Montag, 10. Juni 2013

Bürokratie von der Wiege bis zur Bahre: Wie die Caritas mit ihrem Projekt Papierstau Menschen hilft, ihren Papierkrieg zu gewinnen

Einen Papierstau gibt es nicht nur bei Druckern und Kopierern. Auf einen Papierstau der besondern Art treffen die haupt- und ehrenamtlichen Familienhelfer der Caritas auch in Familien, die sie eigentlich in ihrem Erziehungs- und Haushaltsalltag unterstützen wollen. Es heißt sinnigerweise: Papierstau.


Martina Lüdeke-Weiß, die sich als ehrenamtliche Patin beim Familienstart der Caritas engagiert, „weil meiner alleinerziehenden Mutter und mir früher auch geholfen worden ist“, erinnerte sich an die Papierberge, die sich bei einer chinesischen und einer afrikanischen Familie türmten. „Wenn Leute die Einladungen zum Gespräch bei der Sozialagentur nicht verstehen und deshalb Termine versäumen, kann es schnell zu Leistungskürzungen kommen“, berichtet Weiß. Auch unbezahlte Stromrechnungen oder Handyverträge lösen immer wieder einen Papierkrieg im besten Bürokratendeutsch aus, der nicht nur Zuwanderer mit unzureichenden Sprachkenntnissen überfordert. Ähnliche Erfahrungen hat ihr ehrenamtlicher Kollege Thomas Lewrenz gemacht, der zurzeit eine Flüchtlingsfamilie aus Somalia durch den mit Miete und Stromrechnungen verbunden Papierdschungel lotst „Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Menschen da heute nicht mehr durchblicken und die Ämter auch nur oberflächlich helfen können, weil sie viel zu wenig Personal haben. Deshalb brauchen wir ehrenamtliche Paten, wie uns“, sagt Lewrenz.

„In unser Sozialbüro kommen manchmal Leute mit Waschkörben voller unbezahlter Rechnungen und sagen: Ich habe Schulden. Gucken Sie mal, was man da machen kann“, weiß die für die sozialen Dienste der Caritas zuständige Abteilungsleiterin, Martina Pattberg, zu berichten.

„Wenn Sie zu den Leuten nach Hause kommen, um ein erstes Gespräch zu führen, stapeln sich manchmal fünf oder sechs Papiertürme mit noch gefüllten Briefumschlägen“, schildert Rainer Nebelsiek die klassische Ausgangssituation des neuen Projektes Papierstau, das er als hauptamtlicher Koordinator der Caritas leitet (siehe Kasten).

Die eigentliche Arbeit: Briefe sichten, lochen, abheften oder wegwerfen, Leute bei Behördengängen begleiten oder mit Gläubigern telefonieren, dauert oft gar nicht so lange. „Was Zeit braucht, sind die Gespräche, in denen man herausbekommt, welcher Papierstaupate in welche Familie passt. Man muss immer erst das Vertrauen aufbauen, das man braucht, damit sich die Leute öffnen und alles erzählen, was man wissen muss, um ihnen helfen zu können“, erklärt Nebelsiek die Psychologie der Papierstauauflösung.

Eine aus der Türkei stammende Mutter (43) von vier Söhnen weiß wovon er spricht. Sie musste seine Hilfe und die einer ehrenamtlichen Patin in Anspruch nehmen, um einen besonders delikaten Papierstau aufzulösen, den sie in einem sehr geräumigen Truhentisch hatte anwachsen lassen.

Es ging um eine Korrespondenz mit der Justiz. Denn zwei ihrer Söhne, die inzwischen die Kurve bekommen haben und ihren Ausbildungsweg machen, waren in ihren pubertären Flegeljahren mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Mal ging es um Ladendiebstahl, mal um die Erregung öffentlichen Ärgernisses. Das löste eine juristische Papierlawine aus, die ihre Mutter mit Klageschriften, Ladungen und Urteilsbegründungen überrollte und überforderte.

„Ich wusste nicht mehr, was ich aufbewahren musste und was ich wegwerfen konnte. Ich konnte auch mit niemanden darüber reden, weil ich mich schämte und das Gefühl hatte, als Mutter versagt zu haben,“ erinnert sie sich an ihren seelischen Ausnahmezustand. Heute kann sie darüber lachen, wenn sie sich vor Augen hält, „wie lange ich Herrn Nebelsiek und seine nette Kollegin genervt habe.“ Auch ihre Söhne mussten erst davon überzeugt werden, offenzulegen, was für sie kein Ruhmesblatt war, um den expandierenden Papierstau in der Tischtruhe am Ende in wenigen Stunden aufzulösen und in einen handlichen Aktenordner zu bringen.

Hintergrund


Das Projekt Papierstau wird zunächst für ein Jahr zu 80 Prozent von der Glücksspirale und zu 20 Prozent aus Eigenmitteln der Caritas finanziert. Projektkoordinator Rainer Nebelsiek und seine zurzeit 15 ehrenamtlichen Papierstaupaten haben seit Jahresbeginn in neun Fällen einen anfangs undurchsichtigen Papierstau auflösen können. Von ihrem kostenlosen Service können zurzeit allerdings nur Menschen profitieren, die soziale Hilfsleitungen, wie Arbeitslosengeld II oder Wohngeld bekommen. Die Caritas hofft auch im zweiten Jahr auf eine, wenn auch dann um 20 Prozent reduzierte Projektfinanzierung durch die Glückspirale. Die Finanzierungslücke soll dann durch Spenden geschlossen werden. Und nach zwei Jahren will die Caritas dann prüfen, wie der Service angenommen wird und ob aus dem Projekt Papierstau ein dauerhaftes Angebot werden kann.


Weitere Auskünfte gibt Projektkoordinator Rainer Nebelsiek im Caritas-Zentrum an der Hingbergstraße 176 unter 3000897 oder per E-Mail an: papierstau@caritas-muelheim.de und: rainer.nebelsiek@caritas-muelheim.de.

Dieser Text erschien am 6. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen