Sonntag, 23. Oktober 2011

Keine Institution von gestern oder: Warum die Katholischen Öffentlichen Büchereien in Zeiten des demografischen Wandels nötiger denn je sind

Vera Steinkamp vom Medienforum des Bistums nennt beeindruckende Zahlen: 1200 Frauen und Männer haben sich 2010 als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit insgesamt 112.000 Arbeitsstunden in den Katholischen Öffentlichen Büchereien ihrer Gemeinden engagiert. Sie haben dabei 1843 Veranstaltungen auf die Beine gestellt und rund 38.000 Leserinnen und Leser beraten, 5,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. "Ihre Arbeit wird geschätzt. Sie sind sichtbar. Sie sind keine grauen Mäuse", bestätigt die Leiterin des Medienforums den rund 90 ehrenamtlichen Bibliothekaren, die den Weg zum Diözesantag der Katholischen öffentlichen Büchereien in die Wolfsburg gefunden haben.

Die Frauen und Männer des guten Buches haben sich an diesem Samstag im Auditorium der katholischen Akademie versammelt, um sich mit ihrer Zukunft zu beschäftigen. Wie wird diese Zukunft aussehen? "Weniger, vielfältiger, älter und weiblicher", sagt Referentin Ellen Ehring. Die Organisationsberaterin ist immer wieder gefragt, wenn Städte und Landkreise darüber nachdenken, wie sie sich auf den demografischen Wandel einstellen können. Dass unsere Gesellschaft immer älter und bunter wird, macht Ehring mit einem "bewegten Einstieg" deutlich. Alle Tagungsteilnehmer müssen sich in einer Runde aufstellen. "Wer ist unter 30? Bitte vortreten!" Keiner. Gerade mal zwei KÖB-Frauen sind unter 40. Die Gruppe der 40- bis 50-Jährigen ist überschaubar. Die Gruppe der 50- bis 60-Jährigen ist die größte, gefolgt von der Gruppe 60 Plus. Viele treten auch vor, als nach Freunden, Nachbarn und Verwandten mit Zuwanderungshintergrund gefragt wird.

Die Zahlen, die Ehring nennt machen nachdenklich. 2010 hatten wir in 16 deutschen Bundesländern nur 678.000 Neugeborene. 1964 waren es in elf westdeutschen Bundesländern noch 1,57 Millionen. 2050 werden ein Drittel aller Deutschen 65 und älter sein. Schon heute wächst ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland in einer Zuwandererfamilie auf. Und 73 Prozent aller Frauen über 65 sind heute aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung verwitwet. Was bedeutet diese Entwicklung für die Katholischen öffentlichen Büchereien der Zukunft? Ehring macht ihren Zuhörern Mut. "Das wird Ihre Stunde sein. Denn sie sind mit ihren Büchereien nah dran an den Menschen. Halten sie das aufrecht. Denn wir brauchen in Zukunft immer mehr kommunikative Bildungs- und Begegnungsorte, zu denen ältere Menschen hingehen können. Außerdem brauchen wir mehr Komm- und Bringstrukturen." Und auch das macht Ehring deutlich. Katholische öffentliche Büchereien müssen sich im Zeitalter des demografischen Wandel mehr denn je vernetzen, um mit Partnern neue Angebote machen zu können. Sei es eine Informationsveranstaltung für pflegende Angehörige, Qualifizierungsangebote für Zuwanderer oder eine intensivere Betreuung und Förderung der weniger, aber um so wichtiger werdenden Kinder einer immer älter werdenden Gesellschaft. Für Vera Steinkamp steht nach dem Vortrag fest: "Katholische öffentliche Büchereien sind kein kultureller Luxus, sondern ein gesellschaftliches Muss."

Dieser Beitrag erschien am 21. Oktober 2011 im Ruhrwort

Freitag, 21. Oktober 2011

Warum Bernd Fleskes das Prädikat eines behindertenfreundlichen Arbeitgebers verdient hat

Schwerbehindert. Das Wort klingt nach Leistungsunfähigkeit. Vielleicht liegt es daran, dass der Landschaftsverband Rheinland (LVR) zu dem Ergebnis kommt, dass 80 Prozent aller Unternehmen in seinem Bereich ihre gesetzliche Verpflichtung nicht erfüllen, nämlich mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung zu vergeben. Lieber zahlen sie eine entsprechende Ausgleichsabgabe und kaufen sich von ihrer Verpflichtung frei. Der Anteil der Mitarbeiter mit Behinderung liegt in der freien Wirtschaft landesweit gerade mal bei 4,3 Prozent, während im öffentlichen Dienst immerhin 6,6 Prozent aller Beschäftigten ein Handicap haben.

Doch es gibt auch in der freien Wirtschaft Ausnahmen von dieser unrühmlichen Regel. Eine von ihnen ist der Mülheimer Unternehmer Bernd Fleskes. Der 50-Jährige, der selbst einen behinderten Schwager hat, betreibt im Hafen eine Firma für Behältermanagement und Verpackungslogistik. Drei seiner zwölf Mitarbeiter, also 25 Prozent sind schwerbehindert. Einer von ihnen arbeitete zuvor in einer beschützenden Werkstatt und absolviert jetzt bei ihm mit Aussicht auf Erfolg eine Ausbildung zum Fachlageristen. Er schaffte damit den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt. Zwei weitere Mitarbeiter von Fleskes sind körperbehindert. „Sie sind alle sehr glücklich, dass sie mit ihrer Arbeit ihr Leben selbstständig gestalten können und sind deshalb auch besonders leistungsbereit und zuverlässig“, lobt Fleskes seine behinderten Mitarbeiter.

Sein Vorbild empfiehlt der LVR zur Nachahmung und verlieh Fleskes jetzt das Prädikat „behindertenfreundlicher Arbeitgeber.“ Er selbst weiß, was er an seinen Kollegen mit und ohne Handicap hat. „Wir verstehen unseren Betrieb als ein Unternehmen mit sozialem Anspruch“, betont Fleskes. Aber auch in der betriebswirtschaftlichen Praxis hat sich sein Vertrauen in seine gehandicapten, aber leistungsbereiten Mitarbeiter ausgezahlt. „Wir arbeiten sehr gerne mit unseren Mitarbeitern mit Behinderung zusammen. Denn wenn die Rahmenbedingungen auf die persönlichen Bedürfnisse der Mitarbeiter abgestimmt sind, haben alle Freude an der Arbeit und liefern gute Qualität“, versichert Fleskes und macht so seinen skeptischen Unternehmerkollegen Mut, seinem Beispiel zu folgen.

Auch die bei Arbeitgebern weit verbreitete Furcht vor unkalkulierbaren finanziellen und rechtlichen Risiken kann er aus seiner Erfahrung nicht bestätigen.Er selbst musste aus betriebsbedingten Gründen schon einmal zwei gehörlosen Mitarbeiterinnen kündigen und bekam das vom LVR nach einer entsprechenden Begründung auch genehmigt. „Ich bin dort gut aufgehoben“, erklärt Fleskes mit Blick auf die fachliche Beratung und finanzielle Unterstützung, die ihm vom LVR, sowie vom Sozial- und Integrationsamt zuteil geworden ist.

Weitere Arbeitgeberfragen zu den rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen der Einstellung eines schwerbehinderten Mitarbeiters beantwortet Frank Spiller von der Fürsorgestelle beim Sozialamt unter  der Rufnummer: 4 55 -50 62

Dieser Beitrag erschien am 14. Oktober 2011 in der NRZ

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Welche Bedeutung hat die Styrumer Gesamtschule in den letzten 25 Jahren für den Stadtteil gewonnen? Ein Gespräch mit ihrem Schulleiter Behrend Heeren

Heute kann man es sich gar nicht mehr vorstellen. Aber bis 1986 konnte man in Styrum kein Abitur machen. Dann kam die Gesamtschule, die seit 1993 den Namen des ehemaligen Bundeskanzlers und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt trägt. Welche Bedeutung hat diese Schule mit ihren heute 975 Schülern in den letzten 25 Jahren gewonnen. Behrend Heeren muss es wissen. Der 65-jährige Pädagoge leitet die Schule von Anfang an.

Wie hat sich die Schule in den letzten 25 Jahren verändert?
Die Schule hat an Kontinuität und Stabilität gewonnen. Anfangs hatten wir nur 85 Schüler und begannen als eine Abteilung der Gustav-Heinemann-Schule. Damals mussten wir um unser Standing kämpfen. Doch schon im zweiten Schuljahr hatten wir bei den Anmeldungen Überhänge und das hat sich eigentlich bis heute so gehalten. Heute kommen 60 Prozent unserer Schüler aus Styrum.

Wie hat sich der Stadtteil aus Ihrer Sicht seit 1986 gewandelt?
Der Bau dieser Schule war Teil einer Wohnumfeldverbesserung in Styrum, die auch Früchte getragen hat. Doch seit zehn bis 15 Jahren merkt man, dass die soziale Spaltung des Stadtteils voranschreitet und die soziale Schere weiter aufgeht.Frage: Woran merkt man das?Antwort: Man muss nur mit offenen Augen durch die Straßen gehen und sehen, wie sich Menschen kleiden und bewegen, um zu erkennen, dass die Zahl der sozial schwachen Familien zugenommen hat. Ein Indikator an unserer Schule ist die Tatsache, das über 100 von insgesamt 975 Schülern Leistungen des Bildungsteilhabepaketes und kostenlose Schülerbücher des Schulträgers in Anspruch nehmen.

Welche Rolle spielt die starke türkischstämmige Gemeinschaft in Styrum?
Wir haben inzwischen eine gefestigte türkische Infrastruktur im Stadtteil. Das ist nicht nur von Vorteil, weil damit der Zwang abgenommen hat, Deutsch zu lernen. Neben türkischen Geschäften und Vereinen spielt dabei auch das türkische Satellitenfernsehen eine große Rolle, das es vor 25 Jahren noch nicht gegeben hat.Frage: Wie hoch ist der Anteil der türkischstämmigen Schüler an Ihrer Schule?Antwort: Diesen Anteil schätzte ich in der Sekundarstufe 1 auf 25 bis 27 Prozent. Dabei gibt es auch bei den türkischstämmigen Elternhäusern eine Spaltung zwischen bildungsbewussten und bildungsfernen Elternhäusern. In den bildungsnahen Elternhäusern sprechen die Eltern auch ganz bewusst Deutsch. Früher kamen fast alle türkischstämmigen Styrumer Kinder mit Gymnasialempfehlung zu uns. Heute haben einige bildungsnahe türkische Familien auch das Gymnasium für sich entdeckt. Sie stellen dort aber oft fest, dass ihre Kinder nicht so erfolgreich sind, weil wir hier eine breite Stützungs- und Förderinfrastruktur haben, die Kinder fördert und fordert.

Warum hat eine Gesamtschule, wie die Ihre, in Styrum besonders viel Sinn?
Gerade in einem Stadtteil, in dem sich die soziale Schere immer weiter öffnet, ist es wichtig eine Schule zu haben, die als Klammer wirkt, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Dazu trägt das gemeinsame Lernen in unserer Schule bei, in dem die soziale Teilung so lange wie möglich vermieden wird.

Mit der Gründung der Willy-Brandt-Schule konnten Styrumer Schüler erstmals vor Ort Abitur machen. Wie hat sich das auf den Stadtteil ausgewirkt?
Das ist schwer zu sagen, weil wir bisher noch keine Langzeitbiografien erhoben haben. Einige Schüler machen eine Ausbildung. Andere verlassen den Stadtteil, um zu studieren, behalten aber ihre Styrumer Wurzeln. Ein erfolgreiches Bildungsbeispiel ist für mich ein ehemaliger Schüler, der bei uns das Abitur gemacht hat und den ich heute als stellvertretenden Filialleiter regelmäßig in der Styrumer Sparkasse am Sültenfuß treffe.

Welche Bedeutung hat für Sie die in Ihrer Schule ansässige Stadtteilbücherei?
Wir nutzen die Stadtteilbücherei als Schule sehr intensiv, aber auch die Stadtteilbücherei nutzt Räume unserer Schule, etwa für Spiel- und Bastelangebote mit Kindern. Die Leiterin der Stadtteilbücherei, Petra Sachse, stellt regelmäßig Themenapparate für Schüler zusammen. so dass sie in der Bibliothek arbeiten und Aufgaben lösen können. Außerdem haben Schüler zusammen mit der Stadtteilbücherei auch schon eine Ausstellung zum Thema „Widerstand in Mülheim“ erstellt.

Welche Rolle spielt der Stadtteil im Schulalltag?
Er spielt auf vielen Ebenen eine Rolle. Unsere Schüler machen zum Beispiel ihre Betriebspraktika in Styrumer Firmen und Kindertagesstätten. Sie gehen als Lesepaten in die Grundschulen des Stadtteils. Kunstkurse stellen ihre Arbeiten in der Feldmannstiftung oder beim Optiker Früchtenicht aus. Erdkunde- und Kunstkurse haben zum Beispiel Ideen für die Neugestaltung des Sültenfußes oder für die Gestaltung des Naturbades geliefert. Sozialwissenschaftskurse nehmen zum Beispiel die Geschäfte des Stadtteils und ihre Werbung unter die Lupe. Und zurzeit bereitet ein Sozialwissenschaftskurs eine Befragung von Styrumer Senioren vor.

Dieser Beitrag erschien am 20. Oktober 2011 in NRZ und WAZ

Montag, 17. Oktober 2011

Die Stadtbücherei im Wandel der Zeit

Bücher müssen nicht teuer sein. Dafür sorgt die Stadtbücherei. Fast eine Million mal haben Mülheimer im letzten Jahr dort nicht nur Bücher, sondern auch Zeitschriften, Hörbücher, Musik-CDs, Spiele oder DVD-Filme ausgeliehen. Dass sich der Umzug vom Rathausmarkt ins neue Medienhaus 2009 für die Stadtbücherei ausgezahlt hat, sieht Büchereileiterin Claudia vom Felde daran, dass die Zahl der Ausleihen in der alten, 1969 eröffneten Stadtbücherei am Rathausmarkt nur bei 690 000 lag.

„Viele Geschäftsleute verbringen hier ihre Mittagspause. Und es kommen auch mehr Schüler und Studenten als früher“, berichtet vom Felde aus dem Alltag des Medienhauses am Synagogenplatz. Als dieser Platz noch Viktoriaplatz hieß, wurde dort bereits 1905 eine Volkslesehalle eingerichtet. So schließt sich der Kreis.Verführung zum LesenDie Bibliothekschefin bestätigt, dass literarische Appetitmacher, wie die Frankfurter Buchmesse oder die derzeit laufenden Mülheimer Herbstblätter vor allem die Nachfrage nach neuen Romanen steigern. Aber auch Hör- und Sachbücher, so vom Felde, stünden bei den Bibliotheksnutzern hoch im Kurs. Dagegen sind Musik- und Videokassetten inzwischen nicht mehr gefragt und deshalb aus den Regalen verschwunden.Heute haben sie in der Stadtbücherei, zu der neben der Zentralbibliothek im Medienhaus, auch die Schul- und Stadtteilbüchereien an der Oberhausener Straße in Styrum, an der Frühlingstraße in Speldorf, an der Kleiststraße in Heißen und an der Boverstraße in Dümpten gehören die Auswahl aus insgesamt 240 000 verschiedenen Medien. Ein Ankaufetat von jährlich 200 000 Euro sorgt dafür, dass die Stadtbücherei auf dem aktuellen Stand bleibt.

Welcher Unterschied zu den 70 000 Büchern, mit denen die Stadtbücherei vor 60 Jahren an den Start ging. Es war ein Neustart nach dem Krieg. Denn beim großen Luftangriff vom Juni 1943 war ein Großteil des Bibliotheksbestandes in Flammen aufgegangen. Die Reste wurden an der Ruhr- und an der Kettwiger Straße eingelagert. Mit dem Wiederaufbau der Stadtbücherei, deren Ursprünge bis ins Jahr 1883 zurückreichen, konnte man erst 1947 beginnen.Schon ab 1926 hatte der Weg zum guten Buch zur Schloßbrücke geführt. Dort, wo heute neue Wohnungen mit exklusivem Ruhrblick entstanden sind, gingen die Mülheimer damals entweder zum Schwimmen ins Stadtbad oder zum Schmökern in die Stadtbücherei.

Im Haus an der Leineweberstraße, damals lautete die Adresse noch Schloßstraße 70, waren nicht nur Ausleihe und Lesesaal sowie Jugend- und eine Musikbücherei, sondern auch eine heimatkundliche Abteilung, eine Buchbinderei und ein Ausstellungsraum untergebracht. Da war es nur folgerichtig, dass man nach dem Bibliotheksumzug in den Neubau am Rathausmarkt 1970 an der Schloßbrücke das städtische Kunstmuseum einquartierte, das 1994 in die Alte Post umziehen sollte.Und die Geschichte der Stadtbücherei, die heute täglich von mehr als 1000 Bürgern besucht wird, geht mit dem Start der E-Book-Ausleihe im Januar 2012 weiter.

Dieser Beitrag erschien am 15. Oktober 2011 in der NRZ

Samstag, 15. Oktober 2011

Wie sich ein Stadtteil eine neue Schule erkämpfte: Die Entstehungsgeschichte der Styrumer Gesamtschule

Als Pädagoge weiß der inzwischen pensionierte Winfried Schmidt: Die Schule ist wie das Leben, eine Baustelle. Die aktuellen Umbaumaßnahmen an der Styrumer Gesamtschule erinnern ihn an die Bauarbeiten, die dort bewerkstelligt werden mussten, als er dort vor gut 30 Jahren Schulleiter war.Was vor 25 Jahren zur Gesamtschule wurde, war zu seiner Zeit noch eine Hauptschule und in baulich bedenklichem Zustand.

1977 kam Schmidt von der damals noch existierenden Hauptschule an der Bülowstraße in Broich an die Oberhausener Straße. „Das war das reinste Paradies gegenüber den Verhältnissen, wie ich sie damals in Styrum antraf“, erinnert sich Schmidt an eine Schule, die damals extremen Renovierungsbedarf hatte.Der Zustand der Klassenräume förderte die damals ohnehin schon vorhandene Frustration und Gewaltbereitschaft der Jugendlichen und stand im krassen Kontrast zur neuen Lehrküche und zum Technikraum, mit dem man schon damals auf praxis- und berufsorientiertes Lernen setzte.

Als sich der Schulausschuss eines Tages zu einem Besuch mit Pressebegleitung ansagte, setzte Schmidt einige Schüler bewusst auf den Flur, um die Raumnot zu unterstreichen. Die Lokalpresse titelte „Kinder müssen auf dem Schulflur lernen.“Spätestens, als er davon erfuhr, dass die ohnehin baubedürftige Hauptschule an der Oberhausener Straße noch drei Pavillons auf ihren Schulhof gestellt bekommen sollte, um dort zwölf Klassen der Realschule Styrum unterzubringen und das ganze als „Schulzentrum Styrum“ zu deklarieren. mobilisierten sich Eltern, Lehrer und Schüler.

Unter dem Motto „Wir sind nicht Mülheims Cinderella. Macht mit dem Neubau etwas schneller. Für die City hat man Geld. Um Styrum ist es schlecht bestellt“ sammelte man 1980 über 5000 Unterschriften für einen Schulneubau an der Oberhausener Straße. „Der ganze Stadtteil hat sich uns angeschlossen und man merkte, wie die Aktion den Styrumern ein neues Selbstbewusstsein gab“, erinnert sich Schmidt.Doch ab 1981 wurde aus der Bewegung für die Modernisierung der alten Hauptschule eine Bewegung für eine Gesamtschule in Styrum. Schmidt erinnert sich an eine große Informationsveranstaltung in der Styrumer Union. Den Anstoß zur Trendwende vom Hauptschulumbau zur neuen Gesamtschule für Styrum kam durch den 1981 gefassten Ratsbeschluss zustande, in Saarn eine zweite Gesamtschule zu errichten.

Die erste Gesamtschule der Stadt, die Gustav-Heinemann-Schule war bereits 1970 in Dümpten gegründet worden. „Wenn Ihr der Meinung seid, dass die Gesamtschule die bestmögliche Schulform ist, dann gehört sie auch nach Styrum“, beschreibt Schmidt die Argumentationslinie gegenüber der damals mit absoluter Mehrheit regierenden SPD. Doch es sollte noch bis 1986 dauern, ehe das Ziel einer Styrumer Gesamtschule, die erstmals die Möglichkeit eröffnete, im Stadtteil das Abitur zu machen, Wirklichkeit werden sollte.

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrung ist Schmidt, der später die Hauptschule an der Frühlingstraße in Speldorf leitete zu der Einsicht gekommen, dass das vielfach gegliederte Schulsystem schon lange nicht mehr funktioniert und das eine Stadtteilschule, die Schüler aller bisherigen Schulformen in einer neun Schulform zusammenführt zukunftsweisend ist, ob in Styrum oder auch in Eppinghofen.

Dieser Beitrag erschien am 6. Oktober 2011 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Als die Demokratie in Mülheim laufen lernte: Vor 65 Jahren wählten die Mülheimer den ersten Stadtrat der Nachkriegszeit

Ein steigendes Haushaltsdefizit und rückläufige Gewerbesteuer. Da wird Kommunalpolitik zur Quadratur des Kreises. Da ist die Ratsarbeit alles andere als vergnügungssteuerpflichtig. Das war sie vor 65 Jahren allerdings noch viel weniger als heute. Damals wählten die Mülheimer ihren ersten Nachkriegsrat.

„Herr im eigenen Haus“ sollten die Mülheimer werden. So forderte es die britische Militärregierung in einem Aufruf vom Mai 1946. Das Müllheimer Haus glich ein Jahr nach Kriegsende noch einer Ruine. 800 000 Kubikmeter Trümmerschutt lagen auf den Straßen. Fast 30 Prozent aller Wohngebäude waren zerstört. Zwei Drittel galten als kriegsbeschädigt. In dieser Situation fordert die britische Militärregierung die Bürger auf: „Schließe dich einer Partei an. Informiere dich politisch. Arbeite mit. Hilf mit. Es gibt nur diesen einen Weg zur Freiheit.”Die Stadt wiederaufzubauen und den Hunger zu überwinden waren über alle Parteigrenzen hinweg das politische Gebot der Stunde und das beherrschende Thema in mehr als 100 Wahlversammlungen.

Eine von ihnen fand mit dem späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer im Speldorfer Tengelmann-Saal statt. Der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Adenauer war damals CDU-Vorsitzender der britischen Zone.Brot und StimmeDie SPD-Ratskandidatin und Awo-Chefin Änne Fries forderte angesichts der dramatischen Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung in der NRZ: „Wir müssen verlangen, dass endlich mehr Bezugsmarken herausgegeben werden, denn Ware ist an verschiedenen Stellen noch gelagert.“ Die britische Militärregierung fürchtete angesichts der großen Not, dass die Kommunisten mehr Zulauf bekommen könnten.

Nicht zuletzt deshalb hob sie in der Woche vor der Wahl die Brotration an. Ihre Furcht war unbegründet.Fast 79 Prozent der wahlberechtigten Mülheimer machten am 13. Oktober 1946 von ihrem Wahlrecht Gebrauch, gut 27 Prozent mehr als bei der letzten Kommunalwahl 2009 Die Wahlnacht vom 13. auf den 14. Oktober 1946 wurde lang. Die Auszählung der 71 500 Stimmen Stimmen dauerte bis 4.30 Uhr. Dann stand fest:

Die CDU zieht mit 39 Prozent der Stimmen und 22 Stadtverordneten als stärkste Fraktion in den neuen Rat ein und stellt mit Wilhelm Diederichs den Oberbürgermeister. Die von Heinrich Thöne angeführten Sozialdemokraten erringen 37 Prozent der Stimmen und 14 Mandate, werden zweitstärkste Fraktion. Die Freien Demokraten erringen mit 13 Prozent der Stimmen zwei und die Kommunisten mit zehn Prozent der Stimmen nur ein Stadtratsmandat.

Drei Wochen nach der Kommunalwahl trat der erste Nachkriegsstadtrat zu seiner ersten Sitzung zusammen. Weil der Ratssaal noch kriegszerstört war, tagten die Stadtverordneten in der Aula des heutigen Otto-Pankok-Gymnasiums an der Von-Bock-Straße, streng beobachtet von den Vertretern der britischen Militärregierung.

Dieser Beitrag erschien am 13. Oktober 2011 in der NRZ

Sonntag, 9. Oktober 2011

Eine gute Idee braucht Unterstützung: Die katholische Ladenkirche am Kohlenkamp hat jetzt einen Förderverein







"Eingeladen Kirche zu erleben" steht über dem Eingang der katholischen Ladenkirche am Kohlenkamp 30. Das ist dort seit sechs Jahren Programm. Und das soll es auch in Zukunft bleiben. Deshalb stellt sich dort am 24. September 2011 ein neuer Förderverein vorgestellt, der die Ladenkirche finanziell unterstützen möchte, um dieses Angebot langfristig zu erhalten.










Konkret geht es, wie der Vorsitzende des Fördervereins, der Pfarrer von St. Barbara, Manfred von Schwartzenberg, sagt, um die Finanzierung der Kaltmiete für das Ladenlokal in bester City-Lage. Dafür sind monatlich 1200 Euro aufzubringen.Beim Thema Miete hat es die vor sieben Jahren eröffnete Evangelische Ladenkirche an der Kaiserstraße 4 besser. Ihr Ladenlokal befindet sich im Altenhof und damit in einem Haus des Kirchenkreises An der Ruhr. Auch wenn die evangelische Ladenkirche im Gegensatz zu ihrer katholischen Schwester mit Nina Gutmann eine hauptamtliche Leiterin hat, werden beide Ladenkirchen maßgeblich von ehrenamtlichen Helfern betreut. In der katholischen Ladenkirche tun 50 und in der evangelischen 25 Ehrenamtliche Dienst. Trotz dieses unentgeltlichen Einsatzes bleiben nicht unerhebliche Kosten für den Betrieb der Ladenkirchen. Können sich das Kirchen in Zeiten sinkender Mitgliederzahlen und stagnierender Kirchensteuereinnahmen überhaupt leisten und wenn ja, warum?










Johannes Valkyser, der das ehrenamtliche Mitarbeiterteam der katholischen Einrichtung leitet, sieht sie als "Türöffner" und als "eine Oase der Stille" für Menschen, die vielleicht nicht ohne weiteres eine Kirche betreten oder das Gespräch mit einem Pfarrer suchen würden, aber dennoch viele Fragen an das Leben, den Glauben und die Kirche haben. "Gerade weil wir keine Hauptamtlichen sind, können wir mit unseren Besuchern auf Augenhöhe sprechen und uns manchmal dabei in unserem christlichen Glauben gegenseitig bestärken", sagt Valkyser. Rund 6000 Besucher pro Jahr und täglich eine Handvoll Besucher der 12-Uhr-Andacht sieht er als Beleg dafür, "dass die Ladenkirche verhältnismäßig gut angenommen wird."










Das gelte auch für die Sozialsprechstunde der Caritas am Freitagvormittag.Valkysers ehrenamtliche Kollegin Monika Nelges, die sich seit drei Jahren im Mitarbeiterteam der evangelischen Einrichtung engagiert, sieht die Ladenkirche als "einen religiös geprägten Kommunikationsort und als ein niederschwelliges Angebot." Immer wieder stellt sie fest, "dass die Menschen, die zu uns kommen, es genießen, hier immer jemanden anzutreffen, der ein offenes Ohr und Zeit für sie hat." Dabei sprechen sie und ihre Kollegen mit den Besuchern der Ladenkirche im wahrsten Sinne über Gott und die Welt, ohne das es immer gleich um Religion gehen müsste.










Superintendent Helmut Hitzbleck, der die Evangelische Ladenkirche wie mancher seiner Pfarrerkollegen auch gerne als Ort für seine Sprechstunde nutzt, begreift die Ladenkirche als ein "Stück Öffentlichkeitsarbeit" und weist darauf hin, dass jährlich 60 bis 90 Menschen die Ladenkirche als Anlaufpunkt nutzen, um "in einer freien Atmosphäre das Gespräch zu suchen" und wieder in die Evangelische Kirche einzutreten. Auch Hitzblecks katholischer Amtsbruder, Stadtdechant Michael Janßen, der bedauert, dass es seiner Zeit nicht zu einer ökumenischen Ladenkirche gekommen ist, weiß, "dass der allergrößte Teil der Menschen, die in die katholische Kirche eintreten über ein Gespräch in der Ladenkirche zu uns Pfarrern kommen."










Janßens Amtsvorgänger und Ehrenstadtdechant von Schwartzenberg hält die Ladenkirche für unverzichtbar, "weil wir als Kirche auch dort hingehen müssen, wo die Menschen sind, die nicht auf die Idee kämen, die Schwelle einer Kirche zu übertreten."










Mit jeweils rund 52 000 Gemeindemitgliedern, stellen Katholiken und Protestanten in Mülheim je ein knappes Drittel der Stadtbevölkerung. Beide Stadtkirchen haben sich in den vergangenen Jahren mit zum Teil schmerzvollen Gemeindefusionen auf weiter sinkende Kirchensteuereinnahmen eingestellt. Der Evangelische Kirchenkreis, der für 2010 5,25 Millionen Euro Kirchensteuer einnahm, geht davon aus, bis 2015 2,5 Millionen Euro seiner Mittel einsparen zu müssen. Die hauptamtliche Mitarbeiterstelle in der Evangelischen Ladenkirche wurde halbiert. Auf katholischer Seite reduzierten sich die Kirchensteuerzuweisungen des Bistums mit der Gründung der drei neuen Groß-Pfarreien 2006 von 1,7 Millionen auf eine Million Euro. Personal musste abgebaut und der katholische Gemeindeverband aufgelöst werden.Die katholische Ladenkirche am Kohlenkamp 30 ist unter der Rufnummer:  2999 678 erreichbar und werktags (10-18 Uhr) sowie samstags (10-14 Uhr geöffnet. Die evangelische Ladenkirche an der Kaiserstraße 4 (Rufnummer:  305  67  31) ist wochentags zur gleichen Zeit und samstags von 11 bis 14 Uhr geöffnet.











Dieser Beitrag erschien am 24. September 2011 in der NRZ 

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Werner Gilles: Ein Maler aus Mülheim wird 50 Jahre nach seinem Tod vom Kunstmuseum Alte Post mit einer Ausstellung geehrt:



Träumender und Sehender. Unter diesem Titel präsentiert das Kunstmuseum in de Alten Post von Sonntag, 9. Oktober, bis zum 8. Januar eine Werkschau des Malers und Grafikers Werner Gilles (1894-1961), der zu den Meistern der klassischen Moderne gehört. Im Vorfeld der Ausstellung sprach ich für die NRZ mit dem 1925 in Mülheim geborenen Gilles-Neffen Klaus Kleinheisterkamp über den Maler und dessen Verhälsnis zu Mülheim.






Welche Beziehung hatte Ihr Onkel zu Mülheim?



Er ist als Fünfjähriger zusammen mit seinen Eltern nach Heißen gekommen, wo sein Vater als Volksschullehrer unterrichtete.Frage: Wie stark war seine Bindung an die Stadt?Antwort: Er hat bis zum Ersten Weltkrieg in Mülheim gelebt, ehe er dann 1914 Soldat wurde. Später hat er zwar nicht mehr hier gelebt, war aber immer wieder in Mülheim zu Besuch und hat sich auch selbst immer als Mülheimer gesehen. Auch die Entwicklung seiner alten Schule, des Staatlichen Gymnasiums, das heute den Namen Otto Pankoks trägt, interessierte ihn sehr. Deshalb hat er in Mülheim nicht nur uns, sondern immer wieder auch seinen alten Kunstlehrer Borgmann besucht.






In welcher Beziehung standen Werner Gilles und Otto Pankok?



Dazu kann ich aus eigener Kenntnis nur wenig sagen. Ich weiß, dass sie Klassenkameraden am Staatlichen Gymnasium waren und während der 20er Jahre mehrfach gemeinsam in Frankreich waren. Später hat es dann aber eine Verstimmung zwischen ihnen gegeben, über deren Ursache ich aber nichts herausfinden konnte. Ich weiß aber, dass mein Onkel Otto Pankok als Maler sehr geschätzt hat, auch deshalb, weil Pankok, wie er selbst, unter den Nazis als „entarteter Künstler“ galt.






Wie sah Gilles die Nationalsozialisten?



Er war Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg. Das entsprach dem damaligen deutschnationalen Zeitgeist. Auch als Student am Bauhaus war er noch deutschnational eingestellt, hat sich dann aber Ende der 1920er Jahre vom Gedanken des starken Deutschtums entfernt. Den Nationalsozialismus hat er von vorneherein abgelehnt, weil er immer wieder sagte: „Das kann nur Krieg geben.“ Während der NS-Zeit wurden einige seiner Bilder vernichtet. Er durfte nicht ausstellen und bekam kein Arbeitsmaterial. Doch er hatte Freunde, die ihm immer wieder ein Bild abgekauft und ihn somit unterstützt haben.






In welcher Beziehung stand Gilles zur Industriellenfamilie Stinnes?



Edmund Stinnes, der älteste Sohn von Hugo Stinnes senior und Bruder von Hugo Stinnes junior, war ein Klassenkamerad und Freund. Er hat ihm bereits nach dem Abitur 1913 ein Stipendium verschafft, das dann zwar durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde, mit dessen Hilfe er dann allerdings in den 20er Jahren am Bauhaus in Weimar und Dessau studieren konnte.






War Ihr Onkel als Künstler auch in seiner alten Heimat angesehen?



Werner Gilles hat seine große Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Ab 1948 hat er viele Bilder verkaufen können. Da war er dann auch finanziell gut gestellt, blieb aber weiter bescheiden. Wenn er während des Winters nach Mülheim kam, hat er sehr stark mit dem damaligen Museumsdirektor Werner Kruse und dem Kunstpädagogen Johannes Rickert zusammengearbeitet. Diese beiden haben sich immer wieder dafür eingesetzt, dass das städtische Museum für seinen Bestand auch Werke Mülheimer Künstler erwarb.






Was macht Ihren Onkel in Ihren Augen zu einem großen Maler?



In den 20er Jahren wurde er sehr stark von den neuen Klassikern wie Erich Heckel, Franz Marc und anderen beeinflusst. Später hat er sich dann selbstständig gemacht und nach dem Krieg auch sehr stark mystisch, religiös und durch die Insel Ischia inspiriert gemalt. Er hat immer versucht, den Gegenstand, den er malte, noch etwas mit zu erfassen und dann doch zu abstrahieren. Das ist, was ihn einmalig macht. Es gibt eigentlich keine Schule, die vergleichbar ist.






Dieser Beitrag erschien am 4. Oktober 2011 in der NRZ

Montag, 3. Oktober 2011

Sprechen wir über Deutschland und seine (Un)-Tugenden: Eine Mülheimer Umfrage zum Tag der Deutschen Einheit

Heute feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. An so einem Feiertag, an dem wir uns über die Wiedervereinigung unseres Landes freuen können, stellt sich die Frage: Was ist eigentlich deutsch? Für die NRZ suchte ich nach Antworten und wurde fündig.

Der Vorsitzende des Türkischen Vereins, Fevzi Eraslan (73), der seit 1957 in Deutschland lebt, findet es typisch deutsch, "dass hier alles in vergleichbar ruhigen und geordneten Bahnen verläuft." Das fange schon beim Straßenverkehr an. Für den Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde Rhein-Ruhr. Mustafa Okur (70) ist typisch deutsch, dass er als türkischer Zuwanderer eine berufliche und private Existenz aufbauen konnte und nach 50 Jahren in Deutschland sagen kann: "Hier ist meine Heimat."
Und das liegt für ihn "an den Menschen, mit denen ich hier lebe."Der am Otto-Pankok-Gymnasium unterrichtende Deutsch- und Geschichtslehrer Joachim Junik (59) sieht sein Deutschsein als "ein besonderes Gefühl für die deutsche Sprache und die Zugehörigkeit zur deutschen Sprache." Auch einen "in weiten Teilen kritischer und differenzierter Umgang mit der eigenen Geschichte", und ein vorsichtiger Patriotismus sind für ihn typisch deutsch. Deutsch?! Da denkt auch der Religionspädagoge und Israel-Experte des Städtepartnerschaftsvereins Gerhard Bennertz (73) neben der "Vielfalt des deutschen Waldes" an die "Wortvielfalt und komplexe Grammatik der deutschen Sprache." Die mache vielen Zuwanderern das Leben schwer, schaffe aber auch die Grundlage dafür: "sich in der deutschen Sprache besonders präzise ausdrücken zu können."
Denkt der Heißener Pfarrer Michael Manz (48) an Deutschland, fallen ihm das Nörgeln und die Unzufriedenheit als deutsche Untugenden ein. "Wir suchen erst mal das Haar in der Suppe, bevor wir sie überhaupt kochen", glaubt Manz. Den deutschen Perfektionismus sieht er als "unser preußisches Erbe", dass uns das Leben schwer macht. "Wir wollen alles perfekt haben und wenn es nicht so ist, fangen wir an zu meckern", schreibt er uns Deutschen ins nationale Stammbuch.Auch der Leiter des Altenheines Ruhrgarten, Oskar Dierbach, hat manchmal den Eindruck, "dass wir Deutschen jammern, bis der Arzt kommt und uns durch eine totale Ökonomisierung bekloppt machen lassen, statt uns auf unser kreatives Potenzial und unsere guten Ansätze in Bildung, Kultur und Nächstenliebe zu besinnen."
Für Markthändler Heinz Rademacher (76), der mit seiner Familie die Fische von der deutschen Waterkant auf den Mülheimer Wochenmarkt an der Schloßstraße bringt, sind: "Fleiß, Pünktlichkeit und das Streben nach Regelmäßigkeit und Ordnung" deutsche Tugenden.Für den 41-jährigen Jens Roepstorff , der als Stadtarchivar unsere Geschichte bewahrt, dokumentiert und vermittelt, sind "Pessimismus und Zukunftsangst" typisch deutsche Charakterzüge. "Wir gucken immer pessimistisch in die Zukunft, obwohl es uns besser geht als vielen anderen Ländern und auch unsere Geschichte zeigt, dass es wieder aufwärts gehen kann, auch wenn man am Boden liegt."
Für den am Löhberg ansässigen Buchhändler Michael Fehst (47) sind "Regulierungswut und das starre Festhalten an überkommenen Dingen, die wir eigentlich nicht mehr brauchen" typisch deutsch, egal, ob im Straßenverkehr, in der Schullandschaft oder beim Steuerrecht. "Zuverlässigkeit, Beständigkeit und Treue" sieht die aus dem heute polnischen Teil Pommerns stammende Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Margrit Schlegel , als typisch deutsche Tugenden. "Wir Deutschen versprechen nicht so leichtfertig etwas. Wenn wir das Gefühl haben, ein Versprechen nicht einhalten zu können, lehnen wir einen an uns herangetragenen Wunsch im Zweifel lieber gleich ab", beschreibt Schlegel, die in ihrer alten Heimat regelmäßig deutsch-polnische Seminare durchführt, ihre Landsleute."
Genauigkeit, Gründlichkeit und latente Unfreundlichkeit", sieht die 54-jährige Leiterin der Schule am Hexbachtal, Ulrike Nixdorff , als typisch deutsche Charakterzüge. Genauigkeit und Gründlichkeit entspringen ihrer Ansicht nach dem Wunsch, es nach den Erfahrungen von NS-Diktatur und Krieg "wieder gut und besser zu machen und das wieder aufzubauen, was in der Zeit des Nationalsozialismus zerstört worden ist." Dazu gehört für sie auch ein bewusster und kritischer Umgang mit der eigenen Geschichte. Die latente Unfreundlichkeit ihrer Landsleute führt Nixdorff schlicht auf das schlechte Wetter zurück. Ein Mann aus Jamaika sagte ihr jüngst: "Wie kann man fröhlich sein, wenn der Himmel und die Häuser grau sind."
Fröhlich sein? Schauspieler und Regisseur Dean Luthmann (65) attestiert seinen Landsleuten nicht nur einen Hang zur bürokratischen Pedanterie, sondern auch eine "gewisse Humorlosigkeit", die manchmal darin gipfelt, "sich lieber auf Kosten anderer zu amüsieren, statt über sich selbst zu lachen."Die blau-weiße Karnevalistin Dagmar Bohnenkamp (59) traut den Deutschen dagegen auch Frohsinn zu. Sie sieht aber einen auf der Basis individueller Freiwilligkeit funktionierenden Familiensinn, der nicht durch kulturelle Normen erzwungen wird, ebenso als deutsche Tugend wie das starke Bewusstsein für Sauberkeit und Anspruch: "Wenn ich etwas mache, muss ich es gut machen. Sonst kann ich es gleich bleiben lassen."
Alt-Bürgermeister Günter Weber (75), der sowohl den Tag des Mauerbaus wie den des Mauerfalls in Berlin erlebte, sieht die "Gründlichkeit" im Guten wie im Schlechten als typisch deutsche Eigenschaft. Das macht er an dem enormen Unheil fest, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg angerichtet haben, aber auch in dem erfolgreichen Streben, "sich nach dem totalen Krieg einzubringen, um eine bessere Welt wieder aufzubauen."Künstler Peter Torsten Schultz (67) beschreibt das typisch Deutsche im Telegrammstil: "Märchen, Brot, Eigenheime, Wandern, Recht haben, aufräumen, arbeiten, krank werden, Tatort gucken, nach Amerika gucken und europäisch denken."
Für seine Künstlerkollegin Ursula Vehar (71) geht das Deutschsein durch den Magen: "Unseren Pflaumenkuchen mit Zimt, Zucker und Schlagsahne gibt es so in keinem anderen Land der Welt", weiß sie von ihren ausländischen Freunden und Gästen, die sich von ihr immer wieder einen typisch deutschen Pflaumenkuchen wünschen.

Dieser Beitrag erschien am 3. Oktober 2011 in der NRZ

Sonntag, 2. Oktober 2011

Warum sich Kirchen und Gewerkschaften dafür stark machen, dass der Sonntag Sonntag bleibt



War heute was? Ach ja. Sonntag! Bereits am Samstag ging die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) auf die Straße, um vor der Ladenkirche am Kohlenkamp mit Passanten über den Wert des Sonntags ins Gespräch zu kommen. Warum und mit welcher Resonanz? Für die NRZ fragte ich den Vorsitzenden des KAB-Stadtverbandes, Hermann Meßmann.






Warum gehen Sie für den Sonntag auf die Straße?



Wir machen gemeinsam mit den Gewerkschaften Aktionen, weil wir die Sonntagsruhe bewahren wollen. Für uns als KAB geht es natürlich auch darum, dass die Kirche in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird und zu gesellschaftlich relevanten Themen Stellung bezieht.



War Ihren Gesprächspartnern der Sonntag wichtig?



Die Menschen erkennen, dass die Sonntagsruhe immer mehr ausgehöhlt wird, auch wenn viele aus wirtschaftlichen Gründen schon mal eine Sonntagsschicht mitgenommen haben. Ich habe in den Gesprächen eine positive Resonanz gespürt und bin unter diesem Eindruck mehr denn je sehr dafür, dass die ausufernden Ladenöffnungszeiten wieder zurückgeschraubt werden sollten. Ich muss nicht spät abends oder nachts noch ein Pfund Zucker kaufen können. Das kann ich den ganzen Tag über erledigen. Ich denke dabei an die vielen Mitarbeiter im Einzelhandel, die aus ihren Familien gerissen werden, weil sie noch am späten Abend oder eben sonntags Dienst tun müssen.



Brauchen wir nicht auch Sonntagsarbeit und tut es ein anderer freier Tag in der Woche nicht auch?



Dinge, die sein müssen, wie Dienst am Kranken oder gesellschaftliche Hilfsdienste, müssen natürlich auch am Sonntag geleistet werden. Aber die Sonntagsarbeit, die nicht unbedingt sein muss, sollte reduziert werden. Denn am Sonntag besteht die Möglichkeit, dass die Familie wieder zusammenfindet und gemeinsam Dinge erleben kann. Dazu gehört für mich natürlich auch der religiöse Bereich. Die Familie hat aus unserer Sicht oberste Priorität, weil sie die Grundlage der Gesellschaft ist.






Dieser Beitrag erschien am 26. September 2011 in der NRZ