Sonntag, 30. September 2012

Hat das Bäckerhandwerk noch Goldenen Boden: Ein Gespräch mit dem Dümptener Bäckermeister Hans-Ulrich Kahrger über das Geschäft mit dem täglichen Brot

Es ist ja so einfach. Das tägliche Brot mal eben beim Einkauf im Supermarkt oder beim Discounter mitnehmen. Und der Bäcker nebenan schaut in die Röhre seines Backofens. Angesichts dieses Trends und vor dem Hintergrund steigender Lohn-, Energie- und Rohstoffkosten warnt der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks vor einem Bäckereisterben, befürchtet, dass in 6000 der bundesweit 14.000 selbstständigen Bäckereibetriebe mittelfristig der Ofen aus sein könnte. Wie stellt sich die Situation aus Sicht des Bäckermeisters Hans-Ulrich Kahrger (70) dar, der seit 45 Jahren eine Bäckerei an der Mellinghofer Straße betreibt, in der er zusammen mit seiner Frau Karin, seinem Sohn Andre und zehn Angestellten in Lohn und Brot ist?


Spüren Sie Existenzangst?

Wir spüren das auf jeden Fall. Weil hier an der Mellinghofer Straße der Verkehr zum Teil herausgenommen worden ist, fehlen uns die Kunden, die sonst mit dem Durchgangsverkehr zu uns gekommen sind. Symptomatisch für die Situation der Bäckereien sind aber die großen Supermärkte und Discounter im Gewerbegebiet am Heifeskamp, die alle einen Backshop und Backautomaten haben, so dass die Menschen, die ja auch nicht mehr Geld in der Tasche haben, dort ihre Backwaren beim Einkauf mitnehmen, während wir vor allem von unseren Stammkunden im Stadtteil leben.

Sind die Bäckereien zu teuer?

Es wird bei uns etwas mehr bezahlt, aber zum Teil liegen wir auch unter den Preisen der Großanbieter. Gerade im Kuchenbereich sind wir oft preiswerter.

Was können kleine Bäckereien besser als Großbäcker?

Unsere Stärke ist die Frische und ein großes Sortiment. Außerdem können wir viel gezielter auf Kundenwünsche eingehen. Unsere Verkäuferinnen, kennen unsere Kunden zum Teil seit Jahrzehnten und sprechen sie persönlich an. Außerdem können Kunden auch Nachfragen zu unseren Produkten stellen.

Hatte das Bäckerhandwerk früher noch goldenen Boden?

Als wir hier angefangen haben, hat jeder nur das verkauft, was zu seinem Sortiment gehörte. Nehmen wir nur das Weihnachtsgeschäft. Früher wäre niemand auf die Idee gekommen, einen billigen Stollen im Supermarkt zu kaufen. Heute ist das gesamte Weihnachtsgebäck schon jetzt in den Supermarktregalen zu finden. Da haben wir früher große Mengen verkauft. Das ist aber stark zurückgegangen, weil dieses Weihnachtsgebäck in den Supermärkten so billig angeboten wird, dass sich die Herstellung für uns nicht mehr lohnt.

Warum sind die Großbäcker billiger als Sie und ihre örtlichen Kollegen?

Weil wir jeden Tag einen Aufwand betreiben müssen, um unsere Läden frisch zu bestücken, der fast so groß ist, wie bei einer Großbäckerei, ohne dass wir unsere Waren in solch großen Mengen verkaufen könnten.

Laufen Ihnen die Energie,- Lohn- und Rohstoffkosten davon?

Ja. Mehl ist im Vergleich zum Vorjahr um 35 Prozent teurer geworden. Beim Obst sind uns aufgrund von Ernteausfällen um bis zu 40 Prozent höhere Preis angekündigt worden und auch unsere Energiekosten haben sich in den letzten fünf Jahren um insgesamt 40 Prozent erhöht. Da sind riesige Sprünge drin. Allein im Vergleich zum Vorjahr müssen wir um zehn Prozent höhere Energiekosten verkraften. Auch die Personalkosten sind in den letzten zehn Jahren um rund 30 Prozent gestiegen, während die Umsätze in der Zeit, die ich hier überblicken kann, um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen sind.

Wie reagieren Sie darauf?

Wir müssen bei unserem Materialeinsatz noch genauer überlegen, was wir backen und was wir verkaufen können. Und wenn der Umsatz weiter zurückgeht, müssen wir natürlich auch mit einer Reduzierung beim Verkaufspersonal reagieren.

Wie viel selbstständige Bäckereibetriebe haben wir denn noch in Mülheim und wie sieht ihre Zukunft aus?

Wir haben in Mülheim etwa zehn selbstständigen Bäckereien, die an Ort und Stelle produzieren und auch ihre Läden hier haben. Alles andere sind auswärtige Filialisten. Ich höre nicht nur in Mülheim von vielen Kollegen: ‘Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte.’ Ich glaube, wir können uns nur mit unserer Qualität, Freundlichkeit und Service durchsetzen. Und die Menschen müssen wieder mehr lernen, den Wert ihrer Nahrungsmittel zu schätzen.

Dieser Text erschien in der NRZ vom 26. September 2012

Samstag, 29. September 2012

Nomen est omen: Wie Schulnamen für den Alltag an Mülheimer Schulen bedeuten

Erziehung besteht aus zwei Dingen. Beispiel und Liebe.“ Dieser Satz des Pädagogen Friedrich Fröbel hat auch 160 Jahre nach seinem Tod nichts von seiner Gültigkeit verloren. Viele Schulen versuchen mit Hilfe eines Namenspatrons ein Beispiel zu geben. Wie wirkt sich ein solcher Schulname auf den Schulalltag aus und gibt es auch heute noch Vorbilder, mit denen namentlich Schule zu machen ist?


„Ein Namensgeber kann identitätsstiftend wirken und eine Vorbildfunktion haben, wenn man ihn im Schulalltag ernst nimmt und weiß, welche Schulkultur man gestalten möchte“, glaubt der Leiter der Otto-Pankok-Schule, Ulrich Stockem. Der 1893 in Saarn geborene Künstler, der 1911 an der Schule Abitur machte, die seit Mitte der 70er Jahre seinen Namen trägt, ergriff mit seinem Werk Partei für den Frieden, für diskriminierte Minderheiten und politisch Verfolgte. Das macht ihn für Stockem auch heute noch zu einem guten Schulpatron, „der Jugendliche als Künstler und als Persönlichkeit zum Nachdenken anregen kann, etwa, wenn es um Menschenrechte geht.“ Die beginnen für Stockem bei einem respektvollen und toleranten Miteinander. Zum Nachdenken ließen sich just in diesem Jahr Schüler anregen, die sich im Rahmen einer Otto-Pankok-Biografie mit seinem Lebenswerk auseinandersetzten. Auch soziale Hilfsprojekte, ein Kunst-Leistungskurs, eine Bigband und das Schulkabarett der Optiker entsprechen in Stockems Augen dem Vorbild Pankoks.

Für Stockems ehemaligen Kollegen Werner Andorfer von der Karl-Ziegler-Schule, die ihren Namen ebenfalls Mitte der 70er Jahre wählte, ist der Chemie-Nobelpreisträger, Kunstsammler und Kunststifter interessant, weil sich in seiner Person naturwissenschaftliche und musische Bildung vereinen. Diese Symbiose schätzt Andorfer auch an der Schule, in der naturwissenschaftliche Elementarbildung und ein breitgefächertes Bildungsangebot von Physik bis Informatik zum Beispiel einem Schulchor oder den Young Art Experts begegnen. Das sind Schüler, die vom Kunstmuseum zu Museumsführern ausgebildet werden, um dann anderem auch die Kunstsammlung Ziegler zu erklären. „So eine Erfahrung stärkt die Persönlichkeitsentwicklung“, glaubt Andorfer auch mit Blick auf die Kooperation mit den Max-Planck-Instituten, dem Theater an der Ruhr, Siemens oder dem RWW. Die Schüler erweiterten so ihren Horizont.

Willy-Brandt- und Gustav-Heinemann-Schule haben sich Anfang der 80er und 90er Jahre für Namensgeber aus der Politik entschieden. „So ein Schulname muss immer wieder belebt werden, damit er keine Routine wird“, sagt der ehemalige Willy-Brandt-Schulleiter Behrend Heeren, der schon damals dabei gewesen ist. Bei Schulrallyes, Projektwochen, Berlinfahrten und natürlich im Geschichts- und Sozialwissenschaftsunterricht begegnen seine Schüler dem Lebenswerk des Kanzlers, Friedensnobelpreisträgers und SPD-Vorsitzenden, der mit seiner Politik vor allem für Frieden und Aussöhnung stand, sei es mit Blick auf die Nachbarn in Europa oder angesichts der eigenen Geschichte.

Obwohl auch Gustav Heinemann Politiker in der SPD war, sieht Gustav-Heinemann-Schulleiterin Christa van Behrend im Namensgeber ihrer Schule weniger den Parteipolitiker, der zu Beginn seiner Karriere ja der CDU angehörte, als ein Vorbild für moralische Integrität. Mit seinem Lebenswerk sei er „ein Vorbild, das auch heute optimal in die Zeit passt, weil Heinemann kein Opportunist war und Jugendlichen zeigen kann, dass man sich in seinem Leben schwierigen Situationen stellen und Konflikte friedlich lösen muss.“ Den Widerstandskämpfer und Politiker, der für den Frieden und gesellschaftliche Reformen kämpfte, findet sie im Europaschwerpunkt ihrer Schule wieder, aber auch in Projekten wie den Netzscouts gegen Cyber-Mobbing oder einem Antirassismus- und Deeskalationstraining, das sie als Gewaltvorbeugung und damit als praktische Friedensarbeit begreift.

Van Behrends Nachbar Manfred Bahr, der die Erich-Kästner Grundschule leitet, antwortet mit Kästners berühmtesten Satz: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ auf die Frage danach, was seine Schüler von ihrem Schulpatron lernen können. Wenn sie seine Bücher, wie „Pünktchen und Anton“ oder „Emil und die Detektive“ lesen, lernen sie nach seiner Ansicht „wie man vernünftig miteinander umgeht.“ Das fängt im Schulalltag bei Ruhe und Rücksichtnahme an, schließt aber auch das Vorbild für soziales Handeln ein.

„Durch diesen Namen sind wir als Konfessionsschule erkennbar“, erklärt Rektorin Ulrike Kordel, warum aus der Grundschule Eduardstraße vor elf Jahren die Martin-von-Tours-Schule wurde, die an den heiligen Bischof aus der französischen Partnerstadt erinnert, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte. „Auch unsere muslimischen Schüler können sich mit Martin identifizieren und ich bin begeistert, dass unsere Kinder im Schulalltag kein Problem damit haben, Dinge mit Mitschülern zu teilen“, freut sich Kordel. So wird nicht nur ein großes Martinsfest mit Umzug gefeiert, sondern auch mit Hilfe eines Basars Geld für eine katholische Grundschule in Indien gesammelt.

Dass ein Flur „Krachmacherstraße“ heißt, zeigt, dass man in der Astrid-Lindgren-Schule ist. Dort dokumentiert eine Ausstellung das Leben der schwedischen Kinderbuchautorin und Nobelpreisträgerin. Deren „Rede gegen die Gewalt“, die sich im Eingangsbereich der Schule findet, hält Grundschulrektorin Gabriela Krücker für ein wegweisendes Plädoyer zugunsten einer gewaltfreien Erziehung, die auf Freiheit und Respekt setzt. „Von Lindgren können wir lernen, Kindern mit Geduld zu begegnen und nicht zu viel von ihnen zu verlangen“, glaubt Krücker. Mit Lindgrens Büchern werden an der Mellinghofer Straße auch ihre Gedanken zum Frieden und zum Umweltschutz kindgerecht in den Unterrichtsalltag eingebaut.

„Obwohl Wilhelm Buschs Geschichten und Humor eigentlich eher für Erwachsene als für Kinder geeignet sind, versuchen wir den Schulnamen so gut wie möglich zu leben, indem wir unseren Schülern beibringen, das Leben mit Humor zu sehen“, sagt die Rektorin der Wilhelm-Busch-Schule, Ulrike Ortlinghaus über ihren Schulnamen.   Dieser Beitrag erschien am 25. September 2012 in der NRZ  

Freitag, 28. September 2012

Warum sich die Hauptschule an der Bruchstraße für den Namensgeber Max Kölges entschieden hat

Wer war Max Kölges? Und warum eignet er sich als Namensgeber für eine praxis- und berufsorientierte Schule? 1899 kam der 1880 im Kreis Kempen geborene Friseurmeister Max Kölges nach Mülheim, um sich hier selbstständig zu machen. Bereits 1904 wählten ihn seine Handwerkskollegen zum Vorsitzenden des Innungsausschusses und 1905 zum Obermeister der örtlichen Friseurinnung. An deren Spitze sollte er bis 1931 stehen. Während der Weimarer Republik gehörte der Handwerksmeister als Mitglied der Zentrumspartei dem Stadtrat und dem Preußischen Landtag an. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Kölges als Kreishandwerksmeister zu den Mitgründern der Kreishandwerkskammer und der Mülheimer Christdemokraten. Für sie zog er auch wieder in den Stadtrat ein, wo er bis 1952 die CDU-Fraktion führte. Vor allem in den ersten Nachkriegsjahren, als Hunger und akute Wohnungsnot den Alltag Mülheims bestimmten, machte sich Kölges als tatkräftiger und pragmatischer Kommunalpolitiker einen Namen. Nach der zweiten Kommunalwahl war er in den Jahren 1948 bis 1952 als Bürgermeister Stellvertreter des sozialdemokratischen Oberbürgermeisters Heinrich Thöne. 1962 wurde Kölges, nachdem auch eine Straße benannt ist, für seine Verdienste zum Ehrenbürger ernannt. Er starb 1973.

Ist es Ironie der Geschichte oder ein kluger Schachzug? Ausgerechnet die Hauptschule an der Bruchstraße, die nach dem Willen der Christdemokraten im Rahmen der Bildungsentwicklungsplanung geschlossen werden sollte, wird künftig den Namen des Christdemokraten, Max Kölges, tragen. Ein Widerspruch? Nein! Wer sein Lebensbild betrachtet, sieht, dass es keinen besseren Namensgeber für eine Hauptschule gibt, die zur Handwerkerschule werden will und schon heute mit berufsorientiertem Lernen junge Menschen auf einen guten Lebensweg bringt, die manche Hürden zu überwinden haben.


Dass der Mensch nicht erst beim Abiturienten und das Leben nicht erst nach einem Hochschulabschluss beginnt, hat der kommunal,- sozial- und verbandspolitisch tätige Friseurmeister Max Kölges mit seinem Leben bewiesen. Er war Volksschüler und Sohn einer alleinerziehenden Mutter, dessen Vater früh gestorben war. In der Klassengesellschaft des Kaiserreiches nutzte er die Chancen, die er nicht hatte.

Kölges ging mit Mut ans Werk, machte seinen Meister und sich selbstständig. Doch er hatte nicht nur sein Geschäft, sondern auch die Gesellschaft im Blick, engagierte sich in der Politik und im Handwerk, machte mit seinem Einsatz für berufsständische Krankenkassen und Einkaufsgenossenschaften das Leben seiner Kollegen leichter.

Auch als er in seinen besten Jahren erleben musste, wie die Nazis seine bürgerliche und berufliche Existenz zerstörten, ließ sich der neunfache Familienvater nicht unterkriegen, denn er hatte Lebensmut und Gottvertrauen. Er überlebte Diktatur und Krieg als Grundstücksmakler, ehe er nach 1945 in seinen alten Beruf und sein politisches Engagement unter neuen Vorzeichen zurückkehren konnte.

Menschen, wie Kölges, die auch im Angesicht größter Not nicht am Leben verzweifeln, sondern immer wieder aufstehen und anpacken, können auch heute als ermutigendes Vorbild und Lehrbeispiel dienen – nicht nur in der Schule.   Dieser Beitrag erschien am 25./26. September 2012 in der NRZ

Donnerstag, 27. September 2012

Trotz des gewonnenen Bürgerentscheids muss die ihrer Schließung entronnene Hauptschule an der Bruchstraße noch bis 2013 auf städtische Gelder warten

Am 24. September nahmen im Bildungsausschuss nicht nur Ratsmitglieder und sachkundige Bürger, sondern auch 16 Schüler der Hauptschule an der Bruchstraße Platz. Denn sie wollten in einer Bürgeranfrage wissen: „Was geschieht nach dem Bürgerentscheid mit unserer Schule?“


Nach dem am 22. April gewonnenen Bürgerentscheid zum Erhalt des Schulstandortes Eppinghofen, fragten die Jugendlichen vor allem nach dem Geld, das notwendig ist, um den Schulbetrieb fortzuführen und das Schulgebäude auf Vordermann zu bringen.

Schuldezernent Ulrich Ernst ließ die Jugendlichen wissen, dass in dem 2011 beschlossenen Haushalt für das Jahr 2012 keine Mittel für die Schule an der Bruchstraße eingestellt worden seien, da man zu diesem Zeitpunkt noch von einer Schulschließung ausgegangen sei.

Ob und in welcher Höhe Gelder für den Schulbetrieb an der Bruchstraße im Jahr 2013 bereitgestellt werden könnten, müssten die im Oktober beginnenden Haushaltsberatungen zeigen. Für dieses Jahr könne es auf jeden Fall keine Gelder für die Hauptschule in Eppinghofen mehr geben.

„Das war schon etwas komisch, dass das alles nur so kurz erwähnt wurde“, wunderte sich Schülerin Sabrina Kropp aus der 8b darüber, dass die Mitteilung des Dezernenten im Ausschuss nicht diskutiert wurde. „Dazu kann man einfach nichts mehr sagen. Wir können nur hoffen, dass wir in Zukunft nicht umsonst auf das Geld warten, das unsere Schule braucht“, fand sie. Schade, dass kein Schüler im Ausschuss das Wort ergriff.

Schulleiterin Gabriele Klar übte sich derweil in Zweckoptimismus: „Damit können wir leben und wir gehen jetzt davon aus, dass in den kommenden Haushaltsberatungen die für das nächste Jahr notwendigen Gelder bewilligt werden.“

Die Elterpflegschaftsvorsitzende der Bruchstraßen-Schule, Susanne Kollenberg, hatte eine ähnliche Aussage des Dezernenten bereits bei einem Treffen mit dem Bündnis für Bildung (BfB) gehört und war deshalb nicht überrascht. „Ich glaube nur noch was ich sehe“, antwortete sie auf die Frage, ob sie davon ausgehe, dass die Schule in Eppinghofen 2013 genügend Geld von der Stadt bekommen werde.

„Die Sache tritt auf der Stelle“, sagt der Sprecher des BfBs, Pfarrer Helmut Kämpgen und erinnert die Fraktionen daran, „dass der gewonnene Bürgerentscheid zum Erhalt der Schule den rechtlichen Rang eines Ratsbeschlusses hat und deshalb auch vom Rat umgesetzt werden muss.“

Mehr Klarheit erhoffen sich Kämpgen und die anderen Bündnisvertreter von einem Gespräch, das sie am 26. September mit Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld führen werden.

Dieser Beitrag erschien am 25. September 2012 in der NRZ

Mittwoch, 26. September 2012

Wiedersehen am Klostermarkt: Im Saarner Schulhaus, das vor 100 Jahren errichtet wurde, trafen Schülergenerationen aufeinander

Freitagabend. Keine klassische Schulzeit. Trotzdem herrscht in der Grundschule am Saarner Klostermarkt in allen Räumen gesprächiges Treiben. 150 ehemalige Schüler und Lehrer zieht es in ihr altes Schulhaus, das vor 100 Jahren errichtet wurde.


Die Ex-Schüler Friedel van de Wetering (74), Friedrich-Wilhelm von Gehlen, Ex-Konrektor Eberhard Heinen (beide 65) und die beiden ehemaligen Klostermarktschülerinnen Alexa Wittenberg (11) und Anja Ludwig (42) kommen im Flur an einer alten Schulbank miteinander ins Gespräch: „Genau solche Bänke hatten wir früher“, erinnert sich van de Wetering und greift zielsicher in die Vertiefung, in der früher das Tintenfässchen stand.

Ludwig, deren Tochter heute die vierte Klasse ihrer alten Schule besucht, und van de Wetering finden: „Äußerlich hat sich die Schule eigentlich gar nicht groß verändert, aber innen drin hat sich viel getan. Alles ist viel bunter und freundlicher geworden.“

Wenn Ludwig ihren Schulalltag mit dem ihrer Tochter vergleicht, kommt sie zu dem Ergebnis: „Früher wurde einfach nur gelernt. Heute soll Schule auch Spaß machen und die Kinder lernen auch viel bei Ausflügen.“

Alexa, die inzwischen die Luisenschule besucht, bestätigt: „Hier hat das Lernen Spaß gemacht und vor allem der Chor hat uns Kinder begeistert, weil wir uns dort durch das gemeinsame Singen als Einheit fühlten.“ Das hört Ex-Konrektor Heinen gerne, der den Chor im Jahr 2000 gegründet hatte. „Wir haben hier viel miteinander gelernt und für mich waren es die schönsten Jahre meines Lehrerlebens“, sagt Heinen. Bis heute unterstützt er seine alte Schule bei Veranstaltungen und gibt ihr auf dem Anrufbeantworter eine Stimme.

Van de Wetering und von Gehlen haben noch die alte Volksschule am Klostermarkt besucht, in der es noch konfessionell getrennte Schulräume und Toiletten gab und Disziplinprobleme auch schon mal nach dem Rohrstock-Prinzip gelöst wurden. Dennoch erinnern sie sich gerne an ihre Schulzeit in den 40er und 50er Jahren, die sie auf ihren Beruf als Techniker bei Siemens und als Beamter bei der Stadt Mülheim vorbereitet hat. Der 1945 mit 62 Klassenkameraden eingeschulte van de Wetering wurde am Klostermarkt noch durch die Quäkerspeise satt.

Dieser Beitrag erschien am 1. März 2012 in NRZ und WAZ

Montag, 24. September 2012

Im Alter gemeinsam stark: Eine Tagung im katholischen Stadthaus informiert über gemeinschaftliche Wohnformen im Alter

1967 fragten sich die Beatles in ihrem Song „When I am 64/Wenn ich 64 bin“, wie sie selbst sein würden, wenn sie denn das Rentenalter erreicht hätten. Heute wissen es die noch lebenden Beatles, auch wenn bei Paul McCartney, der diesen Song zum 64. Geburtstag seines Vaters schrieb, von Ruhestand noch keine Rede sein kann.


Wie wollen wir in unserem Alter wohnen und leben? Die demografischen Zahlen zeigen den Handlungsbedarf in dieser Zukunftsfrage auf. Frei nach dem Motto: Gemeinsam stark laden das Sozialamt, die evangelische und katholische Kirche, das katholische Bildungswerk, der Verein „Leben in der Nachbarschaft Alternativ“ (Lina), die Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft (MWB) und ihr Verein Mülheimer Nachbarschaft deshalb alle interessierten Bürger am 29. und 30. September zu einer Tagung ins katholische Stadthaus an der Althofstraße 8 ein. Wer sich bis zum 23. September bei Jörg Marx vom Sozialamt ( ?4?55-5012) oder per Mail an: LINA-muelheim@web.de anmeldet und 20 Euro für die Teilnahmegebühr investiert, erfährt etwas darüber, wie man auch in Mülheim im Alter gemeinsam und stark wohnen und leben kann, ohne ins Altenheim ziehen zu müssen.

„Die Tagung soll ein Ideenpool sein, der Menschen Lust auf gemeinschaftliches Wohnen im Alter machen und ihnen auch über die bereits geplanten Projekte hinaus Perspektiven für ihre eigene Zukunftsplanung aufzeigen möchte“, betont der städtische Sozialplaner Jörg Marx.

Dass die MWB die Tagung zum gemeinschaftlichen Wohnen sponsert, überrascht nicht. Denn sie sitzt als Investor bei allen Gemeinschaftswohnprojekten mit im Boot, die zur Zeit am Saarner Klostermarkt, am Fünter Weg in Heißen-Mitte und an der Brüssler Allee an der Saarner Kuppe geplant und voraussichtlich im Laufe der Jahre 2014 und 2015 realisiert werden sollen. Bei allen drei Projekten, die bei der Tagung detailliert vorgestellt werden geht es darum, individuelles und gemeinschaftliches Wohnen miteinander zu verbinden.

Hier entstehen barrierefrei gebaute oder umgebaute Häuser, in denen es neben privaten Mietwohnungen auch Gemeinschaftsräume sowie die Idee gibt, als Senioren- oder Mehrgenerationen-Hausgemeinschaft auch kulturell und sozial in die Nachbarschaft hineinzuwirken.

„Wir sind gerne dabei, weil das unserer Vorstellung von gemeinschaftlichem Wohnen entspricht“, sagt Yvonne Boenke vom MWB-Verein Mülheimer Nachbarschaft. Auch ihr MWB-Kollege Marc Peters und Christina Holz von der Service-Wohnungsbau- und Vermietungsgesellschaft SWB, lassen kein Zweifel daran, dass Angebot seniorengerechten Wohnraums „für alle am Markt orientierten Wohnungsbaugesellschaften“ eine existenzielle Zukunftsaufgabe ist.

Laut Peters hat die MWB aktuell 300 von insgesamt 4700 Wohnungen bereits barrierefrei umgebaut. Bei der SWB gelten inzwischen 1004 von insgesamt 8650 Wohnungen als barrierefrei.

Dieser Beitrag erschien am 18. September 2012 in der NRZ und am 21. September 2012 in der WAZ

Sonntag, 23. September 2012

Warum engagiert sich Sparkassenchef Martin Weck ehrenamtlich als Vorsitzender des Fördervereins Mülheimer Städtepartnerschaften?

Warum engagiert sich der Sparkassenchef als Vorsitzender des Städtepartnerschaftsvereins. Darüber sprach ich für die NRZ mit Martin Weck in einer Woche, in der 1995 auch mit Unterstützung der Neuen Ruhr Zeitung ins Leben gerufene Verein Gäste aus den Partnerstädten Tours und Kouvola (vormals Kuusankoski) in Mülheim willkommen heißt, weil kleine Besuch die Freundschaft erhält, die mit Tours vor 50- und mit Kuusankoski vor 40 Jahren begründet wurde.


Warum tun Sie sich Ihr Ehrenamt an?


Weil wir als Sparkasse in der Stadt aktiv sein wollen. Und für mich ist damit auch das Ehrenamt verbunden und die Bereitschaft öffentlich zu agieren.

Sind Sie so etwas wie Mülheims Außenminister?

Als ich mein Ehrenamt antrat, habe ich das nur unter der Bedingungung getan, dass ich nicht ständig alle Partnerstädte bereisen muss. Ich wurde damals eher als Innenminister gewählt, der die Aktivitäten des Städtepartnerschaftsvereins koordiniert und die Fäden zusammenhält.

Was ist der persönliche Mehrwert ihres ehrenamtlichen Engagements?


Mein Ehrenamt macht Spaß, weil man in dieser Funktion, wie hetzt, immer wieder mit Besuchern aus anderen Ländern und Kulturen in Kontakt kommt.

Bringt Ihr Ehrenamt Synergieffekte mit sich, die Ihnen auch in Ihrmen Hauptamt nutzen?


Ja. Die Praktikantenbörse, die wir jetzt haben, hilft uns natürlichauch, Firmen international zusammenzubringen und Ideen zu spielen, die man in den Mittelstand hineinbringt, um in unserer Stadt internationalen Austausch zu bekommen, etwa durch den Kontakt von Schulen und Ausbildungsbetrieben. Die Praktikanten, die zum Beispiel aus unseren Partnerstädten kommen und hier in Betrieben arbeiten und in Gastfamilien wohnen, fungieren in ihrer Heimat natürlich auch als wichtige Türöffner für die Wirtschaftsunternehmen in unserer Stadt.

Profitiert auch die Sparkasse von dieser Praktikantenlobby in den Partnerstädten?


Nein. Das haben wir bisher ganz bewusst nicht so gemacht, weil ich meine hauptamtlichen Interessen nicht mit Hilfe meines Ehrenamtes positionieren möchte. Ich möchte mit meinem Ehrenamt Ideen und Möglichkeiten in die Stadtgesellschaft hineinbringen.

Haben wir als Mülheimer im Moment nicht genug mit uns selbst zu tun? Warum brauchen wir sechs Partnerstädte?


Weil die Gesellschaft nicht da endet, wo wir ein Schuldenproblem haben, sondern dort beginnt, wo sie sich auf den Weg macht, Vorurteile abzubauen und neues kennenzulernen. Das tun wir als Städtepartnerschaftsverein, in dem wir zum Beispiel erhebliche Gelder für Jugendbegegnungen ausgeben. Denn auch wenn es der Stadt finanziell schlecht gehet, darf man gerade dem gesellschaftlichen Miteinander in Europa nicht als erstes die Leitung durchtrennen.

Sind sechs Partnerstädte nicht eigentlich schon zu viel?


Man kommt an Grenzen heran. In den Partnerstädten gibt es aber auch fast immer, wie bei uns, privat organisierte Vereine, wie die Deutsch-Französische Gesellschaft in Tours oder die Deutsch-Finnische Gesellschaft in Kuusankoski, dass jetzt in Kouvola eingemeindet ist oder die Freunde um Tom Nutt in Darlington. Hier hat es sich bewährt, wenn hier wie dort privates und ehrenamtliches Engagement aufeinander trifft, weil dadurch besonders enge Beziehungen entstanden sind. Ob wir am Ende vier, sechs oder zehn Partnerstädte brauche, hängt davon ab, ob wir als Stadtgesellschaft wenige enge Einzelkontakte haben wollen oder auf Vielfalt setzen. Für mich hat sich die Vielfalt bewährt, die Mülheim mit seiner internationlen Vernetzung erreicht hat.

Profitieren am Ende nicht nur wenige Bürger von Städtepartnerschaften?

Die Frage beantwortet sich allein schon mit Blick auf die Schulen in Mülheim und seinen Partnerstädten. Allein in diesem Bereich bewerkstelligen wir jedes Jahr 20 bis 30 Austausche mit 400 bis 500 Teilnehmern, wobei wir von Jahr zu Jahr immer wieder unterschiedliche Schülergenerationen erreichen. Hinzu kommen viele Kontakte, die von Vereinen gepflegt werden. Allein schon mit unseren 300 eigenen Vereinsmitgliedern erreichen wir 77 Familien. Der Aufwand lohnt sich auf jeden Fall. Die Zahlen und Fakten (siehe Kasten) sprechen für sich

Dieser Beitrag erschien am 21. September 2012 in der NRZ


Zahlen, Daten und Fakten zur Arbeit des Fördervereins Mülheimer Städtepartnerschaften

Die Stadt Mülheim fördert ihre sechs Städtepartnerschaften mit Darlington (seit 1953), Tours (seit 1962), Kuusankosi (seit 1972), Oppeln (seit 1989), Kfar Saba (seit 1993) und Beykoz (seit 2008) zurzeit mit jährlich 7500 Euro und einer halben Mitarbeiterstelle. Sie wird von Sabine Kuzma besetzt. Kuzma hat ihr Büro bei Mülheim und Business an der Wiesenstraße 35. Dort ist sie montags bis freitags von 8 Uhr bis 12.30 Uhr sowie donnerstags von 14 bis 16 Uhr unter der Rufnummer 0208/48 48 56 und per Mail an: sabine.kuzma@muelheim-ruhr.de oder: info@staedtepartner-mh.de erreichbar. Sie führt die Geschäftsstelle des Städtepartnerschaftsvereins. Dieser hat seit seiner Gründung im Jahr 1995 Mitgliedsbeiträge in Höhe von 204 000 Euro, Spenden in Höhe von 116 000 Euro und Zuschüsse in Höhe von 244 000 Euro für die Förderung der städtepartnerschaftlichen Kontakte gewinnen und investieren können. Weitere Informationen zum Thema findet man im Internet unter: www.muelheim-ruhr.de und unter: www.staedtepartner-mh.de

Dieser Beitrag erschien am 21. September 2012 in der NRZ.


Samstag, 22. September 2012

Vor 80 Jahren wählte eine Mehrheit der Mülheimer Hindenburg zum Reichspräsidenten, um Hitler zu verhindern: Die Machtübernahme der Nazis sollte dadurch aber nur aufgeschoben werden

Am 18. März 2012 haben Hannelore Kraft, Barbara Steffens, Ulrike Flach und Anton Schaaf als Mülheimer Mitglieder der Bundesversammlung den neuen Bundespräsidenten gewählt. Vor 80 Jahren hatten die Mülheimer selbst die Wahl. Sie mussten mit entscheiden, ob der Amtsinhaber Paul von Hindenburg Reichspräsident bleiben oder der Führer der Nationalsozialisten Adolf Hitler sein Nachfolger werden sollte. Neben Hindenburg und Hitler standen beim ersten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 auch der Kommunistenführer Ernst Thälmann, der Deutschnationale Theodor Duesterberg und der Vertreter des Bundes der Inflationsgeschädigten, Gustav Winter, auf ihrem Stimmzettel.


Mit dem Reichspräsidenten der Weimarer Republik wählten sie nicht nur ein repräsentatives Staatsoberhaupt, sondern den damals mächtigsten Politiker des Deutschen Reiches. Er war nicht nur Oberbefehlshaber der Armee, sondern konnte auf der Grundlage des Verfassungsartikels 48 auch Notverordnungen erlassen, die ohne Zustimmung des Reichstages Gesetzeskraft erlangten. Auf dieser Basis regierte der damalige Reichskanzler Heinrich Brüning seit 1930 ohne Parlamentsmehrheit und allein gestützt auf das Vertrauen des 85-jährigen Reichspräsidenten von Hindenburg.

Deshalb machte sich seine Regierung für die Wiederwahl Hindenburgs stark, um eine Wahl des NSDAP-Kandidaten Hitler zu verhindern. Auch in Mülheim bildete sich ein Hindenburg-Ausschuss zur Unterstützung des Amtsinhabers. In seinem Wahlaufruf, der am 5. März 1932 in der Mülheimer Zeitung veröffentlicht wurde, hieß es: „Hindenburg verkörpert deutsches Soldatentum, deutsche Einigkeit, Manneszucht und Treue. Sein Name bedeutet den Auslandsdeutschen und der ganzen Welt deutsche Gottesfurcht, deutsches Pflichtbewusstsein und Glaube an die deutsche Zukunft. Deshalb wählen wir Hindenburg als den Träger des deutschen Freiheitswillens und der deutschen Geltung in der Welt.“ Das wichtigste Argument seiner Anhänger lautete: „Hindenburg steht über den Parteien. Mit ihm kämpfen wir für Deutschlands Einigkeit und Größe.“

In einem Aufruf der Anhänger Hitlers hieß es dagegen: „Wir verstehen manche Kritik an der NSDAP. Aber wir erblicken im Nationalsozialismus die größte deutsche Freiheitsbewegung seit 100 Jahren. Auch der Nichtwähler stützt das Brüning-Regime. Wie jeder nationale Deutsche bei den Landtagswahlen nur die Gegner dieses Systems wählen kann, so muss er sich folgerichtig auch bei der Reichspräsidentenwahl für den einzigen Kandidaten gegen das System, für Adolf Hitler, entscheiden.“

Unter welchen Vorzeichen die Reichspräsidentenwahlen 1932 stattfanden, wird deutlich, wenn man auf den Seiten der Mülheimer Zeitung von Verhandlungen über den Abbau der Reparationslasten des verlorenen Ersten Weltkriegs oder von Notverordnungen zur Stärkung der Wirtschaft und der Kommunen liest. Sechs Millionen Deutsche waren damals arbeitslos.

Vor diesem Hintergrund entschieden sich 35?306 Mülheimer bei der Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 für Hindenburg und 20?843 für Hitler. 15?119 Wähler stimmten für den KPD-Kandidaten Thälmann und 7450 für den Deutschnationalen Duesterberg, während der Vertreter der Inflationsgeschädigten, Winter, nur 159 Stimmen erhielt. Da Hindenburg am 13. März 1932 die absolute Mehrheit knapp verpasst hatte, musste er am 10. April 1932 in einem zweiten Wahlgang gegen Hitler und Thälmann antreten. An diesem entscheidenden Wahltag titelte die Mülheimer Zeitung: „Deutscher Michel, schlafe nicht. Auf jede Stimme kommt es an. Zuhause bleiben, wenn dich das Vaterland braucht? Nein! Das wäre Fahnenflucht.“

An diesem denkwürdigen Wahltag sollte das Mülheimer Ergebnis als reichsweit erstes Wahlkreisresultat um 20.58 Uhr an den Wahlleiter in Berlin übermittelt werden. Danach hatten 36?625 Mülheimer für Hindenburg, 27?346 für Hitler und 8732 für Thälmann gestimmt.

Hindenburg blieb Reichpräsident. Er sollte seinen unterlegenen Gegenkandidaten Hitler aber schon im Januar 1933 zum Reichskanzler ernennen und zusammen mit ihm Ehrenbürger Mülheims werden.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der zwielichtigen Rolle, die er 1933 bei der Machtübernahme der Nazis spielte, sollte die Mülheimer Hindenburgstraße aber bereits ab 1949 den Namen seines sozialdemokratischen Amtsvorgängers Friedrich Ebert tragen.

Dieser Beitrag erschien am 13. März 2012 in der NRZ

Mittwoch, 19. September 2012

Die Markuskirchengemeinde in Winkhausen ist aus einer Krise gestärkt hervorgegangen und konnte jetzt unbeschwert den 50. Geburtstag ihres Gemeindezentrums am Knappenweg feiern

Die Kirchen sind Kummer gewöhnt. Meistens machen sie Schlagzeilen mit Kirchenaustritten, rückläufigen Kirchensteuereinnahmen oder wegsterbenden Gemeindemitgliedern. Da überrascht es, wenn Pfarrer Hans-Joachim Norden sagt: „Uns ist es schon lange nicht mehr so gut gegangen und wir haben einen locker gestrickten Haushalt.“


Das überrascht umso mehr, da er als Pfarrer einen Gemeindebezirk der Markuskirchengemeinde in Winkhausen leitet, dessen Gemeindezentrum am Knappenweg noch vor eineinhalb Jahren aus finanziellen Gründen zur Disposition stand. Das Presbyterium trat zurück und die Markuskirchengemeinde wurde übergangsweise von einem Bevollmächtigtenausschuss geleitet.

„Es gab damals eine große Unruhe. Viele waren schockiert und fragten sich, warum jetzt das Gemeindezentrum mit dem Familienzentrum, das sehr gut angenommen wurde, nicht mehr erhalten bleiben sollte“, erinnert sich Christina Schäfermeier an den Herbst 2010, als sie eine Sprecherin der Gemeindeinitiative Winkhausen24 war, die forderte: „Lasst die Kirche im Dorf.“

Im Rückblick hat sie keinen Zweifel daran, dass sich der Widerstand gelohnt hat. „Im Nachhinein hat sich gezeigt, dass es richtig war, die Umstimmigkeiten in den damals vorgelegten Zahlen noch einmal nachzurechnen und am Ende herauszufinden, dass es der Gemeinde finanziell besser geht, als ursprünglich angenommen.“

Schäfermeier, die seit Februar dem neu gewählten Presbyterium angehört, hat das Gefühl, dass die Gemeinde durch den Kampf um ihr Gemeindezentrum zusammengerückt ist und viele neue Freundschaften entstanden sind.

„Wir haben uns wirklich darüber gewundert, wie viele Familien uns unterstützt haben, auch solche, die gar keine Kinder bei uns haben“, erinnert sich Brigitte Schwarz, die seit fast 30 Jahren den Gemeindekindergarten Unter dem Regenbogen leitet. „Da ist eine große Nähe entstanden, wo es früher etwas distanzierter zuging“, betont Schwarz.

Dass sich die finanzielle Situation der Gemeinde entspannt hat, führen Schäfermeier und Norden auf verschiedene Faktoren zurück. Zum einen konnte sich der Förderverein, der sich für den Erhalt des Gemeinde- und Familienzentrums am Knappenweg stark gemacht hatte, durch Spenden, Mitgliedsbeiträge sowie Veranstaltungs- und Mieteinnahmen rund 30?000 Euro aufbringen. Außerdem hat der Verkauf des Gemeindezentrums Rolands Kamp an die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde in Dümpten den Gemeindehaushalt entlastet. Unterhaltskosten von jährlich 45.000 Euro fallen weg. Und Zinserträge in Höhe von 80.000 Euro, die aus dem Verkaufserlös stammen, können als Rücklage dem Haushalt zugeführt werden. Hinzu kommt, dass die Markuskirchenpfarrerin Esther Kocherscheidt, die damals als verantwortliche Vorsitzende des Presbyteriums in der Kritik stand, inzwischen zur Lukaskirchengemeinde gewechselt ist. Damit wurde der Überhang einer Pfarrstelle in Markus beseitigt.

Also alles in Butter? Nicht ganz. „Der Streit, der in aller Öffentlichkeit ausgetragen wurde, weil sich das aus der Dynamik der Entwicklung so ergeben hat, hat auch Risse hinterlassen, die wir jetzt wieder kitten müssen“, sagt Pfarrer Norden. „Ich mache das Affentheater nicht mehr mit. So gehen Christen nicht miteinander um“, hat er zu hören bekommen. Drei Gemeindeglieder sind in Folge des Winkhauser Kirchenstreits in eine andere Gemeinde gewechselt. Doch deutlich mehr Menschen haben sich mit dem Kampf um das Gemeinde- und Familienzentrum am Knappenweg solidarisiert, in dem sie in die evangelische Kirche eingetreten sind oder vom passiven zum ehrenamtlich aktiven Gemeindemitglied wurden. „Ich habe noch nie eine so lebendige und engagierte Gemeinde erlebt“, versichert Vikar Sebastian Gutzeit, der erst im Oktober 2011 nach Winkhausen kam und derzeit am neuen Internetauftritt der Gemeinde bastelt.

Auch das gehört zu den vertrauensbildenden Maßnahmen, die sich Norden und seine Markuskirchen-Kollegin Petra Jäger auf die Fahnen geschrieben haben. Presbyteriumsbeschlüsse werden heute schneller und breiter kommuniziert, etwa in einsehbaren Sitzungsprotokollen, im Gemeindeblatt und im Schaukasten vor der Kirche. „Ich bin erstaunt, wie offen wir diskutieren und am Ende Lösungen finden, mit denen alle leben können“, sagt Neu-Presbyterin Christina Schäfermeier.

Mehr gemeinsame Feste, Veranstaltungen und Gottesdienste, zuletzt das Gemeindefest, mit dem das Gemeindezentrum am Knappenweg am Wochenende seinen 50. Geburtstag feierte, sollen dazu beitragen, dass die 5000 Protestanten zwischen Springweg und Knappenweg sich als eine Markuskirchengemeinde erleben.

Dieser Beitrag erschien am 17. September 2012 in der NRZ

Dienstag, 18. September 2012

In Memoriam Horst Borgsmüller - Abschied von einem leisen Lyriker, der die kleine Form meisterhaft beherrschte

Der Tag war schön mit Sonne, Regen, Lachen. Selbst Tränen habe ich heute bei dir entdeckt. Wir haben viel gesehen von dieser bunten, lauten Welt. Wir sahen alles. Das Kind mit den Murmeln, die Taube auf einem Bein und die Katze, die wohlig in der Sonne lag. Der Tag war schön. Doch jetzt wird es noch schöner. Denn du sagst: Wir gehen heim.“ Diese Gedichtzeilen mit dem Titel „Wir gehen heim“ stammen aus der Feder Horst Borgsmüllers.


Am 11. September ist der ehemalige Hauptamtsleiter und Lyriker im Alter von 81 Jahren gestorben.

In den 80er Jahren wurde der Beamte und Poet einem größeren Publikum bekannt. Damals erschienen seine Gedichte nicht nur in kleinen Bänden mit so poetischen Titeln, wie „Ich möchte so wenig“, „Gesichter“, „Sommerwiese“ oder „Machtbäume“, sondern wurden 1000fach auf Brötchentüten, Bierdeckel, Litfasssäulen und Lesezeichen gedruckt.

Die Wiener Literaturkritikerin Brigitte Pixner schrieb damals: „Horst Borgsmüllers konzentrierte Sprache ist ein Sturmlauf gegen die laue Flachheit unserer Existenz, gegen das tägliche Achselzucken, mit dem wir uns abschirmen.“ Tatsächlich wurden seine Gedichte mit der Zeit immer kürzer, intensiver und konzentrierter.

Den Rohstoff für seine Poesie sammelte Borgsmüller am liebst als Spaziergänger in Mülheim, so lange es seine Gesundheit zuließ. Dabei sammelte er Augenblicke und Eindrücke, die er in Versen festhielt. Festgehalten hat der Beamte in seiner Dienstzeit auch alte Bürogeräte von der Schreib- bis zur Rechenmaschine, mit denen er 1977 im Rathausturm ein Büromuseum einrichtete, das jetzt aus brandschutztechnischen Gründen geschlossen werden musste.

„Ich habe mir meine Kultur bewahrt“, antwortete Borgsmüller einmal auf die Frage, warum er Gedichte schreibe. Er selbst verstand das Schreiben auch als Therapie, in dem er in seinen Gedichten Gefühle ausdrückte, um seine Ängste und Hoffnungen mit seinen Lesern zu teilen.

Ursprünglich wollte der gebürtige Mülheimer, den sein Vater in die sichere Beamtenlaufbahn gedrängt hatte, Schauspieler werden. Von 1947 bis 1949 hatte er die Schauspielschule besucht und dabei die Liebe zur Literatur entdeckt. Ab 1960 begann er dann damit Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben, die später nicht nur in Buchform, sondern auch in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt wurden. Zuletzt veröffentlichte Borgsmüller 2006 den Gedichtband „Überleben.“ Jetzt ist sein irdischer Lebensweg zu Ende gegangen. Der laufende Lyriker ist „heim gegangen.“ Seine Gedichte bleiben.

Dieser Beitrag erschien in der NRZ vom 13. September 2012

Montag, 17. September 2012

Wie verkauft sich eigentlich das Buch der Bücher: Eine Umfrage im Buchhandel aus Anlass der Mülheimer Bibeltage

Vergebung und Versöhnung. Unter diesem Leitthema beschäftigten sich theologisch ge- und unverbildete Menschen am 15. und 16. September bei den Bibeltagen im Altenhof an der Kaiserstraße mit dem Buch der Bücher. Doch ist die Bibel in unser säkularen Zeit ein Beststeller oder ein Ladenhüter? Allein die Deutsche Bibelgesellschaft hat 2011 bundesweit 400.000 Bibeln unter das Volk gebracht.


Oskar Dierbach, der die Mülheimer Bibeltage organisiert, entdeckte den christlichen Glauben als 18-Jähriger durch eine geschenkte Bibel neu und ließ sich mit 21 taufen. Gekauft hat er seine letzte Bibel vor sieben Jahren, eine modernde Übersetzung, mit dem schönen Titel Hoffnung für alle. „Ich verschenke auch schon mal Bibeln, aber nur, wenn ich das Gefühl habe, dass sich jemand ernsthaft dafür interessiert“, sagt er.

Die Frage, wie viele Kunden sich im Buchhandel für die Bibel interessieren, ist nicht leicht zu beantworten. Bei der Frage nach Verkaufszahlen gibt sich Mirjam Berle vom Groß-Buchhändler Thalia , der im Forum und im Rhein-Ruhr-Zentrum vertreten ist, bedeckt. Sie sagt nur so viel: „Die Bibel spielt in unserem Sortiment durchaus eine relevante Rolle und ist ein Buch, das wir laufend verkaufen.“ Vor allem im Windschatten religiöser Großereignisse, wie Weltjugend- oder Kirchentagen, ziehe der Verkauf an. Und Kinderbibeln seien sogar auf Sachbuch-Bestsellerlisten zu finden.

Konkreter werden die kleineren Buchhändler. Der am Löhberg ansässige Michael Fehst , kann die Erwachsenenbibeln, die er pro Jahr verkauft, an einer Hand und die Kinderbibel an zwei Händen abzählen. Vor zehn oder 15 Jahren seien sie noch wesentlich häufiger als Geschenk für Taufen und Hochzeiten gekauft worden.

„Früher war das ein gutes Geschäft, aber seit fünf Jahren ist der Verkauf stark rückläufig“, sagt Fehsts an der Leineweberstraße ansässiger Kollege Klaus Bloem von der Buchhandlung Max Röder . Er schätzt, dass er jährlich jeweils 30 Bibeln für Kinder und Erwachsene verkauft. Gott sei Dank gebe es unter den Pastören treue Bibelkäufer, die das Buch der Bücher gleich mehrfach kauften, um es zum Beispiel an Brautpaare, Konfirmanden und Kommunionkinder zu verschenken.

Gekauft und verkauft werden Bibeln auch von der evangelischen Ladenkirche an der Kaiserstraße und von der katholischen Ladenkirche am Kohlenkamp. „Sie ist nicht unbedingt der Renner, aber es gibt doch eine stetige Nachfrage“, sagt Klaus Igelhorst vom ehrenamtlichen Mitarbeiterteam der k atholischen Ladenkirche . Er schätzt, dass jedes Jahr rund 20 Erwachsenen- und zehn Kinderbibeln gekauft werden. Manchmal gebe es auch die Nachfrage nach künstlerisch gestalteten Bibelausgaben, wie etwa der Chagall-Bibel. Igelhorsts hauptamtliche Kollegin von der evangelischen Ladenkirche , Nina Gutmann, schätzt, dass dort pro Jahr jeweils etwa 20 Erwachsenen- und Kinderbibel über die die Ladentheke gehen, „obwohl die Ladenkirche ja keine klassische Verkaufsstelle“ sei. Ge- und verkauft würden Bibeln vor allem in der Weihnachts- und Konfirmationszeit.

Karin Tator von den Broicher Bücherträumen an der Prinzess-Luise-Straße kann auf eine 30-jährige Berufserfahrung als Buchhändlerin zurückblicken. Sie schätzt, dass sie pro Jahr vielleicht jeweils fünf oder sechs Erwachsenen- und Kinderbibeln verkauft. Vor 20 Jahren seien es vielleicht noch viermal so viele gewesen, weil die Bibel damals ganz selbstverständlich zur Konfirmation oder zur Kommunion geschenkt worden seien. „Heute bekommen Kinder und Jugendliche lieber Geldgeschenke“, glaubt ihr Innenstadt-Kollege Bloem.     Dieser Beitrag erschien am 14. September 2012 in der NRZ

Samstag, 15. September 2012

Würde er am 6. November gewählt, wäre der Republikaner Mitt Romney der erste Mormone im Weißen Haus

52 Jahre nachdem mit dem Demokraten John F. Kennedy der erste Katholik ins Weiße Haus einzog, könnte mit dem Republikaner Mitt Romney der erste Mormone ins amerikanische Präsidentenamt gewählt werden. Wie mehr als sechs Millionen Amerikaner ist er Mitglied der Kirche Jesu Christ der Heiligen der letzten Tage. So nennt sich Glaubensgemeinschaft der Mormonen selbst. Weltweit gibt es heute rund 14 Millionen Mormonen. Rund 40.000 von ihnen leben in Deutschland.


Mitt Romney ist nicht der erste Mormone, der in den USA für das Präsidentenamt kandidiert, das seinen Inhaber zum Staatsoberhaupt, Regierungschef und militärischen Oberbefehlshaber acht. Schon der Kirchengründer Joseph Smith wollte 1844 Präsident der Vereinigten Staaten werden. Doch seine Kandidatur endete tödlich. Er war erst inhaftiert und dann ermordet worden, nachdem er als Bürgermeister von Nauvoo/Illinois die Druckerpresse der örtlichen Zeitung zerstören ließ. Das Lokalblatt hatte kritisch über die Mormonen berichtet. Religions- und Meinungsfreiheit stehen nicht von ungefähr als erstes Grundrecht in der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Erfolgreicher war da schon der zweite Anlauf, den ein Mormone 1968 auf das Präsidentenamt unternahm. Der Bewerber hieß damals George Romney, war republikanischer Gouverneur von Michigan und Vater von Mitt Romney. Doch anders, als sein Sohn, der später Gouverneur von Massachusetts werden sollte, unterlag Romney damals im Rennen um die republikanische Präsidentrschaftskandidatur. Die gewann Richard Nixon, der später auch Präsident werden sollte. Seinem Sohn aber gab George Romney mit auf den Lebensweg: „Du bist für die Präsidentschaft geboren.“

Dass ausgerechnet die Republikaner einen Mormonen zu ihrem Präsidentschaftskandidaten machen, wundert nicht. Rund 80 Prozent der Mormonen wählen die konservativen Republikaner, obwohl auch die liberalen Demokraten mit ihrem Fraktionsführer im Senat, Harry Reid, einen prominenten Mormonen in ihren Reihen haben.

Wenn der Republikaner Romney heute gegen Homoehe und Abtreibung oder für sparsame Haushaltspolitik und Familienwerte kämpft, agiert er auch ganz im Sinne des konservativen Weltbildes seiner Kirche. Als ehrenamtlicher Bischof in Boston soll Romney eine alleinerziehende Frau dazu gedrängt haben, ihr Kind zur Adoption freizugeben, damit es in einer traditionellen Familie aufwachsen könne. Romney und seine Frau Ann haben fünf Kinder und 18 Enkelkinder. Die Familienbande sind bei den Mormonen auch deshalb so stark, weil sie daran glauben, dass alle Familienangehörigen auch im Ewigen Leben vereint sein werden. Deshalb praktizieren sie auch eine intensive Familienforschung und die Totentaufe.

Während man im sozialstaatlich geprägten Europa kaum nachvollziehen kann, warum die Republikaner Obamas Pläne für eine staatliche Krankenversicherung ablehnen, obwohl Romney als Gouverneur in Massachusetts eine vergleichbare Krankenversicherung eingeführt hatte, stellte Romney seinen Landsleuten Europa bereits in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf 2008 als abschreckendes Beispiel vor. Bei einer Veranstaltung im Vorwahlkampf sagte er damals:

„Die USA dürfen nicht das Frankreich des 21. Jahrhunderts werden, noch immer eine bedeutende Nation, aber nicht mehr der Weltführer, nicht die Supermacht...Europa steht vor einem demografischen Desaster, als einem unvermeidlichen Produkt eines geschwächten Glaubens an den Schöpfer, gescheiterten Familien, einer Missachtung der Heiligkeit des menschlichen Lebens und einer erodierten Moral.“

Europa hat Romney unter anderem in den späten 60er Jahren selbst kennen gelernt, als er für die Mormonen als Missionar in Frankreich unterwegs war. Während er sich später als Bischof und Verwaltungschef in Massachusetts ehrenamtlich engagierte, verdiente der studierte Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler Romney in den 80er und 90er Jahren als Unternehmensberater und Investmentbanker ein Vermögen, das auf 250 Millionen Dollar geschätzt wird.

Seinen Wahlkampf finanziert der Multimillionär aber nicht nur mit eigenem Geld, sondern vor allem mit Hilfe vor allem konservativer Unternehmer, die sich Political Action Commitees organisieren, um millionenschwere Spenden für seine Wahlkampagne zu sammeln. Von über einer Milliarde Dollar und vom teuersten Wahlkampf der US-Geschichte ist die Rede. Wenn es um Moral geht, sind die Mormonen rigoros. Auf Alkohol, Zigaretten und Kaffee müsse sie ebenso verzichten wie auf vorehelichen Geschlechtsverkehr. Wenn es in diesem Wahlkampf um Moral geht wird, im Falle Romneys vor allem seine Steuermoral angezweifelt, weil er sich weigert seine Steuererklärung offenzulegen und in den vergangenen Jahren nur einen geringen Steuersatz um die 15 Prozent gezahlt haben soll.

"Wir nehmen es Leuten wie ihm wirklich übel, dass sie sich entspannt zurücklehnen können, ihr Geld für sich arbeiten lassen – und dann nicht einmal Steuern zahlen wollen," sagte zuletzt Salt Lake Citys Alt-Bürgermeister Rocky Anderson in einem Bericht des ARD-Weltspiegels. Romney hat auf solche Kritik immer wieder mit dem Satz reagiert: „Ich werde mich für einen Erfolg nicht entschuldigen.“

Als Mormone glaubt Romney daran, dass sein durch Fleiß und Selbstdisziplin erreichter Erfolg Teil einer persönlichen Entwicklung ist, die den Menschen nach seinem Tod zur göttlichen Vollendung führen kann. Denn anders, als katholische und evangelische Christen sind Mormonen davon überzeugt, dass der Mensch in der Ewigkeit gottgleich werden kann.

Als ehemaliger Bürgermeister von Salt Lake City war Rocky Anderson in en Jahren 1999 bis 2002 ein enger Wegbegleiter Romneys, als der dort sein Meisterstück ablieferte. Der Manager, der mit seinem Investmentfonds Capital Bain Millionen verdient hatte, wurde als erfolgreicher Organisationschef der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City zu einer nationalen Berühmtheit. Mit diesem Popularitätsschub im Rücken konnte Romney 2002 sogar im mehrheitlich katholischen und von den Demokraten dominierten Massatchusetts gewinnen. Dort machte er sich vor allem als konsequenter Haushaltssanierer einen Namen.

Vielleicht war sein Erfolg in Salt Lake City auch darin begründet, dass die Arbeit dort für den Mormonen Romney ein Heimspiel war. Salt Lake City, wo 1893 der heutige Haupttempel der Mormonen eingeweiht wurde, ist die Hauptstadt des südwestlichen Bundesstaates Utah, der um 1850 von Mormonen gegründet wurde, aber erst 1896 in die amerikanische Union aufgenommen wurde, sechs Jahre nachdem sich die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage von der bis dahin praktizierten Polygamie verabschiedet hatte. Salt Lake City ist für die Mormonen das, was Rom für die katholischen Christen ist. Zwei Drittel der 2,7 Millionen Einwohner von Utah sind Mormonen. Hier gewann Romney die republikanischen Vorwahlen mit mehr als 90 Prozent der Stimmen. Hier dürfte er auch bei der Präsidentschaftswahl am ersten Dienstag im November die Nase vorn haben. In diesem Bundesstaat zeigt sich die wirtschaftliche Kraft und das gesellschaftliche Selbstbewusstsein der meist kinderreichen und gut ausgebildeten Mormonen, deren Kirchenvermögen auf rund 30 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Doch während Romney seine Religion in Utah zum Vorteil gereicht, wird sie andernorts auch als Sektiererei kritisch betrachtet. Romney selbst betont in diesem Wahlkampf immer wieder: „Ich kandidiere nicht als oberster Priester, sondern als Präsident.“ Doch vor allem bei weiblichen Wählern kommt das traditionalistische Familienbild der Mormonen nicht nur gut an. Nach einer Umfragen des PEW Research Centers aus dem Jahr 2007 sind 52 Prozent davon überzeugt, dass Mormonen eine christliche Religionsgemeinschaft sind, während 31 Prozent ihnen diesen Status absprechen. Während die um 1830 von Joseph Smith aus der Taufe gehobene Glaubensgemeinschaft der Mormonen sich als Erneuerin des Christentums sieht, stuft sie die katholische Kirche als eigenständige und mit dem Christentum nicht vereinbare Neureligion ein. Denn Mormonen sehen nicht nur die Bibel, sondern auch das durch die Offenbarungen von Joseph Smith inspirierte Buch Mormon als Heilige Schrift an. Smith bezieht sich darin auf die Mitteilungen, die er in den 1820er Jahren Gott, Jesus Christus und dem Engel Moroni bekommen haben will.

Dieser Text erschien am 8. September 2012 in der Wochenzeitung RUHRWORT


Donnerstag, 13. September 2012

Joe Biden oder Paul Ryan? Der nächste Vizepräsident der USA wird auf jeden Fall ein Katholik

Der nächste Vizepräsident der USA wird auf jeden Fall ein Katholik sein. Denn mit dem amtierenden Vizepräsidenten Joe Biden von den Demokraten und Paul Ryan von den Republikanern haben die beiden Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und Mitt Romney jeweils einen Katholiken als Mitbewerber ausgewählt.


Ryan und Biden treten damit in die Fußstapfen von Alfred Smith und John F. Kennedy, die als erste Katholiken 1928 für das Präsidentenamt kandidierten und im Fall Kennedys 1960 auch zum Präsidenten gewählt wurden. Ebenso wie Smith und Kennedy war auch der bisher letzte katholische Präsidentschaftskandidat John Kerry ein Demokrat. Er musste sich in seinem Wahlkampf 2004 aber nicht mehr mit dem Vorwurf auseinandersetzen, im Falle seiner Wahl würde der Papst in Washington mitregieren.

Ryan und Biden sind unter den rund 63 Millionen Katholiken Amerikas, die in den Bundesstaaten New Mexico, Rhode Island und Massachusetts die Bevölkerungsmehrheit stellen, keineswegs unumstritten. Der 69-jährige Biden, der vor seinem Amtsantritt als Vizepräsident 36 Jahre dem US-Senat angehörte, wo er den Bundesstaat Delaware vertrat, wird vor allem von konservativen Katholiken für seine moderate Haltung in der Abtreibungsfrage kritisiert. Biden verteidigt, anders, als sein republikanischer Rivale Ryan das geltende Abtreibungsrecht. Danach sind Abtreibungen unter anderem in Fällen von Vergewaltigung und Inzest möglich.

Der aus Wisconsin stammende Katholik Ryan, der seit 1999 dem Repräsentantenhaus angehört und dort seit 2006 den Haushaltsausschuss führt, sieht sich dagegen als konsequenten Lebensschützer, der eine Abtreibung auch in diesen Extremfällen ablehnt. Auch die gesetzliche Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften lehnt Ryan, anders als Biden, ab.

Vor allem von liberalen Katholiken wird Ryan allerdings dafür kritisiert, dass sein 2011 veröffentlichter Haushaltsplan „The Path to Prosperity“ („Der Weg zum Wohlstand“) das amerikanische Haushaltsdefizit vor allem durch den Abbau staatlicher Sozialleistungen reduzieren will. Anders als die demokratischen Amtsinhaber Obama und Biden, lehnen die Republikaner auch ein staatliches Sozial- und Rentenversicherungssystem ab und plädieren statt dessen für privaten Versicherungsschutz.

Ryan, der sich grundsätzlich zur katholischen Soziallehre bekennt, hat in seinen öffentlichen Äußerungen immer wieder betont, dass künftige Generationen und gerade Bedürftige unter den Folgen einer steigenden Staatsverschuldung langfristig viel mehr zu leiden hätten, als unter einer rechtzeitigen und konsequenten Haushaltskonsolidierung. Kritiker werfen Ryan allerdings vor, dass sein Sparwille sich nicht auf die Militärausgaben oder auf den Verzicht von Steuererleichterungen für Unternehmen erstrecke. Die Bedeutung der katholischen Wähler ist daran ablesbar, das sie inzwischen fast ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung stellen.

Dieser Beitrag erschien am 8. September 2012 in der katholischen Wochenzeitung Ruhrwort

Mittwoch, 12. September 2012

Ruhrpreisträger Peter Könitz lebt und arbeitet heute als Bildhauer in Norddeutschland und erhält in Kürze den Kunstpreis der niedersächsichen SPD-Landtagsfraktion

Für Mülheimer Künstler ist er ein Ritterschlag, der Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft. Der vor 70 Jahren in Mülheim geborene Bildhauer Peter Könitz hat diesen Ritterschlag gleich zweimal bekommen. 1963 wurde er mit dem Förder- und 1976 mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.


Jetzt hat ihm die niedersächsische SPD-Landtagsfraktion ihren 1988 von Gerhard Schröder initiierten und mit 5000 Euro dotierten Kunstpreis zuerkannt.

Seine abstrakten, platzergreifenden und zugleich inspirierenden Metall- und Holzskulpturen haben den Mülheimer bundesweit bekannt gemacht.

Im Mülheimer Stadtbild ist heute nur noch seine 1985 im Auftrag der Friedrich-Wilhelms-Hütte geschaffene und an der Nordbrücke aufgestellte Skulptur „Raumbeschreibung“ verblieben. Man erkennt einen Mann, der zwei Rohre trägt. Andere Könitz-Skulpturen, wie der 1974 entstandene „Tunnel“, der im Schatten der Volkshochschule an der Bergstraße aufgestellt wurde oder eine Brunnenskulptur auf dem Hans-Böckler-Platz, sind inzwischen wieder aus dem öffentlichen Raum verschwunden und verschrottet worden.

„Die 60er Jahre waren für uns Bildhauer ein tolle Zeit. Da konnte man einfach zum Bauamt gehen und fragen, ob die keine Lust hätten, irgendwo eine Skulptur aufstellen“, erinnert sich Könitz an goldene Zeiten in seiner Heimatstadt, die er vor 30 Jahren in Richtung Ostfriesland verließ, in der er aber noch viele Freunde hat.

Aber auch in Norddeutschland, wo aktuell etwa elf Könitz-Skulpturen im öffentlichen Raum stehen, sind die Steuer- und Stiftungsgelder für öffentliche Kunstwerke knapp geworden. Umso dankbarer ist Könitz, der heute im ostfriesischen Wymeer lebt und arbeitet, für einen Auftrag der niedersächsischen Gemeinde Bunde, für die er ein Mahnmal entwirft, das an die dortigen NS-Opfer erinnert.

In Mülheim, wo der Metall-Bildhauer Könitz einst auch Spielplatzrutschen gebaut hat, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, war er zuletzt 2006 mit seiner Skulptur „Ängstlicher Hund“ bei der Gruppenausstellung „Tandem“ in der Alten Post zu sehen. Seine letzte Einzelausstellung im städtischen Kunstmuseum liegt aber schon zehn Jahre zurück. „Wenn die Stadt Interesse daran hat, bin ich gerne dazu bereit“, antwortet Könitz auf die Frage nach einer künftigen Werkschau im Mülheimer Kunstmuseum. Dessen stellvertretender Leiter, Gerhard Ribbrock, ist nicht abgeneigt, zumal Könitz in diesem Jahr einen runden Geburtstag gefeiert hat.

Die nächste Ausstellung mit Könitz-Kunstwerken ist allerdings nicht in Mülheim, sondern bis zum 4. November im Wormser Kunstverein zu sehen.

Wer mehr über Peter Könitz und seine Kunst erfahren möchte, kann sich auf seiner Internetseite: www.peter-koenitz.de ein eigenes Bild machen.

Dieser Beitrag erschien am 7. September 2012 in der NRZ

Dienstag, 11. September 2012

Eine ungewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte, die beispielhaft zeigt, was Krieg und Diktatur Menschen angetan haben

Die spannendsten und bewegendsten Geschichten kann man nicht erfinden, sondern nur erleben. Das begreift man, wenn Lillian Crott Berthung und ihre Tochter Randi Crott die Geschichte ihrer Familie erzählen. Es ist eine Geschichte darüber, welches Unglück Rassismus, Diktatur und Krieg über Menschen bringen können. Es ist aber auch die Geschichte einer Liebe, die alle Widerstände und Widrigkeiten überwunden hat. Die in Mülheim aufgewachsene Rundfunkjournalistin und ihre aus Norwegen stammende, aber seit 60 Jahren in Mülheim lebende Mutter erzählen sie jetzt in einem Buch, das sie am Wochenende bei der Lit Colgne vorstellten. Sein Titel: „Erzähl es niemandem.“

Die Geschichte beginnt am 5. April 1942 im nordnorwegischen Harstad. Die 19-jährige Handelsschülerin Lillian lernt in ihrer Heimatstadt den damals 28-jährigen deutschen Wehrmachtssoldaten Helmut Crott kennen und wenig später lieben. Es ist eine unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges. „Er war so sportlich und sah so gesund aus. Und er hatte so schöne Zähne, mit denen er für jede Zahnpasta Reklame hätte machen können“, erinnert sich Lillian an ihre erste Begegnung. Und ihr mädchenhaftes Lächeln lässt die Lebensjahrzehnte vergessen. Helmut war einer von rund 400?000 Soldaten, die Norwegen seit dem Sommer 1940 besetzt hielten, weil Hitler den eisfreien Hafen von Narvik in seiner Hand haben wollte, über den er an kriegswichtige Erze aus Schweden kommen konnte.

„Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie die große Politik das kleine Leben der Menschen beeinflusst hat“, sagt Randi Crott über die Liebesgeschichte ihrer Eltern, die in der NS-Zeit noch eine ganz andere Dimension hatte.

Als Lillian in Harstad miterleben musste, dass eine jüdische Kaufmannsfamilie von der Gestapo verhaftet wurde, stellte sie ihren deutschen Freund zu Rede: „Wie stehst du dazu.? Ihr habt doch auf eurem Koppel Gott mit uns stehen. Habt ihr Deutschen etwa einen eigenen Gott.“ Da offenbarte ihr Helmut ein für ihn damals lebensgefährliches Geheimnis. Seine Mutter war Jüdin und er damit in den Augen der Nazis ein „Halbjude.“ Deshalb hatte der promovierte Jurist in Deutschland auch noch Betriebswirtschaft studiert, weil ihm das juristische Staatsexamen aufgrund seiner Herkunft verweigert worden war. Der Vater hatte seine Arbeit bei der Reichsbahn verloren, weil er sich von seiner jüdischen Frau nicht scheiden lassen wollte. Mutter und Tante waren ins Konzentrationslager deportiert worden. Nur die Mutter sollte den Holocaust überleben.

Helmut nahm seiner Verlobten das Versprechen ab: „Erzähl es niemandem.“ In diesem Moment wusste Lillian: „Ich liebe diesen Mann und werde ihn nie verlassen.“ Doch der Krieg riss das junge Paar immer wieder auseinander, zumal als die Rote Armee heranrückte und die deutsche Wehrmacht im Herbst 1944 auf Befehl Hitlers im Norden Norwegens verbrannte Erde hinterließ. Jetzt verbot auch der eigentlich deutschfreundliche Vater seiner Tochter die Liebe zu dem Wehrmachtssoldaten, der bei Kriegsende in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten sollte. Auch Lillian musste im Februar 1945 vor der Roten Armee aus ihrer Heimatstadt fliehen, weil sie als dienstverpflichtete Übersetzerin für die deutsche Kommandantur gearbeitet hatte.

Lillian musste sich jetzt im Westen und Süden Norwegens mit diversen Jobs durchschlagen. Ihren Helmut sah sie nach Kriegsende noch einmal in einem Kriegsgefangenenlager bei Oslo, ehe er nach Deutschland abtransportiert wurde. Jetzt sollte sich das Paar über zwei Jahre nicht mehr sehen und sich nur noch sehnsüchtige Briefe schreiben können. Denn die Norwegerin durfte nicht in das besetzte und zerstörte Deutschland einreisen. „Es wird ein Leben in Armut sein. Bleib hier und denk an deine Ausbildung“, warnte der Vater sie, ihrem Verlobten zu folgen.

Doch Helmut und Lillian gaben ihre Liebe nicht auf. Sie fanden „Helfer und Helfershelfer“, die Lillian bei einer abenteuerlichen Flucht, die sie im Kohlentender einer Lokomotive über Dänemark nach Deutschland brachte. „Hier habe ich nur Armut und Elend gesehen“, erinnert sich Lillian an ihre Fahrt durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland. Doch dann sah sie am 13. Juni 1947 ihren Helmut wieder, der sie mit roten Nelken am Düsseldorfer Hauptbahnhof abholte. Am 5. April 1948, sechs Jahre, nachdem sie sich in Harstad kennengelernt hatten, gaben sich Lillian und Helmut in Wuppertal das Ja-Wort fürs Leben. Ihr schönstes Hochzeitsgeschenk waren die versöhnlichen Glückwünsche, die Lillians Familie aus Norwegen telegrafierte. Fünf Jahre später kamen die Crotts nach Mülheim, wo Vater Helmut eine Anstellung im mittleren Management der Friedrich-Wilhelms-Hütte fand. Im Sommer machte die Familie regelmäßig Urlaub in Lillians norwegischer Heimat, wo Helmut Crott 2008 auch seine letzte Ruhe finden sollte.

Lillian Crott Berthung, die angesichts ihrer Lebensgeschichte sagt „Leben ist Lieben. Und Kinder sollten in der Schule nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch Nächstenliebe und Toleranz lernen“, erzählte ihrer Tochter Randi erst, als diese 18 Jahre alt war, von den jüdischen Wurzeln ihres Vaters. Helmut Crott wollte bis zu seinem Tod nicht darüber reden, was er als „Halbjude“ im Dritten Reich erlebt und erlitten hatte, weil er auch nach dem Krieg immer wieder auf antisemitisch eingestellte Menschen traf und eine Diskriminierung seiner Familie fürchtete. „Ich habe das nicht verstanden, aber es respektiert“, erinnert sich Randi Crott. Umso wichtiger war es ihr jetzt, die jüdischen Wurzeln ihres Vaters und auch die heute in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Verbrechen zu erforschen und zu dokumentieren, die während des Zweiten Weltkrieges im deutschen Namen in Norwegen begangen wurden. Das 288 Seiten starke Buch „Erzähl es niemandem - Die Liebesgeschichte meiner Eltern“ ist bei Dumont erschienen und für 19,99 Euro im Buchhandel erhältlich.

Dieser Beitrag erschien am 6. Mai 2012 in der NRZ

Montag, 10. September 2012

Warum es den Künstler Dennis Broszat vor neun Jahren ins Kloster zog

Am Tag des offenen Denkmals (9. September) öffneten Kloster Saarn, Tersteegenhaus und Camera Obscura ihre Türen für interessierte Besucher. Für den Künstler Dennis Broszat, der für seine Auftraggeber schon manch triste Haus- und Betonwand in ein echtes Kunstwerk verwandelt hat, ist jeder Tag ein Tag des offenen Denkmals. Denn der 30-Jährige zog 2003 ins Kloster Saarn. „Was für ein charmanter und beschaulicher Ort. Das wäre doch toll, wenn man hier ein Plätzchen für sich finden könnte“, erinnert er sich an seinen ersten Eindruck, als er bei einem Spaziergang mit seinen Hunden am alten Zisterzienserinnenkloster vorbei kam.


Wenn die Klosterfrauen, die hier von 1214 bis 1808 gelebt, gearbeitet und gebetet haben, den jungen legeren Mann mit Hut, Pulli und Jeans gesehen hätten, hätten sie nicht schlecht gestaunt. „Das haben meine älteren Nachbarn auch, als ich hier mit zwei Hunden eingezogen bin. Die haben sich gefragt, ob ich überhaupt hier hineinpasse“, erinnert sich Broszat an seine ersten Tage und Wochen im Kloster.

Damals leistete der gelernte Maler und Lackierer noch seinen Zivildienst ab und konnte einer älteren Nachbarin helfen, die einen Oberschenkelhalsbruch erlitten hatte. Danach war das Eis gebrochen und die Nachbarschaft, die inzwischen auch durch jüngere Mieter und Familien mit Kindern bereichert worden ist, eine gute. „Das Schöne ist, dass sich hier alle kennen und grüßen. Manchmal treffen sich die Nachbarn auch zum Grillen im Innenhof oder tolerieren es, wenn dort ein Bewohner seinen Geburtstag feiert. Und wenn ältere Nachbarn mal ihren Müll nicht runterbringen können, wird er von den Jüngeren einfach mitgenommen“, sagt Broszat.

Obwohl der junge Künstler nicht katholisch ist, glaubt er, dass der christliche Geist dieses historischen Gebäudes bis heute wirke und eine gewisse Ruhe und Harmonie inspiriere. „Ich finde die alte Architektur, die die Phantasie anregt und den Innenhof einfach genial, weil man hier nicht weit gehen muss, um die Seele baumeln zu lassen. Und trotzdem ist man auch ganz schell in der Stadt“, schwärmt Broszat.

Wenn er auf einer Bank im Innenhof oder am nahen Klosterteich sitze, so versichert der Künstler, kämen ihm die besten Ideen wie von selbst.

Man glaubt ihm, wenn man mit ihm auf einer der Bänke im Klosterhof sitzt und den Verkehr auf der nahen Kölner Straße plötzlich nur noch unterbewusst wie ein leichtes Hintergrundrauschen wahrnimmt. Natürlich muss der moderne Mieter, der im alten Kloster leben will, Kompromisse mit der historischen Architektur schließen. Broszats Wohnung im zweiten Stockwerk der weißen Klosterhäuser, die die alte Anlage wie ein Schutzwall abrunden, ist mit 54 Quadratmeter eher klein. Auch die Decken sind nicht besonders hoch, vielleicht 2,50 Meter. „Ich sehe das pragmatisch und freue mich über die dadurch geringeren Heizkosten“, betont der Klosterbewohner und weist darauf hin, dass einige der insgesamt 30 Klosterwohnungen, die dem SWB gehören, auch deutlich größer sind als seine.



Das 2008 im Kloster eröffnete Museum hat Broszat, anders, als die Cafeteria der Bürgerbegegnungsstätte noch nicht besucht. Aber das will er spätestens am morgigen Tag des offenen Denkmals nachholen.

Weitere Informationen über Dennis Broszat und seine künstlerische Arbeit findet man im Internet unter: www.broszat.org   Dieser Beitrag erschien am 8. September 2012 in der NRZ

Samstag, 8. September 2012

Erinnerung an eine große Wahrheitssucherin: Vor 70 Jahren wurde Edith Stein von den Nazis ermordet

Was sehen wir, wenn wir das Lebensbild von Edith Stein betrachten, die mit ihrer Schwester Rosa vor 70 Jahren in den Gaskammern von Auschwitz ermordet wurde?


Wir sehen eine kluge Frau, die nach der Wahrheit suchte? Dass sie diese am Ende in Gott fand, war Ergebnis eines beeindruckenden Lebensweges, der am 12. Oktober 1891 in Breslau begann und am 9. August 1942 in Auschwitz endete.

In eine jüdische Familie hinein geboren, wurde ihre Kindheit von einer streng religiösen Mutter geprägt. „Ich wusste schon in den ersten Lebensjahren, dass es viel wichtiger ist, gut als klug zu sein“, erinnert sich Stein später.

Doch das Kind ist gut und klug. Es sucht schon früh nach eigenen Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Ihre Suche lässt die junge Edith am Glauben zweifeln und zur Atheistin werden. „Ich habe mir das Beten ganz bewusst und aus freiem Entschluss abgewöhnt“, schreibt sie damals.

Nach dem Abitur 1911 studiert sie in Breslau, Göttingen und Freiburg Deutsch, Geschichte, Psychologie und Philosophie. Es sind die Erfahrungen ihres Philosophiestudiums bei Edmund Husserl und des Ersten Weltkrieges, die der Atheistin einen neuen Blick auf Gott und die Religion eröffnen. Sie hält sich an Husserl: „Der menschliche Verstand soll offen sein für das Empfangen der Wahrheit aus den Dingen“ und an Immanuel Kant: „Habe Zutrauen, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ In einem Seminar setzt sich die Studentin mit dem Vater unser auseinander. Sie arbeitet als Rot-Kreuz-Schwester an der Ostfront. Als 1917 ihr Studienkollege Adolf Reinach fällt, beeindruckt sie die christliche Zuversicht seiner Witwe Anna, dass mit dem Kreuzestod Jesu das Leben endgültig über den Tod gesiegt habe.

Die endgültige Hinwendung zum christlichen Glauben vollzieht sie im Herbst 1921, nachdem sie die Biografie der Karmelitin Theresa von Avila gelesen und für sich erkannt hat: „Das ist die Wahrheit.“ Edith lässt sich gegen den Willen ihrer jüdischen Mutter am Neujahrstag 1922 taufen und wird Katholikin. Schon damals will sie Karmelitin werden, vollzieht diesen Schritt aber mit Rücksicht auf ihre Mutter erst 1933.

Im Lebensbild der Edith Stein sehen wir auch den langen Weg zur Gleichberechtigung der Frauen. Obwohl die promovierte Philosophin im In- und Ausland viel beachtete Vorträge hält, bekommt sie keine Chance, sich an einer Universität zu habilitieren und Professorin zu werden. Statt dessen gibt sie Volkshochschulkurse, unterrichtet bei den Dominikanerinnen in Speyer und wird 1932 Dozentin am Münsteraner Institut für wissenschaftliche Pädagogik.

Wir sehen in Edith Steins Lebensbild auch, wohin Extremismus und Rassismus führen können. Nach ihrer Machtübernahme sehen die Nazis in der katholischen Christin, die auch ihre Schwester Rosa vom christlichen Glauben überzeugt hat, vor allem die Jüdin. Edith Stein verliert ihre Dozentenstelle und erkennt, wohin Hitlers Politik führt.

Ihr Appell an Papst Pius XI., in einer Enzyklika die im Nazi-Deutschland beginnende Verfolgung der Juden zu verurteilen und die Juden in Schutz zu nehmen, bleibt ungehört, weil der Vatikan 1933 mit Hitler ein Reichskonkordat aushandelt, das die katholische Kirche in Deutschland vor staatlichen Übergriffen schützen soll.

Trotz dieser Enttäuschung geht Stein weiter den Weg, den sie als richtig erkannt hat. 1934 wird aus Edith Stein die Karmelitin Schwester Teresa Benedikta vom Kreuz. Sie ahnt schon damals, dass sie auch als Konvertitin von der Judenverfolgung nicht verschont bleiben wird.

Die Ordensfrau, die sich als Mädchen das Beten abgewöhnt hatte, schreibt 1936 das Gedicht: „Erhör, o Gott, mein Flehen und hab auf mein Beten acht“, das später als Lied Nr. 302 ins Gotteslob Eingang findet. Außerdem verfasst sie ein Buch über die Theologie des Kreuzes, das allerdings unvollendet bleiben wird.

1939 flieht die Karmelitin aus Köln nach Echt in Holland, wo inzwischen auch ihre Schwester Rosa bei den Karmelitinnen lebt. Doch Holland wird 1940 von der Wehrmacht besetzt. Und ausgerechnet der Protest der niederländischen Bischöfe gegen die Verfolgung der Juden führt im August 1942 zur Verhaftung und Deportation der Geschwister Stein. Edith Stein wird 1987 selig und 1988 heilig gesprochen.

Dieser Beitrag erschien am 9. August 2012 im Ruhrwort

Freitag, 7. September 2012

Wodo: Das steht in Mülheim seit fast 30 Jahren für zauberhaftes Puppenspiel

Wie nutzt man ein leerstehendes Ladenlokal in bester Innenstadtlage, wenn man keinen Geschäftsinhaber hat, der es mieten möchte? Das ist eine Frage, die sich in vielen Städten des Ruhrgebietes und auch in anderen strukturschwachen Regionen der Republik immer öfter stellt. Die Kaufleute in der Mülheimer Innenstadt und die örtliche Stadtmarketinggesellschaft haben in diesem Sommer eine Antwort gefunden, die beim Publikum offensichtlich gut ankommt. Sie lassen in dem großräumigen Ladenlokal, in dem bis zu 100 Zuschauer Platz finden die Puppen tanzen, frei nach dem Motto: „Eintritt frei und Spaß dabei.“ Die Fäden halten dabei die beiden Puppenspieler Wolfgang Kaup und Dorothee Wellfonder in der Hand. Nach den Bremer Stadtmusikanten steht an diesem Samstag in der City Astrid Lindgrens Klassiker Pippi Langstrumpf auf dem Programm. Kurz vor der ersten Vorstellung stellt sich Wolfgang Kaup vor dem Ladenlokal, das jetzt zum Puppentheater geworden ist, im schwarzen Anzug und mit Bowlerhut an seine Drehorgel, während seine Frau Dorothee mit ihrer Pippi-Langstrumpf-Puppe die ersten Kinder und Eltern anlockt. „Mit Pippi Langstrumpf kam für uns 1986 der Durchbruch“, erinnert sich das Puppenspielerpaar. Besonders stolz sind sie auf einen Brief von Astrid Lindgren, die ihnen damals bescheinigte, dass weltweit erste Figurentheater zu sein, das ihre Pippi als Puppe auf die Bühne brachte.


Auch diesmal begeistert Pippi, die sich die Welt bekanntlich macht, wie sie ihr gefällt, ihre großen und kleinen Zuschauer, die denn auch mit Applaus nicht geizen. Zwischendurch packt Wolfgang Kaup dann auch noch seine Gitarre aus und holt die Kinder und ihre Eltern mit einem kleinem Boogie Woogie von den Stühlen. Hier soll man nicht nur sitzen und zuschauen, sondern auch mal mitmachen und in Bewegung kommen. Doch ist Pippi, die jeder elterlichen Erziehungsautorität spottet als Puppenspiel auch pädagogisch wertvoll? „Als Kind wurde ich oft wegen meiner roten Haare gehänselt. Da war Pippi Langstrumpf für mich ein Idol, weil sie ein starkes Mädchen mit roten Haaren ist, das alles im Griff hat“, erzählt die zweifache Mutter. Ihre Kinder, die inzwischen aus dem Puppenspielalter heraus sind, aber bestimmt irgendwann wieder hereinkommen, waren natürlich auch von dem starken und erziehungsresistenten Mädchen aus Schweden begeistert. Auch als Vater hat Wolfgang Kaup keine Bedenken, Eltern und Kindern Pippi Langstrumpf als starkes Mädchen zu präsentieren, „weil die Kinder genau wissen, dass manche Verhaltensweisen, die wir auf der Puppenbühne darstellen, nicht in ihren Alltag passen würden, es ihnen aber gut tut, wenn sie im Puppenspiel vorgeführt bekommen, dass auch die Erwachsenen manchmal die Dummen sein können.“

Auch wenn das Wodo-Puppenspiel, dessen Kürzel für die Vornamen seiner Akteure Wolfgang und Dorothee steht, seine Aufführungen im Laufe von jetzt schon 29 Bühnenjahren mit schnelleren und kürzeren Szenen an die Fernsehgewohnheiten und die kürzere Aufmerksamkeitsspanne heutiger Kinder angepasst haben, sagt Wolfgang Kaup auch mit Blick auf die mulitmediale Welt, in die Kinder heute hineinwachsen. „Puppentheater ist das ideale Theater für Kinder, natürlich auch für Erwachsene, aber ganz besonders für Kinder, weil es die Möglichkeit bietet, mit überschaubaren Mitteln kleine phantastische Welten zu schaffen, in denen man zum Beispiel Tiere und seltsame Gestalten zum Sprechen bringen kann. Das ist im Theaterschauspiel schwieriger, weil dann Menschen auf der Bühne stehen, die vielleicht auch Masken tragen. Und dabei entwickeln kleine Kinder eher Ängste, was sie beim Puppenspiel definitiv nicht tun. Deshalb lassen sie sich auch immer wieder darauf ein.“

Natürlich wollen Dorothee Wellfonder und Wolfgang Kaup, die sich und den pädagogischen Wert des Puppenspiels während ihres gemeinsamen Sozialpädagogik-Studiums kennen gelernt hatten, als Puppenspieler, Eltern und Pädagogen auch Inhalte transportieren. In ihrer „Zirkusshow mit Flummi und Flo“, bei der Wolfgang Kaup zwischenzeitlich auch mal in die schmucke Uniform eines Zirkusdirektors schlüpft, geht es zum Beispiel um gesunde Ernährung. „Hier zeigen wir den Kindern, dass man einen Geburtstag nicht nur mit Kaffee und Kuchen feiern kann,“ betont Kaup. Dass die beiden Kinder Flummi und Flo ihre Großmutter zum Geburtstag mit einem Obstsalat und einer selbstgemachten Zirkusshow überraschen soll die Kreativität der kleinen Zuschauer anregen und zur Nachahmung ermutigen.

„Ich habe mich oft gefragt, warum dieses Stück so außerordentlich beliebt ist“, sagt Wolfgang Kaup mit Blick auf das von einer Bilderbuchreihe inspirierte Puppenspiel „Conni ist krank“, in dem erzählt wird, was passiert, als der Vater sich um seine kranke Tochter kümmern muss, weil die Mutter gerade eine berufliche Weiterbildung macht. „Das ist doch eine ganz normale Familiengeschichte, wie ich sie selbst auch in meinem Alltag mit Frau und Kindern lebe“, sagt Kaup. Doch je länger seine Frau und er dieses Stück mit offensichtlichem Publikumserfolg aufführen, desto mehr ist ihnen selbst klar geworden, „dass diese Geschichte eine Geschichte über den Wert der Familie ist, den viele Kinder und Eltern heute schon nicht mehr als normal, sondern als phantastisch erleben.“ So wird das Puppenspiel zur Projektionsfläche für eine immer öfter nicht verwirklichte Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit.

Kennen Puppenspiel-Profis, wie Kaup und Wellfonder so etwas wie Lampenfieber? „Wir haben auch heute noch vor jeder Aufführung Lampenfieber“, sagen Wolfgang und Dorothee, die als Wodo-Puppenspieler von Anfang an gemeinsame Sache machten. Der Anfang. Das war eine Aufführung des selbst geschriebenen Stücks „Dori im Futureland“. Man schrieb das Jahr 1983. Die beiden gerade frisch diplomierten Sozialpädagogen wollten damals unbedingt ein Science-Fiction-Stück auf die Bühne bringen, „das bei Kindern ankommt.“ Auch dieses erste selbst geschriebene Wodo-Stück hatte natürlich eine unterhaltsam verpackte pädagogische Botschaft. Denn Dori versuchte im Futureland einem Roboter, der nur vor dem Fernsehen saß, zu zeigen, was man mit seiner Freizeit sinnvollerweise sonst noch anfangen kann. Die ersten Zuschauer der Wodos waren Kinder in einer Kindertagesstätte, in der Wolfgang Kaup sein Anerkennungsjahr als Sozialpädagoge absolviert hatte. Damals, vor 29 Jahren, waren in dieser Kindertagesstätte gut 100 Kinderaugenpaare erwartungsvoll auf die beiden Puppenspiel-Debütanten gerichtet. „Das war schon ein komisches Gefühl“, sagt Dorothee Wellfonder rückblickend. „Das war grausam, auch wenn am Ende alles geklappt hat“, erinnert sich Wolfgang Kaup.

Doch bevor sie die erste Szene spielen konnten, mussten sie erst mal zur Stichsäge greifen, weil ihre Marionettenbühne für das Kindergartenfoyer, in dem die Aufführung stattfand, viel zu hoch geraten war. „Ich habe nur gehofft, dass alles hält und passt“, erinnert sich Wellfonder.

In der fünften oder sechsten Spielminute kam dann die Einrichtungsleiterin hinter die Bühne und gab dem Wodo-Puppenspielerpaar zu verstehen: „Wirklich toll. Aber vielleicht geht es etwas lauter, damit auch alle was verstehen.“ Danach, so erinnern sich Wolfgang Kaup und Dorothee Wellfonder, sei dann irgendwie der Knoten geplatzt. Am Ende gab es nicht nur viel Applaus, sondern auch noch die Forderung nach Zugabe. „Darauf waren wir gar nicht vorbereitet. Das hatten wir gar nicht eingeplant“, erinnern sich die heute 53-jährigen Puppenspielprofis, die damals noch ambitionierte Amateure waren, „die sich nicht vorstellen konnten, dass uns das Puppenspiel eines Tages ernähren könnte.“ Die Zugabe blieb Wodo bei seiner turbulenten Premiere, zu der auch eine Diashow und Bonbonregen gehörten, allerdings nicht schuldig. Sie griffen kurzerhand zur Gitarre und sangen mit ihren kleinen Zuschauern noch einige Lieder.

Das erste Wodo-Puppenspiel hatte Folgen. Die Mund-zu-Mund-Propaganda kam in Gang. Nach eher schlecht bezahlten Auftritten bei Kindergeburtstagen und Stadtteilfesten kamen besser bezahlte Auftritte in Kindergärten, Grundschulen und Stadtbüchereien. Heute tourt das Wodo-Puppenspiel mit jährlich mehr als 200 Auftritten durch die ganze Republik und hat seine feste Spielstätte im Ringlokschuppen eines 1959 stillgelegten Eisenbahnausbesserungswerkes, der vor 20 Jahren im Rahmen einer Landesgartenschau zu einem Kulturzentrum umgebaut wurde. Ob Ladenlokal oder ehemalige Werkshalle. Das Wodo-Puppenspiel hat Erfahrung darin, neues Leben in alte Räume zu bringen, in dem es immer wieder die Puppen tanzen lässt und so seine kleinen und großen Zuschauer immer wieder in den Bann phantastischer Welten zieht.

Beiträge zu diesem Thema erschienen im August 2012 in der NRZ und in der Tagespost   Weitere Informationen im Internet unter: www.wodo.de

Mittwoch, 5. September 2012

Alfred Beyer: Ein Mülheimer Lebensbeispiel, dass Mut macht, weil es zeigt, wie man aus einer Not eine Tugend machen kann

Es war ein schmerzlicher Anfang, den Alfred Beyer im November 1971 machen musste. Damals musste sich der selbstständige Innenraumausstatter daran gewöhnen, fortan mit einem Bein und einer Prothese durchs Leben zu gehen.


„Da bricht innerlich alles zusammen“, erinnert sich Beyer an das Gefühl, das ihn überfiel, als er die Diagnose Knochenkrebs bekam und der Arzt im Krankenhaus ihm erklärte, dass sein linkes Bein oberhalb des Knies amputiert werden müsse, um sein Leben zu retten. Angefangen hatte alles mit einem Knoten in der Kniekehle, den sein Hausarzt anfangs nicht sonderlich ernst genommen hatte.

Damals war der 29-jährige Familienvater gerade dabei, sein neues Geschäft am Dickswall einzurichten. Anfang November, an das genau e Datum seiner Amputation kann sich Beyer heute gar nicht mehr erinnern, war es so weit. „Als ich nach der Operation aufwachte, dachte ich erst: Die haben dich ja gar nicht amputiert. Du spürst ja gar nichts“, erinnert sich Beyer an das erste Gefühl nach der Amputation. Auch seinen linken Oberschenkel, der damals verbunden und mit Draht und Gewichten stabilisiert wurde, konnte er anfangs als solchen noch nicht wahrnehmen.

Erst als er wenige Tage später seine ersten Gehversuche an Krücken und mit einer provisorischen Prothese machen musste, merkte er, dass sich etwas verändert hatte.

„Das ging mir alles nicht schnell genug. Und dann lag ich erst ein paar mal auf der Schnauze“, erzählt Beyer. Vor allem an den Krücken, die er als sehr glatt empfand, hatte er anfangs gar keinen Halt. Auch sein Kreislauf, der sich erst daran gewöhnen musste, dass da unten jetzt nur noch ein Bein aus Fleisch und Blut war, machte das Stehen und Gehen nach der Amputation nicht leichter.

Unvergessen bleibt Beyer sein erster Ausflug in den Krankenhauspark. Er musste sich erst mal daran gewöhnen, sein Holzbein ungelenk nach vorne zu schwingen oder nachzuziehen, um überhaupt voranzukommen. „Erst ging ich auf einem geraden Weg und dann leicht abwärts. Aber als ich dann zurückgehen wollte und eine kleine Anhöhe nehmen musste, ging gar nichts mehr. Ich setzte mich auf eine Bank und musste so lange warten, bis mich eine Krankenschwester im Rollstuhl zurückbrachte“, schildert er das Ende seines ersten Spaziergangs als Beinamputierter.

16 Tage nach der Amputation verließ Beyer das Krankenhaus und kehrte in sein Geschäft zurück. „Das ging mir ganz schön auf den Senkel“, erzählt Beyer von seinen ersten Arbeitstagen, als er feststellte, dass er mit Prothese und Krücken nicht nur langsamer durchs Leben ging, sondern sich auch immer wieder Unterlagen hinterhertragen lassen musste, weil er bei der einseitigen Belastung die Balance verlor, ehe er lernte sich mit einer Unhängetasche zu behelfen

„Anfangs bin ich auch öfter aus dem Auto gefallen, weil ich beim Aussteigen immer mit dem linken Bein auftreten wollte, das gar nicht mehr da war“, schildert Beyer seine Übergangserfahrungen. Auch Kopfsteinpflaster und Bordsteine oder das Hinknien beim Teppichverlegen, was er vorher nie wahrgenommen hatte, wurden für sein Holzbein zur echten Hürde.

„Darüber, dass ich ein Bein verloren hatte, war ich eigentlich relativ schnell hinweg. Nur die Angst vor dem Krebs blieb“, sagt Beyer rückblickend.“

Ein Jahr nach seiner Amputation wurde er im Kaufhof von einem Mitglied der damaligen Versehrtensportgemeinschaft angesprochen und zu einer Sportstunde eingeladen. Damals konnte der heutige Vorsitzende des Vereins für Bewegungssport und Gesundheitsförderung, der auch die Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände führt, noch nicht ahnen, dass dies der Beginn eines neuen Lebensabschnittes sein sollte, in dem der Sport und der Einsatz für Menschen mit Behinderung zu seiner neuen Berufung werden sollte.

„Der Sport und dieses Engagement haben mich selbstbewusst gemacht und auch dazu geführt, dass ich heute über meine Behinderung sogar lachen kann“, sagt Beyer, der am 22. August 70 Jahre alt geworden ist und inzwischen nicht mehr mit einem Holzbein, sondern mit einer wesentlich beweglicheren Titanprothese durchs Leben geht und sich dabei flotter und fitter als mancher Zweibeiner vorkommt.

Dieser Beitrag erschien am 1. September in der NRZ

Dienstag, 4. September 2012

Die Lehrerin Helga Frohn-Heinl leitet die internationale Förderklasse des Berufskollegs Stadtmitte: Sie musste zweimal anfangen, um einmal anzukommen


Zauberhaft fand Helga Frohn-Heinl als Volksschülerin am Sunderplatz den Unterricht bei ihrer netten Lehrerin. Vielleicht, so vermutet sie heute, war das der Anfang ihrer Idee, später zu studieren um selbst Lehrerin zu werden. „Ich wollte was mit Deutsch und Menschen machen“, erinnert sich die Pädagogin, die vor 30 Jahren ihre erste Unterrichtsstunde an einem Essener Gymnasium gab. Die konkreteste Erinnerung daran ist eine Ausgabe von Theodor Fontanes Gesellschaftsroman Effie Briest, in der es nur so vor unterstrichenen Zitatstellen und Randnotizen wimmelt.

Sie weiß noch, dass sie aufgeregt war und sich bis ins letzte Detail auf alle Eventualitäten vorbereiten wollte. Deshalb schrieb sie sich ein Stundenkonzept mit verschiedenen Hypothesen und Handlungsalternativen, um auf möglichst alle denkbaren Schülerantworten und Fragen gefasst zu sein und nur ja nicht aus dem Konzept zu kommen. So detailliert ihre damalige Vorarbeit war, so verschwommen ist ihre heutige Erinnerung daran.

War es eine 9. oder eine 10. Klasse, die sie mit Fontane und Effie Briest vertraut machen musste? Sie weiß nur noch, dass ein Schüler plötzlich sagte: „Mein Gott, ist das theatralisch“ und das sie darüber lachen musste. „Erst später habe ich begriffen, dass ich solch einen doppelten Boden, den ich mir damals gelegt hatte gar nicht brauche und das es vor allem darauf ankommt, den Schülern konkrete Arbeitsaufträge zu geben, damit sie sich ihre Lernergebnisse selbstständig erarbeiten können,“ beschreibt sie eine der wichtigsten Erkenntnisse ihres Lehrerinnenlebens.

Den Zauber und die Herausforderung des neu Anfangens suchte und fand Frohn-Heinl dann vor zehn Jahren, als sie nach einer Fortbildung im Fach Deutsch als Zweitsprache zum ersten Mal am Berufskolleg Stadtmitte eine internationale Förderklasse unterrichtete.

„Ich hatte den Auftrag, diesen neuen Bildungsgang aufzubauen, verbunden mit der Zusage einer größtmöglichen Handlungsfreiheit und Unterstützung durch die Schulleitung. Dieser Anfang hat mich damals sehr gereizt“, erinnert sich Frohn-Heinl.

Vor ihrer ersten Unterrichtsstunde am Berufskolleg Stadtmitte, machte sie sich erst mal bei einer Kollegin aus Köln schlau, wo es damals bereits eine vergleichbare Förderklasse für junge Zuwanderer zwischen 16 und 25 Jahren gab.

Ihre erste Stunde in der internationalen Förderklasse begann mit einer faustdicken Überraschung. Die Pädagogin hatte sich auf demotivierte und lernunwillige Schüler eingestellt. „Augen zu und durch“, hatte ihr ein Kollege geraten. „Doch dann machte ich die Augen ganz weit auf und staunte darüber, dass da hochmotivierte Schüler saßen, die alle voller Tatendrang waren und Spaß daran hatten, Deutsch zu lernen,“ erzählt Frohn-Heinl von ihrer ersten Unterrichtsstunde am Berufskolleg Stadtmitte.

Einige ihrer Schüler, von denen die meisten zunächst nur „Hallo“ und „Deutschland“ sagen konnten, hatten sogar schon ein Wörterbuch mitgebracht, ehe ihrer Lehrerin ihnen gestenreich erklären konnte, was sie sich für den Unterricht besorgen müssten. Noch heute staunt die Lehrerin, „dass meine Schüler alles aufsaugen, wie ein Schwamm.“ Doch ihre erste Unterrichtsstunde in der Internationalen Förderklasse, die aufgrund ihres Erfolges ab diesem Schuljahr eine Parallelklasse bekommt, endete auch mit einem Schock. Denn Frohn-Heinl begriff damals nach den ersten Sprachübungen, a´la „Ich, Du, Er, Sie, Es und Der, Die, Das“, dass es in ihrer internationalen Förderklasse nicht nur um Deutsch als Zweitsprache, sondern um den Aufbau sozialer Netzwerke ging, die auch jenseits der Schule den jungen Zuwanderern helfen konnten, „sich beruflich und privat in unserer Gesellschaft zu integrieren und in Deutschland anzukommen.“ Heute weiß, die Lehrerin, die ihren Neuanfang in der Internationalen Förderklasse des Berufskollegs nie bereut hat, „dass meine Schüler auch deshalb so motiviert lernen, weil sie oft unfreiwillig und unter schweren Opfern ihre alte Heimat aufgegeben haben und nicht erleben wollen, dass dies vergebens gewesen sein könnte.“

Dieser Beitrag erschien am 27. August 2012 in der NRZ