Montag, 31. Dezember 2012

Das Beispiel von Dirk und Heike Hempel zeigt: Das Thema Pflege betrifft nicht nur ältere Menschen und geht uns alle an

Es gibt Tage, die ein Leben total verändern. Einen solchen Tag erlebten Heike Hempel (55) und ihr Mann Dirk (56) am 4. Dezember 2007. Damals waren sie gerade mal eineinhalb Jahre verheiratet, hatten in Saarn ein Haus gebaut und zehrten von den schönen Erinnerungen an einen gemeinsamen Urlaub auf Ibiza. Beide hatten einen Beruf, der sie erfüllte und ernährte. Sie als Friseurin, er als Mitarbeiter des Kommunalen Sozialen Dienstes. Alles schien perfekt. Doch dann kam dieser Schicksalstag, an dem Heike in dem Friseursalon, in dem sie damals arbeitete plötzlich bewusstlos zusammenbrach: Wir hatten fünf Minuten vorher noch miteinander telefoniert, erinnert sich Dirk Hempel. Als dann kurz darauf noch mal das Handy klingelte, fragte ich nur: „Ist noch was, Heike?“ Doch am anderen Ende der Leitung war nicht Heike, sondern ein Kollege aus dem Friseursalon, der ihm mitteilte: „Mit deiner Frau ist etwas schlimmes passiert und es sieht gar nicht gut aus.“ Plötzlich hatte ich Todesangst und alles lief wie in einem Film ab, erinnert sich Hempel an seine Gefühlslage im damaligen Ausnahmezustand.


In der Klinik stellte man eine Gehirnblutung fest und musste die Schädeldecke öffnen, um das Blut, das sich in Heikes Gehirn gestaut hatte, ablaufen zu lassen. Sie musste in ein künstliches Koma versetzt werden. Doch es kam noch schlimmer. Drei Tage später erlitt Heike einen Schlaganfall, der sie halbseitig lähmte. Der junge Arzt, der mir die Diagnose am Telefon mitteilte, hat sie wie einen Wetterbericht vorgelesen und eine seiner Kolleginnen meinte nur: „Was wollen Sie, ihre Frau wird nie wieder gehen oder sprechen können.“

Noch heute ärgert sich Hempel über das fehlende Einfühlungsvermögen der jungen Ärzte. Gott sei Dank sollten sie nicht Recht behalten. Fünf Jahre nach ihrem Schlaganfall kann sich Heike Hempel mit ihrem Mann wieder unterhalten, und mit einer Gehhilfe einige Meter zu Fuß zurücklegen. Für Fremde klingt ihre Sprache verwaschen, aber ich kann sie schon wieder gut verstehen. Man hört sich da relativ schnell ein, sagt Dirk Hempel. Dass sie mich vielleicht gar nicht mehr versteht oder erkennt, war damals meine größte Angst, erinnert sich Hempel an die fünf Wochen, in denen seine Frau im Koma lag. Sie selbst kann sich im Rückblick nur noch an Sirenengeheul, an ihre Lieblingsmusik von Café del Mare, die ihr Mann mit ins Krankenhaus brachte und daran erinnern, dass sie in einem Todesnähenerlebnis wie magisch von einem warmen und kraftvollen Licht angezogen wurde, bevor ihr bedeutet wurde: Du musst zurück ins Leben. Deine Zeit ist noch nicht gekommen.

Wer Dirk und Heike Hempel anschaut, merkt sofort, dass sie durch den gemeinsam getragenen Schicksalsschlag stark geworden sind und sich auch ohne Worte verstehen. Im Zweifel reicht ihnen eine Geste oder ein Lächeln. Unsere Beziehung ist stärker und intensiver geworden, sind sich beide einig. Doch sie beschönigen ihre Situation auch nicht. Wir haben nur noch wenige Freunde. Viele sogenannte Freunde haben sich zurückgezogen, weil sie mit der belastenden Situation nicht umgehen konnten, berichtet Dirk Hempel. Ich habe doch nichts Ansteckendes, sagt seine Frau Heike. Sie findet es schade, dass viele Menschen, mit denen sie auch durch ihren früheren Beruf persönlich verbunden war, den Kontakt zu ihr abgebrochen haben. Ich habe meinen Beruf, den ich aufgeben musste, und den damit verbundenen Umgang mit Menschen immer geliebt, erinnert sich Heike Hempel. Und ihr Mann Dirk meint: Man ist in einer Situation, wie der unseren schon verdammt allein. Wenn man ihn nach Menschen fragt, denen er in seinen schwersten Stunden vorbehaltlos sein Herz ausschütten konnte, fallen ihm nur seine 83-jährige Mutter und ein Krankenhausseelsorger ein.

Während Dirk Hempel durch seinen Beruf viele soziale Kontakte hat, beschränken sich die sozialen Kontakte seiner Frau auf ihn, eine Pflegekraft, die drei Mal pro Woche ins Haus kommt, ihre Sprache- und Bewegungstherapeuten und auf die hochbetagten Teilnehmer einer Tagespflegegruppe im Ruhrgarten. Das geht schon ans Selbstbewusstsein, wenn man das Gefühl hat, nicht mehr zu können, was man früher konnte und nur wenige etwas mit einem zu tun haben wollen, sagt Heike Hempel. Deshalb hat sie auch lange mit ihrem Schicksal gehadert. Heute kann ich mit meinem Schicksal schon etwas besser umgehen. Aber lange Zeit war ich sauer und habe mich immer wieder gefragt: Warum ist gerade mir das passiert, erinnert sich die 55-Jährige.

Heute regen wir uns nicht mehr über alltägliche Lappalien auf, sondern wissen, dass der wahre Reichtum darin besteht, ein ganz normales Leben zu führen, beschreiben die Eheleute die wichtigste Veränderung in ihrem Leben vor und nach dem 4. Dezember 2007. Die schönsten Stunden in unserem Leben sind die, in denen wir das Gefühl haben, am normalen Leben teilzunehmen, etwa bei Eisessen im Café oder bei einem Restaurantbesuch. Und in diesem Sommer waren sie nach fünf Jahren Zwangspause zum ersten Mal wieder auf ihrer Lieblingsinsel Ibiza. Der Reiseveranstalter und die Fluggesellschaft haben sich wirklich gut auf uns eingestellt, aber versuchen Sie mal auf Ibiza eine behindertengerechte Toilette zu finden, schildert Hempel seine Urlaubserinnerungen jenseits von Sonne und Strand.

Für ihren Alltag wünscht sich Heike Hempel vor allem mehr soziale Kontakte zu gleichaltrigen Leidensgenossen. Die meisten Pflegeangebote sind heute auf alte und demente Menschen ausgerichtet, weiß Dirk Hempel. Deshalb arbeiten seine Frau und er derzeit daran, mit Hilfe des kommunalen Pflegestützpunktes an der Bülowstraße in Broich und eines Pflegedienstes daran, einen privaten Kreis von jüngeren Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen aufzubauen. Dirk Hempel räumt ein, dass dieses Anliegen nicht nur einen sozialen, sondern auch einen finanziellen Mehrwert für die Betroffenen haben könnte, wenn sie so gemeinsam ein oder zwei Pflegekräfte finanzieren könnte. Denn neben der sozialen und psychologischen Dimension hat das Thema Pflege auch einen erheblichen finanziellen Aspekt. Da kommen erhebliche Kosten auf einen zu, weiß Dirk Hempel. Er schätzt, dass er mit Blick auf Betreuung, Therapien und Hilfsmittel monatlich genauso viel privat aufbringen muss, wie er von der Pflegeversicherung bekommt, nämlich rund 1200 Euro. Man muss sich vor Augen führen, dass die Pflegeversicherung nur eine Teilkaskoversicherung ist und das pflegende Angehörige helfen, sehr viel höhere Kosten für eine stationäre Pflege zu sparen, betont Hempel.

Die Hempels, die gerade auf ihren ersten gemeinsamen Waldspaziergang seit 2007 hinarbeiten, wissen bei aller Liebe und Zuwendung füreinander, dass man immer wieder den Akku aufladen und neue Kraft schöpfen muss, um gemeinsam durchzuhalten und ans Ziel zu kommen.Die Gewichte in unserem Alltag haben sich verschoben. Früher hat sich jeder selbst um seine Belange gekümmert. Heute ruht mehr Arbeit auf meinen Schultern. Das fängt schon beim morgendlichen Waschen, Anziehen und frühstücken an, erzählt Dirk Hempel. Das habe ich immer gerne gemacht, betont Heike Hempel, wenn ihr Mann erzählt, dass seine Frau ihn früher auch essenstechnisch immer verwöhnt habe. Heute muss er zu Hause das Küchenregiment führen und setzt dabei auf die schnelle Küche mit kleinen Mahlzeiten. Kann ihr Mann gut kochen? Heike Hempel beantwortet die Frage mit einem eindeutigen Lachen und schüttelt den Kopf. Aber Liebe geht ja Gott sei Dank nicht nur durch den Magen. Man merkt es, wenn Heike und Dirk Hempel auf der Terrasse ihres Hauses die sanfte Dezembersonne genießen. Und sich schon mal auf ihren ersten Waldspaziergang freuen.

Dieser Text ist am 29. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG erschienen


Sonntag, 30. Dezember 2012

Der Historiker Thomas Urban will am Beispiel des Zehntweglagers die Geschichte der Zwangsarbeit bei Thyssen beleuchten. Er sucht dafür Fotos und andere Zeitzeugnisse

Der an der Universität Bonn lehrende Sozial- und Wirtschaftshistoriker Thomas Urban beschäftigt sich zurzeit im Rahmen eines von der Fritz-Thyssen-Stiftung und der Thyssen-Stiftung für Industriegeschichte geförderten Forschungsprojektes mit dem Schicksal der Zwangsarbeiter, die während des Zweiten Weltkrieges in der Rüstungsproduktion bei Thyssen schuften mussten.


Bei seinen Nachforschungen ist Urban darauf gestoßen, dass allein beim Mülheimer Thyssenwerk, das nach 1933 unter dem Namen Deutsche Röhrenwerke firmierte, 3000 Zwangsarbeiter, eingesetzt wurden. Sie kamen vor allem aus der Sowjetunion, aber auch aus Frankreich, Italien, den Niederlanden und Belgien und wurden in elf Lagern einquartiert. 1400 Zwangsarbeiter lebten im größten Lager, das 1943 am Zehntweg errichtet wurde. Zu diesem Lager sucht Urban jetzt Erinnerungen und Fotomaterial von Zeitzeugen oder deren Nachfahren. Aus der Dokumentation „Widerstand und Verfolgung in Mülheim an der Ruhr“, die 1987 von Doris und Michael Doetsch, Helmut Hermann, Vera Herzogenrath, Ralf Kurbach, Karl-Heinz Schröer und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) herausgegeben worden ist, weiß Urban, dass die Insassen des Zwangsarbeiterlagers am Zehntweg Misshandlungen und Schikanen ausgesetzt waren, aber in der Nachbarschaft auch Menschen fanden, die ihnen jenseits des Lagers zivile Arbeit und Brot gaben.

Zu den grausamsten Vorkommnissen im Zehntweglager gehörte, laut Urban, die Hinrichtung von fünf Zwangsarbeitern, denen im September 1944 Diebstahl vorgeworfen wurde. Ob solcher Gewalt wundert es nicht, dass sich manche Zwangsarbeiter nach Kriegsende an ihren Peinigern rächten.

Die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit will Urban in der zweiten Jahreshälfte 2013 als Buch herausgeben und auch in der vom Stadtarchiv veranstalteten Vortragsreihe zur Mülheimer Geschichte vorstellen.   Wer Thomas Urban mit Fotos oder mit anderen Zeitzeugnissen und Erinnerungsstücken helfen kann, die Geschichte des Zwangsarbeiterlagers am Zehntweg zu beleuchten, sollte sich unter der Rufnummer 023?02/17613?22 oder per E-Mail an: thomas.urban@uni-bonn.de an ihn wenden.  

Dieser Text erschien am 28. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Freitag, 28. Dezember 2012

Schwitzen statt Sitzen? Was der Mülheimer Jurist Jochen Hartmann von den jüngsten Reformvorschlägen des NRW-Justizmisters Thomas Kutschaty hält

Straftaten sollen nicht nur mit Freiheitsentzug und Bußgeldern, sondern auch mit Führerscheinentzug und gemeinnützigem Arbeitseinsatz, etwa bei der Reinigung von Grünflächen, geahndet werden. Über diesen aktuellen Vorschlag des NRW-Justizministers Thomas Kutschaty sprach ich für die NRZ mit dem stellvertretenden Landesvorsitzenden des Richterbundes, Jochen Hartmann (54). Der Mülheimer arbeitet seit 1991 als Staatsanwalt.


Stimmen Sie dem Minister zu?

Ich habe dagegen nichts einzuwenden. Insbesondere der Entzug der Fahrerlaubnis macht Sinn. Das trifft Straftäter härter als das Ableisten von Sozialstunden, weil es hier um die Einschränkung ihrer Selbstständigkeit und Mobilität geht.

