Mittwoch, 25. Dezember 2013

Eine frohe Botschaft von der Basis: Was dürfen wir heute noch glauben und hoffen? Warum der Seelsorger Michael Clemens die Zukunft seiner Kirche überhaupt nicht pessimistisch sieht und seinen Mitchristen an der Ruhr deshalb Mut machen will

Die Kirche ändert sich und das nicht unbedingt zum Schlechteren. Das meint zumindest Pastor Michael Clemens. Der 64-Jährige Theologe, der 1981 zum Priester geweiht wurde, leitet als Seelsorger mit St. Engelbert in Mülheim-Eppinghofen seit 20 Jahren eine im besten Sinne multikulturelle Gemeinde, in der 5600 Menschen aus fast 100 Nationen zu Hause sind. Er blickt trotz Säkularisierung und Kirchenaustritten keineswegs pessimistisch in die Zukunft der Kirche an der Ruhr. Denn er glaubt an die erneuernde Kraft der Gemeindebasis und sagt deshalb selbstbewusst: Wir haben keinen Grund uns als Christen bange zu machen und ängstlich zu sein

??? Viele Menschen empfinden die Advents- und Weihnachtszeit als stressig, obwohl sie doch besinnlich sein sollte. Können Sie das nachvollziehen?

!!! Ja, natürlich. Wir haben jede Woche spezielle Adventsgottesdienste und treffen uns donnerstags zur Komplet. Auch die Sonntagsgottesdienste müssen auf den Advent abgestimmt werden. Und jede Gruppe in der Gemeinde hat ihre eigene Adventsfeier und erwartet die Präsens und eine anspruchsvolle Meditation des Pastors. Und die Weihnachtsgottesdienste mit Chor und allem drum und dran bringen natürlich auch viel Arbeit mit sich.

??? Wie lassen Sie dennoch in Ihren Adventsalltag so etwas wie Ruhe und Besinnung einkehren?

!!! Ich versuche abends eine Zeit zu finden, in der ich die Kerzen meines Adventskranzes anzünde und mir eine schöne Musik auflege. Das sind Rückzugsräume, die man einfach braucht.

??? In der Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel schaut man zurück und nach vorne. Wie sehen Sie die Zukunft der Christen und ihrer Kirche an der Ruhr, in einer Zeit, in der ihr der Wind ins Gesicht blässt und viele Menschen ihr den Rücken zukehren?

!!! Das ist natürlich eine ganz leidvolle Erfahrung. Und wir können auch klar benenne, welchen Menschen, Kräften und Entwicklungen wir das zu verdanken haben. Gerade die Limburger Ereignisse haben fürchterlich ins Kontor geschlagen. Das können wir an allen Kollekten ablesen, auch wenn das tolle Auftreten unseres Papstes für viele Menschen das Ruder wieder herumgerissen hat. Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche zurzeit ein ganz brisantes Thema ist. Deshalb ist es entscheidend, dass Menschen vor Ort in den Gemeinden Menschen finden, die ihnen Kirche und Glauben glaubwürdig vermitteln. Denn wenn sie sich dort unbehaust fühlen, dann gehen sie und kommen vielleicht nicht wieder zurück.

??? Papst Franziskus fordert eine Kirche, die sich im Geiste des Evangeliums erneuert und aus sich herausgeht, um vor allem auf die Menschen zuzugehen, denen es nicht gut geht und die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Sind das Impulse, die vor Ort ankommen?

!!! Auf jeden Fall. Man merkt schon an der Presseberichterstattung, dass die Leute wieder stärker daran interessiert sind, was sich mit der Kirche vor Ort ereignet und wie die Entwicklung weitergeht. Für mich gibt es kein Bangemachen. Die Kirche ist heute auch noch gefragt, wenn auch in ganz anderer Weise als früher. Der Papst bringt da frischen Wind rein und zeigt uns die Wurzeln auf, zu denen wir uns zurück bewegen müssen. Da brauchen wir gar nicht weit zu gehen. Denn wir haben in Essen einen Bischof, der seit eineinhalb Jahren voll und ganz in seinem Bistum angekommen ist. Er hat sich im Dialogprozess als ein glaubwürdiger Mensch erwiesen, der auf die Menschen zugeht und ihnen zuhört und damit nicht mehr der Vertreter einer Kirche ist, die den Leuten nur sagt, was sie zu tun und zu lassen haben.

??? Gibt es heute in den Gemeinden überhaupt noch eine Glaubensbasis, von der eine Erneuerung der Kirche ausgehen könnte?

!!! Ich glaube, dass wir noch eine gute Basis haben, wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen hier Tag für Tag und Woche für Woche ehrenamtlich in der Gemeinde aktiv sind. Schauen Sie sich allein die Chöre an, die jede Woche proben und nicht nur an Weihnachten sehr anspruchsvoll das Lob Gottes singen. Das ist ehrenamtliche Schwerstarbeit. Auch die Verjüngung, die wir jetzt im Gemeinderat erlebt haben, stärkt in mir das Vertrauen darauf, dass nicht nur diese Gemeinde die Kraft hat, die Kirche von unten her zu erneuern.

??? Was muss Kirche leisten, um Zukunft zu haben?

!!! In erster Linie zuhören und hinschauen. Wir müssen bei den Menschen sein. Wir haben in der Vergangenheit viel zu sehr davon gelebt, dass wir uns selbst gefeiert und reproduziert haben. Das muss ein Ende finden. Natürlich bauen die erhebenden liturgischen Feiern Menschen auf. Entscheidend ist aber, ob wir an den Lebenswenden bei den Menschen sind. Hier zeigt sich, ob wir unsere sakramentalen Handlungen nur abspulen oder ob wir wirklich bei den Menschen sind, um ihre großen Ereignisse vorzubereiten und auf sie einzugehen.

??? Gerade an Lebenswenden muss sich Glauben bewähren. Oft wird Glauben aber auch gerade dann erschüttert. Warum können Sie persönlich glauben und Menschen in schwierigen Lebenssituationen den Glauben vermitteln?

!!! Ich glaube, weil ich es in meiner Familie gelernt habe, zu glauben und weil ich an meinen Großeltern und Eltern ablesen konnte, dass man ein Leben auf Gottvertrauen aufbauen kann. Das habe ich mitgenommen und das versuche ich weiterzugeben. Das ist das, was mich geprägt hat und was mich trägt. Und was ich in den letzten Jahren verstärkt gelernt habe, ist, dass Glauben eben nicht das Reproduzieren von Glaubenssätzen, Formeln und Dogmen ist. Glauben bedeutet vielmehr, dass man in seinem Innersten spürt: Wer war dieser Jesus Christus für unsere Zeit.

??? Wie kann man diesen Jesus von Nazareth denn ins Heute transportieren und vor allem für eine junge Generation erlebbar und begreifbar machen, die nicht mehr selbstverständlich mit christlichen Glaubensinhalten aufwächst?

!!! Das geht nur mit Menschen, die selbst glaubwürdig und von diesem Jeus Christus ergriffen sind. Das spüre ich immer wieder in Gottesdiensten, Gesprächen und bei persönlichen Kontakten. Wir werden da als Gemeinden eine ganze Menge tun und auf Menschen zugehen müssen. Aber das zwischenmenschliche Glaubenszeugnis ist und bleibt eben das Entscheidende.

??? Das Weihnachtsfest wird heute sehr stark kommerzialisiert. Wie kann man Menschen die Frohe Botschaft von Weihnachten näher bringen, die sich dem Glauben vielleicht entfremdet haben?

!!! Wir machen da ein sehr niederschwelliges Angebot. Wir haben eine zweigeteilte Familienchristmette. Die hat zunächst mal ein Krippenspiel mit vielen musikalischen Elementen zum Inhalt. Die ist in den letzten Jahren immer brechend voll. Die Menschen hören und sehen in einer halben Stunde die Weihnachtsgeschichte. Sie haben gebetet und fromme Lieder gesungen. Und wenn man sie dann mit einem Segen gehen lässt und ihnen das Gefühl gibt, dass das jetzt gut und für sie Weihnachten ist, dann kann das ein Anfang sein, dass wir Menschen, die der Kirche fern stehen, nah heranholen. Und die Menschen, die dann noch eine Eucharistiefeier haben wollen, bekommen diese natürlich auch.

??? Warum haben heute viele Menschen die Beziehung zu ihrem Glauben verloren und tun sich schwer aus dem Glauben heraus zu leben?

!!! Da müssen wir als Kirche und als Priester selbstkritisch und demütig sein. Ich glaube, dass hängt auch davon ab, ob wir als Religionsdiener von diesem Jesus Christus wirklich ergriffen sind und das dann auch in unserem Lebnsstil zum Ausdruck bringen. Der Papst kritisiert ja nicht ganz zu unrecht, dass viele Priester und Bischöfe einen Lebensstil pflegen, der eher großbürgerlich ist und deshalb keine Brücke zu den einfachen Leuten baut. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass man als Priester in einem guten Sinne volkstümlich bleibt.

??? Viele Menschen sehen eher pessimistisch in die Zukunft der Christen an der Ruhr. Was lässt Sie selbst für die Zukunft der Christen im Ruhrgebiet hoffen?

!!! Es gibt Momente, in denen man als Priester froh ist, dass man mal Theologie und Kirchengeschichte studiert hat. Denn aus dem Studium der Kirchengeschichte weiß ich, dass die Kirche Phasen, wie wir sie jetzt erleben, schon öfter durchlitten hat. Deshalb macht mich das gar nicht ängstlich. Ich glaube an die Kraft der Frohen Botschaft. Und jeder Mensch, der froh und gestärkt aus dem Gottesdienst nach Hause geht, ist für meine Brüder im Priesteramt und für mich selbst Balsam auf die Seele.

??? Gibt es auch für Sie als einen gestandenen Gottesmann Phasen des Zweifels?

!!! Natürlich habe auch ich solche Phasen durchlitten, vor allem dann, wenn ich mich von meiner Kirche ungerecht behandelt fühlte. Aber in diesen schwierigen Zeiten hat mich der Zuspruch, den ich aus der Gemeinde erfahren habe und das Studium der Heiligen Schrift immer wieder aufgebaut und mir nicht nur in Gottesdiensten und Gesprächen mit Gemeindemitgliedern das Gefühl gegeben; Es ist gut, dass wir zusammen Christen sind.

??? Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche in einer zunehmend mulitkulturellen Region?

!!! Ich halte nichts von einem Multikulti-Gedöns, bei dem sich alle vermischen und wir uns gegenseitig andienen. Ich glaube, dass wir als Christen ganz klar unser Profil leben müssen, um einen Dialog mit anderen Kulturen und Religionen führen und bestehen zu können. Deshalb freue ich mich auch über christliche Zuwanderer, zum Beispiel aus afrikanischen Ländern, die ihren Glauben ganz anders leben und von denen wir eine Menge lernen können. Wenn ich unsere aus Afrika stammenden Gemeindemitglieder erlebe, sehe ich Menschen, die uns mit ihrer Glaubens- und Lebensfreude bereichern können. Da schaut niemand in der Heiligen Messe nach einer Stunde auf die Uhr, weil er meint: Jetzt müsse der Pastor aber mal zum Ende kommen, weil man für den lieben Gott keine Zeit mehr habe.

Dieses Interview erschien am 21. Dezember 2013 in der katholischen Wochenzeitung Ruhrwort

Freitag, 20. Dezember 2013

Ein handfestes Geschenk: Warum Bücher auch im digitalen Zeitalter gefragt bleiben

Was schenken Sie Ihren Lieben zu Weihnachten? Ein Buch? Wenn ja, dann liegen Sie voll im Trend. Denn das gute alte Buch in seiner klassisch gedruckten Form, ist immer noch ein Bestseller, wenn es um Weihnachtsgeschenke geht. Das bestätigen örtliche Buchhändler.

„Das ist schon enorm, was in diesen Tagen an Bücherstapeln über den Tisch geht“, sagt Michael Fehst  von Buchhandlung am Löhberg. Seine Kollegin Gabriele Laucke von der Buchhandlung Röder an der Leineweberstraße schätzt, dass die Zahl der verkauften Bücher vor Weihnachten um bis zu 50 Prozent ansteigt. Und ihre Kollegin Birgitta Lange von der Saarner Buchhandlung Hiberath und Lange formuliert es so: „Obwohl der November und Dezember nur ein Sechstel des Jahres bildet, machen wir in diesen Monaten ein Viertel unseres Jahresumsatzes. Wo sonst vielleicht nur 100 Kunden am Tag kommen, sind es kurz vor Weihnachten auch schon mal 500 oder 600.“
Was fasziniert Menschen im digitalen Zeitalters am gedruckten Buch? „Es ist einfach schön anzusehen und man hat was in der Hand, das man mental auffressen und trotzdem weiter nutzen kann“,erklärt Fehst  warum der Trend zum Buch anhält. Und seine Kollegin Lange stellt fest: „Weil die Leute heute den ganzen Tag mit bewegten Bildern zu tun haben, ob im Fernsehen, an ihrem Computer oder auf ihrem Handy, sind sie froh, wenn sie mal ein gedrucktes Ding mit etwas Bleiwüste in die Hand nehmen können.“
Auch wenn mediale Buchbesprechungen und verlagsgesteuerte Werbekampagnen, „die einem“ (so Lange) „das Gefühl vermitteln, dass man ein bestimmtes Buch gelesen haben muss, wenn man noch zur menschlichen Gesellschaft gehören will“, den Buchverkauf ankurbeln, bestätigen die Buchhändler, dass sich viele Titel auch im medialen Windschatten durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder als Geheimtipp der Buchhändler zu Bestseller machen lassen. „Die Leute gehen nicht nur die Bestsellerlisten rauf und runter. Sie schauen sich Bücher an und machen sich Gedanken, welches Buch am besten zu dem Menschen passen könnte, den sie beschenken wollen,“ betont Petra Büse-Leringer von den Broicher Bücherträumen an der Prinzeß-Luise-Straße.

Was überrascht, wenn man sich mit örtlichen Buchhändlern über ihre aktuellen Bestseller unterhält, ist deren Bandbreite. Da sind etwa die Kurzgeschichten der kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro, wie „Zuviel Glück“ oder „Liebes Leben“ und der neueste Roman des skandinavischen Bestsellerautors Jonas Jonasson „Die Analphabetin, die rechnen konnte.“ Jonasson profitiert noch vom Vorruhm seines Romans „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand.“ Bei den Kunden kommt derzeit aber auch ein großformatiger Band mit bisher unveröffentlichten Karikaturen Loriots (Loriots Spätlese) gut an und ein ebenso großformatiges Fotobuch, das unter dem Titel „Maloche und Minirock“ in das Ruhrgebiet der 60er Jahre zurückschaut. Sachbücher, wie Rüdiger Safranskis Goethe-Biografie „Kunstwerk des Lebens“ oder das von Christopher Clark geschriebene Geschichtsbuch „Die Schlafwandler“ finden ebenso viele Leser. Clark beleuchtet die Politik der europäischen Großmächte, die 1914 in den Ersten Weltkrieg führte. „Dieses Buch schildert geschichtliche Zusammenhänge spannend und jenseits üblicher Betrachtungsweisen, wenn es zeigt, wie sich die europäischen Regierungen 1914 von allen Seiten hochschaukeln ließen und am Ende in den Krieg zogen“, lobt Fehst . Dass sich Bücher nicht nur gut verkaufen, wenn sie bilden und unterhalten, sondern auch, wenn sie Lebenshilfe geben, erlebt Fehsts Kollegin Laucke mit Christine Westermanns Buch „Da geht noch was“, in dem sich die Journalistin autobiografisch mit dem Älterwerden auseinandersetzt.
„Sie ist eine fulminante Schreiberin, die sehr gefühlvolle Beziehungsromane schreibt, in denen es unter anderem um Frauen geht, die sich trotz aller Zwänge von gesellschaftlichen Rollenerwartungen emanzipieren und dabei auch schon mal in Widersprüche verstricken,“ sagt Michael Fehst  über die aus der Ukraine stammende und 1942 ins brasilianische Exil geflohene Autorin Clarice Lispector und ihre Romane „Der Lüster“ und „Nahe dem wilden Herzen.“

Seine Kollegin Gabriele Laucke empfiehlt den um 1800 spielenden Roman „Das Wesen der Dinge und der Liebe“, in dem die US-Autorin Elisabeth Gilbert die Entwicklungsgeschichte einer forschenden und weltreisenden Amerikanerin erzählt, die sich dank ihrer finanziellen Unabhängigkeit die zweckfreie Liebe leisten kann, ohne ans Heiraten denken zu müssen. „Das ist ein spannendes und sprachlich schönes Leseerlebnis, bei dem man gerne dranbleibt“, verspricht Laucke.

Ihre Kollegin Birgitta Lange rät zur Lektüre des von Maria Goodin geschriebenen Romans „Valerie kocht“, der vor dem Hintergrund einer Mutter-Tochter-Beziehung im Spannungsfeld von Fakten und Phantasie „mal traurig, mal witzig, aber immer sehr bewegend und tröstlich mit spannenden Figuren und Mut machend zeigt, dass man Dinge nicht immer so machen muss, wie man sie immer schon gemacht hat, und dass man bereit sein muss, Risiken einzugehen.“

Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann



„Sie ist eine fulminante Schreiberin, die sehr gefühlvolle Beziehungsromane schreibt, in denen es unter anderem um Frauen geht, die sich trotz aller Zwänge von gesellschaftlichen Rollenerwartungen emanzipieren und dabei auch schon mal in Widersprüche verstricken,“ sagt Michael Fehst über die aus der Ukraine stammende und 1942 ins brasilianische Exil geflohene Autorin Clarice Lispector und ihre Romane „Der Lüster“ und „Nahe dem wilden Herzen.“

Seine Kollegin Gabriele Laucke empfiehlt den um 1800 spielenden Roman „Das Wesen der Dinge und der Liebe“, in dem die US-Autorin Elisabeth Gilbert die Entwicklungsgeschichte einer forschenden und weltreisenden Amerikanerin erzählt, die sich dank ihrer finanziellen Unabhängigkeit die zweckfreie Liebe leisten kann, ohne ans Heiraten denken zu müssen. „Das ist ein spannendes und sprachlich schönes Leseerlebnis, bei dem man gerne dranbleibt“, verspricht Laucke.

Ihre Kollegin Birgitta Lange rät zur Lektüre des von Maria Goodin geschriebenen Romans „Valerie kocht“, der vor dem Hintergrund einer Mutter-Tochter-Beziehung im Spannungsfeld von Fakten und Phantasie „mal traurig, mal witzig, aber immer sehr bewegend und tröstlich mit spannenden Figuren und Mut machend zeigt, dass man Dinge nicht immer so machen muss, wie man sie immer schon gemacht hat, und dass man bereit sein muss, Risiken einzugehen.“

Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann

Seine Kollegin Gabriele Laucke empfiehlt den um 1800 spielenden Roman „Das Wesen der Dinge und der Liebe“, in dem die US-Autorin Elisabeth Gilbert die Entwicklungsgeschichte einer forschenden und weltreisenden Amerikanerin erzählt, die sich dank ihrer finanziellen Unabhängigkeit die zweckfreie Liebe leisten kann, ohne ans Heiraten denken zu müssen. „Das ist ein spannendes und sprachlich schönes Leseerlebnis, bei dem man gerne dranbleibt“, verspricht Laucke.
Ihre Kollegin Birgitta Lange rät zur Lektüre des von Maria Goodin geschriebenen Romans „Valerie kocht“, der vor dem Hintergrund einer Mutter-Tochter-Beziehung im Spannungsfeld von Fakten und Phantasie „mal traurig, mal witzig, aber immer sehr bewegend und tröstlich mit spannenden Figuren und Mut machend zeigt, dass man Dinge nicht immer so machen muss, wie man sie immer schon gemacht hat, und dass man bereit sein muss, Risiken einzugehen.“

Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann


Ihre Kollegin Birgitta Lange rät zur Lektüre des von Maria Goodin geschriebenen Romans „Valerie kocht“, der vor dem Hintergrund einer Mutter-Tochter-Beziehung im Spannungsfeld von Fakten und Phantasie „mal traurig, mal witzig, aber immer sehr bewegend und tröstlich mit spannenden Figuren und Mut machend zeigt, dass man Dinge nicht immer so machen muss, wie man sie immer schon gemacht hat, und dass man bereit sein muss, Risiken einzugehen.“


Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann

Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann


Was Buchhändler empfehlen

Jenseits aller Verkaufszahlen haben die befragten Buchhändler auch ihren eigenen Geheimtipp, den sie gerne zum Besteller machen würden.

„Sie ist eine fulminante Schreiberin, die sehr gefühlvolle Beziehungsromane schreibt, in denen es unter anderem um Frauen geht, die sich trotz aller Zwänge von gesellschaftlichen Rollenerwartungen emanzipieren und dabei auch schon mal in Widersprüche verstricken,“ ssagt Michael Fehst über die aus der Ukraine stammende und 1942 ins brasilianische Exil geflohene Autorin Clarice Lispector und ihre Romane „Der Lüster“ und „Nahe dem wilden Herzen.“

Seine Kollegin Gabriele Laucke empfiehlt den um 1800 spielenden Roman „Das Wesen der Dinge und der Liebe“, in dem die US-Autorin Elisabeth Gilbert die Entwicklungsgeschichte einer forschenden und weltreisenden Amerikanerin erzählt, die sich dank ihrer finanziellen Unabhängigkeit die zweckfreie Liebe leisten kann, ohne ans Heiraten denken zu müssen. „Das ist ein spannendes und sprachlich schönes Leseerlebnis, bei dem man gerne dranbleibt“, verspricht Laucke.

Ihre Kollegin Birgitta Lange rät zur Lektüre des von Maria Goodin geschriebenen Romans „Valerie kocht“, der vor dem Hintergrund einer Mutter-Tochter-Beziehung im Spannungsfeld von Fakten und Phantasie „mal traurig, mal witzig, aber immer sehr bewegend und tröstlich mit spannenden Figuren und Mut machend zeigt, dass man Dinge nicht immer so machen muss, wie man sie immer schon gemacht hat, und dass man bereit sein muss, Risiken einzugehen.“

Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann




Dieser Text erschien am 13. Dezember 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Rückblick: Er war Amerikas unerfüllte Hoffung: Vor 50 Jahren wurde mit John F. Kennedy der erste katholische Präsident der USA ermordet

Er ist der erste und bisher einzige Katholik, der zum Präsidenten der USA gewählt worden ist. "Ich glaube an ein Amerika mit einer absoluten Trennung von Kirche und Staat. Ich glaube an ein Amerika, das offiziell weder katholisch, protestantisch noch jüdisch ist Schließlich glaube ich an ein Amerika, in der religiöse Intoleranz eines Tages beendet wird," sagt er vor seiner Wahl im Jahr 1960 bei einer Pastorenkonferenz im texanischen Houston. Drei Jahre später endet seine Präsidentschaft nach nur 1036 Tagen am 22. November 1963 mit den Schüssen des mutmaßlichen Attentäters Lee Harvey Oswald im texanischen Dallas.

Ob der 1939 in New Orleans geborene Marxist und Castro-Unterstützer Oswald, der zwischenzeitlich in der Sowjetunion gelebt hat, ein Einzeltäter war, wie es die von Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson eingesetzte Untersuchungskommission in ihrem 1964 veröffentlichten Bericht festgestellt hat, ist bis heute umstritten. Auch spätere Untersuchungen des Staatsanwaltes Jim Garrison, der 1967 mit einer Anklage gegen den Geschäftsmann Clay Shaw versucht, eine rechtsradikale und vom CIA unterstützte Verschwörung aufzudecken und Untersuchungen des US-Kongresses bringen keine letzte Gewissheit.

Kennedys Vizepräsident und Nachfolger Johnson geht damals selbst von einem Mordkomplott aus. Zu einem Berater sagt er: „Kennedy hat versucht Castro zu erwischen, aber Castro hat ihn vorher erwischt.“ Tatsächlich gab es unter der Kennedy-Administration Versuche, den kommunistischen Führer Kubas durch ein Attentat aus dem Weg zu räumen. Nach der im April 1961 gescheiterten US-Invasion in der Schweinebucht und der Kuba-Krise, die Castro und sein sowjetischer Schirmherr Nikita Chruschtschow im Herbst 1962 durch die Stationierung sowjetischer Raketen ausgelöst hatten, war Castro in den Augen der Kennedys einer der gefährlichsten Gegner, die Amerikas Sicherheit im Kalten Krieg bedrohten.

Auch die Mafia und der KGB wurden nach dem Präsidentenmord in Dallas als Urheber verdächtigt. Doch Johnson wollte keine politischen Komlikationen und drängte auf ein Ergebnis, das die Einzeltäterthese bestätigte. Dem Vorsitzenden der von ihm eingesetzten Untersuchungskommission, Earl Warren, sagt Präsident Johnson damals: „Es gibt diese wilden Leute, die behaupten, Chruschtschow hat Kennedy getötet. Castro hat Kennedy getötet. Alle möglichen Leute haben Kennedy getötet. Diese Gerüchte könnten einen Weltkrieg auslösen. Sie sollen zum Verstummen gebracht werden.“ Radio Moskau vergleicht das Kennedy-Attentat zwei Tage nach dem Präsidentenmord mit dem Reichstagsbrand vom Februar 1933 und spricht nibulös von einer kriminellen Verschwörung von finsteren Kräften der Reaktion, die daran interessiert seien, die begonnene Entspannungspolitik zu torpedieren.

Bittere Ironie der Geschichte: Earl Warren, der jetzt mit seinen Kommissionskollegen, zu denen auch der spätere US-Präsident Gerald Ford gehörte, ist der Bundesrichter, der John F. Kennedy am 20. Januar 1961 als 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt hatte.

Was die Arbeit der von ihm geleiteten Kommission erschwert, ist die Tatsache, dass der Attentäter Oswald nur zwei Tage nach den Schüssen auf Kennedy selbst von dem Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschossen wird. Seine Tat begründete Ruby mit dem Wunsch, der Präsidenten-Witwe Jacqueline Kennedy die Tortour einer Aussage in einem Prozess gegen den Attentäter Oswald ersparen zu wollen. Er selbst wird für seine Mordtat zum Tode verurteilt, stirbt aber 1967 in der Haft an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung.

