Donnerstag, 31. Januar 2013

Rückblick: Wie Mülheim den 30. Januar 1933 erlebte

"Adolf Hitler Reichskanzler – Das Kabinett der nationalen Konzentration steht“ titelt die Mülheimer Zeitung am 31. Januar 1933. Auf ihrer Lokalseite ist an diesem Tag die Überschrift: „Aber Bange machen gilt nicht“ zu lesen. Gemeint ist damit aber nicht die nationalsozialistische Machtübernahme in Berlin, sondern die Grippewelle in Mülheim, die zur Schließung von 17 Volksschulen geführt hat.


Welcher politische Virus sie befallen hat, ahnen viele Mülheimer an diesem Tag noch nicht, obwohl es auch Mülheimer Industrielle wie Fritz Thyssen und Emil Kirdorf gewesen sind, die mit ihrer Unterstützung Hitlers Weg zur Macht geebnet haben. Doch am Abend des Tages nach der Machtübernahme in Berlin bekommen manche Mülheimer vielleicht eine Vorahnung davon. Denn damals versammeln sich am Kaiserplatz, der von 1937 bis 1945 Platz der SA heißen wird, 1500 Mitglieder der NSDAP, der SS, der SA, des Stahlhelm und des Kampfring junger Deutschnationaler, um dem Berliner Vorbild vom Vortag zu folgen und mit Fackeln und Musikkapellen über die Kaiserstraße, die Oberstraße, die Von-Bock-Straße, die Hindenburgstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße), die Eppinghofer Straße, die Sandstraße und die Schloßstraße zu ziehen.

„An allen Straßen bildeten große Menschenmassen ein Spalier“, hält das Lokalblatt fest. Das Ziel des Mülheimer Fackelzuges ist die mit Hakenkreuz-Fahnen geschmückte Stadthalle. In ihrem „überfüllten Festsaal“ halten Mülheims NSDAP-Kreisleiter Karl Camphausen und seine Bündnisgenossen eine „vaterländische Kundgebung“ ab. Die klingt, wie die Mülheimer Zeitung berichtet, mit dem Singen des Deutschlandliedes und einem „vierfachen Heil Sieg“ auf den neuen Reichskanzler Hitler aus.

Von einer nationalsozialistischen Machtübernahme kann an diesem Tag in Mülheim aber noch keine Rede sein. Denn zu diesem Zeitpunkt sitzt nur ein Stadtverordneter der NSDAP im Rat. Die Mülheimer Machtübernahme erfolgt erst nach der letzten halbwegs freien Kommunalwahl am 12. März 1933, bei der 23 Nationalsozialisten ein Stadtratsmandat gewinnen und zusammen mit ihren deutschnationalen Bündnispartnern 29 von 51 Ratsmitgliedern stellen. Die neue Stadtratsmehrheit macht den Reichskanzler Adolf Hitler und den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der ihn ernannt hat, zu Mülheimer Ehrenbürgern.  

Dieser Text erschien am 30. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Mittwoch, 30. Januar 2013

Ein reifes Vergnügen: Warum die Seniorensitzung in der Stadthalle ein Höhepunkt des Mülheimer Saalkarnevals ist

Um den Theatersaal der Stadthalle bis auf den letzten seiner 1000 Sitzplätze zu füllen, muss man schon ziemlich populär sein. Die Seniorensitzung der Lachenden Herzen, mit der die 13 Gesellschaften des Hauptausschusses Groß Mülheimer Karneval alljährlich zeigen, was sie gemeinsam auf die Bühne bringen können, ist offensichtlich so populär. „Das ist einfach eine tolle Atmosphäre hier und die ganze Veranstaltung ist mit ihrem vielseitigen Programm eine runde Sache,“ finden Horst und Rosi Wecks, die sich von ihrer jecken Freundin Ingrid Clames vor vier Jahren zum ersten Mal zu den Lachenden Herzen mitnehmen ließen und seit dem immer wieder kommen. „Der Frohsinn hält jung“, erklärt die 87-jährige Clames, warum sie sich den Höhepunkt des mölmschen Sitzungskarnevals auf keinen Fall entgehen lässt und kurz nach der Veranstaltung bereits Karten für das nächste Jahr besorgt.


Clames und ihre närrischen Freunde sind sich in der Halbzeitpause des vierstündigen Bühnenprogramms einig: „Der Bauchredner Perry Paul, die Show der jungen Ruhrgarde und die artistische Puppenshow von Heidi und ihren Crazy Crowds hat uns besonders gut gefallen.“ Mit viel Artistik, Verkleidungskunst, Witz und etwas Pyrotechnik reißen Heidi und ihre verrückten Holzhackerbuben, hinter und unter denen sich Dustin und Gerd Waree von der Dolls Company verbergen, die reifen Jecken aus ihren Stadthallensesseln und animieren sie zu stehenden Ovationen.

Begeisterten Applaus verdienen und bekommen aber auch die ganz jungen Damen von der Ruhrgarde, die mit ihrer Tanzshow einen Hauch von Pariser Straßenleben und glamourösem Lido auf die Stadthallenbühne zaubern. Auch den Tanzmariechen Michelle Jakobs von der KG Blau Weiß und Julia Haferkamp von der MüKaGe sieht man ebenso wie ihren Gardekollegen von der KG Düse an, dass auch der klassische Karnevalstanz auf einer großen Bühne erst richtig Spaß macht und seine ganze Athletik entfalten kann.

„Ich wünsche Ihnen, dass sie an allen weiteren Tagen ihres Lebens wenigstens einmal so lachen können wie heute“, beendet Bauchredner Perry Paul seine urkomischen Scharmützel mit seinem Plüschkollegen Amadeus und seinem sprechenden Sturzhelm Theo. Da hat der Mann aus Bayern, der versichert: „Keine Angst. Ich bin sehr deutschfreundlich“ die Lachmuskeln seiner reifen Zuhörer schon gut durchtrainiert. Auch als der freche Amadeus spottet: „Der Humor ist ja in Mülheim erfunden worden und von dort aus in alle Welt hinausgezogen und dann nie wieder zurückgekehrt“, hat er die Lacher und den Applaus der alten Mülheimer auf seiner Seite, die seine These damit eindrucksvoll entkräften. „Das sind bestimmt keine Mülheimer“, vermutete Amadeus und hat so das letzte Wort.

Dieser Text erschien am 29. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Dienstag, 29. Januar 2013

Warum der Bezirksleiter der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, Werner Oesterwind, den Stadtwächterorden 2013 verdient hat

"Stadtwächter. Das hört sich irgendwie streng an. Aber Gott sei Dank schauen wir hier nur in fröhliche Gesichter“, begrüßt Kinderprinz Leon die 153 Jecken, die an diesem Samstagabend der Einladung zum Kommandeursball der Stadtwache gefolgt sind. Auch wenn die festliche Abendgarderobe das Bild im Festsaal der Stadthalle bestimmt, gehen die Jecken doch ganz locker mit, als die Kindertollitäten sie mit ihrem Laola-Lied von den Stühlen holen oder die großen Tollitäten Dirk und Susann mit Volare und Co. zu Wecken für alle Jecken tröten.


Auch bei der Musik- und Jonglage-Show von Clown Pepe macht das mehrheitlich reife und jecke Publikum nur zu gerne mit und folgt bereitwillig seiner Aufforderung: „Alle einhaken und schunkeln, auch die, die sich nicht leiden können.“ Auch die Stadtwächterinnen Nadine Hochscheid und Mareike Hütte haben es nicht schwer, ihr Publikum als tanzende und singende „Mölmsche Wiewer“ zu begeistern. Doch im Mittelpunkt des Abends stehen nicht nur karnevalistische Unterhaltung und die vom Einmannorchester Horst Hermann begleiteten Tanzrunden, sondern die Verleihung des Stadtwächterordens, mit dem die 1992 gegründete Karnevalsgesellschaft seit 1993 Mülheimer auszeichnet, die sich mit ihrem ehrenamtlichen Engagement um das Gemeinwesen verdient gemacht haben.

Diesmal wird der Bezirksleiter der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), Werner Oesterwind, ausgezeichnet. Zurecht, wie Laudatorin Renate aus der Beek findet. Über ihren CDU-Ratskollegen, der seit 40 Jahren in der DLRG ehrenamtlich aktiv ist und sich darüber hinaus auch in der Stabsstelle der Mülheimer Katastrophendienste, im Mülheimer Sportbund, in der CDU-Mittelstandsvereinigung und im Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval engagiert, weiß die Sozialdemokratin nur Gutes zu berichten.

„Ohne Menschen, wie Werner Oesterwind, die mehr tun, als man von ihnen erwarten kann und dabei nicht erst nach Zuständigkeit und Zeitaufwand fragen, wäre unsere Stadtgesellschaft wesentlich ungemütlicher,“ betont sie.

Oesterwind selbst dankt in Versen: „Ohne meine Kameraden könnte ich abwenden keinen Schaden.“ Der Ordensträger lässt keinen Zweifel, dass er die Auszeichnung auch stellvertretend für die 110 aktiven und insgesamt 800 passiven Mitglieder der DLRG entgegennimmt, die mit ihrem Einsatz und ihrer Unterstützung nicht nur den jährlich zehn- bis 15-mal pro Jahr angeforderten Rettungsdienst auf der Ruhr möglich machen, sondern auch die organisatorische Begleitung von sportlichen Großereignissen.

Dieser Text erschien am 28. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG und in der WESTDEUTSCHEN ALLGEMEINEN


Montag, 28. Januar 2013

Auf ein neues: Barack Obama ist jetzt in seine zweite Amtszeit gestartet: Wie war das eigentlich bei der ersten Amtseinführung des ersten US-Präsidenten George Washington?

Am 21. Januar 2013 wurde  Barack Obama als 44. Präsident der USA vor dem Capitol in Washington in seine zweite Amtszeit eingeführt. Eigentlich werden die amerikanischen Präsidenten seit 1933 ja am 20. Januar vereidigt, davor sogar erst am 4. März. Doch weil der 20. Januar diesmal auf einen Sonntag fiel, wurde die öffentliche Amtseinführung Obamas um einen Tag verschoben.

Als der erste Präsident der Vereinigten Staaten, George Washington, seinen ersten Amtseid auf die damals noch neue Verfassung leistete, gab es die Hauptstadt, die seinen Namen tragen sollte, noch nicht.


Seine Amtseinführung wurde am 30. April 1789 auf dem Balkon der Federal Hall in New York vollzogen. Die Presse hielt fest, dass der Präsident ausschließlich Kleidung getragen habe, die auch in den Vereinigten Staaten gefertigt worden sei und den Vergleich mit europäischer Mode nicht zu scheuen bräuchte. Washington selbst, der von den 69 Wahlmännern der damals 13 US-Bundesstaaten am 4. Februar 1789 einstimmig zum ersten Präsidenten der USA gewählt worden war, verzichtete in seiner Antrittsrede auf ein Amtsgehalt und betonte: „Angesichts der Größe und Schwierigkeit der Aufgabe, zu dem die Stimme meines Landes mich gerufen hat, könnte jemand, der sich seiner eigenen Mängel besonders bewusst sein sollte nur von Mutlosigkeit überwältigt werden.“

Doch als ehemaliger Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen im Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien und als Vorsitzender des Verfassungskonvents in Philadelphia war Washington für seine Zeitgenossen der ideale Präsident. Anders als seine späteren Nachfolger gehörte er keiner Partei an, sondern verstand sich als politisch neutral, auch wenn er sich eindeutig zu einer starken Bundesregierung bekannte, die er als Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber selbst verkörperte.

Nicht nur mit dem Beginn, sondern auch mit dem Ende seiner Amtszeit setzte der erste Präsident der Vereinigten Staaten Maßstäbe, indem er auf eine dritte Amtszeit verzichtete.

Dieser Text erschien am 21. Januar 2013 im Politischen Magazin der NEUEN RUHR ZEITUNG

Sonntag, 27. Januar 2013

Wie Mülheimer von Auschwitz und anderen Massenvernichtungskagern der NS-Zeit erfuhren

Als arabische Terroristen am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers steuerten und damit tausende von Menschen töteten, gingen diese Bilder in Minuten um die gesamte Welt.

Doch wie war das am 27. Januar 1945, als sowjetische Soldaten die Überlebenden des Massenvernichtungslagers Auschwitz-Birkenau befreiten? Wann erfuhren Mülheimer vom millionenfachen Mord des Holocaust und wie regierten sie auf die ersten Informationen und Bilder von Leichenbergen und Gaskammern oder auf den Anblick der ausgemergelten Menschen, die die Hölle der Konzentrationslager überlebt hatten?

Als sowjetische Truppen das Konzentrationslager Auschwitz befreiten, flüchtete der damals 13-jährige Heinz Wilhelm Auberg zusammen mit seinen Klassenkameraden von der Mittelschule an der Oberstraße aus der Kinderlandverschickung in Böhmen und Mähren vor der heranrückenden Roten Armee. Erst im Juli 1945 sollte er seine Heimatstadt wiedersehen. Das Wort Auschwitz und was sich damit verband, war ihm unbekannt. „Wir waren damals noch sehr national eingestellt und empfanden das Kriegsende als Niederlage“, erinnert sich Auberg. Auch in der Schule war der Holocaust kein Thema. Und als der Styrumer Pastor Paul Biermann dem 14-Jährigen und seinen Mitkonfirmanden zum ersten Mal von Konzentrationslagern und den Morden der Waffen-SS berichtete, wollte er das nicht wahrhaben und antwortete trotzig: „Die Waffen-SS hat an allen Fronten für Deutschland gekämpft, aber nicht gemordet.“ Doch als er 1947 im Ufa-Palast an der Schloßstraße zum ersten Mal Bilder aus einem Konzentrationslager sah, fragte er sich schon: „Wie konnte man so etwas machen?“ Noch nachdenklicher wurde er, als er 1948 von seiner Großmutter erfuhr, dass sein jüdischer Klassenkamerad Hans Rosenblum 1943 in Auschwitz ermordet worden sei. Und 1952 berichtete ihm sein bei der Reichsbahn eingesetzter Onkel erstmals von Deportationszügen, die nach Osten rollten. „Das kam eins zu anderen“, erinnert sich der Diplom-Ingenieur an seinen langen Umdenkungsprozess, der aus seiner Sicht erst durch die Lektüre der Bücher des Historikers Golo Mann (1963) abgeschlossen wurde und für ihn 1967 in sein Engagement für die SPD mündete.

„Darüber hat man nicht gesprochen“, erinnert sich der 1923 in Styrum geborene Fritz Heckmann, der das Kriegsende 1945 als Soldat der Luftwaffe erlebte und anschließend eine Ausbildung als Feinmechaniker absolvierte. Damals war er eigentlich zu sehr mit der harten Gegenwart des Überlebens und Wiederaufbauens beschäftigt, als sich mit der jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen. Doch die holte ihn ein, als er 1946 durch Radio und Zeitung von den Massenmorden in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern las, sah und hörte. „Das war der größte Fehler, den die Deutschen je gemacht haben“, war damals sein spontaner Gedanke, ein Gedanke, der ihn bis heute begleitet und wieder hochkam, als er vor zehn oder 15 Jahren von Heinz Wilhelm Auberg im Geschichtsgesprächskreis Styrum vom Schicksal seines jüdischen Mitschülers Hans Rosenblum erfuhr. „Ich war vor allem eines. Sauer! Und ich habe mich gefragt, wie Menschen anderen Menschen so etwas antun konnten“, erinnert sich der 1917 in Styrum geborene August Weiland an seine Reaktion auf die Bilder und Informationen aus Auschwitz und anderen Vernichtungslagern, die ihn erst nach Kriegsende via Zeitung und Rundfunk erreichten. Damals erinnerte er sich auch an Gerüchte, die er als Soldat in Russland gehört hatte, aber nicht überprüfen konnte, „weil man damals ja die Schnauze halten musste und nichts sehen, sagen und hören durfte.“

Das Wort „Massenmord“ las der Speldorfer Karlheinz Schauenburg zum ersten Mal auf einem alliierten Flugblatt, das er im Januar 1943 auf seinem Schulweg fand. Damals war er 14 Jahre alt. Dort war von mehr als einer Million europäischer Juden die Rede, die seit Kriegsbeginn 1939 im deutschen Namen ermordet worden seien und von der Blutschuld, in die Hitler und seine Helfer das ganze deutsche Volk verstrickt hätten. Auf dem Flugblatt wurde SS-Brigardegeneral Werner Best mit den Worten zitiert: „Vernichtung fremden Volkstums widerspricht den Lebensgesetzen nicht, wenn sie vollständig geschieht.“ Nach dem Krieg erfuhr Schauenburg, dass dieser Best, der unter anderem als Reichsstatthalter in Dänemark in die Judenverfolgung verstrickt war, inzwischen als Justitiar für Stinnes arbeitete.

Noch nachdenklicher als die Zahlen und Fakten, die er damals auf dem Flugblatt las und nicht wirklich begreifen konnte, erschütterten ihn Fotos eines anderen alliierten Flugblattes, das von deutschen Truppen erschossene und erhängte Zivilisten in Polen und Jugoslawien zeigte.

Die Auswirkungen der Judenverfolgung hatte er bereits im November 1938 mit eigenen Augen gesehen, als er mit seiner weinenden Großmutter an der Ecke Wallstraße/Viktoriaplatz vor der brennenden Synagoge stand und wenig später die eingeschlagenen Fenster jüdischer Geschäfte und Wohnungen sah.

„Ich war erschüttert, aber ich konnte mich ja mit niemanden austauschen“, sagt Schauenburg im Rückblick auf seine erste Nachricht vom Massenmord, für den Auschwitz zum Synonym werden sollte.

Die Erlebnisse in der Kinderlandverschickung und als Luftwaffenhelfer verdrängten das Erfahrene und ließen es erst wieder hochkommen, als er nach Kriegsende in amerikanischen und britischen Militärzeitungen von den Greueltaten in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern erfuhr und um 1950 von einer Verwandten von den Leichen im KZ Buchenwald hörte, die sich Anwohner auf Befehl der Alliierten anschauen mussten. Nachhaltigen Eindruck machte auf den jungen Architekturstudenten dann auch noch mal die Lektüre in Bert Brechts illustrierter Kriegsfibel, die ihm das Entsetzen und die Abscheu über die geschehene Gewalttaten im Namen der Deutschen in die Seele brannte.

Als Sohn kommunistischer Eltern wusste der 1929 geborene Helmut Hermann schon als Junge, dass Gegner des NS-Regimes „abgeholt wurden.“ Doch was mit ihnen und mit ebenfalls abgeholten jüdischen Nachbarn in Auschwitz und anderen Lagern geschehen war, erfuhr und begriff er erst bei einer Filmvorführung im Jahr 1948. Damals machte Hermann, der sich sich seit 1975 in der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes engagiert, eine Lehre als Zimmermann. „Ich war einfach nur geschockt. Ich bin still nach Hause gegangen und die Bilder haben mich bis ins Bett verfolgt“, erinnert sich Hermann an seine erste Begegnung mit dem Holocaust. Ähnlich nachhaltig wirkte auf ihn in den 80er Jahren die Begegnung mit einem ehemaligen KZ-Häftling, der von seinen Erlebnissen in Buchenwald berichtete. Noch heute sagt er: „Das kann man sich eigentlich nicht vorstellen, dass Menschen so mit Menschen umgehen.“

68 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau wurde am 27. Januar 2013 auf dem Jüdischen Friedhof an der Gracht der sechs Millionen Holocaust-Opfer gedacht, von denen etwa 270 aus Mülheim kamen.

Dieser Text erschien am 26. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Mittwoch, 23. Januar 2013

Warum Brigitte Mangen als Mülheims Madame Tours und Tours' Madame Mülheim Städtepartnerschaften, wie die zwischen Ruhr und Loire, auch 50 Jahre nach dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag für unverzichtbar hält

Als Konrad Adenauer und Charles de Gaulle vor 50 Jahren den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichneten, arbeitete Brigitte Mangen als junge Finanzbeamtin bei der Europäischen Gemeinschaft. Ein Jahrzehnt später begleitete sie als Dolmetscherin zum ersten Mal eine Bürgerfahrt in die französische Partnerstadt Tours. Und seit sie 1995 als ehrenamtliches Vorstandsmitglied im damals gegründeten Städtepartnerschaftsverein die Verantwortung für die deutsch-französische Städtepartnerschaft übernommen hat, wurde sie für die Mülheimer zur „Madame Tours“ und für die Tourainer zur „Madame Mülheim“. Im Gespräch mit der NRZ erklärt sie, warum sie Städtepartnerschaften auch im Zeitalter der Globalisierung und des Euros für notwendig hält.


Heute reisen Menschen wie selbstverständlich mit dem Euro im Gepäck durch Europa. Brauchen wir da noch Städtepartnerschaften?

Es ist etwas ganz anderes, ob ich als Tourist nach Tours reise, um mir dort etwas anzugucken, die Stadt schön finde und wieder nach Hause fahre oder ob ich zum Beispiel in einer Bürgergruppe dort hinfahre, um dort mit Gruppen und einzelnen Bürgern direkt in Kontakt zu kommen.

Aber worin sehen Sie den konkreten Mehrwert einer Städtepartnerschaft wie der mit Tours?

Wir können im Rahmen unserer Städtepartnerschaft Jugendliche, aber auch alte Menschen viel besser dazu bewegen, über Grenzen hinweg Freundschaften zu schließen und andere Lebensweisen kennenzulernen und zu akzeptieren. Denn unsere Fahrten nach Tours haben zwar auch einen touristischen Aspekt, aber im Mittelpunkt steht vom ersten bis zum letzten Tag der Kontakt mit Tourainer Bürgern. Durch diese persönlichen Begegnungen werden die Fäden der Freundschaft enger gezogen und bekommen eine viel größere Verbindlichkeit.

Ist diese Verbindlichkeit der Freundschaft über Grenzen hinweg auch in der Breite der Bürgerschaft angekommen?

Noch nicht. Daran müssen wir noch arbeiten. Aber deshalb ist unsere Arbeit ja auch so wichtig. Ich schätze, dass zurzeit etwa 100 Mülheimer pro Jahr Tours besuchen.

Wie sieht diese Arbeit aus und was kann sie bewirken?

Wir fördern als Verein Begegnungen von Schülern oder Jugendlichen aus Sportvereinen, aber auch zwischen Senioren aus Altentagesstätten, die den Krieg noch erlebt haben. Und dabei stelle ich immer wieder fest, dass erst der verbindliche Rahmen der Städtepartnerschaft den Anreiz schafft, sich verstehen zu wollen, zunächst vielleicht nur mit Händen und Füßen, doch später dann auch, indem man die Sprache des jeweils anderen lernt. Ich weiß, dass durch die Städtepartnerschaft drei deutsch-französische Ehen und viele Freundschaften zwischen Tourainer und Mülheimer Familien entstanden sind.

Haben Städtepartnerschaften auch einen materiellen Mehrwert?

Sie öffnet Türen. Sie betreibt die Politik der kleinen Schritte und bildet so Vertrauen. Das ist auch notwendig, wenn wir ein starkes Europa aufbauen wollen, das auch im globalen Wettbewerb bestehen soll. Wir unterstützen zum Beispiel die Schulpartnerschaften, die unter anderem die Karl-Ziegler-Schule und die Luisenschule mit Tourainer Schulen unterhalten. Wir bauen eine Praktikumsbörse auf und ich erinnere mich auch an eine Fahrt mit der Werbegemeinschaft Heißen, bei der es sehr interessante Gespräche zwischen Geschäftsleuten aus Mülheim und Tours und der dortigen Industrie- und Handelskammer gab. Und es gibt auch darüber hinaus starke Signale aus der Wirtschaft, die an Kontakten mit Tours interessiert ist. Die Schul- und Wirtschaftskontakte könnten noch intensiver werden. Das hängt aber immer an Personen, die sich dafür einsetzen.

Fühlen Sie sich mit einer halben Rathausstelle in ihrem ehrenamtlichen Engagement für die Städtepartnerschaften gut unterstützt?

Es ist sehr bedauerlich, dass wir aus finanziellen Gründen von der Stadt so wenig unterstützt werden. Das war mal anders. Dabei profitiert die Stadt auch von der Arbeit des Städtepartnerschaftsvereins, weil wir inzwischen sehr gute zwischenmenschliche Kontakte zu den Partnerstädten haben. Wenn die Stadt nicht mitzieht, wird es für uns natürlich schwierig. Deshalb wünschen wir uns auch als Zeichen der Anerkennung für das, was der der Städtepartnerschaftsverein für die Stadt leistet eine dauerhafte und feste Anlaufstelle im Rathaus.

Dieser Text erschien am 22. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Dienstag, 22. Januar 2013

Wenn der Pharmareferent dreimal klingelt: Welchen Versuchungen müssen Ärzte widerstehen?

Gesundheit ist ein gigantischer Markt, dessen Umsätze auch in Mülheim an der Milliarde kratzen. Im Mittelpunkt dieses Marktes steht der Arzt. Er diagnostiziert, er verschreibt, er überweist - und ist mitunter und immer noch Versuchungen von Herstellern und Anbietern ausgesetzt, wie Mediziner auf meine Anfrage im Auftrag der NRZ bestätigen.


Dabei darf nicht übersehen werden: Niedergelassene Ärzte können strafrechtlich gesehen gar nicht korrupt sein, weil sie, anders als Amts- Krankenkassen- oder Klinikärzte, nicht fest angestellt und deshalb keine Amtsträger sind. Dieses Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) sorgte im März 2012 für Wirbel und zeigte eine Lücke im Strafrecht auf. In dem Verfahren ging es um eine Pharmareferentin, die einem Arzt ein Honorar angeboten hatte, falls der Medikamente ihres Unternehmens verschreibe.

Das BGH-Urteil hat bereits politische Folgen. Gleich zwei Mülheimer Politikerinnen sind mit der Materie befasst, Barbara Steffens (Grüne) als NRW-Gesundheitsministerin und FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrike Flach als parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. Dort prüft man zurzeit, wo und wie Lücken im Strafrecht zu schließen sind. Doch Flach warnt davor, an der Freiberuflichkeit der niedergelassenen Ärzte zu rütteln und „einen ganzen Berufsstand zu diffamieren.“ Sie weist auf die 2012 vorgenommene Verschärfung des Sozial- und Berufsrechtes hin. Danach können Ärzte für Vorteilnahme mit Bußgeldern von bis zu 50?000 Euro und mit dem Entzug ihrer Zulassung bestraft werden.

Für Steffens steht fest, dass jeder Fall ärztlicher Korruption „ein Fall zu viel ist“ und ein entsprechendes Fehlverhalten bei freiberuflichen wie festangestellten Ärzten gleichermaßen strafrechtlich geahndet werden müsse.

Auch wenn Norbert Misiak von der Barmer Ersatzkasse und Roland Angenvoort von der AOK aus ihrer lokalen Praxis keinen ärztlichen Korruptionsfall kennen, sehen auch sie politischen und rechtlichen Handlungsbedarf. „Man muss verhindern, dass eine Grauzone entsteht“, sagt Misiak. AOK-Kollege Angenvoort möchte vor allem die Ermittlungs- und Sanktionsinstrumente der Ärztekammern und Berufsgerichte gestärkt wissen. Für Ärzte gelten in seinen Augen „besonders hohe Maßstäbe, weil sie mit ihren Verordnungen auch Kaufentscheidungen für die Patienten treffen.“

Und da setzen manche Versuchungen immer noch an. Wer sich mit Ärzten unterhält, hört von Angeboten für honorierte Anwendungsbögen, für bezahlte Fortbildungen oder gut dotierte, angebliche Expertenforen. Im März 2012 machte der Chef der Mülheimer Ärztekammer, Uwe Brock, eine solche Einladung zu einer mit 300 Euro bezahlten Fortbildung als „versuchte Korruption“ öffentlich.

Brock und seine Kollege, der Kardiologe Ralf Lange, können sich an Zeiten erinnern, in denen sie regelmäßig zu „Fortbildungen an attraktiven Orten“ eingeladen wurden, „bei denen opulent aufgetischt wurde.“ Doch diese offenkundig anrüchigen Zeiten, so sagen sie, sind vorbei. Heute bekommen Brock und sein Hausarztkollege Peter Ramme aber immerhin auch noch, wenn sie wollten, einmal pro Tag Besuch von einem Pharmareferenten. Der Kardiologe Ralf Lange empfängt nur einmal pro Monat einen Pharmareferenten, und auch nur dann, „wenn es sich wirklich um ein neues Medikament handelt.“ Seine Haltung, schätzt er, ist den Pharmafirmen inzwischen bekannt. „Da kommen erheblich weniger Anfragen.“

Brock schätzt, dass die Besuche von Pharmareferenten in den letzten fünf Jahren um 75 Prozent zurückgegangen sind. „Wenn ich früher pro Jahr sieben Angebote für honorierte Anwendungsbögen bekam, dann sind es heute vielleicht noch drei“, berichtet Ramme. Auf diesen Bögen geben Ärzte an, bei welcher Erkrankung sie welches Medikament mit welchem Erfolg verschrieben haben. Der Lohn: bis zu 15 Euro pro Bogen. Der Nutzen: fraglich. Sein Kollege Brock und er führen den Rückgang solcher und ähnlicher Offerten der Pharmaindustrie vor allem auf die Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmaunternehmen zurück, die seit gut sechs Jahren den finanziellen Spielraum der Industrie stark eingeschränkt haben.

Brock blockt das Gespräch mit Pharmareferenten immer dann ab, wenn er merkt, dass der medizinische Pfad verlassen wird und stattdessen von Hobbys und Familie die Rede ist, um Vorlieben des Arztes herauszufinden, die man bedienen könnte. Was im Umkehrschluss eben auch heißt: Die Pharmaindustrie versucht es immer noch, ihre Produkte über mehr als Preis und Leistung an den Mann zu bringen.

Eine andere Methode der Pharmawerbung sind kostenlose Probepackungen. Ramme schätzt, dass pro Jahr etwa 100 solche Medikamente in seinem Arztschrank landen. Damit hat er aber kein Problem und fühlt sich als Arzt nicht beeinflusst, „weil ja auch die ärztliche Verordnungspraxis durch die Rabattverträge beschränkt wird und wir die Probepackungen unentgeltlich an unsere Patienten weitergeben und damit auch das Geld der Krankenkassen und Versicherten sparen.“

Auch mit Plastikkugelschreibern, Schokolade oder Gummibärchen oder der Patienten-Flasche Wein zu Weihnachten haben Brock, Ramme und Lange kein Problem. „Aber alles, was über den Wert von 50 Euro hinausgeht, ist außerhalb jeder Diskussion“, betont Brock. Und für den Kardiologen Lange steht außer Frage, dass Kollegen, die gegen Honorar bei Operationen nur Herzklappen bestimmter Hersteller verwenden, auch strafrechtlich belangt werden müssen. Seine Kollegen Brock und Ramme können sich vorstellen, dass Ärzte dazu verpflichtet werden, ähnlich wie Bundestagsabgeordnete, Zuwendungen von Pharmafirmen veröffentlichen zu müssen.

Dieser Beitrag erschien am 18. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG


 

Montag, 21. Januar 2013

Was sagen engagierte Mülheimer Katholiken zur jüngsten Kontroverse um die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche?

Will die katholische Kirche Aufklärung oder Ruhe um die Missbrauchsvorwürfe? Diese Frage stellt sich, nachdem die Bischofskonferenz ihren Vertrag mit dem Institut des Kriminologen Christian Pfeiffer gekündigt hat, das die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufarbeiten sollte. Jetzt wird nach einem neuen Projektpartner sucht. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck betonte am Montag beim Neujahrsempfang in der Akademie Wolfsburg zwar, dass die Aufklärung „offensiv fortgesetzt“ werde. Es sei letztlich nur ein Wechsel des Projektpartners. Wie aber sehen haupt- und ehrenamtlich in der katholischen Kirche Engagierte diese Frage, welche Konsequenzen ziehen sie aus den Vorgängen?


Für die NRZ habe ich nachgefragt.

Wolfgang Feldmann (Vorsitzender des Katholikenrates): „Ich tue mich schwer, den Konflikt zwischen Pfeiffer und der Bischofskonferenz zu bewerten, weil ich nicht weiß, was dahinter steht. Da steht Aussage gegen Aussage. Sollte Pfeiffers Zensurvorwurf zutreffen, wäre das für die Kirche der Super-Gau. Das ist ein gefundenes Fressen für alle Kirchenkritiker. Sicher würde man heute kritischer überprüfen, wen man zum Priester weiht, als man das früher getan hat. Der richtige Weg heißt Offenheit. Ich selbst engagiere mich weiter in der Kirche, weil ich gern mit und für Menschen arbeite.“

Paul Heidrich (Katholikenrat und Ex-CDU-Stadtrat): „Das ist eine schwierige Situation, in der die Bischofskonferenz unglücklich agiert hat. Ich selbst bin hin- und hergerissen. Pfeiffer soll sich an getroffene Absprachen nicht gehalten und den Datenschutz nicht beachtet haben. Aber es darf keine Zensur geben, und es gibt keine Alternative zur schonungslosen Offenheit. Nachdem sich die Bischofskonferenz einmal für Pfeiffers Institut entschieden hatte, hätte sie auch alles daran setzen müssen, das Projekt mit ihm durchzuziehen. So bleibt ein gewisses Geschmäckle. Auch wenn ich nicht mit allem in der Kirche einverstanden bin, engagiere ich mich weiter in der Kirche, nicht wegen des Bodenpersonals, sondern wegen meines Glaubens.“

Dieter Spliethoff (SPD-Ratsherr und Caritas-Mitarbeiter): „Beide Seiten sollten Ross und Reiter nennen und offen über die Gründe sprechen, die zur Kündigung des Projektvertrages geführt haben. Man muss abwarten, wie es weitergeht und kann nur hoffen, dass die Missbrauchsfälle zusammen mit einem unverdächtigen Institut so objektiv wie möglich aufgearbeitet werden.

