Donnerstag, 20. Juni 2013

Medikamente alleine reichen nicht aus: Wie gezielte Ergotherpie Kindern mit ADHS helfen kann: Ein Gespräch mit Petra Werchohlad

Dass die Verschreibung von Psychopharmaka an Kinder und Jugendliche, laut des Arzneimittelreportes der Barmer Ersatzkasse zwischen 2005 und 2012 um 41 Prozent angestiegen ist, wie die NRZ berichtete, macht die Ergotherapeutin Petra Werchohlad betroffen. „Man kann nicht sagen, das Kind bekommt Medikamente und damit sind alle Probleme erledigt“, sagt seit 30 Jahren praktizierende und seit 15 Jahren in Heißen ansässige Ergotherapeutin.

Ihre Erfahrung zeigt ihr, dass viele der Kinder, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, mit Hilfe einer Ergotherapie eine Medikamentierung mit Methylphenhydat überwinden oder sogar von vorneherein vermeiden können. „Allerdings“, so betont Werchohlad auch, „darf man hier keinem Schwarz-Weiß-Denken folgen. Denn Kinder bei denen die Reizfilterstörung ADHS besonders stark ausgeprägt ist, weil ihr Dopaminstoffwechsel im Gehirn nicht richtig funktioniert, brauchen dieses Medikament erst einmal, um überhaupt therapierbar zu werden.“

Ob es heute mehr hyperaktive Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten gibt, bezweifelt Werchohlad. „Die hießen damals nur anders“, erinnert sie sich. Sie geht aber auch davon aus, dass unser zunehmend bewegungsarmer und von äußeren Reizen und geistiger Beanspruchung geprägter Alltag den Leidensdruck der betroffenen Kinder verstärkt.

In ihrer Ergotherapie, die sich, je nach Schwere des Falls über zehn bis 30 Schulstunden erstreckt, versuchen Werchohlad und die Mitarbeiterinnen ihrer Praxis an der Kruppstraße Kindern und Eltern Handlungsstrategien zu vermitteln, die ihren Tagesablauf strukturieren und so leichter machen.

ADHS-Kinder, so ihre Erfahrung, brauchen stark ritualisierte und strukturierende Handlungsabläufe. An sie können sie sich in den entsprechenden Alltagssituationen dann erinnern und sie immer wieder automatisch wiederholen. So werden diese entlastenden Handlungsstrategien auf lange Sicht verinnerlicht. Das führt wiederum zu mehr Ruhe und Routine.

Solche Gedächtnisstützen und Handlungshilfen können zum Beispiel Fotos sein, die an einer Wäscheleine aufgehängt werden und zum Beispiel zeigen, welche Kleidungsstücke das Kind morgens nacheinander aus dem Schrank holen und anziehen oder abends wieder in den Schrank zurücklegen muss. Das können ergonomische Griffstützen aus Gummi sein, die ein entspannteres Schreiben ermöglichen oder auch gelbe Klebezettel, die gleich auf den ersten Blick zeigen, wo Hausaufgaben im Heft eingetragen werden müssen oder was aktuell anliegt, etwa mit dem Satz: „Heute denke ich besonders daran schöner zu schreiben.“

Mindestens genauso wichtig, wie solche Hilfestellungen, ist aus Sicht der Ergotherapeutin die Zuwendung und das Lob der Eltern: „Lass uns doch mal überlegen, was du aus deinem Schultornister brauchst und wo du es auf deinem Schreibtisch hinlegen kannst, um deine Hausaufgaben zu erledigen. Das hast du wirklich gut gemacht. Das sieht doch schon viel besser aus, als das letzte Mal.“ Auch gezielter Körperkontakt (etwa die Hand auf einem Arm des Kindes) oder auch nur die spürbare Nähe von Mutter oder Vater können aus ihrer Sicht ADHS-Kindern den Halt und die Ruhe geben, die sie brauchen, um sich entweder auf die Hausaufgaben oder auch auf das gemeinsame Spiel zu konzentrieren.

Dabei gibt sich Werchohlad keinen Illusionen darüber hin, dass viele berufstätige Eltern bei dieser sehr zeitintensiven Zuwendung zu ihrem Kind schnell an ihre Grenzen stoßen können.

ADHS-Kinder reagieren automatisch auf jeden Reiz, von der Türklingel bis zum Verrücken eines Stuhls. Sie können diese Reize nur schwer sortieren oder ausblenden. Folge: Extreme Reizbarkeit, chaotische Handlungs- und Arbeitsweise, fehlende Frustrationstoleranz und aggressive Überreaktionen, die Unfähigkeit, sich an Regeln zu halten oder Aufgaben auszuführen. Solche Symptome können aus der Sicht der Ergotherapeutin Werchohlad aber nur dann ein Hinweis auf ADHS sein, wenn sie sich in allen Lebensbereichen eines Kindes zeigen. Wenn sie allerdings nur in einem bestimmten Bereich, etwa der Schule, feststellbar sind, ist nicht selten Überforderung die eigentliche Ursache.


Dieser Text erschien am 19. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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