Donnerstag, 10. März 2011

Seit 50 Jahren leistet Unicef auch in Mülheim große Hilfe für kleine Menschen in aller Welt

Auch in unserer Stadt gibt es Kinder in Not. Warum engagiert man sich dann, wie es Anne Kebben und Ingrid Goertz es tun, seit fast 40 Jahren ehrenamtlich für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) und damit für arme Kinder in den Entwicklungsländern?
"Wir sind immer noch ein reiches Land, das in der Lage ist, Kindern alles zu geben, was sie brauchen. Aber es gibt viele Länder auf dieser Erde, denen das Geld dafür fehlt", sagt Kebben. Die zweifache Mutter glaubt, dass es in Deutschland vor allem an der Bereitschaft des Staates mangelt, Eltern mit aller Konsequenz deutlich zu machen, "was ihre Aufgabe ist". Kebben kam 1975 mit Unicef in Kontakt. Damals organisierte die pensionierte Leiterin einer Dümptener Kindertagesstätte mit Eltern einen Basar, der 1850 Mark in die Kassen von Unicef fließen ließ.
Ihre Mitstreiterin Goertz kam 1972 dazu. Damals wurde die Bankkauffrau in der Speldorfer Sparkasse von Luise Schlebusch angesprochen, die damals die Ortsgruppe leitete und fragte, wie man den Verkauf der Unicef-Grußkarten ankurbeln könne. Goertz schaltete sich ein und fand bei ihren Kollegen breite Unterstützung.

"Ich habe gelesen, dass weltweit täglich 60 000 Kinder an Krankheiten wie Durchfall oder Masern sterben, weil sie in ihren Ländern nicht angemessen behandelt werden können", erinnert sich Goertz an ein Schlüsselerlebnis. Dass heute nur noch halb so viele Kinder auf der Welt an behandelbaren Krankheiten sterben, sieht sie, trotz der immer noch viel zu hohen Sterblichkeitsraten, als einen Fortschritt, der auch auf den Einsatz von Unicef zurückzuführen ist.

Als Kebben und Goertz in die Unicef-Gruppe Mülheim/Oberhausen einstiegen, gab es diese bereits über ein Jahrzehnt. Die ersten Grußkarten verkauften Frauen vom Deutschen Frauenring schon vor 50 Jahren. Da existierte Unicef Deutschland gerade fünf Jahre. Verkaufsstelle war ein von Heimtrud Neveling und ihrer Schwester betriebenes Geschäft an der Leineweberstraße.

1986 konnte Unicef seinen ersten eigenen Laden an der Mülheimer Trooststraße eröffnen, ehe man 2004 in den heutigen Laden an der Dimbeck umzog. In den 80er Jahren begannen Kebben und Goertz die Informationsarbeit der örtlichen Unicef-Gruppe aufzubauen. Sie wollten sich nicht länger damit begnügen, auf Adventsmärkten und Basaren Grußkarten zu verkaufen. Sie wollten in Schulen, Kindergärten, Kirchengemeinden und bei Gruppen und Verbänden erklären, was Unicef weltweit leistet. "Das ist doch Zeitverschwendung. Das bringt kein Geld", bekamen sie anfangs zu hören. Doch Kebben und Goertz setzen auf die Langzeitwirkung ihrer bewusstseinsbildenden Informationen über die Arbeit von Unicef. Immer wieder haben sie erlebt, wie nach Vorträgen oder Projektwochen in Schulen plötzlich kleinere und größere Spenden bei der Unicef-Gruppe eingingen. Da verkauften Grundschulkinder aus eigener Initiative selbst gesammelte und bemalte Steine. Oder zwei Schüler starteten an ihren Schulen einen Spendenaufruf für die Unicef-Nothilfe im vom Erdbeben heimgesuchten Haiti und brachten so insgesamt 10 000 Euro auf. Auch Benefizkonzerte der Musikschule, der Otto-Pankok-Schul-Big Band oder bei den Herbstblättern 2010 waren das Ergebnis einer Netzwerk- und Informationsarbeit.

Kebben und Goertz haben sich 2000 und 2004 in Guatemala und Vietnam ein Bild gemacht, wie Unicef hilft, etwa durch den Bau von Schulen und Wasserleitungen, die Kindern Bildung und sauberes Wasser bringen. "Die Dankbarkeit der Menschen zu sehen und auch ihre Bereitschaft zu erleben, selbst mit anzupacken, um ihr Leben zu verbessern, ist für mich ein Gewinn, von dem ich bis ans Ende meiner Tage zehren werde", erinnert sich Goertz an ihre Reise nach Guatemala. Auch Kebben, erlebte in Vietnam, wie mit Hilfe von Unicef Dörfer mit sauberem Wasser versorgt werden konnten. "Alle Projekte laufen jeweils über fünf Jahre und werden von Unicef-Mitarbeitern vor Ort kontrolliert. Unicef trägt jeweils 40 Prozent der Projektkosten. Weitere 40 Prozent müssen die jeweiligen Landesregierungen bezahlen. Und 20 Prozent bringen die Hilfeempfänger vor Ort durch Geld- oder Sach- und Arbeitsleistungen aufbringen", erklärt Kebben die Arbeitsweise.

2007 erlebten Kebben, Goertz und ihre rund 60 ehrenamtlichen Helfer in der örtlichen Gruppe einen herben Rückschlag, weil Unicef Deutschland durch einen mit 250 000 Euro dotierten Beratervertrag für den Umbau seiner Geschäftsstelle in die Schlagzeilen geriet. "Gott sei Dank haben die Menschen vor Ort zwischen unserem ehrenamtlichen Engagement und den von hauptamtlichen Mitarbeitern begangenen Fehler unterschieden. Aber bundesweit hat uns das einen Spendenrückgang von etwa 25 Millionen eingebracht", erinnert sich Goertz. Und Kebben gibt zu: "Daran haben wir bis heute zu arbeiten." Dass der jährliche Spenden- und Verkaufsumsatz der Unicef-Gruppe in den letzten zehn Jahren von 130 000 auf etwa 90 000 Euro zurückgegangen ist, führen sie aber nicht auf die Affäre, sondern darauf zurück, "dass die Menschen immer weniger schreiben".

Der Unicef-Laden liegt an der Mülheimer Dimbeck 57. Er ist dienstags und donnerstags von 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr geöffnet. Außerdem ist er donnerstags nach einer Mittagspause noch einmal von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Die Unicef-Karten, Kalender und Briefpapier können bei Bedarf aber auch per Post ins Haus geschickt werden. Unicef ist in Mülheim unter
Telefon: 38 38 28 oder per E-Mail an: info@muelheim.oberhausen.unicef.de erreichbar. Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.muelheim.oberhausen.unicef.de
Ihr Jubiläum feiert die örtliche Unicef-Gruppe unter anderem am 7. Mai von 14 bis 18 Uhr mit einem Tag der offenen Türe im Sportpark an der Mintarder Straße sowie am 14. Mai von 11 bis 15 Uhr im Unicef-Laden an der Dimbeck. Darüber hinaus sind für den Juli ein Danke-Schön-Fest für Freunde und Förderer und für den Herbst eine Benefizveranstaltung mit der Mülheimer Schriftstellerin Elke Müller-Mees und dem MPI-Mitarbeiter und Pianisten Nuno Maulide geplant.

Dieser Text erschien am 10. März 2011 in der NRZ

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