquote von 1961 vorsah. Und sie hat nicht genügend Platz für diese Menschen. Die Notquartiere sind allesamt belegt.“ Untergebracht werden die Zonenflüchtlinge damals zum Beispiel in der Speldorfer Hubertusburg, in einem eigentlich schon zum Abriss freigegebenen städtischen Gebäude an der Düsseldorfer Straße und in der ehemaligen Kaserne an der Kaiserstraße.

In ihrer Not prüft die Stadt auch die Möglichkeit, alte Gasthaussäle und Schulbaracken in Übergangsquartiere umzufunktionieren. Anders, als noch einige Jahre zuvor, als die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in die Stadt kamen, gibt es 1961 in Mülheim nicht genug Bauland für schnelle Neubaumaßnahmen.„Das Problem kam sozusagen über Nacht auf uns zu. Wir sind vorher schon mehrfach damit fertig geworden. Weshalb sollte nicht auch diesmal wieder klappen“, verbreitet Stadtdirektor Niehoff in der NRZ.

Weniger Sorge, auch das wird in der damaligen Berichterstattung deutlich, machte 1961 die Frage nach der Berufsperspektive der neuen Mülheimer. Denn die meisten Flüchtlinge aus der DDR waren jung und gut ausgebildet. Und im Westen herrschte noch Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel. Viel schwerer wog im August 1961 die Sorge um den Weltfrieden. Denn in Berlin standen sich sowjetische und amerikanische Panzer gegenüber. Ihren ohnmächtigen Protest gegen die Einmauerung ihrer Landsleute in der DDR drückten die Mülheimer im Stillen aus. Einem Aufruf des Deutschen Gewerkschaftsbundes folgend ließen die Mülheimer am 15. August um 11 Uhr ihre Arbeit für zwei Minuten ruhen. Auch der Straßenverkehr wurde in dieser Zeit von der Polizei angehalten.

Am selben Tag schrieb Günter Heubach in der Mülheimer NRZ: „Ganz Mülheim stand unter dem Eindruck der vom Ostregime geschaffenen verschärften Situation. Einziges Thema auf den Straßen, in den Omnibussen und Straßenbahnen: Berlin. Offen sprechen die einheimischen Mülheimer ihre Meinung, aber auch ihre Besorgnis aus. Zurückhaltender sind die Zonenflüchtlinge, die erst vor wenigen Tagen in unserer Stadt eingetroffen sind. Ihre Gedanken gehen zurück zu der eben erst verlassenen Heimat, zu Eltern, Geschwistern und Verwandten, die noch drüben sind und nicht mehr durch den Eisernen Vorhang zu schlüpfen vermögen. Gemeinsam ist aber ist allen Äußerungen, dass der Westen nun nicht mehr nachgeben möge. Und: Bloß kein Krieg! heißt es immer wieder.“

28 Jahre später sollten im September 1989 wieder der DDR-Flüchtlinge, damals über Ungarn und Prag nach Mülheim kommen. Doch da waren die Tage der Berliner Mauer schon gezählt.

Dieser Text erschien am 13. August 2011 in der NRZ

Mittwoch, 7. September 2011

Als Bürger Bürgern halfen von Deutschland-Ost nach Deutschland-West zu kommen: Eine Mülheimer Geschichte zum 50. Jahrestag des Mauerbaus

Als die Mauer in Berlin gebaut wurde, war der Mülheimer Jurist Jochen Hartmann drei Jahre alt. Obwohl er selbst keine Verwandten in der damaligen DDR hatte, hat sich Hartmann, wie er sagt, „immer für Deutschlandpolitik interessiert, weil ich mich auch immer schon für deutsche Geschichte interessiert habe.“ Deshalb verfolgte er auch schon als 20-Jähriger Ende der 70er Jahre die Mitteilungen des Vereins „Hilferufe von drüben“ und gründete in der Jungen Union (JU) einen deutschlandpolitischen Arbeitskreis. Durch den Verein „Hilferufe von drüben“ wurde er 1979 auf den Fall der Familie Baumgart aufmerksam.

Die dreiköpfige Familie lebte damals in Weinböhla, im Bezirk Dresden, wollte aber seit 1976 nach Mülheim übersiedeln, um sich dort um ihre kranke Mutter und Schwiegermutter kümmern zu können.Von Deutschland-Ost nach Deutschland-West überzusiedeln, war in Zeiten der Mauer und der deutschen Teilung mit Schikanen durch das SED-Regime verbunden, da ein Ausreiseantrag in den Augen des DDR-Staates an Landesverrat grenzte. Unterstützt von seinen Mitstreitern in der Jungen Union startete Hartmann einen regen Briefwechsel mit Bundestagsabgeordneten, dem damaligen Innerdeutschen Minister und dem DDR-Anwalt Wolfgang Vogel.

„Egon Franke hat uns in der Sache damals sehr unterstützt“, lobt der Ex-Christdemokrat Hartmann den damaligen SPD-Bundesminister. Flankiert wurde der umfangreiche Briefwechsel durch Infostände, Flugblätter, Presseberichte, einen Protestzug und Unterschriftenaktionen.Einmal haben wir auf der Schloßstraße die Mauer nachgebaut“, erinnert sich Hartmann. Seine Hartnäckigkeit wurde belohnt. Im Sommer 1982 konnten Günter Baumgart, seine Frau Marlies und Tochter Anne nach Mülheim ausreisen, das sie einige Jahre später wieder in Richtung West-Berlin verlassen sollten. „Ohne Ihre Unterstützung wären wir heute bestimmt noch nicht hier. Wir sind ganz sicher, dass die Publikmachung unseres Falles durch Sie in der Öffentlichkeit der auslösende Faktor für unsere Übersiedelung war und uns außerdem vor Schlimmerem, nämlich vor einer Inhaftierung bewahrt hat.“

Wenn Hartmann, der damals auch gerne eine deutsch-deutsche Städtepartnerschaft initiiert hätte, diese Dankeszeilen, die er am 9. Juni 1982 von Marlies und Günter Baumgart erhielt, heute noch einmal nachliest, weiß er, „dass der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung trotz aller Probleme bei der Vollendung der Deutschen Einheit für ganz Europa das großartigste Ereignis des 20. Jahrhunderts war.“

Dieser Beitrag erschien am 13. August 2011 in der NRZ

Dienstag, 6. September 2011

Wo die Kunst auf die Straße gesetzt wird: Kunst Raus zeigt sich im September in Saarn noch einmal von seiner besten Seite





Im September geht die Saarner Aktion „Kunst raus“ auf die Zielgerade. Am 8. und 17. September kann man sich noch einmal um 19 Uhr und um 17 Uhr fachkundig durch die Freiluftgalerie der elf, 1,50x1,20-Meter großen und plakativen Kunstwerke führen lassen, die 22 Künstler der Gruppe XX+X im Dialog miteinander kreiert haben. Los geht es jeweils an der Saarner Dorfkirche an der Holunderstraße.Schon jetzt sprachen die beteiligten XX+X-Kreativen Peter Flach (46), Markus Schmidt (44) und Pauline Höchter (12) beim Spaziergang über die Saarner Kunstmeile in einem Dialog über die Kunstaktion, die am 25. September um 10 Uhr mit einem musikalischen Gottesdienst in der Dorfkirche ausklingt und über ihre eigene Kunst.










Welche Resonanz hat Kunst Raus bisher gefunden?





Flach: Bei der ersten Führung am 28. Mai hatten wir mindestens 120 Teilnehmer, so viele, wie noch nie zuvor in den letzten 19 Jahren, in denen es Kunst Raus gibt. Natürlich ist der Andrang bei den normalen Werktagsführungen nicht so stark, aber auch diese werden gut angenommen.










Was macht den Reiz von Kunst Raus aus?





Schmidt: Anders, als beim Besuch eines Museums oder einer Galerie, müssen die Menschen keine Hemmschwelle überwinden. Sie können im Vorbeigehen mit Kunst in Kontakt kommen, ohne den Druck zu verspüren, diese bewerten oder sich positionieren zu müssen. Hier kann man flanieren und, wenn man will, sich auch viel Zeit nehmen, um die Kunstwerke auf sich wirken zu lassen.










Birgt die Idee von Kunst Raus nicht auch ein Risiko in sich?





Flach: Wir arbeiten Gott sei Dank mit wetterfesten Farben. Aber wir hatten leider auch schon die eine oder andere Schmiererei oder ein Werbeschild, das zwischenzeitlich vor einem Kunstwerk aufgestellt wurde. Aber damit müssen wir leben, dass man nicht immer so mit unseren Kunstwerken umgeht, wie wir uns das wünschen.





Schmidt: Das schmerzt schon, wenn jemand da was drauf schmiert, woran das eigene Herzblut und die eigene Seele hängt. Auf der anderen Seite bekommt man aber auch viele positive Rückmeldungen und ich habe noch niemanden gehört, der sich nicht mindestens von einem unserer Dialog-Bilder angesprochen gefühlt hätte.










Warum fühlen sich besonders viele Kunst-Raus-Rundgänger gerade von deiner Comic-Collage angesprochen?





Höchter: Ich habe mich einfach für einen Comic entschieden, weil man den gut aufteilen kann. Und ich habe mir besonders ausdrucksstarke Asterix-und-Obelix-Figuren ausgesucht, die lustig aussehen und gut brüllen, damit man ihnen ein Zeichen in ihre Sprechblase malen kann, das mehr ausdrücken kann als Worte. Dafür habe ich mir andere Künstler aus der Gruppe XX+X gesucht.




Wie kommt man so jung, wie du zur Kunst?


Höchter: Es gibt noch jüngere Mitglieder bei XX+X. Mich haben meine Eltern, die selbst auch Künstler sind dort hin geschleppt. Ich bin damit aufgewachsen und arbeite gerne mit Farben. Sicher werde ich auch später weitermalen, die Kunst aber nicht zu meinem Hauptberuf machen.










Wurden die XX+X-Dialog-Kunstwerke für Kunst Raus also nicht nur von Profi-Künstlern geschaffen?





Flach: Wir verstehen uns nicht als eine Gruppe akademischer Maler. Wir wollen keine abgehobenen Künstler sein, sondern alle Generationen und Talente mitnehmen. Das können zum Beispiel freischaffende Künstler und Kunstpädagogen, aber auch kunstschaffende Schüler und Studierende sein. Denn Kunst bedeutet für mich Vielfalt.










Weitere Auskünfte unter Rufnummer:  48 66 54 oder  301 61 38










Dieser Beitrag erschien am 25. August 2011 in NRZ und WAZ

Montag, 5. September 2011

Was Mülheimern zum 20. Juli 1944 einfällt: Nur Mut! oder eine aktuelle Umfrage zu einem historischen Gedenktag, der kein Thema von gestern ist




Sie sind bis heute ein Sinnbild für Mut, die Männer des 20. Juli 1944. Mit dem Attentat auf Adolf Hitler versuchten sie ein unmenschliches Regime und einen verbrecherischen Krieg zu beenden, um das Schicksal Deutschland zum besseren zu wenden. Diese Männer des militärischen Widerstandes um den Grafen Stauffenberg, zu denen auch der aus Mülheim stammende Offizier Günther Smend (siehe Kasten) gehörte, bezahlten ihren Mut mit dem Leben. Doch was ist für uns und unseren Alltag in einer Demokratie, jenseits von Krieg und Diktatur, heute noch mutig? Für die NRZ suchte und wurde ich fündig:




Werner Andorfer (63), Leiter der Karl-Ziegler-Schule: "Mut bedeutet für mich, sich für etwas oder jemanden einzusetzen, ohne dabei an die Konsequenzen zu denken, die sich daraus ergeben könnten. Das kann zum Beispiel bedeuten, einzuschreiten, wenn Menschen attackiert werden. Als Demokrat bedeutet Mut für mich, sich gegen alle totalitären und extremistischen Tendenzen aufzulehnen, die auf eine Unterdrückung und Diskriminierung von Menschen hinauslaufen."




Peter Flach (45), Künstler, antwortet:"Mutig zu sein, dass bedeutete für mich ganz persönlich, nach meinem Studium meiner Berufung zu folgen und trotz aller Risiken, die diese Entscheidung mit sich brachte, als freischaffender Künstler zu arbeiten. Auch wenn ich keine große Erfolgskarriere gemacht habe und noch viel passieren kann und soll, kann ich heute sagen, dass ich meine Entscheidung von damals nicht bereue und mein Mut mit Zufriedenheit belohnt worden ist."





