Mittwoch, 28. November 2012

So gesehen: O Tannenbaum, o Tannenbaum

O Tannenbau, o Tannenbaum. Dein Kleid will mich was lehren.“ An diese weihnachtlichen Liedzeilen musste ich denken, als ich gestern über die Schloßstraße ging und plötzlich einen 13 Meter hohen Weihnachtsbaum mit Lichtern, Kugeln und kleinen Paketen vor mir sah.


Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen: Der Weihnachtsmarkt auf der Schloßstraße steht vor der Tür und mit ihm der Advent. Dabei ist sicher nicht nur mir noch gar nicht weihnachtlich zu Mute, vor allem, wenn ich in unserer Zeitung dauernd über steigende Gebühren, Preise und Steuern lesen muss.

Wenn alles steigt, nur nicht so schnell wie das Einkommen, dann möchte man nicht nur zur Weihnachtszeit am liebsten auf die Palme gehen. Doch die sind ja hier eher selten. Doch wer weiß, wofür es gut ist: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Arzt und Apotheker. Mensch, ärgere dich nicht. Da beruhigt der besinnliche Ausblick auf den schön geschmückten und allen düsteren Finanzprognosen zum Trotz sogar wieder festlich beleuchteten Weihnachtsbaum auf der Schloßstraße. Der sorgt zumindest für einen Lichtblick in der Innenstadt. Doch was zeigen die Geschenkpakete an seinen Ästen? Etwa: Geben ist seliger als nehmen - auch als Gebühren- und Steuerzahler?  

Dieser Text erschien am 17. November in der NRZ 

Montag, 26. November 2012

So gesehen: Heute beginnt der Weihnachtsmarkt auf der Schloßstraße oder: Kinder, heute wird's was geben

Schreib doch mal eine Tagesbetrachtung zum Montag, aber bitte nichts Pastorales, sagt mir mein Kollege. Na dann. In Gottes Namen Amen. Ich spitze meine Feder und denke darüber nach, was uns dieser heutige Montag wohl bringen mag. Da kommt mir eine Erleuchtung. Natürlich. Kinder, heute wird’s was geben, nämlich den Weihnachtsmarkt. auf der Schloßstraße. Na, wenn das kein Lichtblick ist. 50 000 Leuchten in der City. Wann gibt es das schon, wenn nicht zur Weihnachtsmarktzeit. Baum und Buden stehen ja schon und das nicht nur auf der Schloßstraße, sondern auch auf dem Adventsmarkt in der Altstadt. Mal geht es rund auf dem Karussell, wie im richtigen Leben, nur etwas gediegener und langsamer. Und mal gibt es Bier, Glühwein und Würstchen oder da und dort echte Handarbeit für feinsinnige Weihnachtsmarkttraditionalisten. Die regen sich ja gerne über vermeintliche Fressbuden auf und die profanen Weihnachtsmarktbesucher, denen es nur um die Wurst geht. Doch wenn sich die bildungsbürgerlichen Bedenken über diese Freundes der Fleischeslust und darüber gelegt haben, was Advents- und Weihnachtsmärkte eigentlich mit dem Advent und Weihnachten zu tun haben, lassen auch sie es sich gut schmecken. Der Geist ist eben willig. Aber das Fleisch ist schwach, auch auf dem Weihnachtsmarkt. Aber das klingt wohl schon wieder zu pastoral. Und deshalb höre ich jetzt lieber auf, ehe ich von meinen Redaktionskollegen den Segen von Kloster Kamp bekomme oder gar gefragt werde, ob ich sie noch alle auf dem Christbaum habe.

Dieser Text erschien am 26. November 2012 in der NRZ



Sonntag, 25. November 2012

In Mülheim will man die Pflege mit einem kommunalen Prüfdienst und mit einer moralischen Selbstverpflichtung menschlicher machen

Sozialamt, stationäre Pflegeeinrichtungen, ambulante Pflegedienste, pflegende Angehörige und Krankenkassen wollen im Rahmen der Dialogoffensive Pflege, die sich aus der kommunalen Pflegekonferenz heraus gebildet hat, die Pflege in Mülheim menschenwürdiger machen. Der beim Sozialamt für die kommunale Sozialplanung zuständige Jörg Marx stellte gestern im Seniorenbeirat eine Mülheimer Erklärung vor. Diese bekennt sich ausgehend von der grundgesetzlich geschützten Menschenwürde zum Recht der Pflegebedürftigen auf selbstbestimmtes Leben sowie eine angst- und stressfreie Pflege, zur Anerkennung und Entlastung pflegender Angehöriger sowie zu besseren Arbeitsbedingungen für hauptamtliche Pflegekräfte.


Die Mülheimer Erklärung soll schrittweise in Vereinen, Verbänden und Gremien diskutiert und einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht und anschließend zur selbstverpflichtenden Unterschrift öffentlich ausgelegt werden. Die Autoren der Erklärung Anke Klein (Seniorenbeirat), Jörg Marx, Saskia auf der Heiden (Sozialamt), Oskar Dierbach (Altenheim Ruhrgarten) und Martin Behmenburg (Pflegedienst) wollen mit der Erklärung, wie Marx sagte, „eine humanitäre Bürgerbewegung für eine gute Pflege“ in Gang setzen.

Diesem Ziel soll auch der Antrag für einen kommunalen Prüfdienst der Pflegedienste und Pflegeheime dienen. Er soll als Modellprojekt finanziert werden. Der Dienst soll, laut Marx, „nicht nur die Pflegedokumentation, sondern die konkrete Pflege am Bett prüfen und darüber hinaus die überprüften Pflegedienste und -einrichtungen auch beraten, wie ihre Pflege verbessert werden könnte.“ Der Sozialplaner schätzt die Kosten, die die Einrichtung einer entsprechenden Stelle mit sich bringen würde, auf etwa 100.000 Euro pro Jahr. Das NRW-Gesundheitsministerium und die für die Akkreditierung der Prüfdienste zuständige Knappschaft haben bereits wohlwollendes Interesse signalisiert.  

Dieser Text erschien am 20. November 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG 

Freitag, 23. November 2012

In Memoriam Hans Fischer: Ein Nachruf auf den Vorsitzenden des Mülheimer Geschichtsvereins

Wer etwas über die Stadtgeschichte erfahren will, begegnet immer wieder dem Namen Hans Fischer. Als langjähriger Vorsitzender des Geschichtsvereins hat der pensionierte Pädagoge und promovierte Germanist Bücher und Aufsätze zu zahlreichen Themen der Mülheimer Vergangenheit veröffentlicht, ob zum Kloster Saarn, über Gerhard Tersteegen oder über den Stadtteil Styrum, in dem er am 2. Dezember 1931 als Sohn eines Buchhalters das Licht der Welt erblickte. 1952 machte er am heutigen Karl-Ziegler-Gymnasium sein Abitur, studierte anschließend in Köln Germanistik und Latein und begann dann seine Lehrtätigkeit am Gymnasium Broich.


Bis zuletzt hat sich Fischer auch im Styrumer Geschichtsgesprächskreis engagiert, der sich freitags in der Feldmannstiftung trifft und seit 2001 vier Bände zur Stadtteilgeschichte herausgegeben hat. Jetzt ist Fischer, der später mit seiner Familie in Saarn lebte, nach langer und schwerer Krankheit gestorben. „Nur wer weiß, wo er her kommt, weiß auch, wo er hin will,“ hat er einmal über seine Leidenschaft für die Mülheimer Geschichte und den Erhalt ihrer Zeugen und Wahrzeichen gesagt und gefragt: „Was wäre unsere Stadt heute ohne Schloss Broich oder das Tersteegenhaus?“ Beide Baudenkmäler konnten seinerzeit nur unter maßgeblichem Einsatz des Geschichtsvereins erhalten werden. Fischer begann sein eigenes Engagement für den Geschichtsverein in den frühen 80er Jahren. Seine historischen Exkursionen und Vorträge waren gefragt und gern gehört. 1998 übernahm er den Vorsitz des Vereins, der zurzeit rund 780 Mitglieder zählt und mit Fischer jetzt seinen Vormann und Vordenker verloren hat.

 Dieser Text erschien am 23. November 2012 in NRZ und WAZ 

Dienstag, 20. November 2012

Wie heilsam kann die Heilige Schrift sein? Ein Seminar des Katholischen Bildungswerkes betrachtet den medizinischen Fortschritt aus biblischer Sicht

Wir werden immer älter, statistisch gesehen. Der medizinische Fortschritt macht es möglich. Doch was macht unseren Leib und unsere Seele wirklich gesund und heil? Die an der Ruhruniversität Bochum lehrende und forschende Theologin und Bibelwissenschaftlerin Dr. Esther Brünenberg-Bußwolder (36) wird am 24. November in einem Tagesseminar des Katholischen Bildungswerkes Mülheim den Medizinischen Fortschritt aus biblischer Sicht beleuchten und diskutieren. Im Vorfeld sprach das Ruhrwort mit ihr darüber, was man als moderner Mensch im Zeitalter des oft als zweischneidig empfundenen medizinischen Fortschritts aus den Heils- und Heilungsgeschichten der Bibel lernen kann.


Wen und was wollen Sie mit ihrem Tageseminar über den medizinischen Fortschritt aus biblischer Sicht erreichen?

Diese spirituelle Dimension eröffnen die biblischen Texte sehr stark.
Sie vermag mehr als ein Denkanstoß in eigener wie miterlebter Krankheit zu sein.

Was faziniert Sie selbst als Theologin an diesem Thema?

In glücklicher, gesunder Zeit, in der es uns gut geht, fallen uns Gottesbegegnung und Gotteserfahrung leicht. Die biblischen Texte aber zeigen, wie gerade in der Verletzlichkeit des Lebens, in Grenz- und Krankheitssituationen, Gotteserfahrung spürbar wird.

Was können Ärzte und Patienten heute aus den Heils- und Heilungsgeschichten der Bibel lernen?

Menschliches Leben ist geschenktes, unverfügbares Leben - kein Fall, keine Nummer, kein Forschungsobjekt. Heilung hat etwas mit Heil-Werden zu tun.Ein Arzt, wie ihn die Bibel in den Heilungsgeschichten vorstellt, nimmt die Menschen ernst, nimmt sich Zeit für Begegnung und Gespräch, für Berührung und Gestik. Die Bitte um Heilung und die Voraussetzung zur Heilung - der Glaube -, gehen aber initiativ von den Kranken aus. Heilung erschöpft sich nicht in medizinischem Fortschritt.

Wie können wir als moderne Menschen die Wunderheilungen Jesu verstehen und begreifen?

Die Wunderheilungen erzählen von der Wirkmächtigkeit Gottes und vom Vertrauen der Menschen in die göttliche Heilungskraft. Ihre historische Substanz ist zum Teil strittig. Ihre literarische Gestaltung zeigt aber die Intention der Evangelisten: In der Erinnerung des Schrift gewordenen Ereignisses zu vergegenwärtigen, worin Hoffnung und Vertrauen, Sehnsucht und Bitten des Menschen liegen. Und es wird eine weitere Dimension deutlich: Wunderheilungen zeigen, dass es letztlich auf den Glauben ankommt - damals wie heute: "Dein Glaube hat dich geheilt." (Mk 5,34). Hierin zeigen sich Zuspruch wie Anspruch, Ruf und Antwort, eine enge Gott-Mensch-Beziehung vorausgesetzt.

Fehlt unserem auf medizintechnische und ökonomische Optimierung fixierten Gesundheitswesen der Geist des barmherzigen Samariters?

Die Erzählung vom barmherzigen Samariter betont ja vor allem zweierlei: einen zugewandten Blick auf den Menschen, an dem alle anderen vorbeigelaufen sind, und die Rührung des Herzens, aus der ein selbstloses, am notleidenden Menschen orientiertes Handeln folgt. So wichtig die Medizintechnik für die Möglichkeiten der Heilung eines erkrankten Menschen ist, so wenig zu leugnen die Bedeutung der Ökonomie ist: Die Rührung des Herzens aber setzt ein Menschenbild voraus, das den Menschen in seiner Geschöpflichkeit sieht, in seinem physischen wie psychischen Schmerz, in seinen Beziehungsgefügen und Emotionen. Es gilt, den Menschen anzuschauen, nicht über ihn hinwegzuschauen.

Weitere Auskünfte und Anmeldung zum Tagesseminar Krankheit und Heil(ung) aus der Sicht des Alten und Neuen Testaments – oder: Von den Möglichkeiten Gottes“ im Katholischen Bildungswerk Mülheim, das sich im Katholischen Stadthaus am der Althofstraße 8 findet, gibt es dort unter den Rufnummern 0208/3083-136 oder 0208/85996-37 Die Tagungsgebühr von 30 Euro beinhaltet auch ein Mittagessen und Kaffee. Die Veranstaltung beginnt am 24. November um 9 Uhr und endet gegen 17 Uhr.

Dieses Interview erschien am 17. November 2012 in der katholischen Wochenzeitung RUHRWORT


Samstag, 17. November 2012

Der Arbeitskreis Behinderter und Nichtbehinderter AKKB zeigt seit 40 Jahren mit seiner Arbeit, wie Integartion im Alltag funktionieren kann

Mülheim. Jesus erklärt einem Schriftgelehrten, dass Gottes- und Nächstenliebe als die wichtigsten Gebote zwei Seiten der selben Medaille sind und nicht ohne einander funktionieren. Das Sonntagsevangelium nach Markus ist wie geschaffen für den Tag, an dem der AKKB in der Saarner Klosterkirche St. Mariae Himmelfahrt und dem nahegelegenen Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte seinen 40. Geburtstag feiert. 1972 als Arbeitskreis für Körperbehinderte gegründet, steht AKKB heute für Arbeitskreis Behinderter und Nichtbehinderter.

Der Name hat sich geändert. Das Anliegen ist geblieben. Menschen mit und ohne Behinderung gestalten gemeinsam ihre Freizeit, lernen sich kennen und bauen dabei Vorurteile oder Berührungsängste ab. Man unternimmt Ausflüge, kocht und spielt zusammen, geht zum Kegeln, ins Kino oder in die Kneipe. „Inklusion ist ein neues Wort, das meint, das Menschen mit und ohne Behinderung zusammengehören und gemeinsam an einem Strick ziehen müssen. Sie leben dieses Prinzip der Inklusion bereits seit 40 Jahren“, bescheinigt Weihbischof Franz Vorrath den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern des AKKBs. Und der ehemalige Generalvikar Dieter Schümmelfeder, der als Stadtjugendseelsorger 1972 zu den Mitbegründern des AKKBs gehörte, spricht „von einem Stück gelebtem Evangelium und einer der glücklichsten Erfahrungen in meinem priesterlichen Dienst.“

Man staunt und erschreckt zugleich, wenn Schümmelfeder und Paul Heidrich, der damals als Vertreter des Spastikerverbandes den Anstoß zur Gründung des AKKBs gab, davon berichten, wie schwer es vor 40 Jahren war ein öffentliches Interesse und eine politische Lobby für die Belange behinderter Menschen und ihre Integration aufzubauen und das man damals noch dazu tendierte, behinderte Menschen zu verstecken.

Und wie sieht die Zukunft des AKKBs aus, aus dessen Finanzierung sich das Bistum zurückgezogen hat und der deshalb mehr denn je auf ehrenamtliche Helfer, Spender, Sponsoren, Mittel der Stadt Mülheim und auf Geld aus der Stiftung Kloster Saarn sowie auf die Unterstützung seiner Heimat, der Pfarrgemeinde St. Mariae Himmelfahrt angewiesen ist, um seine Arbeit mit zunehmend auch älteren Menschen aufrechterhalten zu können? Der ehemalige Stadtdechant und Generalvikar Schümmelfeder macht deutlich: „Diese Arbeit aufzugeben, wäre für die Kirche eine Bankrotterklärung. Das können wir uns nicht leisten.“

Weitere Auskünfte zum AKKB geben dessen unter der Rufnummer 0208/481744 oder per E-Mail an: jz-treffpunkt.h@t-online.de erreichbaren hauptamtlichen Mitarbeiter Carsten Lewrick und Renate Schlieper, die den seit 1985 existierenden Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte an der Landsberger Straße 19 in Mülheim-Saarn leiten.

Weitere Informationen findet man im Internet unter: www.treffpunkt-saarn.de

Dieser Text erschien am 9. November 2012 in der katholischen Wochenzeitung RUHRWORT


Donnerstag, 15. November 2012

Was uns die Sportjournalistin und Autorin Evi Simeoni mit ihrem Roman "Schlagmann" über das zu sagen hat, was in unserer Gesellschaft aus dem Ruder läuft

Ein Tabu ist es nicht, viele Worte werden aber um Magersucht auch nicht gemacht. Evi Simeoni macht das anders. Ihr Roman „Schlagmann“ (siehe Kasten), den sie am 14. November in Saarn vorstellt hat, zeigt am Beispiel eines Hochleistungsruderers, der sich mit seiner Magersucht ums Leben bringt, wie leicht das Leben aus dem Ruder laufen kann. Dabei sieht sie den Leistungssport „nur als Essenz und Bild“ für eine zunehmend „gefährliche Grenzüberschreitung seelischer und körperlicher Belastungsgrenzen und einer Selbstinstrumentalisierung, die die Betroffenen von ihren eigenen Gefühlen abschneidet.“ Das, sagt Simeoni, kann man auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen finden. Auch in Mülheim.


Die Diplom-Psychologin und Therapeutin Ulrike Weihrauch, die bei der Fachstelle für Suchtvorbeugung Ginko an der Kaiserstraße 90 magersüchtige Jugendliche und junge Erwachsene und deren Angehörige berät und begleitet, bestätigt, dass sich der Trend zur Magersucht in den letzten Jahren verschärft hat. Sie schätzt, dass pro Jahr etwa 20 bis 30 junge Frauen und etwa zwei bis drei junge Männer zu ihr kommen, die eine Magersucht entwickelt haben „und bei denen der Blick auf die Waage bestimmt, wie der Tag wird.“

Warum machen sich gerade junge Menschen, die noch mitten in der Persönlichkeitsentwicklung stecken, dünn und werden magersüchtig?

Weihrauch begegnet immer wieder Menschen, die perfekt, schön und leistungsstark sein möchten, „damit mich alle mögen“ und die Probleme damit haben, „Gefühle auszudrücken.“

Ähnlich wie Simeoni hat auch Weihrauch die Erfahrung gemacht, dass der zunehmende Leistungsdruck, schlank, schön, stark und erfolgreich zu sein, wie man ihn nicht nur im Sport, sondern auch in Elternhäusern, Schulen und an Arbeitsplätzen finden kann, Menschen mit einer selbstzerstörerischen Magersucht anziehe und es ihnen leicht mache, mit ihrer autoagressiven Persönlichkeitsstörung oft viel zu lange unentdeckt zu bleiben.

Auch TV-Shows, die das Top-Model suchen und so ein unrealistisches Schönheitsideal propagierten, sind Weihrauch ein Dorn im Auge.

„Man sollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und Betroffenen sagen: Du hast eine Essstörung. Sondern mit ihnen die Veränderungen besprechen, die man wahrgenommen hat und zum Ausdruck bringen, dass man sich Sorgen um sie macht“, rät die Ginko-Beraterin Angehörigen, Freunden, Kollegen, Lehrern, Mitschülern oder Trainern von Magersüchtigen. Wenn Menschen ihr Leistung steigern, aber immer weniger essen und sogar Essen verstecken, sollten die Alarmglocken läuten.

Der Chef-Psychiater des St. Marien-Hospitals, Rudolf Groß, sieht Magersucht als „eine Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörung, die Folge gesellschaftlicher Rollenerwartungen, familiärer Probleme sowie eines falschen Körperbildes und einer Identitätsschwäche sein kann und in der Regel heute vor allem verhaltenstherapeutisch behandelt wird.“ Wenn die hausärztliche oder psychotherapeutische Hilfe nicht mehr ausreicht, um magersüchtigen Patienten wieder Appetit auf ihr Essen, ihre Persönlichkeit und ihr Leben zu machen, dann könne ein Klinikaufenthalt der letzte Ausweg zurück ins Leben sein. Der führt dann aber nur in Einzelfällen in die beiden Mülheimer Krankenhäuser und in der Regel in auswärtige Fachkliniken und Fachabteilungen, wie sich eine zum Beispiel an der Universitätsklinik in Essen findet.

Die Autorin und ihr Buch

Die mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnete Sportjournalistin Evi Simeoni wurde 1958 in Stuttgart geboren und arbeitet seit 1981 als Redakteurin und Reporterin für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Der Fall des Ruderers Bahne Rabe, der 1988 als Schlagmann des Deutschlandachters Olympiasieger und 1991 im Vierer mit Steuermann Weltmeister wurde, hat sie als Mensch und Journalistin bewegt und beschäftigt und jetzt zu ihrem ersten Roman “Schlagmann“ inspiriert, den sie am morgigen Mittwoch, 14. November, um 19.30 Uhr in der Saarner Buchhandlung Hilberath & Lange an der Düsseldorfer Straße 111 vorstellen wird. Erzählt wird die Geschichte des Hochleistungsruderers Arne, der sich, wie Bahne Rabe (1963-2001) letztlich durch seine Magersucht zugrunde richtet: „Die Beschäftigung mit dem Thema hat meinen Blick auf den Leistungssport verändert und mir gezeigt, dass glücklich sein und Erfolg haben nicht unbedingt zwei Seiten derselben Medaille sind“, sagt Simeoni.

Dieser Text erschien am 13. November 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung


Eine Stadt geht baden: Auch 100 Jahre nach seiner Eröffnung und 14 Jahre nach seiner Schließung hat uns die Geschichte des alten Stadtbades noch viel zu sagen

Vor 100 Jahren gingen die Mülheimer zum ersten Mal im Stadtbad baden. Nicht, dass sie nicht schon früher baden gegangen wären, dann aber meistens privat oder direkt in der Ruhr. Damals stand der Stadt das Wasser noch nicht bis zum Hals. Eine Geldspritze der Gebrüder Thyssen und der Sparkasse machten den Badespaß im neuen Stadtbad an der Ruhr möglich. Hier lernten Generationen, sich abzustrampeln und über Wasser zu halten, auch in Zeiten, in denen manches den Bach herunterging.

Inzwischen will die Stadt das Süd- und Nordbad sowie das Schwimmbecken der Schule an der Rembergstraße ab 2013 Sportvereinen übergeben, um sich finanziell zu entlasten, während das Friedrich-Wennmann-Bad in heißen allein der Öffentlichkeit vorbehalten bleiben soll. Weil die Stadt auch schon 1998 finanziell ins Schwimmen kam, gab sie den Badebetrieb im inzwischen alten Stadtbad auf.

Dass bedeutet natürlich nicht, dass man heute und gerade in diesen Sommertagen, in Mülheim nicht baden gehen könnte, wenn man es denn unbedingt will. 74?350 Badegäste wollten es in diesem Jahr bisher allein im Südbad, 89.650 im Friedrich-Wennmann-Bad und 11.700 im Naturbad.

Im alten Stadtbad, wo einst schön und gerne gebadet wurde, wird heute schön und gerne gewohnt, wobei mancher mit Blick auf die künftige Ruhrpromenade hofft, dass die Stadt finanziell nicht baden geht. Fest steht, dass wir uns auch in Zukunft wohl kräftig abstrampeln und über Wasser halten müssen. Dafür kann der Besuch im Schwimmbad ein gutes Konditionstraining sein. Gehen wir also ruhig mal wieder baden. Es muss ja nicht gleich im übertragenen Sinne sein.

Wo heute ganz privat mit Ruhrblick gewohnt wird, wurde noch vor 14 Jahren ganz öffentlich geschwommen. Das alte Stadtbad, wurde vor 100 Jahren mit Geldern von August und Joseph Thyssen sowie mit Überschüssen der Sparkasse gebaut. Das Bad kostete am Ende eine Million Goldmark und war für Mülheim ein Meilenstein.

Denn vor seiner Errichtung konnten die Mölmschen nur in der Ruhr baden oder ein öffentliches Brause- und Wannenbad aufsuchen. Entsprechend überschwänglich feierte der Mülheimer Generalanzeiger anno 1912 das neue Stadtbad, das er als „einen Spielplatz der Lebensfreude“ pries: „auf dem die Schönheit des menschlichen Körpers wetteifert mit Wagemut und Entschlossenheit.“

In einer Zeit, in der ein eigenes Badezimmer Luxus war, war das Stadtbad nicht nur in den Augen der Lokalpresse ein wichtiger Beitrag zur Volksgesundheit und damit von volkswirtschaftlicher Bedeutung. Wohl auch deshalb engagierten sich die Industriellen August und Joseph Thyssen für den Bau des Bades, über das der Generalanzeiger schrieb: „Wir weisen dem Bad eine ethische, kulturelle und soziale Aufgabe zu. Solche Aufgaben kann es nur erfüllen, wenn es selbst ein künstlerisches Gepräge trägt, dass seiner Bedeutung angemessen ist.“ Das Blatt meinte mit Blick auf das Stadtbad: „Hier in Mülheim ist diese Forderung auf glückliche Weise erfüllt worden. Die städtische Badeanstalt erfüllt alle berechtigten Erwartungen. Sie ist eine Zierde für das Stadtbild und wird für die Bürger ein Hort der Gesundheit werden.“

Tatsächlich wurde, das alte Stadtbad, als es noch neu war, zu einem Publikumsmagneten. Schon im ersten Jahr zählte man weit über 15.000 Badegäste. Mit der Eröffnung der Stadthalle im Jahr 1926 erhielt das repräsentative Stadtbad mit seinen Arkaden auf der anderen Ruhrseite eine große Schwester. Mit ihr zusammen begründete es Mülheim damaligen Ruf eines Ruhrvenedigs. Nach der ersten Modernisierung des Jahres 1938 kamen 1943 die Bomben des Krieges. Doch das Stadtbad, in dessen beiden Schwimmhallen Männer und Frauen bis in die 60er Jahre getrennt voneinander baden gingen, wurde in den 50er und 60er Jahren mit Millionen-Investitionen wieder auf- und ausgebaut.

Doch ab Mitte der 60er Jahre bekam das alte Stadtbad mit dem neuen Südbad an der Kaiserstraße eine nahe und moderne Konkurrenz. Hier fand man wettkampftaugliche 25-Meter-Bahnen. Dennoch blieb der Badespaß im kleineren aber zentraleren Stadtbad bei vielen Mülheimer begehrt.

Umso größer waren die Proteste, als sich die schwarz-grüne Ratsmehrheit, angesichts eines Sanierungsbedarfes von 15,5 Millionen Mark und eines jährlichen Zuschussbedarfes von 1,9 Millionen Mark 1998 dazu entschloss, das Stadtbad zu schließen.

Frustrierte Badegäste ließen sich in der Lokalpresse damals mit Sätzen, wie: „Wenn das Bad dichtgemacht wird, ist ein Stück Mülheim tot“ zitieren. Und der Sozialverband VDK sprach damals von „einem Schlag ins Gesicht der Behinderten und Senioren.“ Wer nach 1998 zum Stadtbad ging, ging nicht mehr baden, sondern ins Kino Rio oder zum städtischen Kulturbetrieb, der damals noch mit Blick auf die Ruhr arbeiten durfte, ehe Ruhrbania 2007 aus dem öffentlichen Gebäude ein privates Wohnhaus werden ließ.

Dieser Text erschien am 8. März 2012 in der NRZ

Dienstag, 13. November 2012

So gesehen: Wie das harte Brot der frühen Jahre die Phantasie anregte und die Dankbarkeit für unser tägliches Brot gefördert hat

Wenn Erwin Hollman heute seinen 70. Geburtstag feiert, wird er das natürlich mit einigen Leckerbissen tun. Als jemand, der im Zweiten Weltkrieg geboren wurde, kennt der pensionierte Druckermeister, den viele noch als Stadtprinz aus der Session 1999/2000 oder als CDU-Kommunalpolitiker und Mitgründer der Interessengemeinschaft Styrumer Geschäftsleute kennen, auch noch Zeiten, als hierzulande Schmalhans Küchenmeister war.

„Ich möchte ein Butterbrot haben. Es darf auch ein trockenes sein“, bat er als Knirps in den Nachkriegsjahren seine Mutter und erinnert sich daran, dass sein Vater Karl zum Hamstern nach Westfalen fuhr. Dass das tägliche Brot keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt ihm auch ein kleines Kochbuch mit rund 150 Rezepten von Königsberger Klopsen über Bohneneintopf mit Hering bis zur Mailänder Torte. Das besondere an dem Kochbuch, das Karl Hollmann während der Kriegsgefangenschaft 1945/46 mit Kopierstift fein säuberlich auf Toilettenpapier schrieb, ist die Tatsache, dass es entstand, als man Lebensmittel nicht mal eben in Supermarkt einkaufen konnte. Es sind eben immer die unerfüllten Wünsche, die unsere Phantasie am meisten beflügeln.

Wenn es heute um die Wurst und arme Würstchen geht, dann ist meist vom Geld die Rede, das nicht nur in der Stadtkasse fehlt. Deshalb würde es mich gar nicht wundern, wenn herauskäme, dass unser Stadtkämmerer in seiner Freizeit seine liebsten Euro-Banknoten-Motive zeichnet, natürlich nicht auf Toilettenpapier, sondern auf die Rückseiten ausrangierter Einsparvorschläge.

Dieser Beitrag erschien am 22. Oktober 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG 

So gesehen: Was uns ein Friedhof über das Leben zu sagen hat: Ein Denkanstoß zum 200. Geburtstag des Altstadtfriedhofs

Heute ist Montag und damit der erste Werktag der Woche. Sicher haben wir wieder viel zu tun und wenig Zeit. Da macht es Sinn, vielleicht an einem Ort, wie dem heute auf den Tag genau vor 200 Jahren eingeweihten Altstadtfriedhof vorbeizuschauen, wo die Zeit keine Rolle mehr spielt.


Hier kann man bekannte Namen aus der Mülheimer Wirtschaft und Politik auf den Grabsteinen lesen: Unternehmernamen wie Thyssen, Stinnes, Troost oder Coupienne grüßen ebenso stumm wie längst verblichene Bürgermeister wie Obertüschen, Vorster, Weuste oder von Bock und Polach, die man heute, wenn überhaupt, nur noch aus Geschichtsbüchern kennt.

Zu ihren Lebzeiten hielt man sie für unersetzlich, hatten sie immer wieder viel zu tun und wenig Zeit. Heute weiß man, dass sich die Welt auch ohne sie weitergedreht hat. Was für die bekannten, unbekannten oder vergessenen Zeitgenossen von Anno Dazumal galt, sollte uns mit Blick auf ihre Grabsteine im Herzen unsrer Stadt dazu erziehen, den Tag und die Stunde zu nutzen. Denn Zeit ist mehr als Geld. Sie ist wertvoll, weil sie Leben darstellt, das gelebt und dessen Zeit nicht nur verbracht, bearbeitet oder gar vergeudet und totgeschlagen werden will.

Also nehmen wir uns die Zeit, so knapp sie uns gehetzten Zeitgenossen auch erscheinen mag, ehe wir keine mehr haben, um zu leben und unsere Mitmenschen leben zu lassen. Wenn wir gleich am heutigen Tag damit anfangen und uns nicht vom Kleinkrieg des Alltags totärgern lassen, kann unser Leben nicht nur in dieser Woche gelingen.   Dieser Beitrag erschien am Montag, 12. November 2012, in der NEUEN RUHR ZEITUNG 

Montag, 12. November 2012

Am Anfang war das Wort und dann kam das Buch: Ein Bericht vom 50. Diözesantag der Katholischen Öffentlichen Büchereien in der Wolfsburg

„Lassen Sie sich heute feiern“, fordert Gunda Ostermann vom Boromäusverein die rund 160 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen auf, die den Weg in die Wolfsburg gefunden haben. In der katholischen Akademie hat Vera Steinkamp vom Medienforum des Bistums zum 50. Diözesantag der Katholischen Öffentlichen Büchereien (KÖB) geladen. Die Geschäftsführerin des Boromäusvereins feiert die rund 150 KÖBs und ihren rund 1000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen als „Orte uns Akteure der sozialen Kommunikation, der Lebensbegleitung und des gelebten Glaubens“, die mit ihrer Beratung, Begegnung und dem Bereitstellen von insgesamt rund 530.000 Medien „einen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leisten.“ Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart, der die Publizistische Kommission der Deutschen Bischofskonferenz leitet räumt mit Blick auf das ehrenamtliche Engagement der überwiegend weiblichen KÖB-Kräfte ein, „dass Ihre Arbeit zu oft im Schatten steht.“ Das stehe im krassen Gegensatz zu deren Bedeutung. „Denn“, so sagt Fürst: „Sie arbeiten am größten Kulturprojekt der Menschheit mit.“


Wie der Leiter des Seelsorgeamtes, Michael Dörnemann, und später der emeritierte Weihbischof Franz Vorrath, macht Fürst mit Blick auf die Bibel, deutlich, dass der christliche Glaube nicht ohne das Schreiben und Lesen der Heiligen Schrift denkbar wäre.

Auch im multimedialen Zeitalter, in dem das Buch durch Internet und E-Books verdrängt zu werden scheint, steht für Fürst fest: „Das Lesen ist und bleibt als wichtigste Kulturtechnik die Eintrittskarte in unsere Kultur und Voraussetzung für Bildung, beruflichen Erfolg und das Mitwirken am demokratischen Leben.“

Mit seinen Koreferenten Dörnemann und Ostermann ist sich Fürst einig, dass die KÖBs und ihre Mitarbeitenden nicht nur Bildungs- und Begegnungs,- sondern auch Pastoralarbeit leisten. „Das ist keine Nebensache, sondern Bestandteil des kirchlichen Dienstes für Gott und die Menschen. Und damit erreichen Sie Menschen, die die Kirche sonst nicht mehr erreichen würde“, schreibt der Gast aus dem Südwesten den KÖB-Mitarbeiterinnen ins Stammbuch. Der Leiter des Seelsorgeamtes, beschreibt den Mehwert der KÖBs denn auch so: „Katholische Öffentliche Büchereien tragen wesentlich mit dazu bei, dass Menschen den Reichtum des Lebens und die Vielfalt von Gottes Schöpfung immer wieder staunend erfahren können.“ Wie Bücher ein Leben zum Besseren wenden und mit Sinn erfüllen können, macht Weihbischof Vorrath später in seiner Predigt unter anderem am Beispiel des Kirchenlehrers Augustinus deutlich. Wie Fürst, ist auch er davon überzeugt, dass der in den KÖBs an die Frau, den Mann und das Kind gebrachte Lesestoff, helfen die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, Identität zu bilden und Sinn zu finden. Deshalb spricht Vorrath in seiner Predigt vom Buch als dem „Esspapier des Lebens.“

Dieser Beitrag erschien am 2. November 2012 im RUHRWORT

Samstag, 10. November 2012

Wie transparent müssen unsere Politiker sein? Eine Mülheimer Umschau mit Blick auf die Kontroverse über die Rednerhonorare für SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück

Gestern hat SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in Berlin seine Nebeneinkünfte als gut dotierter Redner offen gelegt. Die rot-grüne Landtagsmehrheit strebt eine Regelung an, wonach die Abgeordneten ihre Nebeneinkünfte vom ersten Euro an öffentlich machen sollen. Und die schwarz-gelbe Bundestagsmehrheit will die bisherige Veröffentlichungspflicht von Nebeneinkünften neu staffeln. Statt in drei Stufen bis maximal 7000 Euro sollen die Bundestagsabgeordneten ihre Nebeneinkünfte künftig in zehn Stufen bis maximal 250?000 Euro angeben.


Ein Blick in das Allgemeine Rats- und Informationssystem Allrisnet, das auf der städtischen Internetseite www.muelheim-ruhr.de zu finden ist, zeigt: Auch Stadtverordnete und Bezirksvertreter geben dort zwar in der Regel ihre Berufe und ihre Aufwandsentschädigungen für ihre Mandatstätigkeit an. Doch diese Angaben sind freiwillig und Angaben über Nebeneinkünfte, die etwas über Interessen und Abhängigkeiten aussagen könnten, fehlen.

Auch Aufsichtsratsmandate werden im Allrisnet aufgeführt, aber nicht mit den entsprechenden Einkünften angegeben. Die Frage nach Beraterverträgen wird nur mit Ja oder Nein beantwortet. Mit Ja muss aber auch nur antworten, wer aktuell eine städtische Gesellschaft berät. Von einer 100-prozentigen Transparenz, die dem interessierten Bürger einen gläsernen Kommunalpolitiker vor Augen führt, der seine haupt- und nebenamtlichen Einkünfte öffentlich nachvollziehbar dokumentieren würde, kann also nicht die Rede sein.

„Ich habe noch keinen bezahlten Vortrag gehalten, aber das hat wohl auch mit Angebot und Nachfrage zu tun,“ sagt SPD-Fraktionschef Dieter Wiechering augenzwinkernd mit Blick auf die Nebenverdienste seines Parteifreundes Peer Steinbrück. Derweil fragen sich seine Ratskollegen Christian Mangen (FDP) und Eckart Capitain (CDU), ob Steinbrück angesichts seiner zahlreichen Nebentätigkeiten seinem Hauptamt als Bundestagsabgeordneter noch gerecht werden konnte.

Die Angaben, die die Stadt auf ihrer Internetseite unter den Rubriken „Anti-Korruption“ und „Transparenzoffensive“ im Allrisnet über die Stadtverordneten und Bezirksvertreter veröffentlicht hat, entsprechen nach Wiecherings Kenntnisstand dem, was das Korruptionsbekämpfungsgesetz NRW verlangt, und dem, was der Rat 2005 mit seiner Transparenzoffensive beschlossen hat.

Unter seinem Namen erfährt man im Allrisnet, dass er Rentner ist, keinen Beratervertrag hat und keine Vereinsaktivitäten ausübt, aber Mandate in den vom Rat gewählten Aufsichtsräten ausübt, als Stadtverordneter 2011 Aufwandsentschädigungen in Höhe von 19?374 Euro und Sitzungsgelder in Höhe von 1744 erhalten hat. Auf Nachfrage hört man, dass er den Aufsichtsräten der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft, der Mülheimer Beteiligungsholding und dem Verwaltungsrat der Sparkasse angehört und dass er früher als Ingenieur bei Siemens gearbeitet hat. Mit der Angabe von Nebentätigkeiten könnte sich Wiechering anfreunden, „weil das politische Abhängigkeiten deutlich machen kann“ und er glaubt, „dass das in den nächsten Jahren auch kommen wird.“

Angesichts möglicher Interessenkonflikte zwischen beruflichem Hauptamt und politischem Ehrenamt sagt er: „Man sollte lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig rausgehen.“ Deshalb ist der stellvertretende CDU-Fraktionschef Eckart Capitain aus dem Aufsichtsrat der Mülheimer Energiedienstleistungsgesellschaft Medl ausgeschieden, als er hauptberuflich für den Mitbewerber Gelsenwasser tätig wurde. Und FDP-Fraktionschef Peter Beitz verlässt den Sitzungssaal, wenn über Belange der Mülheimer Sozialholding abgestimmt wird. Denn die wird von der Unternehmensberatung, für die auch er tätig ist, in Sachen Qualitätsmanagement beraten. Dass bei seiner Person unter Beratervertrag im Allrisnet trotzdem „Nein“ steht, kann er sich nur so erklären, dass die Stadt die Angaben, die er der Oberbürgermeisterin mitgeteilt hat, noch nicht nachgetragen hat. Eine Veröffentlichung von Auftraggebern, jenseits städtischer Gesellschaften, käme für Beitz mit Blick auf den Mandantenschutz nicht in Frage. Um erst gar nicht in den Verdacht möglicher Interessenkonflikte zu kommen, hat sich der Unternehmensberater Heiko Hendriks, der für die CDU im Rat sitzt, entschlossen, nur Aufträge außerhalb Mülheims anzunehmen, die mit der Stadt nichts zu tun haben. Auf die Frage nach der Transparenz weist Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld darauf hin, dass sie ihre Nebeneinkünfte aus Aufsichts- und Beiratsmandaten seit 2005 auf der Homepage der Stadt veröffentlicht und diese bis auf einen Freibetrag von 6000 Euro pro Jahr an die Stadtkasse abführe. Auf diesem Weg kann Mühlenfeld der Stadt pro Jahr rund 250?000 Euro zukommen lassen.

Die Ratsmitglieder Beitz, Capitain und Mangen sind sich mit den beiden Mülheimer Bundestagsabgeordneten Anton Schaaf (SPD) und Ulrike Flach (FDP) einig, dass ein hauptamtliches Bundestagsmandat, das mit monatlichen Diäten von 7668 Euro vom Steuerzahler bezahlt wird mit einem ehrenamtlichen Ratsmandat, für das man eine monatliche Aufwandsentschädigung von 338 Euro und 17,30 Euro pro Sitzung bekommt, nicht gleichzustellen ist.

„Man kennt den, den man wählt, sehr genau“, sieht Schaaf einen Transparenzvorteil der überschaubareren Kommunalpolitik, in der Wähler und Gewählte nah beieinander sind. Flach weist darauf hin, dass die Befangenheitsregelung der Gemeindeordnung viel strenger sei als die Abstimmungspraxis im Bundestag. Für Schaaf, der vor seinem Einzug in den Bundestag Stadtrat und Betriebsrat der MEG war, war es keine Frage, dass er an Abstimmungen über seinen Arbeitgeber nicht teilnahm. Auch Ratsherr Mangen würde als Miteigentümer der Bürgeramtsimmobilie nie über den Mietvertrag der Stadt mit abstimmen. Anders als bei Stadtverordneten, die nicht von ihrem Mandat leben, fordert Schaaf bei hauptamtlichen Abgeordneten eine Veröffentlichung aller Nebeneinkünfte „auf Heller und Pfennig.“ Auch seine FDP-Kollegin Flach, die neben ihrem Mandat Staatssekretärin im Gesundheitsministerium ist, hat keine Probleme mit der Veröffentlichung von Nebeneinkünften. Sie versteht aber Unternehmer, Ärzte oder Anwälte in der Politik, die ihre Betriebseinkünfte oder Mandanten nicht veröffentlicht sehen wollen.

Auch wenn die Einkünfte aus kommunalen Aufsichtsratsmandaten unter Transparenzoffensive und Anti-Korruption im Allrisnet nicht explizit ausgewiesen sind, sieht Capitain diese in den Geschäftsberichten städtischer Gesellschaften und in Ratsvorlagen ausreichend öffentlich gemacht.

Dieser Beitrag erschien am 31. Oktober 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG




Freitag, 9. November 2012

Tradition mit Zukunft oder Auslaufmodell? Ein Mülheimer Marktbummel

Mittwochs ist Markttag in Saarn. Wer aus der Innenstadt dort hinfährt, kommt zwangsläufig an diversen Discount- und Supermärkten vorbei, ehe er in die Düsseldorfer Straße einbiegt und dann linkerhand auf den mit 13 Markthändler besetzten Pastor-Luhr stößt. Das Bild hat Symbolkraft und wirft die Frage auf: Haben traditionelle Wochenmärkte, wie es sie (siehe Kasten) in Stadtmitte, Heißen und Saarn noch gibt, eine Zukunft in Zeiten, in denen Geiz geil sein soll oder auch aus der Not geboren wird?


Für die NRZ sprach ich darüber mit Markthändlern und ihren Kunden.

Wenn es nach der Saarnerin Heike Brandt geht, hat der Wochenmarkt ihres Stadtteils auf jeden Fall Zukunft. „Das ist eine feste Institution. Das hat Flair und man bekommt hier alles was man braucht“, sagt die Stammkundin. Sie verpasst keinen Markttag, weil sie hier vor allem beim Obst- und Gemüseeinkauf den Eindruck hat, „dass ich hier heimische und frische Produkte bekomme, bei denen ich ein besseres Gefühl habe, wenn ich die meinen Kindern zu essen gebe.“

Kein gutes Gefühl hat der 30-jährige Nico Tümp, der als Eiermann auf dem Saarner Markt steht, während seine Eltern dort, in Heißen und auf der Schloßstraße Fleisch und Wurst vom Geflügel verkaufen, wenn er in seine Zukunft als Markthändler schaut. „Gegen die Discounter können wir nicht anstinken“, sagt Tümp und sieht mit Sorge, dass die Märkte zwar viele alte, aber nur wenige oder gar keine jungen Stammkunden haben. Viele junge Kunden seien heute daran gewöhnt billig in einem Supermarkt einzukaufen, mit einem Dach über dem Kopf und einem Parkplatz vor der Tür. Außerdem wünscht er sich von Seiten der Stadt und der Presse mehr Hinweise auf- und Werbung für die Wochenmärkte.

Dabei lässt er keinen Zweifel daran, dass es aus seiner Sicht „eine Schande und ein Kulturverlust wäre, wenn die Wochenmärkte zugrunde gehen würden.“ Er selbst schätzt die lockere Atmosphäre und das Gespräch mit den Marktkunden. „Hier sitzt man nicht nur stupide an der Kasse“, betont Tümp. Auch wenn sie dem Markt „die Treue halten will und für meine nicht nur alten Stammkunden dankbar ist“, teilt Nicos Mutter Renate Tümp den Pessimismus ihres Sohnes. Auch wenn die Umsätze in Saarn noch deutlich über denen in Stadtmitte lägen, verzeichnet sie „rapide Rückgänge, weil heute nur noch billig, billig, billig gilt und die Tiere dabei auf der Strecke bleiben.“ Mit Blick auf den Wochenmarkt an der Schloßstraße wünscht sie sich vor allem ein Ende der „Herumschubserei“ Als der Wochenmarkt an der Schloßstraße erst kürzlich wieder Platz für den Umweltmarkt machen und auf den Berliner Platz ausweichen musste, seien wesentlich weniger Kunden gekommen, weil die Innenstadtkreuzung gerade für ältere Marktkunden eine echte Barriere sei. Mit Blick auf die Händlerschaft glaubt Tümp: „Die Jungen gehen nicht mehr auf den Markt und die Großen werden uns eines Tages erledigen.“

Tatsächlich fällt es nicht nur auf dem Saarner Wochenmarkt auf, dass man dort vor allem ältere und mittlere Jahrgänge sieht.

Zu den alten Saarner Marktkunden gehört auch der 84-jährige Alfred Lehm, der sich an diesem Markttag auf dem Luhrplatz mit Kartoffeln eindeckt: „Hier kann man auch mal ein Schwätzken halten. Im Supermarkt rennen doch nur alle planlos durch die Gegend“, beschreibt er den sozialen und kommunikativen Mehrwert des Wochenmarktes. Ihn sieht er als adäquaten Ersatz für die kleinen Lebensmittelläden, die früher die Nahversorgung sichergestellt hätten, ehe sie von den großen Discountern kaputt gemacht worden seien. „Die Discounter sind doch meistens nur mit dem Auto erreichbar und für viele Senioren, die nicht mehr mobil sind, viel zu weit weg“, findet Lehm, der die Wochenmärkte auf keinen Fall missen möchte.

In diesem Sinne setzt auch Norbert Noack , der den Verband der zwölf Markthändler auf der Schloßstraße führt, auf den demografischen Wandel als Verbündeten der Wochenmärkte. „Die Altersstruktur wird uns in Zukunft zum Positiven gereichen. Denn alte Menschen fahren nicht mehr gerne mit dem Auto. Die lassen entweder einkaufen oder machen einen kleinen Spaziergang, um einzukaufen und sich zu unterhalten. Dafür ist der Markt da. Bei den Jungen glaube ich weniger, dass sie sagen: Heute muss ich auf den Markt“, schaut Noack in die Zukunft der Wochenmärkte.

Die sieht Christa Terjung , die seit 19 Jahren auf dem Saarner Wochenmarkt Kartoffeln und Gemüse aus eigenem und regionalen Anbau verkauft, gar nicht so pessimistisch. „So schnell sterben die Stadtteilmärkte nicht weg, auch wenn es hier Discounter gibt, weil die Kunden unsere Produkte, die persönliche Beratung, die Unterhaltung und auch die Nähe des Marktes schätzen“, betont Terjung, die heute eher mehr als weniger Kunden hat, auch wenn der Kundenstrom zeitweilig schon mal stagniere.

„Ich schätze den Markt sehr und glaube grundsätzlich, dass er Zukunft hat. Meine Frau und ich kaufen gerne hier ein, weil wir beim Einkauf im Supermarkt schon oft schlechte Erfahrungen mit der Qualität gemacht haben“, sagt der 71-jährige Manfred Oelsner beim Obst- und Gemüseeinkauf auf dem Wochenmarkt an der Schloßstraße . Dem wünscht er mit Blick auf seinen Standort „vor allem mehr Kontinuität, weil ein Markt mit seiner Kontinuität steht und fällt.“

Martin Henninghaus , der auf dem Innenstadtmarkt Obst und Gemüse verkauft, lebt zu 80 Prozent von seiner Stammkundschaft, zu der er auch jüngere Kunden zählt. „Die können wir aber nur mit der Qualität überzeugen. Denn mit den Preisen der Discounter können wir nicht mithalten.“ Als noch junger Händler sieht er sich aber zunehmend als Exot. „Der Nachwuchs fehlt überall. Keiner geht mehr auf den Markt, weil das zu viel Arbeit ist“, sagt Henninghaus und fügt hinzu: „Wir stehen schon um drei Uhr morgens auf und sind hier erst um 16 oder 17 Uhr fertig. Bis wir dann zu Hause sind, ist es 18 oder 19 Uhr. Ich habe eine 70 Stundenwoche und bekomme manchmal Tränen in den Augen, wenn ich meinen Verdienst auf Arbeitsstunden umrechne.“ Gerd ter Elst , der auf dem Heißener Markt Käse verkauft, kennt mehrere Märkte in der Region, die alle Probleme haben, „weil die Kunden durch die Discounter versaut worden sind.“ Die Preispolitik und das Konsumverhalten nach dem Motto: Billig, aber viel und immer frisch kann nach seiner Ansicht auf Dauer nicht gut gehen. Deshalb glaubt, er, dass die Märkte ihre Renaissance erleben werden, „wenn die Discounter sich zu Tode konkurriert haben und wir zwangsläufig wieder zum Tante-Emma-Prinzip zurückkehren werden.“

Dieser Text erschien am 6. November 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG


Dienstag, 6. November 2012

Barack Obama oder Mitt Romney: Heute wird in den USA gewählt: Ein Blick in die Geschichte der amerikanischen Präsidentschaftswahlen

Um Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, muss man in möglichst vielen bevölkerungsreichen Bundesstaates gewinnen. Denn ins Weiße Haus zieht nicht immer ein, wer die Mehrheit der Stimmen gewonnen hat. Nur wer die Mehrheit in einem Bundesstaat erringt, wird auch von dessen Wahlmännern gewählt.


Wie wird der Präsident der USA gewählt? Das ist für Europäer schwer zu erklären und zu verstehen. Denn ins Weiße Haus zieht nicht immer, ein, wer die Mehrheit der Stimmen gewonnen hat. Die Demokraten Andrew Jackson (1824), Samuel Tilden (1876) und Al Gore (2000) verloren die Präsidentschaftswahlen , obwohl sie mehr Stimmen als ihre Gegenkandidaten gewonnen hatten.

Das hat mit dem indirekten Wahlsystem der USA zu tun. Denn um Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, muss man in möglichst vielen bevölkerungsreichen Bundesstaaten gewinnen. Nur wer die Mehrheit in einem Bundesstaat erringt, wird auch von dessen Wahlmännern gewählt. Im Jahr 2000 gewann der Republikaner George W. Bush junior die Wahl, obwohl er 500.000 Stimmen weniger als sein Gegner Gore errungen hatte, aber mit 271:266 Stimmen im Wahlmännerkollegium die Nase vorne hatte. Möglich machte das ein höchst fragwürdiger Vorsprung von 537 Stimmen in Florida, nachdem das Oberste Gericht eine Nachzählung der dortigen Stimmen gestoppt hatte.

1824 wurde John Quincy Adams nicht von der Mehrheit der Wähler, sondern von der Mehrheit des Repräsentantenhauses zum Präsidenten gewählt, weil keiner der damals vier Kandidaten im Wahlmännerkollegium eine Mehrheit auf sich vereinigen konnte. Und 1876 wurde der Republikaner Rutheford B. Hayes nicht durch die Wählermehrheit, sondern von einer Kommission aus Vertretern des Kongresses und des Obersten Gerichtshofes zum Präsidenten gekürt, nachdem in drei Bundesstaaten keine eindeutigen Mehrheiten festgestellt werden konnten und sich Demokraten und Republikaner gegenseitig der Wahlfälschung bezichtigten.

Der erste republikanische Präsident der USA, Abraham Lincoln, wurde 1860 ausschließlich mit Stimmen aus den Nordstaaten ins Amt gewählt, weil man in den Südstaaten seine Forderung nach einer Sklavenbefreiung strikt ablehnte. Lincoln siegte, obwohl er nur eine relative Mehrheit erringen konnte, weil sich die Demokraten gespaltet hatten und mit zwei Kandidaten antraten.

Eindeutig, weil einstimmig wurde dagegen der erste US-Präsident George Washington ins Amt gewählt. 1789 war das. Damals erhielt er alle Stimmen der 69 Wahlmänner, die damals aus zehn Bundesstaaten kamen. Auch bei seiner Wiederwahl im Jahr 1792 gab es nur drei Enthaltungen, weil der ehemalige Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen und Vorsitzende des Verfassungskonvent vielen Mitbürgern als die Idealbesetzung für ein Amt galt, das seinen Inhaber zum Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber macht.

Das Ideal eine Präsidenten sehen auch heute noch viele Amerikaner in dem Demokraten Franklin D. Roosevelt, der als einziger Präsident der USA gleich viermal (1932,1936,1940 und 1944) ins Weiße Haus gewählt wurde, weil er die USA erst aus der Weltwirtschaftskrise und dann in den Zweiten Weltkrieg führte. Erst unter seinem Nachfolger Harry S. Truman wurde 1951 in der US-Verfassung eine Bestimmung verankert, wonach ein Präsident nur einmal wiedergewählt und so maximal acht Jahre amtieren kann.

Nur drei Jahre (1974 bis 1977) war der Republikaner Gerald Ford Präsident der USA. Er war der einzige, der bisher 44 US-Präsidenten, der ohne Wahl ins Weiße Haus einzog, weil 1974 als Vizepräsident auf den über Watergate gestürzten Richard Nixon folgte und 1976 dem Demokraten Jimmy Carter unterlag, weil er seinem Vorgänger Nixon eine Generalamnestie für die im Amt begangenen Vergehen gewährt hatte. Ironie der Geschichte. Ausgerechnet im Wahlkampf 1972, in dem der republikanische Amtsinhaber mit über 60 Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde, verstrickte sich Nixon in einen Skandal, über den er zwei Jahre später stürzen sollte, weil er das Wahlhauptquartier seines demokratischen Herausforderers, George McGovern, das Watergate-Hotel, durchsuchen ließ.

Dieser Beitrag erschien am 6. November 2012 im Internetportal Der Westen




Montag, 5. November 2012

So gesehen: Wie Allround-Entertainer Helge Schneider die Innenstadt erleuchtet

Es gibt noch Lichtblicke in der Innenstadt. Das bemerkte ich ausgerechnet an Allerheiligen, als ich durch die ansonsten herbstlich trist wirkende Innenstadt schlenderte. Ein geradezu überirdisch helles Licht erleuchtete den Kohlenkamp am Stadtcafè Sander. Eine himmlische Erscheinung oder gar eine Erleuchtung, auf die wir schon so lange in der Mülheimer Innenstadt warten?


Mitnichten. Bei genauerem Hinsehen und Nachfragen zeigte sich das himmlische Licht als ganz irdische Ausleuchtung einer Szene für den neuen Film von Helge Schneider.

Ein Hauch von Hollywood bei Café Sander. Das passt ja zu dem Allroundentertainer, der sich selbst als „singende Herrentorte“ bezeichnet und es offensichtlich auch jenseits seiner unbestrittenen musikalischen Naturbegabung immer wieder schafft, den größten Nonsens zu Geld zu machen, weil es genug Zuhörer, Zuschauer und unterhaltungswillige Konsumenten gibt, denen 00-Schneiders Show-Mix aus Herrentorte, Käsebrot und Katzenklo immer wieder so schmeckt, dass er sie in Verzückung und Spendierlaune geraten lässt. Also doch ein Wunder. Doch keines, was man dem Heiligen Vater in Rom vortragen müsste. Denn auch wenn Helge Schneider ein Vermarktungswunder und mölmscher Stern am Showhimmel ist, hat er trotz aller Er- und Beleuchtung bei Café Sander noch keinen Heiligenschein. Aber wer weiß? Was nicht ist, kann ja noch werden.  

Dieser Text erschien am 5. November 2012 in der NRZ 

Samstag, 3. November 2012

Wie geht es an der Bruchstraße weiter? Die Handwerkerschule in Eppinghofen braucht jetzt vor allem eines: Handwerker

Im April schien alles klar. Das Bündnis für Bildung hatte den Bürgerentscheid für den Erhalt des Schulstandortes an der Bruchstraße mit 63:37 Prozent der abgegebenen Stimmen gewonnen. Lehrer, Schüler und Eltern sollten und konnten weitermachen und haben ihre Schule inzwischen zur Handwerkerschule weiterentwickelt. Doch das Geld für überfällige Reparaturarbeiten am Schulgebäude konnte bisher doch nicht fließen.


Denn wie Schuldezernent Ulrich Ernst den betroffenen Schülern im Bildungsausschuss mitteilte, hat die Stadt aufgrund des Schwebezustandes für den Standort und seine Generalüberholung keine Mittel in den laufenden Haushalt eingestellt. Das hat Stadtkämmerer Uwe Bonan jetzt nachgeholt. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Jetzt muss die Politik entscheiden“, sagt er mit Blick auf die 8,6 Millionen Euro, die die Verwaltung für die kommenden Jahre 2013, 2014 und 2015 in den Haushalt eingestellt hat.

Während die SPD erst gestern in einer Pressemitteilung den Chef des städtischen Immobilienservice, Frank Buchwald, aufforderte sofort die Handwerker in Marsch zu setzen, um den akuten Reparaturbedarf schrittweise abzuarbeiten, bleiben bei den Gegnern des Bürgerentscheids (CDU, FDP, Grüne und MBI) Vorbehalte. Die Vorsitzende des Bildungsausschusses, Meike Ostermann (FDP, betont mit Blick auf die Finanzlage der Stadt und die Zukunft des Schulstandortes in Eppinghofen, dass der Bürgerentscheid nur über den Erhalt, aber nicht über finanzielle Verpflichtungen für die dort notwendigen Sanierungsmaßnahmen entschieden habe.

Stadtkämmerer Bonan weist auf die Bestandsaufnahme hin, die während der Sommerferien und unter Beteiligung von Immobilienservice, Schulleitung und Gutachtern allein für das Schulgebäude einen Sanierungsbedarf von 6,2 Millionen Euro festgestellt hatte. Reparaturbedarf gibt es dort offensichtlich von den Fußböden über die Heizung und Fenster bis zum Dach. Zusätzliche Kosten bringen eine notwendige Feuerwehrumfahrung, der Abriss eines maroden Schulpavillons und Neubaumaßnahmen für die Ganztagsbetreuung mit sich.

Würde man auch die alte Turnhalle und das gesamte Schulgelände auf den neuesten Stand der Technik bringen, würde das nach Bonans Einschätzung langfristig bis zu 12,3 Millionen Euro kosten.

Die Kosten für akute Reparaturmaßnahmen kann der Kämmerer nicht beziffern. Aber er gehe davon aus, dass „der Immobilienservice die Verkehrssicherung im Schulgebäude an der Bruchstraße genau im Blick hat und dass Dinge, die sofort repariert werden müssen, auch gemacht werden.“ Die Stadt hat einen Feuerwehrtopf für laufende Reparaturmaßnahmen, in den sie pro Jahr 500.000 Euro einstellt.


Kommentar

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet eine Handwerkerschule auf überfälligen Reparaturen sitzen bleibt, weil die Stadt das Geld nicht freigibt. Dabei ist es ja noch gar nicht so lange her, dass an der Bruchstraße über den ganz großen Wurf einer Zukunftsschule und ein entsprechendes Investment von 8,4 Millionen Euro nachgedacht wurde, ehe der Schulstandort insgesamt in Zweifel geriet, um dann im Frühjahr durch einen Bürgerentscheid gerettet zu werden.

Das darf man wohl eine schulpolitische Achterbahnfahrt nennen. Dabei könnte dem Aufschwung des gewonnenen Bürgerentscheids jetzt wieder ein Abschwung folgen, wenn überfällige Reparaturmaßnahmen nicht bald angegangen und damit nicht nur der Bürgerwille, sondern auch die anerkannte pädagogische Arbeit an der Bruchstraße konterkariert würde.

Wer das zuließe, bräuchte sich anschließend über Politiker,- Parteien- und Demokratieverdrossenheit nicht mehr zu wundern. In einem Stadtteil, in dem Menschen aus 94 Nationen zusammenleben, ist die Zukunft der berufs- und praxisorientierten Handwerkerschule eine Nagelprobe, ob wir als Stadtgesellschaft nicht nur die Integration von Zuwanderern fordern, sondern das multikulturelle Zusammenleben auf der gemeinsamen Basis von Sprache, Bildung, Frieden, Freiheit und Demokratie auch ganz praktisch fördern. Ein angemessenes Bildungsangebot, das Lebens- und Teilhabechancen eröffnet, ist dafür die Voraussetzung. Wer auch morgen noch im sozialem Frieden leben will, muss heute in Bildung investieren. Dabei beginnt auch hier die längste Reise mit dem ersten Schritt und nicht erst mit der ersten Million.

Diese Texte erschienen am 3. November 2012 in der NRZ

Freitag, 2. November 2012

So gesehen: Was uns der Monat November fürs Leben lehrt

Am 1. November war Allerheiligen, ein Tag, an dem viele Menschen ihrer Verstorbenen gedenken. Am 11.11. erwacht mit dem Hoppeditz die Narretei des Karnevals, der uns in einem Schlager verspricht: „Wir kommen alle in den Himmel, weil wir so brav sind.“

Und ausgerechnet am Feiertag des Frohsinns werden 18 engagierte Christen aus verschiedenen Mülheimer Gemeinden um 16 Uhr in der Saarner Christuskirche mit einer szenischen Lesung an den Schriftsteller Jochen Klepper erinnern, den die Nazis vor 70 Jahren mit seiner jüdischen Frau und seiner Tochter in den Tod getrieben haben und damit zeigten, was Menschen Menschen antun können. Wie unmenschlich Menschen sein können, mahnt auch der Volkstrauertag, der ebenso wie der Totensonntag im November auf uns wartet. Totengedenken, Trauer und Frohsinn, ganz nah beieinander.

Der heute beginnende November hat es in sich und ist so gegensätzlich wie unser Leben, das im Rückblick verstanden, aber im Hier und Jetzt gelebt werden will, mal ernst, mal heiter.

Dieser Text erschien am 1. November 2012 in der NRZ

Donnerstag, 1. November 2012

Was dem Friedhofsgärtner und Karnevalisten Lothar Schwarze zu Allerheiligen einfällt

„An Sonn-- und Feiertagen würde ich normalerweise zu Hause bleiben und mit meiner Frau und meiner Tochter etwas unternehmen“, sagt Lothar Schwarze. Heute ist ein Feiertag. Dennoch wird der 51-Jährige heute zu seinem Arbeitsplatz gehen, dem evangelischen Friedhof am Saarner Auberg. „Eigentlich gedenken wir Protestanten ja gar nicht am heutigen Allerheiligentag, sondern am Totensonntag unserer Verstorbenen. Aber das nehmen die Leute heute nicht mehr so genau und deshalb werden auch heute dreimal mehr Menschen unseren Friedhof besuchen, als an normalen Tagen“, erzählt der 51-jährige Friedhofsgärtner der Kirchengemeinde Broich-Saarn. „Es stehen mehr Lichter auf den Gräbern und die Abfallkörbe sind voller als sonst“, schildert er die äußeren Anzeichen von Allerheiligen, Volkstrauertag und Totensonntag. „Leider besuchen nicht nur Engel den Friedhof. Manchmal muss man auch den Abfall wegräumen, den Leute aus Faulheit und Bequemlichkeit nicht in den dafür vorgesehenen Behältern, sondern drei Grüber weiter abgelegt haben“, berichtet Schwarze. Er fügt aber gleich hinzu: „So verhalten sich Gott sei Dank aber nur ganz wenige.“

Der gelernte Glasbläser, der durch seinen Onkel zum Handwerk des Friedhofsgärtners fand, schätzt, dass am heutigen Allerheiligen Tag rund 2000 Menschen den Weg zum Friedhof am Auberg finden werden, um mit Blumen und Kerzen die Gräber ihrer verstorbenen Verwandten, Arbeitskollegen, Freude oder auch alter Lehrer zu besuchen. Manche kommen nur alle Jahre vorbei und haben schon mal Probleme die richtige Grabstelle zu finden. Kein Problem. Lothar Schwarze hilft ihnen gerne bei der Orientierung. Dafür muss er meistens noch nicht mal in das Grabstellenverzeichnis schauen. „95 Prozent unserer insgesamt 5000 Grabstellen habe ich im Kopf.

 Denn in meinen bisher 28 Dienstjahren, habe ich den gesamten Friedhof einmal umgegraben“, sagt Schwarze. Jedes Jahr hebt er 60 bis 70 Grabstellen aus, je nach Größe und Lage mit einem Schaufelbagger oder ganz klassisch mit dem Spaten. „Das ist ein Beruf, der gesundheitlich und seelisch belastet“, räumt Schwarze ein. Seine zum großen Teil körperlich anstrengende Arbeit leistet er beim Wind und Wetter, egal, ob das Thermometer 30 Grad plus oder 15 Grad minus anzeigt.


Hinzu kommt die tägliche Konfrontation mit Tod und Trauer, die ihn früher weniger nachdenklich machte als heute. „Ich habe durch meinen Beruf begriffen, dass das Leben endlich ist und das man im Grunde nichts planen kann, weil es schon morgen bei sein kann. Oder man wird vielleicht doch 90.“ Doch immer öfter muss Schwarze Menschen beerdigen, die etwa in seinem Alter sind und dann fragt er sich ganz automatisch: „Wie viel Jahre habe ich wohl noch?“ Um sich selbst zu schützen und nicht in Trauer zu versinken, folgt er in seinem Arbeitsalltag am Auberg dem Grundsatz: „Je weniger ich über den Verstorbenen weiß, desto weniger belastend ist es für mich.“ Außerdem hat der bei den Mölmschen Houltköpp aktive Ex-Prinz Schwarze im Karneval einen föhlichen Ausgleich zu seiner von der Trauer bestimmten Arbeit gefunden.

„Die Menschen brauchen einen Ort, an dem sie um ihre Verstorbenen trauern können, aber die Trauer wird in unserer Gesellschaft immer mehr verdrängt“, stellt der Friedhofsgärtner fest. Beim Gang über seinen Friedhof stellt er immer wieder fest, dass es dort heute immer mehr Rasenflächen und Urnengrabstellen und immer weniger klassische Einzel- und Doppelgräber gibt. Statt Blumenschmuck und Grabsteinen sieht er immer öfter kleine Namensschilder, Urnenwände und Rasenflächen. „Das ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels, weil viele Kinder nicht mehr vor Ort sind und Eltern oder Großeltern ihre Kinder und Enkel nicht mehr mit der Grabppflege belasten wollen“, glaubt Schwarze. Die Urnenwände auf dem Friedhof vergleicht er mit den Hochhäusern in unseren Städten. Beide sind für ihn ein Zeichen dafür, „dass unsere Gesellschaft anonoymer, ärmer und kälter geworden ist.“ Das erkennt er auch daran, dass heute eher mit professionellen Trauernbegleitern als mit Freunden oder Familienangehörugen über die eigene Trauer gesprochen wird. „Es gilt heute eben nicht als schick zu trauern und Schwäche zu zeigen“, weiß Schwarze aus Friedhofsgeprächen, in denen er auch immer wieder erfährt, „dass Menschen, die an ein Leben nach dem Tod glauben, nicht nur leichter sterben, sondern auch leichter mit Schicksalsschlägen umgehen und ihre Trauer um Verstorbene besser verarbeiten können.“

Dieser Beitrag erschien am 1. November 2012 in der NRZ