Freitag, 26. April 2013

Fluch oder Segen? Was Mülheimer Schulleitern zur aktuellen Kontroverse um das Zentralabitur einfällt: Schlaglichter Eine pädagogische Umfrage

Ist das Zentralabitur Fluch oder Segen? Fördert oder behindert es die pädagogische Profilbildung der Schulen und die individuelle Leistungsentfaltung der Schüler? Diese Fragen drängen sich auf, wenn Schüler vor dem NRW-Schulministerium gegen vermeintlich unlösbare Aufgaben im Mathematik-Abitur demonstrieren. Oder hat Bildungsforscher John Hattie recht, der in einer Studie behauptet, dass die Qualität des Unterrichtes von der Persönlichkeit und Professionalität des Lehrers und nicht von strukturellen Rahmenbedingungen, wie etwa der Klassengröße oder dem Abitur in acht oder neun Schuljahren abhängt.


Kommt man darüber mit Schulleitern der Mülheimer Gymnasien, Sigrun Leistnitz (Gymnasium Heißen), Magnus Tewes (Karl-Ziegler-Schule), Ulrich Stockem (Otto-Pankok-Schule), Ralf Metzing (Gymnasium Broich) und Bernd Trost von der Luisenschule ins Gespräch, so bestätigen alle die zentrale Rolle der Lehrer, sehen im Zentralabitur keine Einschränkung, sondern eine Erleichterung bei der Vorbereitung und Vergleichbarkeit der Abiturprüfungen. Allerdings räumt die Oberstufenleiterin der Gustav-Heinemann-Schule, Ines Steinke ein, dass die strengen Vorgaben des Zentralabiturs „die Vielfältigkeit des Unterrichtes eingeschränkt hat, weil wir heute weniger Projekte und Ausflüge machen können, als wir das früher gemacht haben, weil wir nun mal schaffen müssen, was wir schaffen müssen.“

Mit Blick auf die Mathematikprüfungen hieß es bei den befragten Schulen, dass die Aufgaben schwieriger und zum Teil missverständlicher als in den Vorjahren formuliert und deshalb auch schwieriger auszuwählen, aber lösbar gewesen seien. Von Leistungsausfällen oder gar weinenden Schülern, so hört man, könne nicht die Rede sein.

Einige Meinungsschlaglichter aus der Umfrage:

Magnus Tewes:

„Wir haben nicht die schwierigen Aufgaben zur Matrizenspiegelung ausgewählt. So konnten unsere Abiturienten ihre Aufgaben entspannt angehen. Die Lehrpläne sind nach der Einführung auch nicht enger geführt als früher. Wir können uns auch heute als Schule durch das Angebot zusätzlicher Kurse profilieren. Natürlich steht die Professionalität der Lehrer über allem, kann aber durch gute Rahmenbedingungen unterstützt werden.“

Sigrun Leistnitz:

„Schulen profilieren sich nicht mit ihrem Abiturprüfungen, sondern mit den Fächern und Kooperationen, die sie anbieten können. Die Einführung des Zentralabiturs und die damit verbundene Rücknahme der Oberstufenreform war nötig, damit die Schüler nicht unvorbereitet ins Studium gehen. Hattie hat recht. Von der Lehrerpersönlichkeit hängt alles ab. Ein schlechter Lehrer wird auch in einer kleineren Klasse keinen großen Lernerfolg erzielen. Aber in überschaubaren Schulen kennen sich Lehrer und Schüler besser und können sich deshalb auch besser austauschen oder auf Fehler eingehen. In Klassen mit mehr als 30 Schülern wird individuelle Förderung schwierig.“

Ralf Metzing:

„Die Schulzeitverkürzung auf G8 hat den Zeitdruck erhöht und dafür gesorgt, dass manche Dinge rausfallen und wir eine weniger große Bandbreite haben. Wir profilieren uns zum Beispiel mit einem sehr gefragten Philosophiekurs, der auch als viertes mündliche Abiturfach gefragt war und bei dem wir auch bei der Aufgabenstellung von den Vorgaben des Zentralabiturs befreit waren.“

Bernd Trost:

„Ich begrüße das Zentralabitur, weil es die Abschlüsse vergleichbar macht und auch eine Rückmldung gibt, wo man steht. Dennoch können Schüler aus einem breiten Fächerkanon auswählen, in dem wir uns zum Beispiel mit einem Sport-Leistungskurs oder modernen Fremdsprachen, wie Französisch und Spanisch profilieren. Die Matheaufgaben waren in den letzten Jahren schülerfreundlicher. Ich glaube aber nicht, dass sie extra schwer gemacht worden sind, um Schüler zu selektieren. Und was Hattie sagt, das ist die Wahrheit. Die Lernmotivation durch den Lehrer bringt auch Lernerfolg. Halbierte Klassen bedeuten keinen doppelten Erfolg. Aber die Bedeutung, die das bauliche und zwischenmenschliche Umfeld einer Schule für den Lernerfolg hat, sollte man auch nicht unterstützen.

Ulrich Stockem:

„Das Zentralabitur sorgt für mehr Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit und hat die schulinterne Kooperation verstärkt. Die Klausuren sind vielleicht etwas durchformatierter als früher und wir müssen heute mit den Schülern bestimmte Lösungsschemata trainieren, damit sie in der Prüfung keine Punkte liegen lassen. Als Schule profilieren wir uns, in dem wir Schüler nicht nur fit für die Arbeit machen, sondern auch ihr Allgemeinwissen und ihre ethische Urteilsfähigkeit fördern. Ich habe aber keine Strukturveränderung erlebt, die Schüler grundsätzlich besser gemacht hätte. Und wenn die Lehrerpersönlichkeit nichts taugt, helfen auch methodische Handstände nicht weiter.“

Ines Steinke:

„Nur motivierte und begeisterte Lehrer können Schüler motivieren und begeistern. Aber in einer kleineren Klasse können sie dies sicher noch viel intensiver tun und bei den Schülern besser ankommen als in großen Lerngruppen.“


Stichwort Zentralabitur

2007 einigte sich die Kultusministerkonferenz auf ein deutschlandweites Zentralabitur. Das bedeutet für die Schüler in Nordrhein-Westfalen, dass die Aufgaben, die sie in ihren drei schriftlichen Abiturfächern lösen müssen vom Schulministerium vorgegeben werden. Je nach Fach können Lehrer oder Schüler aber unter verschiedenen Aufgabenstellungen wählen. So müssen Lehrer zum Beispiel im Mathematik-Leistungskurs drei von acht und im Mathematik-Grundkurs mindestens zwei von sieben Aufagbenstellungen des Schulministeriums für die die Abiturprüfung auswählen. Grundsätzlich gilt: Unter den vier Abiturfächer müssen Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache vertreten sein. Während die Aufgaben für die drei schriftlichen Abiturprüfungen zentral vorgegeben werden, werden die Aufgaben für die mündliche Prüfung dezentral, also individuell von jeder Schule gestellt.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 25. April 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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