Montag, 24. Juni 2013

Der britische Luftangriff, der Mülheim vor 70 Jahren traf, veränderte das Gesicht der Stadt für immer

Wer nach Mülheims schwärzester Stunde sucht, wird am 23. Juni 1943 fündig. Kurz nach Mitternacht beginnt die britische Luftwaffe einen Großangriff, nach dem die Stadt nicht mehr wiederzuerkennen sein wird. In einer ersten Angriffswelle wird die Feuerwache bombardiert. Im Bereich Aktienstraße, Sandstraße und Falkstraße sterben 90 Menschen.


Doch das ist nur der Anfang. Um 0.45 Uhr heulen die Sirenen. Um 1.10 Uhr beginnt der Hauptangriff. Mehr als 500 britische Bomber laden ihre tödliche Fracht ab. Luftminen, Sprengbomben, Phosphor- und Stabbrandbomben legen vor allem die Innenstadt in Schutt und Asche, töten über 500 Menschen und verletzen über 1000. Die Flugabwehr hat den britischen Angreifern, die in rund 70 Minuten eine Bombenlast von rund 1600 Tonnen abwerfen, nicht viel entgegenzusetzen. 35 Maschinen werden abgeschossen. Eine von ihnen stürzt auf den Hauptfriedhof. Insgesamt 198 Besatzungsmitglieder der Royal Air Force verlieren ihr Leben.

Das Werk der Vernichtung, das die Bomber anrichten, ist unbeschreiblich. Nach dem Angriff sind nur noch 23 Prozent der Innenstadtgebäude intakt. Rund 48 000 Mülheimer müssen ihre zerstörten oder stark beschädigten Häuser verlassen. Stadtweit werden fast 2700 Häuser zerstört. Neben der Innenstadt sind vor allem Styrum mit den Thyssenwerken, Eppinghofen und Dümpten besonders stark getroffen worden, während die Stadtteile links der Ruhr weniger Bombentreffer abbekommen.

Besonders dramatische Szenen müssen sich im Alten- und Versorgungsheim des Evangelischen Krankenhauses abgespielt haben. Dort sterben 23 Menschen. 150 schwerkranke Patienten müssen evakuiert werden. Obwohl das Krankenhaus getroffen wurde, nimmt es schon am Tag danach seinen Betrieb wieder auf und verteilt Butterbrote und Kaffee an Helfer und Bedürftige. Die Bekämpfung von stadtweit rund 4000 Brandherden kommt nur langsam voran. Straßen und Leitungen sind aufgerissen. Trümmer versperren die Straßen. Weil die Telefonleitungen tot sind, müssen Helfer durch Melder herbeigeholt werden.

Und bevor man überhaupt mit der Bergung von Verschütteten und Toten beginnen kann, müssen die aufgeheizten Trümmer erst mit Wasser abgekühlt werden; keine leichte Aufgabe angesichts geborstener Wasserleitungen. Noch Tage nach dem Luftangriff liegen Tote auf den Straßen. Vom Elend der Menschen berichten die von den Nazis gleichgeschalteten Zeitungen nicht. Doch die Todesanzeigen in der Lokalpresse sprechen für sich.

Dieser Text erschien am 23. Juni 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung

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