Samstag, 29. September 2012

Nomen est omen: Wie Schulnamen für den Alltag an Mülheimer Schulen bedeuten

Erziehung besteht aus zwei Dingen. Beispiel und Liebe.“ Dieser Satz des Pädagogen Friedrich Fröbel hat auch 160 Jahre nach seinem Tod nichts von seiner Gültigkeit verloren. Viele Schulen versuchen mit Hilfe eines Namenspatrons ein Beispiel zu geben. Wie wirkt sich ein solcher Schulname auf den Schulalltag aus und gibt es auch heute noch Vorbilder, mit denen namentlich Schule zu machen ist?


„Ein Namensgeber kann identitätsstiftend wirken und eine Vorbildfunktion haben, wenn man ihn im Schulalltag ernst nimmt und weiß, welche Schulkultur man gestalten möchte“, glaubt der Leiter der Otto-Pankok-Schule, Ulrich Stockem. Der 1893 in Saarn geborene Künstler, der 1911 an der Schule Abitur machte, die seit Mitte der 70er Jahre seinen Namen trägt, ergriff mit seinem Werk Partei für den Frieden, für diskriminierte Minderheiten und politisch Verfolgte. Das macht ihn für Stockem auch heute noch zu einem guten Schulpatron, „der Jugendliche als Künstler und als Persönlichkeit zum Nachdenken anregen kann, etwa, wenn es um Menschenrechte geht.“ Die beginnen für Stockem bei einem respektvollen und toleranten Miteinander. Zum Nachdenken ließen sich just in diesem Jahr Schüler anregen, die sich im Rahmen einer Otto-Pankok-Biografie mit seinem Lebenswerk auseinandersetzten. Auch soziale Hilfsprojekte, ein Kunst-Leistungskurs, eine Bigband und das Schulkabarett der Optiker entsprechen in Stockems Augen dem Vorbild Pankoks.

Für Stockems ehemaligen Kollegen Werner Andorfer von der Karl-Ziegler-Schule, die ihren Namen ebenfalls Mitte der 70er Jahre wählte, ist der Chemie-Nobelpreisträger, Kunstsammler und Kunststifter interessant, weil sich in seiner Person naturwissenschaftliche und musische Bildung vereinen. Diese Symbiose schätzt Andorfer auch an der Schule, in der naturwissenschaftliche Elementarbildung und ein breitgefächertes Bildungsangebot von Physik bis Informatik zum Beispiel einem Schulchor oder den Young Art Experts begegnen. Das sind Schüler, die vom Kunstmuseum zu Museumsführern ausgebildet werden, um dann anderem auch die Kunstsammlung Ziegler zu erklären. „So eine Erfahrung stärkt die Persönlichkeitsentwicklung“, glaubt Andorfer auch mit Blick auf die Kooperation mit den Max-Planck-Instituten, dem Theater an der Ruhr, Siemens oder dem RWW. Die Schüler erweiterten so ihren Horizont.

Willy-Brandt- und Gustav-Heinemann-Schule haben sich Anfang der 80er und 90er Jahre für Namensgeber aus der Politik entschieden. „So ein Schulname muss immer wieder belebt werden, damit er keine Routine wird“, sagt der ehemalige Willy-Brandt-Schulleiter Behrend Heeren, der schon damals dabei gewesen ist. Bei Schulrallyes, Projektwochen, Berlinfahrten und natürlich im Geschichts- und Sozialwissenschaftsunterricht begegnen seine Schüler dem Lebenswerk des Kanzlers, Friedensnobelpreisträgers und SPD-Vorsitzenden, der mit seiner Politik vor allem für Frieden und Aussöhnung stand, sei es mit Blick auf die Nachbarn in Europa oder angesichts der eigenen Geschichte.

Obwohl auch Gustav Heinemann Politiker in der SPD war, sieht Gustav-Heinemann-Schulleiterin Christa van Behrend im Namensgeber ihrer Schule weniger den Parteipolitiker, der zu Beginn seiner Karriere ja der CDU angehörte, als ein Vorbild für moralische Integrität. Mit seinem Lebenswerk sei er „ein Vorbild, das auch heute optimal in die Zeit passt, weil Heinemann kein Opportunist war und Jugendlichen zeigen kann, dass man sich in seinem Leben schwierigen Situationen stellen und Konflikte friedlich lösen muss.“ Den Widerstandskämpfer und Politiker, der für den Frieden und gesellschaftliche Reformen kämpfte, findet sie im Europaschwerpunkt ihrer Schule wieder, aber auch in Projekten wie den Netzscouts gegen Cyber-Mobbing oder einem Antirassismus- und Deeskalationstraining, das sie als Gewaltvorbeugung und damit als praktische Friedensarbeit begreift.

Van Behrends Nachbar Manfred Bahr, der die Erich-Kästner Grundschule leitet, antwortet mit Kästners berühmtesten Satz: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ auf die Frage danach, was seine Schüler von ihrem Schulpatron lernen können. Wenn sie seine Bücher, wie „Pünktchen und Anton“ oder „Emil und die Detektive“ lesen, lernen sie nach seiner Ansicht „wie man vernünftig miteinander umgeht.“ Das fängt im Schulalltag bei Ruhe und Rücksichtnahme an, schließt aber auch das Vorbild für soziales Handeln ein.

„Durch diesen Namen sind wir als Konfessionsschule erkennbar“, erklärt Rektorin Ulrike Kordel, warum aus der Grundschule Eduardstraße vor elf Jahren die Martin-von-Tours-Schule wurde, die an den heiligen Bischof aus der französischen Partnerstadt erinnert, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte. „Auch unsere muslimischen Schüler können sich mit Martin identifizieren und ich bin begeistert, dass unsere Kinder im Schulalltag kein Problem damit haben, Dinge mit Mitschülern zu teilen“, freut sich Kordel. So wird nicht nur ein großes Martinsfest mit Umzug gefeiert, sondern auch mit Hilfe eines Basars Geld für eine katholische Grundschule in Indien gesammelt.

Dass ein Flur „Krachmacherstraße“ heißt, zeigt, dass man in der Astrid-Lindgren-Schule ist. Dort dokumentiert eine Ausstellung das Leben der schwedischen Kinderbuchautorin und Nobelpreisträgerin. Deren „Rede gegen die Gewalt“, die sich im Eingangsbereich der Schule findet, hält Grundschulrektorin Gabriela Krücker für ein wegweisendes Plädoyer zugunsten einer gewaltfreien Erziehung, die auf Freiheit und Respekt setzt. „Von Lindgren können wir lernen, Kindern mit Geduld zu begegnen und nicht zu viel von ihnen zu verlangen“, glaubt Krücker. Mit Lindgrens Büchern werden an der Mellinghofer Straße auch ihre Gedanken zum Frieden und zum Umweltschutz kindgerecht in den Unterrichtsalltag eingebaut.

„Obwohl Wilhelm Buschs Geschichten und Humor eigentlich eher für Erwachsene als für Kinder geeignet sind, versuchen wir den Schulnamen so gut wie möglich zu leben, indem wir unseren Schülern beibringen, das Leben mit Humor zu sehen“, sagt die Rektorin der Wilhelm-Busch-Schule, Ulrike Ortlinghaus über ihren Schulnamen.   Dieser Beitrag erschien am 25. September 2012 in der NRZ  

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