Samstag, 28. Mai 2011

Das Benefizkonzert der Marinekameradschaft hat wieder Geld für gute Werke eingespielt, könnte aber aus finanziellen Gründen 2012 vor dem Aus stehen



Das Benefizkonzert der Marinekameradschaft hatte gestern ein schönes Nachspiel. Der Vorsitzende der Marinekameradschaft konnte den Konzerterlös von insgesamt 6000 Euro für einen guten Zweck übergeben. Das Geld teilen sich in diesem Jahr die Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung und die Jenny-Böken-Stiftung, die sich um verletzte Soldaten und die Hinterbliebenen von gefallenen Soldaten der Bundeswehr kümmert, die in Not geraten sind.Die Lebenshilfe wird ihren Spendenanteil in die Finanzierung eines Jubiläumsfestes investieren, mit dem ihre Sportgruppe am 2. Juli ihren 25. Geburtstag feiert. Die Jenny-Böken-Stiftung finanziert mit der Geldspritze der Marinekameradschaft Rüstwochenenden der Evangelischen Militärseelsorge, bei denen Hinterbliebene gefallener Bundeswehrsoldaten seelsorgerisch und psychologisch betreut und stabilisiert werden.






Ob die Marinekameradschaft auch im kommenden Jahr mit einem Benefizkonzert Geld für einen guten Zweck einspielen kann, ist für Gerbener und seine Mitstreiter mehr als fraglich.Der Konzerttermin 24. März steht bereits fest. Doch die Finanzierung des Konzertes steht in den Sternen. Gerbener liegt ein Vertrag der Mülheimer Stadtmarketinggesellschaft vor, wonach die Marinekameradschaft 2012 die doppelte Nutzungsgebühr für die Stadthalle bezahlen soll.






MST-Geschäftsführerin Inge Kammerichs bestätigt, dass die entsprechende Nutzungsgebühr von 2950 Euro auf 6300 Euro steigen soll. In dieser Summe enthalten ist bereits ein 40-prozentiger Rabatt, den der Rat der Stadt für alle gemeinnützigen Vereine beschlossen hat, die die Stadthalle als Veranstalter nutzen. "Auch an dem erhöhten Betrag verdient die MST nichts. Aber das bisherige Arrangement war einfach unrealistisch. Das können wir uns nicht mehr leisten", sagt Kammerichs. Sie weist darauf hin, dass die Saalmiete für den Theatersaal nur mit knapp 1300 Euro zu Buche schlägt, während der Löwenanteil auf Personal und Technik entfällt.






Während die Militärmusiker der Bundeswehr auf der Bühne stehen, sind gleichzeitig Licht- Ton- und Bühnentechniker, Brandschützer und das Aufsichtspersonal der Stadthalle hinter den Kulissen im Einsatz. Bürgermeisterin Renate aus der Beek (SPD) machte bei der Spendenübergabe im Handelshof deutlich, dass sie das Benefizkonzert der Marinekameradschaft sowohl sozial als auch kulturell für unverzichtbar hält. Sie will sich mit Blick auf den MST-Aufsichtsrat, für eine moderatere Nutzungsgebühr einsetzen.






Doch ihr Rats- und Fraktionskollege Ulrich Scholten erklärt in seiner Funktion als Aufsichtsratschef der MST: "Wir stehen im Rahmen der Haushaltssicherung unter einem Kostendiktat. Unsere Möglichkeiten sind limitiert, Denn die Leute, die da rumlaufen müssen auch bezahlt werden."Dennoch hofft auch er auf eine kreative Lösung durch die MST. Scholten: "Vielleicht gibt es da noch einen gewissen Spielraum, um die Nutzungsgebühr abzumildern, in dem die MST der Marinekameradschaft ein abgespecktes Nutzungsangebot für die Stadthalle macht. Denn es wäre es ja tragisch, eine so schöne Veranstaltung untergehen zu lassen." Gleichzeitig macht der MST-Aufsichtsratsvorsitzende mit Blick auf die Ansprüche anderer gemeinnütziger Vereine deutlich: "Wir müssen alle gleich behandeln, sonst bekommen wir am Ende einen Schneeballeffekt."






Kommentar: Wenn sich Bürger, wie die Mitglieder der Marinekameradschaft mit einem Benefizkonzert für die Finanzierung sozialer Aktivitäten engagieren, entlasten Sie damit die öffentlichen Kassen. Das ist ein Kapital, das mehr wert ist als Geld und ohne das unsere Demokratie nicht überleben kann.Dass solche und ähnliche Veranstaltungen gemeinnütziger Vereine in der Stadthalle über die Bühne gehen können, entspricht ihrem Namen und ihrer Intention. Die Stadt, das sind wir Bürger. Deshalb ist die Stadthalle auch nicht mit einem kommerziellen Kongresszentrum zu vergleichen. Dennoch muss die für die Stadthalle zuständige MST im Interesse der Steuerzahler auf Kostendeckung achten.Wenn vor allem personelle und technische Standards die Kosten für ehrenamtliche und gemeinnützige Veranstalter in der Stadthalle ins Unerträgliche steigen lassen, müssen diese Standards auf den Prüfstand gestellt und wenn nötig und möglich abgeschmolzen werden. Folgende Fragen muss man beantworten: Welche Aufgaben können bei Veranstaltungen entfallen oder, etwa im Aufsichtsdienst, auch durch Ehrenamtliche kostensenkend kompensiert werden? Können gemeinnützige Veranstalter durch moderat angehobene Eintrittsgelder ihre Kosten senken oder können höhere Gebühren kommerzieller Nutzer zur Gesamtkostendeckung herangezogen werden?






Dieser Text erschien am 27. Mai 2011 in der NRZ

Freitag, 27. Mai 2011

Wenn Liebe durch den Magen geht oder: Warum der schottische Koch Peter Bannister seit zwölf Jahren in Mülheim auftischt




Mal ehrlich. Beim Thema Lecker essen denken wir Deutschen an Frankreich und Italien oder an unsere eigene gutbürgerliche Küche. Die Britischen Inseln verbinden wir mit Fish und Chips. Zu Unrecht, wie ein Tischgespräch mit dem schottischen Koch Peter Bannister zeigt, der seine Gäste seit zwölf Jahren kulinarisch verwöhnt.






Warum Sind Sie eigentlich Koch geworden?



Mein Vater spielte Wasserpolo. Und der beste Spieler in seinem Team war ein Koch. Der Mann und sein Beruf haben mich begeistert. Da war ich vier Jahre alt.






Was war das erste Gericht, das Sie gekocht haben?



Das war Porridge, ein warmer Haferbrei, den man in Großbritannien schon zum Frühstück isst. Ich habe damals für meine Eltern ein Frühstück zubereitet und zwar schon um vier Uhr morgens. Meine Eltern haben es sich trotzdem schmecken lassen.






Was fasziniert am Kochen?



Kochen ist für mich eine künstlerische Herausforderung. Egal ob Rind, Schwein oder Fisch. Mich fasziniert, wie man aus einem ganzen Tier verschiedene Gerichte zaubern kann, die dann am Ende ein Augen- und Gaumenschmaus werden. Ich versuche, immer wieder etwas Neues auszuprobieren. Deshalb biete ich meinen Gästen auch jeden Tag eine neue Speisekarte.






Welchen Anspruch haben Sie als Koch an sich selbst?



Ich möchte meine Gäste mit einer Mahlzeit überraschen, so dass sie am Ende sagen: "Wow, das wer toll. Das habe ich ja so noch nie ausprobiert.






Hat ein Koch noch ein Lieblingsgericht, mit dem er sich selbst verwöhnen kann?



Ich liebe beim Essen eigentlich alles, außer Schlangengurken. In Großbritannien isst man auch gerne Pansen, den man hier eher als Hundefutter kennt. Man kann ihn roh mit Zwiebeln und Zitrone verspeisen. Ich schmore ihn mir aber lieber mit Tomaten, Kräutern und Sellerie in einer Brühe.






Hat die britische Küche zu Recht einen schlechten Ruf?



Man kann Großbritannien weder kulturell noch kulinarisch in einen Topf werfen. Schottland war eigentlich immer schon bekannt für eine gute Küche. Aber auch die englische Küche ist inzwischen im Aufwind und dank Jamie Oliver und anderer Köche weiterentwickelt worden und inzwischen ein Insider-Tipp.






Sie bereiten gerade Haggis zu. Was ist das?



Haggis ist ein Relikt aus guter, alter Zeit, in der beim Schlachten alles verwendet werden konnte und musste. Dafür werden alle Innereien, wie Herz, Leber und Lunge, verwendet und mit Zwiebeln so lange geschmort, bis sie eine Konsistenz wie Püree haben. Dann werden eingeweichte Haferkörner beigemengt, wodurch Haggis sehr nahr- und schmackhaft wird. Ich koche es dann in einem Bratschlauch und serviere es mit Steckrübenpüree. Das kommt bei meinen Gästen gut an. Sehr beliebt sind auch der geräucherte Lachs und Steaks von schottischen Angus-Rindern. Ich serviere natürlich nicht nur schottische Gerichte. Meine Küche ist international.






Worin sehen Sie die deutsch-britischen Unterschiede in der Gastronomie?



In Großbritannien unterscheidet man stärker zwischen dem Pub, in dem man nur Bier trinkt und Snacks zu sich nimmt, und Restaurants, wo man speist und nur Wein trinkt. Zudem haben Chefköche dort ein viel größeres Ansehen, vergleichbar mit dem von Ärzten und Professoren.






Muss leckeres und gutes Essen immer auch teuer sein?



Nein, es kommt auf die Frische der Produkte an. Man muss vielleicht manchmal etwas länger kochen und etwas mehr Arbeit investieren, um etwas Gutes zuzubereiten.






Was macht einen guten Koch aus?



Er braucht sehr viel Verständnis für Produkte. Er muss einen Blick für ihre Frische haben und natürlich auch wissen, was man aus ihnen machen kann. Fürs Kochen braucht man Erfahrung, Geduld und Liebe zum Detail.






Zur Person: Der Koch Peter Bannister wurde vor 56 Jahren in Glasgow geboren und begann dort 1970 seine dreijährige Ausbildung an der Hotelfachschule. Seitdem arbeitet er in der Gastronomie. Nach ersten Berufsjahren auf der Kanalinsel Jersey arbeitete er als Küchenchef für zwei renommierte Restaurants in seiner Heimatstadt, ehe er sich erstmals als Gastronom selbstständig machte. In den 90er Jahren ging er von Schottland nach Malta, wo er auf der Insel Comino die Küchenleitung von zwei Hotels übernahm. Dort lernte er auch seine spätere Frau Birgit kennen, der er 1997 nach Mülheim folgte. Zusammen mit ihr betrieb er von 1999 bis 2007 das Haus Klever in Dümpten und seit 2007 das Bannisters an der Kölner Straße 170 in Saarn. Weitere Informationen im Internet unter: http://www.bannisters.de/






Dieser Text erschien am 23. Mai 2011 in der NRZ

Samstag, 21. Mai 2011

Warum die Saarner Klosterfreunde im Klosterhof einen Kräutergarten angelegt haben: Ein Gespräch mit der Projektleiterin Stefanie Horn



Mit einem großen Fest haben die Freunde und Förderer von Kloster Saarn heute den von ihnen angelegten Kräutergarten im Saarner Klosterhof. Für die NRZ sprach ich mit der Biologielehrerin, Stefanie Horn, die das Projekt ehrenamtlich betreut.








Warum braucht das Kloster einen Kräutergarten?


Damit man draußen und im Vorbeigehen Kloster- und Kräutergeschichten kennen lernen kann.



Knüpfen Sie mit dem Garten an eine Tradition an?

Kräutergärten sind immer Bestandteil eines Klosters gewesen. Auch im Kloster Saarn hat es einen solchen gegeben, wenn auch an anderer Stelle. Er lag damals am Hang zum Mühlenteich hin. Wir greifen aber eine Tradition auf, indem wir das auch aus dem Kloster Saarn überlieferte Heilkräuterwissen der Zisterzienserinnen in angepflanzter Form präsentieren.



Wachsen im heutigen Kräutergarten dieselben Kräuter wie zu Zeiten der Zisterzienserinnen?


Es gibt keine ganz detaillierten Kenntnisse darüber, wie der Kräutergarten früher aufgebaut war und welche Kräuter in ihm wuchsen. Deshalb haben wir uns mit den kreuzförmig angelegten Hochbeeten an der Grundform mittelalterlicher Kräutergärten orientiert.


Sparkasse und Leonhard-Stinnes-Stiftung unterstützen die Einrichtung mit 40 000 Euro. Wofür wurde das Geld ausgegeben?


Besonders teuer sind die Ruhrsandsteine, die für die Hochbeete des Kräutergartens auf Maß gehauen worden sind. Natürlich musste auch viel Arbeitskraft aufgewendet werden, um die Fläche für den Kräutergarten vorzubereiten. Und natürlich musste auch Geld für die Anschaffung der Pflanzen ausgegeben werden.



Welche Pflanzen findet man denn im Kräutergarten des Klosters?


Das fängt an bei der Petersilie und geht über Thymian und Melisse, bis zum Johanniskraut, dem Gundermann und der Pfingstrose, die als Marienpflanze eine Bedeutung hat.



Wer pflegt den Kräutergarten?


Der Gärtner Rumbaum, der ihn angelegt hat, geht da einmal im Monat durch. Ansonsten wird er auch ein Stück weit sich selbst überlassen. Natürlich schauen auch Gemeindemitglieder und Klosterfreunde regelmäßig nach dem Rechten oder sie bewässern den Garten.



Wer soll von dem Garten profitieren?


Eigentlich die gesamte Bevölkerung, vom Kindergartenkind bis zur Seniorengruppe. Es reicht, durch den Kräutergarten zu gehen, um wiederzuerkennen, was man schon kennt oder Neues über Kräuter zu lernen.



Wie vermitteln Sie Ihr Kräutergartenwissen?


Jeweils am zweiten Sonntag des Monats gibt es um 14.30 Uhr Führungen durch den Garten. Außerdem sind Workshops mit Grundschulklassen geplant. Langfristig könnte ich mir auch einen Kräuterkochkurs oder andere Workshops für Erwachsene vorstellen.




Weitere Informationen im Internet unter: www.freunde-kloster-saarn.de


Dieser Text erschien am 21. Mai 2011 in der NRZ

Freitag, 20. Mai 2011

Einkaufen mit gutem Gewissen? Der Blinden- und Sehbehindertenverein warnt vor "Blindenware", die keine ist

Etwas Gutes kaufen und damit etwas Gutes tun – das hört sich gut an. Das kann man zum Beispiel tun, wenn man mit dem Erwerb so genannter Blindenware, blinde Handwerker unterstützen möchte, die in anerkannten Blindenwerkstätten etwa Bürsten, Korbflecht-, Häkel- und Knüpfwaren, Putztücher, Wäscheklammern, Pinsel, Matten Schürzen oder Segeltücher herstellen und über diese Werkstätten auch vermarkten. Das tun sie zum Beispiel auf Märkten, über ihre Online-Shops oder auch an der Haustür. Skeptisch sollte man als Kunde aber werden, wenn einem zum Beispiel Seife oder Papierwaren angeboten werden, die nicht zur Produktpalette von Blindenwerkstätten gehören.

Doch leider gibt es auch geschäftstüchtige Gauner, die den Wunsch, mit gutem Gewissen einzukaufen, für ihre Zwecke missbrauchen, indem sie ihre Produkte einfach als Blindenware anbieten.Angebote am TelefonSo ist der Vorsitzenden des Blinden- und Sehbehindertenvereins (BSV), Christa Ufermann, der Fall einer Frau zu Ohren gekommen ist, der am Telefon vermeintliche Blindenware angeboten wurde. Die Frau war Gott sei Dank vorsichtig, ließ sich Telefonnummer und Adresse geben und wandte sich an die BSV-Vorsitzende. Ufermann recherchierte und fand heraus, dass es sich bei dem Anrufer um keinen der anerkannten Anbieter von Blindenware handelte.Ufermann alarmierte sofort die örtliche Verbraucherberatung an der Leineweberstraße. Deren Leiterin Christiane Lersch rät grundsätzlich von Geschäften am Telefon ab und empfiehlt im Zweifel sich auf den Internetseiten anerkannter Blindenwerkstätten über deren Warenangebot zu informieren und erst dann dort zu bestellen. Ufermann weist darauf hin, dass alle anerkannten Blindenwerkstätten bei der Bundesagentur für Arbeitet gelistet sind.

Einen Text mit Sicherheitshinweisen hat sie jetzt auf die Internetseite des Blinden- und Sehbehindertenvereins – www.bsv-muelheim.de – gestellt. Außerdem empfiehlt sie zur weiteren Information die Internetseite www.blindenwerkstaetten.eu.Gütesiegel wird missbrauchtDarüber hinaus, so Ufermann, müssten sich reguläre Anbieter ausweisen können und ihre Waren mit einem Gütesiegel, zwei Hände, die nach seiner dreistrahligen Sonne greifen, versehen. „Dieses Gütesiegel bürgt für Qualitätsarbeit“, betont Ufermann. Sie ärgert sich über dessen Missbrauch durch unseriöse Händler. Durch diese schwarzen Schafe sieht die BSV-Vorsitzende nicht nur die Arbeit blinder Handwerker, sondern auch die Arbeit ihres Vereins in Misskredit gebracht.

„Am Ende beschimpfen uns die Leute am Telefon“, fürchtet Ufermann mit Blick auf geprellte Kunden, die das Vertrauen in die gute Sache der Blindenwerkstätten und Blindenvereine verlieren könnten. Im Zweifelsfall können sich Kunden, denen Blindenwaren angeboten werden, unter  320 25 auch an die örtliche Verbraucherberatung an der Leineweberstraße 54 wenden.

Dieser Text erschien am 19. Mai 2011 in der NRZ

Sonntag, 8. Mai 2011

Warum der Hausarzt Markus Becker seinen Beruf als Traumjob ansieht und seine Praxis mit viel Familiensinn führt








Steuern wir vor allem in sozial schwächeren Stadtteilen, in denen fast ausschließlich Kassenpatienten leben, auf einen Hausärztemangel zu, weil sich der Betrieb einer Hausarztpraxis dort für Mediziner nicht mehr rechnet? Die örtliche Ärztekammer und die Fraktion WIR/Linke zeigen sich speziell mit Blick auf Styrum, wo in diesem Jahr zwei von fünf Hausarztpraxen geschlossen werden sollen, besorgt. (Die NRZ berichtete) Schon heute muss ein Hausarzt im Ruhrgebiet, statistisch gesehen, rund 2200 Patienten versorgen, während im Rheinland und in Westfalen maximal 1700 Patienten auf einen Hausarzt kommen. Die FDP-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitikerin Ulrike Flach weist aus aktuellem Anlass darauf hin, dass das von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Versorgungsgesetz zu einer flexibleren Niederlassungsregelung führen wird, die auf den demografischen Wandel reagiert und auch dazu beiträgt, "dass auch in Mülheim durchaus mehr Allgemeinmediziner zugelassen werden könnten." Ist der Hausarztberuf heute wirklich so unattraktiv? Für die NRZ sprach darüber mit dem 52-jährigen Hausarzt und Sportmediziner Dr. Markus Becker, der seit 1990 in der Stadtmitte praktiziert und dessen Praxis gestern als familienfreundlicher Betrieb ausgezeichnet wurde.





Warum sind Sie selbst Hausarzt geworden?



Für mich gab es dazu nie eine ernsthafte Alternative und ich würde meine Entscheidung auch heute nicht anders treffen, weil Sie nur als Hausarzt alle medizinischen Bereiche abdecken können. Man hat einfach ein ganz weites Spektrum, in dem man sich engagieren kann.





Warum erscheint es aber dann jungen Medizinern oft so unattraktiv, sich als Hausarzt niederzulassen?




Das ist vor allem ein innerärztliches Problem. Die Hausärzte galten unter den Medizinern lange als schlecht ausgebildete Barfußärzte, Das hat sich aber inzwischen geändert, weil Hausärzte alle fünf Jahre weitergebildet werden und auch mindestens drei Jahre im Krankenhaus gearbeitet haben müssen, so dass sie heute sehr breit ausgebildet sind.Frage: Verdienen Sie als Hausarzt denn schlechter als Ihre Facharztkollegen?Antwort: Ich fühle mich gut honoriert. Das ist aber ein Produkt der letzten fünf Jahre, in denen sich jede gesundheitspolitische Reform zugunsten der Haus- und zu Lasten der Fachärzte ausgewirkt hat. Davor haben die Fachärzte deutlich besser verdienst als die Hausärzte.





Wie werden Sie denn als Hausarzt bezahlt?



Wir bekommen als Hausarzt eine Pauschale pro Patient, die in Nordrhein-Westfalen zurzeit bei 38 Euro liegt. Ein Hausbesuch wird für 40 Euro natürlich nicht mehr gefahren. Die Leute müssen reinkommen. Aber wenn Sie Ihre Praxis betriebswirtschaftlich gut strukturieren, nicht zu viel Technik hereinbringen und genug Patienten haben, kann man als Hausarzt durchaus ein gutes Einkommen haben.





Bekommen wir einen Hausärztemangel?



Den bekommen wir nicht. Der ist schon da. Wir haben einfach zu wenig Ärzte. Hinzu kommt, dass 60 Prozent der Medizinstudenten Frauen sind, die später nicht 50 bis 60 Stunden pro Woche arbeiten möchten und zu Recht eine Familie in ihre Arbeit integrieren möchten. Viele Kollegen gehen auch in die Pharmaindustrie, zu Gesundheitsbehörden oder zu den Krankenkassen. Deshalb stehen für die Patientenversorgung immer weniger Kollegen zur Verfügung.





Haben wir in Mülheim bei der Hausärzteversorgung ein Nord-Süd-Gefälle?



Ich glaube, dass es sich hier eher um eine zufällige Häufung von Praxisaufgaben in Styrum handelt. Ich selber habe zur Zeit einen jungen Assistenten, der sich nach dem Abschluss seiner Ausbildung im kommenden Jahr in Dümpten als Hausarzt niederlassen wird und dem ich eine goldene Zukunft voraussage. Wenn man sich als Hausarzt in einem eher unterversorgten Stadtteil niederlässt, hat man unter dem Strich auch ein besseres Einkommen als in einem eher gut versorgten Stadtteil.





Verdienen Hausärzte im Norden der Stadt weniger als im Süden, weil es im Norden mehr Kassen- und nur wenige Privatpatienten gibt?




Das kann ich nicht sagen. Wenn ich eine Praxis mit 1000 Kassenpatienten habe, die ich zum Beispiel in ein Hausarztprogramm einschreibe und auch Krebs-Check-Ups oder Vorsorgeuntersuchungen anbiete, die außerhalb des Budgets bezahlt werden, kann ich mit einer gut gefüllten Kassenpraxis auch ein gutes Einkommen erzielen.





Markus Becker versteht seine Hausarztpraxis, die von der Stadt und dem Mülheimer Bündnis für Familie als familienfreundlicher Betrieb ausgezeichnet worden ist, als einen "sehr personenbezogenen" Betrieb. Er orientiert sich nicht nur am Wohl der Patienten, sondern auch am Wohl seiner Mitarbeiterinnen Becker hat Mut zu einem "sehr komplexen und flexibelen" Arbeitszeitmanagement. Die Arzthelferinnen in seiner Praxis können ihre Arbeitszeit frei einteilen und können auch mal zu Hause bleiben, wenn das Kind eingeschult wird oder krank ist und die Mitarbeiterin als Mutter gefordert ist. Auch bei der Finanzierung von Fahrt- oder Kinderbetreuungskosten lässt Bäcker seine Mitarbeiterinnen nicht alleine. Arzthelferin Tanja Klein arbeitet seit zehn Jahren in der Praxis Bäcker. Sie sagt über ihren "ausgezeichneten" Chef: "Ich fühle mich hier wie in einer Familie gut aufgehoben. Unser Chef ist ein Arbeitgeber der gute Leistungen auch be- und gut entlohnt. Außerdem machen wir als Praxisteam einmal pro Jahr eine gemeinsame Wochenendreise. Wir waren schon in Rom, Venedig und Pisa. Das macht Spaß und man wächst als Team auch viel besser zusammen."







Dieser Text erschien am 7. Mai 2011 in der NRZ

Samstag, 7. Mai 2011

Je früher desto besser: Wenn Jugendhilfe ins Rollen kommt: Eindrücke von einer Stadtrundfahrt mit dem Jugendamt






Bustouren mit Journalisten kennt man aus Wahlkämpfen. Das Jugendamt macht am gestrigen Montag Wahlkampf in eigener Sache. Im Rahmen der bundesweiten Imagekampagne "Das Jugendamt - Unterstützung, die ankommt", lud es Pressevertreter zur Bustour. Auf dem Fahrplan stehen wichtige Stationen der Jugendhilfe, die dafür sorgt, dass Kinder und Jugendliche in Fahrt kommen und im Leben ihre Richtung finden.







Schon beim ersten Halt in der städtischen Kindertagesstätte Pusteblume an der Kaiser-Wilhelm-Straße in Styrum wird deutlich: Auf die Starthilfe kommt es an. Hier betreuen elf Erzieherinnen 73 Kinder, die zu 60 Prozent aus Zuwanderefamilien kommen. "Die Lebensverhältnisse der Familien haben sich sehr verändert. Die Eltern brauchen mehr Beratung und Unterstützung", sagt Kita-Leiterin Marina in der Heiden. Während die Jugendhilfetouristen eintreffen, verlassen gerade einige Eltern das Haus, die am sogenannten Rucksackkurs teilgenommen haben, der ihnen pädagogisches Rüstzeug mitgibt und ihnen hilft, den Rucksack, den ihre Kinder auf dem Lebensweg tragen müssen, leichter zu machen, durch gezielte Förderung und Erziehungstipps. Im Styrumer Familienzentrum kommen Hilfe und Beratung nicht stigmatisierend, sondern niederschwellig daher, ob im Rucksackkurs, beim Elterncafe und Elternfrühstück oder in den Bildungsräumen der Kita. Dort können Kinder spielerisch experimentieren, werken, musizieren oder auch Matschen. "Das fördert die Motorik und die Sprache, weil sich die Kinder ja auch unterhalten müssen", weiß in der Heiden. Frühkindliche, individuelle Betreuung und Förderung. Dafür steht auch die studierte Pädagogin und Tagesmutter Iris Wegner, die mit zwei ihrer Schützlinge in den Jugendhilfebus eingestiegen ist. "Die Eltern schätzen die kleinen Gruppen. Man kann viel bewirken und den Eltern den Wiedereinstieg ins Berufsleben leichter machen", sagt Wegner über ihre pädagogische Basisarbeit, die mit 3,50 Euro pro Kind und Stunde nicht gerade üppig bezahlt wird.







Was passieren kann, wenn die Frühförderung nicht gegriffen hat und das Kind in den Brunnen gefallen ist, zeigt die nächste Station in der benachbarten Styrumer Sozialagentur, wo die Sozialarbeiter Andrea Moser und Denis Leusmann Erziehungs- und Jugendgerichtshilfe leisten. "90 Prozent der Eltern nehmen die Hilfe gerne an", betont Moser. Ihr Kollege Leusmann berichtet von Halbwüchsigen mit langem Strafregister, das vom einfachen Ladendiebstahl und Fahren ohne Führerschein bis zur schweren Körperverletzung mit Todesfolge reicht. 771 Jugendgerichtshilfefälle haben er und seine Kollegen allein 2009 bearbeitet. In 230 Fällen konnte das Verfahren eingestellt werden. Wenn Leusmann von der Begleitung seiner Klienten spricht, von Täter-Opfer-Ausgleich-Gesprächen, Sozialdiensten, erlebnispädagogischen Maßnahmen, Gerichtsverfahren, Arrest- und Haftstrafen, ahnt man wie viel Zeit, Kraft und Geld es kostet, Jugendliche wieder auf den rechten Weg zu bringen, wenn sie erst mal auf die schiefe Bahn geraten sind. "Es ist oft die wirtschaftliche Not. Viele Familien haben nicht nur ein Problem. Da gibt es Streit ums Geld und dann ist oft auch Alkohol im Spiel. Viele Menschen können ihre Probleme nicht mehr selber in der Familie lösen", schildert die Leiterin des Kommunalen Sozialen Dienstes, Martina Wilinski (Foto) die sozialen Hintergründe mancher Jugendhilfekarriere.







Wie man schon am Lebensanfang dafür sorgen kann, dass Kind und Co erst gar nicht auf die schiefe Bahn kommen, zeigt die nächste Station an der Viktoriastraße, wo Cornelia Gier und ihre Kolleginnen aus dem Bereich Schwangerenberatung, Familienbesuchsservice und frühe Hilfen davon berichten, dass immerhin 85 Prozent der 1260 Eltern, die im letzten Jahr ein Kind bekamen, sich gerne vom Jugendamt besuchen und mit Informationsmaterial rund um Erziehung und Gesundheit versorgen ließen. "Die Leute lassen uns rein", freut sich Erzieherin Silke Lohschelder. Zu ihnen gehörte auch die 22-jährige Jennifer, die selbst in einer Pflegefamilie aufwuchs und nach der Fachoberschulreife und einer Ausbildung zur Busfahrerin inzwischen ihr zweites Kind erwartet: "Das hat mir gut getan", sagt sie über die Hilfe, die sie durch das Jugendamt, erst als Kind und jetzt als Mutter , erfahren hat. Mit Unterstützung des Jugendamtes bekam sie nicht nur Geld für ihre Schwangerschaftskleidung, sondern auch, wie sie es empfand, wegweisende Informationen und soziale Kontakte zu anderen Eltern, für die zum Beispiel Babykurse und Krabbelgruppen angeboten werden.







Doch was passiert, wenn Eltern ihrer Aufgabe, als Erziehungsberechtigte, trotz Hilfestellung, nicht wahrnehmen können oder wollen? Dann kommen Sandra Klees und Andrea Rumswinkel vom Pflegekinder- und Adoptionsdienst ins Spiel. Von ihnen erfahren wir an der Bülowstraße in Broich, dass derzeit 134 Kinder in 120 Pflegefamilien aufwachsen, weil ihr Wohl im Elternhaus nicht gewährleistet werden kann. "Wir suchen Familien, die sich in ein Kind verlieben wollen", sagt Rumswinkel und macht keinen Hehl daraus, dass das Jugendamt noch mehr Pflegefamilien gebrauchen könnte. Doch die Hürden zur Pflegeelternschaft sind nicht ohne. Wirtschaftliche und gesundheitliche Stabilität müssen die Pflegeeltern ebenso mitbringen, wie ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und emotionale Wärme zu geben. All das schaffen zwei Pflegeeltern aus dem Mülheimer Süden, die zwei Jungs (7 und 3) aufziehen. "Das, was einem mit einem Pflegekind passieren kann, kann einem auch mit einem leiblichen Kinder passieren", sagt die Pflegemutter, die selbst keine Kinder bekommen konnte. Doch wenn sie berichtet, wie ihr dreijähriger Pflegesohn gerade zum ersten Mal seine Schuhe selbst zugebunden hat, ahnt man, was sie und Rumswinkel meinen, wenn sie sagen: "Die glücklichen Momente überwiegen alle Probleme." Dafür spricht auch die Tatsache, dass in den letzten 13 Jahren nur drei Pflegeeltern ihrer Aufgabe nicht gewachsen und ihre Pflegekinder wieder abgeben mussten.







Zum guten Schluss der Jugendhilfetour, erklärt der für Dümpten und Winkhausen zuständige Teamleiter des Kommunalen Sozialen Dienstes, Tobias Klempel, im alten Bürgermeisteramt an der Mellinghofer Straße, was "sozialräumliche Hilfen zur Erziehung" bedeutet. "Wir können jeden Fall aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und schneller eine Kurskorrektur vornehmen", beschreibt er den Vorteil des wöchentlichen Fallkonferenzen, zu denen sich die koordinierenden Kollegen vom KSD mit ihren Kollegen aus den Wohlfahrtsverbänden treffen. Er macht die Erfahrung, dass die sozialen Problemlagen in den Nordstadtteilen deutlich schwieriger sind als in den Linksruhrstadtteilen, bestätigt aber auch: "Man lässt und heute eher rein." Langfristig wollen Klempel und seine Kollegen mit ihrer sozialräumlichen Sozialarbeit Netzwerke mit Gemeinden, Schulen, Kitas und Vereinen schaffen, um wie in der guten alten Dorfgemeinschaft die soziale Kontrolle und damit das soziale Frühwarnsystem zu stärken: "Das klappt immer besser. Es gibt aber noch Luft nach oben", lautet seine Zwischenbilanz.







Zu dem von Dieter Schweers geleitete Jugendamt gehören derzeit 481 Mitarbeiter. Davon sind 60 in dem von Martina Wilinski geleiteten Kommunalen Sozialen Dienst und 376 als Erzieherinnen in den städtischen Kindertagesstätten tätig. Hinzu kommen vier Erziehungsberater, 23 Jugendarbeiter sowie 15 Mitarbeiter, die für den Bereich der Vormundschaften zuständig sind. Zentrale Bedeutung für die praktische Jugend- Erziehungshilfe, die das Jugendamt vor Ort leistet, kommt den 21 Bezirkssozialarbeitern des Kommunalen Sozialen Dienstes zu, die jeweils 80 bis 90 Familien begeleiten und eng mit ihren Kollegen aus den Wohlfahrtsverbänden Diakonie, Caritas und Arbeiterwohlfahrt zusammenarbeiten. Rund 1300 Familien werden im Rahmen Erziehungshilfe kontinuierlich und rund 2000 niederschwellig und punktuell begleitet. Die Zahl der Fälle, in denen Familien kontinuierliche Erziehungshilfe benötigten ging im Vergleich zu 2009 um rund 200 zurück. Insgesamt wendet die Stadt rund 63 Millionen Euro für ihre Jugendhilfe auf. Dabei entfallen 24 Millionen Euro auf Hilfen für Kinder und Familien und 39 Millionen auf Jugendarbeit, Erziehungsberatung und Kindertagesstätten. Rund 20 Millionen Euro fließen dem Jugendhilfeetat der Stadt durch Landeszuschüsse und Elternbeiträge. Die Gesamtaufwendungen des Stadthaushaltes liegen 2011 bei 573,9 Millionen Euro.