Kutschaty will Straftäter auch zu gemeinnützigen Arbeiten heranziehen.

Es gibt sicher eine Menge gemeinnütziger und auch unangenehmer Arbeiten, die Straftäter im Interesse der öffentlichen Gemeinschaft leisten könnten. Ich fände es sinnvoll, wenn zum Beispiel Jugendliche die Graffitischmierereien, mit denen sie den öffentlichen Raum verschandelt haben, selbst wieder beseitigen müssten oder sie auch zum Reinigen von Spielplätzen herangezogen würden, um so auch Vandalismusschäden wieder zu beseitigen.

Wo sehen Sie die rechtlichen Grenzen solcher sozialen Strafen?

Man kann nicht alle Delikte auf diese Weise ahnden. Es muss bei schweren Straftaten zur Abschreckung auch Haftstrafen ohne Bewährung geben. Aber bei kleineren Straftaten wie Vandalismus können klamme Straftäter, die ihre Bußgelder nicht zahlen können, schon jetzt den Antrag stellen, zu schwitzen statt zu sitzen, indem ihre Ersatzfreiheitsstrafe in gemeinnützige Arbeit umgewandelt wird. Das spart auch Steuergelder. Denn ein Gefängnistag in NRW kostet den Steuerzahler 110 Euro.

Dieser Text erschien am 28. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Donnerstag, 27. Dezember 2012

So gesehen: Eine Stadt sucht ihre Richtung oder: Lieber leiten als leiden

Wenn der Teufel im Detail steckt, schaut man lieber auf das große Ganze und wird gerne mal grundsätzlich.


Und deshalb sind es viele engagierte Mülheimer, die ihre Stadt lieben und gestalten wollen, leid, sich von der täglichen Quadratur des Kreises frustrieren zu lassen. Statt die vielen Baustellen und das wenige Geld in der Stadtkasse zu betrachten, haben sie sich jetzt mit Zeit und Energie dem Leitbild gewidmet. Das will uns zeigen, wo es für unsere Stadt in Zukunft lang gehen soll. Doch das schönste Leitbild ist nur so viel wert, wie das Bild, das sich Bürger im ganz profanen Alltagsleben vor ihrer Haustür von ihrer Stadt machen müssen. Denn das Papier, auf dem das Leitbild geschrieben wird, ist nun mal geduldiger als die Menschen, die schon heute wissen wollen, wie es in ihrer Stadt weitergeht. Da halten es nicht nur die Frommen mit einem altbewährten Leitbild, der Bibel: „Am ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

Dieser Text erschien am 14. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Warum das Fernsehen, das vor 60 Jahren in Deutschland seinen regelmäßigen Sendebetrieb aufnahm für den Heißener Arnold Fessen mehr als nur ein technisches Gerät und ein Massenmedium ist

Vor 60 Jahren begann in der Bundesrepublik das Fernsehzeitalter. Gerade mal 10.000 Zuschauer sahen am 25. Dezember 1952 das erste regelmäßige Fernsehprogramm, das damals vom Nordwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlt wurde. Der Erste Fernsehabend dauerte gerade mal 58 Minuten und bot dem Publikum eine Sendung über die Entstehung der Weihnachtsliedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ und das Tanzspiel „Max und Moritz.“ Tags darauf wurde die erste Tagesschau ausgestrahlt. Für Arnold Fessen sind 60 Jahre deutsche Fernsehgeschichte ein elementarer Teil seiner eigenen Lebensgeschichte. Fessen und das Fernsehen. Das ist ist fast so etwas wie eine Liebesgeschichte.

Wenn es nach seinem Vater gegangen wäre, hätte Arnold Fessen sein Berufsleben als Beamter bei der Bundesbahn verbracht. Und tatsächlich hat der heute 69-jährige Bezirksbürgermeister einige Jahre im Fahrdienst der Bundesbahn gearbeitet, eher er sich Ende der 50er Jahre entschloss, seiner großen Liebe zu folgen. „Ich habe mich in die Radio- und Fernsehtechnik verliebt“, sagt Fessen.

Schon als Junge bastelte er gerne an alten Röhrenradios herum. Und dann gab es ab 1952 nicht nur etwas zu hören, sondern auch zu sehen, im Fernsehen. „Der erste Mülheimer, der damals ein Fernsehgerät bekam, war der Heißener Elektrogroßhändler Werner Göntgen“, erinnert sich Fessen.

Ein Philipps-Fernsehgerät aus dem Baujahr 1952, das Fessen zu seiner aus 40 alten Geräten bestehenden Fernsehsammlung zählt, kostete damals 1500 Mark Mark. Er selbst verdiente 1958 bei der Bundesbahn 360 Mark im Monat. „Das Fernsehen war anfangs nur etwas für wohlhabende Leute. Aber es konnte im Wirtschaftswunder schnell seinen Siegeszug antreten, weil die Menschen damals mit Blick auf ihre sicheren Arbeitsplätze Ratenkäufe vereinbaren konnten. Damals hatte man einfach mehr Planungssicherheit“, erzählt Fessen.

Seine erste Fernseherfahrung war das Berner WM-Finale im Juli 1954, als Deutschland zum ersten Mal Fußballweltmeister wurde. Damals sah der 14-jährige Arnold die Helden von Bern über eine Fernsehmattscheibe laufen, die in einer Heißener Gaststätte flimmerte. „Viele Gastwirte haben sich damals relativ schnell ein Fernsehgerät in ihre Gaststätte gestellt, weil sie Angst hatten, dass die Leute sonst zu Hause bleiben würden. Allerdings hat das Fernsehen die Leute in den ersten Jahren auch näher zueinander gebracht. Denn wer kein Fernsehgerät hatte, konnte problemlos bei Nachbarn mitgucken,“ weiß Fessen aus der Frühzeit des Fernsehens zu berichten. Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen. Bis zur ZDF-Gründung im Jahr 1963 gab es in Deutschland nur ein Fernsehprogramm, dass auch nur einige Stunden am Abend sendete.

Ab 1955 konnte man sich zum Radio- und Fernsehtechniker ausbilden lassen. Fessen begann seine Ausbildung, die er 1965 mit der Meisterprüfung und der anschließenden Selbstständigkeit abschließen sollte. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt er und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Im Laufe von vier Berufsjahrzehnten, in denen er auch schon mal das Fernsehgerät unter dem Weihnachtsbaum reparieren musste oder von kleinen Kindern in die Hacken getreten wurde, weil der böse Onkel den Fernsehapparat der Familie einfach mitnahm. „Sie konnten einfach nicht begreifen, dass ich das Gerät nur mitnehmen wollte, um es zu reparieren“, erzählt Fessen mit einem Augenzwinkern.

Allerdings hat Fessen im Laufe seiner Berufsjahre auch so manches alte Fernsehschätzchen, das nicht mehr repariert, sondern nur noch ausgemustert werden konnte, mit dem Einverständnis der Vorbesitzer mitgenommen und in seinen Fernsehkeller geschafft, um sie irgendwann wieder zu aktivieren.

Andere Fernsehschätze, wie das kombinierte Fernseh- und Radiogerät der Firma Markoni aus dem Baujahr 1939, einen Saba-Fernsehprojekt, Baujahr 1956, oder besagten Philipps-Fernseher aus dem Baujahr 1952, hat Fessen, mal als Schnäppchen, mal für viel Geld auf Trödelmärkten oder bei Sammlerbörsen erworben, ebenso, wie manches alte Ersatzteil.

„Immer wenn ich ein Fernsehgerät repariere, bewundere ich die Leute, die diese Technik entwickelt haben“, sagt Fessen. Gerade an den alten Röhren und Transistorgeräten fasziniert ihn, dass man anders, als bei modernen digitalen Fernsehgeräten „Funktionsweise und Fehlerquellen viel schneller und leichter nachvollziehen kann.“ Deshalb geht er auch als Rentner gerne in seinen Fernsehkeller, um alte Fernseher wieder zum Flimmern zu bringen, obwohl er glaubt, „dass ich bestimmt nicht mehr alle meine Fernsehgeräte reparieren werde.“

Dieser Text erschien am 24. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Dienstag, 25. Dezember 2012

Wie das eigentlich als Oma und Opa die Schulbank drückten? Ein Besuch im Historischen Klassenzimmer an der Schlägelstraße in Styrum

Marlies Pesch-Krebs kommt nicht von der Schule los. Fast 40 Jahre hat die heute 63-jährige Pädagogin als Lehrerin gearbeitet. Als Ruheständlerin kehrt sie an eine ihrer alten Wirkungsstätten zurück. Von 1992 bis 2002 leitete sie als Rektorin die damalige Grundschule an der Schlägel- und Meißelstraße. In dieser Zeit richtete sie zur 100-Jahr-Feier der Schule (1996) zusammen mit August Weilandt vom Styrumer Geschichtsgesprächskreis in einer ehemaligen Hausmeisterwohnung an der Schlägelstraße das Historische Klassenzimmer ein. 2012 hat sie die Leitung des kleinen, aber feinen Schulmuseums von ihrem inzwischen 95-jährigen Mitstreiter übernommen. Warum sie sich dazu entschlossen hat, erklärtz sie so:


Ich möchte seine Arbeit hier fortführen, weil das unser gemeinsames Kind ist und weil ich hier das tun kann, was ich immer gerne getan habe, nämlich mit Kindern arbeiten, natürlich in etwas anderer Form als früher.
Früher ist das richtige Stichwort. Wer das Historische Klassenzimmer an der Schlägelstraße betritt, fühlt sich gleich um 100 Jahre zurückversetzt. An der Tafel steht in Sütterlinschrift Ohne Fleiß kein Preis. Auf dem Lehrerpult steht eine schwere Glocke, mit der früher der Schulmeister oder das Fräulein Lehrerin zum Unterricht läuteten. Dahinter sieht man eine Buchstabentafel und einen großen Rechenschieber. An den Wänden hängen Landkarten und fotorealistische Darstellungen aus Flora und Fauna. Wer auf den Sitzbänken mit integriertem Schreibpult und Tintenfasshalter Platz nimmt, begreift sofort, was es bedeutet, die Schulbank zu drücken. Die Schulbänke, die noch aus dem Gründungsjahr der damaligen Volksschule an der Schlägelstraße stammen, zwingen zum Geradesitzen und erlauben nur den Blick nach vorn.

Als ich 1956 eingeschult wurde, habe ich noch auf solchen Schulbänken gesessen. Wir waren damals 64 Kinder in meiner Klasse,

erinnert sich Pesch-Krebs.

Was glaubt sie, können Schulkinder und Lehrer aus dem Schuljahr 2012/13 im Historischen Klassenzimmer lernen?
Sie können sehr anschaulich erleben, wie das Leben und die Schule früher waren. Und wenn sie das mit ihren heutigen Erfahrungen vergleichen, schafft das Geschichtsbewusstsein und die Grundlage für ein Gespräch mit Eltern und Großeltern, antwortet Pesch-Krebs und stellt fest: Kinder, die hier eine historische Schulstunde, wie vor 100 Jahren erleben, staunen immer wieder darüber, wie streng es früher in der Schule zuging. Sie wundern sich darüber, dass die Schüler morgens strammstehen und den Lehrer gemeinschaftlich begrüßen mussten. Sie wundern sich auch darüber, dass die Lehrer vor dem Unterricht die Sauberkeit von Händen und Ohren überprüften und das die Schüler immer wieder nachsprechen mussten, was ihnen die Lehrer vorsagten.

Auch wenn Pesch-Krebs ihr Lehrerleben 1974 in den Hochzeiten der antiautoritären Erziehung begann und sich damals vornahm,
anders, als in meiner Schulzeit soll kein Kind vor mir als Lehrerin Angst haben, weil Angst keine gute Lehrmeisterin ist,
kann sie der alten Schule auch Positives abgewinnen.
Die Kinder haben damals mit weniger Technik, aber dafür viel sinnlicher gelernt. Da wurden Lieder gesungen und Gedichte auswendig vorgetragen. Da ging man raus, um die Natur zu erkunden und Blätter zu sammeln oder Tiere zu beobachten. Auch gespielt wurde draußen auf der Straße. Das wäre heute undenkbar. Da hätten die meisten Eltern viel zu viel Angst um ihre Kinder.
Tatsächlich fällt im Historischen Klassenzimmer auf, dass die zur Verfügung stehenden Schulmaterialien ausgesprochen überschaubar sind.
Damals hatten die Kinder einen Griffel, ihre Schiefertafel und eine Fibel in ihrem Ranzen. Heute schleppen sie einen halben LKW mit sich rum, zieht die Lehrerin den Zeitvergleich zwischen den Schuljahren der Großeltern- und der Enkelgeneration.
Die Kinder begreifen beim Schulbesuch im Historischen Klassenzimmer, dass Schulmaterialien damals sehr begrenzt und deshalb auch sehr wertvoll waren und dass es beim Lernen nicht ohne Disziplin und Aufmerksamkeit geht,
berichtet Pesch-Krebs.

Zum Staunen bringen kann die Lehrerin ihre Zeitreisenden, die meistens aus den Klassen 1 bis 6 kommen, wenn sie davon berichtet, dass die meisten Kinder früher nur ein oder zwei Kleidungsstücke hatten und die Mädchen deshalb in der Schule eine Schürze tragen mussten, um ihre Alltagskleidung zu schonen, während die Jungs meistens eine robuste Lederhose anhatten, bei der es nicht so genau darauf ankam.

War die vermeintlich gute alte Zeit in der Schule besser als heute?
Sie war wohl nur anders, nicht besser,
glaubt Pesch-Krebs und weist beiläufig darauf hin, dass auf den alten Klassenfotos, die im Historischen Klassenzimmer neben alten Schulzeugnissen mit Fächern wie Schönschrift und Handarbeit hängen, keine lachenden Kinder zu sehen sind.

Auch wenn sie den Lärmpegel heutiger Schulklassen noch gut im Ohr hat und sich manchmal etwas mehr von der Disziplin der alten Schule wünscht, ist die Pädagogin auch mit Blick auf die Schule davon überzeugt,
dass man das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen kann, weil Veränderung zum Leben dazugehört.
Und so findet sie es zum Beispiel ausgesprochen richtig,
dass Kinder heute schon frühzeitig lernen, mit Computer und Internet umzugehen oder im Sinne von Integration und Inklusion ganz selbstverständlich zusammen mit Klassenkameraden aus einem anderen Land oder mit einem Handicap zu lernen. Wir müssen viel mehr in Bildung investieren und lernen, alle Kinder mit ihren Möglichkeiten zu fördern, weil wir als Gesellschaft darauf angewiesen sind, dass möglichst alle Kinder einen guten Schulabschluss machen, um später mit ihrer Arbeit Geld verdienen und Steuern bezahlen zu können.
Als Vorbild sieht sie dabei das skandinavische Ganztags- und Gesamtschulsystem, das mit weniger Selektion, dafür aber mit mehr Binnendifferenzierung, mehr Lehrern, mehr Sozialarbeitern und vor allem mit kleineren Klassen arbeite.

Wir haben uns in Deutschland da erst sehr spät auf den Weg gemacht und haben es deshalb jetzt vor allem in finanzieller Hinsicht oft schwerer,
meint die Pädagogin.
Schon vor 100 Jahren wurden hier Arbeiterkinder aus Polen, den Niederlanden und Italien integriert, deren Eltern in der Styrumer Industrie arbeiteten,
 erinnert Pesch-Krebs. Dass es damals mit der sozialen Gleichberechtigung aber noch viel weniger weit her war, als heute, erklärt sie mit dem Hinweis darauf, dass damals nur eine kleine Minderheit das Abitur machen konnte und die allermeisten Kinder nicht über die achtjährige Volksschule hinauskamen.
Wenn Kinder im Historischen Klassenzimmer vergleichen können, wie sie heute in der Schule lernen und wie früher in der Schule gelernt wurde, werden sie vielleicht nachdenklich und hinterfragen auch ihre eigenen Verhaltensweisen, obwohl ich nicht glaube, dass sie allzu viel daran ändern werden,
 resümiert die Schulmeisterin aus dem Historischen Klassenzimmer.

Besuche im Historischen Klassenzimmer an der Schlägelstraße kann man mit Marlies Pesch-Krebs telefonisch unter der Rufnummer 0208/384177 vereinbaren.

Dieser Text erschien am 22. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Sonntag, 23. Dezember 2012

Bei den Albertustagen 2012 zeigte sich die Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz von ihrer internationalen Seite und lud zu einer geistlichen Entdeckungsreise ein

Styrum ist ein multikultureller Stadtteil, wie es viele im Ruhrbistum gibt. Und die Kirche St. Mariae Rosenkranz steht mittendrin. „Die Arbeit mit Zuwanderern hat sich für uns als Gemeinde aus diesen Rahmenbedingungen ergeben. Und wir haben daraus einen Gewinn gemacht“, sagt Pastor Norbert Dudek, dessen Vorfahren einst aus Polen zuwanderten.

Schon als der Industrielle August Thyssen 1894 half, die Marienkirche zu bauen, war Styrum eine durch Zuwanderung von Arbeitskräften aus aller Herren Länder geprägte Bürgermeisterei. Heute, so schätzt Gemeindemitglied Hans Hanisch, seien je ein Drittel der Einwohner katholisch und evangelisch oder muslimisch. „Für uns ist es wichtig, Weltkirche zu pflegen, wo man lebt und so selbst seinen Horizont zu erweitern und zu erfahren, wie man Glauben gemeinsam leben und feiern kann,“ unterstreicht Pastor Dudek.

Dass das in St. Mariae Rosenkranz keine leeren Worte sind, konnte man in der vergangenen Woche erleben, als sich bei den Albertustagen Vertreter der in Styrum beheimateten polnischen, kamerunischen und kroatischen Gemeinde vorstellten.

Schon der Veranstaltungsort, das Gemeindehaus der Filialkirche Albertus Magnus, die seit zwölf Jahren die geistliche Heimat der kroatischen Gemeinde ist, und das Veranstaltungsmotto: „Unsere Kirche ist irgendwie anders“ sprachen für sich.

„Mir ist noch einmal klar geworden, dass die Vielseitigkeit und Buntheit unserer Gemeinde eine erfrischende Stärke ist“, beschreibt der ehemalige Gemeinderatsvorsitzende Hanisch den wichtigsten Impuls, den er aus den Gesprächsrunden mit den katholischen Glaubensgeschwistern, die aus Polen, Kamerun und Kroatien kamen und jetzt im Ruhrgebiet zu Hause sind, mitgenommen hat. Für Gemeinderätin Marie-Luise Tebbe, die selbst mehrere Jahre als Lehrerin in Zimbabwe gearbeitet hat, war es vor allem interessant, „etwas über die historischen Hintergründe zu erfahren, die dazu geführt haben, dass die Menschen, die heute bei uns leben, zu uns gekommen sind.

Was den so unterschiedlichen Zuwanderern, wie der zur 5000 Mitglieder zählenden polnischen Gemeinde Essen/Mülheim gehörenden Theologin und Psychologin Eva Morawa, dem Ingenieur Mathias Tambe und der Sozialpädagogin Patience Atanga von der etwa 100-köpfigen kamerunischen Gemeinde oder dem kroatischen Pastoralreferenten Josef Vukadin und dem seinem Landsmann, dem inzwischen pensionierten Industriefacharbeiter Bozo Louric gemeinsam ist, war die politische oder wirtschaftliche Perspektivlosigkeit in ihren jeweiligen Heimatländern, die sie meist schon vor Jahrzehnten dazu veranlasste, ihr Glück im Ruhrgebiet zu suchen und meistens auch zu finden.

Denn in den Gesprächen der Styrumer Albertustage wird eines immer wieder deutlich, auch wenn die polnisch,- kroatisch- oder kamerunstämmigen Katholiken in ihren Gemeinden eine geistliche Heimat gefunden haben, fühlen sie sich auch in der deutschen Gemeinde zu Hause, fördert die eigene Gemeinde in der Gemeinde eher die Integration, als dass sie diese behindern würde. Da werden zwar nicht immer, aber doch regelmäßig gemeinsame zweisprachige Gottesdienste, Prozessionen oder Feste gefeiert. Da erleben die deutschen Katholiken in den internationalen Gemeinden eine zum Teil sehr viel emotionalere, lebhaftere und intensivere Glaubenspraxis. Auch über die Möglichkeit gemeinsamer Wallfahrten wurde übrigens bei den Albertustagen in Styrum nachgedacht. Während die polnische Gemeinde, die ihren Schwerpunkt in Essen hat und die kamerunische Gemeinde in Mülheim vor allem durch informelle Netzwerke getragen werden, scheint die aus rund 1500 Katholiken bestehende kroatische Gemeinde mit ihrer Kirche und einem Gemeindehaus in Styrum stärker institutionalisiert. Da gibt es nicht nur Gottesdienste und Gebetskreise, sondern auch Bildungsveranstaltungen, einen eigenen Fußballverein und einen kurzen Draht zur Caritas.

In den Vorträgen von Morawa und Vukadin wird deutlich wie sehr der polnische und kroatische Katholizismus durch die Erfahrung der kommunistischen Repression vor 1989 geprägt worden ist und die katholische Kirche hier über Jahrzehnte nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische, soziale und kulturelle Gemeinschaft darstellte.

Diese Prägung wirkt auch nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft. Der Besuch des Sonntagsgottesdienstes und die regelmäßige Beichte sind für die Mitglieder der polnischen Gemeinde genauso selbstverständlich, wie der Zölibat und das den Männern vorbehaltene Priesteramt für die Kroaten. Und für die Kameruner versteht es sich von selbst, auch Gesang und Bewegung zum Gottesdienst gehören, der durchaus auch schon mal länger als 45 oder 60 Minuten gefeiert werden darf. Auch Applaus an der einen oder anderen Stelle ist nicht verboten.

Insgesamt fällt auf, dass die Autorität des Priesteramtes in den internationalen Gemeinden weniger in Frage gestellt wird als in der deutschen Kirche, wo man über akuten Priestermangel klagt und auch in Styrum darüber nachgedacht wird, ob nicht auch Priester aus den internationalen Gemeinden, in der Seelsorge für die deutsche Gemeinde eingesetzt werden könnten. Bemerkenswert auch, dass Kroaten und Kameruner Zeiten erlebt haben oder (in Kamerun) auch noch erleben, in denen Priester nicht aus Steuermitteln, sondern allein von den Spenden der Gemeindemitglieder bezahlt werden und mit einem entsprechen kärglichen Einkommen auskommen müssen. Tambe und Atanga erzählten, dass ein katholischer Priester in Kamerun im Monat mit 70 Euro auskommen müsse, während ein Arzt vielleicht 300 Euro verdienen könne. „Glauben leben hat mit Gemeinschaft zu tun“, sagt Patience Agant von der Kamerunischen Gemeinde trifft damit den Kern der Botschaft, die von den internationalen Gemeinde-Gesprächen dieser Albertustage in Styrum ausgeht: Der Glauben kann auch Menschen unterschiedlicher nationaler und kultureller Herkunft zu einer Gemeinschaft verbinden.

Dieser Text erschien am 24. November 2012 in der katholischen Wochenzeitung RUHRWORT

Samstag, 22. Dezember 2012

Der Mülheimer Stadthaushalt: Eine Nachlese oder: Loch an Loch und hält doch? Warum die Stadt an strukturellen Einsparungen nicht vorbeikommen wird

Angesichts eines Schuldenberges von über einer Milliarde Euro fragt sich mancher Steuerzahler, warum Mülheim weiter Miese macht. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass der Stadthaushalt ein ordentliches Plus von 373.000 Euro verbuchen konnte. „Damals konnten wir mit Gewerbesteuereinnahmen von rund 175 Millionen Euro planen“, erinnert sich Kämmerer Uwe Bonan an das „absolute Ausnahmejahr 2007.“ Damals brummte die lokale Wirtschaft. Von Wirtschafts- und Finanzkrise war noch keine Rede. Und die Unternehmenssteuerreform von 2008, die Mülheim 25 Millionen Euro kosten sollte, war noch Zukunftsmusik.


Seitdem sind die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt kontinuierlich gesunken. Hinzu kam, dass Mülheim 2009 keine Schlüsselzuweisungen vom Land bekam. Diese Mittel schlagen im Haushalt 2013 immerhin mit 66 Millionen Euro auf der Habenseite zu Buche. Aber: Bei der Gewerbesteuer rechnet Bonan 2013 nur noch mit 90 Millionen Euro. Bestenfalls.

Den Einbruch bei den Gewerbesteuereinnahmen sieht er auch als Hauptgrund dafür, dass Mülheim seit 2008 nur noch Defizite anhäuft (siehe unten). Auch am Mittwoch knapsten SPD und CDU von Bonans Sparziel weitere fünf Millionen Euro ab. Darin aber sieht der nur ein zeitliches Problem.

2013 fällt die Gewerbesteuererhöhung zwar aus, ist aber nur um ein Jahr verschoben. Bis 2020 soll der Hebesatz von 480 auf dann 580 Punkte ansteigen. Grund- und Vergnügungssteuer werden zudem bereits 2013 angehoben. Das alles reiche für eine Genehmigung, sagt Bonan, der an seinem Ziel festhält, bis 2022 wieder einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen.

Bonan zählt auf: 3,5 Millionen Euro soll die Optimierung des öffentlichen Nahverkehrs bringen, 13,5 Millionen Euro der sozialverträgliche Personalabbau in der Stadtverwaltung, weitere 1,4 Millionen Euro die städtischen Beteiligungsgesellschaften, etwa durch Zusammenlegung von Wirtschaftsförderung- und Stadtmarketing. Die Ausschüttungen des SWB: eine halbe Million Euro, gibt Bonan vor. Und neun Millionen Euro spart er ab 2019 - wenn der Solidarpakt Ost ausläuft. Das Steuererhöhungspaket aus Grund- Gewerbe- Vergnügungs- und Zweitwohnsitzsteuer hat er zudem mit 30 Millionen Euro plus auf dem Schirm.

Ob das reicht? Bonan ist kein Prophet und sieht die unkalkulierbaren Risiken der Konjunktur- und Zinsentwicklung. Außerdem hofft auch der kühle Rechner: dass Mülheim doch noch irgendwann in den Stärkungspakt Stadtfinanzen rutscht und der Bund die Kommunen von den Kosten für die Eingliederungshilfe behinderter Menschen entlastet.

Zahlen und Fakten: Ein Haushaltsdefizit potenziert seine Wirkung. Denn: Defizit bedeutet, die Ausgaben wurden getätigt, es fehlte an Einnahmen. Der Unterschied sind Schulden, die zwar über lange Laufzeiten auf die lange Bank geschoben werden können. Nicht aber die Zinsen. Die Folge: Nach einem defizitären Jahr müsste das nächste Jahr eigentlich mit Null oder zumindest einem geringen Minus abschließen. Tatsächlich aber belaufen sich die Defizite der letzten Haushalte auf


2008 = 21,9 Millionen Euro ,
2009 = 80 Millionen Euro ,
2010 = 101,4 Millionen Euro
2011 = 131,8 Millionen Euro
2012 = 76,8 Millionen Euro
2013 = 93 Millionen Euro

Die beiden letzten Angaben sind Prognosen. Unterm Strich sind das 504,9 Millionen Euro.

Zusammen mit den Altschulden nähert sich die jährliche Zinslast der Stadtkasse allmählich der 50-Millionen-Euro-Grenze. Heißt: Zehn Cent eines eingenommen Euro sind gleich wieder weg.  

Dieser Text erschien am 21. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Freitag, 21. Dezember 2012

Aller Anfang ist schwer oder: Noch fahren nicht alle Styrumer auf den Bürgerbus ab: Eine gute Idee will entdeckt werden

Simone Hofrath und ihr Sohn Luis schauen auf den Fahrplan des Styrumer Bürgerbusses am Sültenfuß. „Toll, dass es ihn gibt. Ich selbst bin noch nicht mitgefahren. Aber meine Oma nutzt ihn, um von der Herwarthstraße zum Einkaufen zur Oberhausener Straße, zur Friesenstraße oder zur Heidestraße zu fahren“, berichtet die junge Frau.


Die Schilderung deckt sich mit den Erfahrungen von Klaus Bernhard. „Wir haben vor allem ältere Fahrgäste und ich habe seit dem Start des Bürgerbusses am 29. Oktober noch keine einzige Kinderfahrkarte verkauft“, erzählt der 62-jährige Pensionär, der bis vor kurzem noch als Bezirksfahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn gearbeitet hat. Jetzt ist er einer von 23 ehrenamtlichen Fahrern, die den Bürgerbus montags bis samstags (9-15 Uhr) im Stundentakt durch Styrum steuern. „Man hat eine Aufgabe und kann sich nützlich machen“, beschreibt er seine Motivation. Mindestens einmal pro Woche setzt er sich für drei Stunden unentgeltlich hinter das Steuer des Bürgerbusses, der acht Fahrgästen Platz bietet. Im November fuhren pro Tag durchschnittlich acht Fahrgäste mit.

Doch am Dienstag bleiben die meisten Sitze zwischen 12 und 15 Uhr unbesetzt. „Das macht keinen Spaß, wenn man mit dem leeren Bus durch Styrum fahren muss“, gibt Bernhard zu. Margot Boidoll (86) und Karlheinz Engels (74) sorgen dafür, dass Bernhard in seiner Schicht nicht ganz ohne Fahrgäste bleibt. „Das ist eine echte Annehmlichkeit, die dafür sorgt, dass ich mobil sein kann und meine Einkaufstaschen nicht den ganzen Weg nach Hause schleppen muss“, erklärt die Seniorin. Die 1,50 Euro für eine Fahrkarte lohnen sich für sie, wenn sie von der Doktor-Türk-Straße mit dem Bürgerbus zur Einkaufstour ins Styrumer Zentrum und an der Friesenstraße startet. Auch Engels nutzt den Bürgerbus gerne, um von der Wörthstraße schnell und sicher zum Schloss Styrum zu kommen, um in der dortigen Altentagesstätte Billard zu spielen. „Im Sommer fahre ich mit dem Fahrrad. Aber jetzt ist mir der Bürgerbus lieber.“ Nicht nur von ihm bekommen Bernhard und seine Fahrerkollegen die Klage zu hören, dass der Bürgerbus zurzeit nur bis 15 Uhr fährt. „So muss ich mir etwas anderes einfallen lassen, wenn ich abends wieder nach Hause kommen will“, bedauert Engels.

Bernhard weist darauf hin, dass der Bürgerbus nicht nur mehr Fahrgäste, sondern auch mehr ehrenamtliche Fahrer bräuchte, um das zu sein, was er sein wolle, nämlich „eine sinnvolle Ergänzung des Nahverkehrs, die sich im Bewusstsein der Styrumer verankert hat.“

Bis dahin müssen die Mitglieder des Bürgerbusvereins um Knut Binnewerg und Rainer Lamberti noch kräftig die Werbetrommel rühren. Deshalb haben sie heute zwischen 14 und 15 Uhr mit Bezirksbürgermeisterin Heike Rechlin-Wrede einen prominenten und spendablen Fahrgast gewonnen, der im Interesse der guten Sache dafür sorgt, dass alle Fahrgäste, die heute mit dem Styrumer Bürgerbus zwischen Sültenfuß, Union, Schloss Styrum und Römerstraße in den Styrumer Straßen jenseits der Hauptverkehrsachsen Oberhausener- und Hauskampstraße unterwegs sein wollen, keine Fahrkarte lösen müssen.

Bürgerbusfan Engels muss sie nicht mehr überzeugen. Für ihn ist der Bürgerbus, der die Styrumer Nebenstraßen jenseits des MVG-Netzes an den Nahverkehr anbindet schon deshalb unentbehrlich geworden, weil viele Senioren sonst kaum noch zum Einkaufen kämen. „Heute gibt es doch immer weniger kleine Einzelhandelsgeschäfte und nur noch wenige große Märkte“, beklagt er.

Auskünfte zum Bürgerbus gibt Knut Binnewerg unter der Rufnummer 0208/402257 Weitere Informationen im Internet unter: www.buergerbus-styrum.de

Dieser Text erschien am 19. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG


Mittwoch, 19. Dezember 2012

Wie feiert man in Mülheimer Altenheimen Weihnachten? Eine vorweihnachtliche Stimmungsaufnahme

Weihnachten. Das ist für die meisten Menschen ein Familienfest. Im Wohnzimmer steht ein geschmückter Christbaum. Es gibt gutes Essen und Geschenke. Wenn es gut geht, gibt es keinen Krach, sondern Gedichte, Lieder und die Weihnachtsgeschichte. Und nach der Bescherung geht die Familie vielleicht noch in die Christmette. So oder so ähnlich erleben wir die Festtage oder haben sie erlebt. Doch wie erleben Menschen das frohe Fest, die nicht daheim, sondern im Altenheim feiern müssen. Die NRZ fragte in diesen Tagen vor Weihnachten in einigen Seniorenheimen nach.


Im Engelbertusstift, im Wohnstift Dichterviertel und im Wohnstift Raadt wird der heilige Abend bereits am Nachmittag des 24. Dezember mit einem Gottesdienst eingeläutet. Matthias Hess aus dem Wohnstift Raadt freut sich vor allem darüber, dass der Gottesdienst in seinem Hause seit vielen Jahren von einem privaten Chor musikalisch begleitet und von der Predikantin Luise Hegel liturgisch gestaltet wird. Der Leiter des Wohnstiftes Dichterviertel, Harald Schaal, kann beim Weihnachtsgottesdienst sogar einen Bewohnerchor zum Einsatz bringen, der beim Singen der klassischen Weihnachtslieder im Zweifel kein Notenblatt braucht, um den Text abzulesen.

Im Ruhrgarten, im Franziskushaus und im Haus auf dem Bruch steht der Weihnachtsgottesdienst erst am ersten Feiertag auf dem Programm. Im großen Saal des Franziskushauses kann man dabei sogar musikalisch auf eine Orgel bauen. Dort bekommen die Bewohner an den Weihnachtsfeiertagen auch musikalischen Besuch von Wilhelm Kästner, der ihnen auf seiner Zitter immer wieder gern gehörte Ohrwürmer spielt. Sozialdienstleiter Christoph Happe aus dem Ruhrgarten und Pflegedienstleiter Christian Krämer aus dem Engelbertusstift sind sich einig, dass man insbesondere mit Weihnachtsliedern und Gedichten, aber auch mit weihnachtlichen Klängen und Düften auch demenzkranke Bewohner, die in allen Altenheimen inzwischen die deutliche Mehrheit stellen, „emotional gut erreichen kann, weil man damit eine Brücke in ihre Kindheit schlägt.“

Ansonsten bestimmen in allen befragten Einrichtungen das festliche Kaffeetrinken und das anschließend Abendessen den Tagesablauf am heiligen Abend im Heim. Im Wohnstift Raadt, im Engelbertusstift, im Franziskushaus und im Wohnstift Dichterviertel setzt man kulinarisch auf die rheinischen Heiligabendklassiker Kartoffelsalat und Würstchen. Sonst bestimmen mehrgängige Festtagsmenüs mit Braten und Co. die Speisepläne. Auch Fischplatten und Frankfurter Kranz sind bei den Senioren sehr gefragt.

Im Franziskushaus, wo die eigentliche Weihnachtsfeier mit Bewohnern, Angehörigen und Mitarbeitern bereits vor dem 24. Dezember gefeiert wird, kredenzt man den Bewohnern und ihren Besuchern in der weihnachtlich eingedeckten Cafeteria diverse Festtagstorten. „Wir haben früher auch am 24. Dezember zu unserer großen Weihnachtsfeier eingeladen, aber das ist bei den Angehörigen, die an den Festtagen in ihren Familien stark beschäftigt sind, nur auf geringe Resonanz gestoßen“, berichtet Katja Grün aus dem Franziskushaus.

Sie schätzt, dass etwa ein Drittel der Bewohner von ihren Angehörigen Weihnachten nach Hause geholt werden.

Christbaum, Krippe, und Weihnachtsschmuck bestimmen offensichtlich in allen Altenheimen an den Festtagen das Ambiente. In der Regel wird nicht zentral, sondern in den jeweiligen Wohngruppen mit Bewohnern, Angehörigen und ehrenamtlichen Helfern gefeiert, um eine möglichst familiäre Atmosphäre zu schaffen.

„Wir versuchen ein möglichst familiäres Umfeld zu schaffen und wo es möglich ist, auch mit Bewohnern selbst Plätzchen zu backen“, betont Christoph Happe vom Ruhrgarten. Weil alle Mitarbeiter an den Festtagen im Einsatz sind und ehrenamtliche Helferinnen dazu kommen, schätzt Happe, „dass 98 Prozent unserer Bewohner“ an der gemeinsamen Weihnachtsfeier teilnehmen können. Auch in anderen Altenheimen werden bettlägerige Patienten an den Feiertagen mobilisiert oder sie haben einen Mitarbeiter an ihrem Bett, der sie individuell betreut, ihre Hand hält, ihnen zuhört, sie anlächelt oder streichelt.

In allen Altenheimen berichtet von einer deutlich erhöhten Besucherzahl und auch davon, dass es hier, anders, als bei manchen Familien, die nicht im Heim, sondern daheim feiern, keine Weihnachtsfeier ohne die klassischen Weihnachtslieder und Weihnachtsgedichte gibt.

Die Bescherung fällt im Altenheim eher bescheiden aus, kommt aber doch von Herzen. In allen befragten Pflegeheimen sorgen Mitarbeiter dafür, dass auch die Bewohner ohne Angehörigenbesuch einen Ansprechpartner finden und ein kleines Geschenk bekommen. Die finanziellen Möglichkeiten reichen von der Wolldecke über Rasierwasser und Parfüm bis zum Duschgel oder einer Schirmmütze. Im Franziskushaus setzt man sogar ganz klassisch, wenn auch nicht ohne Risiko auf selbst gebastelte Geschenke zum Fest.

In den Gesprächen mit Altenheim-Mitarbeitern wird immer wieder deutlich, dass Weihnachten im Altenheim nicht nur ein frohes, sondern auch ein trauriges Fest ist. „Da wird zum Beispiel über den Familienzusammenhalt gesprochen, den man früher hatte und den man heute vielleicht nicht mehr hat, weil manche Kinder sogar im Ausland leben“, weiß Matthias Hess.

