Sonntag, 23. Juni 2013

50 Jahre danach: Ein Besuch bei Freunden: Barack Obama wandelt auf den Spuren John F. Kennedys

„Wenn ich einmal das Weiße Haus verlasse, dann wird mein Nachfolger einen Brief in meinem Schreibtisch finden mit der Aufschrift Nur in Augenblicken tiefster Depression zu öffnen! In diesem Brief stehen nur drei Worte: Besuchen Sie Deutschland!“ Das sagte John F. Kennedy bei seinem Deutschland-Besuch im Juni 1963. Damals erlebte er die triumphalsten Tage seiner 1000-tägigen Amtszeit.

Ob US-Präsident Barack Obama, der zurzeit mächtig unter Druck steht, den Brief seines Vorgängers und Vorbildes gelesen hat. Wenn er jetzt nach Deutschland kommt, wandelt er auf Kennedys Spuren und wird sich vielleicht an seinen eigenen Berlin-Besuch im Juli 2008 erinnern. Damals sagte der Präsidentschaftskandidat vor 200.000 begeisterten Menschen in der Hauptstadt "Wenn Sie, das Berliner Volk, die Mauer einreißen konnten, eine Mauer zwischen Ost und West, eine Mauer zwischen Angst und Hoffnung, dann können Mauern auf der ganze Welt eingerissen werden."

Wie Kennedy startete auch Obama als politischer Hoffnungsträger. Der eine wollte die Menschen „zu neuen Ufern“ führen. Der andere versprach den „Wechsel“ zu einer gerechteren Politik. Beide mussten erleben, dass die Hoffnungen, die sie weckten, nur bedingt erfüllt werden konnten.
Wenn Obama jetzt nach Deutschland kommt, begleiten ihn die Schatten der Internetausspähung durch den US-Geheim-Dienst NSA. Als Kennedy am 23. Juni 1963 nach Deutschland kam begleiteten ihn die Schatten den Berliner Mauerbaus und der deutschen NS-Vergangenheit.

Der Mauerbau lag erst zwei Jahre zurück. „Der Westen tut nichts und Präsident Kennedy schweigt“, schrieb die Bild-Zeitung im August 1961. Für Kennedy war es nicht der erste Deutschland-Besuch. Als junger Student und Journalist hatte er 1937, 1939 und 1945 das von Hitler gezeichnete Land besucht. Wie jüngste Veröffentlichungen seiner damaligen Tagebücher und Briefe zeigen, hatte der 20-jährige Kennedy eine ambivalente Sicht auf Nazi-Deutschland. Einerseits notierte er im August 1937: „Komme zu dem Schluss, dass der Faschismus das Richtige für Deutschland und Italien ist. Was sind die Übel des Faschismus im Vergleich zum Kommunismus? Die Deutschen sind wirklich zu gut. Deshalb rottet man sich gegen sie zusammen, um sich zu schützen.“
Andererseits kam der Harvard-Student in seiner als Buch „Warum England schlief“ veröffentlichten Examensarbeit zwei Jahre später zu dem Ergebnis, dass Chamberlains Beschwichtigungspolitik gescheitert und ein Krieg gegen Hitler unausweichlich sei. „Wir können niemanden sagen, sich aus unserer Hemisphäre herauszuhalten, wenn nicht die Waffen und die Menschen hinter diesen Waffen bereitstehen, diesem Befehl Nachdruck zu verleihen,“ schrieb Kennedy damals.

25 Jahre später sollte er als US-Präsident im Kalten Krieg mit dem Kommunismus ähnlich argumentieren. Und so war auch sein legendärer Satz: „Ich bin ein Berliner!“ zu verstehen, den er am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus 450 000 begeisterten Menschen zurief. Mit diesem Satz machte Kennedy deutlich, dass der mächtigste Mann des Westens „und alle Menschen, wo immer sie leben mögen“ an der Seite der Westberliner und der Westdeutschen stehen würden, wenn es um die Verteidigung ihrer Freiheit gehe.
Die Begeisterung, die Kennedy vom 23. bis zum 26. Juni 1963 in Bonn, Köln, Frankfurt, Wiesbaden, Hanau und Berlin erlebte, gab ihm das gute Gefühl, dass sich die Deutschen in der Bundesrepublik 18 Jahre nach Kriegsende nicht nur von seinem französischen Gegenspieler Charles de Gaulles begeistern ließen und das sie im demokratischen Westen angekommen waren.

Als Kennedy am 26. Juni 1963 von Berlin aus nach Washington zurückflog, sagte er zu seinen Begleitern: „Einen solchen Tag werden wir nie wieder erleben, solange wir leben.“ Fünf Monate später war John F. Kennedy tot, ermordet. Und die Berliner gaben dem Platz vor ihrem Schöneberger Rathaus seinen Namen. Aber auch in den Städten an Rhein und Ruhr gedachten vor allem junge Menschen des jungen Präsidenten, der zu früh gestorben war, um die von ihm geweckten Hoffnungen auf eine bessere Welt zu erfüllen. Die Ermordung Kennedys wurde auch von vielen Deutschen als eine verlorene Chance begriffen. Ob sein Nachfolger Obama 50 Jahre danach seine Chance nutzen kann, wird die Geschichte zeigen müssen.

Dieser Text erschien am 18. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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