Freitag, 7. Juni 2013

Auch ohne Abutur kann man heute studieren, wie das bemerkenswerte Beispiel eines Maschinenbaustudenten an der Hochschule Ruhr-West beweist

Studieren kann man nur mit dem Abitur, das seit 180 Jahren die allgemeine Hochschulreife verleiht. So denken viele und wissen gar nicht, das man seit 2010 auch ohne Abitur studieren kann. Auch wenn in Nordrhein-Westfalen 4100 der bundesweit 9200 Studenten ohne Abitur auf ihr Examen hinarbeiten, räumt man im NRW-Wissenschaftsministerium angesichts von landesweit insgesamt 600 000 Studenten ein, dass diese Möglichkeit noch weitgehend unbekannt ist.


Auch Studienberaterin Anita Lensing spricht mit Blick auf die Studenten, die an der Hochschule Ruhr-West ohne Abitur studieren von „einer sehr kleinen Zahl.“ Gerade mal 14 von 1700 Studenten der HRW haben kein Abitur, haben sich dafür aber durch ihr bisheriges Berufsleben für das Hochschulstudium qualifiziert.

Warum wagen nur wenige Menschen ohne Abitur den möglichen Sprung an die Hochschule? „Viele kommen nicht aus einem Akademikerhaushalt und haben die Perspektive des Studiums erst mal gar nicht im Blick. Außerdem fragen sie sich immer wieder, wie sie ein Studium finanzieren sollen und ob sie den Ansprüchen gerecht werden, die ein Studium an sie stellt“, weiß Lensing aus Gesprächen mit Bewerbern ohne Abitur.

Dabei macht sie ihren Gesprächspartnern immer wieder Mut und weist auf die Möglichkeiten von Stipendien und elternunabhängiger Bundesausbildungsförderung (Bafög) hin. Auch die Erfolgsgeschichten von HRW-Studenten ohne Abitur führt sie ins Feld.

Eine solche Erfolgsgeschichte ist die des 24-jährigen KFZ-Meisters, Jan Bends. Nach einem Realschulabschluss und einer Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker machte er seinen Meister und studiert jetzt im sechsten Semester Maschinenbau und ist zuversichtlich in einem Jahr sein Examen zu machen.

„Ich bin zwar froh, wenn es vorbei ist, aber mein Studium macht mir heute auch Spaß“, sagt Bends. Doch er lässt auch keinen Zweifel daran, dass die ersten drei Semester seines Studiums nicht immer nur Spaß gemacht haben. „Bei den Grundlagen in Physik, Chemie und Mathematik habe ich schon gemerkt, dass mir die drei Schuljahre bis zum Abitur fehlten. Vieles, was für meine Kommilitonen eine Wiederholung war, war für mich Neuland. Da half nur Fleiß und Hinsetzen, bis es klappt“, erinnert sich Bends an seinen schweren Studienanfang. „Heute läuft es“, sagt er und führt das auch darauf zurück, „dass hier an der Hochschule eine sehr familiäre Atmosphäre herrscht und wir überschaubare, kleine Kurse haben, in denen die Professoren und Dozenten Zeit haben, sich um einen zu kümmern und Fragen zu beantworten.“ Er genießt es, im Zweifel einfach mal im Büro des Professors vorbeizuschauen, ohne, wie an größeren Hochschulen auf überfüllte Sprechstunden warten zu müssen.

Bends hat nicht nur das Gefühl mit den Abiturienten unter seinen Kommilitonen auf Augenhöhe zu studieren. Weil er als Werkstudent bei der technischen Experten-Organisation Dekra zwischen Hochschule und Betriebspraxis pendelt, sieht sich Bends sogar im Vorteil. „Es ist schön neben dem Studium weiter in die Ingenieurswelt zu schauen. So weiß ich eher, was in der Arbeitswelt abgeht und worauf ich mich bei meinem künftigen Arbeitgeber einlasse,“ sagt er und ist auch an der Hochschule eindeutig im Vorteil, wenn es um ganz praktische Fragen aus der Fahrzeugtechnik geht.

Dass er bei den Fahrzeugprüfern der Dekra arbeiten muss, wenn seine Kommilitonen die vorlesungsfreie Zeit genießen und das Lernen für Prüfungen und Klausuren vor allem abends und an Wochenenden stattfinden muss, nimmt er für die sehr konkrete Aussicht auf einen „halbwegs sicheren Arbeitsplatz“, der als Fahrzeugprüfer bei der Dekra sein Traumberuf wäre gerne in Kauf.

Mit diesem Traumberuf vor Augen, der nur mit einem Maschinenbaustudium zu erreichen ist, wagte Bends auch den Sprung an die Hochschule, obwohl der Sohn eines Handwerkers und einer kaufmännischen Angestellten der erste Student in seiner Familie ist und das Studium sein monatliches Einkommen von 1500 auf 400 Euro reduziert hat. „Ich wohne bei meinen Eltern, die mir sehr unterstützen“, unterstreicht Bends und lässt keinen Zweifel daran, dass ihm dieser Schritt sehr viel schwerer gefallen und vielleicht sogar unmöglich gewesen wäre, wenn er bereits finanzielle Verantwortung für eine eigene Familie tragen müsste. Für Studienberaterin Lensing zeigt Bends’ Beispiel: „Es muss kein Nachteil sein, ohne Abitur zu studieren, wenn man motiviert ist. Denn Motivation und Fleiß schlagen Vorbildung.“

Abiturlose Wege zur Hochschule

  Drei Wege führen zum Studium ohne Abitur.

Weg 1 führt über eine Berufsausbildung mit anschließender Meisterschule und Meisterbrief oder über eine Ausbildung als Fachwirt, die Berufspraktiker zu Generalisten in ihrer Branche qualifiziert und ihnen auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse vermittelt. Fachwirte gibt es in ganz unterschiedlichen Bereichen vom Bank- und Finanzwesen über die Verwaltung und den Tourismus bis hin zu Industrie,- Immobilien- oder Handelsfachwirten.

Weg 2 führt über eine Berufsausbildung und eine mindestens dreijährige Berufspraxis im erlernten Beruf. Hierbei ist die Wahl der Studienfächer aber auf Bereiche begrenzt, die mit dem erlernten Beruf verbunden sind. Zum Beispiel kann ein KFZ-Mechatroniker auf diesem Weg Maschinenbau studieren.

Weg 3 führt über eine Berufsausbildung und eine mindestens dreijährige Berufspraxis in einem anderen Berufsfeld. Das kann auch auf Frauen oder Männer zutreffen, die nach einer Berufsausbildung drei Jahre lang ihre Kinder erzogen oder einen Angehörigen gepflegt haben. Voraussetzung für die Aufnahme des Studiums ist in diesen Fällen dann aber eine Zugangsprüfung, die in den Fächern Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie Pflicht ist, oder auch ein Probestudium.

Dieser Text erschien am 22. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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