Auch Yvonne Fragemann, die das Haus Auf dem Bruch leitet, erkennt an den Bewohnern, die auch an den Festtagen nur wenig oder gar keinen Besuch bekommen und auf die Ersatzfamilie ihrer Mitbewohner und Betreuer angewiesen sind, „dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die immer älter wird und in der es immer mehr Single-Haushalte und immer weniger Großfamilien gibt.“ Harald Schaal vom Wohnstift Dichterviertel sieht gerade an den Weihnachtstagen immer wieder depressive Bewohner, die Verlusten und verpassten Lebenschancen nachtrauern. Er formuliert es so: „Im Altenheim geht die individuelle Lebensgeschichte weiter.“ Damit meint er, dass bei Zeiten geknüpfte Sozialkontakte und Familienbande ebenso nachwirken wie Einsamkeit, soziale Isolation oder zerrüttete Familienverhältnisse.

Dieser Text erschien am 18. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Dienstag, 18. Dezember 2012

So gesehen: Warum unser Kämmerer Lose kaufen sollte

"Kinder, morgen wird’s was geben“ oder: „O, du fröhliche“ singen wir in diesen Tagen und freuen uns schon auf die Bescherung. „Da haben wir die Bescherung“, werden sich dagegen wohl unsere Stadtverordneten sagen und dabei an den Karnevalsschlager: „Wer soll das bezahlen?“ denken, wenn sie sich heute und morgen im Rat zu ihren letzten Ratssitzungen des Jahres treffen.


Denn der Blick auf die Haushaltszahlen und Steuerprognosen dürfte die Damen und Herrn Kommunalpolitiker eher betroffen als besinnlich machen. Denn auch sie wissen ja nicht nur zur Weihnachtszeit, das Geben seliger als Nehmen ist und darüber hinaus auch viel populärer. Denn die nächste Wahl nach Weihnachten kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Und da ist es nur zu verständlich, dass unsere Volksvertreter nicht wie Weihnachtsmänner dastehen wollen, die nichts im Stadtsäckel haben als eine finanzielle Rute, die als Rotstift daher kommt und uns Steuer- und Gebührenzahler geißelt und dem Wort Bescherung einen ganz und gar nicht frohen und festlichen Klang verleiht.

Im Dickicht der so gar nicht fröhlich und besinnlich stimmenden Zahlen mag mancher Gewählte und Gequälte in dieser Weihnachtszeit ja auf ein Wunder Marke Sterntaler hoffen. Wenn Ihnen das spanisch vorkommt, sind Sie genau auf der richtigen Spur. Denn bei der spanischen Weihnachtslotterie kann man 2,5 Milliarden Euro gewinnen. Also, Herr Bonan, kaufen Sie Lose!  

Dieser Text erschien am 18. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Montag, 17. Dezember 2012

Ein Gespräch darüber, wie Brita Russack und ihre Kollegen vom U-25-Haus Schulabgänger ins Berufsleben begleiten und damit zum erfolgreichen Modell für Nordrhein-Westfalen geworden sind

Am 29. November gingen die 130 Lehrer der Gustav-Heinemann-Schule mit einem Fortbildungstag bei der Leiterin des U-25-Hauses, Brita Russack, in die Schule. Die Sozialpädagogin und ihre 30 Kollegen vom U-25-Haus an der Viktoriastraße beraten und begleiten Jugendliche und junge Erwachsene aller Schulformen beim Übergang von der Schule in den Beruf und sind damit in NRW Teil eines von sieben Modellprojekten des Landes. Für die NRZ sprach ich mit Brita Russack darüber, warum sich nicht nur Schulabgänger mit defizitärer Bildungsbiografie beim Einstieg ins Arbeitsleben schwertun.


Was sind die Knackpunkte, wenn sich junge Leute nach der Schule fragen: Was soll aus mir werden?

Russack: Viele Jugendliche tun sich schwer, in den ernsten Teil ihres Lebens einzutreten. Das hat damit zu tun, dass ihre Vorstellungen davon, was ihnen das Berufsleben an Lebensqualität und Entwicklungschancen bieten könnte, oft diffus sind. Viele Jugendliche leben im Hier und Jetzt. Sie neigen dazu, einfach die Schule zu wechseln und am Berufskolleg weiterzumachen, weil ihnen Schule vertraut ist.

Was kann man gegen die Angst vor dem Arbeitsmarkt tun?

Wir müssen die Schüler frühzeitig informieren und locken, um ihnen schon lange vor dem Schulabschluss zu helfen, ihre Potenziale zu entdecken und eine Idee davon zu entwickeln, was das mit ihrer beruflichen Zukunft, ihren Entwicklungschancen und mit ihrer Lebensqualität zu tun haben könnte.

Wie locken Sie Schulabgänger ins Berufsleben?

Wer Jugendliche ins Berufsleben begleitet und berät muss selbst wissen, was auf dem Ausbildungsmarkt los ist und welches Unternehmen, welche Jugendlichen brauchen. Dabei geht es nicht nur um das Bildungsprofil, sondern auch um die jeweilige Persönlichkeit. Am Ende muss die Chemie stimmen. Unsere Lehrstellenakquisiteure und unsere pädagogischen Fallmanager arbeiten da eng zusammen, um aus den Fakten die Motivationsargumente für die Gespräche mit den Jugendlichen und den Unternehmen abzuleiten. Weil wir so gute Erfahrungen mit der persönlichen Begleitung der Jugendlichen gemacht haben, kämpfen wir auch ständig um die Erweiterung unserer personellen Kapazitäten.

Ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt auch für Abiturienten schwierig?

Es sieht so aus. Dabei ist der Arbeitsmarkt für die heutige Generation glänzend. Die Unternehmen wollen die Jugendlichen. Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt ist heute sehr aufnahmebereit, aber auch breiter aufgefächert und komplexer als früher. Das gilt für die berufliche Ausbildung wie für Studiengänge. Die Vielfalt der Möglichkeiten überfordert viele. Die Orientierung ist schwieriger geworden. Hier müssen wir helfen, Informationen zu sammeln und auszuwerten, damit die Jugendlichen die für sie richtige Strategie entwickeln können. Gute Bildung ist aber immer noch der beste Schutz gegen eine spätere Arbeitslosigkeit. Das gilt auch für Hauptschulabgänger, die wir ebenfalls zunehmend gut vermitteln können. Der Anteil der Hauptschüler, die nach dem Abschluss einen Anschluss in eine betriebliche Berufsausbildung gegangen ist, konnte in den letzten fünf Jahren von 16 auf 38 Prozent gesteigert werden. Uns geht es in unserem Übergangssystem aber unterschiedslos um alle Jugendlichen einer Generation und darum, niemanden zu verlieren.

Stellt Sie der doppelte Abiturjahrgang 2012/13 vor Probleme?

Es wird eine verschärfte Konkurrenz geben, aber die hat es in früheren Generationen noch viel mehr gegeben. Weil es immer weniger Schulabgänger gibt, sind sie in den Unternehmen im Prinzip herzlich willkommen. Ich glaube, dass sich das Problem des doppelten Abiturjahrganges auf ein paar Jahre verteilen wird, weil nicht alle Abiturienten sofort durchstarten und mit 23 fertig sein wollen, sondern zum Beispiel noch ein freiwilliges Soziales Jahr einlegen. Wahrscheinlich wird es an den Unis voll. Auch mit ihnen pflegen wir einen engen Kontakt. Wir beraten auch Abiturienten bei der Bewerbung für Studiengänge. Dieses Angebot wird sicher verstärkt genutzt werden. Außerdem arbeiten wir verstärkt daran, dass sich auch die Gymnasien systematischer bei der Berufsorientierung aufstellen. Sie machen auch jetzt schon punktuell gute Informationsaktionen in diesem Bereich, haben aber, anders, als an den Hauptschulen noch nicht flächendeckend jeden Schüler im Blick, um ihn bei der Entwicklung seiner persönlichen Strategie zu unterstützen.

Ist das Ziel, jedem Schulabgänger eine Berufsperspektive zu bieten, realistisch?

Mit einer guten Zusammenarbeit aller Partner (Schulen, Arbeitsagentur, Unternehmen), die in diesem Bereich unterwegs sind, halte ich das für realistisch.

Was müssen Lehrer lernen, um Schüler besser auf das Berufsleben vorzubereiten?

Sie müssen die Berufsorientierung ihrer Schüler gewährleisten und für jeden Schüler einen roten Faden entwickeln, um am Ende zu wissen, welcher Anschluss für welchen Schüler der Richtige ist. Und die Schüler müssen am Ende ihrer Schulzeit wissen, wie und wo es für sie weitergeht. Das setzt aber voraus, dass sich Lehrer mit der beruflichen Ausbildung, mit den Partnern, die ihnen helfen können und mit den Unternehmen, die es hier gibt und deren Anforderungen auseinandersetzen. Es geht für die Lehrer auch darum Erfahrungswissen über die Mülheimer Unternehmenslandschaft und entsprechende Kontakte zu sammeln.

Dieser Beitrag erschien am 30. November 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Sonntag, 16. Dezember 2012

Konrad Adenauer: Erinnerung an einen christlichen und sehr pragmatischen Vollblurpolitiker

„Was glauben Sie? Wie lange wird das mit dem Hitler dauern?“ fragte Konrad Adenauer einmal seinen katholischen Zentrumsparteifreund Rudolf Amelunxen, als dieser ihn im Kloster Maria Lach besuchte. Dort, wo ein Schulfreund als Abt amtierte, hatte der 1933 von den Nazis abgesetzte und bedrängte Kölner Oberbürgermeister zwischenzeitlich Zuflucht gefunden. Als sein Besucher, der nach dem Krieg erster Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens werden sollte, Adenauer antwortete, er gehe von zehn bis zwölf Jahren aus, meinte der Endfünfziger: „Dann werde ich zu alt sein, um noch einmal anzufangen.“


Wir wissen es heute besser. Adenauer sollte sich gründlich irren. Der Höhepunkt seiner politischen Karriere, die ihm nach der Machtübernahme der Nazis beendet schien, sollte erst noch kommen. Im September 1949 sollte ihn der Bundestag mit einer Stimme Mehrheit, seiner eigenen, zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland wählen. In einer Zeit des allgemeinen Jugendwahns, in der Über-50-Jährige auf dem Arbeitsmarkt als nicht mehr vermittelbar und reif für den Vorruhestand gelten, tut es gut, sich daran zu erinnern, das der politische und wirtschaftliche Wiederaufbau und Wiederaufstieg von einem Bundeskanzler mit bewerkstelligt wurde, der sein Amt mit 73 Jahren antrat und erst 87-jährig wieder verlassen sollte.

Unabhängig davon, wie man die Details seiner Politik von Westintegration bis Wiederbewaffnung bewerten mag: Adenauers an Höhen und Tiefen reicher Lebensweg beeindruckt als Beispiel für Beharrlichkeit, die sich von keinem Schicksalsschlag aus der Bahn werfen ließ. Obwohl alles andere als ein Heiliger, gibt es zahlreiche Äußerungen, in denen deutlich wird, dass Adenauer aus dem geistigen Kraftquell des Christentums schöpfte. „Ich glaube, unser Volk kann nur gesunden, wenn in ihm wieder das christliche Prinzip herrscht,“ sagt der zunächst von den Amerikanern reaktivierte und später von den Briten wieder entlassene Kölner Oberbürgermeister 1945. Und ein Jahr später betont er in seiner ersten Rundfunkansprache als CDU-Vorsitzender der Britischen Besatzungszone: „Wir brauchen die hohe Auffassung des Christentums von der Menschenwürde, vom Wert jedes einzelnen Menschen als Grundlage und Richtschnur unserer Arbeit“

Nicht von ungefähr schreibt der Artikel 1 das Grundgesetzes, das Konrad Adenauer als Präsident des Parlamentarischen Rates am 23. Mai 1949 in Bonn verkündet, den Schutz der unveräußerlichen Menschenwürde als oberstes Verfassungsgebot fest. Es ist vor allem Adenauer, der mit Verhandlungsgeschick und einer Portion Schlitzohrigkeit hiter den Kulissen dafür sorgt, das Bonn und nicht das von der SPD favorisierte Frankfurt am Main Bundeshauptstadt wird. Bonn liegt für den späteren Bundeskanzler vor der Haustür. Nach dem Verkauf seines Kölner Hauses, hat sich der von den Nazis zwangspensionierte Oberbürgermeister in Rhöndorf ein neues Heim gebaut. Hier nutzt er die Zeit seines erzwungenen Ruhestandes nicht nur für die Beschäftigung mit Kunst und Literatur, sondern auch für die Entwicklung von Erfindungen. Unter seinen etwa 25 Erfindungen finden sich zum Beispiel Abgasfilter, ein beleuchtetes Stopfei oder ein eigens abnehm- und verstellbarer Gießkannenkopf.

Erfinderisch und einfallsreich ist Adenauer, der vor 130 Jahren – am 5. Januar 1876 – als Sohn eines katholischen Gerichtssekretärs und Kanzleirates in Köln geboren wird, Zeit seines Lebens. Als Beigeordneter und später als Oberbürgermeister entschärft er die Lebensmittelversorgung seiner Heimatstadt dadurch, dass er im Ersten Weltkrieg zusammen mit einer Großbäckerei das aus Mehl, Mais und Reis gebackene Kölner Brot und später auch eine Sojawurst kreiert. Auch privat sorgt Adenauer mit Ziegen, Schafen und einem kleinen Ackergrundstück, dafür, dass die Versorgung seiner Familie auch in Notzeiten nicht zu kurz kommt. Der zweimal verwitwete Adenauer ist Vater von acht Kindern. Um auch körperlich fit zu bleiben lässt sich der Oberbürgermeister zusammen mut ihnen sogar von einem Universitätsturnlehrer unterrichten.

Die Neugründung der Kölner Universität gehört ebenso wie die Gründung der Kölner Messe, die Schaffung eines Grüngürtels, der Bau eines Stadions sowie einer Autostraße, die Köln mit Bonn verbindet zu den Glanzleistungen seiner ersten Amtszeit als Oberbürgermeister. In dieser Zeit leistet Adenauer nicht nur gute Arbeit, sondern verdient auch gut. Vor seiner ersten Wahl 1917 hatte er ein Jahresgehalt von 42.000 Mark durchgesetzt und bekam damit sogar 2000 Mark mehr als sein Amtskollege im viel größeren Berlin.

Zweimal, 1921 und 1926, wird Adenauer sogar als Reichskanzler der Weimarer Republik gehandelt. Seine ersten Kanzlerkandidaturen scheitern allerdings an seiner Forderung nach einem Neun-Stunden-Arbeitstag und einer Regierungsbeteiligung der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Untergang der Monarchie hatte der durch die Kindheitserfahrungen des Kulturkampfes geprägte Katholik Adenauer zwischenzeitlich sogar mit einer von Preußen unabhängigen, aber in den Reichsverband integrierten westdeutschen Republik geliebäugelt. Erst nach der Katastrophe der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges sollten Adenauers frühe Visionen einer westdeutschen Republik, die sich mit dem Nachbarn Frankreich aussöhnt, Wirklichkeit werden.

Dass Adenauer bis heute der einzige Bundeskanzler geblieben ist, dem eine absolute Mehrheit vergönnt war, zeugt von seinem außergewöhnlich hohen Ansehen. Diesen Triumph des Jahres 1957 hatte sich Adenauer zwei Jahre zuvor mit seinem schlitzohrigen Verhandlungsgeschick in Moskau verdient. Damals erreichte er im Gegenzug zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen. In einerkritischen Verhandlungsphase hielt er dem sowjetischen Außenminister Molotow mit Blick auf den Hitler-Stalin-Pakt von 1939 den legendären Satz entgegen: „Wer hat eigentlich mit Hitler paktiert? Sie oder ich?“ Die Sowjetführung lenkte damals erst ein, nachdem sie hörte, Adenauer habe sein Flugzeug vorzeitig nach Moskau zurückbeordert und wolle die Verhandlungen abbrechen.

Als Bundeskanzler hat Adenauer die Bundesrepublik erfolgreich regiert, auch wenn Spötter meinten, er habe dies mit einem Wortschatz von nur 250 Vokabeln getan. Ebenso wie seine Deutschlehrer, die seinen Abituraufsatz anno 1894 nur mit „genügend“ bewerteten, bemängelten intellektuelle Kritiker auch mit Blick auf seine vierbändigen Memoiren Adenauers schlichte und oft nüchterne und spröde Sprache. Er selbst, der am 19. April 1967 im Alter von 91 Jahren starb, sagte einmal dazu: „Ich schreibe doch keine literarischen Stilübungen. Sollen die Intellektuellen doch Bauchschmerzen bekommen. Bauchschmerzen kommen und vergehen. Mir kommt es darauf an, dass mich der einfache Mann versteht.“

Noch eine lokale Fußnote. In Mülheim war Konrad Adenauer auch einmal. Als Vorsitzender der CDU in der Britischen Zone hielt er im September 1946 im Rahmen des ersten Kommunalwahlkampfes nach dem Kriege im Speldorfer Tengelmann-Saal eine Wahlkampfrede. 1987 benannte man die 1971 eröffnete Nordbrücke nach dem ersten Bundeskanzler.

Diesen Beitrag habe ich zum 130. Geburtstag von Konrad Adenauer am 5. Januar 2006 für die katholische Zeitung Die Tagespost geschrieben

Samstag, 15. Dezember 2012

Was wir heute noch vom jüdischen Rabbiner Otto Kaiser (1880-1925) lernen können: Ein Gespräch mit dem evangelischen Theologen und Buchautor Gerhard Bennertz

Am 9. November jährte sich die Reichspogromnacht, in der auch die Mülheimer Synagoge niedergebrannt wurde, zum 74. Mal. Auch auf dem Viktoriaplatz, der heute Synagogenplatz heißt, gedachte man dieser dunklen Stunde der Stadtgeschichte. Einen ganz anderen und sehr versöhnlich stimmenden Blick auf jüdisches Leben in Mülheim wirft jetzt der evangelische Theologe Gerhard Bennertz, der sich seit dreieinhalb Jahrzehnten mit der jüdischen Geschichte unserer Stadt beschäftigt, in seiner jüngsten Veröffentlichung über den Rabbiner Otto Kaiser (siehe Kasten), die als Zeitschrift des Geschichtsvereins erschienen ist.


Für die NRZ sprach ich mit Gerhard Bennertz darüber, was uns Otto Kaiser heute noch zu sagen hat.

Wie kamen Sie auf die Idee, etwas über Otto Kaiser zu schreiben?

Es ist mir wichtig, das Leben der Jüdischen Gemeinde auch einmal ohne den Holocaust und sozusagen in ganz normalen Friedenszeiten zu beleuchten, um zu zeigen, dass der Holocaust nur ein Teil des Jüdischen Lebens in Mülheim war. Denn ich habe schon in meiner Zeit als Lehrer am Berufskolleg Stadtmitte festgestellt, dass die Schüler immer wieder mit dem Thema Nationalsozialismus gefüttert werden und sich bei ihnen der Eindruck festsetzt, jüdisches Leben habe nur während des Nationalsozialismus stattgefunden.

Warum lohnt die Lektüre seiner Reden und seiner Biografie?

Bei der Transkription seiner handschriftlich verfassten Reden ist mir deutlich geworden, dass sie uns in einmaliger Weise, wie durch ein Fenster in den Alltag der Jüdischen Gemeinde blicken lassen. Er spricht in einer sehr guten und anschaulichen Diktion über Mülheim, über Leid, Glück und Jüdisches Denken, über Preußen und die deutschen Kaiser oder über den Frieden. Er hat sich für die Errichtung eines Kaiser-Friedrich-Denkmals eingesetzt. Er spricht aber auch über einen jüdischen Schüler, der ertrunken war und an dessen Tod die ganze Stadt Anteil nahm oder über den Antisemitismus, den auch er spürte, obwohl er davon ausging, dass sich das Thema schon bald erledigt haben werde, sobald Nichtjuden jüdische Mitbürger und ihr Leben kennenlernen würden.

Wie sind Sie auf Otto Kaiser gestoßen?

Seit Mitte der 70er Jahre habe ich bei meinen Nachforschungen über jüdisches Leben in unserer Stadt immer wieder ehemalige jüdische Mitbürger getroffen, die mich auf Otto Kaiser aufmerksam gemacht haben, weil sie bei ihm in die Schule gegangen und von seinem lebendigen Unterricht begeistert waren. Dazu gehören Siegfried Brender, Paul Kissmann, aber auch Werner Marx, der als Philosophieprofessor in Freiburg die Nachfolge von Martin Heideggers angetreten hatte. Später habe ich dann auch Otto Kaisers Tochter Hannah Mandelbaum in Jerusalem besucht, die mir von ihrem Vater erzählte und aus einem Schuhkarton seine Redemanuskripte hervorholte.

Was können wir heute aus dem Leben und den Reden Otto Kaisers lernen?

Seine Reden zeigen, wie gut die damals rund 700 Mitglieder zählende jüdischen Gemeindemitglieder in Mülheim integriert waren. Man kannte und akzeptierte sich. Man ging ganz selbstverständlich miteinander um. Viele jüdische Bürger waren etwa als Geschäftsleute, Einzelhändler, Bankiers oder Ärzte hoch geschätzt. Jüdische Kinder luden damals ihre christlichen Freunde in die Synagoge ein und umgekehrt luden christliche Kinder jüdische Freunde in den Gottesdienst ein. Auch die Erwachsenen besuchten sich oder luden sich ein. Der liberale Reform-Rabbiner Kaiser hat schon zu seiner Zeit mit den Geistlichen der katholischen und evangelischen Innenstadtgemeinden einen intensiven interreligiösen Dialog über die Bibel geführt. Sein Beispiel kann uns auch heute Mut machen, diesen interreligiösen und interkulturellen Dialog zu führen.

Dennoch gibt es auch heute bei uns Rechtsextremismus und Antisemitismus, wie jüngst eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte,

Es gibt sicher viele Gründe, die man verstehen, aber nicht billigen kann, aus denen Menschen rechtsextrem werden. Was Jahrhunderte lang auch durch die christlichen Kirchen über Juden verbreitet worden ist und sich bei den Menschen festgesetzt hat, ist nicht so einfach aus den Köpfen herauszubekommen. Denn das Umdenken ist immer schwieriger als das Festhalten an traditionellen Vorurteilen. Wenn man auch in diesem Buch nachlesen kann, wie jüdisches Leben wirklich aussieht und funktioniert, kann man sicher Vorurteile über Bord werfen und zu einem neuen Denken über das Judentum kommen.

Die Zeitschrift des Geschichtsvereins über Otto Kaiser ist für 5 Euro im Stadtarchiv, im Tersteegenhaus oder im Buchhandel erhältlich.

Wer war Otto Kaiser?

  Otto Kaiser (1880-1925) war Lehrer und Rabbiner. Er wuchs mit 7 Geschwistern in einer jüdischen Kaufmannsfamilie auf, die ihre Wurzeln in Mülheim hatte, aber auch in anderen Städten des Ruhrgebietes lebte und arbeitete. Nach einer ersten Anstellung als Lehrer und Kantor in Werl, unterrichtete er ab 1904 an der Dickswallschule, die er einst selbst als Schüler besucht hatte. Gleichzeitig leitete er als Rabbiner die Jüdische Gemeinde, die unter seiner Führung einen enormen Aufschwung erlebte und 1907 eine Synagoge am Viktoriaplatz errichten konnte. Während Otto Kaiser, der nach langer Krankheit im Gründungsjahr der Mülheimer NSDAP (1925) starb, den Holocaust nicht mehr erlebte, wurde seine Frau Eleonore Mond (1882-1944), wie rund 270 andere Mülheimer Juden von den Nazis ermordet. Die vier Kinder von Otto und Eleonore Kaiser überlebten den Holocaust.  

Dieser Text erschien am 11. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Freitag, 14. Dezember 2012

Warum es in unserer Stadt immer mehr privatärztliche Praxen gibt

Wie die Ärztekammer Nordrhein jetzt mitteilte, hat sich die Zahl der privaten Arztpraxen in Mülheim in den letzten fünf Jahren verfünffacht - auf heute 35. Der Vorsitzende der örtlichen Ärztekammer, Uwe Brock, bestätigt den Trend: „Es gibt bei der Ärzteversorgung ein starkes Nord-Süd-Gefälle.“ Im wohlhabenden Süden ziehen viele Privatpatienten Niedergelassene an, in einigen Nordstadtteilen ist die Versorgung nur noch knapp gewährleistet.

Brock spürt bei vielen Kollegen Unzufriedenheit und weist darauf hin, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung derzeit ihre 150.000 Mitglieder befragt, ob sie das Versorgungs- und Honorierungssystem der gesetzlichen Krankenkassen weiter mittragen wollen. Mit Blick in die Zukunft warnt Brock vor fehlendem Ärztenachwuchs und einer Überalterung der niedergelassenen Ärzte.

Die Antwort auf die Frage , warum immer mehr Ärzte auch oder nur noch privat praktizieren wollen führt zu Ärzten wie Dr. Ralf Lange. Der Kardiologe, der auch als Kassenarzt in Gladbeck arbeitet und in Essen wohnt, betreibt seit drei Jahren an der Bahnstraße eine privatärztliche Praxis, die ihn inzwischen vier bis fünf Tage pro Woche beschäftigt.

Seine privatärztliche Tätigkeit in Mülheim versteht er unter anderem als Quersubventionierung seiner kassenärztlichen Praxis. Nach 20 Jahren als Kassenarzt, entschloss sich Lange aber nicht nur aus betriebswirtschaftlichen Gründen dazu, seinen beruflichen Schwerpunkt auf seine Privatpraxis zu verlegen.

Das Honorarsystem der gesetzlichen Krankenkassen, sagt er, gestehe ihm als Kardiologen nur 50 Euro pro Patient und Quartal zu. Überdies ist die Zahl der Patienten, die in einer kardiologischen Praxis pro Quartal behandelt werden dürfen, auf 700 begrenzt. Langes Fazit: „In der kassenärztlichen Versorgung gilt das Prinzip Masse und Akkord, weil Ärzte für immer weniger Geld immer mehr leisten müssen und entweder vom Burnout oder von der Insolvenz bedroht sind.“ Als privat praktizierender Facharzt, der jede Leistung einzeln abrechnen darf, kann Lange „meinen eigenen Qualitätsstandard als Arzt halten.“ Im Klartext - und im Gegensatz zu Kassenpraxen - heißt das: In seiner privaten Praxis kann er sich viel mehr Zeit für den einzelnen Patienten nehmen, um sich im Gespräch der Lebens- und Krankengeschichte zu widmen.

Viel deutlicher lässt sich Zwei-Klassen-Medizin nicht beschreiben. Lange räumt ein, dass es im deutschen Gesundheitssystem ein Gerechtigkeitsproblem gibt. Das erkennt er zum Beispiel daran, dass gesetzlich Versicherte oft ein halbes Jahr auf eine Facharztuntersuchung warten müssen, „während der Privatpatient schon übermorgen einen Termin bekommt.“ Doch das Gerechtigkeitsproblem kann nach Langes Ansicht nur politisch gelöst werden.

Weil Kardiologe Ralf Lange davon überzeugt ist, dass das Gerechtigkeitsproblem im deutschen Gesundheitssystem nicht lokal oder gar individuell, sondern nur von der Bundespolitik gelöst werden kann, hat er nach 20 Jahren als niedergelassener Kassenarzt auch kein schlechtes Gewissen, jetzt vor allem privat zu praktizieren. Politisch würde er sich eine Bürgerversicherung, wie in der Schweiz wünschen, in die alle Versicherten einzahlen müssen.

Dass das Gesundheitssystem inzwischen „knallhart wie ein Markt funktioniert“ und von Rationalisierung geprägt wird, hält Lange für ethisch bedenklich, sieht darin aber auch die Folgen einer Gesundheitspolitik, die sich zu wenig gegen Lobbyinteressen durchsetzen kann und den Menschen auch keinen reinen Wein einschenkt, wenn es um die finanziellen Konsequenzen des medizinischen Fortschritts und des demografischen Wandels geht. Stattdessen würden die Bürger in den Glauben gelassen: „In der Gesundheit gibt es alles umsonst.“ Andererseits erlebt er in seiner Praxis, „in der wir für jeden eine Lösung finden“ auch Privatpatienten, die aufgrund ihres Versicherungstarifes einen hohen Eigenanteil von bis zu 2000 Euro pro Jahr zahlen müssen „und sich deshalb zwei- oder dreimal überlegen, ob sie zum Arzt gehen.“

Auch Langes Kollege, der Urologe Michael Berse, der als Kassenarzt in Duisburg und seit Anfang Oktober als Privatarzt in der Gemeinschaftspraxis Prinzenhöhe praktiziert, bestätigt Brocks und Langes Einschätzung im Kern und sieht das Modell, die Betriebskosten einer kassenärztlichen Praxis durch eine Privatpraxis querzufinanzieren, als „aus der Not geborene Lösung“ an. Dabei sieht der an der Prinzenhöhe praktizierende Urologe die Stadtteile Saarn, Speldorf und Broich „als nicht unattraktiv“ an, weil es hier wenige Urologen, aber viele Privatpatienten gibt. Berse sagt, dass die Pauschale, die er und seine Facharztkollegen von der gesetzlichen Krankenversicherung pro Patient und Quartal bekommen, seit 2009 von 27 auf jetzt 14,42 Euro gesunken sei. Angesichts des demografischen Wandels und der Kosten des medizinischen Fortschritts befürchtet er, dass das auf dem Generationenvertrag beruhende System der gesetzlichen Krankenversicherung langfristig „vor die Pumpe läuft“ und deshalb auf ein kapitalgedecktes System umgestellt werden muss, in dem jeder für sich selber vorsorgt und zahlt.

Mülheims FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrike Flach, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, ist sich mit Nina Schultes vom Verband der Privaten Krankenversicherungen und Sybille Schneider von der privaten DKV einig, dass die Koexistenz der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherungen das international renommierte deutsche Gesundheitssystem eher stabilisiert und einen Wettbewerb herstellt, der Leistungseinschränkungen und einer Zweiklassenmedizin entgegenwirkt. Flach verweist auf zusätzliche sieben Milliarden Euro, die seit 2008 in die Ärztehonorierung geflossen seien.

Dieser Text erschien am 5. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Warum Kettwig den Kirchenkreis wechseln will und was das für die evangelische Kirche in Mülheim bedeutet

Wenn die Gemeinde Kettwig, wie jetzt bei der Synode beantragt, aus dem Kirchenkreis Mülheim nach Essen wechselt, verliert der Kirchenkreis An der Ruhr 6600 seiner 57.800 Mitglieder. Mit den Kettwiger Gemeindegliedern verliert der Kirchenkreis auch deren Kirchensteuern.


Den Netto-Verlust prognostiziert man beim Kirchenkreis auf rund 150.000 Euro pro Jahr. Dennoch zeigt Superintendent Helmut Hitzbleck Verständnis für den Kettwiger Wunsch, nach Essen zu wechseln und damit die kommunale Neuordnung der 70er Jahre nachzuvollziehen. „Die Stränge nach Essen sind in Kettwig einfach stärker“, räumt Hitzbleck ein.

Wenn die Frühjahrssynode 2013 den Wechsel beschließt, rechnet Hitzbleck mit dessen Vollzug für das Frühjahr 2014. Jetzt verhandeln die Kirchenkreise Mülheim und Essen über auf fünf Jahre gestaffelte Ausgleichszahlungen, die den finanziellen Verlust für die Mülheimer Seite erträglich machen sollen.

Natürlich wird der Kirchenkreis An der Ruhr mit dem Wechsel auch von den Personalkosten für die drei Kettwiger Pfarrstellen entlastet, die, einschließlich Sozialleistungen, mit jährlich je 90?000 Euro zu Buche schlagen.

Fakt bleibt: Aus acht werden ab 2014 sieben Gemeinden, die die gleichen Kosten für die Einrichtungen und das Personal des Kirchenkreises schultern müssen.

Derzeit zahlen die Kirchengemeinden 31,5 Prozent ihrer Kirchensteuereinnahmen als Umlage an den Kirchenkreis, um zum Beispiel übergemeindliche Einrichtungen, wie die Evangelische Familienbildungsstätte, das Diakonische Werk, diverse Beratungsstellen und die Ladenkirche zu finanzieren.

Wenn es nach dem Willen Hitzblecks geht, soll die bis Ende 2016 festgelegte Umlagequote bis dahin auch nicht erhöht werden. Danach aber muss neu über Aufgaben, Strukturen und Finanzen verhandelt werden.

Zurzeit profitiert der Kirchenkreis noch von einem stabilen Kirchensteueraufkommen, das entgegen der langfristigen Prognose nicht um jährlich ein Prozent sinkt. 2012 stehen dem Kirchenkreis und seinen Gemeinden Kirchensteuernettoeinnahmen von 6,5 Millionen Euro zur Verfügung. 2011 waren es nur 6,1 Millionen Euro.

Das Bruttovolumen der Kirchensteuereinnahmen lag zuletzt bei 17,6 Millionen Euro. Davon entfielen 1,4 Millionen Euro auf die Kirchengemeinde Kettwig.

Von den 17,6 Millionen Euro Kirchensteuern wurden 2,5 Millionen Euro in Pfarrstellen und 1,3 Millionen Euro in das Schließen sozialer Versorgungslücken investiert. Mit 1,2 Millionen Euro wurden Einrichtungen der Landeskirche und mit einer Million Euro die Einrichtungen der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) finanziert. 4,6 Millionen Euro flossen in den landeskirchlichen Finanzausgleich und 150?000 Euro in die kirchliche Entwicklungshilfe.

Von den Nettoeinnahmen des Kirchenkreises verblieben 4,3 Millionen Euro bei den Gemeinden, während 2,3 Millionen Euro an den Kirchenkreis und das Diakonische Werk flossen.

Trotz des absehbaren Schrumpfungsprozesses fürchtet Superintendent Helmut Hitzbleck nicht um die Existenz des 1870 gegründeten Kirchenkreises An der Ruhr, sondern will in Zukunft noch verstärkt auf eine Kooperation mit den Nachbarkirchenkreisen setzen.

Hintergrund:
329 evangelische Taufen und 59 Kircheneintritte standen 2011 607 Bestattungen und 292 Kirchenaustritte gegenüber. Vor 40 Jahren hatte Mülheim noch 190.000 Einwohner, von denen 106.000 Mitglied einer evangelischen Kirchengemeinde waren. Im Kirchenkreis An der Ruhr kamen noch 11.000 Gemeindemitglieder aus Kettwig hinzu.


Dieser Text erschien am 15. November 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG


Dienstag, 11. Dezember 2012

Helene und Walter Schmidt aus der Heißener Mausegattsiedlung zeigen seit 60 Jahren, dass Liebe nicht nur ein Wort ist

Folgt man dem Statistischen Bundesamt, wird in Deutschland heute fast jede zweite Ehe im Laufe des Lebens geschieden. Da sind Menschen wie Helene und Walter Schmidt etwas besonderes. Ihre Ehe hält schon 60 Jahre. So lange lesen sie auch schon gemeinsam die NRZ und zwar im Rotationsverfahren. Sie beginnt mit dem Lokal- und Kulturteil, er mit dem Politik- und Sportteil und dann wird gewechselt. Die gemeinsame Zeitungslektüre beginnt bei ihnen noch vor dem Frühstück.


Die Zeitung, die sie gerne und gemeinsam lesen, wuchs ihnen besonders in den 70er Jahren ans Herz, als das Blatt regelmäßig über den Kampf um den Erhalt der Heißener Bergmannssiedlung Mausegatt berichtete, in der sie seit 1954 leben. Zufall der Geschichte. Ausgerechnet an der Ecke Eppinghofer Straße/Leineweberstraße, wo die NRZ-Redaktion ihren Sitz hat, haben sie sich im Sommer 1951 zum ersten Mal gesehen. Sie war 22 und arbeitete damals als Haushaltshilfe bei einem Bauunternehmer. Er war 19 und arbeitete für einen Stundenlohn von zwei Mark als Bergmann auf der Zeche Wiesche. Die könnte zu dir passen, erinnert sich Walter Schmidt an seine Gedanken beim ersten Anblick von Helene. Besonders gut gefielen ihm ihre großen Augen und ihr brünettes Haar. Die brünetten Frauen waren meistens die natürlichsten, die schwarzhaarigen und blonden waren oft gefärbt, sagt er mit einem Augenzwinkern. Und was fiel ihr an ihm auf? Ja, was soll ich da sagen? fragt Helene Schmidt zurück. Vielleicht dein nettes Gesicht, sagt sie und streichelt ihrem Walter beiläufig über die Wange.

Das nette Gesicht des jungen Mannes aus Heidelberg, der lieber Bergmann im Ruhrgebiet als Koch im elterlichen Hotel werden wollte, wo die Leute immer etwas auszusetzen hatten, sah Helene wenige Tage später wieder. Denn Walter ließ sich von einem Kollegen, mit dem er damals in der ehemaligen Kaserne an der Kaiserstraße einquartiert war, zum Tanztee ins Kasino mitnehmen. Ich hatte damals eigentlich keine Lust mitzugehen. Denn ich konnte gar nicht tanzen, sagt Herr Schmidt. Und das hast du auch nie richtig gelernt, obwohl ich dir immer gesagt habe: Geh doch mal in eine Tanzschule, sagt Frau Schmidt.

Dennoch entschied sich Helene bei der Damenwahl für Walter. Mir fuhr damals der Schreck in die Glieder. Doch es passierte, was passieren musste, erinnert sich Schmidt. Den Hinweis auf sein fehlendes Tanztalent ließ Helene nicht gelten. Sie können mich nicht im Stich lassen. Sie müssen jetzt mit mir kommen. Sie können mich nicht im Stich lassen. Walter ließ Helene nicht im Stich. Er folgte ihr auf die Tanzfläche und achtete peinlich genau darauf, ihr bloß nicht auf die Füße zu treten.

Diese achtsame und respektvolle Rücksicht aufeinander sollte zum Erfolgsrezept einer 60-jährigen Ehe werden. Man muss immer wissen, was man besser tut und was man besser sein lässt, beschreibt Walter eine Voraussetzung für eine Ehe, die nicht nur das verflixte siebte Jahr überstehen soll. Schnell merkte Walter zum Beispiel, dass es seine Helene gar nicht mag, wenn ich mit anderen Frauen rumschäkere.Da geht meine Frau hoch wie ein Vulkan, sagt Schmidt und lacht. Dem ersten Tanztee im Kasino folgte ein langer Nachmittag in einem Café an der Kaiserstraße, an dem wir uns alles gesagt haben: wer wir sind und was wir wollen, erinnert er sich. Wir saßen die ganze Zeit bei Sprudelwasser, weil wir ja nicht viel Geld hatten, erinnert sich Helene Schmidt an jenen gesprächigen Nachmittag. An dem wurde schnell klar, dass beide nicht nur ein Ehe- sondern auch ein Elternpaar werden wollten. Kinder sind einfach das Größte. Kinder sind das A und O, sagt Helene Schmidt, die inzwischen nicht nur dreifache Mutter, sondern auch neunfache Großmutter und zweifache Urgroßmutter ist. Und ihr Mann Walter stimmt ihr spontan zu. Es ist Glück hoch drei, nicht allein zu sein und ohne Kinder hätten wir vielleicht gar nicht geheiratet, sagt er.

Kein Wunder also, dass schon zwei Wochen nach ihrer Hochzeit am 11.11. 1952 ihr erster Sohn Franz zur Welt kam und mit Robert (1955) und Barbara (1960) zwei Geschwister bekam. Wenn sie an die Kinder denkt, fällt Helene Schmidt auch ein, dass mir an meinem Mann immer besonders gefallen hat, dass er sich auch um die Kinder gekümmert und mir beim Saubermachen geholfen hat. Das Kochen überlässt der gelernte Koch allerdings seiner Frau, weil sie toll kocht und Liebe durch den Magen geht und weil ich beim Kochen immer zu viele Töpfe gebrauchen würde. Wenn man heute mit den Schmidts auf ihre 60 Ehejahre zurückblickt und sich mit ihnen fragt, warum ihre Partnerschaft auch noch nach sechs Jahrzehnten glücklich ist, während andere in dieser Zeit vielleicht mehrfach geschieden und wiederverheiratet sind, dann fallen immer wieder die gemeinsamen Erlebnisse ins Auge, von denen sie gerne berichten, die gemeinsame Erziehung der Kinder, die gemeinsamen Gespräche beim Frühstück und am Mittagstisch, gemeinsame Freunde und Nachbarn, gemeinsame Wanderungen durch die Schweizer Berge, in denen Walters Wiege stand, gemeinsame Segeltörns auf dem Baldeneysee, auf dem Ijsselmeer in Holland oder auf der Ostsee oder gemeinsame Motorradtouren zum Nürburgring. Wenn man gemeinsam unterwegs ist, muss man immer darauf achten, dass man nicht zu weit geht, auf bestimmte Warnsignale achtet und nicht vom Weg abkommt, erinnert sich Walter Schmidt zum Beispiel an die Leuchtfeuer, die die sichere Route der Segler markieren. Diese Vorsicht und Rücksicht haben die Schmidt offensichtlich auch auf ihrer Lebensreise walten lassen.

Man muss den anderen immer achten und respektieren, wie er ist und darf sich nicht sagen: Aus dem mache ich noch was, sind sie sich einig.

Auch am Anfang einer guten Ehe scheint das Wort zu sein: Wir reden über alles, über Gott und die Welt und gehen, wenn es nötig ist auch einem zünftigen Krach nicht aus dem Weg, sagt Walter Schmidt. Und wie funktioniert das mit der Versöhnung nach einem Streit? Man darf sich selbst nicht zu wichtig nehmen und muss auch schon mal nachgeben oder eine Neun gerade sein lassen können, beschreiben die Schmidts ihre eheliche Friedenspolitik.

Die funktioniert offensichtlich gut. Wer dem alten Ehepaar gegenübersitzt, spürt Vertrauen und Zuneigung. Und was ist mit Liebe und Leidenschaft? Die beiden lächeln milde. Ihre Liebe, die reifer geworden ist und sich heute nicht mehr, wie in jungen Jahren an der gegenseitigen körperlichen Anziehungskraft entzündet, beschreiben Helene und Walter Schmidt als das gute Gefühl, dass da jemand ist, ohne den es eine Lücke in unserem Leben gäbe. Natürlich hat das Paar seine Wünsche mit der Zeit auch seinen Möglichkeiten angepasst. Segeln und Wandern. Das war gestern. Spaziergänge oder das gemeinsame Naturerlebnis im Garten und Besuche, auch von jüngeren Nachbarn machen dem alten Paar heute Freude. Und ab und zu steigt Walter Schmidt dann noch mal auf sein Motorrad, auch wenn er damit nicht mehr bis zum Nürburgring fährt.

Jungen Paaren rät er, sich Zeit für einander und für die Familie zu nehmen und nicht nur dem Geld hinterherzujagen. Geld zu haben, ist notwendig, aber Reichtum kann manchmal auch ein Hindernis sein, weil er dazu führt, dass man schneller mal den Bogen überspannt. Schmidt weiß aber auch, dass der enorme Leistungsdruck und die Sorge um den Arbeitsplatz viele Beziehungen und Familien belastet.

Dieser Text erschien am 8. Dezember 2012 in der NRZ

Samstag, 8. Dezember 2012

Eindrücke aus der Schreibwerkstatt im Medienhaus oder: Von der Freude, herausragende Sprachtalente zu entdecken

Samstagnachmittag. Freizeit. Das bedeutet für die meisten Schüler, je nach Temperament: Spiel, Sport und Spaß oder vielleicht auch nur mit Freunden abhängen. Ganz anders die zweimal zehn Schüler, die sich zwischen Herbst- und Weihnachtsferien mit dem Autor Achim Krichel und der Schauspielerin und Theaterpädagogin Barbara Schmidt im Medienhaus treffen. Sie schreiben und spielen. Nicht irgendwas, sondern ihre eigenen Texte.


Und auch nicht irgendwelche Texte bringen sie zu Papier, sondern szenische Dialoge, die vielleicht im nächsten Jahr als Theaterstücke in Schulen und bei Festivals auf die Bühne gebracht werden sollen. Die Szenerie im eher nüchternen Seminarraum der Stadtbibliothek erinnert auf den ersten Blick an eine Nachhilfestunde im Diktatschreiben, wenn da nicht immer ein Lachen zu hören und die fröhliche Schaffenskraft der jungen Autoren mit Händen zu greifen wäre.

„Ihr habt heute wirklich einen guten Lauf“, lobt Theater- und Prosaautor Krichel seine zwischen zehn und 14 Jahren jungen Schreiblehrlinge. Immer wieder schaut er neugierig in ihre Manuskripte und diskutiert mit den Kindern die eine oder andere Szene. Manche der jungen Autoren arbeiten als literarischer Einzelkämpfer, andere ziehen die gemeinsame Autorenschaft im Zweier- oder Dreierkollektiv vor.

Erstaunlich. Fast alle zieht es zur Fantasy. Ihre zauberhaften oder unheimlichen Protagonisten sind meistens nicht von dieser Welt und haben überirdische Kräfte, mit denen sie unglaubliche Abenteuer bestehen. Da wimmelt es nur so von Magiern und Kobolden oder machtgierigen Bösewichtern, Zauberrosen und Traumfängern. „Das ist ein genereller Trend der letzten Jahre und hat mit einer gewissen Weltflucht zu tun. Die Kinder, die in die Schreibwerkstatt kommen, lesen auch in ihrer Freizeit viel und meistens Fanatsy- oder Abenteuerromane, mit denen sie sich in eine andere Welt begeben und so ihre Alltagssorgen vergessen“, weiß Krichel zu berichten.

„In der Fantasy hat man einfach mehr Möglichkeiten und muss sich nicht unbedingt an die Naturgesetze halten. Da macht das Schreiben einfach mehr Spaß“, erklärt die 14-jährige Gustav-Heinemann-Schülerin Alexandra. Und der zehnjährige Tim, der das Otto-Pankok-Gymnasium besucht, findet es einfach toll, „wenn man sich beim Schreiben in eine Geschichte hineinversetzen kann und die Rechtschreibfehler nicht wie in der Schule kontrolliert, sondern nachher beim Schreiben am Computer einfach verbessert werden.“ Und sein Klassenkamerad Jakob (11) hat sich vor allem deshalb für die Schreibwerkstatt angemeldet, „weil ich mal erfahren wollte, wie man ein Drehbuch schreibt.“ Ihn reizt es, anders als in der Schule: „einfach ganz frei und ohne Vorgaben die Bilder zu beschreiben, die man im Kopf hat.“

Wenn Bewegung in die Schreibwerkstatt kommt und der Fotokopierer angeworfen wird, bedeutet das, dass wieder einige bühnenreife Szenen vollendet worden sind. Dann werden aus den Nachwuchsautoren Nachwuchsschauspieler, die in der Regel von Barbara Schmidt animiert und inspiriert werden. Doch an diesem Samstagnachmittag, an dem sie verhindert ist, gibt Krichel den literarischen und dramaturgischen Vorarbeiter. „Gar nicht so leicht“, sagt er und lächelt. Schließlich haben seine jungen Autoren und Schauspieler Energie und Phantasie ohne Ende. Aber eben das reizt ihn und seine Kollegin auch. Sonst hätten sie nicht schon zum sechsten Mal Kulturverwaltung und Schulen davon überzeugt, dass die Schreibwerkstatt für junge Schüler gefragt und gebraucht wird. Der Andrang der Jugendlichen spricht für sich. „Es macht mir einfach Freude, hier immer wieder herausragende Schreibtalente zu entdecken und zu sehen, dass sich die Kinder gerne und freiwillig fordern und dabei oft Texte mit erstaunlicher Reife und Tiefe produzieren“, beschreibt der 49-jährige Schriftsteller seine Motivation zur literarischen Nachwuchsförderung. Krichel ist davon überzeugt: „Das entscheidende Stichwort unsrer Schreibwerkstatt lautet Freiheit. Und die führt dazu, dass Kinder ihre Schreibbegabung erkennen und ihre Kreativität, Phantasie und ihr oft erstaunlich Sprachgefühl ausleben und deshalb auch Erfolgserlebnisse haben.“

Weitere Informationen zur Schreibwerkstatt im Medienhaus findet man auf der Internetseite: www.muelheim-ruhr.de  

Dieser Text erschien am 4. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Freitag, 7. Dezember 2012

Gut geschmeckt, gut gehört und gut getan: Das dritte Barbaramahl in der Stadthalle unterstützte die Mülheimer Hospize

Dass Sankt Barbara die Schutzheilige der Bergleute ist, weiß im Ruhrgebiet jedes Kind, auch wenn es nicht katholisch ist oder sein Großvater Bergmann war. Dass sie auch die Schutzpatronin der Sterbenden ist, dürfte nicht unbedingt Allgemeingut sein. Es passt aber gut zum guten Zweck, für den sich 250 Gäste aus dem gesamten Ruhrgebiet und aus allen gesellschaftlichen Bereichen am Freitagabend zum dritten Barbaramahl in der Stadthalle versammelten.


Denn der Erlös des Abends, zu dem der Katholikenrat eingeladen hatte, kommt dem ambulanten und dem stationären Hospiz zugute. Deren Leiterinnen Ursula König und Judith Kohlstruck bedankten sich denn auch „für die Solidarität, die wir brauchen.“ Die 35 ehrenamtlichen Helfer des ambulanten Hospizes begleiten bereits seit 1996 sterbende und schwerstkranke Menschen und deren Angehörige. Im stationären Hospiz an der Friedrichstraße, das gerade erst eröffnet wurde, werden derzeit sechs Gäste gepflegt und betreut. Seine Bettenzahl soll, laut Kohlstruck, in Kürze von sieben auf zehn erhöht werden. Der Reinerlös des Barbaramahls wird den Hospizen im Rahmen des katholischen Neujahrsempfanges am 20. Januar im Pfarrsaal von St. Barbara übergeben.

Der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann, erinnerte daran, dass das Barbaramahl als katholischer Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr 2010 ins Leben gerufen worden sei, um als dauerhafte Einrichtung soziale, kulturelle und geistige Impulse zu geben.

Und so gab es an diesem Abend nicht nur gutes Essen und Spenden für den guten Zweck, sondern auch gute Akkordeonmusik von Bach bis Piazzolla, brillant intoniert von den Musikschülern Peter Kraemer, Elif-Sofie Demir, Luis Ammann und Carla Paven und eine von Tim Timmer und Angela Glose gesungene Szene aus dem Nikolaus-Groß-Musical der Gemeinde St. Barbara, in dem die heilige Barbara dem Bergmann Nikolaus Groß im Traum erscheint.

In ihren Wortbeiträgen zum Barbaramahl schlugen der Pfarrer von St. Barbara, Manfred von Schwartzenberg, und Weihbischof Franz Grave eine historische Brücke zwischen der frühen christlichen Märtyrerin und dem 1945 von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer. Sie machten angesichts der weltweit zunehmenden Christenverfolgung deutlich, dass die Freiheit im Allgemeinen und die Religionsfreiheit im Besonderen „kein Thema von gestern und alles andere als selbstverständlich ist.“ Die Kirche, so Grave, „ist nichts für den frommen Winkel. Auch heute müssen Christen Farbe bekennen und die Gesellschaft mitgestalten.“ Dabei glaubt er, „dass vom Barbaramahl ein ökumenischer Impuls für unsere Gesellschaft ausgehen kann, was bestimmten Berufsständen gut tun würde.“

Dieser Text erschien am 3. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG