Dienstag, 22. März 2011

Gemeinsam zu neuer Stärke: Warum sich die Kolpinfamilien Zentral und Heißen-Heimaterde zusammengeschlossen haben



„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Etwas von diesem zeitlos gültigen Satz des Dichters Hermann Hesse war auch am Sonntag im Gemeindesaal von St. Theresia in Heimaterde zu spüren. Da wurde zur Feier des Tages eine Hochzeitstorte angeschnitten. Zuvor hatten sich die Kolpingfamilien Zentral und Heimaterde auf ihren Jahreshauptversammlungen das Ja-Wort für eine Fusion gegeben, bei der es, anders als in der Wirtschaft, nur Gewinner gibt.



„Wir haben bereits seit 2007 zusammengearbeitet“, sagt Andreas Pöhlmann aus Heimaterde zur Vorgeschichte der Fusion. Der 43-Jährige bildet zusammen mit Peter Prions und dem bisherigen Vorsitzenden der Kolpingfamilie Zentral, Peter Vieten, das Sprecherteam der neuen Kolpingfamilie Mülheim-Zentral-Heimaterde bildet.Demografischer Wandel„Als ich vor fast 50 Jahren zu Kolping kam, hatten wir noch rund 250 Mitglieder. Heute sind wir noch 20,“ beschreibt der 69-jährige Vieten den demografischen Wandel der 1856 noch mit der Unterschrift von Gesellenvater Adolph Kolping gegründeten Kolpingfamilie Zentral.



Ohne die jetzt vollzogene Fusion wäre diese Keimzelle des Mülheimer Kolpingwerkes zwangsläufig ihrer Auflösung entgegengegangen. Mit der Fusion ist jetzt eine neue Kolpingfamilie mit alten Wurzeln entstanden, zu der jetzt immerhin 180 Mitglieder zählen. 58 von ihnen sind jünger als 18 Jahre.„Wir müssen bei unseren Veranstaltungen mehr auf Klasse statt auf Masse setzen und vor allem unser Angebot für Kinder und Jugendliche ausbauen“, gibt Pöhlmann die Richtung vor. Wenn man das versäume, so glaubt er, werde die Kolpingfamilie in 50 oder 60 Jahren nicht mehr existieren.



Doch Pöhlmann, dessen kleiner Sohn auch schon bei Kolping mitmacht, sieht Ansatzpunkte, die ein positive Entwicklung befördern könnten.



„Wir haben hier in Heimaterde eine relativ große Messdienergruppe und viele junge Familien mit Kindern“, betont der Kolpingbruder und verweist in diesem Zusammenhang auch auf das seit vielen Jahren erfolgreiche Kolping-Kinderfest in der Heimaterde.Mit Blick auf die Nachwuchsförderung fängt die neue Kolpingfamilie am kommenden Sonntag, 20. März, schon mal an, indem sie nach dem Gottesdienst, der um 9.45 Uhr in St. Theresia vom Kinde Jesu beginnt, zu einem Spielevormittag mit Familienfrühschoppen ein, Außerdem plant man für den Juni ein Zeltlager für Groß und Klein in Warburg. Natürlich will man neben den Angeboten für den Nachwuchs auch bewährte Angebote wie etwa den Seniorennachmittag auf dem Kirchenhügel nicht vernachlässigen. Dass man bei der neuen Kolpingfamilie keine kritischen Themen scheut, zeigten jüngste Bildungsveranstaltungen rund um Krankenhauskeime und Kirchenaustritte. Kontakte zu einer polnischen Kolpingfamilie sowie die regelmäßige Unterstützung von Entwicklungsprojekten in Brasilien und Uganda machen deutlich, dass man bei Kolpings in Stadtmitte und Heimaterde nicht nur auf die Kirchtürme von St. Mariae Geburt und St. Theresia schaut,



Peter Vieten ist davon überzeugt, dass der alte Kolping-Mix aus Bildung und Geselligkeit auch in einer stärker individualisierten und deshalb manchmal auch anonymeren Stadtgesellschaft weiterhin gefragt ist: „Wir müssen den Leuten nur klar machen, dass man nicht unbeding Katholik sein muss, um bei uns mitmachen zu können“, glaubt er.Man trifft sich dienstags um 20 Uhr, abwechselnd im Gemeindesaal von St. Theresia an der Kleiststraße/Ecke Max-Halbach-Straße oder in der Begegnungsstätte von St. Mariae Geburt an der Pastor-Jakobs-Straße 6. Telefonische Auskünfte unter der Rufnummer 78 21 660.



Dieser Text erschien am 17. März 2011 in NRZ und WAZ

Montag, 21. März 2011

Angst, wie sie im Bilderbuch steht: Eine literarische Spurensuche in der katholischen Akademie Die Wolfsburg


Angst gilt im internationalen Vergleich als eine typisch deutsche Eigenschaft. Die German Angst wurde zum feststehenden Begriff für ein Land, in dem Verlust- und Existenzängste vor dem Hintergrund der traumatischen Erfahrungen von Inflation, Krieg und Diktatur besonders ausgeprägt sind und die aktuell vor allem in der Angst münden, dass unsere Gesellschaft den Wohlstand verlieren könnte, den uns das westdeutsche Wirtschaftswunder nach 1945 bescherte.

Wenn Eltern heute zum Beispiel um ihren Arbeitsplatz und das Familieneinkommen fürchten müssen, bekommen natürlich auch die Kinder die Angst zu spüren. Auch Grundschulkinder haben heute schon Schulstress und die durch ihre Eltern vermittelte Angst, den Leistungsansprüchen nicht genügen und damit Zukunftschancen nicht bekommen zu können.


"Doch diese realistischen Ängste, etwa vor Armut oder Missbrauch spielen in den Bilderbüchern keine Rolle. In den meisten Bilderbüchern herrscht immer noch der Trend zur heilen Welt vor." Stattdessen, so Linsmann weiter, würden vor allem die Angst vor dem Einschlafen, vor der Dunkelheit oder vor dem ersten Schultag beschrieben. Zu diesem Ergebnis kam Maria Linsmann bei einer Tagung zur Thematisierung der Angst in der Kinder und Jugendliteratur.
Auf Einladung des Medienforuns und der katholischen Akademie diskutierten 150 Bibliothekarinnen und Pädagoginnen jetzt darüber, wie Kinder- und Jugendliteratur dem Nachwuchs helfen kann, Ängste zu erkennen, auszudrücken und so zu verarbeiten. Gleich zum Auftakt der Tagung machte Akademieleiter Michael Schlagheck deutlich: "Angst gehört zu unserem Leben. Sie kann nicht vermieden werden. Angst begegnet uns mit einem Doppelgesicht, kann uns hemmen und lähmen, aber auch aktivieren, fördern, uns bei unserer Entwicklung helfen. Ein Leben ohne Angst wäre nicht denkbar, wäre geradezu fatal."

An einigen Beispielen konnte Linsmann in ihrem Vortrag aufzeigen, dass gerade das gute alte Bilderbuch Kindern in der pädagogisch prägenden Frühphase helfen kann, Ängste "zu verbalisieren, zu akzeptieren und so auch zu überwinden." Nicht nur Willi Wiberg, der seine Schulangst überwindet, als er feststellt, dass auch seine Lehrerin ihre Angst vor der neuen Klasse mit dem Kauf eines neuen Kleides und einem Besuch beim Friseur besänftigen musste, der Cowboy, der seine Angst vor Pferden überwinden muss und deshalb erst mal lieber Fahrrad fährt als zu reiten oder der Ritter Sir Fred, der seine Furcht vor der Dunkelheit erst durch ein nächtliches Rendezvous mit der Dame seines Herzens überwindet, sorgten im Auditorium für erhellende Heiterkeit. In der Diskussion waren sich die Tagungsteilnehmerinnen einig, dass Eltern ihren Kindern bei der Bilderbuchlektüre "mehr zutrauen sollten."


Warum Eltern, wie Linsmann feststellte, in der Regel vor dem Kauf von Bilderbüchern zurückschrecken, die schwierige und kritische Themen aufgreifen, beantwortete die Psychoanalytikerin Dagmar Lehmhaus mit ihrer These, dass Eltern immer noch den Anspruch hätten, für ihre Kinder angstfreie Räume zu schaffen." Das war, wie Bilderbuchexpertin Linsmann deutlich machte, noch bis in die 1950er Jahre anders, als Angst auch in der Kinderliteratur, siehe Struwwelpeter oder Max und Moritz, in der Kinderliteratur als Instrument der Abschreckung eingesetzt wurde, um Kinder zu regelgerechtem Verhalten zu erziehen.


"Wir bekommen hier wissenschaftlich fundierte Anregungen und Impulse", beschrieben die beiden Pädagoginnen Claudia Michels und Hella Theill den Mehrwert der literarischen Spurensuche in der Wolfsburg. Für beide steht fest, dass das Lesen und Vorlesen Kinder positiv prägt und in ihrer persönlichen Entwicklung stärkt. Sie sehen aber auch "einen immer größer werdenden sozialen Spalt" zwischen den Elternhäusern, in denen viel gelesen und vorgelesen wird und jenen, in denen es kein einziges Buch gibt.


Dieser Text erschien am 18. März 2011 im Ruhrwort

Sonntag, 20. März 2011

Die Dümptener Gemeinde St. Barbara erinnerte an eine starke Frau: Elisabeth Groß wurde vor 110 Jahren geboren


In einer Zeit, in der mehr als jede dritte Ehe geschieden wird und die Patchworkfamilie als der Normalfall erscheint, fragen sich viele Menschen, ob Ehe und Familie noch ein tragfähiges Lebensmodell sein können. Dass sie dies sehr wohl sein können, wenn sich beide Partner vom christlichen Fundament aus Liebe, Glaube und Hoffnung tragen lassen, machte die Hommage deutlich, mit der die Dümptener Gemeinde St. Barbara am 11. März den 110. Geburtstag von Elisabeth Groß feierte.


Diakon Bernhard Groß, der an der Gedenkstunde in St. Barbara teilnahm, nannte das Eheleben seiner Eltern ein Beispiel dafür, "dass es einen tieferen Sinn hat, wenn sich Paare an ihr Eheversprechen halten und in guten wie in bösen Tagen beieinander bleiben." So war die Erinnerung an das außergewöhnliche Lebens- und Glaubensbeispiel für die 80 Zuhörer in St. Barbara ein willkommener geistlicher Impuls für die soeben begonnene Fastenzeit.
Die Bochumer Schauspielerin Maria Wolf und Ralf Schumacher, der in dem seit 1997 von Gemeindemitgliedern immer wieder aufgeführten Nikolaus-Groß-Musical den ebenfalls im Kampf gegen Hitler ums Leben gekommenen Dr. Otto Müller spielt, lasen Texte von Elisabeth und Nikolaus Groß, die ebenso wie die Texte anderer Zeitzeugen und Wegbegleiter deutlich machten, dass auch für den Arbeiterführer, Journalisten, Familienvater und Widerstandskämpfer Nikolaus Groß galt: Hinter jedem starken Mann, steht eine starke Frau.
Diese starke Frau lernte Nikolaus Groß 1920 kennen und lieben. 1923, auch damals schon in wirtschaftlich und politisch schwieriger Zeit, gaben sie sich das Jawort für das gemeinsame Leben, das sie später mit sieben Kindern teilten. Nach der Ermordung ihres Mannes durch die Nazis musste Elisabeth Groß diese sieben Kinder allein erziehen und ernähren. Neben dieser schweren Aufgabe engagierte sie sich in Kirche und Gesellschaft, etwas bei der Mitarbeit in Entnazifizierungsausschüssen oder in der CDU und in der Katholischen Frauengemeinschaft KFD. Sechs Jahre vor ihrem Tod (1972) wurde ihr Einsatz mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.


An dem Tag, an dem Elisabeth Groß, wie es ihr Sohn Bernhard formulierte: "ihr 110. Lebensjahr in Gottes zeitloser Ewigkeit vollendet hat" erlebten die Besucher in St. Barbara nicht nur in Texten, sondern auch in den von Verena Rützel gesungenen und dem Organisten Burkhard Maria Kölsch, der Violinistin Gabi Gräfe und der Fötistin Cornelia Bentlage musikalisch begleiteten Elisabeth-Groß-Liedern aus dem Nikolaus-Groß-Musical, dass uns Elisabeth und Nikolaus Groß mit ihrem großen Gottvertrauen und ihrer großen Liebe noch viel zu sagen haben. "Sie haben eine Liebe gelebt, die man heute als Ehepaar vielleicht nicht erreichen, aber doch als Ideal anstreben kann", glaubt Lektor Ralf Schumacher: Und seine Mitlektorin Maria Wolf (Foto), die unter anderem aus Nikolaus Groß‘ Buch "Sieben um einen Tisch" las, findet als Mutter wegweisend, dass Groß seine Kinder als "liebe Gäste" bezeichnete, denen man durch Führung und Freiheit rechtzeitig helfen müsse, zu brauchbaren Menschen heranzureifen.


Elisabeth Groß erinnerte sich 1964 in der Ketteler Wacht: "Es war eine, grausame, herzzerbrechende und doch gnadenreiche Viertelstunde. Ich höre noch die bestimmten Worte des SS-Mannes: "Die Viertelstunde ist zu Ende." Wir nahmen Abschied voneinander, indem wir uns gegenseitig das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn machten, und tief seufzte er: "Auf Wiedersehen in einer besseren Welt." (...) "Dann begann für mich eine harte Zeit, allein mit sieben unversorgten Kindern. Und doch darf ich sagen: wenn ich in Not und Verzweiflung war, habe ich das Bild meines Mannes angeschaut und ihn um Hilfe gebeten. Und Gott hat dann immer wunderbar, oft wirklich durch ein Wunder, geholfen."


Nikolaus Groß schreibt in seinem Abschiedsbrief im Januar 1945: "Besonders Dir, liebe Mutter, muß ich noch danken. Als wir uns vor einigen Tagen für dieses Leben verabschiedeten, da habe ich, in die Zelle zurückgekehrt, Gott aus tiefem Herzen gedankt für Deinen christlichen Starkmut. Ja, Mutter, durch Deinen tapferen Abschied hast Du ein helles Licht auf meine letzten Lebenstage gegossen. Schöner und glücklicher konnte der Abschluß unserer innigen Liebe nicht sein, als er durch Dein starkmütiges Verhalten geworden ist. Ich weiß: Es hat Dich und mich große Kraft gekostet, aber daß uns der Herr diese Kraft geschenkt, dessen wollen wir dankbar eingedenk sein."


Dieser Beitrag erschien am 18. März 2011 im Ruhrwort

Montag, 14. März 2011

Ein Vortrag des Stadtarchivars Kai Rawe zeigte jetzt, dass Arbeit auch vor 100 Jahren nur das halbe Leben war

Mal ehrlich. Die meisten Gespräche beginnen mit der Frage: „Was machen Sie eigentlich beruflich?“ Auch wenn Großeltern oder Urgroßeltern aus ihrem Leben erzählen, drehen sich ihre Erinnerungen meistens um die Arbeit. Doch Arbeit ist bekanntlich nur das halbe Leben. Und so beleuchtete Stadtarchivar Kai Rawe in einem Vortrag, der rund 100 Zuhörer in die Alte Post lockte, die Freizeit der alten Mölmschen anno 1911.Was den Mülheimer des Jahres 2011 an seiner Zeitreise überraschte, war die Tatsache, dass es in Mülheim vor 100 Jahren fast 230 Gaststätten gab, die zum Teil über große Veranstaltungssäle verfügten. Der größte von ihnen war der in Eppinghofen gelegene Kirchholtes-Saal, der 1300 Gästen Platz bot und im Volksmund „Sinfoniescheune“ genannt wurde.

Dort gingen seit Beginn des 20. Jahrhunderts regelmäßig Abonnementkonzerte und 1911 sogar einige Opernaufführungen über die Bühne. Am Dirigentenpult stand der später berühmte Hans Knappertsbusch, der damals, 24-jährig, seine Karriere in Mülheim begann. Opernaufführungen, wie der „Barbier von Sevilla“ sollten im Kirchholtschen Saal allerdings ein Intermezzo bleiben, weil sie sich wirtschaftlich nicht rechneten.Zunehmender Beliebtheit erfreute sich vor 100 Jahren das Kino, damals noch als kinematografische Aufführungen angekündigt wurden. Sie flimmerten zum Beispiel im Zentralhallentheater an der Leineweberstraße oder bei Meyers Lichtspiel über die Leinwand. Der unbestrittene Star jener Stummfilmtage war Asta Nielsen. Auf dem Kinoprogramm standen 1911 so schauerliche Filmtitel wie „Abgrund“ oder „Die Morphinistin“, aber auch die experimentelle Vorführung von Röntgenstrahlen. Letzteres war, wie man heute weiß, ein fast selbstmörderisches Freizeitvergnügen.Ganz ungefährlich erstrahlte das Zentralhallentheater an der Leineweberstraße und andere große Säle, wie im Kahlenbergrestaurant anno 1911 bei Bällen, Konzerten und Festbanketten, mit denen man zum Beispiel am 27. Januar den Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. feierte.

Nicht ganz so gutbürgerlich, dafür aber frech-fröhlich ging es vor 100 Jahren im „Wilden Mann“ zu. Das Gasthaus an der Bachstraße machte vor allem mit seinen Damenorchestern Furore. Der Spaß an der Freude kam auch im Alhambra an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße nicht zu kurz. Dort wurden in der Fünften Jahreszeit 1911 Maskenbälle gefeiert, Karnevalskonzerte gegeben und Büttenreden geschwungen: „Alles jubelt. Alles lacht. Die neue Brücke Stimmung macht“ hieß es mit Blick auf die neu eröffnete Schloßbrücke.In einer Zeit, in der es weder Fernsehen noch Radio und auch noch keinen massenhaften Autoverkehr gab, suchten die damals rund 112. 000 Mülheimer ihr Freizeitvergnügen in zahlreichen Vereinen, Chören und Gaststätten vor der eigenen Haustür.

Das Kahlenbergrestaurant, das später zur Jugendherberge werden sollte, gehörte ebenso zu den beliebtesten Ausflugszielen der Stadt, wie Tersteegensruh im Witthausbusch, Haus Hammerstein im Uhlenhorst, das Rheinische Bauernhaus an der Delle, der Bürgergarten an der Aktienstraße oder das Monning-Viertel mit seinen zahlreichen Lokalitäten am Speldorfer Stadtrand.„Zur Arbeit gingen die meisten Menschen damals zu Fuß. Aber am Wochenende gönnten sie sich dann auf eine Straßenbahnfahrt ins Grüne, die damals noch ein echtes Erlebnis war“, schilderte Stadtarchivar Rawe in seinem Vortrag die mölmsche Freizeitmobilität der Kaiserzeit.Echte Publikumsmagneten jener Zeit waren auch die Broicher Kirmes, die 1911 mit den kleinen Pferden der Welt und mit sibirischen Wölfen aus dem Tierpark Hagenbeck lockte oder das Schützenfest der Selbecker St. Sebastianus-Bruderschaft, dass damals mit Umzügen, Musikkapellen, einem Ball, einem Feuerwerk und „anderen Volksbelustigungen“ auch in der Stadtmitte gefeiert wurde.

Dabei schlich sich auch die Politik in das scheinbar harmlose Freizeitvergnügen ein, wenn etwa die Militärmusiker des in Mülheim stationierten Infanterieregiments „patriotische Konzerte“ gaben oder bei einem marokkanischen Abend im Bürgergarten , bei dem der sogenannte „Panthersprung von Agadir“ nachgestellt wurde, mit dem das Kaiserreich durch die Entsendung eines Kanonenbootes nach Agadir 1911 seinen kolonialen Ambitionen Nachdruck verliehen hatte.

Dieser Beitrag erschien am 14. März 2011 in der NRZ

Donnerstag, 10. März 2011

Seit 50 Jahren leistet Unicef auch in Mülheim große Hilfe für kleine Menschen in aller Welt

Auch in unserer Stadt gibt es Kinder in Not. Warum engagiert man sich dann, wie es Anne Kebben und Ingrid Goertz es tun, seit fast 40 Jahren ehrenamtlich für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) und damit für arme Kinder in den Entwicklungsländern?
"Wir sind immer noch ein reiches Land, das in der Lage ist, Kindern alles zu geben, was sie brauchen. Aber es gibt viele Länder auf dieser Erde, denen das Geld dafür fehlt", sagt Kebben. Die zweifache Mutter glaubt, dass es in Deutschland vor allem an der Bereitschaft des Staates mangelt, Eltern mit aller Konsequenz deutlich zu machen, "was ihre Aufgabe ist". Kebben kam 1975 mit Unicef in Kontakt. Damals organisierte die pensionierte Leiterin einer Dümptener Kindertagesstätte mit Eltern einen Basar, der 1850 Mark in die Kassen von Unicef fließen ließ.
Ihre Mitstreiterin Goertz kam 1972 dazu. Damals wurde die Bankkauffrau in der Speldorfer Sparkasse von Luise Schlebusch angesprochen, die damals die Ortsgruppe leitete und fragte, wie man den Verkauf der Unicef-Grußkarten ankurbeln könne. Goertz schaltete sich ein und fand bei ihren Kollegen breite Unterstützung.

"Ich habe gelesen, dass weltweit täglich 60 000 Kinder an Krankheiten wie Durchfall oder Masern sterben, weil sie in ihren Ländern nicht angemessen behandelt werden können", erinnert sich Goertz an ein Schlüsselerlebnis. Dass heute nur noch halb so viele Kinder auf der Welt an behandelbaren Krankheiten sterben, sieht sie, trotz der immer noch viel zu hohen Sterblichkeitsraten, als einen Fortschritt, der auch auf den Einsatz von Unicef zurückzuführen ist.

Als Kebben und Goertz in die Unicef-Gruppe Mülheim/Oberhausen einstiegen, gab es diese bereits über ein Jahrzehnt. Die ersten Grußkarten verkauften Frauen vom Deutschen Frauenring schon vor 50 Jahren. Da existierte Unicef Deutschland gerade fünf Jahre. Verkaufsstelle war ein von Heimtrud Neveling und ihrer Schwester betriebenes Geschäft an der Leineweberstraße.

1986 konnte Unicef seinen ersten eigenen Laden an der Mülheimer Trooststraße eröffnen, ehe man 2004 in den heutigen Laden an der Dimbeck umzog. In den 80er Jahren begannen Kebben und Goertz die Informationsarbeit der örtlichen Unicef-Gruppe aufzubauen. Sie wollten sich nicht länger damit begnügen, auf Adventsmärkten und Basaren Grußkarten zu verkaufen. Sie wollten in Schulen, Kindergärten, Kirchengemeinden und bei Gruppen und Verbänden erklären, was Unicef weltweit leistet. "Das ist doch Zeitverschwendung. Das bringt kein Geld", bekamen sie anfangs zu hören. Doch Kebben und Goertz setzen auf die Langzeitwirkung ihrer bewusstseinsbildenden Informationen über die Arbeit von Unicef. Immer wieder haben sie erlebt, wie nach Vorträgen oder Projektwochen in Schulen plötzlich kleinere und größere Spenden bei der Unicef-Gruppe eingingen. Da verkauften Grundschulkinder aus eigener Initiative selbst gesammelte und bemalte Steine. Oder zwei Schüler starteten an ihren Schulen einen Spendenaufruf für die Unicef-Nothilfe im vom Erdbeben heimgesuchten Haiti und brachten so insgesamt 10 000 Euro auf. Auch Benefizkonzerte der Musikschule, der Otto-Pankok-Schul-Big Band oder bei den Herbstblättern 2010 waren das Ergebnis einer Netzwerk- und Informationsarbeit.

Kebben und Goertz haben sich 2000 und 2004 in Guatemala und Vietnam ein Bild gemacht, wie Unicef hilft, etwa durch den Bau von Schulen und Wasserleitungen, die Kindern Bildung und sauberes Wasser bringen. "Die Dankbarkeit der Menschen zu sehen und auch ihre Bereitschaft zu erleben, selbst mit anzupacken, um ihr Leben zu verbessern, ist für mich ein Gewinn, von dem ich bis ans Ende meiner Tage zehren werde", erinnert sich Goertz an ihre Reise nach Guatemala. Auch Kebben, erlebte in Vietnam, wie mit Hilfe von Unicef Dörfer mit sauberem Wasser versorgt werden konnten. "Alle Projekte laufen jeweils über fünf Jahre und werden von Unicef-Mitarbeitern vor Ort kontrolliert. Unicef trägt jeweils 40 Prozent der Projektkosten. Weitere 40 Prozent müssen die jeweiligen Landesregierungen bezahlen. Und 20 Prozent bringen die Hilfeempfänger vor Ort durch Geld- oder Sach- und Arbeitsleistungen aufbringen", erklärt Kebben die Arbeitsweise.

2007 erlebten Kebben, Goertz und ihre rund 60 ehrenamtlichen Helfer in der örtlichen Gruppe einen herben Rückschlag, weil Unicef Deutschland durch einen mit 250 000 Euro dotierten Beratervertrag für den Umbau seiner Geschäftsstelle in die Schlagzeilen geriet. "Gott sei Dank haben die Menschen vor Ort zwischen unserem ehrenamtlichen Engagement und den von hauptamtlichen Mitarbeitern begangenen Fehler unterschieden. Aber bundesweit hat uns das einen Spendenrückgang von etwa 25 Millionen eingebracht", erinnert sich Goertz. Und Kebben gibt zu: "Daran haben wir bis heute zu arbeiten." Dass der jährliche Spenden- und Verkaufsumsatz der Unicef-Gruppe in den letzten zehn Jahren von 130 000 auf etwa 90 000 Euro zurückgegangen ist, führen sie aber nicht auf die Affäre, sondern darauf zurück, "dass die Menschen immer weniger schreiben".

Der Unicef-Laden liegt an der Mülheimer Dimbeck 57. Er ist dienstags und donnerstags von 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr geöffnet. Außerdem ist er donnerstags nach einer Mittagspause noch einmal von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Die Unicef-Karten, Kalender und Briefpapier können bei Bedarf aber auch per Post ins Haus geschickt werden. Unicef ist in Mülheim unter
Telefon: 38 38 28 oder per E-Mail an: info@muelheim.oberhausen.unicef.de erreichbar. Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.muelheim.oberhausen.unicef.de
Ihr Jubiläum feiert die örtliche Unicef-Gruppe unter anderem am 7. Mai von 14 bis 18 Uhr mit einem Tag der offenen Türe im Sportpark an der Mintarder Straße sowie am 14. Mai von 11 bis 15 Uhr im Unicef-Laden an der Dimbeck. Darüber hinaus sind für den Juli ein Danke-Schön-Fest für Freunde und Förderer und für den Herbst eine Benefizveranstaltung mit der Mülheimer Schriftstellerin Elke Müller-Mees und dem MPI-Mitarbeiter und Pianisten Nuno Maulide geplant.

Dieser Text erschien am 10. März 2011 in der NRZ

Dienstag, 8. März 2011

Hoch auf dem silber-blauen Wagen der Röhrengarde: Ein närrisches Vergnügen im Mülheimer Rosenmontagszug

"Wir kommen alle in den Himmel, weil wir so lieb sind", lautet ein Karnevalsschlager. Am Rosenmontag merkt man, dass dieser närrische Gassenhauer einen wahren Kern hat. Denn die Karnevalisten sind so lieb und so freigiebig, um zig tausend Mölmsche mit Kamelle und Co zu versorgen. Gratis. Ein fröhliches Helau reicht.
Petrus belohnt die Spendierfreude der Jecken mit einem frühlingshaften Rosenmontagswetter, an dem nicht nur die Gesichter auf den Wagen und am Straßenrand, sondern auch die Sonne strahlt.

Der Karnevalsreporter wirft an diesem Rosenmontag an Bord des Gesellschaftswagens der KG-Röhrengarde, was er kann. Er merkt schnell. Als Rosenmontagszugfahrer braucht man Kondition, um im närrischen Dreikampf Ziehen, Reißen, Werfen bestehen zu können. Allein auf dem Wagen der Röhrengarde, der sich um 13 Uhr an der Kaiserstraße mit der Startnummer 6 in den närrischen Lindwurm des Rosenmontagszuges einreiht, stapeln sich 150 Kisten voller Kamelle, Waffeln, Popcorn und Chipstüten, Lutscher, Mausespeck- und Schokoladenriegel. Das Nachwerk will unter das Narrenvolk gebracht werden.

Was geworfen wird, fällt nicht vom Himmel: "Unsere Gesellschaft investiert jedes Jahr etwa 1500 Euro in das Wurfgut für den Rosenmontagszug. Der größte Teil wird von unseren Ehrensenatoren bezahlt. Für den Rest sorgen Sponsoren oder der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval", erzählt die Vorsitzende der Röhrengarde, Elli Schott.

Da versteht es sich natürlich von selbst, dass Ehrensenatoren, wie Hebert Ertel und Brigitte Donau auch auf dem Zugwagen mitfahren und vor allem mitwerfen dürfen. Hinzu kommt, dass die beiden Röhrengardisten auch zum Wagenbauteam der Gesellschaft gehören. "Wir haben in diesem Jahr nicht nur unseren eigenen Wagen von einem Clown in einen Harlekin umgebaut, sondern auch noch einen Motivwagen für die Gemeinschaftshauptschule an der Bruchstraße gebaut. Das hätten wir mit unseren sechs bis sieben Wagenbauern nie geschafft, wenn wir nicht schon im Mai damit angefangen hätten," erzählt Ertel. "Ich habe geholfen, wo ich konnte", erinnert sich Donau an die zig Stunden in der Wagenbauhalle, in denen sie den vor allem mit Holz und Draht gebauten Gesellschaftswagen blau anmalte und anschließend Karos aus Aluminiumfolie schnitt, damit aus dem Blau auch ein Silber-Blau wurde.

Bevor sich der Rosenmontagswagen der Röhrengarde zusammen mit seinen 34 Kollegen um 14.11 Uhr in Bewegung setzt wird Martin Weltgen noch schnell mit dem Orden der Gesellschaft ausgezeichnet. Denn der Landwirt stellt den Silber-Blauen seit Jahren seinen Trecker für den Rosenmontagswagen zur Verfügung und sitzt dann auch selbst am Steuer. Diesmal sind seine vier- und sieben Jahre alten Enkelsöhne Thomas und Stefan mit von der närrischen Partie.
Der Trecker hat es in sich. Der Wagen ruckelt und es riecht immer wieder nach Diesel. Den härtesten Job im Zugteam der Röhrengarde haben zweifellos die Ordner, die den Wagen der Gesellschaft zu Fuß begleiten und verhindern, dass übereifrige Kamellejäger unter die Räder kommen. Wie gesagt: Karnevalisten brauchen Kondition.

Und dazu gehört eben nicht nur eine gute Wurftechnik, sondern auch Stehvermögen auf wankendem Untergrund. Da tut der warme Tee, mit dem Elli Schott die Wagenmannschaft der Röhrengarde versorgt, besonders gut. Alkohol ist auf den Zugwagen Tabu. Erst nach dem Zug gönnen sich Schott und ihre Karnevalskollegen bei der Karnevalsparty in der Stadthalle ein Bier als Belohnung.

Der Rosenmontagszug ist eine echte Lebensschule. Das sieht man auch am Straßenrand. Auch beim Kamellefangen gilt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Manche Jecken am Straßenrand haben eine gute Fangtechnik, Marke Regenschirm, Plastiktüte und Cowboyhut oder sie wissen sich mit einem fröhlichen Helau und einem Lächeln so in Szene zu setzen, dass sie viel öfter etwas zugeworfen bekommen, als andere, die irgendwo in der breiten Mitte stehen und abwarten. Sie müssen nehmen, was vom Himmel regnet und übrigbleibt.

Keine Frage. Wurftechnisch gesehen ist die gute alte Kamelle für den Rosenmontagszugfahrer immer noch erste Wahl. Doch bei den Jecken am Straßenrand stehen die bei weitem nicht so aerodynamischen Chipstüten höher im Kurs. Denkt man am Anfang der 3,5 Zug-Kilometer noch: "Wer soll das alles werfen und fangen", so erkennt man spätestens an der Friedrichstraße, als die letzten Kartons geöffnet werden, dass beim Wurfgut genug nie genug ist, auch wenn die Wagenbesatzung selbst ihre stillsten Reserven, die vielleicht mal für die Zeit nach dem Zug gedacht waren, über die Bande gehen lässt. Aber Geben ist eben auch am Rosenmontag seliger als Nehmen, vor allem wenn man als Rosenmontagszugfahrer in so viele fröhliche und dankbare Gesichter am Straßenrand schaut.

Dieser Beitrag erschien am 8. März 2011 in NRZ und WAZ

Karneval mal anders gesehen: Ein Erfahrungsbericht als Elferrat bei der KG Blau Weiß

Normalerweise sitzt der Karnevalsreporter irgendwo hinten im Saal und schaut sich das närrische Treiben auf der Bühne von vorne an. Doch an diesem Karnevalssamstag ist das anders. Da sitzt er bei der Prunksitzung der KG Blau Weiß im Altenhof ganz vorne und erlebt das Geschehen auf der Bühne von hinten. Eine ungewohnte, aber durchaus reizvolle Perspektive.

Von der Elferratstribüne aus kann man vor allem die Beinarbeit der Tanzgarden und Tollitäten besonders gut beobachten und darüber staunen, was sie als Show auf eine gerade mal vier-mal-acht-Meter-große Bühne zaubern. Alle Achtung, auch vor den Jecken, die die Bühne in mehrtägiger Arbeit aufgebaut haben. Auf der Elferratstribüne spürt man jeden Schritt, der auf der Bühne getanzt wird, egal, ob man auf seinem kleinen Klappstuhl sitzt oder gerade steht. Man hat also ganz automatisch den Rhythmus im Körper, bei dem man mit muss.
Apropos Rhythmus. Die wichtigste Regel lernt man als Elferrat sehr schnell. Alle oder keiner. Als Elferrat muss man nicht nur auf das Geschehen auf der Bühne und im Saal, sondern auch auf seine Kollegen achten. Aufstehen, setzten, die Hände zum Himmel, klatschen, schunkeln, singen. Alles geschieht auf der schmalen Elferratstribüne synchron, fast wie von selbst. Das nennt man Gruppendynamik.

Und während sich der Karnevalsreporter sonst auch schon mal gemütlich zurücklehnt, muss er als Elferrat immer auf der Höhe des närrischen Geschehens sein und mitmachen. Als Elferrat soll man ja Vorbild für die Jecken im Saal sein und nicht als Spaßbremse aus Reihe tanzen.
Das an diesem Abend zu fast 100 Prozent kostümierte Publikum sieht der Elferrat übrigens nur schemenhaft. Hier und da erahnt man im nur von einigen Kerzen erleuchteten Saal den einen oder anderen Cowboy, Clown oder Kappenträger.
Der Elferrat von der Presse hat zur Feier des Tages eine bunte Narrenkappe und die Orden des Prinzenpaares und der KG Blau Weiß angelegt, die er im Laufe der Session verliehen bekommen hat. Im reinen Straßenzivil auf einer Elferratstribüne zu sitzen oder zu stehen, hieße ja närrisch betrachtet, fast nackt zu sein.

Auch die roten Stoffnasen, die die Tollitäten den Elferräten gleich zum Beginn der Prunksitzung verpassen, um sie an ihre Pflichten als Stimmungsmacher zu erinnern stehen ihnen gut. Allerdings stellen diese lustig anzusehenden Karnevalsaccessoires für ihre Träger ein zweifelhaftes Vergnügen dar. Denn so lange man sie auf der Nase sitzen hat, kann man nur durch den Mund ein und aus atmen.

Ein eindeutige Vergnügen sind an diesem Abend die Tanzgarden und Musiker der KG Blau Weiß, die mit ihren Kollegen von den Neukirchener Tanzbienen, einem unbeschreiblich weiblichen Männertanzballett ,oder den gut 50 Musikern und Tänzerinnen der Aachener KG Eulenspiegel ebenso für Stimmung sorgen, wie Bauchredner Peter Moreno und die Funky Marys aus Köln.

Die Stimmungssängerinnen vom Rhein lassen die Elferräte auch nicht einfach hinter sich sitzen, sondern holen sie als mitsingende und mitschunkelnde Backroundboys von ihrer Tribüne herunter. Drücken geht nicht. Denn Mitmachen ist erste Elferratspflicht. Der Gott sei Dank bühnenerprobte Blau-Weiß-Präsident Thomas Straßmann muss auf Geheiß der fünf flotten Damen aus der Domstadt sogar ein Tanzsolo aufs Bühnenparkett legen. Manchmal ist es angenehm, wenn man als Elferrat in der ersten Reihe, aber nicht an der Spitze steht. Doch dafür darf der Präsident die Damen auch anschließend mit dem Gesellschaftsorden auszeichnen und bützen. Das Privileg eines Präsidenten. Mann freut sich. Straßmann, der auf seinem Präsidentenplatz abwechselnd mit Zepter, Mikrofon und Programmzetteln hantiert, ist eben ein echter Karnevalsprofi. Das zeigt sich auch als sich die Neukirchener Tanzbienen verspäten und er die Programmlücke gekonnt mit einer selbst gesungenen Schlagerrunde: "Hey, was geht ab. Wir feiern die ganze Nacht" gekonnt überspielt, ohne dass die Stimmung im Saal abstürzt.

Die ganze Nacht feiern die Blau-Weißen dann doch nicht. Nach gut vier Stunden, die auch für die Elferräte, wie im Flug vergangen sind, sorgen die Musiker der KG Blau Weiß mit "Danke Schön. Auf Wiedersehen. Beim nächsten Mal wird es noch mal so schön." für einen stimmungsvollen Ausklang, während die Elferräte über eine kleine Holzleiter von ihrer Tribüne herabsteigen und wieder sicheren Bühnenboden unter den Füßen haben.

Närrische Notizen am Rande:

Als Elferrat habe ich am Samstag bei der KG Blau Weiß mitgemacht. Da war ich froh und hab mehr als einmal gelacht. Die Prinzessin, eine Rheinhessin, hat uns elf närrischen Kollegen rote Nasen mitgebracht, der Stimmung wegen
Die haben wir uns aufgesetzt und wollten sie behalten bis zu letzt. Als Gast im Elferrat war ich auch immer schön parat. Ich bewegte mich nicht nur beim Schunkeln, immer wieder auf und nieder und sang dabei auch manche jecken Lieder
Ich habe auch nicht mit Schorle, Brötchen und Schokoriegeln auf dem Elferratstisch herumgematscht, dafür aber so geklatscht, dass meine Finger waren fast wund. Doch es hat sich gelohnt, denn die Sache war wirklich rund.

Als närrischer Zeitungsmensch konnte ich nicht nur beim Elferrat sitzen und unter den Scheinwerfern schwitzen. Da musste ich zwischendurch auch mal meinen Stift spitzen. Und bei diesem Manöver fiel mir meine rote Narrennasse zwischen die Bühnenritzen
Ich armer Mohr, der seine rote Nase vor der Zeit verlor. Doch Gott sei Dank hatten die Tollitäten Humor. Als sie später noch mal kamen, blieb ihr Tadel wohl im Rahmen. Auch die angedrohte Strafe, den Prinzenwagen heut zu ziehen, traf mich armen Wicht Gottlob nicht. Ich würd es ja tun mit Entzücken. Doch tät ich’s, so fürchte ich, hätte ich es Aschermittwoch am Rücken und müsste bis zum nächsten Elften im Elften schmerzhaft gehen an Krücken.

Dieser Beitrag erschien am 7. März 2011 in NRZ und WAZ

Vor 20 Jahren stoppte der Krieg in Kuwait auch die Mülheimer Karnevalisten und ließ den Rosenmontagszug ausfallen

Kann man Karneval feiern, wenn anderswo Krieg herrscht? Während bei uns heute die Jecken mit dem Rosenmontagszug durch die Straßen ziehen, wird zum Beispiel in Libyen und Afghanistan gekämpft und gestorben. Vor 20 Jahren entscheidet man sich tatsächlich, den Rosenmontagszug ausfallen zu lassen, weil Krieg in Kuwait herrscht. Unter dem Dach der Vereinten Nationen und angeführt von den USA vertreibt eine internationale Allianz die Truppen des irakischen Diktators Saddam Hussein aus Kuwait, das er wenige Monate zuvor besetzen ließ.

Unter dem Titel: "Der Prinz macht es sich heute ganz gemütlich" schreibt die NRZ am Rosenmontag 1991 in ihrer Lokalausgabe: "Ein Tag wie jeder andere für die meisten Geschäfte und Behörden. Von Karneval ist kaum etwas zu spüren."Dass militärische "Operation Wüstensturm" den Rosenmontagszug 1991 stoppt, ist besonders bitter, nachdem auch schon der Rosenmontagszug 1990 wegen eines ganz natürlichen Sturmtiefs ausfallen musste.Dennoch zeigt der damalige Prinz Wolfgang I. (Schmitz) von den Roten Funken im Gespräch mit der NRZ Verständnis für die kriegsbedingte Absage des Karnevalszuges, bei dem 15 Zentner Kamelle unter das Narrenvolk gebracht werden sollten. "Wir sind doch mitfühlende Menschen. Und wenn wir in unserer Regentschaft dafür gesorgt haben, dass die Menschen mal für einige Stunden die schrecklichen Kriegsereignisse vergessen konnten, dann haben wir unsere Aufgabe erfüllt. Ich weiß genau, wie die Jungs da unten sich fühlen müssen. Da ist es doch unfair, hier die Puppen tanzen zu lassen", meint der damals 65-jährige Schmitz, der den Zweiten Weltkrieg als Soldat bei der Luftwaffe erlebt hatte.

Auch seine damals 43-jährige Prinzessin Gisela II. (Engels) reagiert vor 20 Jahren gelassen auf den Ausfall des höchsten närrischen Feiertages, der damals auf einen 11. Februar fällt. Der NRZ-Reporterin Andrea Krebs sagt sie: "Ich fühle mich genauso wie vorher. Dass wir heute nicht auf den Straßen feiern, dafür habe ich volles Verständnis. Ich weine nicht."Statt mit dem Rosenmontagszug durch die Stadt zu fahren, macht sich Prinz Wolfgang mit seiner Ehefrau an diesem denkwürdigen Rosenmontag 1991 einen gemütlichen Nachmittag daheim, ehe er nach über 90 Sessionsauftritten am Abend zur feierlichen Verabschiedung der Prinzenpaare ins Raphaelhaus am Hingberg geht.

Sein für 1000 Mark erworbenes Prinzenornat, so verrät Schmitz der NRZ, wolle er nicht in den Kleiderschrank zurückhängen, sondern seinem Schneider gegen einen kleinen Gebrauchsabschlag zurück verkaufen.Allerdings lässt die Lokalausgabe der NRZ ihre Leser am Rosenmontag 1991 auch nicht im Unklaren darüber, dass bei den kleinen Tollitäten, anders als bei ihren großen Kollegen, bittere Tränen der Enttäuschung geflossen sind. Deshalb, so das Blatt, überlege man beim Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval, Prinzessin Marina, Prinz Tobias und Harlekin Conny in der nächsten Session noch einmal als Kindertollitäten zu proklamieren.

Dieser Beitrag erschien am 7. März 2011 in der NRZ

Samstag, 5. März 2011

In Memoriam Teobert Kuhs: Erinnerung an einen närrischen Wagenbauer


Am Rosenmontag werden die Trecker, die die Zugwagen ziehen, mit Trauerflor fahren. Damit grüßen die Wagenbauer ein letztes Mal ihren im Alter von 73 Jahren verstorbenen Vormann Teobert Kuhs. Das, was in den letzten 22 Jahren an Farben, Formen und Figuren mit dem Rosenmontagszug ins Rollen kam, trug seine Handschrift.


„Hier kann man sich einbringen und Dinge realisieren, die man sonst nie realisieren könnte“, sagte er mir vor elf Jahren. Damals schrieb ich für die NRZ meine erste Reportage über die närrischen Wagenbauer. „Ich nehme Sie einfach mal mit“, hatte mir Kuhs bei einer Karnevalsveranstaltung gesagt. Und plötzlich stand ich mitten in einer dunklen Werkshalle der Mannesmannröhren-Werke, in der es kalt und nass war. Mir kam es wie ein finsteres Loch vor. Doch Kuhs sagte nur: „Hier ist es immer schön schattig.“ Diese Selbstironie war typisch für seinen Humor.


Kuhs nahm sich selbst nie zu ernst, auch als er Jahre später für seine Verdienste um den mölmschen Karneval zum Ritter vom Schiefen Turm geschlagen wurde.Wenn der Karosseriebaumeister, der seine karnevalistische Heimat bei der KG Mölm Boowenaan gefunden hatte, vom Einmaleins des Wagenbaus und seinen Entwürfen erzählte, merkte man: Der Mann weiß, wovon er redet. Und er kann nicht nur reden, sondern auch mit anpacken.


Altmeister des Mülheimer Wagenbaus hat man ihn oft und zu Recht genannt. Doch er ließ nie den Meister heraushängen. Unter seiner Regie ging es immer kollegial und unkompliziert zu. Es wurde nicht nur gearbeitet, sondern auch gelacht und gefeiert. Man merkte: Hier ziehen Menschen an einem Strang und haben Spaß an der gemeinsamen Aufgabe: „Der Ton kann mal hart sein. Aber Teo hilft immer“, sagte Karnevalist Lothar Schwarze von den Mölmschen Houltköpp einmal über Kuhs.


Der Wagenbauer nahm das Leben mit einer Mischung aus Realismus und närrischer Gelassenheit. Ich erinnere mich an einen furchtbar verregneten Rosenmontagszug, den ich mit Kuhs auf einem Wagen von Mölm Boowenaan erlebte. Die Gesichter waren so trüb, wie das Wetter. Doch Kuhs meinte nur: „Ist doch nur Wasser. Ihr spart euch das Duschen. Seid froh, dass es nicht schneit und friert.“ Als er, schon gezeichnet von seiner schweren Krankheit, 2010 den Rohbau der neuen Wagenbauhalle im Hafen besichtigte, erstickte er jeden Anflug von Mitleid mit dem schlichten Satz: „Ich weiß nicht, was ihr wollt. Die Sonne scheint und ich lebe.“ Heute lebt Kuhs in den Herzen seiner Mitmenschen weiter und weist ihnen mit seiner heiteren Gelassenheit und Bodenständigkeit den Weg.


Dieser Text erschien am 5. März 2011 in der NRZ