Dieser Text erschien am 3. Mai 2011 in der NRZ 

Sonntag, 1. Mai 2011

Ein Rückblick in die Stadtgeschichte: Vor 110 Jahren holten sich die Broicher Bürger die Kirche ins Dorf







Sie ist ein Wahrzeichen Broichs, nicht nur für die im Durchschnitt 80 Gemeindemitglieder, die hier sonntags um 11.15 Uhr den Gottesdienst besuchen. Vor 110 Jahren wurde die Evangelische Kirche an der Wilhelminenstraße eingeweiht. „Unsere Kirche ist auch bei Hochzeitspaaren beliebt, die sich im Schloss Broich standesamtlich und anschließend bei uns kirchlich trauen lassen“, erzählt Pfarrer Gerald Hillebrand.

Massiv und anmutigIhre massive und zugleich anmutig-elegante neugotische Architektur stammt aus einer Zeit als man noch repräsentative Kirchen baute und nicht gezwungen war, mangels Gemeindemasse, wie zuletzt 2005 an der Calvinstraße, Gotteshäuser aufzugeben und abzureißen.„Das war damals eine Wachstumszeit. Heute gehen wir in die entgegengesetzte Richtung“, schildert Hillebrand die Hintergründe des Broicher Kirchbaus zu Kaisers Zeiten. Dass man sich damals für den neugotischen Entwurf des Architekten Heinrich Heidsiek entschied, sieht der Pfarrer der heute 4600 Mitglieder zählenden Gemeinde, die am 1. August mit der Gemeinde Saarn fusionieren wird, als eine Reaktion auf den katholischen Dombau in Köln.Vor 110 Jahren war Broich noch eine eigenständige Landbürgermeisterei, zu der auch die Nachbarstadtteile Speldorf und Saarn gehörte. Deren Bürgermeister Mentz war Presbyter der der ab 1890 selbstständig gewordenen Gemeinde.

Deren anfangs 1500 Mitglieder trafen sich vor der Fertigstellung der Kirche in einem von Ferdinand und Wilhelmine Rosskothen gestifteten Beetsaal an der Wilhelminenstraße.Auch die ortsansässigen Lederfabrikanten engagierten sich beim Kirchenbau. Das Grundstück stellte Bauer Pithan zur Verfügung. Die Steine für den Kirchenbau kamen aus dem Steinbruch Rauen.Der ehemalige Broicher Presbyter Günther Fraßunke, der sich mit der Baugeschichte der Kirche an der Wilhelminenstraße intensiv beschäftigt hat, weist in den Gemeindenachrichten darauf hin, dass das Gotteshaus mit seiner gotischen Architektur, bunten Chorfenstern mit biblischen Motiven sowie einer klaren Trennung von Altarraum und Kirchenschiff nicht unbedingt der evangelischen Kirchenbautradition der Kaiserzeit entsprochen habe und deshalb von Zeitgenossen als vorreformatorisch und konservativ angesehen werden konnte. „Immerhin“, so Fraßunke: „erhielt die Kanzel als Ort der Predigt, eine raumbeherrschende Stellung, bis sie in den 1960er-Jahren, heute nicht mehr nachvollziehbar, verkürzt und ihr Schalldeckel entfernt wurde.“

Pfarrer Hillebrand glaubt, dass dieser Umbau dem neuen Zeitgeist entsprach, wonach „der Pfarrer nicht mehr abgehoben über den Köpfen der Gemeinde predigen sollte“.Während man die 1944 bei einem Luftangriff zerstörten biblischen Motivfenster nach dem Krieg durch neue, von Carl Hellweg gestaltete, Darstellungen zur Taufe, zum Abendmahl und zum Wort Gottes ersetzte, verzichtete man im Sinne eines Schlichtheitsgedankens auf die alten Chorrauminschriften: „Land, Land, höre des Herren Wort. Ich bin dein Herr und Gott“ entfernte. „Das war so etwas, wie die letzte Gelegenheit“, erinnert sich Pfarrer Hillebrand an die Generalüberholung des Gotteshauses, das für 2,1 Millionen Mark vor zehn Jahren ein neues Dach, einen neuen Fußboden, eine neue Heizung und einen helleren und freundlicheren Innenanstrich verpasst bekam. Außerdem wurden einige Kirchenbänke geopfert, um unter der Orgelempore Tische und Stühle für eine gesellige Begegnung nach dem Gottesdienst aufzustellen.

Dieser Beitrag erschien am 17. März 2011 in NRZ und WAZ