Kriminalhauptkommissarin Petra Dahles (51): "Für mich bedeutet Mut die Zivilcourage, sich einzumischen und zu sagen, wenn mir etwas nicht gefällt. Es kann mutig sein, die Polizei anzurufen oder Aufmerksamkeit zu erregen, wenn man zum Beispiel einen Übergriff beobachtet. Mutig zu sein, kann auch bedeuten, wenn Eltern zu ihrem Kind sagen: "Ich halte zu dir", weil sie es von einem Lehrer ungerecht behandelt sehen, oder wenn man Mobbing-Opfern hilft und sagt: "Wir lassen dich nicht allein." Natürlich gehört auch Mut und Energie dazu, Nein zu sagen, wenn jemand eine Grenze überschritten hat, oder wenn Eltern in der Erziehung Kindern Werte und Normen vorleben und ihnen, wenn nötig, auch Grenzen aufzeigen. Leider ist unsere Gesellschaft sehr egoistisch geworden. Wir sollten mehr Mut haben nicht nur auf uns sondern auch darauf zu achten, wie es dem Menschen neben uns geht."





Ex-SPD-Stadträtin und Kulturstifterin Helga Künzel (69): "Auch heute braucht man als Mensch in einer demokratischen Gesellschaft immer wieder Mut, um sich in Konflikte hineinzubegeben und Widerstand gegen Dinge zu leisten, die mal als ungerecht empfindet. Mut bedeutet dann, auch unerwünschte Reaktionen ertragen zu können. Ich glaube, dass uns auch heute oft der Mut fehlt, Dinge zu hinterfragen und unsere Vernunft walten zu lassen".
Pfarrer Manfred von Schwartzenberg, (66): Auch heute braucht man Mut, einzugreifen, statt wegzuschauen und sich abzuwenden, wenn Menschen auf der Straße offen attackiert werden. Mutig ist es aber auch, gegen den Strom zu schwimmen und Wahrheiten auszusprechen, die keiner hören möchte. Aber auch junge Leute brauchen heute oft Mut, wenn sie sich in der Schule als gläubig outen und offen für ihren Glauben eintreten".

Hanns Peter Windfeder (46), Unternehmer und Sprecher des Unternehmerverbandes: "Als Unternehmer braucht man Mut, um für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen, weil man weiß, dass sie nicht mehr in Lohn und Brot sind, wenn man selbst nicht gut und innovativ genug arbeitet. Als Unternehmer setzt man sein eigenes Geld ein. Wenn da etwas schief geht, können schnell Haus und Hof verloren gehen.Persönlich bewundere ich den Mut meines Bruders, der als Teilnehmer eines Rallye-Trosses Bürgerkriegsflüchtlingen an der tunesisch-libyschen Grenze Lebensmittel und Medikamente gebracht hat. Gesellschaftlich glaube ich, dass wir den Mut fördern müssen, uns gegen Strömungen einzusetzen und anzugehen, die dazu geführt haben, dass gewalttätige Übergriffe in den letzten Jahren nicht weniger, sondern mehr geworden sind."





Günther Smend kam als Zwölfjähriger mit seiner Familie nach Mülheim. Hier besuchte er das heutige Otto-Pankok-Gymnasium. Dort machte er sich als guter Schüler und als erfolgreicher Ruderer und Leichtathlet einen Namen. Nachdem er 1932 das Abitur bestanden hatte, trat Smend als Offiziersanwärter in die Reichswehr ein. Als Offizier und Adjutant des Generalobersten Zeitzler stieg er 1943 in den Generalstab des Heeres auf. Dort kam er mit den Widerstandskämpfern um Graf Stauffenberg zusammen und versuchte vergeblich seinen Vorgesetzten für die Teilnahme am Hitler-Attentat zu gewinnen. Deshalb wurde er nach dem 20. Juli 1944 verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Er hinterließ seine Ehefrau und drei Kinder. Seit 2007 erinnert ein vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegter "Stolperstein" vor Smends Elternhaus im Luisental 11 an den Mülheimer Widerstandskämpfer.




Dieser Beitrag erschien am 20. Juli 2011 in der NRZ





Sonntag, 4. September 2011

Ein nachdenkliches "Geburtstagsgespräch" mit Christa Ufermann zum 90. Geburtstag des Blinden- und Sehbehindertenvereins



Mit einer Schiffstour an Bord der Weißen Flotte feierte der Blinden- und Sehbehinderten verein am 3. September seinen 90. Geburtstag. Woher kommt der Verein und wohin geht die Reise für ihn und die Menschen, deren Interessen der BSV vertritt. Für die NRZ sprach ich darüber mit Christa Ufermann, die vor 65 Jahren blind auf die Welt kam und den BSV seit 1987 als Vorsitzende führt.






Warum hat man den BSV vor 90 Jahren ins Leben gerufen?



Der Verein ist damals als reiner Blindenverein gegründet worden, der hilfsbedürftige Blinde unterstützte. Das war ja nach dem Ersten Weltkrieg eine schwierige gesellschaftliche Situation, in der es noch keinen Sozialstaat gab, wie wir ihn heute kennen.






Wie hat der Verein geholfen?



Der Verein hat über einen Blindenhilfsverein Spendengelder für die Ärmsten gesammelt und am Dickswall sogenannte Blindenwaren verkauft. Das waren zum Beispiel Besen, Bürsten, Aufnehmer, Webwaren oder auch Körbe, die von blinden Handwerkern hergestellt wurden. Früher waren die allermeisten Blinden in Werkstätten beschäftigt. Dass sie auch für andere Berufe ausgebildet wurden, hat sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt.






In welchen Berufen können Blinde arbeiten?



Früher gab es oft blinde Telefonisten oder Klavierstimmer. Ich kenne aber auch Blinde, die zum Beispiel als Programmierer in der Computerbranche oder arbeiten. Wenn die Leute können und wollen, können sie auch sehr spezialisiert arbeiten, sei es als Pädagoge und Psychologe, als Organist oder auch als Programmierer in der Computerbranche. Manche sind natürlich auch nicht vermittelbar und müssen ihr Berufsleben in einer beschützenden Werkstatt fristen. Ich selbst habe bis zu meiner Pensionierung im Schreibdienst der Stadtverwaltung gearbeitet. So weit ich weiß, hat die Stadt heute nur noch einen blinden Mitarbeiter, der die Hörzeitung Echo Mülheim betreut.






Ist es für Blinde und Schwersehbehinderte heute leichter oder schwieriger geworden, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen?



Auf dem Arbeitsmarkt ist es für sie schwierig. Viele Leute sitzen heute mit einer guten und teuren Ausbildung zu Hause herum. Hinzu kommt: Wenn Menschen durch einen Berufsunfall erblindet sind, bekommen sie eine Erwerbsunfähigkeitsrente, die aber sofort wegfällt, wenn sie sich umschulen lassen. Und dann haben die nichts. Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass viele Betroffene dann lieber auf eine Umschulung verzichten und sich mit ihrer Rente begnügen. So wie ich das mitbekomme, tun sich heute viele Arbeitgeber schwer, sich auf Mitarbeiter mit einem Handicap einzulassen.






Was sind die wichtigsten Barrieren für den beruflichen Erfolg blinder Menschen?



Viele Arbeitgeber haben die Panik, dass sie einen blinden Mitarbeiter, der nicht hinhaut, nie wieder los werden. Dem ist zwar nicht so, aber es gibt diese vorgefasste Meinung. Und viele wissen auch nicht, dass es Eingliederungshilfen für blinde Mitarbeiter gibt, die vom Landschaftsverband, von der Agentur für Arbeit, von der Berufsgenossenschaft oder von der Hauptfürsorgestelle übernommen werden.






Welche Barrieren behindern Blinde und Sehbehinderte in Mülheim?



Das können Baustellen sein, die nicht fertig werden, Autos, die auf dem Bürgersteig parken, Geschäftsauslagen, die mitten auf der Straße stehen oder auch ausbleibende Lautsprecherdurchsagen an Haltestellen oder in Bussen und Bahnen.






Was leistet Ihr Verein für die soziale Integration seiner Mitglieder?



Wir geben ihnen vor allem Informationen. Wir laden alle zwei Monate zu einer Mitgliederversammlung und einmal im Monat zu einem Stammtisch. Wir geben eine monatliche Hörzeitung heraus und informieren auch über unsere Internetseite. Außerdem informieren wir monatlich Ratsuchende in einer Sprechstunde über Hilfsmittel und Hilfsleistungen für Blinde. Wir organisieren aber auch regelmäßig Ausflüge oder laden auch zu einem Brunch ein, damit die Leute heraus- und zusammenkommen. Bei Museumsbesuchen und Exkursionen achten wir natürlich darauf, dass wir eine blindenspezifische Führung bekommen, bei der Anfassen erlaubt. Durch unsere Aktivitäten lernen sich die Leute natürlich auch kennen. Wir können natürlich immer nur anbieten. Annehmen und aus ihrem Nest herauskommen, müssen die Leute selbst.






Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Vereins?



Unser Verein braucht wie alle Vereine mehr junge Leute, die etwas aktiver sind und der Sache neues Leben einhauchen. Wir können nur hoffen, dass immer wieder neue Leute zu uns kommen, die Lust haben mitzumachen. Wir haben viele Mitglieder die erst im Alter, etwa durch Makuladegeneration, erblindet sind. Junge Leute kommen nur selten zu uns und wenn, dann sind sie erst mal passiv.



Hintergrund: Der Blindenverein, der 2001 zum Blinden- und Sehbehindertenverein umbenannt wurde, hat heute 70 Mitglieder. Laut Landschaftsverband Rheinland gibt es in Mülheim derzeit 675 offiziell gemeldete blinde und sehbehinderte Menschen. Der Verein bietet jeweils am ersten Donnerstag des Monats von 10 bis 14 Uhr bei den Grünen an der Bahnstraße 50 eine Beratungssprechstunde an. Außerdem lädt er alle Interessierten am letzten Mittwoch des Monats um 16 Uhr zu seinem Stammtisch in den Handelshof. Umfangreiche Informationen bietet er auf seiner Internetseite: www.bsv-muelheim.de an.Telefonische Auskünfte geben Christa Ufermann unter der Rufnummer: 43 25 18 und ihre Stellvertreterin Maria St. Mont unter  der Rufnummer: 47 30 12.






Dieser Beitrag erschien am 2. September 2011 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 11. August 2011

Vergebung um jeden Preis? Wa dem Pastor und sechsfachen Vater Ekkehart Vetter zum Fall Mirco einfällt, der derzeit vor Gericht verhandelt wird



Es ist wohl das Schlimmste, das Eltern widerfahren kann, ihr Kind, wie im Fall Mirco, durch die Hand eines Mörders zu verlieren. Deshalb mag es manchen wundern, wenn Mircos Eltern als freikirchlich engagierte Christen Verständnis für den Täter zeigen und trotz ihrer Tragödie vom Glauben sprechen, der sie stärkt, ihnen Hoffnung gibt und sie nicht verzweifeln lässt. Vor diesem Hintergrund sprach ich bereits vor einigen Monaten für die NRZ mit Pastor Ekkehart Vetter von der freikirchlichen Christusgemeinde über Glauben, Gemeinschaft, Schuld, Sühne, Vergeltung und Vergebung.




Können Sie die Haltung von Mircos Eltern nachvollziehen?



Das ist eine Extremsituation, in die man sich nicht theoretisch hineindenken kann. Ich selbst würde für mich nicht die Hand ins Feuer legen, wie ich in einer vergleichbaren Situation reagieren würde. Natürlich kann man auch für einen Täter Verständnis entwickeln, auch, wenn man seine Tat verabscheut. Jeder Mensch hat Gründe, warum er so handelt, wie er handelt. Es geht nicht um Verständnis im Sinne von Relativierung oder Verharmlosung eines Verbrechens, sondern in dem Sinne, zu verstehen, dass es sich vielleicht um einen belasteten Menschen handelt, der aus einer bestimmten Situation dieses dramatische Verbrechen begangen hat.



Vergebung ist eine christliche Tugend. Aber ist es nicht auch natürlich, den Mörder seines Kindes zu hassen?



So verständlich Hass in so einer Situation ist, Hass macht einen am Ende selbst kaputt. So wie ich Mircos Eltern verstehe, sagen sie: Wir wissen, wohin wir mit unserer Trauer und unserem Bestürztsein hingehen können und dass sie dieses Verbrechen in ihrem Glauben, durch die Gemeinschaft und die Gespräche mit Christen verarbeiten können.



Mircos Eltern sprechen von der Unterstützung durch ihre freikirchliche Gemeinde und von ihrem Glauben, der ihnen Halt gibt. Können Menschen, die glauben und von einer Gemeinschaft getragen werden, solche Schicksalschläge besser verkraften?






Das ist keine Frage von Freikirche, Landeskirche oder Konfession. Das ist eine Frage gelebter Gemeinde und Gemeinschaft. Gerade in Angesicht eines schweren Schicksalschlages brauche ich etwas, an dem ich mich festhalten kann und das mich trägt. Und da ist der Glaube sicher sehr hilfreich und wertvoll. Ich würde mich aber nicht in eine Situation hineinmanövrieren, in der ich sage: "Die Verarbeitung eines solchen Unglücks gelingt einem gläubigen Menschen auf jeden Fall besser als jemanden, der vielleicht nicht glauben kann."







Wie gehen Sie in ihrer 260 Mitglieder zählenden Gemeinde mit Menschen um, die einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften haben?






Natürlich bemühen wir uns darum, dass die Gemeinde sich wahrnimmt. Wir bilden in unserer Gemeinde kleine, überschaubare Gruppen, etwa in Form von Hausbibelkreisen, zu denen jeweils acht bis zehn Personen gehören, die sich regelmäßig treffen und die dabei nicht nur über theologische Fragen, sondern auch über persönliche Probleme sprechen. Die Menschen spüren so, dass sie mit ihren Nöten nicht alleingelassen werden.






Brauchen wir mehr Mitmenschlichkeit und können Gemeinden, wie die Ihre dafür ein Vorbild sein?






Wo immer Menschen von solchen Schicksalsschlägen getroffen werden, ist die Gemeinschaft von Christen, die ihnen zur Seite stehen, extrem wertvoll. Man braucht in so einer Situation keine Menschen, die eine schnelle Antwort haben, warum etwas passiert ist, sondern die einfach da sind, um mit den Betroffenen zu trauern, zu weinen, zu sprechen und vielleicht auch zu beten.






Ist es in einer solchen Situation nicht auch unmenschlich, Wut und Trauer durch das christliche Gebot von Vergebung und Nächstenliebe zu übertünchen?






Vergebung, Wut und Trauer sind kein Gegensatz. Man muss natürlich Gefühle zu lassen und darf sie nicht verdrängen. Man darf nichts unter den Teppich kehren. Man muss authentisch und ehrlich zu sich selbst sein und darf nichts mit einer frommen Soße zudecken wollen. Vergebung ist aber auch nichts, was von heute auf morgen entsteht, wie ein Klick im Gehirn. Das ist immer ein langer Prozess. Das ist ein langer Weg, auf dem Menschen auch vielleicht durch Therapie begleitet werden müssen, damit sie das vielleicht irgendwann können, damit sie sich mit der Last, die sie tragen oder auch jemanden hinterhertragen, am Ende nicht selbst kaputt machen. Vergebung ist in so einer Situation natürlich kein Muss. Aber es wäre Betroffenen zu wünschen, dass sie irgendwann erkennen, dass Vergebung für Sie am hilfreichsten ist.



Und was ist mit Schuld und Sühne?






Was würden Sie einem Täter sagen, der sich mit seiner Schuld an Sie als Seelsorger wendet?
Ich würde diesen Menschen zunächst dazu ermutigen, zu seiner Schuld zu stehen und es nicht bei der Vertrautheit des seelsorgerischen Gesprächs zu belassen. Ich würde ihm sagen: Stell dich deiner Tat und übernimm Verantwortung. Überlege, wie du an dem Menschen, an dem du schuldig geworden bist, etwas wieder gutmachen kannst. Das Unrecht ist im Fall Mirco natürlich nicht korrigierbar. Hier brauchen Opfer und Täter ganz viel Hilfe und Therapie. Aus der Missbrauchstherapie weiß man, dass Täter in ihrem Leben immer auch Opfer waren und oft selbst Gewalt- und Missbrauchserfahrungen gemacht haben, was ihre Tat natürlich in keiner Weise rechtfertigt.






Dieser Beitrag erschien im März 2011 in der NRZ