Sonntag, 8. Mai 2011

Warum der Hausarzt Markus Becker seinen Beruf als Traumjob ansieht und seine Praxis mit viel Familiensinn führt








Steuern wir vor allem in sozial schwächeren Stadtteilen, in denen fast ausschließlich Kassenpatienten leben, auf einen Hausärztemangel zu, weil sich der Betrieb einer Hausarztpraxis dort für Mediziner nicht mehr rechnet? Die örtliche Ärztekammer und die Fraktion WIR/Linke zeigen sich speziell mit Blick auf Styrum, wo in diesem Jahr zwei von fünf Hausarztpraxen geschlossen werden sollen, besorgt. (Die NRZ berichtete) Schon heute muss ein Hausarzt im Ruhrgebiet, statistisch gesehen, rund 2200 Patienten versorgen, während im Rheinland und in Westfalen maximal 1700 Patienten auf einen Hausarzt kommen. Die FDP-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitikerin Ulrike Flach weist aus aktuellem Anlass darauf hin, dass das von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Versorgungsgesetz zu einer flexibleren Niederlassungsregelung führen wird, die auf den demografischen Wandel reagiert und auch dazu beiträgt, "dass auch in Mülheim durchaus mehr Allgemeinmediziner zugelassen werden könnten." Ist der Hausarztberuf heute wirklich so unattraktiv? Für die NRZ sprach darüber mit dem 52-jährigen Hausarzt und Sportmediziner Dr. Markus Becker, der seit 1990 in der Stadtmitte praktiziert und dessen Praxis gestern als familienfreundlicher Betrieb ausgezeichnet wurde.





Warum sind Sie selbst Hausarzt geworden?



Für mich gab es dazu nie eine ernsthafte Alternative und ich würde meine Entscheidung auch heute nicht anders treffen, weil Sie nur als Hausarzt alle medizinischen Bereiche abdecken können. Man hat einfach ein ganz weites Spektrum, in dem man sich engagieren kann.





Warum erscheint es aber dann jungen Medizinern oft so unattraktiv, sich als Hausarzt niederzulassen?




Das ist vor allem ein innerärztliches Problem. Die Hausärzte galten unter den Medizinern lange als schlecht ausgebildete Barfußärzte, Das hat sich aber inzwischen geändert, weil Hausärzte alle fünf Jahre weitergebildet werden und auch mindestens drei Jahre im Krankenhaus gearbeitet haben müssen, so dass sie heute sehr breit ausgebildet sind.Frage: Verdienen Sie als Hausarzt denn schlechter als Ihre Facharztkollegen?Antwort: Ich fühle mich gut honoriert. Das ist aber ein Produkt der letzten fünf Jahre, in denen sich jede gesundheitspolitische Reform zugunsten der Haus- und zu Lasten der Fachärzte ausgewirkt hat. Davor haben die Fachärzte deutlich besser verdienst als die Hausärzte.





Wie werden Sie denn als Hausarzt bezahlt?



Wir bekommen als Hausarzt eine Pauschale pro Patient, die in Nordrhein-Westfalen zurzeit bei 38 Euro liegt. Ein Hausbesuch wird für 40 Euro natürlich nicht mehr gefahren. Die Leute müssen reinkommen. Aber wenn Sie Ihre Praxis betriebswirtschaftlich gut strukturieren, nicht zu viel Technik hereinbringen und genug Patienten haben, kann man als Hausarzt durchaus ein gutes Einkommen haben.





Bekommen wir einen Hausärztemangel?



Den bekommen wir nicht. Der ist schon da. Wir haben einfach zu wenig Ärzte. Hinzu kommt, dass 60 Prozent der Medizinstudenten Frauen sind, die später nicht 50 bis 60 Stunden pro Woche arbeiten möchten und zu Recht eine Familie in ihre Arbeit integrieren möchten. Viele Kollegen gehen auch in die Pharmaindustrie, zu Gesundheitsbehörden oder zu den Krankenkassen. Deshalb stehen für die Patientenversorgung immer weniger Kollegen zur Verfügung.





Haben wir in Mülheim bei der Hausärzteversorgung ein Nord-Süd-Gefälle?



Ich glaube, dass es sich hier eher um eine zufällige Häufung von Praxisaufgaben in Styrum handelt. Ich selber habe zur Zeit einen jungen Assistenten, der sich nach dem Abschluss seiner Ausbildung im kommenden Jahr in Dümpten als Hausarzt niederlassen wird und dem ich eine goldene Zukunft voraussage. Wenn man sich als Hausarzt in einem eher unterversorgten Stadtteil niederlässt, hat man unter dem Strich auch ein besseres Einkommen als in einem eher gut versorgten Stadtteil.





Verdienen Hausärzte im Norden der Stadt weniger als im Süden, weil es im Norden mehr Kassen- und nur wenige Privatpatienten gibt?




Das kann ich nicht sagen. Wenn ich eine Praxis mit 1000 Kassenpatienten habe, die ich zum Beispiel in ein Hausarztprogramm einschreibe und auch Krebs-Check-Ups oder Vorsorgeuntersuchungen anbiete, die außerhalb des Budgets bezahlt werden, kann ich mit einer gut gefüllten Kassenpraxis auch ein gutes Einkommen erzielen.





Markus Becker versteht seine Hausarztpraxis, die von der Stadt und dem Mülheimer Bündnis für Familie als familienfreundlicher Betrieb ausgezeichnet worden ist, als einen "sehr personenbezogenen" Betrieb. Er orientiert sich nicht nur am Wohl der Patienten, sondern auch am Wohl seiner Mitarbeiterinnen Becker hat Mut zu einem "sehr komplexen und flexibelen" Arbeitszeitmanagement. Die Arzthelferinnen in seiner Praxis können ihre Arbeitszeit frei einteilen und können auch mal zu Hause bleiben, wenn das Kind eingeschult wird oder krank ist und die Mitarbeiterin als Mutter gefordert ist. Auch bei der Finanzierung von Fahrt- oder Kinderbetreuungskosten lässt Bäcker seine Mitarbeiterinnen nicht alleine. Arzthelferin Tanja Klein arbeitet seit zehn Jahren in der Praxis Bäcker. Sie sagt über ihren "ausgezeichneten" Chef: "Ich fühle mich hier wie in einer Familie gut aufgehoben. Unser Chef ist ein Arbeitgeber der gute Leistungen auch be- und gut entlohnt. Außerdem machen wir als Praxisteam einmal pro Jahr eine gemeinsame Wochenendreise. Wir waren schon in Rom, Venedig und Pisa. Das macht Spaß und man wächst als Team auch viel besser zusammen."







Dieser Text erschien am 7. Mai 2011 in der NRZ

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