Unabhängig von meinem Glauben und meiner Grundhaltung aber, die ich nicht wie ein Hemd wechsele, glaube ich, dass die katholische Kirche, in der über vieles der barmherzige Mantel des Schweigens gelegt wird, ihre Sexualmoral und ihren Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen überdenken muss, weil das sonst die Leute aus der Kirche treibt.“

Oliver Hoffmann (Vorsitzender der Kolpingsfamilie Broich-Speldorf): „Nach der Entscheidung der Bischofskonferenz und der daraus resultierenden öffentlichen Diskussion steht die Kirche jetzt schlechter da, als sie bei einem aus ihrer Sicht noch so schlechten Ergebnis da gestanden hätte.

Es entsteht der Eindruck, dass die Kirche doch nicht an einer unabhängigen Aufarbeitung der Missbrauchfälle interessiert sein könnte. Doch gerade religiöse Eltern, die ihre Kinder durchaus auch ins kirchliche Leben mit einbinden, drängen auf eine lückenlose Aufklärung. Ich engagiere mich auf jeden Fall weiter, weil ich für die Menschen und nicht für die Institution Kirche arbeite.“

Rolf Hohage (Gemeinderat): „Die Kirche hat kein Interesse daran, etwas zu vertuschen, weil jeder Verantwortliche in der Kirche weiß, dass ihr Ruf ja schon beschädigt ist und die Kirche keine andere Wahl hat als rückhaltlose Aufklärung.“

Georg Jöres (Gemeinderat und Caritas-Mitarbeiter): „Hier zeigt sich, das ein externer Partner, den die Bischofskonferenz ins Boot geholt hat, sich mit den hierarchischen Entscheidungswegen in der Kirche schwertut, die vorab bewerten möchte, was in ihrem Namen veröffentlicht wird. Die Menschen, die sich in der Kirche engagieren, leiden unter der Diskussion und wünschen sich, dass die Missbrauchfälle aufgearbeitet werden. Intern werden kirchliche Mitarbeiter heute sehr stark für das Problem des sexuellen Missbrauchs sensibilisiert.“

Michael Clemens (Pastor): „Das Problem ist sehr schwierig. Ich möchte nicht in der Haut der Bischöfe stecken. Die Bischöfe können sich nicht leisten, etwas zurückzufahren oder gar zu vertuschen. Es muss rigoros aufgedeckt werden, was aufzudecken ist und bei der Prävention von Missbrauchsfällen hilft.“

Norbert Dudek (Pastor): „Wir versuchen in unserer Styrumer Gemeinde unsere Arbeit so gut wie möglich zu machen und bekommen durch solche Entscheidungen und Diskussionen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Das ist schade angesichts des Dialogprozesses in unserem Bistum. Wenn man mit Pfeiffer Schwierigkeiten hatte, hätte man sich von vorneherein einen anderen Partner suchen sollen. Jetzt entsteht der Eindruck: Die Kirche versucht etwas zu verbergen.“

Hans-Theo Horn (Caritas-Vorstand): „Man kann nur hoffen, dass die Ankündigung der Bischofskonferenz auch wirklich umgesetzt wird, die Missbrauchsfälle wahrhaftig aufzuarbeiten. Die Maßstäbe werden total verrückt und der Imageschaden bleibt, wenn der Eindruck entstünde, dass die Bischöfe Vorgaben machen und am Ende vielleicht gar nicht zu einem objektiven Ergebnis kommen wollen.“

Dieser Text erschien am 16. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Sonntag, 20. Januar 2013

Schon ein Jahr vor dem Elysee-Vertrag schlossen Mülheim an der Ruhr (Deutschland) und Tours an der Loire (Frankreich) Freundschaft: Zwischenbilanz.einer Städtepartnerschaft

Freundschaft mit Frankreich? Darüber hätten die alten Mölmschen wohl den Kopf geschüttelt. Und das obwohl sie ihre Stadtrechte einem Franzosen zu verdanken hatten. Es war der Schwager Napoleons, der Mülheim 1808 zur Stadt erhob. Doch auch wenn Joachim Murat als Großherzog von Berg die Gemeinderechte stärkte und damals viele Deutsche mit Napoleon sympathisierten, wurden die Franzosen an der Ruhr nicht als Freunde, sondern als Besatzer gesehen.


Aus der Geschichte gelernt

Nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wurde zwei Jahre später auf dem Mülheimer Rathausmarkt ein Kriegerdenkmal aufgestellt, das den Sieg über die Nachbarn im Westen und damit auch seine Opfer als Fundament des neuen deutschen Kaiserreiches verherrlichte.

Zwei Weltkriege und die französische Ruhrgebietsbesetzung, von der Mülheim unmittelbar betroffen war, verschärften die deutsch-französische Entfremdung weiter, obwohl es in den 1920er Jahren auch Bemühungen um eine europäische Integration und eine deutsch-französische Aussöhnung gab, die sich mit den Namen Aristide Briand und Gustav Stresemann verbanden.

Erst nach der traumatischen Erfahrung von zwei Weltkriegen, setzte sich in Deutschland und Frankreich die Erkenntnis durch, die Mülheims Altbürgermeister Wilhelm Knabe bei einer europapolitischen Veranstaltung des Kolpingwerkes einmal so formuliert hat: „Es geht uns nur gut, wenn es unseren Nachbarn gut geht.“ Vor diesem Hintergrund wurde in den 1950er Jahren mit der Gründung der Montanunion und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ein neues Kapitel in den deutsch-französischen Beziehungen aufgeschlagen.

Erste Kontaktaufnahme

1962, in dem Jahr, in dem der französische Staatspräsident Charles de Gaulles in Deutschland einen triumphalen Empfang erlebte und sich das deutsch-französische Freundschaftsabkommen abzeichnete, das am 22. Januar 1963 im Pariser Elysee-Palast von Bundeskanzler Konrad Adenauer und de Gaulle unterzeichnet werden sollte, begründeten Tours an der Loire und Mülheim an der Ruhr ihre Städtepartnerschaft, die zu einer Städtefreundschaft und einer Bürgerbeziehung heranreifen sollte.

Die ersten Begegnungen zwischen Mülheim und Tours fanden im Mai 1962 allerdings nicht zwischen Bürgern, sondern zwischen den Stadtspitzen statt. Bereits am 29. Januar 1962 hatte der Hauptausschuss des Rates der Stadt die Aufnahme der Verhandlungen über eine deutsch-französische Städtepartnerschaft gebilligt. In Kontakt kamen Mülheim und Tours damals durch den Weltbund der Partnerstädte. Einem Briefwechsel zwischen den Oberbürgermeistern Heinrich Thöne (Mülheim) und Jean Royer (Tours) im April 1962, folgte dann im Mai ein erster Mülheimer Delegationsbesuch in Tours. Neben Thöne gehörten der Beigeordnete Heinrich Wittkugel, Jugendamtsleiter Reimer, den beiden Stadtverordneten Fritz Denks und Dr. Wilhelm Lotze sowie die späteren Oberstadtdirektoren Heinz Heiderhoff (damals Oberverwaltungsrat) und Heinz Hager (damals Stadtoberamtmann) zu den ersten Tours-Besuchern aus Mülheim.

Eine Partnerstadt mit Geschichte

Ihr rund 800 Kilometer von Mülheim entferntes Reiseziel, war und ist eine geschichtsträchtige Stadt, die heute rund 135.000 Einwohner zählt. Hier lebte und wirkte im 4. Jahrhundert der Heilige Bischof Martin von Tours, nach dem heute eine Mülheimer Grundschule benannt ist. Im 6. Jahrhundert schrieb sein Bischofsnachfolger Gregor von Tours die Geschichte der Franken. Dort besiegte Karl Martell 732 die muslimischen Mauren. Ebenfalls im 8. Jahrhundert wirkte hier der Gelehrte Alkuin, der als Abt das Kloster Saint Martin dort theologische und philosophische Vorlesungen hielt und darüber hinaus als Berater Karls des Großen gefragt war. Vom 13. Bis ins 16. Jahrhundert war Tours eine Nebenresidenz der französischen Könige. 1920 wurde hier die Kommunistische Partei Frankreichs gegründet. Und unter der Führung dem konservativen Bürgermeisters Jean Royer (1920-2011), der von 1959 bis 1995 an der Spitze der Stadt stand, wurde Tours Kongress- und Universitätsstadt. Royer, der als Parlamentsabgeordneter, Minister und Präsodentschaftskandidat auch jenseits der Stadtgrenzen Politik machte, sorgte für den Wiederaufbau der historischen Innenstadt und den Ausbau der urbanen Infrastruktur.

Erste Begegnungen

Während des einwöchigen Aufenthaltes, der vom 5. Bis zum 12. Mai 1962 dauerte, eröffnete Thöne in Tours eine Landwirtschaftsausstellung. Bei dieser Gelegenheit unterstrich der damalige Mülheimer Oberbürgermeister:

„So begrüßenswert der wirtschaftliche Zusammenschluss in der EWG ist, menschlich aber bleibt man sich fremd. Es kommt nicht allein auf unsere Freundschaft an. Je mehr Freundschaften aber geschlossen werden, um so größer ist die Zahl der Menschen, die sich über Grenzen hinweg sprachlich und menschlich besser kennen- und verstehen lernen.“

Und Thönes Tourainer Amtskollege Royer, der Mülheim einen Monat später besuchen und 1973 für seine Verdienste um die Städtepartnerschaft mit dem Mülheimer Ehrenring ausgezeichnet werden sollte, stellte beim gleichen Anlass fest:

„In Tours wird viel Deutsch in den Schulen unterrichtet. Es gibt viele Schüler, denen es gut täte, einmal nach Deutschland zu fahren.“

Und so wurde denn auch bei diesem ersten Gipfeltreffen der beiden Partnerstädte für den Sommer 1963 ein erster Jugendaustausch vereinbart. Ebenfalls im Jahr 1963 stellte sich das traditionsreiche Tours mit einer Ausstellung in der Stadthalle erstmals den Mülheimern vor. Und eine Mülheimer Delegation besuchte damals die renommierte Tourainer Wirtschaftsausstellung.

Von der Städtepartnerschaft zur Bürgerbeziehung

Vor allem Jugend- und Schülerbegegnungen sollten in den nachfolgenden Jahrzehnten die deutsch-französische Städtepartnerschaft mit Leben füllen. Derzeit pflegen zum Beispiel das Karl-Ziegler-Gymnasium und das Tourainer Gymnasium Saint Gregoire sowie die Luisenschule und das Tourainer College Lamartine einen regelmäßigen Austausch, bei dem in deutsch-französischen Schüler-Tandems nicht nur mit- und voneinander gelernt wird, sondern auch persönliche Freundschaften geknüpft werden.

Anfang der 70er Jahre kamen die Bürgerfahrten hinzu, die inzwischen in der Regie von Brigitte Mangen vom 1995 gegründeten Verein zur Förderung der Mülheimer Städtepartnerschaften durchgeführt werden. Für die erste Bürgerfahrt nach Tours, die damals vom Mülheimer Verkehrsverein organisiert wurde, meldeten sich 1972 in nur wenigen Stunden 158 Teilnehmer an. In vier Tagen Tours erlebten die Mülheimer Gäste dort zum Beispiel einen großen Blumenkorso, besuchten Schlösser der Loire und wurden im historischen Rathaus von Tours empfangen, wo auf einer Wand über einem Treppenaufgang die Gefallenen der drei Kriege verzeichnet sind, in denen sich Deutsche und Franzosen noch als Feinde bekämpft hatten.

Heute begrenzt der Förderverein Mülheimer Städtepartnerschaften seine Bürgerfahrten aus organisatorischen Gründen auf 40 bis 50 Teilnehmer. Sein Tourainer Pendant, die von Eliane Lebret geführte Deutsch-Französische Gesellschaft, besucht Mülheim jährlich mit 30 Tourainer Bürgern. Fast so lange wie die Bürgerfahrten, nämlich seit 1978, gibt es auch die Begegnungen zwischen Mülheimer und Tourainer Senioren, die auf der Mülheimer Seite mit jeweils 40 Teilnehmern im Auftrag der freien Wohlfahrtsverbände vom Deutschen Roten Kreuz organisiert werden. Das besondere an dieser Kontaktpflege zwischen Loire und Ruhr ist der Umstand, dass sich hier Menschen kennen und schätzen lernen, die noch in eine Zeit hinein geboren worden sind, in der nicht von deutsch-französischer Freundschaft, sondern von deutsch-französischer Erbfeindschaft die Rede war.

Dazu passt, was der 80-jährige Tourainer Yves Colin, der lange als Journalist für die Nouvelle Republique gearbeitet hat, anlässlich der französischen Präsidentschaftswahlen im Mai 2012 in der Mülheimer NRZ über seine Motivation, die deutsche Sprache zu erlernen und sich in der Deutsch-Französischen Gesellschaft von Tours zu engagieren, gesagt hat:

„Die deutsche Sprache zu studieren war für mich eine doppelte Revanche gegen die Geschichte und gegen mein eigenes Leben. Da ich nicht die Möglichkeit hatte zu studieren, war es für mich sehr angenehm, die deutsche Sprache wieder zu entdecken. Dafür danke ich meinen Professoren. Ich war immer davon überzeugt, dass unsere Länder und ihre Bürger drei Bruderkriege durch freundliches Verständnis füreinander überwinden sollten.“

Der Geschäftsführer des Fördervereins Mülheimer Städtepartnerschaften, Hans Dieter Flohr, schätzt, dass rund ein Drittel der Fördermittel, die Stadt, Förderverein und Leonhard-Stinnes-Stiftung für städtepartnerschaftliche Bürgerbegegnungen bereitstellen in den menschlichen Brückenschlag zwischen Mülheim und Tours fließen und dort vor allem in Schüler- und Jugendbegegnungen, die entweder über Schulen oder Vereine organisiert werden. Seit seiner Gründung hat der Verein, der heute 300 Mitglieder zählt, für bürgerschaftliche Begegnungen im Rahmen der Städtepartnerschaften insgesamt rund 240.000 Euro zur Verfügung gestellt. Die Bandbreite des Spektrums reicht vom AEORO-Club über den Behinderten- und Rehabilitationssport bis zum Jungen Theater an der Ruhr.

Aber auch jenseits der offiziellen Begegnungen haben sich im Laufe von fünf Jahrzehnten zahlreiche Bürgerbeziehungen zwischen Tours und Mülheim entwickelt. Menschen und Gruppen aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Stadtgesellschaft haben sich hier wie dort kennen, verstehen und manchmal sogar lieben gelernt.

Karnevalisten und Künstler pflegten oder pflegen ebenso persönliche Kontakte wie Psychiater, Pfadfinder, Praktikanten, Studenten, Sportler, Senioren oder Kleingärtner, um nur einige von vielen Beispielen zu nennen. Oft waren oder sind es Feste oder Kultur,- und Sportveranstaltungen, die den äußeren Rahmen der partnerstädtischen Bürgerbegegnungen bilden.

„Das ist das Schönste, dass aus Kollegialität Freundschaft wurde, die inzwischen sogar in der dritten Generation Früchte trägt, weil auch die Kinder unserer Kinder am Austausch interessiert sind. Man selbst lernt über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und Vorurteile abzubauen, in dem man sieht, dass man es durchaus mit ähnlichen Problemen zu tun hat und das sich das Diagnoseverfahren in Europa sehr stark vereinheitlicht hat,“ beschreibt die inzwischen pensionierte Amtsärztin Adelheid Geppert den Mehrwert des menschlichen und fachlichen Netzwerkes, das Psychiater aus Tours und Mülheim seit 1988 durch ihres Jahrestreffen mit Leben füllen.

Vergleichbare Erfahrungen in einem ganz anderen Bereich hat Margot Rudolph vom Mülheimer Carnevalsclub (MCC) gemacht, der seit vielen Jahren mit den Tourainer Majorettes verbunden ist, die traditionell im Mülheimer Rosenmontagszug mitgehen und ihrerseits die Freunde vom MCC zur alljährlichen Pfingstkirmes nach Tours einladen.

„Das sind sagenhaft nette Menschen, von deren Charme und Herzenswärme wir uns eine Scheibe abschneiden können“, schildert Rudolph die Erfahrungen mit ihren Tourainer Gastgebern, die in den letzten 35 Jahren zu Freunden geworden sind.

Den Mülheimer Karnevalisten ist es auch zu verdanken, dass Brigitte Mangen, wie es ein Tourainer einmal ausdrückte, „zu einem Bindestrich zwischen unseren beiden Städten geworden ist.“ Denn mit Tours kam die Französisch sprechende Mangen, die in den 60er Jahren für die damalige Europäische Gemeinschaft gearbeitet hatte, zum ersten Mal 1977 in Kontakt. Damals luden sie die Karnevalisten zu einem Abendessen mit den ihren Tourainer Gästen ein, um eine sprachkundige Übersetzerin am Tisch zu haben. Sie selbst hat einmal gesagt: „Ich fühle mich in Tours schon fast so zu Hause, wie in Mülheim.“ Mangen, die im Vorstand des Fördervereins Mülheimer Städtepartnerschaften für die Tours-Kontakte zuständig ist, schätzt, dass sie unsere französische Partnerstadt in den letzten 35 Jahren rund 150 Mal besucht hat. 2007 würdigte die Stadt Tours ihr Engagement für die Städtepartnerschaft mit der Verleihung ihres Verdienstordens.

Gegenwart und Zukunft

Heute wissen wir, dass der bereits nach dem ersten Thöne-Besuch in Tours in der Neuen Ruhr Zeitung im Mai 1962 formulierte Wunsch: „Tours und Mülheim sollen Brücken zueinander bauen“, in Erfüllung gegangen ist.

Schon 1963 hatte Tours damaliger Bürgermeister Jean Royer bei einem Mülheim-Besuch festgestellt: „Ich kehre mit dem guten Gefühl in meine Heimat zurück, in Mülheim von der Bevölkerung herzlich aufgenommen worden zu sein. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Menschen hier den Bemühungen um enge Beziehungen zu Tours positiv gegenüberstehen.“ Und als Royer 1973 mit dem Mülheimer Ehrenring ausgezeichnet wurde, nannte er diesen Ring „das Zeichen einer unwahrscheinlichen Freundschaft“, die ihn mit dem glücklichen Gefühl nach Hause fahren lasse, „das in einem anderen Land Herzen für uns schlagen.“

2001 schrieb denn auch die Tourainer Zeitung Nouvelle Republique mit Blick auf die damals fast 40 Jahre währende Städtepartnerschaft zwischen Tours und Mülheim: „Man könnte fast von einer Liebesgeschichte sprechen.“ Und Brigitte Mangen, die Tours so gut wie keine andere Mülheimerin kennt, verglich die Partnerstädte beim Jubiläumsfestakt im Tourainer Rathaus im Januar 2012 mit einem Ehepaar, das seine Goldene Hochzeit feiert und dessen Liebe im Laufe der Jahrzehnte zu absoluter Vertrautheit gereift sei.

Mit Blick auf die Zukunft der Städtepartnerschaft sagt der Tours-erfahrene Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, Helmut Storm:

„Sie muss von den Bürgern akzeptiert und getragen werden. Sie braucht aber auch immer wieder öffentliche Impulse.“

Deshalb wünscht sich Eliane Lebret von der Deutsch-Französischen Gesellschaft in Tours auch für die Zukunft eine dauerhafte hauptamtliche Anlaufstelle im Mülheimer Rathaus, um die Aktivitäten der Städtepartnerschaft zuverlässig organisieren und koordinieren zu können. Denn mit Brigitte Mangen und Dieter Flohr vom Mülheimer Städtepartnerschaftsverein, ist sie sich darin einig, dass die Städtepartnerschaft zwischen Tours und Mülheim auch in Zukunft eine wichtige Plattform sein wird, die gerade jungen Menschen die Chance bietet, etwa durch ein Praktikum, wichtige Erfahrungen für ein Leben im enger zusammenwachsenden Europa zu sammeln

Dieser Beitrag ist auch im Jahrbuch 2013 der Stadt Mülheim nachzulesen

Freitag, 11. Januar 2013

Scheiden tut nicht nur Elter emotional und finanziell weh: Kinder sind im Zweifel immer die Leidtragenden, weil sie das schwächste Glied in der Kette sind

Scheiden tut weh. Das ist bei den Wulffs nicht anders als bei Otto Normalbürger. In Mülheim schwankt die Zahl der jährlichen Scheidungen zwischen 416 (2011) und 492 (2008). Derzeit sind rund 13.000 von insgesamt 168.000 Mülheimern geschieden. Doch anders als beim Ex-Präsidenten-Paar, kann Scheidung auch arm machen. Das betrifft vor allem die Frauen, die oft genug als Alleinerziehende zurückbleiben.

  
Die Statistik der Sozialagentur spricht eine eindeutige Sprache. Danach waren Ende 2011 rund 57 Prozent aller Alleinerziehenden auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Das sind vier Prozent mehr als 2009. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Alleinerziehenden unter den Arbeitslosengeld-II-Beziehern von 14,2 Prozent (1705) auf 15,3 Prozent (1881).
  
Familienrechtsanwalt Andreas Schmidt bestätigt, dass geschiedene und alleinerziehende Frauen oft einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt sind.
  
„Bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 1800 oder 2000 Euro kann der Aufbau von zwei Haushalten zu einem echten Problem werden. Gerade Frauen, die noch kleine Kinder erziehen müssen, tun sich oft schwer wieder zurück in den Beruf zu kommen und eigenes Geld zu verdienen. Das hat auch mit dem Problem fehlender Betreuungsplätze für Kinder zu tun“, schildert der Jurist das Problem.
  
Außerdem hat er es immer wieder auch mit Fällen von Vätern zu tun, die sich nach einer Scheidung ihrer Unterhaltspflicht für die gemeinsamen Kinder entziehen, während alleinerziehende Frauen nach einer längeren Berufspause oft Schwierigkeiten haben, eine ausreichend bezahlte Arbeit zu finden, so dass der Absturz ins Arbeitslosengeld II droht. „Und dann fehlt oft sogar das Geld für einen Schultornister oder für kleine Wünsche der Kinder. Sie sind immer das schwächste Glied in solch einer Situation. Eltern können mit einer Arbeit eigenes Geld verdienen. Aber Kinder können das nicht“, berichtet Schmidt aus seiner familienrechtlichen Anwaltspraxis.
 
„Geld oder Liebe?“ fragte einst Jürgen von der Lippe in einer beliebten Fernsehshow. Wenn sich ein Paar im richtigen Leben scheiden lässt, geht es meist um Geld, zum Beispiel für den Kindesunterhalt und um enttäuschte Liebe. Das hat oft auch gravierende Folgen für die, die in einer Familie zwischen den Scheidungsparteien stehen, die Kinder.
  
„Wir werden im Familienrecht oft mit Problemen konfrontiert, die man juristisch eigentlich gar nicht lösen kann, weil es hier nicht nur um Gesetze, sondern auch um Emotionen geht“, räumt Anwalt Andreas Schmidt ein. Und er weiß: „Weil Gefühle im Vordergrund stehen, muss man sich als Anwalt für Gespräche mit Scheidungsmandanten besonders viel Zeit nehmen. Das ist wie bei Ärzten, die sich mit ihren Patienten über eine ernsthafte Krankheit unterhalten müssen.“
  
Die Rechtspraxis ist eindeutig. In 85 Prozent der Fälle bekommen beide Eltern das Sorgerecht, wenn nicht ein schwerwiegender Grund, wie Alkoholismus oder Gewaltbereitschaft, gegen das Erziehungsrecht eines Elternteils sprechen. Doch in der Scheidungspraxis erlebt Schmidt immer wieder Mandanten, die dem Ex-Partner „nichts gönnen, auch nicht das Umgangsrecht mit den gemeinsamen Kindern.“ Er kennt Fälle, in denen trotz des gemeinsamen Sorgerechtes am Ende das Familiengericht entscheiden musste, an welcher Schule ein Scheidungskind angemeldet werden und wo es das Weihnachtsfest verbringen sollte, weil sich die Eltern darüber nicht einigen konnten. Auch wenn ein Elternteil in eine weit entfernte Stadt verzieht, kommt es häufig zu Problemen beim Umgangsrecht.
  
„Ich versuche allen Mandanten klarzumachen, dass ihre Elternverantwortung über ihre Scheidung hinaus fortwirkt und sie das Wohl der Kinder im Blick haben sollten, weil die Kinder für die Scheidung ihrer Eltern nicht verantwortlich sind. Aber manchmal kommen die Kinder leider zwischen die Fronten“, bedauert Schmidt.
  
Auch Ursula Faupel vom Kinderschutzbund kennt Scheidungsfälle, in denen Kinder von ihren Eltern instrumentalisiert werden, weil sie in ihrem eigenen seelischen Ausnahmezustand die Bedürfnisse der Kinder aus dem Blick verlieren. „Eine Scheidung ist für Kinder immer belastend. Und Spannungen zwischen den Eltern übertragen sich auf die Kinder“, betont Faupel.
  
In besonders kritischen und strittigen Fällen bietet der Kinderschutzbund getrennten Eltern sogar einen von Sozialpädagoginnen betreuten Umgang an, um Ängste und Vorbehalte der einen oder anderen Seite abzubauen. Das geschieht beim Kinderschutzbund an der Schloßstraße etwa ein bis zweimal pro Woche. Faupel betont aber auch:
  
„Die meisten Eltern, die bei uns auch Rat und Trost suchen bekommen das mit dem Umgang aber auch ganz vernünftig hin, sobald der Streit ums Sorgerecht erledigt ist.“ Für die Vorsitzende des Kinderschutzbundes steht fest: „Wir stehen immer auf der Seite des Kindes. Und das Kind will mit Vater und Mutter leben und es will, dass sich beide vertragen.“ Wie Schmidt, sieht auch Faupel einen gesellschaftlichen Wandel in der Einstellung zur Ehe, der dazu geführt hat, dass Partner sich als selbstständig und unabhängig begreifen und deshalb eher bereit sind, eine Ehe aufzugeben und sich dann einem neuen Partnern zuzuwenden.
  
Der Psychologe Franz Maurer schätzt, dass sich ein Drittel der Fälle, die in der von ihm geleiteten Evangelischen Beratungsstelle für Ehe,- Erziehungs,- Familien- und Lebensfragen bearbeitet werden auf die Beratung von Eltern in Trennungssituationen beziehen.
  
„Eltern bleiben Eltern, auch wenn sie sich als Ehepartner scheiden lassen“, betont Maurer. In Beratungsgesprächen stellt er fest, dass sich Elternpaare die Entscheidung zur Scheidung nicht leicht machen und es als entspannend erleben, wenn sie in ihrer für alle Beteiligten belastenden Lebenssituation Rat von einer dritten Person erfahren, die neutral ist und Abstand zu den Dingen hat.

Mit Blick auf die Situation der von einer Scheidung in Mitleidenschaft gezogenen Kindern rät Maurer scheidungswilligen Eltern:

  • Kinder brauchen den Kontakt zu beiden Eltern und das Gefühl, dass sie sich weiterhin vertrauensvoll an sie wenden können.
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  • Eltern müssen ihren Kindern deutlich machen, dass ihre Scheidung nichts mit ihnen zu tun hat und das sie weiter von Mutter und Vater geliebt werden.
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  • Kinder müssen erfahren, dass sich trotz der Scheidung ihrer Eltern nicht alles in ihrem Leben ändert und dass ihre Eltern für sie ein sicherer Hafen bleiben.
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  • Kinder dürfen von ihren Eltern auf gar keinen Fall als Partei in den Scheidungskonflikt hineingezogen und von ihnen instrumentalisiert werden.
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  • Sonst drohen schwerwiegende entwicklungspsychologische Folgen, weil Kinder in einen für sie unauflösbaren Loyalitätskonflikt gestürzt werden.
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  • Dieser traumatisierende Konflikt kann dazu führen, dass Kinder langfristig in ihrem Selbstwertgefühl beeinträchtigt werden, weil sie sich als schuldig und unzulänglich empfinden und erleben.
 Eltern, die in Trennungssituationen Rat und Hilfe suchen, können sich unter anderem an die Evangelische Beratungsstelle für Ehe,- Familien,- Erziehungs- und Lebensfragen am Hagdorn 23 wenden. Die Beratungsstelle ist unter der Rufnummer 0208/32014 oder per E-Mail an: beratungsstelle@kirche-muelheim.de erreichbar.
 

Dieser Text erschien am 9. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Mittwoch, 9. Januar 2013

Wie sollten Medien über Bombenbendrohungen oder vergleichbare Ereignisse berichten? Ein Gespräch mit dem Leiter der Polizeipressestelle Essen/Mülheim, Ulrich Faßbender

Die ersten Tage des neuen Jahres sind eine nachrichtenarme Zeit. Doch gestern füllte die Bombendrohung im Rhein-Ruhr-Zentrum ganze Zeitungsseiten. Das Fernsehen berichtete, das Radio, das Internet sowieso. Ist das angemessen oder wird hier Kriminellen eine mediale Aufmerksamkeit zuteil, die sie nicht bekommen sollten? Wäre es überhaupt vorstellbar, das zu tun, was den Tätern das Ärgste wäre - nicht zu berichten? Darüber sprach ich für die NRZ mit dem Leiter der Polizeipressestelle Essen/Mülheim, Ulrich Faßbender , der am Sonntag im Krisenstab der Polizei von Beginn an dabei war und die Öffentlichkeitsarbeit koordinierte.


Frage: Braucht man bei einer Bombendrohung Öffentlichkeitsarbeit?

Antwort: Bei einem solchen Ereignis, wie am Sonntag im Rhein-Ruhr-Zentrum ist die Pressestelle auch eingebunden und ich selbst war an der Entscheidungsfindung beteiligt, wie man damit umgeht, um zu verhindern, dass durch Medien vorzeitig Nachrichten verbreitet werden, die zu einer Massenpanik hätten führen können. Deshalb haben wir im Hintergrund den Journalisten auch gesagt, worum es sich handelt, weil wir mit offenen Karten spielen wollen. Wir haben sie aber darum gebeten, die Nachricht erst zu verbreiten, nachdem das Rhein-Ruhr-Zentrum geräumt worden war.

Frage: Sollten Medien über Bombendrohungen überhaupt berichten?

Antwort: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Eine solchen Bombendrohung, wie im Rhein-Ruhr-Zentrum, von der über 10?000 Menschen betroffen waren, lässt sich natürlich nicht verheimlichen. Da haben Medien und Polizei eine Berichtspflicht. Aber es gibt natürlich auch eine Verantwortung gegenüber den unmittelbar betroffenen Menschen. Und dieser Verantwortung sind Medien und Polizei am Sonntag mit dem abgestuften Vorgehen, wie ich es beschrieben habe, gerecht geworden, in dem sie dafür gesorgt haben, dass bei der Räumung des Rhein-Ruhr-Zentrums niemand verletzt wurde.

Frage: Wie sollten Medien mit solchen Ereignissen, wie dem im Rhein-Ruhr-Zentrum umgehen?

Antwort: Da gibt es keine pauschalen Empfehlungen. Es ist der Job von Journalisten, die Öffentlichkeit zu informieren und damit ihrer Berichterstattungspflicht nachzukommen. Aber Journalisten müssen auch verantwortlich abwägen, wie sie ihre Berichterstattung formulieren und gestalten, um keine unnötigen Ängste zu schüren. Man muss in jedem Einzelfall abwägen und dann entscheiden. Wichtig ist, dass die Medien Dinge so berichten, wie sie wirklich waren. Das ist angesichts sozialer Online-Medien, wie Facebook oder Twitter umso bedeutsamer, weil sich dort sehr schnell Gerüchte verbreiten, die man dann nicht mehr einfangen kann.

Frage: Kann eine mediale Berichterstattung gerade in diesem Fall auch Trittbrettfahrer ermutigen?

Antwort: Klar. Diese Gefahr besteht. Das fordere ich von verantwortlichen Journalisten auch ein, nämlich diesen Aspekt in ihrer Berichterstattung zu berücksichtigen und aktuelle Nachrichten in diesem Fall nicht einfach wie eine tolle Meldung zu verwenden. Journalisten müssen in einem solchen Fall behutsam mit ihren Worten umgehen. Denn man kann eine Lage immer so oder so beschreiben. Man weiß heute, dass zum Beispiel nach der Berichterstattung über die Selbsttötung des Nationaltorhüters Robert Enke die Zahl der Suizide sprunghaft angestiegen ist.

Frage: Wie sähe aus Ihrer polizeilichen Sicht die optimale Berichterstattung über eine Bombendrohung wie die am Sonntag aus?

Antwort: Angesichts der Gefahr, dass man viele Nachahmer ins Boot holt, würde ich mir die Berichterstattung so klein wie möglich wünschen. Man sollte solche Ereignisse nicht verschweigen, aber auch nicht aufbauschen, sondern die Öffentlichkeit sachlich darüber informieren. Aber ich weiß, dass Journalisten nach links und rechts gucken müssen. Und wenn Sie nur eine kleine Meldung bringen wollen, alle anderen Zeitungen dem Thema aber eine ganze Seite widmen, werden auch sie wohl nicht darum herumkommen, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen.

Dieser Text erschien am 8. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Dienstag, 8. Januar 2013

Warum sich der 82-jährige Helmut Hermann auch 68 Jahre nach Kriegsende mit Blick auf die Nazi-Zeit gegen das Vergessen engagiert

Wenn sich am 30. Januar die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zum 80. Mal jährt, wird es eine Flut von Erinnerungsberichten geben. Auch in den Schulen gehört die Geschichte des „Dritten Reiches“ zum pädagogischen Standardprogramm.


Da ist inzwischen gerade bei vielen jungen Menschen eine gewisse Gleichgültigkeit eingetreten, was vielleicht auch mit einer zeitweisen Überfütterung zu tun hat, sagt der 82-jährige Helmut Hermann mit Blick auf die „Vergangenheitsbewältigung“ des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte.

Hermann kann diese nicht nur bei Jugendlichen zu findende Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte der NS-Diktatur nicht nachvollziehen. Denn sie ist für ihn kein Kapitel eines Geschichtsbuches, sondern Teil seiner Lebensgeschichte. Kurz nach der Machtübernahme im Januar 1933 ist mein Vater in unserer Wohnung von der SS zusammengeschlagen worden. Ich habe das noch genau vor Augen und erinnere mich an die große Angst, die ich damals hatte, berichtet Hermann aus seiner Familiengeschichte.

Weil sein Vater Josef Kommunist war und sich in Sport- und Musikvereinen der Partei engagierte, wurde er nicht nur zusammengeschlagen, sondern auch verhaftet. Die Verhöre gingen damals üblicherweise nicht ohne Misshandlungen vonstatten, weiß Hermann. Die Folgen für den Vater und seine Familie waren fatal: Mein Vater durfte nicht mehr in seinem alten Beruf als Scherenschleifer arbeiten, sondern musste in einem Steinbruch schuften, erinnert sich Hermann.

Auch Führer der Hitler-Jugend bedrohten den Vater, weil er Helmut und seinen Bruder Günter nicht zum nationalsozialistischen Jungvolk schicken wollte. Damit der Vater Ruhe bekam, gingen seine Söhne irgendwann doch hin. Wir hatten das Gefühl, dass die uns nicht kriegen können. Doch dann wurden wir von Fähnleinführern zusammengeschlagen, weil wir nicht gehorchen und in Reih und Glied marschieren wollten, blickt Hermann in das „1000-jährige Reich“ zurück, das am Ende zwölf grausame Jahre dauern sollte.

Als Hermann nach der Volksschule in der Landwirtschaft eingesetzt wurde, was ihn vor der Wehrmacht bewahrte, arbeitete er auch mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus Polen, Serbien und der Sowjetunion zusammen. Auch wenn bei der Arbeit auf dem Feld nicht über Politik gesprochen wurde, erinnerten regelmäßige Jagdbomberangriffe an den Krieg. Damals konnte man schon ins Konzentrationslager kommen, wennman einem russischen Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangenen ein Butterbrot gab, berichtet Hermann über die totale und angstgesteuerte Kontrolle des nationalsozialistischen Machtapparates.

„Warum habt ihr euch nicht gewehrt“ - das hat Hermann bei Zeitzeugengesprächen oder historischen Stadtführungen von Schülern zu hören bekommen. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass die Kontrolle durch das NS-System so total war, dass die Voraussetzungen für Widerstand zum Teil gar nicht gegeben waren, weil man schon für eine Bemerkung, wie: „Diese Fische sind so fett, wie Hermann Göring“ verhaftet werden konnte, erzählt der Zeitgenosse. Doch es gab Lücken und Lichtblicke der Menschlichkeit. Bei der Arbeit auf dem Feld lernte Hermann zum Beispiel einen russischen Studenten kennen, dem er mal nicht ganz legal organisierte Süßigkeiten und Kuchen zustecken konnte. Dieser Mensch hat mich sehr beeindruckt, weil er mit Hilfe eines Deutsch-Russisch-Lexikons in nur wenigen Wochen fast perfekt deutsch sprechen lernte, beschreibt Hermann seine jugendliche Bewunderung für einen Kriegsgefangenen, den die NS-Propaganda als „Untermenschen“ deklassierte.

Nach Krieg und Diktatur zog Hermann für sich die Konsequenz, als Gewerkschafter und Kommunist politisch aktiv zu werden, auch weil er die Wiederbewaffnung Westdeutschlands nicht akzeptieren wollte- Das Thema Nationalsozialismus war damals Tabu und wurde totgeschwiegen, weil ja 90 Prozent der Deutschen Mitläufer gewesen waren und sich nicht mehr erinnern wollten, schildert Hermann den Zeitgeist der ersten Nachkriegsjahrzehnte.

Doch Hermann, der sich ab 1974 in der Mülheimer Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und dem Bund der Antifaschisten engagierte, fand 1978 24 interessierte Mitstreiter gegen das Vergessen. Sie trafen sich in der Volkshochschule. Ihr Ziel war eine Dokumentation über Widerstand und Verfolgung im Mülheim der Jahre zwischen 1933 und 1945. „Passt auf, dass ihr keine juristischen Probleme bekommt.“ Und: „Darüber haben wir hier keine Unterlagen“ , haben wir damals im Stadtarchiv zu hören bekommen.

Doch Hermann und seine Kollegen blieben dran, weil sie und er schon damals wussten, wovon er auch heute überzeugt ist: Wenn sich die Geschichte nicht wiederholen soll und wir dafür sorgen wollen, dass unsere Jugend nie mehr das erleben muss, was wir erleben mussten, müssen wir das Thema Nationalsozialismus im Gespräch und im Gedächtnis halten.

Mit Genugtuung sieht Hermann, der auch heute auf Nachfrage Stadtrundfahrten auf den Spuren der Mülheimer NS-Zeit anbietet, dass die Dokumentation über Widerstand und Verfolgung, die 1987 als Buch herausgegeben werden konnte, bis heute als viel zitierte Quelle für die Erforschung der Mülheimer NS-Jahre dient und darüber hinaus zur Basis für eine Ausstellung und einen Film geworden ist.

So wie die Dokumentation, die mit Hilfe von rund 50 Zeitzeugen erstmals auch den Widerstand beleuchtete, den Arbeiter und Frauen im nationalsozialistischen Mülheim leisteten, soll auch die Überarbeitung der daraus resultierenden Ausstellung mit Spenden finanziert werden.

Allein schon die Existenz einer rechtsextremen Partei, wie der NPD, ist Hermann Motivation genug, seine für die Zukunft mahnende Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit auch 68 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus unbeirrt fortzusetzen. Denn der Zeitzeuge und Zeitgenosse Hermann ist davon überzeugt: In einem Land, von dem ein Faschismus ausgegangen ist, der sich besonders brutal auf die Menschen ausgewirkt hat, darf es keine faschistischen Organisationen und Ideologie mehr geben.

Wer an einer historischen Stadtführung oder Stadtrundfahrt mit Helmut Hermann interessiert ist, erreicht ihn unter 0208/473571

Dieser Text erschien am 5. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG


Montag, 7. Januar 2013

Rückblick: Was uns der Handwerksmeister und Kommunalpolitiker Max Kölges auch 40 Jahre nach seinem Tod noch zu sagen hat

Das heute neben einer Straße in der Stadtmitte auch eine Handwerkerschule in Eppinghofen seinen Namen trägt, hätte Max Kölges sicher gefallen. Denn die berufliche Nachwuchsförderung lag dem Kreishandwerksmeister und Bürgermeister Max Kölges immer am Herzen. Vor 40 Jahren - am 5. Januar 1973 -  starb der neunfache Familienvater, den seine Wahlheimat 1962 zum Ehrenbürger ernannte.


Damals schrieb die NRZ in einem Nachruf auf den Christdemokraten, der sich nicht nur um den Wiederaufbau nach dem Krieg verdient gemacht hatte: „Dem Wohl des Volkes, der Stadt und den Mülheimer Bürgern zu dienen, das war das Ziel des Mannes, der über sechs Jahrzehnte im Dienst des öffentlichen Lebens stand. Angesichts seines hohen Alters, seinem Erfolg im Beruf, in öffentlichen Ämtern und Aufgaben, kann bei ihm wahrhaft von einem erfüllten Leben gesprochen werden.“

Was auch heute noch in der Rückschau auf seine 92 Lebensjahre beeindrucken und ermutigen kann, ist sein Wille und sein Geschick, auch aus den schwierigsten Lebenslagen das Beste zu machen.

1880 als Kaufmannssohn im Kreis Kempen geboren, musste Kölges schon früh den Tod seines Vaters verkraften. Die Mutter war alleinerziehend und ihr Sohn konnte wie die meisten seiner Altersgenossen in der Klassengesellschaft des Kaiserreiches nur die Volksschule besuchen. Doch Kölges, der 1899 nach Mülheim kam, sollte nach seinen Lehr- und Gesellenjahren als selbstständiger Friseurmeister erfahren, das Handwerk goldenen Boden haben kann.

Doch der Handwerksmeister und Familienvater, der nach dem Tod seiner ersten Frau Theresa Boomes (1913) mit Hulda Richter eine zweite Liebe fürs Leben fand, wollte mehr als nur geschäftlichen Erfolg erreichen. Ab 1904 engagierte er sich im Mülheimer Innungsausschuss, dem Vorläufer der heutigen Kreishandwerkerschaft. Als Kreishandwerksmeister und Obermeister der Friseurinnung setzte er zahlreiche sozialpolitische Akzente.

Neben seinem Beruf engagierte sich Kölges ehrenamtlich für die Interessen seiner Kollegen. Er leitete eine Krankenkasse für selbstständige Handwerksmeister, baute eine Einkaufsgenossenschaft für Friseure auf und initiierte die Einrichtung eines Erholungsheimes für Handwerker sowie den Bau des Innungshauses an der Zunftmeisterstraße.

Politisch gehörte der Katholik Kölges ab 1907 zur Zentrumspartei. Für sie zog er während der Weimarer Republik in den Stadtrat und in den preußischen Landtag ein. Dort machte er sich einen Namen als Finanzpolitiker. Doch nach der Machtübernahme durch die Nazis 1933 verlor Kölges nicht nur seine politische, sondern auch seine berufliche Existenz und musste zwischenzeitlich als Grundstücksmakler arbeiten.

Doch nach 1945 gelang dem Friseurmeister Kölges als Kreishandwerksmeister, als Stadtrat und Landtagsabgeordneter sowie als Bürgermeister und Vizepräsident der Handwerkskammer ein erstaunliches Comeback in Beruf und Politik, ehe er sich 1969 aus dem öffentlichen Leben zurückzog. Kurz vor seinem Tod wohnte er noch dem Richtfest des City-Centers bei.

Dieser Text erschien am 5. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Freitag, 4. Januar 2013

Früher beteten und arbeiteten im Kloster Saarn die Zisterzienserinnen, heute haben drei Oblaten des heiligen Franz von Sales ihre Nachfolge angetreten. Doch ob es auch auf lange Sicht noch Saarner Klosterbrüder geben wird, ist mehr als ungewiss

Pater Josef Pütz (links) und Pater Leo Vieten
mit einem Bild ihres Ordensgründers
Als man in den 70er Jahren darüber nachdachte, wie man die alte Klosteranlage in Saarn mit neuem Leben füllen könne, hatte der damalige Ruhrbischof Franz Hengsbach die Idee, dort wieder einen Frauenkonvent einzurichten. Das hätte die Tradition der Zisterszienserinnen fortgesetzt, die zwischen 1214 und 1808 im Kloster Saarn gelebt, gebetet und gearbeitet haben.


Doch aus dem Frauenkonvent wurde nichts. Stattdessen waren es die Ordensmänner der Oblaten des heiligen Franz von Sales, die damals als Seelsorger in der Saarner Kloster-Pfarrei St. Mariae Himmelfahrt die geistliche Nachfolge der Zisterszienserinnen antraten.

Heute leben mit Josef Prinz, Leo Vieten und Franz Josef Flötgen noch drei Patres der Oblaten des Heiligen Franz von Sales als geistliche Mieter auf einer Etage unter dem Klosterdach im alten Äbtissinnenbau. Vom Pfarrbüro aus führt eine Treppe hinauf zur Wohnetage der Ordensleute. Zu der gehört auch eine kleine Kapelle, in der die Tag der Ordensleute um 7.15 Uhr mit ihrem Morgengebet, der Laudes, eingeläutet wird. Selbstverständlich kennen alle drei die Geschichte ihres Wohn- und Arbeitsplatzes. „Aber wir leben alle im Hier und Jetzt und sind froh, dass die Klosterzellen heute nicht mehr so klein sind wie früher“, sagt Pater Leo mit einem Augenzwinkern.

Tatsächlich hat jeder der drei Klosterbrüder ein kleines Apartment mit Arbeits- Schlaf- und Badezimmer. Die Einrichtung ist einfach, aber funktional. Trotz Armutsgelübde und begrenztem Taschengeld müssen Ordensleute heute nicht ohne Fernseher oder Computer leben. Der Flur, der die Apartments mit dem gemeinschaftlichen Wohnzimmer der Patres verbindet, wird von einem langen und gut gefüllten Bücherregal dominiert.

Dort betrachten Pater Leo und Pater Josef, der 2010 dessen Nachfolge als Pfarrer von St. Mariae Himmelfahrt antrat, ein Bild ihres Ordensgründers Louis Brisson (1817-1908), der in diesem Jahr von Papst Benedikt XVI. selig gesprochen worden ist. Zusammen mit der Seligsprechung konnten die Ordensleute 2012 auch die Weihe und erste Heilige Messe eines neuen Ordenspriesters feiern. Der 30-jährige Ordensmann, der seinen geistlichen Dienst aber nicht in Saarn verrichten wird, heißt Dominik Nguyen und kommt aus Vietnam. Das ist nicht nur für die Ordensgemeinschaft der Oblaten des heiligen Franz von Sales symptomatisch. Der Nachwuchs kommt heute eher aus Amerika, Afrika und Asien als aus dem alten christlichen Europa.

Pater Josef (64), Pater Franz-Josef (75) und Pater Leo (77) machen sich angesichts dieser Entwicklung und mit Blick auf ihr eigenes Lebensalter keinen Illusionen darüber, dass sie die letzten Ordensleute in Kloster Saarn sein könnten, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. „Wenn wir keinen Nachwuchs bekommen, kann es sein, dass wir hier in einigen Jahren zusperren müssen. Schon jetzt fragen uns manche: Gemeindemitglieder: Wie lange bleibt ihr uns noch erhalten?,“ räumt Pater Josef ein. Dennoch ist er sich mit seinen beiden Saarner Klosterbrüdern einig, „dass wir, solange wir hier als Priester und Ordensleute arbeiten ganz im Sinne des heiligen Franz von Sales unsern Glauben optimistisch und nicht verbissen leben und verkünden wollen.“

Ironie der Geschichte. Als der aus dem niederrheinischen Geilenkirchen stammende Leo Vieten 19 war, war es ausgerechnet ein in Namibia arbeitender Missionar der Ordensgemeinschaft, der mit seinen Berichten und mit seiner Ausstrahlung in dem jungen Mann erst die Abenteuer- und dann auch die Glaubenslust entfachte. Natürlich haben auch Pater Leo, Pater Josef und Pater Franz Josef betroffen und entsetzen die Medienberichte über Missbrauchsfälle in Ordensschulen und Einrichtungen verfolgt. Aber sie selbst haben in ihren jungen Jahren „Ordensleute mit einer wahnsinnigen Ausstrahlung und einer lebensfrohen Lockerheit“ kennengelernt, die ihnen zum Vorbild für ihren eigenen Lebensweg werden sollten. Im Falle von Pater Josef und Pater Franz-Josef kamen diese charismatischen Ordenspriester, „die mit beiden Beinen im Leben standen“, als Lieblingsonkel und Counsin des Vaters sogar aus der eigenen Familie.

Natürlich wissen die Ordenspriester die während der 50er und 60er Jahre in Oberösterreich, am Niederrhein und im Ruhrgebiet sozialisiert wurden, noch von einem starken katholischen Milieu zu berichten, in dem das Engagement bei den Messdienern und in der kirchlichen Jugendarbeit selbstverständlich waren. „Früher war jede katholische Familie stolz, wenn ein Sohn Priester werden wollte. Heute wird er nicht selten gefragt, ob er verrückt geworden sei und aufgefordert, lieber etwas vernünftiges zu lernen“, schildert Pater Josef die Folgen der zunehmend säkularisierten Gesellschaft. „Auch wir haben uns natürlich gefragt, ob das funktionieren kann oder ob es vielleicht mal wieder eine Christenverfolgung wie unter den Nazis geben könnte“, erinnert sich Pater Leo an die Diskussionen, die er 1962 mit den vier Jahrgangskollegen führte, die wie er im ersten Jahr des Zweiten Vatikanischen Konzils ihren Weg als Ordenspriester begannen.

„Wir sind da irgendwie hineingeschlittert“, sagt der aus Oberösterreich stammende Pater Josef, der wie sein Lieblingsonkel später als Pädagoge an Ordensschulen in Österreich und Bayern arbeiten sollte. Dort und als Pfarrer in Wien erlebte er „die Verantwortung, aber auch die Freude daran, mit den mir anvertrauten jungen Leuten zu arbeiten und sie auch in schwierigen Lebenssituationen begleiten zu können.“ Aus diesem Erfahrungsschatz kann der Geistliche auch heute als Seelsorger der 19.000 Seelen zählenden Linksruhr-Pfarrei St. Mariae-Himmelfahrt schöpfen.

Auch Pater Leo, der sich heute nur noch als geistlicher Pensionär und „freischaffender Künstler“ sieht, weiß aus seiner langjährigen Erfahrung als Gemeindeseelsorger am Niederrhein und an der Ruhr: „Unsere Arbeit ist kein Opfer, sondern ein Geschenk, weil man von den Menschen, denen man begegnet, mit denen man spricht und die man an wichtigen Stationen ihres Lebensweges begleitet, auch viel zurück bekommt.“ Das spürt Pater Leo vor allem in den Gesprächen mit Kindern. Deren unverbrauchte Lebensenergie und unvoreingenommene Betrachtung des Glaubens begeistern und verblüffen ihn immer wieder.

Bliebe noch die Frage nach den Frauen. Macht das Gelübde der Ehelosigkeit nicht einsam? „Man kann auch in einer Familie einsam sein, weil auch dort jeder sein eigenes Leben leben muss“, sagt Pater Josef. Doch er betont auch, dass er nicht wegen, sondern trotz des Pflichtzölibates Ordenspriester geworden sei, „weil ich auch heute noch der Meinung bin, dass es für mich die richtige Lebensentscheidung war.“ Doch auch wenn alle Saarner Klosterbrüder beteuern, „hausmännlich gebildet“ zu sein, wollen sie doch auf eine Frau in ihrem Männerhaushalt nicht verzichten. Denn auch hinter starken Ordensmännern steht eine starke Frau, in diesem Fall ist es die Haushälterin Maria Maihs.

Zahlen und Fakten: Drei Oblaten des heiligen Franz von Sales leben heute noch im Kloster Saarn. 508 sind es nach Angaben des in der Mission, in der Gemeindeseelsorge sowie in der Jugendarbeit tätigen Ordens weltweit und 100 in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Vor 50 Jahren hatte die deutschsprachige Ordensprovinz der Sales-Oblaten noch doppelt so viele Mitglieder

Dieser Text erschien am 2. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Mittwoch, 2. Januar 2013

Wie sag ich's meinem Wähler? Nicht nur bei der SPD setzt man auch im Bundestagswahlkampf 2013 verstärkt auf Hausbesuche, um auch wahlmüde Bürger zu erreichen

Wie erreiche ich meinen Wähler? Die Frage stellt sich mit Blick auf den Bundestagswahlkampf und die seit Jahren tendenziell sinkende Wahlbeteiligung (siehe Zahl) für die Parteien und ihre Kandidaten mit besonderer Brisanz.


Mehr Hausbesuche und weniger Großveranstaltungen lautet deshalb die Wahlkampfstrategie, die die SPD auf ihrem Bundesparteitag in Hannover beschlossen hat. Auch ihr Kanzlerkandidat Peer Steinbrück will in „Wohnzimmergesprächen“ bei interessierten Bürgern für seine Politik werben.

Und was sagt seine Mülheimer Parteibasis dazu? „Ich habe das schon vor zwölf Jahren gesagt“, sagt SPD-Parteigeschäftsführer und Bundestagskandidat Arno Klare: „Wir müssen weg von den großen Plätzen und Hallen, in denen nur unsere eigenen Leute sitzen. Wir brauchen Dialog statt Papier, weil Menschen Menschen überzeugen“, betont Klare.

Er schätzt, dass rund 75 Prozent der sozialdemokratischen Hausbesucher in den letzten Wahlkämpfen von den besuchten Wählern freundlich begrüßt wurden. „Die meisten Leute laden nicht gleich eine riesige Kiepe mit Problemen und Vorwürfen aus, sondern freuen sich, dass sich mal jemand aus der Politik bei ihnen blicken lässt“, schildert Klare seine Erfahrungen beim Tür-zu-Tür-Wahlkampf.

Der 76-jährige Alfred Berendes und der 23-jährige Rodion Bakum, die regelmäßig für ihre Partei von Haus zu Haus gehen, schätzen den Anteil der Hausbesuche, die mit abfälligen Bemerkungen oder zugeschlagenen Türen enden, sogar nur auf zehn bis 15 Prozent. „Der freundliche Ton ist entscheidend. Und viele Leute freuen sich sogar darüber, dass sie Besuch von einer Partei bekommen“, weiß Berendes. Er muss es wissen. Schließlich ist er schon seit 40 Jahren Sozialdemokrat und seit 25 Jahren Haustürwahlkämpfer, zuletzt beim Bürgerentscheid zum Erhalt der Hauptschule an der Bruchstraße.

„Die meisten Menschen wissen es zu schätzen, wenn man sich die Mühe macht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen“, erzählt sein junger Parteifreund, der vor vier Jahren in die SPD eintrat und seitdem zu den aktivsten Wahlkämpfern gehört. Er engagiert sich auch deshalb gerne und oft, weil seine Familie aus der ehemaligen Sowjetunion nach Mülheim kam und noch Zeiten miterlebt hat, in denen es keine Wahl- und Meinungsfreiheit gab. „Manchmal muss man auch ein dickes Fell haben“, räumt er ein.

Auch wenn die SPD ihren Haustürwahlkämpfern ein Kommunikationstraining und Argumentationskarten an die Hand gibt, informiert sich der stellvertretende Juso-Vorsitzende Bakum vorzugsweise aus der NRZ, aus dem Internet und aus dem Fernsehen über das aktuelle politische Geschehen. „Denn ich möchte in den Gesprächen spontan und authentisch rüberkommen, weil wir nicht als Experten, sondern als Bürger auf Augenhöhe mit den Leuten sprechen“, beschreibt er seine Strategie beim Hausbesuch.

Der selbst Hausbesucherfahrene SPD-Geschäftsführer Klare gibt seinen 40 bis 50 ehrenamtlichen Haustürwahlkämpfern vor allem eine Faustregel mit auf den Weg: „Lächeln, freundlich sein und nicht ungefragt Haustürschwellen überschreiten.“

Auch bei der CDU plant man für den kommenden Bundestagswahlkampf mehrere 100 Hausbesuche und kann dabei auf 40 bis 50 ehrenamtliche Wahlkämpfer zurückgreifen, die meistens, wie bei der SPD, im Tandem auftreten. „Guck mal, Mama! Da ist die Frau vom Wahlplakat“, erinnert sich die Geschäftsführerin und jetzige MdB-Kandidatin Astrid Timmermann-Fechter an einen Hausbesuch. Auch sie hat nach eigenen Angaben „zum größten Teil nur positive Erfahrungen“ beim Hausbesuch oder beim Gespräch am Infostand gemacht. In beiden Gesprächsformen sieht sie vor allem eines verwirklicht, nämlich: „den Anspruch der Bürger ihre Kandidaten auch persönlich kennen zu lernen.“

Während ihr SPD-Kollege Klare einräumt, dass verstärkte Hausbesuche auch „einen finanziellen Nebenaspekt haben“, glaubt Timmermann-Fechter nicht an die Gleichung: Mehr Hausbesuche = weniger Plakate und Faltblätter = weniger Wahlkampfkosten.

Dieser Text erschien am 12. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG