Montag, 27. Juni 2011

Seit 65 Jahren in der politischen Diaspora aktiv: Die CDU im Mülheimer Norden will nicht zur Ruhe kommen



Mit 65 Jahren geht man normalerweise in den Ruhestand. So alt ist jetzt auch der CDU-Ortsverband Nord. „Doch wir werden mit 65 nicht zur Ruhe kommen. Denn wir haben zwar viel unternommen, aber längst noch nicht alles erreicht. Und wir haben noch viel Energie“, sagte die Ortsverbandsvorsitzende und Ratsfrau Ursula Schröder am Freitag beim Geburtstagsfest im Gemeindehaus am Steigerweg. Künftig möchte sie den Ortsverband noch stärker als bisher für an einer Mitarbeit interessierte Bürger öffnen.




Schröder, die den Ortsverband Nord seit 2002 führt, macht sich keine Illusionen darüber, dass die Stadtteile Winkhausen, Eppinghofen, Papenbusch und Mellinghofen für die CDU eine politische Diaspora darstellen, die aus ihrer Perspektive "dunkelrot" ist. Dabei war der Norden in der Gründungsphase der CDU mit 91 "Aufnahmen" der mitgliederstärkste Ortsverband, der in der Spitze bis zu 140 Mitglieder zählte. "Wenn wir hier bei einer Wahl zwei oder drei Prozent dazu gewinnen, ist das für uns schon ein großer Sieg", betont Schröder. Wenn der Ortsverband, der heute 89 Mitglieder hat, Stadtverordnete stellt. dann werden sie nicht direkt gewählt, sondern ziehen über die Reserveliste ihrer Partei in den Rat ein.






Ursula Schröder, die sich zusammen mit ihren Kollegen aus dem Ortsverbandsvorstandsvorstand bei Stadtteilrundgängen ein Bild über aktuelle Probleme macht, ist das 15. Ratsmitglied, das seit 1956 für den Ortsverband Nord ins Stadtparlament eingezogen ist. Auf der aktuellen Agenda der Nord-CDU stehen neben dem Dauerbrenner Sauberkeit und Ordnung unter anderem Instandsetzungsmaßnahmen an Einfallstraßen, der Ausbau der Übermittagbetreuung an der Realschule Mellinghofer Straße, die Schaffung von Nahversorgungszentren in der Papenbusch-Siedlung. der Naturschutz im Winkhauser Tal, die Bebauung des Klöttschens und die Überplanung der alten Feuerwache an der Aktienstraße.






Der Kreisparteivorsitzende Andreas Schmidt, der seine politische Laufbahn mit 18 Jahren als Schriftführer des Ortsverbandes Nord begonnen hatte, nahm die kommunalpolitisch aktiven Bürger aller Parteien bei der Jubiläumsfeier im Gemeindehaus am Steigerweg ausdrücklich in Schutz: „Es ist immer leichter, auf den Golfplatz zu gehen und alles zu kritisieren, als es selbst besser zu machen “, betonte er. Der aus Eppinghofen stammende Oberbürgermeister Hagens, Jörg Dehm, dessen politischer Werdegang ebenfalls im Vorstand der CDU-Nord begonnen hatte, sprang für die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker in die Bresche. „Sie sind weder korrupt noch dumm und arbeiten in ihrer Freizeit Hunderte von Vorlagen durch“, unterstrich der Hagener OB.






Er machte deutlich, dass seine erste und zweite Heimatstadt vor vergleichbaren Herausforderungen stehen, wenn es darum geht, Schulden abzubauen und die kommunale Infrastruktur dem demografischen Wandel anzupassen.Trotz „permanenter Mangelverwaltung“ ist Dehm davon überzeugt, „dass Kommunalpolitik auch Freude machen kann, wenn es uns gelingt, die Bürger mit ins Boot zu holen und ihre Lebensbedingungen an der einen oder anderen Stelle zu verbessern.“






Dehm bekannte sich angesichts der kommunalen Verschuldung zur finanzpolitischen Eigenverantwortung der Städte, machte aber auch deutlich, dass die Kommunen ihre Probleme nur mit Hilfe von Bund und Land lösen könnten.


Text zu diesem Thema erschienen am 16. Juni und am 23. Juni 2011 in NRZ und WAZ

Sonntag, 26. Juni 2011

In Dümpten will man sich nicht damit abfinden, dass die Grundschule an der Gathestraße geschlossen wird




Seit 140 Jahren lernen Kinder in der Schule an der Gathestraße. Eines von ihnen war die heutige NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Doch wenn es nach den Vorschlägen der Schulverwaltung geht, sollen die Schuljahre an der Gathestraße gezählt sein. Die Dümptener Grundschule steht im Rahmen der kommunalen Bildungsentwicklungsplanung zur Disposition. Das letzte Wort hat der Rat. Nach der Sommerpause soll entschieden werden.Am Samstag meldeten sich Eltern der Gathestraße zu Wort.






Beim Sommerfest der Werbegemeinschaft WIK und des Dümptener Bürgervereins, das in diesem Jahr auf dem Schulhof an der Gathestraße stattfand, sammelten sie Unterschriften für den Erhalt der Schule. Innerhalb einer Stunde kamen 300 davon zusammen."Es wäre sehr schade, wenn diese Schule geschlossen würde. Dann könnten die Kinder nicht mehr gemeinsam zur Schule gehen, sondern müssten morgens zu einer anderen Schule gefahren und nachmittags wieder abgeholt werden. Damit würde ihnen eine wichtige Erfahrung für ihre Entwicklung genommen", findet Antje Kocks. Sie unterschreibt den Appell zum Erhalt der Traditionsschule an diesem Nachmittag ebenso wie Claire Kleiner. Sie sagt: "Diese Schule war für uns immer ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Hier haben unsere Kinder nicht nur gemeinsam gelernt. Hier konnten sie auch nachmittags in einem geschützten Raum spielen, weil gleich neben der Schule auch ein Spielplatz ist.






Bei einer Schulschließung würde den Menschen im Stadtteil ein Stück Heimat genommen."Als Mütter, deren Kinder bereits die vierte Grundschulklasse besuchen, wären Kleiner und Kocks nicht mehr persönlich von einer Schließung betroffen.Anders ist das für Elternvertreterin, Nicole Kunze, deren Kind die erste Klasse besucht und vor allem für die 37 Eltern, die ihr Kind für das kommende Schuljahr an der Gathestraße angemeldet hatten. Sie könnten bei einer Schließung nicht mehr davon ausgehen, dass ihre Kinder die Grundschulzeit an der Gathestraße beenden können."Die Menschen sind sofort bereit, zu unterschreiben, weil sie sich auch fragen, was hier hin käme, wenn die Schule geschlossen würde", schildert Kunze die spontane Resonanz auf ihre Unterschriftensammlung. Sie weist darauf hin, dass das alte Schulgebäude an der Straße unter Denkmalschutz steht.






Auch mit Blick in die Zukunft wäre eine Schulschließung an der Gathestraße aus ihrer Sicht kontraproduktiv, weil im Rahmen des 100-Häuser-Programms an der Sellerbeckstraße 40 neue Häuser für Familien mit Kindern im Grundschulalter gebaut würden. "Die anderen Schulen könnten unsere Schüler gar nicht alle aufnehmen", glaubt auch der Schulpflegschaftsvorsitzende Frank Denkhaus und verweist auf weitere Neubaumaßnahmen im Bereich Auf dem Bruch. "Das ist ein wichtiger Mittelpunkt von Unterdümpten. Wir haben hier eine sehr familiäre Atmosphäre. Hier geht jeder gerne hin", beschreibt Denkhaus das Profil der Schule, die er sich mit ihrem barrierefreien Schulhof und ebenerdigen Klassenräumen im Erdgeschoss des Altbaus auch als geeigneten Standort für gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung vorstellen könnte.






Auch der Erhalt als Außenstelle einer anderen Grundschule wäre für die beiden Elternvertreter denkbar.Mit dieser Option könnte auch Rektor Hans Gerd Krimphove leben. Er könnte sich seine Schule, die in Dümpten als Kontaktschule für die Integration von Flüchtlingskindern zuständig ist, auch als Schwerpunktschule für die Förderung von Kindern aus Zuwandererfamilien vorstellen. Derzeit haben 35 Prozent der rund 170 Grundschüler an der Gathestraße einen Migrationshintergrund.Das mögliche Aus für seine Schule überrascht Krimphove außerdem deshalb, weil die Schule auch Kinder aus anderen Bezirken aufnimmt und ihr neuer Gebäudeteil erst im vergangenen Jahr mit neuen Fenstern und einer neuen Toilettenanlage ausgestattet worden ist.






Unterstützung bekommen Eltern, Lehrer und Kinder der Grundschule an der Gathestraße vom Dümptener Bürgerverein. Dessen Vorsitzender Bernd Lüllau hat sich in einem Brief an Schuldezernent Peter Vermeulen für einen zweizügigen Erhalt der traditionsreichen Schule ausgesprochen. Lüllau weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass im Rahmen der Bildungsentwicklungsplanung ein zweizügiger Schulneubau an der ebenfalls traditionsreichen Trooststraße erwogen wird. Diese Option muss aus Lüllaus Sicht auch für den Grundschulstandort in Dümpten in Betracht gezogen werden.Außerdem kann sich der Vorsitzende des Dümptener Bürgervereins vorstellen, dass die Grundschule an der Gathestraße künftig durch den Anschluss eines Familienzentrums und eines Vorschulkindergartens aufgewertet werden könnte.






Dieser Text erschien am 20. Juni 2011 in der NRZ

Freitag, 24. Juni 2011

Rückblick: Als die Zillertalbahn vor 40 Jahren an die Ruhr kam, waren nicht nur die Mülheimer begeistert

Wie bekommt man Leute in die Stadt und macht Mülheim über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Das ist eine gute Frage, mit der sich heute nicht nur die Stadtmarketing- und Tourismusgesellschaft MST beschäftigt. Eine Antwort lautet: „Man muss Anziehungspunkte schaffen, die Menschen begeistern.“ Genau das tat man vor 40 Jahren, als der Mülheimer Verkehrsverein im Mai 1971 die Zillertalbahn für zwei Wochen ins Ruhrtal holte. Oberbürgermeister Heinz Hager, Oberstadtdirektor Heinz Heiderhoff, Hauptamtsleiter Kurt Wickrath und Presseamtsleiter Günter Ader stießen mit ihrer Idee nicht nur auf Zustimmung. Kritiker befürchten ein Zuschussgeschäft.

Doch die Eisenbahnfans im Rathaus setzten sich durch und stießen beim Freundeskreis der Zillertalbahn und dem Fremdenverkehrsverband des Zillertales mit ihrer Idee auf Gegenliebe.Die Ruhrstädter hofften auf eisenbahnbegeisterte Touristen aus ganz Nordrhein-Westfalen und die Zillertaler auf Touristen aus dem Ruhrgebiet. Beide Seiten werden nicht enttäuscht.Zehntausende, unter ihnen auch viele Medienvertreter aus Nah- und Fern pilgerten ins Ruhrtal, um über die alte Dampflok (Baujahr 1900) zu berichten und diese zu bestaunen, die auf einer 600 Meter langen Trasse zwischen Schloßbrücke und Luisental pendelte.

Anziehende NostalgieKleine und große Eisenbahnnostalgiker kamen vom 1. bis 16. Mai 1971 voll auf ihre Kosten. Die NRZ schätzte die Zahl der Fahrgäste auf 75 000 Menschen. Doch die Zahl der schaulustigen Eisenbahnfans, die die alte Zillertalbahn an der Ruhr fahren sehen und bestaunen wollten, ging weit über diese Zahl hinaus. Allein an den ersten drei Tagen, an denen die Dampflok ihre drei „schokoladenbraunen Wagen“ durch die Ruhranlagen zog, schätzte man die Zahl der Besucher auf 100 000.„Wir machen es hier spannender als bei der englischen Königin“, scherzte Lokführer Hans Oberholzer damals angesichts des großen Aufsehens, dass er mit seiner gerade mal zehn km/h schnellen Zillertalbahn an der Ruhr erregte.

Die viereinhalbminütige Fahrt kostet e eine Mark. Kinder waren für die Hälfte dabei. Die Geschäftsleute der Innenstadt hatten bereits vorab einige 1000 Fahrkarten gekauft, die sie an ihre Kunden und deren Kinder verteilten. „Das ist die beste Werbeaktion, die wir je durchgeführt haben“, sagte Valentin Reicheneder vom Werbering Innenstadt damals der NRZ.Bei der Probefahrt mit Pressevertretern fühlte sich der NRZ-Reporter an den „feurigen Elias“ erinnert, eine Dampflok, die nach dem Krieg bei der Trümmerbeseitigung eingesetzt worden war. Sein Resümee: „Die Zillertalbahn absolvierte ihre Generalprobe mit viel Glanz und Dampf.“Der organisatorische und finanzielle Aufwand hatte sich gelohnt. Das zeigte schon der erste Tag, an dem die historische Zillertalbahn, die auch schon mal als „schwarzer Star aus Tirol“ beschrieben wurde, durch die Ruhranlagen schnaufte. Die NRZ schrieb damals: „Das hat es in Mülheim noch nicht gegeben, ein Volksfest in den Ruhranlagen. Die fröhliche Jungfernfahrt der Zillertalbahn brachte am Samstagnachmittag die gesamte Stadt auf die Beine. Von der Schloßbrücke bis zum Luisental, überall grenzenlose Begeisterung über die alte Schnauferlok.“

Oberbürgermeister Heinz Hager freute sich nach der ersten Fahrt mit der Zillertalbahn „über die erste Eisenbahnstrecke, die ich in meinem Leben eröffnen durfte.“ Und der Direktor des Fremdenverkehrsverbandes, Erich Heiß, fragte sich mit dem Ausblick auf die Weiße Flotte, „ob man im Zillertal nicht darüber nachdenken sollte, Urlaubsreisen ins Ruhrgebiet auszuschreiben.“

Die Zillertalbahnfahrten an der Ruhr wurden übrigens von der Post mit einem Sonderstempel gewürdigt und durch ein Festprogramm mit Musikkapellen, Chören und einem Tiroler Heimatabend mit Schuhplattlern und Jodlern flankiert.Am Tag, nachdem die Bahntrasse im Ruhrtal demontiert und die Dampflok aus dem Zillertal abtransportiert worden war, schrieb die NRZ fast wehmütig: „Das große Spiel der Kleinen und Großen mit der kleinen Eisenbahn ist aus. Den Mülheimern wird die Zillertalbahn ewig in heiterer Erinnerung bleiben. Viele haben versprochen, sie schon bald im Zillertal zu besuchen.“

Dieser Text erschien am 17. Mai 2011 in der NRZ

Donnerstag, 23. Juni 2011

Mit einem Kirchendialog suchen auch Mülheims Katholiken einen Ausweg aus der Krise ihrer Kirche




Nicht zuletzt nach den Missbrauchsfällen in ihren Reihen steckt die katholische Kirche in einer Krise. Viele Menschen verlassen die Kirche, auch deshalb, weil sie sich in ihr nicht mehr verstanden und aufgehoben fühlen. Im Dialog mit den katholischen Laien und allen interessierten Menschen wollen die Bischöfe mit einem Kirchendialog Wege aus der Krise suchen. Auch in Mülheim, wo in diesem Jahr über 230 Katholiken und Protestanten ihrer Kirche den Rücken gekehrt haben, wird dieser Dialog stattfinden, bei dem kein Thema ausgespart werden soll. Dazu laden der Mülheimer Katholikenrat und der Diözesanrat des Bistums Essen am 28. Juni um 19 Uhr in die Dümptener Barbarakirche (Foto) am Schildberg 84 ein. Die Veranstaltung wird von dem aus Mülheim stammenden Vorsitzenden des Diözesanrates, Luidger Wolterhoff, moderiert.






Ihre Ergebnisse werden dokumentiert und fließen in einen Dialog mit Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und seinen Kollegen der Deutschen Bischofskonferenz ein. Deren Vorsitzender, Robert Zollitsch hatte den Kirchendialog 2010 angestoßen. In einem Aufruf des Diözesanrates, der auch in Mülheims Kirchen verlesen wurde, heißt es unter dem Motto: "Aufruhr-Bistum - Kirche gestalten. Jetzt!" unter anderem: "Unsere Kirche steckt in einer tiefen Krise. Wir sehen es in unseren Gemeinden und Verbänden. Wir werden weniger und weniger. Dafür gibt es viele Gründe. Viele wollen noch etwas von Kirche. Aber bei nicht wenigen hat die Strukturreform des Bistums in Hinblick auf die Veränderungen in den Pfarreien und Gemeinden einschließlich der Schließung von Kirchen viel Ärger, Ohnmacht und Verunsicherung ausgelöst...Wir möchten allen die Möglichkeit geben, sich am Prozess der Weiterentwicklung der Kirche in unserem Bistum aktiv zu beteiligen. Nehmen Sie die Chance der Beteiligung in unserer Kirche wahr. Sagen Sie uns Ihre Meinung. Und wir versprechen Ihnen: Wir werden Ihrer Stimme Gehör verschaffen."



Das Leben ist eine Baustelle, die Kirche auch. Weil Menschen die Kirche verlassen, aus der Region wegziehen oder sterben, schrumpfen auch die Kirchensteuermittel. Als Konsequenz aus dieser Entwicklung wurden aus 15 Pfarrgemeinden 2006 drei Großpfarreien. Ehrenstadtdechant Manfred von Schwartzenberg sieht langfristig sogar nur noch eine Großpfarrei. Der Gemeindeverband und das katholische Jugendamt wurden ebenso aufgelöst wie die Gemeinden St. Raphael und Heilig Kreuz. Deren Kirchen wurden als Caritaszentrum und als Urnenkirche umfunktioniert. Viele Katholiken haben ihre alte Heimat verloren und müssen sich jetzt in neuen Strukturen zurechtfinden. Hinzu kommen Glaubens- und Glaubwürdigkeitskrisen, die nicht nur durch die Missbrauchsfälle in der Kirche angefacht wurde. Was muss sich in der Kirche verändern, damit sie wieder mehr Menschen ansprechen und gewinnen kann? Darüber sprach ich für die NRZ mit aktiven Laien.




Der Katholikenratsvorsitzende Wolfgang Feldmann (59) sieht seine Kirche nach den Missbrauchsfällen und den Umstrukturierungen der letzten Jahre in einem defensiven Schockzustand. Wie kann man da raus kommen? Feldmann empfiehlt "eine konsequente Umsetzung des II. Vatikanischen Konzils", das unter anderem die Rolle der Laien in der Kirche gestärkt habe. Außerdem glaubt er: "Kirche muss stärker im Internet und in den Medien präsent sein." Als Vorbild hat er dabei die erfolgreiche Wahlkampagne Obamas im Jahr 2008 vor Augen. Nur wenn Kirche über ihre Angebote und Aktivitäten auch öffentlich spreche, ist Feldmann überzeugt, könne sie auch wieder mehr Menschen ansprechen.






Ebenso wie Feldmann wurde auch der 27-jährige Manuel Gatz durch das Vorbild und die Prägung seiner Familie zu einem aktiven katholischen Laien. Prägend waren für ihn vor allem die positiven Erfahrungen in der katholischen Jugendarbeit. Heute engagiert er sich als stellvertretender Vorsitzender des Pfarrgemeinderates von St. Mariae Himmelfahrt und im Förderverein der Selbecker Theresienkirche. Wie Feldmann sieht Gatz den Schlüssel zur Zukunft der Kirche in den Familien. "Wir brauchen Pastöre und Gemeindemitglieder, die auf junge Familien zugehen können. Sie sind der Schlüssel. Sonst stirbt der Laden aus", sagt Gatz und fügt hinzu: "Der persönliche Kontakt entscheidet." In seiner Gemeinde hat man gute Erfahrungen mit einem Besuchsdienst gemacht, mit dem Zugezogene in der Gemeinde willkommen geheißen werden. Gatz: "80 Prozent der Besuchten finden das toll."






Der 66-jährige Pfarrgemeinderatsvorsitzende von St. Mariae Himmelfahrt, Rolf Hohage , glaubt nicht, dass der Mülheimer Kirchen-Dialog in St. Barbara "die heilige Kirche reformieren wird." Als in Mülheim aktiver Laie hat er den Eindruck, "dass man es hier mit Geistlichen zu tun hat, mit denen man reden kann." Auf der lokalen Kirchenebene wünscht er sich mehr stadtkirchliche Aktivitäten und weniger Kirchturmsdenken. Vom Bistum würde er sich etwas mehr Kirchensteuergeld für diese stadtkirchlichen Aktivitäten wünschen, sei es etwa mit Blick auf die Ladenkirche oder den katholischen Stadtempfang.In der weltkirchlichen Perspektive hat Hohage keinen Zweifel daran, dass die Kirche mit dem Verzicht auf einen Pflichtzölibat "viele für das Priesteramt gewinnen würde, die das von ihrer Ausbildung her gut ausfüllen könnten." Kritisch sieht Hohage die Tatsache, dass die großen christlichen Kirchen oft nicht schaffen, was kleinen Freikirchen offenbar gelingt, nämlich eine persönliche Nähe zu ihren Mitgliedern herzustellen. "Wir müssen auf die Menschen zugehen und ihnen zeigen, dass wir uns über ihre Anwesenheit freuen. Denn Christ sein kann man nicht für sich allein. Kirche ist Gemeinschaft. Ich habe in dieser Gemeinschaft viele gute Leute kennen gelernt, die mir gezeigt haben, dass es sich lohnt dafür zu arbeiten", sagt Hohage.






Die Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes, Helmi Loewe (71), macht keinen Hehl daraus, dass sie mit der Stellung der Frau in der Amtskirche "gar nicht zufrieden" ist. "Die Zeit ist reif für das Diakonat der Frau", sagt sie. Loewe glaubt: "Die Kirche lässt eine Chance aus, wenn sie die seelsorgerischen Fähigkeiten der sozialen und kontaktfreudigen Frauen nicht nutzt." Als Gemeindemitglied wünscht sie sich nicht nur bessere, sondern auch am Alltag orientierte Predigten. Diese würde sie auch in der Kirche diskutieren und hinterfragen wollen. Um die religiöse Kompetenz in den Familien zu stärken, plädiert sie unter anderem für einen Kommunionsunterricht, an dem nicht nur Kinder, sondern auch ihre Eltern teilnehmen sollten. Damit sie sich weiterentwickelt und Zukunft hat, empfiehlt Loewe ihrer Kirche, die Dialog-Ergebnisse schnell und konsequent umzusetzen. Trotz aller Mängel in der Kirche aktiv zu sein, lohnt sich für Loewe, weil sie aus eigener Erfahrung weiß: "Glaube und Gemeinschaft in der Kirche geben Glück und Halt im Leben."






Christa Horn (65), die die Gemeinde-Caritas von St. Mariae Himmelfahrt leitet, hofft, "dass nicht nur Berufskatholiken zum Kirchendialog kommen, damit wir ein rundes Bild bekommen" und darauf, dass die Bischöfe ihr Wort halten und auf die Laien hören." Sie wünscht sich von ihrer Kirche unter anderem glaubwürdige Repräsentanten, eine Sprache, die auch die Jugend verstehen kann und einen barmherzigeren Umgang mit gläubigen Katholiken, die nicht mehr an der Kommunion teilnehmen können, weil sie nach einer Scheidung wieder geheiratet haben.






Auch die 47-jährige Susanne Gregel von der Gruppe Frauen aus St. Mariae Geburt weiß, "dass die Bibel ein spannendes Buch ist, wenn man sie aus den unterschiedlichen Blickwinkeln des eigenen Lebens betrachtet." Was die biblische Praxis in den Gemeinden angeht, wünscht sie sich, dass die Nächstenliebe nicht an der Kirchentür endet und die Menschen mehr miteinander sprechen und sich begegnen. Mit Blick auf das Priesteramt wünscht sie sich die Abschaffung des Pflichtzölibates, "um mehr Priester zu bekommen und die Arbeit auf mehr Schultern verteilen zu können" und eine Reform der Priesterausbildung, die die praktische Organisation von Gemeindeleben im Blick hat. "Gemeindemitglieder sollten Priester nicht als Übermenschen betrachten und Priester sollten keine Angst haben, vom Sockel gestoßen zu werden. Man braucht keine Angst haben, wenn man miteinander spricht", betont Gregel.






Auch wenn man mit Geld viel Gutes tun kann, zum Beispiel bei der Caritas, ist unsere Kirche vielleicht zu sehr zu einem Geschäftsbetrieb geworden, in dem sich zu viel um das Geld dreht", sagt der Gemeinderatsvorsitzende von St. Joseph in Heißen, Johannes Kretschmann. Der 59-Jährige wünscht sich für seine Kirche mehr engagierte Priester mit Herzblut und Zeit für Zuwendung. Der Schrumpfungsprozess, den seine Kirche derzeit durchmacht, birgt in seinen Augen auch die "Chance, die Kräfte zu bündeln und sich auf das Urchristentum zu besinnen." Dessen wichtigstes Credo sieht Kretschmann in dem Gebot: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."






Der 71-jährige Ko-Vorsitzende des Kolping-Bezirksverbandes, Hans op ten Höfel , zeigt sich optimistisch, dass der Kirchen-Dialog "etwas gerade biegen kann, was schief gelaufen ist."Er selbst wünscht sich vor allem eine verstärkte Ökumene mit mehr gemeinsamen Gottesdiensten, in denen man vorerst auf ein gemeinsames Abendmahl verzichtet. "Wir Christen haben es heute schon schwer genug. Wir dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen", meint der Kolpingbruder und plädiert für eine Kirche mit weit offenen Fenstern und Herzen.






Dieser Text erschien am 21. Juni 2011 in der NRZ

Sonntag, 19. Juni 2011

30 Jahre im Priesteramt: Der Pastor von St. Engelbert, Michael Clemens, zieht eine kritische Zwischenbilanz



Es waren die prägenden und positiven Erfahrungen in der katholischen Jugendarbeit, die ihn seinerzeit zu seiner geistlichen Berufswahl inspirierten. “Ich wollte etwas zurückgeben“, sagt Clemens. Obwohl er zwischenzeitlich der Theologie ade gesagt und Erziehungswissenschaften studiert hatte, kehrte er zur Theologie und zum Priesteramt zurück, weil er sich als jemanden sieht, „der gut mit Menschen umgehen kann und gerne Verantwortung übernimmt.“ Das Priesteramt sieht er als einen Beruf, “den man nur mit Haut und Haaren machen kann.“ Genau das fasziniert ihn.Seit 18 Jahren leitet er jetzt die Gemeinde in einem zunehmend multikulturellen Stadtteil.






„Das multikulturelle Zusammenleben ist eine Herausforderung“, gibt Clemens zu. Doch auch wenn er seine Kirche kritisch sieht und sich manchmal fragt, „wie tief das Christentum bei uns verankert ist“, sieht er keinen Grund für Lethargie und Untergangsstimmung.Zurzeit fühlt er sich durch einen jungen und aktiven Gemeinderat und von steigenden Besucherzahlen im Gottesdienst beflügelt. „Es gibt einen großen Hunger nach Glauben“, ist sich Clemens sicher. Anspruchsvolle Liturgie und Predigten begreift er ebenso als Teil einer einladenden Seelsorge, wie die Einrichtung einer neuen Krabbelgruppe. Auch wenn seine Gemeinde mit dem Engelbertusstift ein Altenheim in ihren Mauern hat, möchte er sie nicht auf Altenpastorale reduziert wissen.






Er selbst hat sich einem Familienkreis angeschlossen, um als Priester in der Gemeinde nicht zu vereinsamen und Menschen zu finden, „die einen mittragen.“ Obwohl er sich selbst mit der Priesterweihe vor 30 Jahren für den Zölibat entschieden hat, glaubt Clemens, dass das Priesteramt auch ohne diesen zu leben wäre. Außerdem ist er davon überzeugt, dass seine Kirche, der er „mehr Offenheit und Echtheit“ und weniger „Wagenburgmentalität“ wünscht, angesichts des Priestermangels nicht umhin kommt, über die Rolle der Frauen in der Kirche neu nachzudenken. „Es geht nicht, dass wir ihnen die Arbeit überlassen, aber sie trotzdem nichts zu sagen haben.“






Auch wenn Clemens seiner Kirche empfiehlt, nicht nur über Strukturen zu diskutieren, sondern auch dem heiligen Geist eine Chance zu geben, empfindet er die jetzigen Strukturen der Großgemeinden als „übergestülpt.“ Nach seiner Ansicht „nehmen sie den Menschen das Gefühl, dass die Kirche im Dorf ist.“






Seine Zukunftsvision ist die einer auf Teilhabe ausgerichteten Kirche, „die den Menschen das Gefühl gibt, mittendrin zu sein.“ Der Pastor von St. Engelbert geht davon aus, dass es noch zwei Generationen dauern wird, bis die jetzigen Gemeindestrukturen von den Menschen vor Ort akzeptiert werden.






Dieser Text erschien am 16. Juni 2011 in NRZ und WAZ

Sonntag, 12. Juni 2011

Wie ein großes Familientreffen: Ein Besuch beim Musik- und Sommerfest am Krug zur Heimaterde



Manchmal hat man das Gefühl, dass die Welt doch noch in Ordnung ist, zum Beispiel beim Musik- und Sommerfest am Krug zur Heimaterde- Am Sonntagnachmittag lacht dort nicht nur die Sonne. Unter schattigen Bäumen wird fröhlich geplaudert, gegessen und getrunken. Die Musik kommt nicht vom Band, sondern wird live und zünftig von 14 Fanfarenzügen aus der Region gespielt. Mal hört man Schlager. Mal hört man Swing. Für jeden Geschmack ist was dabei. Die Atmosphäre erinnert an ein großes Familientreffen.






Am Tombolastand, wo ein prall gefüllter Frühstückskorb als Hauptgewinn winkt, kauft Wilhelm Wirtz fleißig Lose. Sie helfen das Fest zu finanzieren. „Das ist ein Fest, das von vielen getragen wird und allen zugute kommt. Warum sollte man sich da nicht auch mit einem Loskauf beteiligen?“, fragt Wilhelm Wirtz, der seit 54 Jahren in der Heimaterde lebt. Die Antwort gibt er sich selbst: „Das ist ein Fest, bei dem man jeden Zweiten kennt und darüber hinaus alte Bekanntschaften auffrischt. Man merkt hier, dass die Heimaterde wirklich eine Heimat ist, in der wir uns zu Hause fühlen.“ Dass er nicht nur alte, sondern auch junge Gesichter bei diesem Fest sieht, bestärkt ihn in der Hoffnung, „dass man diese schöne Tradition bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag fortführen wird.“






Wie die ehemalige Krupp-Siedlung der Heimaterde zu dem geworden ist, was sie heute ist, kann man an den historischen Fotos sehen, die sich der Vorsitzende der Siedlervereinigung, Egon Janz, zusammen mit Ulrich Matern anschaut. Für den 81-Jährigen, der am Finkenkamp geboren wurde und in der Heimaterde aufwuchs, ist es ein Wiedersehen nach vielen Jahren. 1952 ist Matern nach Kanada ausgewandert, „weil damals für unsere Generation hier wenig zu holen war.“ In der Heimaterde arbeitete Matern als junger Mann in einer Baumschule. In seiner Freizeit spielte er beim TSV Fußball. „Hier war alles inner sehr sauber und gut geregelt, alle Hecken gerade geschnitten“, erinnert sich Matern, der später als Rosenzüchter in Britisch Kolumbien sein Glück fand. Auch wenn es ihn immer mal wieder in die alte Heimat zieht, möchte Matern die unvergleichliche Natur, die er in der Wildnis seiner neuen Heimat gefunden hat, nicht mehr missen. Freundlich, aber doch auch ein bisschen fremd wirkt die Heimaterde heute auf den Besucher aus einer anderen Zeit. „Es wird wohl das letzte Mal gewesen sein, dass ich mit meinen müden Knochen hier hin gekommen bin“, glaubt Matern.






„Auch wenn es einem nach der Love-Parade-Katastrophe mit neuen Sicherheitsauflagen nicht gerade leicht gemacht wird, so ein Fest zu organisieren, macht es uns doch immer wieder Spaß, den Menschen so ein Fest zu bieten und die tolle Resonanz des Publikums zu erleben“, sagt die Vorsitzende des federführenden Musikkorps der Mölmschen Houltköpp, Kerstin Schatke. Damit das von den Heimaterder Vereinen und der Siedlervereinigung mitgetragene Fest ordnungsgemäß über die Bühne gehen konnte, haben sich Schatke und ihre Mitstreiter im Organisationsteam eine Woche frei genommen.






Dieser Text erschien am 9. Juni 2011 in NRZ und WAZ

Samstag, 11. Juni 2011

Eine Wechselausstellung im Haus der Wirtschaft zeigt, wo und wie man früher in Eppinghofen einkaufte



Wie und wo wurde früher in Eppinghofen eingekauft? Davon kann man sich noch bis in den Oktober im Gründer- und Unternehmermuseum an der Wiesenstraße ein Bild machen.Historische Fotografien und Texte aus einer von der in Eppinghofen aufgewachsenen Inge Merz geschriebenen Artikel-Serie lassen die alte Geschäftswelt des heute multikulturell geprägten Eppinghofens lebendig werden. Die Wechselausstellung auf der obersten Etage im Haus der Wirtschaft führt den Besucher in eine Zeit zurück, als das Straßenbild des Stadtteils noch ausschließlich von deutschen Geschäftsleuten und ihren kleinen Läden bestimmt wurde und von Supermärkten oder Discountern noch keine Rede war.






„Es waren diese Bürger, die angetrieben von ihrer Vision, hier Arbeit und ein Zuhause fanden, die das Gesicht des Stadtteils geprägt haben“, unterstrich Bezirksbürgermeister Arnold Fessen.„Es ist nicht mehr das selbe, wie vorher. Aber das Zusammenleben klappt eigentlich ganz gut. Die türkischen Geschäftsleute sind alle fleißig und haben es zu einem gewissen Wohlstand gebracht“, schilderte Irene Latte (Foto) am Rande der Ausstellungseröffnung den Wandel in dem Stadtteil, in dem sie 1923 geboren wurde und in dem ihre Eltern 1932 ein Obst- und Gemüse-Geschäft eröffneten. Sie selbst erweiterte das Geschäft der Familie zusammen mit ihrem Mann um einen Feinkosthandel, den sie von 1948 bis 1986 an der Eppinghofer Straße betrieb.






Heute befindet sich in ihren Haus der Handy-Laden eines türkischen Geschäftsmannes. Bei der Ausstellungseröffnung erinnerte sich Latte unter anderem, wie ein durch die damals noch viel schmalere Eppinghofer Straße fahren der Schwertransport das Aquarium in ihrem Feinkostgeschäft bersten ließ, so dass Ale und Forellen zur Tür hinaus schwammen.„Um diese Stadt weiterentwickeln zu können, muss man auch ihre Geschichte kennen. Man kann nicht einfach vorwärts laufen, ohne vorher zurückgeblickt zu haben“, sagte Tuncay Palta, der ebenfalls zu den ersten Ausstellungsbesuchern gehörte. Der als KFZ-Sachverständige an der Eppinghofer Straße ansässige Palta repräsentiert als Deutscher mit türkischen Wurzeln einen Teil der neuen Geschäftswelt in Eppinghofen.






Dieser Text erschien am 9. Juni 2011 in NRZ und WAZ

Montag, 6. Juni 2011

Auch die schönste Schulzeit geht einmal zu Ende: Die stellvertretende Otto-Pankok-Schulleiterin Ursula Welker zieht Bilanz



Die meisten Menschen sind froh, wenn sie ihre 12 oder 13 Schuljahre hinter sich haben. Ursula Welker ist froh, das sie über 50 Jahre zur Schule gehen durfte, zunächst als Schülerin und ab 1970 als Lehrerin. Doch auch die schönste Schulzeit hat einmal ein Ende. Am 22. Juli hat die stellvertretende Leiterin des Otto-Pankok-Gymnasiums ihren letzten Schultag. Bereits am 20. Juli wird sie offiziell verabschiedet.

„Unser Schulleiter hat mir eine schöne Feier versprochen“, sagt Welker.Was wird sie vermissen? „Die Lebendigkeit der Schüler und ihre vielen Ideen, die jeden Tag auf mich zukommen“, glaubt die Pädagogin. Und was lässt sie gerne hinter sich? „Die vielen Korrekturen“, sagt die Lehrerin, die neben ihrer Leitungsfunktion Deutsch und Erdkunde unterrichtet. Einer der letzten Stapel Hefte liegt neben ihr. „In meinen besten Zeiten hatte ich sieben Klassen mit jeweils über 30 Schülern“, erinnert sie sich. Als stellvertretende Schulleiterin betreut sie derzeit noch drei Klassen und Kurse.

War Lehrerin für sie ein Traumberuf? „Auf jeden Fall. Ich habe schon als Kind mit meinen Freundinnen Schule gespielt. Was mich begeistert, ist die Herausforderung, wissenschaftlichen Zusammenhänge so herunterzubrechen und zu vermitteln, dass sie Kinder unterschiedlichen Alters verstehen können.“An der Luisenschule, wo sie 1966 das Abitur bestand und später für einige Jahre unterrichtete, ehe sie zur Otto-Pankok-Schule wechselte, fand sie ihre ersten Vorbilder. Deutsch war ihr absolutes Lieblingsfach. Noch heute hat sie ihre Lehrerin Cläre Schmidt-Habel im Kopf, die so lebendig von der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ zu berichten wusste.

Nicht minder beeindruckte sie ihre Mathematik- und Physiklehrerin Gundula Lambrecht. „Mich hat beeindruckt, wie sie Familie und Beruf miteinander vereinbart hat. Sie war als Lehrerin sehr exakt und achtete darauf, dass alle etwas gelernt haben und niemand zurückblieb.“Dass hat sich die Lehrerin Welker selbst zu Eigen gemacht. Das Interesse für ihre Schüler und ein gutes Gedächtnis haben ihren nicht immer leichten Beruf leichter gemacht. Sie kennt nicht nur die Leistungen, sondern auch die Hobbys und Lebensumstände ihrer Schüler. Das hilft beim Lernen und Lehren.

Bei der Frage nach den Veränderungen im Schulalltag, fällt Welker zunächst ein, was gleich geblieben ist. Damals wie heute bedeutet Schule für sie „soziales Lernen und das Lernen lernen.“In der Rückschau auf ihre Schulzeit glaubt sie, „dass wir freier waren und mehr Möglichkeiten hatten, unsere Zeit zu gestalten.“ Auch einen Numerus Clausus oder Zukunftsängste kannte man in den 60er Jahren nicht: „Nach dem Abitur stand uns alles offen. Wir konnten machen, was wir wollten“, erinnert sich Welker an ihren Übergang vom Schul- ins Berufsleben.

Die heutigen Schüler sieht sie als „in ihrer Freizeit sehr verplant“ und unter „einem großen Leistungsdruck.“ Vielen würde sie im Rahmen ihrer Persönlichkeitsentwicklung mehr Zeit für spontane Aktivitäten, Gespräche und Begegnungen wünschen.“ Auch wenn sie das Abitur in acht Jahren mit Blick auf die europäische Bildungslandschaft für erforderlich hält, sieht sie auch dessen Schattenseiten von mehr Zeit- und Leistungsdruck.Kritisch sieht sie auch die medialen Reizüberflutungen, die das konzentrierte Lernen nicht gerade leichter machen und die negativen Auswirkungen der virtuellen Kommunikationsnetzwerke im Internet, die das Mobbing befördert haben. Hier sieht sie Lehrer verstärkt gefordert, mit der Kommunikation von Mensch zu Mensch, etwa in einer Klassenstunde, gegenzusteuern. Welker selbst wird sich nach ihrem letzten Schultag verstärkt um ihre beiden Enkel und als Präsidentin um ihren Rotary Club kümmern.

Dieser Text erschien am 2. Juni 2011 in der NRZ

Sonntag, 5. Juni 2011

Der Theologe Eugen Drewermann sprach in der Heißener Friedenskirche darüber, was wir heute aus dem Lukas-Evangelium lernen können





30. Mai 2011. Montagabend in der Friedenskirche am Humboldthain. Es ist keine Gottesdienstzeit. Trotzdem ist das evangelische Gotteshaus gut besucht, weil der Ex-Priester und Ex-Katholik Eugen Drewermann über das Lukas-Evangelium spricht.Seine Zuhörer kommen aus allen Konfessionen. Vielleicht sind auch einige Konfessionslose unter ihnen. Was sie eint, ist die Suche nach Orientierung und einem geistlichen Impuls, der sie fürs Leben stärkt. Der Titel, den Drewermann für seinen Vortrag gewählt hat, klingt verheißungsvoll: „Einmal richtig leben.“ Und die Antwort darauf soll im Lukas-Evangelium stehen? Drewermann zeigt es seinen Zuhörern mit einer Mischung aus Theologie, Psychologie und Politik.










Er spricht frei, leise und eindringlich, um zum guten Schluss einige Fragen und Stellungnahmen aus dem Publikum zu beantworten. Zwei Stunden vergehen wie im Flug.Befreiender GlaubeDer 70-Jährige beeindruckt immer wieder und immer noch, weil er mühelos den Bogen zwischen Alltag, Weltpolitik und Bibel schlägt, angereichert mit ein bisschen Weltliteratur hier und ein bisschen Neurobiologie dort. Und so holt Drewermann den Jesus aus dem Lukas-Evangelium in die Gegenwart.Er zeigt seinen Zuhörern zum Beispiel jenen Jesus, der sich dem Aussätzigen zuwendet und ihn durch seine Berührung heilt statt, dem mosaische n Gesetz folgend, sich abzuwenden.










“Im Vertrauen auf die Ewigkeit Gottes, der die Menschen entängstigt, geht Jesus durch die Angst durch bis nach Jerusalem“, sagt Drewermann. Ganz nebenbei lässt er einfließen, dass die Leprakrankheit, die in einigen Teilen der Welt immer noch lebensbedrohlich ist, mit einigen 100 000 Euro für die frühzeitige Behandlung der Betroffenen zu besiegen wäre. Außerdem berichtet er von einer Frau, die durch die Liebe eines Mannes die Symptome ihrer Neurodermitis überwinden konnte, eine alltägliche Heils- und Liebesgeschichte.Die Heilung des Gelähmten, dem Jesus ohne Nachfrage und Vorbedingung sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben“ erkennt Drewermann als biblischen Beweis dafür, dass Jeus kein dogmatischer Religionsstifter im Sinne gutbürgerlicher Moralvorstellungen von Gut und Böse war.










Stattdessen führt Drewermann seinen Zuhörern einen Jesus vor Augen, der Menschen von der Lähmung durch ihre Angst und Verzweiflung befreit, die sie erst dazu treibt im moralischen Sinne böse statt gut zu handeln.Drewermann begreift des Jeus des Lukas-Evangeliums als Therapeuten, der wie ein Arzt auf die kranken Menschen schaut und genau weiß, “dass man niemandem mit einem moralischen Zeigefinger helfen kann, wenn er inwändig zerrissen ist und deshalb auch nicht im Einklang mit sich selbst handeln kann.“ Er erinnert an das Gebot der Bergpredigt, nicht zu richten.Beim Thema Moral lässt Drewermann aber keinen Zweifel daran, dass er das militärische Engagement in Afghanistan für unmoralisch hält und die These zurückweist, „dass wir in Afghanistan unsere Sicherheit und unsere christlich-abendländischen Werte verteidigen würden.“




Dieser Text erschien am 2. Juni 2011 in NRZ und WAZ

Samstag, 4. Juni 2011

50 Jahre Unternehmen Fünf: Wie ein kleiner Verein in Afrika und Latreinamerika große Hilfe leistet



Wer Nachrichten liest, sieht und hört, könnte angesichts des weltweiten Elends manchmal verzweifeln. Was kann man dagegen tun? Für die NRZ sprach darüber mit dem 69-jährigen Ingenieur Manfred Oelsner, der vor 50 Jahren mit Schulfreunden den Verein Unternehmen Fünf (U5) ins Leben rief, der heute Entwicklungshilfe in Afrika und Lateinamerika leistet.






Wie entstand Ihr Verein und wie kam er zu seinem Namen?



Der Verein wurde am 10. Juni 1961 von vier Schülern gegründet, die damals ihren Schulabschluss feierten. Neben Günther Gellrich, Günter Fuß und Lothar Baron gehörte auch ich zu diesem Kreis. Wir waren sehr idealistisch eingestellt und wollten an der Lösung der Weltprobleme mitwirken. Unser Verein brauchte einen Namen und Geld. Da wir als angehende Lehrlinge und Studenten wenig verdienten, haben wir damit angefangen, monatlich fünf Mark in einen gemeinsamen Projekttopf einzuzahlen. Deshalb nannten wir unseren Verein Unternehmen Fünf (U5).






Wie kamen Sie zu Ihren ersten Hilfsprojekten?



Eines unserer Mitglieder konnte damals den CDU-Stadtverordneten und CVJM-Vorstand Paul Siebert nach Ghana begleiten. Dort lernte er einen begabten Jungen aus einer armen und kinderreichen Familie kennen, dem das Schulgeld fehlte. Diesen Jungen, der uns später auch in Mülheim besuchte, haben wir den Schulbesuch ermöglicht.






Welche Projekte folgten und was sind Ihre aktuellen Projekte?



Durch Günther Gellrich haben wir dann auch Kontakte in Tansania geknüpft, wo wir unter anderem die deutsche Urwaldärztin Margarete Bund schuh unterstützt haben, die sich als eine der Ersten dort um die Behandlung Aids-Kranker gekümmert hat. Später haben wir hier zum Beispiel auch alte Nähmaschinen gesammelt und repariert, mit denen wir Mädchen in Tansania eine Berufsausbildung ermöglichen konnten. Wenig später finanzierten wir dann in Ghana die Anlage von Trinkwasserbrunnen und Dorftoiletten. Derzeit unterstützen wir eine von katholischen Ordensfrauen geleitete Berufsschule für Mädchen in Adeemmrra/Ghana und das Nikolaushaus am Viktoriasee in Kemondo/Tansania, das von der aus dem Ruhrgebiet kommenden Sozialarbeiterin Stefanie Köster aufgebaut wird, um dort behinderte und zum Teil Aids-kranke Waisenkinder zu betreuen. Spendengelder fließen auch in den Betrieb von Kindertagesstätten in Diamante Entre Rios/Argentinien und Encarnacion/Paraguay sowie in Patenschaft für bedürftige Kinder in Indien, die von der Kindernothilfe betreut werden.






Wie kontrollieren Sie die Mittelverwendung für Ihre Projekte?



Um der Überprüfbarkeit willen zahlen wir nicht in große anonyme Töpfe ein. Wir machen kleine Dinge, suchen uns vor Ort unsere Partner, die uns ihre Projekte schildern und die wir dann auch später vor Ort kontrollieren. Natürlich fordern wir von unseren Projektpartnern detaillierte Abrechnungen ein. Wir hoffen natürlich, dass das später einmal von unseren jüngeren Mitgliedern übernommen werden kann, wenn sie selbst erfahren, wie das da unten ist. Sollte sich aber unser Verein, der derzeit 60 Mitglieder hat, einmal auflösen, würden wir unser Vereinsvermögen der Kindernothilfe zukommen lassen, die vom Vater eines U5-Mitglied es mitgegründet worden ist.






Was haben Sie durch Ihr Engagement gelernt?



Das ich im Leben eigentlich mit sehr wenig auskomme und viele Dinge gar nicht brauche.






Weitere Informationen im Internet unter: www.kirche-muelheim.de/u5






Dieser Beitrag erschien am 30. Mai 2011 in der NRZ

Donnerstag, 2. Juni 2011

Global denken, lokal handeln: Dieses Agenda-Motto ist für die Speldorfer Kirchengemeinde St. Michael schon seit langem gelebte Praxis



Eines kann man der Speldorfer Kirchengemeinde St. Michael bestimmt nicht vorwerfen: Dass sie nur um ihren eigenen Kirchturm an der Schumannstraße kreisen würde.Seit Jahren unterstützen zum Beispiel die zur Gemeinde gehörenden Eheleute Sigrid und Rudolf Wiebringhaus zusammen mit einem privaten Helferkreis eine katholische Internatsschule für Aids-Waisen in Tansania. Doch wenn die Speldorfer Gemeinde über ihre Kirchturmspitze schaut, guckt sie nicht nur nach Afrika, sondern auch in die osteuropäische Ukraine.






Eine von den Eheleuten Christa und Gerhard Fölting initiierte Gruppe, deren harter Kern aus 15 bis 20 Gemeindemitgliedern besteht, pflegt eine Partnerschaft mit der Mariengemeinde in der westukrainischen Bukowina. Die Freundschaft zwischen St. Michael in Speldorf und St. Marien in Stara Krasnoshora wurde durch den katholischen Weltjugendtag 2005 in Köln begründet, als Familien aus St. Michael Gäste aus der Ukraine aufnahmen.Mit dem Weltjugendtag 2005 fing alles an. Seit dem besuchen Gemeindegruppen aus Speldorf regelmäßig die Ukraine und heißen Gäste aus der Ukraine in Speldorf willkommen, frei nach der Devise: „Kleine Besuche erhalten die Freundschaft“






Natürlich geht es den Michaelanern, die in die Bukowina reisen oder hier Gäste aus. Stara Krasnoshora beherbergen und betreuen, auch um eine persönliche Horizonterweiterung. „Diese Partnerschaft ist eine gute Brücke nach Osteuropa. Doch das Engagement der Gastfamilien stärkt auch den Zusammenhalt in den Gemeinden“, sagt Gerd FöltingDoch die deutsch-ukrainischen Begegnungen, die nächste übrigens wird im Herbst in Speldorf stattfinden, haben auch einen praktischen Mehrwert. Denn bei den Besuchen dies- und jenseits der EU-Grenzen geht es nicht nur um Freundschaft, Sightseeing oder gemeinsames Beten, Meditieren und Singen, sondern auch um die konkrete Lösung von Alltagsproblemen.






So unterstützt St. Michael eine Gruppe, die sich unter dem Namen Smiley Kids in Stara Krasnoshora um Kinder alkoholkranker Eltern bemüht. So konnte die Speldorfer Gemeinde den Kontakt zu einer Fachfrau vom Kreuzbund herstellen, die bereits ein Seminar in der Ukraine abgehalten hat. Außerdem übten sich deutsche Gastgeber und ukrainische Gäste beim letzten Zusammentreffen in Speldorf in gemeinsamen Übungen am lebenden Objekt und unter professioneller Anleitung einer Krankenschwester im kleinen Einmaleins der häuslichen Krankenpflege, besuchten gemeinsam ein Altenheim und ließen sich beim Besuch einer Dachbaufirma über die Möglichkeiten des energiesparenden biologischen Bauens aufklären.„Das ist etwas ganz anderes als das Ruhrgebiet. Es gibt eine stark ausgeprägte Volkstümlichkeit mit Musikgruppen und Trachten.






"Viele Menschen leben dort in Holzhäusern, haben einen Brunnen vor der Tür und fahren noch mit Pferd und Wagen,“ schildert Gerd Fölting die selbst erlebten Unterschiede im Alltag, die aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es gemeinsame soziale und menschliche Probleme gibt.So wird man sich beim nächsten deutsch-ukrainischen Treffen in Speldorf mit der Lebenssituation von Frauen und von Menschen mit Behinderung auseinandersetzen.Das letztere Thema hat einen aktuellen Hintergrund. Denn im vergangenen Sommer ließen sich die Speldorfer und ihre ukrainischen Gastgeber durch den Besuch in einem Heim für alte und behinderte Männer in Tscheresch zum Handeln motivieren, um auf die dort herrschenden hygienischen und fachlichen Mängel aufmerksam zu machen.






Über den CDU-Außenpolitiker Philipp Mißfelder und die deutsche Botschaft in Kiew konnte politischer Handlungsdurck auf die Verantwortlichen vor Ort organisiert werden, so dass eine Lösung der Probleme wahrscheinlicher wird.






Dieser Text erschien am 28. April 2011 in NRZ und WAZ