Jacqueline Kennedy, die der  Präsidentschaft ihres Mannes mit zahlreichen hochkarätigen Veranstaltungen im Weißen Haus kulturellen Glanz verliehen hat und bis zu ihrer Heirat mit dem griechischen Reeder und Milliardär Aristoteles Onasis im Jahr 1968 von ihren Landsleuten als „Amerikas ungehkrönte Königin“ verehrt wird, sagt vor der Warren-Kommission: „Bei der Fahrt im offenen Wagen, wissen Sie, da winkte er meistens nach rechts und ich nach links. Also ich sah nach links und hörte diese schrecklichen Geräusche, Sie wissen schon.“

Als Jacqueline Kennedy bei der Fahrt durch Dallas am 22. November „diese schrecklichen Geräusche“ hört, ist es etwa 12.30 Uhr Ortszeit. Kurz zuvor hat die Frau des texanischen Gouverneurs, John Comally, Nellie, die mit ihrem Mann vor dem Präsidentenpaar im offenen Wagen sitzt, dem Präsidenten angesichts der jubelnden Menschen am Straßenrand gesagt: „Sie können nicht sagen, dass man Sie in Dallas nicht liebt.“ Und er hatte ihr geantwortet: „In der Tat. Das kann man nicht sagen.“ Danach fallen die tödlichen Schüsse, die John F. Kennedy in den Hals und in den Kopf treffen. Die bisher erfolgreiche Vorwahlkampfreise durch das politisch umkämpfte Texas, wird zum Horrorszenario. „Jack! Sie haben meinen Mann getötet. Ich habe sein Gehirn in meinen Händen“, schreit Jacqueline Kennedy und versucht über den Kofferraum aus der Präsidentlimousine herauszukommen, ehe Sie ein Sicherheitsbeamter des Secret Service in den Wagen zurückdrängt und sie mit seinem eigenen Körper abschirmt.

Die Präsidenten-Kolonne rast ins nahegelegene Parkland Memorial Hospital. Doch die Ärzte können John F. Kennedy nicht mehr retten. Eine halbe Stunde später wird er für tot erklärt. Die amerikanischen Streitkräfte werden in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Eineinhalb Stunden später legt Lyndon B. Johnson an Bord der Präsidentenmaschine Air Force 1, mit der der Sarg des ermordeten Präsidenten nach Washington überführt wird, seinen Amtseid als 36. Präsident der USA ab. Jacqueline Kennedy steht in ihrem blutverschmierten Kostüm neben ihm.

Eine halbe Stunde zuvor ist der von Augenzeugen als Attentäter identifizierte Oswald, der auf seiner Flucht einen Polizisten erschossen hat, in einem Kino verhaftet und in das Polizeigefängnis von Dallas gebracht worden. Doch die Filmaufnahmen, die der Amateurkameramann Abraham Zapruder vom Attentat auf John F. Kennedy gemacht und später für 150.000 Dollar an das Life-Magazin verkauft hat, hinterlassen den Eindruck, dass der Präsident nicht nur von hinten in den Hals, sondern auch von vorne in den Kopf getroffen worden ist, was die Einzeltäterthese in Frage stellen würde. 25.000 der 150.000 Dollar, die Zapruder für seinen Film vom Life-Magazin bekommt, spendete er der Witwe des von Oswald erschossenen Polizisten J.D. Tippit.

Dieser Text erschien am 21. November 2013 in der katholischen Tageszeitung Die Tagespost

Montag, 16. Dezember 2013

John F. Kennedy als Parlametarier auf dem Capitol Hill: Ein Beitrag zum 50. Jahrestag der Ermordung des 35. US-P#sidenten

Als Präsident, dessen 1036 Tage im Weißen Haus, mit seiner Ermordung am 22. November 1963 auf tragische Weise endeten, so ist John F. Kennedy in die Geschichte eingegangen. Der Streit darüber, ob sein mutmaßlicher Mörder Lee Harvey Oswald ein Einzeltäter oder Teil einer Verschwörung war, scheidet bis heute die Geister der Gelehrten und historischen Spekulanten. Seine Amtszeit, die am 20. Januar 1961 auf den Stufen des Capitols mit der ambitionierten Aufforderung begann: „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst“, bildete mit den Krisen in Berlin und Kuba den Höhepunkt des Kalten Krieges und setzte mit dem erst nach Kennedys Tod vom Kongress verabschiedeten Bürgerrechtsgesetz einen Meilenstein der amerikanischen Geschichte.

Doch bevor der damals 43-jährige John F. Kennedy nach einem der knappsten Wahlsiege der amerikanischen Geschichte auf den Stufen des Capitols seinen Amtseid als 35. Präsident der USA ablegte, hatte er bereits 14 Jahre als Parlamentarier hinter sich. Seine politische Karriere begann 1946. Damals bewarb sich der ehemalige Marineoffizier, der zuvor als Journalist für die konservative Herast-Presse über die britischen Unterhauswahlen, von der Potsdamer Konferenz und der Gründung der Vereinten Nationen berichtet hatte, im 11. Wahlbezirk seiner Heimatstadt Boston um einen Sitz im Repräsentantenhaus. Seine Kandidatur für die in Boston politisch tonangebenden Demokraten entsprach zunächst weniger seinem eigenen Antrieb, als den Ambitionen seines millionenschweren und politisch ehrgeizigen Vaters Joeseph P. Kennedy, der einen seiner Söhne ins Weiße Haus bringen wollte.

„Für das Geld, das ich in diesen Wahlkampf investiert habe, hätte ich auch meinen Chauffeur wählen lassen können“, spottete Joe Kennedy nach dem ersten Wahlsieg seines zweitältesten Sohnes, für den er auch eine professionelle Werbeagentur eingeschaltet hatte. Eigentlich hatte der Mann, der als amerikanischer Botschafter in Großbritannien vor dem Krieg selbst Politik gemacht hatte, seinen erstgeborenen Sohn Joseph junior für eine politische Karriere vorgesehen. Doch nach dem dieser als Luftwaffenpilot 1944 bei einem Einsatz über dem Ärmelkanal ums Leben gekommen war, trat sein zwei Jahre jüngerer Bruder John dessen Nachfolge an. Kennedy selbst sagte später: „Joe war der Star der Familie. Er machte alles besser, als wir anderen. Hätte er gelebt, wäre er in die Politik gegangen.“
Dabei war Jack, wie er von seiner Familie genannt wurde, nicht der erste Politiker namens Kennedy. Der Vater seiner Mutter, Rose, John F. Fitzgerald war in Boston zum Bürgermeister gewählt worden und der Vater seines Vaters, Patrick Joseph Kennedy, hatte dem Staatsparlament von Massachusetts angehört. Schon im ersten Wahlkampf, den John F. Kennedy führte spielte seine Familie eine entscheidende Rolle. Seine Eltern und seine damals noch acht Geschwister waren, wie selbstverständlich, Teil des Wahlkampfes. Der junge Kandidat schüttelte nicht nur an Straßenecken und in Arbeiterclubs Hände, sondern ließ auch bei den legendären Tea Partys, zu denen die Familie die Wähler in allen Wohnblocks des Wahlkreises einlud, seinen Charme spielen. In seinem ersten Wahlkampf, den der später liberale Demokrat Kennedy noch als „kämpfender Konservativer“ bestritt, war seine Geschichte als Kriegsheld, der als Kommandant eines amerikanischen Schnellbootes von den Japanern versenkt worden war, aber die meisten Mitglieder seiner Crew retten und später sicher nach Hause bringen konnte, sein wichtigstes politisches Kapital.
In seinem ersten Wahlkampf versprach Kennedy unter dem Slogan: „Die neue Generation bietet einen Führer“ , sich in Washington vor allem für mehr Wohnungen, mehr Industrieförderung, höhere Löhne, eine gesetzliche Krankenversicherung, Arbeitslosenhilfe  und mehr Arbeitsplätze einzusetzen und traf damit den Lebensnerv seiner Wähler, die sich nach dem Krieg eine zivile Existenz aufbauen mussten. Nachdem er im Juni 1946 die Vorwahlen der Demokraten mit einer relativen Mehrheit von 42 Prozent gewonnen hatte, stand seinem Einzug in den Kongress nichts mehr im Weg, da der vor allem von irisch und italienischstämmigen Arbeitern bewohnte Wahlbezirk eine Hochburg der Demokraten war und auch dem demokratischen Politikneuling Kennedy bei den Hauptwahlen im November 1946 eine Zweidrittelmehrheit bescherte.
Als Abgeordneter beschäftigte sich Kennedy in den Ausschüssen für Arbeit und Erziehung denn auch vor allem mit den Fragen, die seine Wähler in Boston interessierten und stützte die in der Tradition Roosevelts New Deal als Fair Deal fortgesetzte Sozial- und Wirtschaftspolitik seines Nachfolgers Harry S. Truman. Ebenso stimmte der Demokrat Kennedy im beginnenden Kalten Krieg für alles, von amerikanischen Militärhilfen bis zum Marschallplan, was dazu beitragen konnte, den kommunistischen und sowjetischen Einfluss in Europa einzudämmen. Innenpolitisch befürwortete Kennedy, der später Amerikas erster katholischer Präsident werden sollte, die staatliche Förderung katholischer Privatschulen. Sozialpolitisch trat er für Arbeitnehmerrechte ein, unterstützte die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn und einem sozialen Wohnungsbau. Er setzte sich für die staatliche Kontrolle von Mieten und Preisen ein, bekämpfte aber auch Korruption und kommunistische Einflüsse in den Gewerkschaften.
Im März 1947 stellte der Abgeordnete Kennedy in einer Rede fest: „Wen wundert es, wenn jeder Veteran, der die grenzenlose Verschwendung des Krieges und die scheinbar grenzenlose Produktivität, die das Verschwendete ersetzte, gesehen hat, es nicht verstehen kann, dass er kein Dach über dem Kopf hat.“

Nachdem er als Kongressabgeordneter 1948 und 1950 zweimal wiedergewählt worden war, kündigte er im April 1952 seine Kandidatur für den US-Senat an. Sein Wahlkampf gegen den republikanischen Senator Henry Cabot Lodge, war vor allem deshalb ein Wagnis, weil das Wahljahr 1952, von einer landesweiten Wechselstimmung geprägt war, weg von den seit 20 Jahren in Washington regierenden Demokraten, hin zu den Republikanern und ihrem populären Präsidentschaftskandidaten General Dwight D. Eisenhower. Die Wahlkampagne, in die die Kennedys rund eine halbe Million Dollar investierten, war die erste, die von seinem Bruder und späteren Justizminister Robert gemanagt wurde. Der Kandidat ließ keine Einladung im Neuenglandstaat aus, besuchte auch noch so kleine Orte und Vereine und präsentierte sich mit seiner Familie bei den bereits bewährten Tea Party. Der republikanische Amtsinhaber Cabot Lodge war so siegessicher, dass er erst einen Monat vor der Wahl in den Wahlkampf gegen Kennedy einstieg, während dieser seine Kampagne bereits 18 Monate vor der Wahl begonnen hatte. So siegte der Außenseiter Kennedy am Ende mit 70.000 Stimmen Vorsprung gegen den favorisierten Amtsinhaber Cabot Lodge. Als Senator setzte sich Kennedy ab 1953 vor allem für Gesetze ein, die die Fischerei, aber auch die für Masachusetts wichtige Textil- und Uhrenindustrie förderten. Und wie als Kongressabgeordneter, so sollte Kennedy auch als Senator die Stärkung der Arbeitnehmerrechte befürworten, aber auch Korruptionsfälle bei den Gewerkschaften bekämpfen. Er unterstützte aber auch den in seinem Heimatstaat umstrittenen Bau des Sankt-Lorenz-Schifffahrtskanals, der die Atlantikküste mit den Großen Seen verband und deshalb viele Hafenarbeiter und Eisenbahngesellschaften um Aufträge un d Arbeitsplätze fürchten ließ. . Noch viel umstrittener war aber, dass der Demokrat Kennedy im Dezember 1954 einer Abstimmung fernblieb, die die Exzesse des republikanischen Senators und Kommunistenjägers Joseph McCarthy tadelte. Sein Fernbleiben, das einer Stimmenthaltung gleichkam, nahm Rücksicht auf die Sympathien, die McCarthy nicht nur bei Kennedys Vater, sondern auch bei vielen konservativen Wählern in Massachusetts genoss und auf die Tatsache, dass sein Bruder Robert zeitweise als juristischer Berater in McCarthys Ausschuss gegen unamerikanische Aktivitäten mitgearbeitet hatte. Doch die Liberalen in der Demokratischen Partei kritisierten sein Verhalten als Oportunismus und Feigheit. Der Senator machte aus der Not eine Tugend. Er nutzte die Erholungsphase nach einem langen Krankenhausaufenthalt, um zusammen mit seinem kongenialen Rechtsberater und Redenschreiber ein Buch über amerikanische Kongressabgeordnete und Senatoren zu schreiben, die in schwierigen Situationen, allen Widerständen zum Trotz, allein ihrem Gewissen gefolgt waren. Das Buch erschien 1956 unter dem Titel „Profiles of Courage“ und später auch in deutscher Sprache unter dem Titel „Zivilcourage“. Es machte Kennedy landesweit bekannt und wurde sogar mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Auch wenn die große alte Dame der liberalen Demokraten, Eleonore Roosevelt, damals spottete: „Dem Autor würde weniger Profil und mehr Courage gut tun“, verschaffte das Buch Kennedy auf der nationalen Bühne der amerikanischen Politik Anerkennung und Profil. Er wurde beim Wahlkonvent der Demokraten 1956 als Bewerber für die Vizepräsidentschaftskandidatur gehandelt und zog 1957 in den einflussreichen Außenpolitischen Ausschuss des Senates ein. Dort setzte er sich unter anderem für eine Unabhängigkeit der französischen Kolonie Algerien und für eine Verstärkung der amerikanischen Raketenrüstung ein.


Dass Kennedy bei seiner Wiederwahl im November 1958 den Republikaner Vincente J. Celeste mit 875.000 Stimmen Vorsprung und einer flächendeckenden Mehrheit in allen Wahlkreisen seines Heimatstaates schlagen konnte, dokumentiert seine bis dahin gewonnene Popularität, die die Voraussetzung für seine Präsidentschaftskandidatur im Jahr 1960 bilden sollte. Zum Vergleich: Die Präsidentschaftswahl gegen den republikanischen Vizepräsidenten Richard Nixon konnte Kennedy im November 1960 mit einem Vorsprung von nur etwas mehr als 100.000 Stimmen gewinnen. Punktete Kennedy als Präsidentschaftskandidat in den Fernsehdebatten gegen Richard Nixon, so nutzte er das Fernsehen auch schon für seine Wiederwahl als Senator, indem er vor laufenden Kameras und im Kreis seiner Familie Zuschauerfragen beantworteten, die ihn per Telefon erreichten und damit ein Stück moderne Mediendemokratie vorführte.


Dieser Text erschien am 25. November 2013 in der Wochenzeitung Das Parlament


Samstag, 14. Dezember 2013

Menschlichkeit schenken: Warum wir nicht nur zur Adventszeit private Hilfsbereitschaft brauchen, obwohl wir doch in einem vermeintlich reichen Sozialstaat leben: Ein Gespräch mit der Sozialmanagerin Monika Schick-Jöres von den Caritas Sozialdiensten

Im Vorfeld der jetzt abgeschlossenen Wunschbaumaktion von NRZ und Caritas sprach ich im Auftrag der NRZ-Redaktion mit der zuständigen Projektleiterin der Caritas, Monika Schick-Jöres warum wir auch in einem vermeintlich reichen Sozialstaat private Mildtätigkeit brauchen.

Frage: Warum sollte man einen Wunschzettel vom Wunschbaum pflücken und Päckchen packen?

Antwort: Weil das zu einer menschlicheren Stadt beiträgt. Und wenn man sich mit seiner Stadt verbunden fühlt, dann hat man hier die Möglichkeit, selbst für etwas mehr Mitmenschlichkeit zu sorgen, zumal, wenn man weiß, dass es im Leben nicht immer gerecht zugeht und viele Menschen auch unverschuldet in Not geraten.

Frage: Warum hat das auch in einem Sozialstaat Sinn, in dem es Sozialleistungen für Hilfsbedürftige gibt?

Antwort: Natürlich gibt es Sozialleistungen, die das Überleben der Bedürftigen sichern. Und wir spüren bei den Menschen und Familien, die wir als Caritas mit unserer Hilfe und Beratung begleiten, auch eine große Dankbarkeit dafür, dass es einen solchen Sozialstaat gibt. Aber es gibt immer auch Dinge, die in den Regelsätzen der Sozialleistungen nicht enthalten sind. Und dazu gehören eben auch Weihnachtsgeschenke, die für gut situierte Familien selbstverständlich sind.

Frage: Wer bekommt denn die Geschenkpakete, die unter dem Wunschbaum abgelegt werden?

Antwort: Das sind alleinstehende Menschen, Kinder und Familien, die wir aus unseren Beratungs- und Betreuungsdiensten kennen und die zu weit über 90 Prozent auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind. Weil wir ihre Situation kennen, wissen wir, was am dringendsten gebraucht wird und womit wir ihnen einen Lichtblick verschaffen können.

Frage: Was sind das für Lichtblicke, von denen Sie sprechen?

Antwort: Im Winter ist vor allem die Winterkleidung ein Problem, zumal bei Kindern, die wachsen und jedes Jahr neue Winterkleidung brauchen. Dafür kann man dann nicht erst ansparen. Da müssen dann eben die Daunenjacke oder die gefütterten Stiefel sofort her. Hier helfen nicht nur Kleidung, sondern auch Einkaufsgutscheine, die regelmäßig gewünscht und verschenkt werden. Aber auch Lebensmittelpakete, die die Haushaltskasse entlasten, Kinogutscheine und Einkaufsgutscheine für Pflege- und Hygieneartikel, Spielzeug, Lernspiele, Hörspiel-CDs oder Kindergartentaschen und Tornister können ein solcher Lichtblick sein. Das kommt immer auf die jeweilige Lebenssituation an.

Frage: Welche Schicksale stehen hinter den Adressaten, deren Vorname und Wunsch man auf dem jeweiligen Wunschbaumzettel lesen kann?

Antwort: Das sind kinderreiche Familien, aber auch Alleinerziehende und alleinstehende Menschen, die etwa durch Lebenskrisen und Schicksalsschläge in Not geraten sind. Das können Arbeitslosigkeit, aber auch Krankheit, Pflegebedürftigkeit, der Tod eines Partners, fehlende Familiennetzwerke und eine geringe Altersrente sein. Wir sprechen manchmal auch von Menschen, die betreut werden müssen, weil sie ihren Alltag nicht selbstständig regeln können oder von Menschen, die keinen Beruf und kein Einkommen haben, weil sie nicht gefördert wurden und deshalb frühzeitig aus der Bildungskette herausgefallen sind.

Frage: Wie reagieren die Beschenkten auf ihre Weihnachtspäckchen vom Wunschbaum?

Antwort: In vielen Fällen gibt es Freudentränen. Oft werden die Pakete auch unter den Weihnachtsbaum gelegt und erst am 24. Dezember geöffnet. Viele Empfänger kommen im Januar noch einmal bei uns vorbei, um sich zu bedanken und ihre Freude darüber zum Ausdruck zu bringen, dass fremde Menschen an sie gedacht und sie im Blick gehabt haben.


Dieser Text erschien am 23. November 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Auch auf dem Mülheimer Arbeitsmarkt geht die Konjunktur an den Langzeitarbeitslosen vorbei: Nicht jeder, der sucht, findet auch einen Arbeitsplatz

Ein Land, zwei Welten. Das Statistische Bundesamt meldet einen Rekordstand von über 42 Millionen Beschäftigten (+ 0,6 Prozent) und Rekordsteuereinnahmen von 39 Milliarden Euro (+ 3,7 Prozent). Gleichzeitig weisen die Wohlfahrtsverbände in ihrem ersten Arbeitslosenreport für NRW darauf hin, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen an Rhein und Ruhr seit 2009 um 25 Prozent auf jetzt 323?000 angestiegen ist.

Auch in Mülheim (siehe Kasten) ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen angestiegen. Doch den Vorwurf der Wohlfahrtsverbände, die Agenturen und Jobcenter hätten die Langzeitarbeitslosen nicht ausreichend im Blick und kümmerten sich vor allem um leichter zu vermittelnde Arbeitssuchende, lässt die stellvertretende Leiterin der Sozialagentur, Jennifer Neubauer, für Mülheim nicht gelten und verweist in diesem Zusammenhang auf aktuelle Vermittlungsquoten von über 20 Prozent.

Mit Hilfe der allerdings in den vergangenen Jahren reduzierten Fördermittel des Bundes und der Europäischen Union finanziert die Sozialagentur Umschulungen oder Ausbildungsmaßnahmen, wie zum Beispiel ein Einstiegs-und Qualifizierungsjahr für junge Arbeitssuchende unter 25 Jahren oder Lohnkostenzuschüsse von bis zu 75 Prozent, um Langzeitarbeitslose aus dem Arbeitslosengeld II heraus und in den ersten Arbeitsmarkt hinein zu bringen.

Allerdings werden die Lohnkostenzuschüsse inzwischen nur noch auf zwei Jahre befristet und kommen aktuell auch nur knapp 90 Personen zugute. 525 Personen nehmen dagegen eine von der Sozialagentur finanzierte Arbeitsgelegenheit wahr. Das bedeutet: Neben ihrem Arbeitslosengeld II bekommen sie 1,30 pro Stunde dafür, dass sie zum Beispiel Senioren betreuen, Grünflächen pflegen, Schulhöfe betreuen oder hauswirtschaftliche und handwerkliche Hilfstätigkeit ausführen.

Bei diesen auf maximal 12 Monate befristeten Arbeitsgelegenheiten geht es für Neubauer aber weniger darum, Vermittlungschancen zu erhöhen, als viel mehr darum, Menschen nach langer Arbeitslosigkeit wieder zu aktivieren und sie dazu zu motivieren, eine Tagesstruktur zu entwickeln. Doch immerhin jeder zehnte Teilnehmer finde nach der Arbeitsgelegenheit eine weiterführende Beschäftigung. Neubauer kennt die Handicaps, die aus arbeitssuchenden Menschen Langzeitarbeitslose machen: Krankheit, Alter, fehlende oder veraltete Qualifikation, soziale und familiäre Probleme, fehlende Kinderbetreuung.

Auch wenn sie mit Steuergeldern geförderte Beschäftigung im Einzelfall als Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt erlebt, sieht sie darin, ebenso wie der Sprecher der Mülheimer Unternehmer, Hanns Peter Wintfeder keine flächendeckende Lösung. „Ich glaube nicht, dass Arbeitsmarktpolitik das mit dem Auf und Ab der wirtschaftlichen Dynamik zusammenhängende Problem der Arbeitslosigkeit lösen kann. Ein zweiter oder sozialer Arbeitsmarkt wäre gesellschaftlich nicht zu finanzieren“, sagt Neubauer.

Das sieht der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer, anders. „Wir haben in Deutschland einen Sockel von drei Millionen Arbeitslosen, an denen jedes Wirtschaftswachstum vorbeigeht. Für viele Menschen ist der Arbeitsmarkt verschlossen, weil ihre Möglichkeiten und die Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht zusammenpassen und die soziale Schere immer weiter auseinandergeht“, erklärt er das Problem. Die Ignoranz und Tatenlosigkeit, die er derzeit in der Bundespolitik sieht, wenn es um die Langzeitarbeitslosen geht, empfindet Schreyer als menschenunwürdig. „Wir haben doch viele gesellschaftliche Bedarfe und es ist besser Arbeit statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren“, plädiert der Chef des Diakoniewerkes, das 320 Menschen Arbeit gibt, für die Einrichtung eines sozialen und steuerfinanzierten Arbeitsmarktes.

Wolfgang Albrecht, der sich bei der Caritas um die Arbeitsgelegenheiten kümmert und Meinhard Rupieper vom Styrumer Treff für aktive Arbeitssuchende unterstützen Schreyers Position. „Mit der Situation, wie sie jetzt ist, können wir uns nicht abfinden. Wir sollten mit dem Grundrecht auf Arbeit und Lohn einen sozialen Arbeitsmarkt und damit Projekte fördern, die unserer Gesellschaft zugute kommen können“, meint Rupieper. „Es gibt zum Thema Langzeitarbeitslosigkeit und Beschäftigungsförderung derzeit keine große Idee. Das hat die Politik aus dem Blick verloren“, bedauert Albrecht.

Zahlen und Fakten

Im August 2010 betreute die Sozialagentur 12?945 erwerbsfähige Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Davon waren 8631 Menschen schon ein Jahr und länger arbeitslos und galten damit als Langzeitarbeitslose.

Im August 2011 betreute die Sozialagentur 12?753 erwerbsfähige Arbeitslosengeld-II-Bezieher, von denen 8872 Langzeitarbeitslose waren.

Im August 2012 betreute die Sozialagentur 12?779 erwerbsfähige Arbeitslosengeld-II-Empfänger, davon 9114 Langzeitarbeitslose.

Im Juli 2013 betreute die Sozialagentur 12?900 erwerbsfähige Arbeitslosengeld-II-Empfänger, von denen 9164 Langzeitarbeitslose waren.

Stellte der Bund 2011 noch 11,7 Millionen Euro zur Verfügung, um arbeitssuchende Mülheimer in den Arbeitsmarkt einzugliedern, so stehen in diesem Jahr nur 10,3 Millionen Euro dafür zur Verfügung. Bei der Soziagentur rechnet man für 2014 mit dem gleichen Budget.


Dieser Text erschien am 22. November 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 10. Dezember 2013

Kalenderblatt. Vor 50 Jahren erhält der Direktor des Mülheimer Max-Planck-Institutes für Kohlenforschung, Karl Ziegler, den Nobelpreis für Chemie

„In Professor Zieglers Arbeiten liegt etwas Revolutionäres", titelt die Mülheimer NRZ in ihrer Ausgabe vom 11. Dezember 1963. Am Tag zuvor hat der schwedische König Gustaf VI. Adolf dem Leiter des Mülheimer Max-Planck-Institutes für Kohlenforschung, Karl Ziegler, im Stockholmer Konzerthaus den Chemie-Nobelpreis überreicht, den sich Zielgler mit seinem italienischen Kollegen Giulio Natta teilt.

Tatsächlich hat die Forschungsarbeit des Chemie-Professors, der das heutige Max-Planck-Institut für Kohlenforschung von 1943 bis 1969 leitete, unsere moderne Welt revolutioniert. Der nach Ziegler und Natta benannte Katalysator ermöglicht die Massenproduktion von Polyethylenen und Polypropylenen. Er schafft damit die Grundlage für eine industrielle Kunststoffproduktion, die bis zur scheinbar banalen Plastiktüte unseren gesamten Alltag durchzieht. Bis heute leisten die finanziellen Erträge der Zieglerschen Forschungsarbeit einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung des Max-Planck-Institutes für Kohlenforschung.

Allerdings investieren Ziegler und seine Frau Maria nicht nur in die Wissenschaft, sondern auch in eine beachtliche Sammlung vor allem expressionistischer Gemälde, die bis heute das Kunstmuseum der Stadt ziert.

Gerade diese ungewöhnliche Verbindung von naturwissenschaftlichem Forscher- und Schöngeist, sieht auch der Leiter des Karl-Ziegler-Gymnasiums, Werner Andorfer, als Anspron, nicht nur das naturwissenschaftliche, sondern auch das musische Profil der seit 1974 nach Ziegler benannten Schule zu stärken.

Dass eine Schule seinen Namen trägt hätte dem 1973 verstorbenen Nobelpreisträger bestimmt genauso gut gefallen, wie die Aussicht auf einen Fachhochschulstandort Mülheim. Er selbst erlebte 1972 noch mit, wie Mülheims damalige Bewerbung für eine Gesamthochschule scheiterte, die dann in Essen errichtet werden sollte.

Schon neun Jahre zuvor, als Ziegler am 5. November 1963 die Nobelpreis-Nachricht aus Stockholm bekommt, sind es nicht nur die Mitarbeiter seines Institutes, sondern auch Mülheimer Schüler, die den Professor mit einem Fackelzug ehren. Ziegler spendiert Bonbons und Freibier und stellt fest: „Vor allem aber bin ich stolz darauf, dass die jüngere Generation mehr und mehr zur wissenschaftlichen Forschung drängt. Daher freue ich mich über den Nobelpreis auch besonders, weil ich ihn als Auszeichnung aller meiner Mitarbeiter in Büros, Laboratorien und Werkstätten entgegennehme. Ich gebe die Ehrung weiter an sie alle."

Seine Mitarbeiter sind es denn auch, die am Nachmittag des 10. Dezembers 1963 dienstfrei bekommen, um das große Ereignis in Stockholm am Fernseher zu verfolgen. Weil es damals noch keine Videorecorder gibt, scheuen sie keine Kosten und Mühen, um die Fernsehsendung nicht nur anzuschauen, sondern mit einer Filmkamera und einem Magnettongerät auch für die Nachwelt festzuhalten.

Wenige Tage nach der Verleihung des Nobelpreises werden Ziegler und seine Frau in der Bonner Villa Hammerschmidt vom Bundespräsidenten Heinrich Lübke empfangen. Und die Stadtverordneten seiner Wahlheimat Mülheim küren den 1898 in Kassel geborenen Ziegler am 20. Dezember 1963 zum Ehrenbürger. Chemie-Nobelpreisträger und Mülheimer Ehrenbürger:

Dieser Text erschien am 10. Dezember 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 25. November 2013

Bürger wollen von politischen Zuschauern zu politischen Akteuren werden: Deshalb wird aus dem Bündnis für Bildung eine Bündnis für Bürger, das im Mai 2014 bei der Kommunalwahl antritt: Eindrücke von der Gründungsversammlung

Mittwochabend im Vereinslokal von Rot Weiß Mülheim am Winkhauser Weg. „Schade, dass nicht noch mehr Leute gekommen sind“, findet der Clubvorsitzende Günter Porscha. Er sitzt zusammen mit 19 anderen Bürgern im kleinen Saal, obwohl es heute nicht um seinen Verein, sondern um die Gründung eines neuen Wählerbündnisses geht.

Wie die meisten im Saal hat sich auch Porscha im Bündnis für Bildung und damit für den Bürgerentscheid zum Erhalt des weiterführenden Schulstandortes an der Bruchstraße engagiert. „Dass das Wählervotum von 17?000 Ja-Stimmen für den Erhalt des Schulstandortes von den etablierten Parteien gar nicht wahrgenommen worden ist“, macht für ihn die Gründung eines neuen Wähler- und Bürgerbündnisses „zu einer absoluten Notwendigkeit, um sich als Bürger Respekt zu verschaffen, den Lobbyismus zu beenden und Kommunalpolitik selbst positiv zu beeinflussen.“ Porscha, der sich „nur im Hintergrund und nicht in der ersten Reihe engagieren möchte“, hat Angst, dass nach der Hauptschule auch der Sportplatz und die Kleingartenanlage an der Bruchstraße Einfamilienhäusern weichen und das Quartier zur „Ruhestätte“ degenerieren könnte.

Wie der Berufsschullehrer Andreas Rohde und der Betriebswirt Detlef Puchar, ist Porscha davon überzeugt, dass das Bündnis vor allem Bürger gewinnen kann, „die sich bei den etablierten Parteien nicht mehr aufgehoben fühlen.“

Neben Akteuren aus dem Bündnis für Bildung, allen voran dem Sozialpädagogen Richard Grohsmann vom Jugendzentrum Stadtmitte, und den Linken-Ratsmitgliedern Achim Fänger und Carmen Matuszewski sowie zwei Mitgliedern des linken Frauenverbandes Courage sitzen auch „interessierte Bürger, die einfach mal zuhören und schauen wollen, wohin das geht“, mit am Tisch. Zu diesen interessierten Bürgern gehört auch die Rektorin der trotz gewonnenem Bürgerentscheid vor dem Aus stehenden Max-Kölges-Schule, Gabriele Klar. Sie will sich an diesem Abend aber nicht äußern. Dafür diskutiert ihr 18-jähriger Sohn, der Physikstudent und Jugendstadtrat Leonhard Klar, mit über Satzung und Programm, ehe er später am Abend in den fünfköpfigen Vorstand gewählt wird. „Ich will hier mitmachen, weil ich mich schon immer für Politik interessiert habe und mich dafür einsetzen möchte, dass es in Mülheim ein flächendeckendes und gutes Bildungsangebot für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gibt,“ erklärt Klar sein Engagement. Er sieht das neue Bündnis „als offenes Forum für interessierte Bürger und als ein Zeichen dafür, dass viele Bürger etwas anderes wollen, als das, was ihnen von den etablierten Parteien geboten wird.“

Als resolute Moderatorin, die jeden Teilnehmer zu Wort kommen lässt, aber auch konsequent eingreift, wenn ein Debattenbeitrag aus dem Ruder zu laufen droht, führt die an der Max-Kölges-Schule tätige Theaterpädagogin Claudia Butta durch den Abend. So bekommt ein Veranstaltungsteilnehmer nicht nur von ihr, sondern auch von Achim Fänger und Richard Grohsmann kräftig Kontra, als er fordert, das Bekenntnis zur deutschen Leitkultur in das Programm zu schreiben. Schnell wird deutlich, dass er damit allein auf weiter Flur steht. Grohsmann und andere machen deutlich, dass sich das Bündnis, das seine Wurzeln im 94-Nationen-Stadtteil Eppinghofen hat, zur Anerkennung und Toleranz gegenüber allen Kulturen und Religionen bekennt.

Zunächst wird jedoch über den Namen des Bündnisses diskutiert. Dann kommen ein zweiseitiges Thesenpapier zur Kommunalpolitik und eine vierseitige Satzung auf den Tisch. Bei der Namenswahl setzt sich das „Bündnis für Bürger“ knapp gegen das „Bündnis für Bildung“ durch. Dieser Name sei einfach offener und spreche mehr Menschen an, findet nicht nur Achim Fänger.

Bei der Programmdiskussion, die jetzt immer mittwochs ab 20 Uhr im Vereinslokal von Rot Weiß Mülheim mit interessierten Bürgern fortgesetzt werden soll, betont Claudia Butta: „Das ist alles noch nicht in Stein gemeißelt. Daran müssen wir noch weiterarbeiten. Und deshalb sind wir auch für neue Ideen aufgeschlossen.“

Nach einer kurzen Sitzungspause, treten elf Bürger dem neuen Wahlbündnis bei. Fünf von ihnen (Claudia Butta, Andreas Rohde, Richard Grohsmann, Leonhard Klar und Detlef Puchar) werden in den Vorstand gewählt. Butta und Grohsmann glauben nicht, dass das Bündnis, bei der Kommunalwahl im Mai 2014, wie beim Bürgerentscheid im April 2012 17?000 Stimmen bekommen kann, halten aber 6000 Stimmen und damit fünf bis sechs Ratsmandate für möglich.

Eine Mutter und ihre Tochter, die die Versammlung interessiert verfolgt haben, aber an ihrem Ende dem Bündnis noch nicht beitreten, nehmen den Eindruck mit nach Hause: „Auch wenn die Thesen noch etwas oberflächlich sind, steckt hier viel Energie drin, die frischen Wind in die Mülheimer Politik bringen könnte.“

Erste Programmpunkte 

Erhalt aller Schulstandorte und Beachtung des Elternwillens

Einrichtung einer Gesamtschule in Eppinghofen

Gemeinsamer Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung, unterstützt von durch das Land finanzierten Sozialpädagogen

Verbesserung des Öffentlichen Personennahverkehrs. Straßenbahnen sollen erhalten bleiben und durch Busse ergänzt werden.

Kein weiterer „Ausverkauf“ der Stadt.

Erhalt aller Schwimmbäder und dezentraler Sportplätze sowie Ausbau des Breitensportes.

Behutsame Erschließung neuer Gewerbeflächen und bessere Nutzung vorhandener Gewerbeflächen. Förderung von Kleinbetrieben und Rückführung der Aufgaben Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing und Tourismus in die Stadtverwaltung.

Mehr Bürgerbeteiligung und eine ganz allgemeine Unterstützung von Bürgerbewegungen. Offene Prozesse mit Presse und Bürgerbeteiligung soll es in allen Bereichen geben, wo immer das rechtlich möglich ist.

Ratsbürgerentscheide sollen zu kontroversen Kernthemen das letzte Wort haben

Dieser Text erschien am 15. November 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 22. November 2013

Ein Ort für die Ewigkeit: Die Jüdische Gemeinde hofft auf Spenden, weil sie ihr Gemeindezentrum und ihren Friedhof restaurieren muss

Er ist älter als der 1812 eröffnete Altstadtfriedhof und der 1916 eröffnete Hauptfriedhof. Schon um 1700 beerdigte die Jüdische Gemeinde ihre Toten auf dem Friedhof an der Gracht. Beerdigung und Ewige Ruhe nimmt man im Judentum wörtlich. „Bei uns gibt es keine Feuerbestattungen, sondern nur Beerdigungen und die Gräber sind immer für die Ewigkeit. Und die Toten werden bei uns mit den Füssen nach Osten, also in Richtung Jerusalem, begraben, damit sie aufstehen und gleich in die richtige Richtung gehen können, wenn der Messias kommt“, erklärt Patrick Marx vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde die Unterschiede zur christlichen Begräbniskultur. Was beim Blick auf den Jüdischen Friedhof auch auffällt, ist das fast gänzliche Fehlen von Blumenschmuck. „Einige Gemeindemitglieder haben den Blumenschmuck zwar von der christlichen Begräbniskultur übernommen. Aber Juden legen eigentlich nur kleine Steine auf die Gräber ihrer Toten. Denn als das jüdische Volk einst durch die Wüste zog, legte man auf jedem Grab Steine nieder, um es so zu befestigen“, erklärt Marx diesen Unterschied zu christlichen Friedhöfen.

Weil die Jüdische Gemeinde die Gräber ihrer Verstorbenen nicht nach 25 oder 30 Jahren aufhebt und neu belegt, wird der Platz an der Gracht langsam, aber sicher knapp. Marx schätzt, dass neben den 2000 bestehenden Gräbern noch etwa 500 Grabstellen an der Gracht frei sind. „Damit kommen wir noch 20 oder 30 Jahre aus, wenn wir dort, wo es gewünscht wird, bis zu vier Familienangehörige übereinander beerdigen“, glaubt der Gemeindevorstand.

Weil der Friedhof an der Gracht aber auch danach noch erhalten bleiben soll, will die Jüdische Gemeinde noch in diesem Jahr damit beginnen, ihren Friedhof zu renovieren: Mauerwerk und Wege des alten Friedhofes müssen ebenso erneuert werden, wie das Dach der 1920 errichteten Trauerhalle und die Ornamente ihrer Eingangstür. Die unter Denkmalschutz stehende Trauerhalle soll auch eine Heizung und eine Toilette erhalten. Außerdem müssen Gitter und Schlösser am Friedhofseingang überarbeitet werden.

Marx und seine Mitstreiter aus der Gemeinde haben von einem Mülheimer Bürger bereits 10?000 Euro für diesen Zweck erhalten. Doch noch fehlen rund 50?000 Euro, ehe mit den Bau- und Restaurierungsarbeiten begonnen werden kann. Obwohl die Gemeinde auch eigene Kirchensteuergelder und Fördermittel des Landes in Anspruch nehmen kann, ist sie dringend auf Spenden angewiesen, weil sie neben ihrem Friedhof eine noch sehr viel größere Sanierungsaufgabe in ihrem 1999 errichteten Gemeindezentrum stemmen muss, die mit drei Millionen Euro zu Buche schlägt.

