Sonntag, 21. April 2013

Wie die Hörzeitung Echo Mülheim eine akustische Brücke zwischen den Generationen schlägt

Ihre Mitschüler genießen die Freizeit. Die Karl-Ziegler Schüler Tobias Amann, Murat Ergin, Camilla Yola und Dean Christmann, alle 15 oder 16 Jahre jung, lesen an diesem Nachmittag. Sie lesen nicht irgendwo, sondern im Tonstudio der Hörzeitung Echo Mülheim. Und sie lesen auch nicht irgendetwas, sondern die Seniorenzeitung Alt, na und!? Der Leiter der Hörzeitung, Ali Arslan, und die Redaktionsleiterin der Seniorenzeitung, Gabriele Strauß-Blumberg sind sich einig: „Toll, dass sich junge Leute für so etwas ehrenamtlich engagieren.“ Damit meinen sie das Vorlesen von Artikeln, die im Tonstudio des Medienhauses aufgenommen und als CD wöchentlich an 60 blinde und sehbehinderte Hörer kostenlos verschickt werden.


„Ich mache das gerne, weil das interessant ist und mir gut gefällt. Außerdem ist diese Hörzeitung ein höchst sinnvolles Informationsangebot, denn wenn man blind oder sehbehindert ist, ist es wirklich schwer auf anderem Wege etwas mitzubekommen. Da wird man schnell ausgegrenzt. Und so sind auch blinde und sehbehinderte Menschen ein bisschen mehr mit dabei“, erklärt Camilla ihre Motivation, als ehrenamtliche Vorleserin bei der Hörzeitung mitzumachen. Und ihr Mitschüler Ergin hat nach seiner ersten Stunde im Tonstudio auch gleich gemerkt, worauf es beim Vorlesen ankommt. „Man muss deutlich und nicht zu schnell sprechen, damit die Zuhörer alles richtig verstehen können“, schildert er seine erste Erfahrung und schon stolpert er über das Wort „altehrwürdig.“ Da heißt es eben: „Stopp! Bitte, noch einmal.“

Die beiden Echo-Mülheim-Hörerinnen Ilse Petereit (63) und Margret Kox (64) finden: „Die Versprecher könnten sie eigentlich drin lassen. Die gehören beim Vorlesen doch dazu und machen die ganze Sache irgendwie sympathisch.“ Petereit, die nach einem Gehirntumor erblindet ist und Kox, die aufgrund einer Diabeteserkrankung nur noch eine Restsehkraft von zwei Prozent hat, wollen die vorgelesenen Informationen aus der lokalen Presse und dem kommunalen Veranstaltungskalender nicht mehr missen. „Das ist eine schöne Abwechslung und man lernt viel dazu“, findet Petereit. Und Kox meint: „Das ist Unterhaltung pur. Man nimmt wieder am Leben teil und sieht vieles bildlich vor seinem geistigen Auge.“ Früher waren die beiden Frauen begeisterte Tageszeitungsleserinnen.

Heute ist für sie freitags und samstags Echo-Mülheim-Tag. Dann hören sie nicht nur die neuesten Nachrichten aus der Lokalpresse oder die Berichte von Alt, na und?!, sondern auch das eine oder andere vorgelesene Sachbuch. Die auf fünf Stunden erweiterte Speicherkapazität ihrer CD und eine detaillierte Suchfunktion ihres Abspielgerätes machen es möglich.

„Unsere Hörer, deren Durchschnittsalter bei 72 Jahren liegt, freuen sich darüber, wenn sie mal eine junge Stimme hören“, weiß Echo-Mülheim-Mann Arslan. Doch bisher war die Studentin Maria Klamet (22) seine einzige ehrenamtliche Vorleserin unter 50. „Die meisten unserer 24 Vorleser sind bereits im Ruhestand und haben deshalb auch Zeit für ihr ehrenamtliches Engagement“, erklärt Arslan. Seine älteste Vorleserin Brigitte Block (86), die auch im Redaktionsteam von Alt, na und!? mitarbeitet, ist schon jetzt „hellauf begeistert“ von den jungen Vorlesern aus der Karl-Ziegler-Schule, die sie „als sehr erfrischend“ empfindet.


Stichwort Hörzeitung: Die Hörzeitung Echo Mülheim informiert seit 2001 über das lokale Geschehen in unserer Stadt. Wer eine Sehkraftminderung von mindestens 70 Prozent hat, bekommt die Hörzeitung kostenlos ins Haus geliefert. Wer diese Schwelle nicht überschreitet, muss die Versandkosten selber tragen. Weitere Auskünfte zur Hörzeitung Echo Mülheim, die im Medienhaus am Synagogenplatz produziert wird, geben Ali Arslan und Petra Weihers unter den Rufnummern 0208/455-4188 oder 455-4288.
Dieser Text erschien am 20. April 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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