Samstag, 7. Mai 2011

Je früher desto besser: Wenn Jugendhilfe ins Rollen kommt: Eindrücke von einer Stadtrundfahrt mit dem Jugendamt






Bustouren mit Journalisten kennt man aus Wahlkämpfen. Das Jugendamt macht am gestrigen Montag Wahlkampf in eigener Sache. Im Rahmen der bundesweiten Imagekampagne "Das Jugendamt - Unterstützung, die ankommt", lud es Pressevertreter zur Bustour. Auf dem Fahrplan stehen wichtige Stationen der Jugendhilfe, die dafür sorgt, dass Kinder und Jugendliche in Fahrt kommen und im Leben ihre Richtung finden.







Schon beim ersten Halt in der städtischen Kindertagesstätte Pusteblume an der Kaiser-Wilhelm-Straße in Styrum wird deutlich: Auf die Starthilfe kommt es an. Hier betreuen elf Erzieherinnen 73 Kinder, die zu 60 Prozent aus Zuwanderefamilien kommen. "Die Lebensverhältnisse der Familien haben sich sehr verändert. Die Eltern brauchen mehr Beratung und Unterstützung", sagt Kita-Leiterin Marina in der Heiden. Während die Jugendhilfetouristen eintreffen, verlassen gerade einige Eltern das Haus, die am sogenannten Rucksackkurs teilgenommen haben, der ihnen pädagogisches Rüstzeug mitgibt und ihnen hilft, den Rucksack, den ihre Kinder auf dem Lebensweg tragen müssen, leichter zu machen, durch gezielte Förderung und Erziehungstipps. Im Styrumer Familienzentrum kommen Hilfe und Beratung nicht stigmatisierend, sondern niederschwellig daher, ob im Rucksackkurs, beim Elterncafe und Elternfrühstück oder in den Bildungsräumen der Kita. Dort können Kinder spielerisch experimentieren, werken, musizieren oder auch Matschen. "Das fördert die Motorik und die Sprache, weil sich die Kinder ja auch unterhalten müssen", weiß in der Heiden. Frühkindliche, individuelle Betreuung und Förderung. Dafür steht auch die studierte Pädagogin und Tagesmutter Iris Wegner, die mit zwei ihrer Schützlinge in den Jugendhilfebus eingestiegen ist. "Die Eltern schätzen die kleinen Gruppen. Man kann viel bewirken und den Eltern den Wiedereinstieg ins Berufsleben leichter machen", sagt Wegner über ihre pädagogische Basisarbeit, die mit 3,50 Euro pro Kind und Stunde nicht gerade üppig bezahlt wird.







Was passieren kann, wenn die Frühförderung nicht gegriffen hat und das Kind in den Brunnen gefallen ist, zeigt die nächste Station in der benachbarten Styrumer Sozialagentur, wo die Sozialarbeiter Andrea Moser und Denis Leusmann Erziehungs- und Jugendgerichtshilfe leisten. "90 Prozent der Eltern nehmen die Hilfe gerne an", betont Moser. Ihr Kollege Leusmann berichtet von Halbwüchsigen mit langem Strafregister, das vom einfachen Ladendiebstahl und Fahren ohne Führerschein bis zur schweren Körperverletzung mit Todesfolge reicht. 771 Jugendgerichtshilfefälle haben er und seine Kollegen allein 2009 bearbeitet. In 230 Fällen konnte das Verfahren eingestellt werden. Wenn Leusmann von der Begleitung seiner Klienten spricht, von Täter-Opfer-Ausgleich-Gesprächen, Sozialdiensten, erlebnispädagogischen Maßnahmen, Gerichtsverfahren, Arrest- und Haftstrafen, ahnt man wie viel Zeit, Kraft und Geld es kostet, Jugendliche wieder auf den rechten Weg zu bringen, wenn sie erst mal auf die schiefe Bahn geraten sind. "Es ist oft die wirtschaftliche Not. Viele Familien haben nicht nur ein Problem. Da gibt es Streit ums Geld und dann ist oft auch Alkohol im Spiel. Viele Menschen können ihre Probleme nicht mehr selber in der Familie lösen", schildert die Leiterin des Kommunalen Sozialen Dienstes, Martina Wilinski (Foto) die sozialen Hintergründe mancher Jugendhilfekarriere.







Wie man schon am Lebensanfang dafür sorgen kann, dass Kind und Co erst gar nicht auf die schiefe Bahn kommen, zeigt die nächste Station an der Viktoriastraße, wo Cornelia Gier und ihre Kolleginnen aus dem Bereich Schwangerenberatung, Familienbesuchsservice und frühe Hilfen davon berichten, dass immerhin 85 Prozent der 1260 Eltern, die im letzten Jahr ein Kind bekamen, sich gerne vom Jugendamt besuchen und mit Informationsmaterial rund um Erziehung und Gesundheit versorgen ließen. "Die Leute lassen uns rein", freut sich Erzieherin Silke Lohschelder. Zu ihnen gehörte auch die 22-jährige Jennifer, die selbst in einer Pflegefamilie aufwuchs und nach der Fachoberschulreife und einer Ausbildung zur Busfahrerin inzwischen ihr zweites Kind erwartet: "Das hat mir gut getan", sagt sie über die Hilfe, die sie durch das Jugendamt, erst als Kind und jetzt als Mutter , erfahren hat. Mit Unterstützung des Jugendamtes bekam sie nicht nur Geld für ihre Schwangerschaftskleidung, sondern auch, wie sie es empfand, wegweisende Informationen und soziale Kontakte zu anderen Eltern, für die zum Beispiel Babykurse und Krabbelgruppen angeboten werden.







Doch was passiert, wenn Eltern ihrer Aufgabe, als Erziehungsberechtigte, trotz Hilfestellung, nicht wahrnehmen können oder wollen? Dann kommen Sandra Klees und Andrea Rumswinkel vom Pflegekinder- und Adoptionsdienst ins Spiel. Von ihnen erfahren wir an der Bülowstraße in Broich, dass derzeit 134 Kinder in 120 Pflegefamilien aufwachsen, weil ihr Wohl im Elternhaus nicht gewährleistet werden kann. "Wir suchen Familien, die sich in ein Kind verlieben wollen", sagt Rumswinkel und macht keinen Hehl daraus, dass das Jugendamt noch mehr Pflegefamilien gebrauchen könnte. Doch die Hürden zur Pflegeelternschaft sind nicht ohne. Wirtschaftliche und gesundheitliche Stabilität müssen die Pflegeeltern ebenso mitbringen, wie ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und emotionale Wärme zu geben. All das schaffen zwei Pflegeeltern aus dem Mülheimer Süden, die zwei Jungs (7 und 3) aufziehen. "Das, was einem mit einem Pflegekind passieren kann, kann einem auch mit einem leiblichen Kinder passieren", sagt die Pflegemutter, die selbst keine Kinder bekommen konnte. Doch wenn sie berichtet, wie ihr dreijähriger Pflegesohn gerade zum ersten Mal seine Schuhe selbst zugebunden hat, ahnt man, was sie und Rumswinkel meinen, wenn sie sagen: "Die glücklichen Momente überwiegen alle Probleme." Dafür spricht auch die Tatsache, dass in den letzten 13 Jahren nur drei Pflegeeltern ihrer Aufgabe nicht gewachsen und ihre Pflegekinder wieder abgeben mussten.







Zum guten Schluss der Jugendhilfetour, erklärt der für Dümpten und Winkhausen zuständige Teamleiter des Kommunalen Sozialen Dienstes, Tobias Klempel, im alten Bürgermeisteramt an der Mellinghofer Straße, was "sozialräumliche Hilfen zur Erziehung" bedeutet. "Wir können jeden Fall aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und schneller eine Kurskorrektur vornehmen", beschreibt er den Vorteil des wöchentlichen Fallkonferenzen, zu denen sich die koordinierenden Kollegen vom KSD mit ihren Kollegen aus den Wohlfahrtsverbänden treffen. Er macht die Erfahrung, dass die sozialen Problemlagen in den Nordstadtteilen deutlich schwieriger sind als in den Linksruhrstadtteilen, bestätigt aber auch: "Man lässt und heute eher rein." Langfristig wollen Klempel und seine Kollegen mit ihrer sozialräumlichen Sozialarbeit Netzwerke mit Gemeinden, Schulen, Kitas und Vereinen schaffen, um wie in der guten alten Dorfgemeinschaft die soziale Kontrolle und damit das soziale Frühwarnsystem zu stärken: "Das klappt immer besser. Es gibt aber noch Luft nach oben", lautet seine Zwischenbilanz.







Zu dem von Dieter Schweers geleitete Jugendamt gehören derzeit 481 Mitarbeiter. Davon sind 60 in dem von Martina Wilinski geleiteten Kommunalen Sozialen Dienst und 376 als Erzieherinnen in den städtischen Kindertagesstätten tätig. Hinzu kommen vier Erziehungsberater, 23 Jugendarbeiter sowie 15 Mitarbeiter, die für den Bereich der Vormundschaften zuständig sind. Zentrale Bedeutung für die praktische Jugend- Erziehungshilfe, die das Jugendamt vor Ort leistet, kommt den 21 Bezirkssozialarbeitern des Kommunalen Sozialen Dienstes zu, die jeweils 80 bis 90 Familien begeleiten und eng mit ihren Kollegen aus den Wohlfahrtsverbänden Diakonie, Caritas und Arbeiterwohlfahrt zusammenarbeiten. Rund 1300 Familien werden im Rahmen Erziehungshilfe kontinuierlich und rund 2000 niederschwellig und punktuell begleitet. Die Zahl der Fälle, in denen Familien kontinuierliche Erziehungshilfe benötigten ging im Vergleich zu 2009 um rund 200 zurück. Insgesamt wendet die Stadt rund 63 Millionen Euro für ihre Jugendhilfe auf. Dabei entfallen 24 Millionen Euro auf Hilfen für Kinder und Familien und 39 Millionen auf Jugendarbeit, Erziehungsberatung und Kindertagesstätten. Rund 20 Millionen Euro fließen dem Jugendhilfeetat der Stadt durch Landeszuschüsse und Elternbeiträge. Die Gesamtaufwendungen des Stadthaushaltes liegen 2011 bei 573,9 Millionen Euro.



Dieser Text erschien am 3. Mai 2011 in der NRZ 

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