„Weil es bei der Bauausführung damals offensichtlich Mängel gab, müssen wird dort heute schon das Mauerwerk und die Fenster erneuern“, bedauert Marx. Weil die Jüdische Gemeinde aus Sicherheitsgründen hinter Panzerglas beten muss, wird vor allem die Erneuerung der Fenster im Gemeindezentrum eine teuere Angelegenheit.

„Natürlich ist das schade, aber das ist eben so“, kommentiert Marx die Tatsache, dass die Jüdische Gemeinde auch 75 Jahre nach der Reichspogromnacht und 68 Jahre nach Kriegsende immer noch von Neonazis und arabischen Fanatikern als Angriffsziel gesehen wird. „Ich selbst habe noch keinen Antisemitismus zu spüren bekommen und kann unbehelligt durch die Stadt gehen“, betont Marx. Mit Blick auf den Friedhof an der Gracht erinnert er sich aber daran, dass vor drei oder vier Jahren jemand ein Hakenkreuz an die Tür der Trauerhalle geschmiert habe.

Auf dem Jüdischen Friedhof finden sich inzwischen auch einige Gräber aus der Zeit des Nationalsozialismus, obwohl die meisten Gemeindemitglieder damals in ihrer Heimatstadt keines natürlichen Todes starben, sondern in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet wurden.

Wer die Jüdische Gemeinde bei der Restaurierung unterstützen möchte, erreicht Patrick Marx in der Schloss-Apotheke (Schloßstraße 4) unter der Rufnummer: 0208/47?0054

Die Entwicklung der Jüdischen Gemeinde

1508 wird in Mülheim erstmals eine Jüdische Gemeinde erwähnt, die damals aus etwa 30 Familien bestand.

1700 wird der Friedhof an der Gracht eröffnet

1794 bekommt die Gemeinde eine Synagoge am Notweg, der heutigen Friedrich-Ebert-Straße

1907 wird eine größere Synagoge am Viktoriaplatz eingeweiht

1933 zählen etwa 600 Mitglieder zur Jüdischen Gemeinde. Etwa 270 jüdische Mitbürger werden bis 1945 von den Nazis ermordet.

1938 wird die Synagoge am Viktoriaplatz in der Reichspogromnacht niedergebrannt

1960 bezieht die neue 120-köpfige jüdische Gemeinde eine kleine Synagoge an der Kampstraße

1989 beginnt die Zuwanderung neuer Gemeindemitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion, die heute etwa 98 Prozent der 2800 Gemeindemitglieder stellen.

1999 Die Gemeinde, zu der neben 1000 Mülheimern auch Oberhausener und Duisburger gehören, eröffnet im Duisburger Innenhafen ein neues Gemeindezentrum.

2013 Im Gemeindezentrum finden nicht nur Gottesdienste statt, die in der Regel von 30 bis 60 Gemeindemitglieder und an Festtagen von bis zu 150 Gemeindemitgliedern besucht werden. Hier finden auch Kulturveranstaltungen oder Jugend, Senioren- und Frauentreffen statt. Außerdem gibt es einen jüdischen Kindergarten. Den aktiven Gemeindekern schätzt Patrick Marx auf etwa 300 Mitglieder.


Dieser Text erschien am 16. November 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 14. November 2013

Der Sozialarbeiter Erhard Klamet hat in seinem 45-jährigen Berufsleben Mülheimer Sozialgeschichte erlebt und als ein Anwalt der Menschenwürde auch mitgestaltet

„Ich bin glücklich, dass ich 45 Jahre lang arbeiten konnte und dabei auch gestalterische Freiheit hatte“, sagt Erhard Klamet am Tag vor seiner Verabschiedung durch die Caritas. 40 seiner 45 Berufsjahre hat der Sozialarbeiter im Dienst der katholischen Kirche und ihres Sozialverbandes erlebt.

„Ich habe nach der Mittleren Reife als Industriekaufmann bei Wissoll gelernt und gearbeitet und mir eigentlich keine großen Gedanken über meinen Beruf gemacht“, erinnert sich Klamet. Doch dann brachte ihn sein ehrenamtliches Engagement beim Bund der deutschen katholischen Jugend (BdKJ) dazu, seinen Beruf zu wechseln und Sozialarbeit zu studieren. „Ich habe erlebt, wie viel Freude es machen kann, gemeinsam etwas für andere zu machen“, sagt der 65-Jährige.

Seine erste Anstellung nach dem Studium fand er 1972 als Stadtjugendreferent beim Katholischen Jugendamt im Stadthaus an der Althofstraße. „Die katholische Jugendarbeit wurde vom damaligen Stadtdechanten Dieter Schümmelfeder sehr gefördert und erlebte eine Blüte. In jeder Gemeinde gab es einen eigenen Jugendpfleger. Allein die Katholische Studierende Jugend in St. Mariae Geburt hatte 300 Mitglieder“, erinnert sich Klamet nicht ohne Wehmut. Dass das Katholische Jugendamt 2007 aus finanziellen Gründen aufgegeben wurde, bedauert Klamet bis heute. „Die Jugendarbeit ist nicht nur aus gesellschaftlichen Gründen rückläufig, sondern auch, weil sie keine Impulse mehr von der mittleren Ebene zwischen Gemeinde und Bistum bekommt“, glaubt Klamet.

1988 wechselte er zum katholischen Sozialverband und „bekam dadurch einen ganz guten Überblick der sozialen Situation in Mülheim.“ In den 90er Jahren waren vor allem die Flüchtlingsarbeit und die Auflösung der Obdachlosenunterkünfte wichtige Baustellen des Sozialarbeiters. „Wir hatten damals erheblich mehr Flüchtlinge in der Stadt als heute und der Wohnungsmarkt war angespannt“, erinnert sich Klamet. Obwohl er in Diskussionen mit aufgeregten Gemeindemitgliedern damals auch gerne auf die biblische Fluchtgeschichte der heiligen Familie verwies, hörte er damals immer wieder das Argument: „Wir wollen es den Leuten nicht zu gemütlich machen, sonst bleiben sie am Ende noch hier.“

Dass er mit daran arbeiten konnte, dass die Obdachlosenunterkünfte und die Wohncontainer für Flüchtlinge zugunsten der Einquartierung in regulären Wohnungen verschwanden, sieht er bis heute als eines seiner größten Erfolgserlebnisse: „Wer nicht in einer normalen Wohnung lebt, wird stigmatisiert; dessen Selbstständigkeit und Würde wird untergraben.“

Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit dem Aufbau der Caritas-Beratung für Flüchtlinge und Zuwanderer ist Klamet davon überzeugt, dass die Integrationsbereitschaft und die Integrationserfolge vieler Flüchtlinge und Zuwanderer größer ist, als es die deutsche Öffentlichkeit oft wahrhaben will. „Die meisten Familien sind sehr bildungsorientiert und wollen, dass es ihren Kindern einmal besser geht als ihnen. Außerdem hat auch die Offene Ganztagsgrundschule, in der wir auch als Caritas engagiert sind, der Bildungsarmut spürbar entgegengewirkt,“ sagt Klamet. Nur bei manchen Frauen aus bestimmten Zuwandererfamilien sieht er noch Nachholbedarf, „weil sie zwar auch sehr lernorientiert sind, aber manchmal von ihren Familien kulturell sehr eng eingezurrt werden.“

Als hauptamtlicher Koordinator und Zuarbeiter der ehrenamtlichen Gemeinde-Caritas hat Klamet in den vergangenen Jahren vor allem den Blick für die Armut vor Ort geschärft, eine Brücke zwischen den ehrenamtlichen Helfern und den professionellen Sozialdienstleistern der Caritas geschlagen und zusammen mit der NRZ auch die vorweihnachtliche Wunschbaumaktion ins Leben gerufen, die auch in diesem Jahr wieder Freude schenken wird, wo viel zu oft Not herrscht. „Vor allem die Vereinsamung von Senioren ist heute ebenso ein Problem, wie der gleichbleibende Sozialhilfepegel von Menschen, die zum Beispiel durch Trennung, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder als alleinerziehende Eltern unverschuldet in Armut geraten“.

Erhard Klamet geht in den Ruhestand. Seine Arbeit bleibt.

Dieser Text erschien am 23. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 1. November 2013

Aus zwei mach eins: Ein Schulbeispiel aus Styrum zeigt, wie man durch einen guten Dialog auch schwierige Herausforderungen meistern kann

Die Schilder Evangelische und Katholische Grundschule stehen noch. Doch die Zukunft an der Zastrowstraße ist nicht mehr konfessionell. „Wir werden im kommenden Schuljahr zur mehrkonfessionellen Gemeinschaftsgrundschule“, erklärt Maria Reimann Noch leitet sie die Katholische Grundschule. Zukünftig wird sie mit ihrer Konrektorin Vera Glunz eine Schule leiten, „die“, wie sie sagt „der erste Mosaikstein einer neuen Schullandschaft in Styrum sein wird.“

Doch Styrum könnte überall sein. Denn der demografische Wandel sorgt dafür, dass auch anderen Schulstandorten die Frage beantwortet werden muss: Wie macht man aus zwei Schulen eine Schule, in der das Gemeinschaftsgefühl und der gute Geist der Bildung nicht auf der Strecke bleiben?

„Wir haben den Mangel sinkender Schülerzahlen in etwas Positives verwandelt“, sagt Maria Reimann heute im Rückblick auf den Dialog- und Konzeptionsprozess, der bereits vor zwei Jahren mit einer Zukunftswerkstatt begann, in der Lehrer, Eltern, Politiker und Verwaltungsfachleute die Idee einer Gemeinschaftsgrundschule als Teil einer zukünftigen Stadtteilschule mit den Standorten Zastrow- und Oberhausener Straße entwickelten.
„Das Besondere an diesem Konzeptionsprozess war, dass die Politiker und Fachleute nicht den Ton angegeben, sondern mit Lehrern und Eltern auf Augenhöhe diskutiert und ihnen zugehört haben“, erinnert sich Vera Glunz. Diesem positiven Beispiel folgten die jeweils 13 Lehrer der katholischen und evangelischen Grundschule an der Zastrowstraße auch, als es nach dem Ratsbeschluss vom Juni 2012 an die konkrete Arbeit ging. Sie folgten von Anfang an dem Rat ihrer externen Fachbegleiterin Gisela Schulte-Braucks-Burghardt: „Stellt die Elternarbeit ganz oben an.“

So wurden die Eltern sofort in den Leitbildprozess einbezogen. Foren und Cafés, in denen Eltern ihre Sorgen, Wünsche und Ideen einbringen können, wurden zu einer festen Einrichtung. Und so kam es, dass nicht nur die Lehrerkollegien, sondern auch die Eltern eine Steuerungsgruppe gebildet haben, um den Fusionsprozess zu begleiten. Außerdem gibt es Baustellenteams, in denen Lehrer und Eltern gemeinsam an bestimmten Themen arbeiten. „Das macht unsere Arbeit leichter, weil sich alle Eltern gut informiert fühlen“, sagt Vera Glunz.

„Wir haben aber auch viele Zaungespräche geführt, um Ängste auszuräumen, die bei so einer Umwälzung immer aufkommen. Dabei haben wir immer wieder festgestellt, dass nicht nur bildungsbürgerliche Eltern, sondern auch Eltern, die sich mit der deutschen Sprache schwertun, sehr daran interessiert sind, dass ihre Kinder hier weiterhin eine gute Schulbildung bekommen“, berichtet Maria Reimann. Die Fragen sind die gleichen: Wird mein Kind gefördert und ist es sicher in der Schule? Wird es von freundlichen und nicht ständig wechselnden Lehrerpersönlichkeiten unterrichtet, die es stärken und zur Selbstständigkeit erziehen?

Schnell wurde klar, dass es auch bei der Wertevermittlung gemeinsame Nenner gibt, auf die sich Christen und Muslime einigen und deshalb, wie auch schon in der Vergangenheit praktiziert, ihre Feste im Schulalltag gemeinsam feiern können. Auch die Tatsache, dass man an der Katholischen Grundschule bisher jahrgangsübergreifend und an der Evangelischen Grundschule jahrgangsbezogen lehrt und lernt, war kein großes Hindernis. Im neuen Leitbild werden die Eingangsklassen 1 und 2 jahrgangsübergreifend und die Klassen 3 und 4 jahrgangsdifferenziert. „Das macht auch pädagogisch Sinn, weil die Leistungsunterschiede in der Schuleingangsphase besonders groß sind, und leistungsstarke Schulanfänger eher die Chance haben mit älteren Kindern zusammenzuarbeiten, während leistungsschwächere die Chance bekommen, mit den Jüngeren länger zu lernen und am Ende doch ans gleiche Ziel zu kommen“, findet Glunz. Die in der Katholischen Grundschule bewährten Klassenräte, in denen Kinder loben und kritisieren, was gut oder schlecht gelaufen ist, um dann nach Lösungen zu suchen, werden ebenso in der Gemeinschaftsschule flächendeckend praktiziert, wie das in der Evangelischen Grundschule bewährte Einschulungsspiel, dass Erzählfähigkeit, Zahlenverständnis und Beweglichkeit der Kinder testet.

„Wir haben uns gemeinsam auf den Weg gemacht und begriffen, dass gemeinsames Lernen gelingen kann, wenn sich alle in ihrer Unterschiedlichkeit wertgeschätzt und gut aufgehoben fühlen“, bilanziert Vera Glunz. Und Maria  Reimann glaubt, „dass wir nicht nur von den Eltern, sondern auch von den vielen Styrumern, die sich für ihren Stadtteil engagieren, vor allem deshalb volle Rückendeckung bekommen, weil man hier daran gewöhnt ist, vor großen Herausforderungen zu stehen und sich auf Neues einlassen zu müssen und deshalb auch mal bereit ist, quer zu denken.“ Schuldezernent Ulrich Ernst bescheinigt dem Schulfusionsprozess „mustergültig zu laufen, weil alle den Prozess konstruktiv begleitet haben und niemand auf die Barrikaden gegangen ist, um seine konfessionelle Grundschule zu behalten.“


Dieser Text erschien am 25. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 25. Oktober 2013

Warum auch Mülheimer Stiftungen vom Aktienkurs und den Ausschüttungen des Stromversorgers RWE abhängig sind

Wenn der Energieversorger RWE wirklich, wie jetzt angekündigt, 2014 seine Dividende an die Aktionäre von zwei auf einen Euro pro Aktie reduziert, wird das nicht nur die Stadt mit ihren 9,5 Millionen RWE-Aktien, sondern auch die Leonhard-Stinnes-Stiftung mit ihren 4,3 Millionen RWE Aktien und die August- und Josef-Thyssen-Stiftung mit ihren 300?000 RWE-Aktien betreffen.

Beide Stiftungen werden von der Stadt treuhänderisch verwaltet und in einem Sonderhaushalt geführt. Nach Angaben der Stadtkanzlei besteht ihr Stiftungskapital zu mehr als 90 Prozent aus RWE-Aktien. Die Leonhard-Stinnes-Stiftung hatte erst im vergangenen Jahr 200.000 zusätzliche RWE-Aktien erworben. Folglich wird die RWE-Dividende für die Leonhard-Stinnes-Stiftung 2014 von 8,6 auf 4,3 Millionen Euro und die RWE-Dividende der August- und Josef-Thyssen-Stiftung von 600.000 auf 300.000 Euro sinken.

Die Leonhard-Stinnes-Stiftung fördert zum Beispiel die Augenklinik, die Konzeption und Umsetzung des Jugendsportparks, die Camera Obscura, die Stadtbücherei, die Bürgerbegegnungsstätten, das Tiergehege im Witthausbusch oder das Projekt Jedem Kind ein Instrument (Jeki). Die August- und Josef-Thyssen-Stiftung fördert Projekte aus den Bereichen Spiel, Sport und Jugend. Dazu gehören zum Beispiel Kindergärten, Schwimm- und Hauswirtschaftsunterricht. In der Vergangenheit wurden hier zum Beispiel Personal- und Ausstattungskosten übernommen, wenn es etwa um den Einsatz eines Schwimmmeisters als Lehrkraft oder die Einrichtung einer Schulküche ging.

Zum Vergleich: 2008 konnten beide Stiftungen noch eine Dividende von 4,50 pro RWE-Aktie verbuchen. Die Dividende lag aber in den Jahren davor auch schon mal nur bei 1,75 Euro oder 3,50 Euro. Allerdings weist der Leiter der Stadtkanzlei, Frank Mendack darauf hin, dass die RWE-Aktiendividende nach der Halbierung 2014 immer noch einer Verzinsung des Stiftungskapitals von etwa vier Prozent entsprechen wird, während der Zins für Festgeldanlagen derzeit bei durchschnittlich 0,5 Prozent liegt.

Stadtkanzleichef Mendack betont, dass die Finanzierung der laufenden Förderprojekte unter einer möglichen Halbierung der RWE-Dividende nicht leiden wird. Deren Folgen betreffen lediglich neue Förderanträge. Laut Mendack gehen bei der Leonhard-Stinnes-Stiftung jährlich rund 100 Förderanträge ein, bei der August- und Josef-Thyssen-Stiftung ist es dagegen nur eine Hand voll.

Wie man genau auf eine Halbierung der RWE-Dividende reagieren wird, müssen der im Dezember tagende Beirat der Leonhard-Stinnes-Stiftung und im Fall der August- und Josef-Thyssen-Stiftung die qua Amt von den Stiftern als Verwalterin eingesetzte Oberbürgermeisterin entscheiden. Im Kern geht es um die Frage, ob man angesichts sinkender Einnahmen weniger Anträge bewilligt oder Projekte, wo möglich, nur noch anteilig fördert. Diese Richtungsentscheidungen erwartet der Leiter der Stadtkanzlei allerdings erst im Laufe des kommenden Jahres, da für 2013 noch die Zwei-Euro-Dividende pro Aktie ausgeschüttet werde. Außerdem ist Mendack zuversichtlich , dass die RWE-Gewinne sich mittelfristig erholen.

Noch aber ist das letzte Wort in Sachen Dividende ohnehin nicht gesprochen. Meist finanzschwache Kommunen des Ruhrgebiets wie Mülheim oder Essen sind am RWE zu knapp unter 25 Prozent beteiligt. Diese Anteilseigner werden bei der Hauptversammlung Druck machen - allerdings mit begrenztem Schaum. Eine zu hohe Dividende könnte leicht in weiteren Kostensenkungen enden, sprich: Stellenabbau.

Dieser Text erschien am 2. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 23. Oktober 2013

So gesehen: Wunsch und Wirklichkeit

Unsere Politiker sollen Ecken und Kanten haben, aber uns auch nicht vor den Kopf stoßen. Denn dann werden sie erst gar nicht gewählt und sind am Ende gar keine Politiker mehr.

Der Mülheimer Satiriker Rene Steinberg, dessen Ansichten zur Kabarettreife und Profilierung unserer Politiker, Sie am Samstag in der Mülheimer NRZ nachlesen konnten, weist nicht ganz zu Unrecht darauf hin, dass das mit der Klage über profillose Politiker so ist, wie mit der Klage über die darbende Innenstadt. „Viele Leute wünschen sich eine florierende Innenstadt, kaufen aber trotzdem im Internet ein“, hält er uns den Spiegel vor und zieht einen interessanten Vergleich zwischen Kauf- und Wahlverhalten.

Sind wir Wähler und Konsumenten am Ende also selber schuld, wenn in unserer Innenstadt die Ladenlokale leerstehen oder Politiker mit Mut zum Profil bei der Wahl leer ausgehen? Was passieren kann, wenn man sich zum Beispiel mit der Forderung nach Steuererhöhungen und einem fleischlosen Tag in der Woche profiliert, haben die Grünen bei der Bundestagswahl schmerzlich erfahren. Wenn es ums Geld und um die Wurst geht, verstehen wir eben keinen Spaß. Denn in der Politik ist es wie auf dem Markt: Mit Ladenhütern kann man sich vielleicht profilieren, aber kein Geschäft, geschweige denn einen Staat machen.

Allerdings lehrt die Geschichte auch, dass es manchmal nur eine Frage der Zeit ist, wann ein politischer oder wirtschaftlicher Ladenhüter doch noch zum Verkaufsschlager wird.
Ganz zeitlos müssen wir uns aber wohl eingestehen, dass Konsequenz zwar eine Tugend, aber nicht unbedingt menschlich ist. Oder zeigen Sie etwa mit dem Hinweis auf einen fleischlosen Tag pro Woche Profil, wenn Ihre Frau Sie fragen sollte: „Findest du mich eigentlich zu dick?“

Dieser Text erschien am 21. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Politiker im Spiegelbild der Satire: Warum der Kabarettist Rene Steinberg von den Ecken und Kanten der Politiker lebt, aber immer weniger davon findet

Die von der Leyens, Schloss Koalitionsstein und Sarko de Funes haben ihn bei den Hörern des Westdeutschen Rundfunks bekannt und beliebt gemacht. Seit mehr als zehn Jahren nimmt der Mülheimer Radio-Comedian, Kabarettist und Satiriker Rene Steinberg Politiker aufs Korn und hat dafür gerade erst von den Mülheimer Karnevalisten die Spitze Feder für seine Verdienste um das freie Wort zuerkannt bekommen.

Doch bevor Steinberg die Feder spitzen und in seinem Saarner Heimstudio Sketche und Glossen produzieren kann, muss er erst mal Politiker finden, die satirefähig sind.

Das wird immer schwieriger, weil die meisten Politiker heute glatt gebügelt sind und schon sehr früh ihre ersten Medientrainings hinter sich gebracht haben, gibt Steinberg zu. Eine Ausnahmeerscheinung, aber auch ein Beweis dafür, wie unsere schnelllebige Mediendemokratie heute funktioniert, war für ihn da der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Der hat es ja mit Ecken und Kanten und Klartext versucht und dafür gleich eins auf die Fresse bekommen, erinnert sich Steinberg an den Bundestagswahlkampf. Auch aus Gesprächen mit Politikern weiß der Satiriker, dass sich viele Politiker gar nicht mehr trauen, wirklich zu sagen, was ihnen auf der Zunge liegt, weil sie dass dann sofort von den Medien, vom politischen Gegner, aber auch von den eignen Leuten um die Ohren gehauen bekommen. Als Radiokabarettist, der mit seinen Sketchen auch eine Haltung transportieren möchte, findet es der 40-Jährige schade, dass die Medien Politikern heute kaum noch Zeit dazu lassen, Ecken, Kanten und damit ein eigenes Profil zu entwickeln.

Ein so pfundiger Typ, wie Franz-Josef Strauß, der auch mal einen markigen Satz rausgehauen hat, hätte es in der heutigen Medienlandschaft viel schwerer, sich auf Dauer politisch zu halten, glaubt Steinberg. Er kann verstehen, dass manche altgediente Kabarettisten noch heute auf politische Charakterköpfe, wie Strauß oder Willy Brandt zurückgreifen. Ihn selbst würde es aber nicht reizen, auf einer starken Nummer immer wieder herumzureiten. Hat Steinberg, der von den Ecken und Kanten der Politiker lebt, Angst vor der Profillosigkeit und einem Regierungswechsel, der ihm den einen oder anderen übrig gebliebenen Charakterkopf stehlen könnte? Diese Angst habe ich mir abgewöhnt, sagt Steinberg mit einem Lächeln und fügt hinzu: Das ist das Berufsrisiko. Das ist im Paket mit drin. Das ist aber auch die spannende Herausforderung, sich auf neue Köpfe einzulassen.

Doch dann gibt Steinberg zu, dass ihm die Abwahl des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, alias Sarko de Funes, schon etwas weh getan hat und das er sich freut, dass sich in Frankreich ein Comeback Sarkorzys abzeichnet. Der Sarkozy war mit seinem überzogenen Selbstbewusstsein, das auch keine Angst vor einem peinlichen Fettnäpfchen hatte, einfach genial, findet Steinberg.

Doch auch bei einigen deutschen Politikern sieht er den satirereifen Moment-mal-Effekt, der Menschen zum Widerspruch reizt. Die perfekte Übermutti Ursula von der Leyen, die scheinbar mühelos Politik und Familie unter einen Hut bringen kann und damit vor allem bei vielen Frauen Opposition hervorruft, ist für ihn ebenso ein Politikertyp wie Bundesumweltminister Peter Altmeier, weil der einen Hintern in der Hose hat und im hektischen Politikbetrieb so eine gemütliche Gelassenheit ausstrahlt, mit der er seinen Riemen durchzieht.

Sein Traum, daran lässt Steinberg keinen Zweifel, wäre ein Duell der Kanzlerkandidatinnen Hannelore Kraft (SPD) und Ursula von der Leyen (CDU), weil dass zwei Frauen sind, die eine direkte zupackende Art haben und denen man noch abnimmt, dass sie eine politische Mission haben und weil das für mich natürlich auch ein akustisches Heimspiel wäre.Aber, so glaubt Steinberg: Den beiden müssen wir noch etwas Zeit lassen.

An seiner Mülheimer Landsfrau, die er zu Beginn ihrer Düsseldorfer Regierungszeit als Ministerpräsidentin 2010 im Hanni- und Löhrmanni (in Anlehnung an die Grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann)-Minderheitsregierungsferiencamp besuchte, fasziniert ihn ihre direkte und zupackende Art, die sie leicht auf Menschen zugehen und ihre Politik vermitteln lässt, weil sie sich ihren Ruhrpottsprech bewahrt und keinen Politikersprech angewöhnt hat.

Beim CDU-Kanzleramtsminister Roland Pofalla gefällt Steinberg dessen Image als politischer Musterknabe und eilfertiger Diener seiner Kanzlerin in Verbindung mit seiner nasalen Aussprache, mit der er als Bürogehilfe im Schloss Koalitionsstein immer wieder betont: Das ist ja genial Frau Dr. Merkel. Auch bei SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sieht er nach ihrer Pippi-Langstrumpf-Gesangseinlage zumindest Ansätze zur Satirefähigkeit, die aber noch ausgebaut werden müsse.

Bei Nahles ist sich Steinberg noch nicht so sicher, ob sie diesen zweidimensionalen Charakter und die inhaltlich Substanz hat, die man braucht, um eine Figur zu entwickeln. Eine kabarettreife Politikerfigur vergleicht Steinberg mit einer guten Zeitungskarikatur, die Politiker ja auch nicht 1:1 abbildet, sondern sie verzerrt und überzeichnet, in dem sie markante Charakterzüge herausarbeitet.

Ausgesprochen lieb sind Steinberg Politiker, bei denen man auch einen inhaltlichen Anpack und ein Thema hat, an dem man sich abarbeiten kann. Gerne erinnert er sich in diesem Zusammenhang daran, dass die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen 2007 ihre Karriere in Steinbergs Tonstudio begann, als sie mit ihren Kindern Krippenplätzchen backte, während sie in Berlin für mehr Kindergartenplätze stritt. Und auch an das Aachen Mädel Ulla(la) Schmidt, die als sozialdemokratische Bundesgesundheitsministerin mit der inzwischen wieder abgeschafften Praxisgebühr ins kabarettistische Fadenkreuz geriet, ist ihm als politische Type in bester Erinnerung geblieben. Auch am Ex-FDP-Chef Philipp Rösler arbeitete sich Steinberg ab, nachdem dieser als Witzerzähler im Bierzelt kläglich gescheitert war. Aber dann hat er schnell die satirische Lust an Rösler verloren, weil da zu wenig Tiefe und Substanz drin war und es keinen Spaß macht, auf jemanden drauf zu hauen, der schon am Boden liegt.


Dieser Text erschien am 19. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 19. Oktober 2013

Um Antwort wird gebeten: Mit einer Umfragte unter Senioren will die Stadt herausfinden, wo und wie sie für ihren Alltag Hilfestellung brauchen:

Wie vertraut ist Menschen über 60 ihr Stadtteil? Welchen Hilfebedarf haben sie und wen fragen sie, wenn sie Hilfe brauchen? Das möchte das Sozialamt von den 1070 Senioren in der Stadtmitte erfahren. Doch bisher liegen nach Angaben des Sozialamtes aber nur 100 ausgefüllte Fragebögen vor.

„Wir brauchen mindestens 250 ausgefüllte Fragebögen, um zu einem signifikanten Ergebnis zu kommen“, weiß der federführende Sozialplaner des Sozialamtes Jörg Marx vom Institut für angewandtes Management und Organisation in der sozialen Arbeit. Das Institut der Fachhochschule Köln wird die Ergebnisse der Befragung wissenschaftlich auswerten. Mit konkreten Ergebnissen rechnet Marx im ersten Quartal 2014. Bisher haben zwölf ehrenamtliche Interviewer 500 Senioren aufgesucht. In rund 50 Prozent wurde aber eine Teilnahme an der Befragung abgelehnt.

„Die Reaktionen, die ich erlebt habe, waren sehr unterschiedlich. Sie reichten von Freude und Begeisterung für das Projekt bis hin zu purer Ablehnung“, beschreibt Hermann Klauer seine Erfahrungen. Der 63-jährige hat bisher über 30 Interviews geführt. Manchmal erlebte er bei seinen Gesprächspartnern große Aufgeschlossenheit und sogar die Bereitschaft sich selbst zu engagieren. Manchmal stieß er aber auch auf Angst, Abschottung und Einsamkeit. Überrascht haben ihn immer wieder die krassen Kontraste zwischen gut funktionierenden Hausgemeinschaften und totaler Anonymität.

Nachdem jetzt auch die Arbeiterwohlfahrt ihre Unterstützung zugesagt hat und Besucher ihrer Seniorentagesstätte an der Bahnstraße befragen lassen will, ist Marx zuversichtlich, mindestens 250 aussagekräftige Fragebögen zusammenzubekommen. Senioren aus der Stadtmitte, die sich noch nachträglich an der Befragung des Sozialamtes beteiligen möchten, können sich auch jetzt noch an ihn wenden. „Wir fragen nicht nach persönlichen und finanziellen Verhältnissen“, macht Marx potenziellen Gesprächspartnern Mut, sich den ehrenamtlichen Interviewern, die sich ausweisen können, zu öffnen.

Hintergrund der im Juli gestarteten Befragung ist das Ziel, ein System ehrenamtlicher Bürgerlotsen aufzubauen. Sie sollen, zum Beispiel durch ein Button oder als ausgewiesene Mitarbeiter in kooperationsbereiten Geschäften vom Kiosk bis zur Apotheke als „erkennbare Wegweiser“ für Senioren in der Stadtmitte ansprechbar sein, und ihnen den Weg zum Ziel aufzeigen. „Solche Bürgerlotsen müssen nicht alles wissen, aber sie können dann zum Beispiel die Frage beantworten, wo Senioren professionelle Hilfestellung bekommen können, wenn sie zum Beispiel wissen wollen, wie viel eigentlich ein Platz im Altenheim kostet oder wie man zum Beispiel Kontakt zu einem Schachclub bekommt, in denen man mit andren sein Hobby pflegen und Geselligkeit erleben kann“, erklärt Sozialplaner Marx das Prinzip. Solche Bürgerlotsen sollen als Bindeglied zwischen Bürgerschaft und professionellen Dienstleistern agieren und, wie Marx es ausdrückt, „den Grad der Bekanntheit erhöhen und so der Anonymität entgegenwirken.“ Das Projekt zur Förderung der Lebensqualität im Alter ist auf drei Jahre angelegt und wird vom Bundesbildungsministerium gefördert. 15 interessierte Bürger haben dem Sozialamt schon jetzt ihre Bereitschaft signalisiert, als ehrenamtliche Bürgerlotsen geschult und aktiv zu werden.

iWeitere Auskünfte zur Seniorenbefragung und zum Projekt Bürgerlotsen gibt Jörg Marx vom Sozialamt unter der Rufnummer 0208/455-5012

Dieser Text erschien am 9. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Warum die stellvertretende Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins, Maria St Mont eine Mutmacherin ist

Es gibt Menschen, die sehen schwarz und klagen über ihr Schicksal. Maria St. Mont gehört nicht zu ihnen. Sie wirkt fröhlich und aufgeschlossen, wenn man sich mit ihr über ihre Sicht auf das Leben unterhält. Dabei hätte sie Grund zu klagen. Denn die heute 50-Jährige ist aufgrund einer Erbkrankheit erblindet. Sie wurde mit derselben Augenkrankheit wie ihre Mutter geboren.

Ich hatte es leichter, weil das ein schleichender Prozess war und ich mich langsam an der Verlust meiner Sehkraft gewöhnen konnte, sagt St. Mont. Aus ihrer ehrenamtlichen Arbeit als stellvertretende Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins (BSV) weiß sie: Andere, die erst später und plötzlich durch eine Krankheit oder einen Unfall erblinden, fallen oft in ein tiefes Loch.

Menschen, denen sie mit Rat, Hilfe und ihrem eigenen Lebensbeispiel Mut machen will, trifft sie etwa bei Veranstaltungen des BSV oder bei einer monatlichen Sprechstunde für Blinde und Sehbehinderte, die sie mit der BSV-Vorsitzenden Christa Ufermann am ersten Donnerstag im Monat, jeweils von 10 bis 14 Uhr bei den Grünen an der Bahnstraße 50 abhält. In der Regel kommen drei bis vier Ratsuchende, denen wir zum Beispiel Hilfsmittel vorstellen, aufzeigen, wie man das vom Landschaftsverband gezahlte Blindengeld beantragt oder helfen bei Problemen mit Augenärzten, berichtet St. Mont.

Aus eigner Erfahrung weiß sie: Man muss das Glas halb voll und nicht halb leer sehen. Man darf nicht darauf gucken, was man nicht mehr kann, sondern darauf, was man noch kann. Man muss rausgehen und darf nicht zu Hause sitzen bleiben.

Deshalb blieb St. Mont, die verheiratet ist und eine 24-jährige Tochter hat, auch nicht sitzen, als sie 1999 nur noch hell und dunkel sehen konnte. Ich schaue heute, wie durch eine dicke Watte, beschreibt sie ihr minimales Restsehvermögen.

Natürlich hat es sie geschmerzt, dass sie damals nicht mehr als Bürogehilfin bei Mannesmann und als Übungsleiterin beim Amateurschwimmclub arbeiten konnte. Heute lebt sie mit ihrem sehenden Mann Karl-Heinz von monatlich 629 Euro Blindengeld und von seiner Rente, die er als Friedhofsgärtner erworben hat. Eine Berufsunfähigkeitsrente bekommt sie nicht, weil sie ihre Berufstätigkeit aufgrund der Kindererziehung zu früh aufgegeben hatte und so nicht genug Arbeitsjahre nachweisen kann.

Doch das macht sie nicht bitter. Die Hilfe durch ihren Mann und ihre Tochter Stephanie, die im Notfall auch mal für die Mutter mitsehen, gibt ihr ebenso Halt, wie ihr christlicher Glaube. Ich weiß, dass ich eine Aufgabe im Leben habe und dass mich Gott dort hingestellt hat, wo ich jetzt bin, sagt sie.

St. Mont sieht sich als Mutmacherin für blinde und sehbehinderte Menschen, die sich mit ihrem Schicksal schwerer tun. Ein Mobilitätstraining, ihr weißer Stock und ihre ausgebildete Blindenführhündin Selma geben ihr auch dann ein Gefühl von Selbstständigkeit und Sicherheit, wenn sie alleine unterwegs ist.

Ich gehe heute nicht mehr quer über Straßen und Plätze, sondern geometrisch, dass heißt, an Häuserwänden entlang und dann um die Ecke, schildert sie ihre veränderte Orientierung. Um die Orientierung für sich und andere blinde und sehbehinderte Menschen zu verbessern, setzt sich St. Mont mit dem BSV und der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände für akustische Ampeln, gegen die totale Absenkung von Bordsteinen, für die Bewilligung individueller Hilfsmittel oder für taktile Tasten- und Informationsfelder in Aufzügen und öffentlichen Gebäuden ein.

Zugeparkte oder mit Geschäftsauslagen zugestellte Gehwege, ärgern sie ebenso, wie fehlende Haltestellenansagen in Bussen und Bahnen oder die Ignoranz vieler E-Book-Anbieter, die ihre E-Books nicht mit Sprachsoftware ausstatten. Denn so eine Sprachsoftware, die als Hilfsmittel von der Krankenkasse finanziert wird, ermöglicht ihr mit dem Computer zu arbeiten, E-Mails zu lesen und zu verschicken oder sich Informationen im Internet anzuhören.

Per E-Mail lässt sie sich von der Stadtbücherei auf neue Hörbücher hinweisen. Da ist unsere Stadtbücherei Gott sei Dank gut ausgestattet, freut sich St. Mont. Auch die in der Stadtbücherei aufgenommene und kostenlos zugeschickte Hörzeitung Echo Mülheim möchte sie als Informationsquelle ebenso wenig missen, wie die Hörbücher und Hörzeitschriften aus der Westdeutschen Blindenhörbücherei.

Gerne besucht St. Mont auch Lesungen, bei denen ihr Autoren aus ihren Büchern vorlesen. Das war auch das einzige, was ich bei der Erziehung meiner Tochter vermisst habe, nämlich ihr Geschichten vorlesen zu können, sagt die Literaturfreundin, die auch bei Bibeltagen, Bibelkreisen und Gottesdiensten gerne etwas aus dem Buch der Bücher hört, das ihr Kraft und Ruhe vermittelt. Und was ist mit dem Fernsehgerät in ihrem Wohnzimmer? Früher habe ich im Fernsehen gerne Krimis gesehen, heute höre ich im Fernsehen aber Quiz- und Informationssendungen, bei denen es um Allgemeinwissen geht. Fernsehkrimis sind für mich nicht mehr so spannend, weil ich die Handlungsabläufe nicht sehe und so viele Zusammenhänge nicht mitbekomme, schildert sie ihre veränderte Sicht auf die Fernsehunterhaltung.

Sieht man nur mit dem Herzen gut? Für St. Mont ist da was dran: Weil ich nicht sehe, ob Menschen weiß, schwarz, rot, gelb, alt oder jung sind, gehe ich ohne Vorurteile auf sie zu.Ich habe auch keine Scheu auf Menschen zuzugehen, um sie zu fragen, ob die Ampel gerade Rot oder Grün zeigt. Und wenn ich alleine einkaufe, bitte ich eine Mitarbeiterin des Supermarktes, mich zu begleiten und mir die gewünschten Waren in den Korb zu legen, schildert sie ihre offensive Kommunikationsstrategie.

Und wenn sie mal selbst nicht zum Einkauf kommt, spricht sie ihre Wünsche auf ein kleines Diktafon und schickt damit ihren Mann Karl-Heinz auf Shoppingtour.

Nicht nur ihre Shopping,- sondern auch ihre Sightseeingtouren haben sich verändert. Sehenswürdigkeiten gibt es für sie nicht mehr. Im Urlaub genießt sie nicht mehr den Meeresblick, dafür aber das Rauschen der Meeresbrandung. Gerne geht St. Mont auch mit ihrer Freundin Angelika spazieren und lässt sich von ihr haargenau die Farben des Herbstlaubes beschreiben. Oder sie organisiert mit ihren Freunden vom BSV zum Beispiel einen Zoobesuch, bei dem die Teilnehmer einer taktilen Führung keine Tiere anschauen, sondern streicheln und füttern können. Ich war zuletzt erstaunt, wie viele Borsten so ein Elefant hat, erinnert sich St. Mont an ihren letzten Zoobesuch mit dem BSV. Gerne würde sie mehr der etwa 450 blinden Menschen in Mülheim dazu bewegen, an den Aktivitäten ihres Vereins teilzunehmen, der aktuell nur etwa 70 Mitglieder hat und Verstärkung gut gebrauchen könnte.

Weitere Informationen im Internet unter: www.bsv-muelheim.de


Dieser Text erschien am 12. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung