Mittwoch, 14. September 2011

Urlaub anno dazumal: Erinnerungen an die gute alte Sommerfrische







Sommerzeit ist Urlaubszeit. Und der Trend, so bestätigt Alexandra Scholz vom Speldorfer Reisebüro Fleck, geht wieder zum Urlaub im eigenen Land, "weil es preiswerter ist und viele Leute auch nicht gerne fliegen." Die Reisekauffrau und ihre Kollegen stellen fest, dass vor allem der Urlaub an Ost- und Nordsee hoch im Kurs steht. Wer keine Flugangst hat und sich viel Sonne für wenig Geld wünscht, den zieht es laut Scholz derzeit vor allem in die Türkei oder nach Ägypten und Tunesien, während klassische Urlaubsziele wie Ibiza und Menorca wegen gestiegener Preise weniger attraktiv seien, anders, als die "gut gebuchten" Kreuzfahrten und das Urlaubsziel schlechthin: Mallorca. Da sei vor allem bei ganz jungen Urlaubern gefragt.










Wie machten eigentlich unsere Eltern und Großeltern Urlaub, als von All inclusive noch keine Rede war. Aus erster Hand erfahre ich von meiner Mutter Edith Emons, die gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert hat, dass sie in ihren Kindertagen mit Vater, Mutter und zwei jüngeren Geschwistern "entweder in unserem eigenen Schrebergarten in Köln oder auf Bauerhöfen im Westerwald und im österreichischen Vorarlberg" ihre Sommerfrische verlebt hat. "Da konnte man Tiere entdecken und mit Freunden spielen. Außerdem kam man schnell dort hin und es war preiswert," schildert sie die unschlagbaren Vorteile der sommerlichen Landpartien, als die Kinder noch nicht kriegsbedingt aufs Land verschickt werden mussten.










Meine Zeitreise auf der Suche nach der Sommerfrische von Anno Dazumal führt mich weiter in das Haus Ruhrgarten an der Mendener Straße. Der Name ist Programm. Beim Ausblick auf die Ruhr fühlt man sich gleich, wie im Urlaub. Hier treffe ich unter anderem die 85-jährige Sophia Heinz. Sie verbindet den Sommer ihrer Kindheit nicht mit Urlaub, sondern "mit viel Arbeit." Denn ihre Eltern betrieben eine Landwirtschaft und brauchten die Tochter im Sommer als Erntehelferin. Den ersten richtigen Urlaub erlebte sie erst Ende der 60er Jahre bei einer Familienfreizeit im ostwestfälischen Bracke. "Dort gab es für unsere Kinder jede Menge Spiel, Sport und Programm. Und mein Mann und ich konnten einmal in aller Ruhe spazieren gehen und die wunderbare Landschaft genießen," erinnert sie sich an ihre Sommerfrische in der Bibelschule von Bracke. Urlaub in einer Bibelschule? "Ja. Denn mein christlicher Glaube hat mir immer viel Kraft gegeben und mich froh gemacht", sagt Heinz im Rückblick auf ihre Lebensreise.










Ähnlich erging es auch ihrer 1921 in Selbeck geborenen Mitbewohnerin Margarete Anstütz. "Im Sommer sind wir schön zu Hause geblieben. Denn meine Eltern hatten eine große Landwirtschaft. Wir hatten selbst Feriengäste und haben auf dem Feld mitgeholfen. Außerdem durften wir in den Sommerferien immer länger aufbleiben." Nur bedingt in guter Erinnerung hat sie dagegen den ersten Urlaub, den sie vor 60 Jahren mit ihrem frisch angetrauten Mann an der ostfriesischen Waterkant und mit einer eifersüchtigen Schwiegermutter im Gepäck verbracht hat. "Ein Mal und nie wieder", resümiert Anstütz.










Ihre 95-jährige Mitbewohnerin Leni Haag, die den Ruhrgarten bereits aus ihrem früheren Engagement als Grüne Dame bei der Evangelischen Krankenhaushilfe kennt, verbrachte die Sommerferien ihrer Kindheit entweder in Hiddensen bei Detmold, also im Teutoburger Wald, oder bei Opa und Onkel, die in Trebin bei Lukenwalde, also in der Nähe von Berlin, einen großen Bauernhof betrieben. Natürlich besuchte sie mit ihren Schwestern im Teutoburger Wald auch das Hermanns-Denkmal. Allemal lieber waren ihr aber die Wanderungen, bei denen sie unzählige Blumen pflücken konnte. Bei den Ferien auf dem Lande fand sie es spannend, Kühe, Schweine und Hunde zu füttern oder dem Opa, der eine Bienenzucht betrieb, beim Schleudern des Honigs zuzuschauen. Im Rückblick bleiben Haag auch die sommerlichen Opernbesuche bei Wagners auf dem Grünen Hügel in Bayreuth in guter Erinnerung, die sie sich später zusammen mit einer Schwester immer wieder gerne gönnte.










Margarete Dütemeyer (87) und ihre sechs Geschwister hatten bei der Fahrt in die Sommerferien einen unschlagbaren Preisvorteil: einen Vater, der bei der Eisenbahn arbeitete. Wenn sich Dütemeyer daran erinnert, wo sie und ihre Geschwister den Sommer verlebten, dann erinnert sie sich an Bauernhöfe und Landgüter im Lipper- und im Oldenburger Land oder auch in der Magdeburger Börde. Mal musste sie den Pferden Hafer geben, mal die Kinder des Gutsbesitzers hüten, mal im Hühnerstall die Eier fürs Frühstück einsammeln. Die Zeit auf dem Lande war für die Kinder aus dem Ruhrgebiet die reinste Aufpäppelung, bei der sich jeder nach Herzenslust satt essen durfte. In der Rückschau auf ihre Jugend ist ihr aber auch eine Reise auf die Nordseeinsel Baltrum unvergessen geblieben, die sie als Mitglied der Mädchengruppe ihrer Kirchengemeinde erlebte. Noch heute gerät sie ins Schwärmen, wenn sie daran zurückdenkt, wie sie mit ihren Kameradinnen am Strand spielte, im Meer schwamm oder in den Dünen den Sonnenuntergang beobachtete.










Dass Berlin immer eine Reise wert ist, kann die 86-jährige Martha Lange aus eigener Anschauung bestätigen. Den beeindruckendsten Sommerurlaub ihrer Jugend verbrachte die 14-Jährige in der Deutschen Hauptstadt. Der Onkel besuchte mit ihr den Zoologischen Garten und die Tante ging mit ihr abends ins Kabarett. Nicht minder beeindruckte sie dort die erste U-Bahn-Fahrt ihres Lebens. "So etwas kannten wir hier damals ja noch gar nicht", erinnert sich die gebürtige Saarnerin an ihren abenteuerlichen Sommerurlaub in der Weltstadt.

Dieser Beitrag erschien am 11. August 2011 in der NRZ

Montag, 12. September 2011

Warum brauchen wir eigentlich Denkmalschutz? Ein Gespräch mit dem Mülheimer Architekten Wolfgang Kamieth, der in einem Denkmal zu Hause ist



Zum Tag des offenen Denkmals sprach ich für die NRZ mit Wolfgang Kamiethdarüber, warum wir den Denkmalschutz als Gesellschaft brauchen. Als Architekt ist Kamieth nicht nur am Bau neuer Häuser interessiert. Er selbst wohnt zusammen mit seiner Frau Annette in einem sehr alten Fachwerkhaus, das 1784 am Ruhrufer errichtet wurde und das er 1988 erworben und restauriert hat.






Damals mussten wir jeden Balken nummerieren und 80 Prozent des Fachwerkes austauschen, weil die Balken verfault waren, erinnert sich Kamieth an den Kraftakt.In einem Haus zu wohnen, in dem schon viele Generationen vor uns gelebt haben, fasziniert ihn. Wir können uns nur mit unserer Zukunft beschäftigen, wenn wir auch unsere Vergangenheit kennen, ist Kamieth überzeugt. Er selbst hat sich sehr intensiv mit der Geschichte seines Hauses und dessen früheren Bewohnern beschäftigt, die er bis 1812 zurückverfolgen kann. Er weiß, dass hier früher Ruhrschiffer und Schlosser lebten und arbeiteten. An der Fassade hat er auch Hinweise auf Vorrichtungen gefunden, die zeigen, dass die alten Mölmschen hier früher ihre Pferde festmachen und ein Päuschen mit Ruhrblick einlegen konnten. Ob hier auch mal aus- und eingeschenkt wurde, konnte ich aber bisher nicht herausfinden, bedauert Kamieth.






Was macht ein Haus oder ein Gebäude zum Denkmal? Wenn es das Stadtbild prägt und für eine Epoche steht, sagt der Architekt. Denkmalschutz ist für ihn deshalb kein Selbstzweck, sondern eine elementare Aufgabe der Stadt, weil wir als Menschen Bilder brauchen, die uns unsere kulturellen Entwicklung vor Augen führen und unsere Identität prägen.Deshalb macht es aus seiner Sicht auch Sinn, Denkmäler und Wahrzeichen, wie die Alte Post, die Petrikirche oder das Schloss Broich zu erhalten, obwohl man heute sicher kein Schloss Broich mehr bauen würde. Dass man Anfang der 60er Jahre darüber nachdachte, die Broicher Burg abzureißen, kann er sich heute gar nicht mehr vorstellen.






Aber auch die in den frühen 70er Jahren entstandenen Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz mag er in diesem Sinne nicht als schlecht und falsch verurteilen, sondern sieht sie als Zeugen für den modernistischen Zeitgeist der 70er Jahre, in denen alles Alte als schlecht galt und die Menschen mit ganz anderen Erwartungen und Vorstellungen lebten.






Er selbst hat in den 70er Jahren Architektur studiert und erinnert sich noch gut daran, dass wir damals für Denkmalschutz gar nicht sensibilisiert wurden. Die Faszination für die Restaurierung alter Häuser packte ihn aber schon bald, als der junge Architekt für eine große Wohnungsbaugesellschaft in Duisburg eine alte Arbeitersiedlung wiederstellen musste. Bei Neubauprojekten arbeitet man am Schreibtisch, aber bei der Restaurierung von Altbauten muss man vor Ort sein. Da ist man festgelegt und muss sehen, was man aus dem machen kann, was man vorfindet beschreibt der Architekt seine Begeisterung für denkmalgeschütztes Bauen.






Durchaus kritisch sieht er die Privatisierung von Häusern in den alten Arbeitersiedlungen Heimaterde und Mausegatt. Dort, wo privatisiert wird und jeder Hauseigentümer individuell entscheiden kann, ob er zum Beispiel ein altes Holz- durch einen Kunststofffenster ersetzen kann, geht ein Stück des ursprünglichen Charakters der Siedlung verloren, glaubt Kamieth.Obwohl er sich in diesen Fällen eine strengere Gestaltungssatzung, wie in den Niederlanden wünschen würde, begrüßt er es, dass der Denkmalschutz heute nicht mehr so regide ist wie noch vor einigen Jahren und verstärkt auch die moderne Nutzung alter Gebäude im Blick hat, wenn zum Beispiel eine Gründerzeitvilla mit einem Halbetagenaufzug barrierefreier gemacht werden muss. Deshalb macht es für Kamieth auch nur dann Sinn, ein altes Gebäude zu erhalten, wenn es heute sinnvoll genutzt werden kann, wie das zum Beispiel mit den alten Wassertürmen in Broich und Styrum geschehen ist, die als Camera Obscura mit Filmmuseum und als Aquarius mit Wassermuseum zu neuen Wahrzeichen in alten Mauern geworden ist.






Faszinierend findet es der Architekt aus dem Baujahr 1951, der heute auch als Energieberater in Sachen Wärmedämmung unterwegs ist, dass alte Häuser, wie die über 600 Jahre alte Walkmühle im Rumbachtal oder auch viele alte Kirchen mit so dicken Mauern gebaut wurden, dass sie es bis heute mit jeder modernen Wärmedämmung aufnehmen können.Beim Bau eines Hauses maßstäblich auf menschliche Proportionen und Symmetrien zu achten und Baumaterial aus der Region zu verwenden, sind für den Architekten Kamieth die wichtigsten Lehren der alten Baumeister, die es in seinen Augen bis heute zu beherzigen gilt, weil sie unsere Häuser, Straßen und Städte schön machen.






Dieser Beitrag erschien am 10. September 2011 in der NRZ








Dieser Beitrag erschien am 10. September 2011 in der NRZ

Samstag, 10. September 2011

Ein Blick in die Stadtgeschichte: Wie die Mülheimer vor 50 Jahren den Mauerbau in Berlin erlebten

Wenn wir heute an Flüchtlinge denken, denken wir an Menschen, die aus fernen Ländern zu uns kommen, weil sie vor Krieg und Verfolgung fliehen. Laut Ausländerbehörde leben in Mülheim derzeit 91 Asylbewerber aus dem Irak und aus verschiedenen afrikanischen Staaten, die als Asylbewerber in unserer Stadt Zuflucht gefunden haben.Flüchtlinge aus der ZoneVor 50 Jahren kamen die Flüchtlinge, die in Mülheim Zuflucht suchten aus Deutschland, nämlich aus der DDR, die damals noch als sowjetische besetzte Zone bezeichnet wurde. In den Wochen vor dem Mauerbau schwoll der Flüchtlingsstrom an. Anfang August 1961 ging die Stadtverwaltung von 1500 Zonenflüchtlingen aus, die in Mülheim untergebracht werden mussten, weil sie die Freiheit im Westen Deutschland dem realexistierenden Sozialismus im SED-Staat vorzogen. „Spitzbart und Brille sind nicht des Volkes Wille“ hieß es damals in einem Witz, der in der DDR hinter vorgehaltener Hand über Staats- und Parteichef Walter Ulbricht erzählt wurde.

Doch angesichts der Flüchtlingsströme und der Kriegsgefahr verging vielen Menschen im August 1961 das Lachen.Schon am 25. Juli 1961 hatte es in der Mülheimer NRZ geheißen: „Durch die anhaltende Flüchtlingswelle aus der Sowjetzone sieht sich jetzt auch Mülheim vor ein schwieriges Problem gestellt. Die Stadt muss etwa um die Hälfte mehr an Flüchtlingen aufnehmen, als die Jahresquote von 1961 vorsah. Und sie hat nicht genügend Platz für diese Menschen. Die Notquartiere sind allesamt belegt.“ Untergebracht werden die Zonenflüchtlinge damals zum Beispiel in der Speldorfer Hubertusburg, in einem eigentlich schon zum Abriss freigegebenen städtischen Gebäude an der Düsseldorfer Straße und in der ehemaligen Kaserne an der Kaiserstraße.

In ihrer Not prüft die Stadt auch die Möglichkeit, alte Gasthaussäle und Schulbaracken in Übergangsquartiere umzufunktionieren. Anders, als noch einige Jahre zuvor, als die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in die Stadt kamen, gibt es 1961 in Mülheim nicht genug Bauland für schnelle Neubaumaßnahmen.„Das Problem kam sozusagen über Nacht auf uns zu. Wir sind vorher schon mehrfach damit fertig geworden. Weshalb sollte nicht auch diesmal wieder klappen“, verbreitet Stadtdirektor Niehoff in der NRZ.

Weniger Sorge, auch das wird in der damaligen Berichterstattung deutlich, machte 1961 die Frage nach der Berufsperspektive der neuen Mülheimer. Denn die meisten Flüchtlinge aus der DDR waren jung und gut ausgebildet. Und im Westen herrschte noch Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel. Viel schwerer wog im August 1961 die Sorge um den Weltfrieden. Denn in Berlin standen sich sowjetische und amerikanische Panzer gegenüber. Ihren ohnmächtigen Protest gegen die Einmauerung ihrer Landsleute in der DDR drückten die Mülheimer im Stillen aus. Einem Aufruf des Deutschen Gewerkschaftsbundes folgend ließen die Mülheimer am 15. August um 11 Uhr ihre Arbeit für zwei Minuten ruhen. Auch der Straßenverkehr wurde in dieser Zeit von der Polizei angehalten.

Am selben Tag schrieb Günter Heubach in der Mülheimer NRZ: „Ganz Mülheim stand unter dem Eindruck der vom Ostregime geschaffenen verschärften Situation. Einziges Thema auf den Straßen, in den Omnibussen und Straßenbahnen: Berlin. Offen sprechen die einheimischen Mülheimer ihre Meinung, aber auch ihre Besorgnis aus. Zurückhaltender sind die Zonenflüchtlinge, die erst vor wenigen Tagen in unserer Stadt eingetroffen sind. Ihre Gedanken gehen zurück zu der eben erst verlassenen Heimat, zu Eltern, Geschwistern und Verwandten, die noch drüben sind und nicht mehr durch den Eisernen Vorhang zu schlüpfen vermögen. Gemeinsam ist aber ist allen Äußerungen, dass der Westen nun nicht mehr nachgeben möge. Und: Bloß kein Krieg! heißt es immer wieder.“

28 Jahre später sollten im September 1989 wieder der DDR-Flüchtlinge, damals über Ungarn und Prag nach Mülheim kommen. Doch da waren die Tage der Berliner Mauer schon gezählt.

Dieser Text erschien am 13. August 2011 in der NRZ

Mittwoch, 7. September 2011

Als Bürger Bürgern halfen von Deutschland-Ost nach Deutschland-West zu kommen: Eine Mülheimer Geschichte zum 50. Jahrestag des Mauerbaus

Als die Mauer in Berlin gebaut wurde, war der Mülheimer Jurist Jochen Hartmann drei Jahre alt. Obwohl er selbst keine Verwandten in der damaligen DDR hatte, hat sich Hartmann, wie er sagt, „immer für Deutschlandpolitik interessiert, weil ich mich auch immer schon für deutsche Geschichte interessiert habe.“ Deshalb verfolgte er auch schon als 20-Jähriger Ende der 70er Jahre die Mitteilungen des Vereins „Hilferufe von drüben“ und gründete in der Jungen Union (JU) einen deutschlandpolitischen Arbeitskreis. Durch den Verein „Hilferufe von drüben“ wurde er 1979 auf den Fall der Familie Baumgart aufmerksam.

Die dreiköpfige Familie lebte damals in Weinböhla, im Bezirk Dresden, wollte aber seit 1976 nach Mülheim übersiedeln, um sich dort um ihre kranke Mutter und Schwiegermutter kümmern zu können.Von Deutschland-Ost nach Deutschland-West überzusiedeln, war in Zeiten der Mauer und der deutschen Teilung mit Schikanen durch das SED-Regime verbunden, da ein Ausreiseantrag in den Augen des DDR-Staates an Landesverrat grenzte. Unterstützt von seinen Mitstreitern in der Jungen Union startete Hartmann einen regen Briefwechsel mit Bundestagsabgeordneten, dem damaligen Innerdeutschen Minister und dem DDR-Anwalt Wolfgang Vogel.

„Egon Franke hat uns in der Sache damals sehr unterstützt“, lobt der Ex-Christdemokrat Hartmann den damaligen SPD-Bundesminister. Flankiert wurde der umfangreiche Briefwechsel durch Infostände, Flugblätter, Presseberichte, einen Protestzug und Unterschriftenaktionen.Einmal haben wir auf der Schloßstraße die Mauer nachgebaut“, erinnert sich Hartmann. Seine Hartnäckigkeit wurde belohnt. Im Sommer 1982 konnten Günter Baumgart, seine Frau Marlies und Tochter Anne nach Mülheim ausreisen, das sie einige Jahre später wieder in Richtung West-Berlin verlassen sollten. „Ohne Ihre Unterstützung wären wir heute bestimmt noch nicht hier. Wir sind ganz sicher, dass die Publikmachung unseres Falles durch Sie in der Öffentlichkeit der auslösende Faktor für unsere Übersiedelung war und uns außerdem vor Schlimmerem, nämlich vor einer Inhaftierung bewahrt hat.“

Wenn Hartmann, der damals auch gerne eine deutsch-deutsche Städtepartnerschaft initiiert hätte, diese Dankeszeilen, die er am 9. Juni 1982 von Marlies und Günter Baumgart erhielt, heute noch einmal nachliest, weiß er, „dass der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung trotz aller Probleme bei der Vollendung der Deutschen Einheit für ganz Europa das großartigste Ereignis des 20. Jahrhunderts war.“

Dieser Beitrag erschien am 13. August 2011 in der NRZ

Dienstag, 6. September 2011

Wo die Kunst auf die Straße gesetzt wird: Kunst Raus zeigt sich im September in Saarn noch einmal von seiner besten Seite





Im September geht die Saarner Aktion „Kunst raus“ auf die Zielgerade. Am 8. und 17. September kann man sich noch einmal um 19 Uhr und um 17 Uhr fachkundig durch die Freiluftgalerie der elf, 1,50x1,20-Meter großen und plakativen Kunstwerke führen lassen, die 22 Künstler der Gruppe XX+X im Dialog miteinander kreiert haben. Los geht es jeweils an der Saarner Dorfkirche an der Holunderstraße.Schon jetzt sprachen die beteiligten XX+X-Kreativen Peter Flach (46), Markus Schmidt (44) und Pauline Höchter (12) beim Spaziergang über die Saarner Kunstmeile in einem Dialog über die Kunstaktion, die am 25. September um 10 Uhr mit einem musikalischen Gottesdienst in der Dorfkirche ausklingt und über ihre eigene Kunst.










Welche Resonanz hat Kunst Raus bisher gefunden?





Flach: Bei der ersten Führung am 28. Mai hatten wir mindestens 120 Teilnehmer, so viele, wie noch nie zuvor in den letzten 19 Jahren, in denen es Kunst Raus gibt. Natürlich ist der Andrang bei den normalen Werktagsführungen nicht so stark, aber auch diese werden gut angenommen.










Was macht den Reiz von Kunst Raus aus?





Schmidt: Anders, als beim Besuch eines Museums oder einer Galerie, müssen die Menschen keine Hemmschwelle überwinden. Sie können im Vorbeigehen mit Kunst in Kontakt kommen, ohne den Druck zu verspüren, diese bewerten oder sich positionieren zu müssen. Hier kann man flanieren und, wenn man will, sich auch viel Zeit nehmen, um die Kunstwerke auf sich wirken zu lassen.










Birgt die Idee von Kunst Raus nicht auch ein Risiko in sich?





Flach: Wir arbeiten Gott sei Dank mit wetterfesten Farben. Aber wir hatten leider auch schon die eine oder andere Schmiererei oder ein Werbeschild, das zwischenzeitlich vor einem Kunstwerk aufgestellt wurde. Aber damit müssen wir leben, dass man nicht immer so mit unseren Kunstwerken umgeht, wie wir uns das wünschen.





Schmidt: Das schmerzt schon, wenn jemand da was drauf schmiert, woran das eigene Herzblut und die eigene Seele hängt. Auf der anderen Seite bekommt man aber auch viele positive Rückmeldungen und ich habe noch niemanden gehört, der sich nicht mindestens von einem unserer Dialog-Bilder angesprochen gefühlt hätte.










Warum fühlen sich besonders viele Kunst-Raus-Rundgänger gerade von deiner Comic-Collage angesprochen?





Höchter: Ich habe mich einfach für einen Comic entschieden, weil man den gut aufteilen kann. Und ich habe mir besonders ausdrucksstarke Asterix-und-Obelix-Figuren ausgesucht, die lustig aussehen und gut brüllen, damit man ihnen ein Zeichen in ihre Sprechblase malen kann, das mehr ausdrücken kann als Worte. Dafür habe ich mir andere Künstler aus der Gruppe XX+X gesucht.




Wie kommt man so jung, wie du zur Kunst?


Höchter: Es gibt noch jüngere Mitglieder bei XX+X. Mich haben meine Eltern, die selbst auch Künstler sind dort hin geschleppt. Ich bin damit aufgewachsen und arbeite gerne mit Farben. Sicher werde ich auch später weitermalen, die Kunst aber nicht zu meinem Hauptberuf machen.










Wurden die XX+X-Dialog-Kunstwerke für Kunst Raus also nicht nur von Profi-Künstlern geschaffen?





Flach: Wir verstehen uns nicht als eine Gruppe akademischer Maler. Wir wollen keine abgehobenen Künstler sein, sondern alle Generationen und Talente mitnehmen. Das können zum Beispiel freischaffende Künstler und Kunstpädagogen, aber auch kunstschaffende Schüler und Studierende sein. Denn Kunst bedeutet für mich Vielfalt.










Weitere Auskünfte unter Rufnummer:  48 66 54 oder  301 61 38










Dieser Beitrag erschien am 25. August 2011 in NRZ und WAZ

Montag, 5. September 2011

Was Mülheimern zum 20. Juli 1944 einfällt: Nur Mut! oder eine aktuelle Umfrage zu einem historischen Gedenktag, der kein Thema von gestern ist




Sie sind bis heute ein Sinnbild für Mut, die Männer des 20. Juli 1944. Mit dem Attentat auf Adolf Hitler versuchten sie ein unmenschliches Regime und einen verbrecherischen Krieg zu beenden, um das Schicksal Deutschland zum besseren zu wenden. Diese Männer des militärischen Widerstandes um den Grafen Stauffenberg, zu denen auch der aus Mülheim stammende Offizier Günther Smend (siehe Kasten) gehörte, bezahlten ihren Mut mit dem Leben. Doch was ist für uns und unseren Alltag in einer Demokratie, jenseits von Krieg und Diktatur, heute noch mutig? Für die NRZ suchte und wurde ich fündig:




Werner Andorfer (63), Leiter der Karl-Ziegler-Schule: "Mut bedeutet für mich, sich für etwas oder jemanden einzusetzen, ohne dabei an die Konsequenzen zu denken, die sich daraus ergeben könnten. Das kann zum Beispiel bedeuten, einzuschreiten, wenn Menschen attackiert werden. Als Demokrat bedeutet Mut für mich, sich gegen alle totalitären und extremistischen Tendenzen aufzulehnen, die auf eine Unterdrückung und Diskriminierung von Menschen hinauslaufen."




Peter Flach (45), Künstler, antwortet:"Mutig zu sein, dass bedeutete für mich ganz persönlich, nach meinem Studium meiner Berufung zu folgen und trotz aller Risiken, die diese Entscheidung mit sich brachte, als freischaffender Künstler zu arbeiten. Auch wenn ich keine große Erfolgskarriere gemacht habe und noch viel passieren kann und soll, kann ich heute sagen, dass ich meine Entscheidung von damals nicht bereue und mein Mut mit Zufriedenheit belohnt worden ist."





Kriminalhauptkommissarin Petra Dahles (51): "Für mich bedeutet Mut die Zivilcourage, sich einzumischen und zu sagen, wenn mir etwas nicht gefällt. Es kann mutig sein, die Polizei anzurufen oder Aufmerksamkeit zu erregen, wenn man zum Beispiel einen Übergriff beobachtet. Mutig zu sein, kann auch bedeuten, wenn Eltern zu ihrem Kind sagen: "Ich halte zu dir", weil sie es von einem Lehrer ungerecht behandelt sehen, oder wenn man Mobbing-Opfern hilft und sagt: "Wir lassen dich nicht allein." Natürlich gehört auch Mut und Energie dazu, Nein zu sagen, wenn jemand eine Grenze überschritten hat, oder wenn Eltern in der Erziehung Kindern Werte und Normen vorleben und ihnen, wenn nötig, auch Grenzen aufzeigen. Leider ist unsere Gesellschaft sehr egoistisch geworden. Wir sollten mehr Mut haben nicht nur auf uns sondern auch darauf zu achten, wie es dem Menschen neben uns geht."





Ex-SPD-Stadträtin und Kulturstifterin Helga Künzel (69): "Auch heute braucht man als Mensch in einer demokratischen Gesellschaft immer wieder Mut, um sich in Konflikte hineinzubegeben und Widerstand gegen Dinge zu leisten, die mal als ungerecht empfindet. Mut bedeutet dann, auch unerwünschte Reaktionen ertragen zu können. Ich glaube, dass uns auch heute oft der Mut fehlt, Dinge zu hinterfragen und unsere Vernunft walten zu lassen".
Pfarrer Manfred von Schwartzenberg, (66): Auch heute braucht man Mut, einzugreifen, statt wegzuschauen und sich abzuwenden, wenn Menschen auf der Straße offen attackiert werden. Mutig ist es aber auch, gegen den Strom zu schwimmen und Wahrheiten auszusprechen, die keiner hören möchte. Aber auch junge Leute brauchen heute oft Mut, wenn sie sich in der Schule als gläubig outen und offen für ihren Glauben eintreten".

Hanns Peter Windfeder (46), Unternehmer und Sprecher des Unternehmerverbandes: "Als Unternehmer braucht man Mut, um für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen, weil man weiß, dass sie nicht mehr in Lohn und Brot sind, wenn man selbst nicht gut und innovativ genug arbeitet. Als Unternehmer setzt man sein eigenes Geld ein. Wenn da etwas schief geht, können schnell Haus und Hof verloren gehen.Persönlich bewundere ich den Mut meines Bruders, der als Teilnehmer eines Rallye-Trosses Bürgerkriegsflüchtlingen an der tunesisch-libyschen Grenze Lebensmittel und Medikamente gebracht hat. Gesellschaftlich glaube ich, dass wir den Mut fördern müssen, uns gegen Strömungen einzusetzen und anzugehen, die dazu geführt haben, dass gewalttätige Übergriffe in den letzten Jahren nicht weniger, sondern mehr geworden sind."





Günther Smend kam als Zwölfjähriger mit seiner Familie nach Mülheim. Hier besuchte er das heutige Otto-Pankok-Gymnasium. Dort machte er sich als guter Schüler und als erfolgreicher Ruderer und Leichtathlet einen Namen. Nachdem er 1932 das Abitur bestanden hatte, trat Smend als Offiziersanwärter in die Reichswehr ein. Als Offizier und Adjutant des Generalobersten Zeitzler stieg er 1943 in den Generalstab des Heeres auf. Dort kam er mit den Widerstandskämpfern um Graf Stauffenberg zusammen und versuchte vergeblich seinen Vorgesetzten für die Teilnahme am Hitler-Attentat zu gewinnen. Deshalb wurde er nach dem 20. Juli 1944 verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Er hinterließ seine Ehefrau und drei Kinder. Seit 2007 erinnert ein vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegter "Stolperstein" vor Smends Elternhaus im Luisental 11 an den Mülheimer Widerstandskämpfer.




Dieser Beitrag erschien am 20. Juli 2011 in der NRZ





Sonntag, 4. September 2011

Ein nachdenkliches "Geburtstagsgespräch" mit Christa Ufermann zum 90. Geburtstag des Blinden- und Sehbehindertenvereins



Mit einer Schiffstour an Bord der Weißen Flotte feierte der Blinden- und Sehbehinderten verein am 3. September seinen 90. Geburtstag. Woher kommt der Verein und wohin geht die Reise für ihn und die Menschen, deren Interessen der BSV vertritt. Für die NRZ sprach ich darüber mit Christa Ufermann, die vor 65 Jahren blind auf die Welt kam und den BSV seit 1987 als Vorsitzende führt.






Warum hat man den BSV vor 90 Jahren ins Leben gerufen?



Der Verein ist damals als reiner Blindenverein gegründet worden, der hilfsbedürftige Blinde unterstützte. Das war ja nach dem Ersten Weltkrieg eine schwierige gesellschaftliche Situation, in der es noch keinen Sozialstaat gab, wie wir ihn heute kennen.






Wie hat der Verein geholfen?



Der Verein hat über einen Blindenhilfsverein Spendengelder für die Ärmsten gesammelt und am Dickswall sogenannte Blindenwaren verkauft. Das waren zum Beispiel Besen, Bürsten, Aufnehmer, Webwaren oder auch Körbe, die von blinden Handwerkern hergestellt wurden. Früher waren die allermeisten Blinden in Werkstätten beschäftigt. Dass sie auch für andere Berufe ausgebildet wurden, hat sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt.






In welchen Berufen können Blinde arbeiten?



Früher gab es oft blinde Telefonisten oder Klavierstimmer. Ich kenne aber auch Blinde, die zum Beispiel als Programmierer in der Computerbranche oder arbeiten. Wenn die Leute können und wollen, können sie auch sehr spezialisiert arbeiten, sei es als Pädagoge und Psychologe, als Organist oder auch als Programmierer in der Computerbranche. Manche sind natürlich auch nicht vermittelbar und müssen ihr Berufsleben in einer beschützenden Werkstatt fristen. Ich selbst habe bis zu meiner Pensionierung im Schreibdienst der Stadtverwaltung gearbeitet. So weit ich weiß, hat die Stadt heute nur noch einen blinden Mitarbeiter, der die Hörzeitung Echo Mülheim betreut.






Ist es für Blinde und Schwersehbehinderte heute leichter oder schwieriger geworden, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen?



Auf dem Arbeitsmarkt ist es für sie schwierig. Viele Leute sitzen heute mit einer guten und teuren Ausbildung zu Hause herum. Hinzu kommt: Wenn Menschen durch einen Berufsunfall erblindet sind, bekommen sie eine Erwerbsunfähigkeitsrente, die aber sofort wegfällt, wenn sie sich umschulen lassen. Und dann haben die nichts. Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass viele Betroffene dann lieber auf eine Umschulung verzichten und sich mit ihrer Rente begnügen. So wie ich das mitbekomme, tun sich heute viele Arbeitgeber schwer, sich auf Mitarbeiter mit einem Handicap einzulassen.






Was sind die wichtigsten Barrieren für den beruflichen Erfolg blinder Menschen?



Viele Arbeitgeber haben die Panik, dass sie einen blinden Mitarbeiter, der nicht hinhaut, nie wieder los werden. Dem ist zwar nicht so, aber es gibt diese vorgefasste Meinung. Und viele wissen auch nicht, dass es Eingliederungshilfen für blinde Mitarbeiter gibt, die vom Landschaftsverband, von der Agentur für Arbeit, von der Berufsgenossenschaft oder von der Hauptfürsorgestelle übernommen werden.






Welche Barrieren behindern Blinde und Sehbehinderte in Mülheim?



Das können Baustellen sein, die nicht fertig werden, Autos, die auf dem Bürgersteig parken, Geschäftsauslagen, die mitten auf der Straße stehen oder auch ausbleibende Lautsprecherdurchsagen an Haltestellen oder in Bussen und Bahnen.






Was leistet Ihr Verein für die soziale Integration seiner Mitglieder?



Wir geben ihnen vor allem Informationen. Wir laden alle zwei Monate zu einer Mitgliederversammlung und einmal im Monat zu einem Stammtisch. Wir geben eine monatliche Hörzeitung heraus und informieren auch über unsere Internetseite. Außerdem informieren wir monatlich Ratsuchende in einer Sprechstunde über Hilfsmittel und Hilfsleistungen für Blinde. Wir organisieren aber auch regelmäßig Ausflüge oder laden auch zu einem Brunch ein, damit die Leute heraus- und zusammenkommen. Bei Museumsbesuchen und Exkursionen achten wir natürlich darauf, dass wir eine blindenspezifische Führung bekommen, bei der Anfassen erlaubt. Durch unsere Aktivitäten lernen sich die Leute natürlich auch kennen. Wir können natürlich immer nur anbieten. Annehmen und aus ihrem Nest herauskommen, müssen die Leute selbst.






Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Vereins?



Unser Verein braucht wie alle Vereine mehr junge Leute, die etwas aktiver sind und der Sache neues Leben einhauchen. Wir können nur hoffen, dass immer wieder neue Leute zu uns kommen, die Lust haben mitzumachen. Wir haben viele Mitglieder die erst im Alter, etwa durch Makuladegeneration, erblindet sind. Junge Leute kommen nur selten zu uns und wenn, dann sind sie erst mal passiv.



Hintergrund: Der Blindenverein, der 2001 zum Blinden- und Sehbehindertenverein umbenannt wurde, hat heute 70 Mitglieder. Laut Landschaftsverband Rheinland gibt es in Mülheim derzeit 675 offiziell gemeldete blinde und sehbehinderte Menschen. Der Verein bietet jeweils am ersten Donnerstag des Monats von 10 bis 14 Uhr bei den Grünen an der Bahnstraße 50 eine Beratungssprechstunde an. Außerdem lädt er alle Interessierten am letzten Mittwoch des Monats um 16 Uhr zu seinem Stammtisch in den Handelshof. Umfangreiche Informationen bietet er auf seiner Internetseite: www.bsv-muelheim.de an.Telefonische Auskünfte geben Christa Ufermann unter der Rufnummer: 43 25 18 und ihre Stellvertreterin Maria St. Mont unter  der Rufnummer: 47 30 12.






Dieser Beitrag erschien am 2. September 2011 in der Neuen Ruhr Zeitung