Dienstag, 26. Februar 2013

Wie Siebtklässler bei einem Schnuppertag die Berufswelt entdecken

In ihren Blaumännern und Arbeitsschuhen, die sie von der Firma Mewa geschenkt bekommen haben, sehen die Siebtklässler der Max-Kölges-Schule schon sehr erwachsen aus. Erst wenn man näher kommt und in ihre jungen Gesichter schaut, merkt man: Hier arbeiten keine Auszubildenden, sondern 13 und 14 Jahre alte Schüler an der Standbohrmaschine oder mit dem Lötkolben.


An ihrem ersten Schnuppertag, dem noch fünf weitere folgen werden (siehe Kasten), lernen sie die Metall,- Elektro- und Holzwerkstätten im Berufskolleg Stadtmitte an der Kluse kennen. Obwohl ihr Techniklehrer Torsten Neumann auch mitgekommen ist, werden die insgesamt 38 Mädchen und Jungen von der Max-Kölges-Schule von Werksmeistern des Berufskollegs betreut. Gearbeitet wird jeweils in Sechsergruppen.

„Das ist für mich eine neue Erfahrung, die mich positiv überrascht hat. Ich hätte mir das schwieriger vorgestellt. Aber die Schülerinnen sind mit Bereitschaft und Interesse dabei“, berichtet Metall-Werksmeister Thomas Lebbing. An diesem ersten Schnuppertag arbeiten an seiner Standbohrmaschine übrigens ausschließlich Mädchen. Sie bohren Löcher in eine Messingplatte, in die sie später ihren Namen gravieren werden. Das Arbeitsziel des ersten Schnuppertages ist ein Türschild, das sie mit nach Hause nehmen können.

„Die Löcher da reinzumachen ist gar nicht so leicht, aber spannend. Das könnte mich interessieren“, sagt Lela Eroglu. Auch ihre Mitschülerinnen Iman Abbas und Dilan Inam sind davon begeistert, wie Werksmeister Lebbing an den professionellen Umgang mit der Standbohrmaschine heranführt und sie immer wieder probieren lässt, bis sich ihr erstes Werksstück sehen lassen kann.

„Wichtig ist, dass die Schülerinnen die Angstbarriere gegenüber der Maschine, die ja auch einigen Krach macht, verlieren und bei uns frühzeitig eine Vorstellung davon bekommen, was sich hinter Berufsbildern, wie zum Beispiel der Zerspanungs- und Industriemechanik verbirgt, damit sie den für sich richtigen Weg einschlagen“, meint Lebbing.

Sein Meister-Kollege Clemens Vatter aus der Elektrowerkstatt des Berufskollegs hat es an diesem ersten Schnuppertag ausschließlich mit Jungs zu tun. „Sie sind doch lebhafter als ich dachte. Wenn man ihnen etwas erklären muss, ist es schwierig. Aber sobald sie selbst handwerklich arbeiten, sind sie sehr ruhig und konzentriert dabei“, schildert er seinen ersten Eindruck von den Werksschülern.

Die bauen einen kleinen Ampelmann mit Leuchtdioden, Widerständen und einem Schaltkreis mit Batterie und Schalter. „Das Löten ist das Schwierigste. Dafür braucht man viel Fingerspitzengefühl“, meint nicht nur der 14-jährige Artur Musenov, den der Elektromeister „als besonders pfiffig“ beschreibt. „Das ist gar nicht so leicht. Denn man muss den Lötkolben und die Kontakte gleichzeitig sehr ruhig halten, damit man sich nicht die Finger verbrennt“, räumt Meister Vatter ein.

Auch Techniklehrer Torsten Neumann ist nicht nur von der modernen Maschinentechnik des Berufskollegs, sondern auch von der Disziplin seiner Schüler positiv überrascht. „Sie verlassen den geschützten Raum der Schule, müssen Arbeitskleidung anziehen, sich auf neue Leute einstellen und sich an bestimmte Sicherheitsregeln halten. Diese besondere Situation ist schon viel näher an der Berufswirklichkeit dran, als wir das bei uns an der Schule nachstellen können, und das motiviert die Schüler“, glaubt Neumann. Der 14-jährige Artur, der jetzt schon weiß, dass er Elektriker werden will, gibt ihm Recht, wenn er sagt: „Diese Erfahrung hilft mir, gut zu arbeiten. Denn in der Schule lerne ich vor allem Deutsch und Englisch. Aber hier kann ich etwas lernen, was ich ganz konkret für meinen späteren Beruf brauche.“

Die Rektorin der Max-Kölges-Schule, Gabriele Klar, und die stellvertretende Leiterin des Berufskollegs, Claudia Weymann, wissen, dass längst nicht alle Schüler wissen, was sie werden wollen. „Die Schüler sind jetzt noch jung genug, um sich einfach auszuprobieren und festzustellen: Das ist etwas für mich oder das ist nichts für mich, um dann vielleicht weiterzumachen oder noch mal umzuschwenken“, beschreibt Klar das Ziel der Zusammenarbeit zwischen Handwerkerschule und Berufskolleg. Und ihre Kollegin Weymann glaubt, „dass wir den Jugendlichen so unnötige Warteschleifen ersparen können, denn es gibt ja kein schlimmeres Misserfolgserlebnis, als wenn man eine Ausbildung, für die man nicht geeignet ist, abbrechen muss und so Lebenszeit verschwendet.“

Dieser Text erschien am 25. Februar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Samstag, 23. Februar 2013

Wie die Caritas psychisch kranke Menschen gut durch den Tag bringt

„Früher habe ich als Sekretärin gearbeitet. Da habe ich Papier von einer Seite auf die andere gelegt oder abgeheftet. Und irgendwann ist alles im Papierkorb gelandet“, erinnert sich Cornelia Peters an ihr erstes Berufsleben. „Heute mache ich etwas sinnvolles, weil ich psychisch kranken Menschen helfen kann, möglichst viele ihrer Fähigkeiten und damit auch möglichst viel Lebensqualität zu behalten“, beschreibt sie ihr zweites Berufsleben als Beschäftigungstherapeutin in der Caritas-Tagesstätte für psychisch erkrankte Menschen.


Als sie ihre Arbeit begann war die Tagesstätte, die sich heute im ersten Stockwerk des katholischen Stadthauses an der Althofstraße befindet, gerade ein Jahr alt.

Damals arbeitete ihr Kollege Winfried Pasch bereits in der Kontakt- und Beratungsstelle für psychisch erkrankte Menschen, die die Caritas bis heute im Erdgeschoss des Hauses betreibt. „Es geht hier nicht nur um Bespaßung, sondern darum, dass sich psychisch kranke Menschen durch die tägliche Begegnung mit anderen Menschen wieder selbst spüren und Wertschätzung erfahren und damit einen eigenen Antrieb entwickeln, der sie morgens aufstehen lässt“, erklärt der Sozialpädagoge den Mehrwert der Tagesstätte.

Deshalb freuen sich Pasch und Peters, die in der Tagesstätte von zwei weiteren Beschäftigungstherapeutinnen unterstützt werden, auch über die Musikinstrumente, die sie gestern von der Bürgerstiftung geschenkt bekommen haben.

„Sie können vielleicht einen weiteren Anstoß dazu geben, dass sich die psychisch kranken Menschen, die den Weg zu uns finden, lernen sich auszudrücken und ihren eigenen Rhythmus zu finden“, glaubt Pasch. Kreativ geht es in der Tagesstätte aber nicht erst seit der Instrumentenspende zu. Da wird je nach Temperament und Neigung gestrickt, gespielt und genäht, gekocht und gebacken oder gemalt und gewerkelt. Auch gemeinsame Ausflüge und Freizeitaktivitäten von einer Fahrt mit der Weißen Flotte bis zum Kinobesuch stehen regelmäßig auf dem Programm.

Neben einem Wohnzimmer und der Küche gehören auch ein Ruheraum für individuelle Auszeiten sowie ein Werk- und ein Nähzimmer zur Tagesstätte. Der Landschaftsverband Rheinland finanziert die Einrichtung als ein ergänzendes Angebot zur Kontakt- und Beratungsstelle für psychisch erkrankte Menschen, in der Ratsuchende und Betroffene kommen und gehen.

Der Besuch der Tagesstätte soll psychisch kranke Menschen zu einer kontinuierlichen und verbindlichen Tagesstruktur verpflichten und so langfristig teure Klinikaufenthalte vermeiden. Voraussetzung für den Besuch der Tagesstätte ist ein ärztliches Gutachten, das eine psychische Erkrankung und eine daraus resultierende Erwerbsunfähigkeit bescheinigt. Die Tagesbetreuung beginnt in der Regel um acht Uhr und endet um 15.30 Uhr

„Das ist auch besonders wichtig, weil viele Betroffene alleine leben und bei uns oft so etwas, wie eine Ersatzfamilie finden“, weiß Cornelia Peters. Deshalb wird freitags auch immer wieder darüber gesprochen, wie die Besucher der Tagesstätte ihr Wochenende selbstständig gestalten können, „weil das für viele ein echtes Problem ist.“

Auch wenn Peters ihre Arbeit oft als die einer „Ersatzmutter“ sieht, die ermutigt, lobt und Selbstbewusstsein einflößt, hat sie im Laufe der Jahre lernen müssen, dass man bei aller nötigen Nähe und einem unverzichtbaren Einfühlungsvermögen als Therapeutin eine professionelle Distanz braucht. Das spürt sie vor allem dann, wenn sie mit den zum Teil schwierigen Lebensgeschichten psychisch kranker Menschen konfrontiert wird, in denen oft Schicksalschläge, Krankheit, familiäre Probleme oder Gewalt- und Misshandlungserfahrungen eine Rolle spielen.

Der Blick einer Betroffenen:

Monika (64) leidet seit vielen Jahren unter Depressionen und ist deshalb erwerbsunfähig. Als Stammgast in der Tagesstätte für psychisch erkrankte Menschen beschreibt sie ihre Erfahrungen so:


„Hier habe ich eine Tagesstruktur und erlebe die Gemeinschaft, die ich zu Hause nicht hätte. Wenn ich ganz allein wäre, würde ich zu Hause vielleicht nur vor dem Fernseher sitzen. Toll finde ich auch, dass wir hier alles frisch einkaufen und gemeinsam kochen. Besonders wichtig ist mir auch, dass ich durch den Besuch der Tagesstätte mich nicht nur selbst wahrnehme, sondern auch von anderen wahrgenommen werde und im Notfall auch Hilfe von einer therapeutischen Fachkraft bekomme. So kann ich auch selbst meine eigene gesundheitliche Situation viel besser einschätzen.“ Kontakt und weitere Infos unter  der Rufnummer 3085341   Dieser Text erschien am 22. Februar 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Mittwoch, 20. Februar 2013

Nachgefragt: Wie kann man das Ehrenamt stärken?

Jeder Dritte engagiert sich inzwischen ehrenamtlich. Damit wird das Gemeinwesen sozial gestärkt und finanziell entlastet. Kein Wunder, dass der Bund mit einem Gesetz, das am 1. März auf der Tagesordnung des Bundesrates steht (siehe Kasten) das Ehrenamt stärken und von bürokratischem Ballast entlasten will. „Menschen engagieren sich ehrenamtlich, weil sie ihren Einsatz als sinnvoll erleben und nicht, weil sie dafür eine Entschädigung bekommen wollen. Dennoch ist der Gesetzentwurf ein Schritt in die richtige Richtung, weil wir eine Anerkennungskultur und ein gesellschaftliches Bewusstsein für den Stellenwert des Ehrenamtes brauchen“, glaubt der Geschäftsführer des Centrums für bürgerschaftliches Engagement (CBE), Michael Schüring. Seine Kollegen und er begleiten und beraten täglich Menschen, die sich freiwillig und unentgeltlich für die Stadtgesellschaft engagieren. Eine Ehrenamts- und Freiwilligenkarte sind für Schüring Ausdruck einer solchen Anerkennung. Damit gewähren Unternehmen, Kultur- und Sporteinrichtungen ehrenamtlich engagierten Bürgern Boni. Weiter zählt Schüring den in NRW eingeführte Rahmenversicherungsschutz für Freiwillige auf oder auch den bei Bewerbungen hilfreichen Landesehrenamtsnachweis.


Mit der Geschichtsstudentin Janine Ziesmann (27) und dem ausgebildeten Fluggerätemechaniker Fabian Doneth (21), engagieren sich seit einigen Jahren als Truppführerin und als Helfer beim Technischen Hilfswerk. Zusammen mit 85 ehrenamtlichen Kollegen bauen sie Absperrungen für den Rosenmontagszug oder den NRW-Tag auf, pumpen vollgelaufene Keller leer, bergen verschüttete Menschen oder beseitigen Sturmschäden. Mit ihnen sprach die NRZ darüber, wie man das Ehrenamt stärken kann.   Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich beim THW?

Ziesmann: Ich interessiere mich für Technik und wollte mich sozial engagieren. Beides kann man hier sehr gut miteinander verbinden. Was mir besonders gut gefällt, ist unsere Teamarbeit, bei der sich jeder auf den anderen verlassen kann.

Doneth: Weil ich einen technischen Beruf erlernt habe und sozial aktiv sein wollte, fühle ich mich beim THW gut aufgehoben. Mir gefällt besonders gut, dass wir hier mit ganz unterschiedlichen Motoren und Gerätschaften arbeiten.

Wird Ihre ehrenamtliche Arbeit immer geschätzt?

Doneth: Wenn man, wie ich am Rosenmontag an den Zugabsperrungen steht, kann das auch mal stressig werden. Manche Autofahrer werden da verbal ausfällig und verstehen nicht, warum am Rosenmontag die Innenstadt gesperrt ist. Ich habe aber auch ein kleines Kind getroffen, das mich gefragt hat, ob ich etwas von seinen Süßigkeiten mithaben möchte.

Ziesmann: Wenn wir gerade einen Keller auspumpen oder bei Hochwasser Sandsäcke aufschichten, sind die davon betroffenen Leute natürlich schon sehr dankbar. Da bekommen wir nicht nur ein Danke, sondern auch schon mal eine Tasse Kaffee. Das macht Spaß und gibt ein gutes Gefühl. Manchmal gibt es aber auch Probleme mit Arbeitgebern, wenn Helfer an einer Schulung oder Übung teilnehmen wollen. Arbeitgeber bekommen zwar die Lohnkosten und Sozialabgaben erstattet, die durch den Arbeitsausfall entstehen, tun sich aber schwer, zu bestimmten Zeiten auf eine Fachkraft zu verzichten.

Frustriert es Sie, wenn Menschen den Wert Ihrer ehrenamtlichen Arbeit nicht zu würdigen wissen?

Doneth: Ja, natürlich. Wir machen das doch nicht umsonst, sondern für unser Gemeinwesen. Aber auch die Wertschätzung durch die Politik ist nicht immer gegeben. Beim NRW-Tag wurden die eingeladenen Politiker umsonst verpflegt, während die vielen Helfer selbst für ihre Verpflegung sorgen mussten. Das hat bei unserer THW-Ortsgruppe gut funktioniert, da wir unsere Fahrtkostenerstattung zusammengelegt haben, um dort gemeinsam essen und trinken zu können.

Sehen Sie sich durch die aktuelle Gesetzesinitiative des Bundes in Ihrem Ehrenamt gestärkt?

Ziesmann: Es wäre aus meiner Sicht viel interessanter, wenn wir insgesamt finanziell besser unterstützt würden, um uns technisch besser ausrüsten und durch mehr Übungen besser trainieren und weiterbilden zu können. Ich habe Zweifel, ob von dem geplanten Ehrenamtsstärkungsgesetz bei jedem einzelnen Helfer wirklich so viel ankommen wird.

Doneth: Auch mir wäre es lieber, wenn man mehr Geld in unseren Etat und in unser Material stecken würde. Wir machen das ja nicht, weil wir finanzielle Erleichterungen haben wollen, sondern weil wir unsere Arbeit sinnvoll finden und gut machen wollen.

Warum braucht unsere Gesellschaft das Ehrenamt und Menschen, wie Sie, die mehrere 100 Stunden pro Jahr in ihre unentgeltlich Arbeit beim THW investieren

Doneth: Wir lernen hier gemeinsam Probleme zu lösen und das nicht immer nur auf einem fest vorgegeben Weg. Das geht in unserer heutigen Gesellschaft, in der sich jeder Einzelne immer mehr spezialisiert und seinen eigenen Weg geht, immer mehr verloren. Mich erschreckt es, wenn ich lese, dass Menschen auf der Straße zusammengebrochen sind und niemand geholfen hat. Das würde hier bei uns nie passieren. Da würde von uns jeder sofort hingehen und helfen. Wir vertreten hier soziale Werte, die es in unserer Gesellschaft immer weniger gibt. Viele Menschen verkennen, dass man durch ehrenamtliches Engagement sozial reift.
Jede Frau und jeder Mann sollte mindestens einmal in seinem Leben ein freiwilliges soziales Jahr in einem Bereich seiner Wahl machen, um der Gesellschaft, die ihm eine Ausbildung bietet, auch etwas zurückzugeben.

Der Gesetzentwurf sieht vor:
Der im Herbst 2012 vom Bundeskabinett verabschiedete Gesetzentwurf, der den Bundestag passiert hat und derzeit zur Beratung dem Bundesrat vorliegt, sieht unter anderem vor:


Wer sich ehrenamtlich als Übungsleiter in Vereinen engagiert, soll 2400 Euro, 300 Euro Euro mehr als bisher als Jahresauschale steuer- und sozialabgabenfrei bekommen können.

Für alle anderen ehrenamtlich engagierten Helfer soll die steuer- und sozialabgabenfreie Ehrenamtspauschale von 500 auf 720 Euro pro Jahr angehoben werden. Damit entfiele auch der Einzelnachweis für Aufwendungen, die mit ihrem Ehrenamt verbunden sind.

Vereine, Stiftungen und gemeinnützige Organsiationen sollen künftig flexibler über ihre Mittel verfügen und leichter Rücklagen bilden können.

Ehrenamtlich tätige Menschen sollen nur noch dann zivilrechtlich für Schäden haften müssen, wenn ihnen Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen werden kann oder wenn sie für ihre Tätigkeit mehr als 720 Euro pro Jahr erhalten.   Dieser Beitrag erschien am 15. Februar 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Dienstag, 19. Februar 2013

Nachgefragt: Wie stellt sich das Problem des jugendlichen "Komasaufens" in Mülheim dar?

„Alkoholexzesse bei Jugendlichen nehmen zu“ titelte die NRZ gestern auf ihrer überregionalen Seite 1. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes mussten 2011 bundesweit 26?349 Jugendliche in Folge sogenannten Komasaufens in einer Klinik behandelt werden, 354 mehr als im Jahr davor, aber 79 weniger als 2009.


Für die rund 1000 Karnevalisten, die im Rosenmontagszug mitgehen und mitfahren, gilt übrigens seit elf Jahren ein striktes Alkoholverbot. Bei der Feuerwehr bestätigt man aber ein um etwa ein Drittel erhöhtes Einsatzaufkommen am Rosenmontag, führt jedoch keine Statistik darüber, wie viele Einsätze auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen sind. Polizei und Ordnungsamt haben am Rosenmontag einen besonders aufmerksamen Blick auf alkoholisierte Jecken, vor allem, wenn sie noch sehr jung sind. Ist das sogenannte Komasaufen an den Karnevalstagen in Mülheim ein Problem und wie kann man helfen?

Nicht nur an den tollen Tagen treiben es manche zu toll, mit dem Alkohol. Gerade Jugendliche unterschätzen oft die Wirkung des Alkohols und dann kann aus Spaß ganz schnell bitterer Ernst werden. Das statistische Bundesamt weist einen erhöhten Behandlungsbedarf alkoholisierter Jugendlicher aus. Wie stellt sich die Situation in Mülheim dar und wie kann man stark alkoholisierten Jugendlichen helfen? Darüber sprach ich für die NRZ vor dem Beginn des Straßenkarnevals mit Ernst-Georg Holstein, der seit 2004 die Zentralambulanz des Evangelischen Krankenhauses leitet.


Werden bei Ihnen an den Tollen Tagen viele alkoholisierte Patienten eingeliefert?

Eigentlich nicht. Da muss man wohl in andere Städte gehen. Mülheim ist diesem Punkt eher ein laues Pflaster. Obwohl wir einige Räume am Rosenmontag mit Matratzen auslegen, um auf einen möglichen Ansturm vorbereitet zu sein. Doch am Rosenmontag 2012 hatten wir bei uns zwei „Alkoholleichen“, wobei das Wort vielleicht etwas übertrieben ist. An manchen Abiturfeiertagen hatten wir es dagegen auch schon mal mit fünf oder sechs „Alkoholleichen“ zu tun. In der gesamten Zeit, in der ich hier tätig war, hatten wir nur einen Fall, in dem ein stark alkoholisierter Patient auf der Intensivstation beobachtet werden musste. Dieser Fall hatte aber mit Karneval gar nichts zu tun. Insgesamt haben ich den Eindruck, dass wir an den Karnevalstagen nicht mit mehr Patienten zu tun haben, die mit einem akuten Alkoholproblem eingeliefert werden.

Ist das Problem Komasaufen bei uns also rückläufig?

In der Zeit, die ich überblicken kann, ist die Zahl der alkoholisierten Patienten gleichgeblieben und im letzten Jahr eher zurückgegangen, obwohl ich nicht sagen kann, ob dieser Trend anhält.

Was kann man tun, wenn man zum Beispiel beim Rosenmontagszug auf stark alkoholisierte Menschen trifft?

Wenn Leute sich schon ins Koma getrunken haben und bewusstlos sind, sollte man auf keinen Fall weggucken, sondern sofort Polizei oder Rettungsdienste informieren, die ja auch an der Zugstrecke stationiert sind und die Betroffenen ins Krankenhaus bringen können. Auch wenn man alkoholisierte Jugendliche sieht, sollte man im Zweifel sofort die die Einsatzkräfte von Polizei und Ordnungsamt darauf hinweisen.

Wie kann man Erste Hilfe leisten?

Es ist wichtig, die Betroffenen möglichst schnell in eine stabile Seitenlage zu bringen, so dass der Oberkörper leicht nach vorne gebeut ist und Erbrochenes sofort abfließen kann. Mehr kann man als normaler Mensch vor Ort nicht machen.

Wie werden stark alkoholisierte Patienten bei Ihnen in der Zentralambulanz versorgt?

Sie werden in eine stabile Seitenlage gebracht und bekommen eine Infusion in Form einer Zuckerlösung, weil beim Alkoholabbau Zucker verbraucht wird. Und dann werden die Patienten für ein paar Stunden überwacht. Bei Jugendlichen informieren wir nach Möglichkeit auch die Eltern. Das hat manchmal auch einen wohltuenden erzieherischen Effekt, wenn Eltern für ein paar Stunden neben ihrem alkoholisierten Zögling ausharren und so bei seiner Überwachung mithelfen müssen.

Hintergrund: 34 Prozent aller Straftaten werden nach Angaben von Petra Dahles unter Alkoholeinfluss verübt. Das betrifft vor allem den Bereich der Körperverletzungen. Die im Bereich Vorbeugung tätige Kriminalhauptkommissarin ist in der Karnevalszeit verstärkt an Schulen unterwegs, um mit Jugendlichen und Eltern den Risikofaktor Alkohol zu thematisieren. Bei ihren Einsätzen am Rosenmontag hat sie festgestellt, dass die Zahl der alkoholisierten Jugendlichen, die von Polizei und Ordnungsamt aufgegriffen worden sind und ihren Alkohol vor Ort ausschütten mussten, in den letzten sieben Jahren von 30 auf fünf zurückgegangenen ist. Bei der Feuerwehr bestätigt man ein erhöhtes Einsatzaufkommen am Rosenmontag, führt aber keine Statistik darüber, wie viele Einsätze auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen sind.
Dieser Text erschien am 7. Februar 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 18. Februar 2013

Närrische Nachlese: Hoch auf dem Gesellschaftswagen der KG Blau Weiß

Der Rosenmontagszug beginnt für die Wagenbesatzung der KG Blau Weiß mit einem zünftigen Frühstück, zu dem der Musikzug der Gesellschaft in den Altenhof lädt. Auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ist als Rittersfrau mit von der närrischen Partie. Wer bei zwei Grad Außentemperatur Kamelle unter die Jecken bringen will, muss sich erst mal aufwärmen und stärken.


Der von Udo Bohnenkamp und Dieter Kolkmann in einigen 100?Arbeitsstunden gebaute Gesellschaftswagen der Blau Weißen sieht wie ein Schiff aus und schwankt auch entsprechend, so bald der Trecker, der ihn zieht, anfährt. Da ist es gar nicht so einfach zwischen den vielen Kartons, in denen nicht nur Kamelle auf ihren Rauswurf warten, beim Aufreißen und Werfen im Gleichgewicht zu bleiben.

Da kann es nicht schaden, sich schon mal mit Musik auf den Rhythmus, bei dem man mit muss, einzustellen und so in den richtigen Schwung zu bringen. „Wer soll das bezahlen? Wer hat das bestellt? Wer hat so viel Geld?“ klingt ein alter Karnevalsschlager aus den vier Boxen eines Autoradios, das die Wagenbauer installiert haben.

Geld ist das richtige Stichwort. Blau-Weiß-Präsident Thomas Straßmann und Ex-Prinz Hans A. Wunder von der Broicher Interessengemeinschaft BIG schätzen, dass die Karnevalsgesellschaft und die Werbegemeinschaft jeweils über 1000 Euro in das Wurfgut investiert haben, das nun in etwa zwei Stunden unter die kleinen und großen Jecken gebracht wird.

Die Auswahl ist groß und die Kartons, die den Werfern zunächst nur wenig Standfläche lassen, prall gefüllt. Doch das ändert sich minütlich. Nicht nur Kamelle und Bälle, sondern auch Stofftiere, Kugelschreiber, T-Shirts, Frisbeescheiben, Traubenzucker, Gummibärchen und kleine Chipstüten werden geworfen, was das Zeug hält.

„Wir müssen heute schon hochwertigere Sachen werfen. Kamelle allein reichen nicht mehr. Sonst bekommen wir von den Leuten eine schlechte Resonanz“, berichtet Straßmann. Tatsächlich hört man bei Karnevalisten immer wieder von Kamellen, die zurückgeworfen werden. An diesem Rosenmontag fliegt aber nur die Banane eines übermütigen Jecken über die Bordwand des blau-weißen Narrenschiffes.

Doch die positive Resonanz ist die Regel. Man sieht es, wenn man in die lachenden Gesichter der insgesamt elf blau-weißen Rosenmontagsfahrer blickt. „Das ist einfach ein tolles Gefühl, wenn man beim Werfen in die erwartungsvollen Kinderaugen schauen kann“, findet nicht nur der CDU-Bezirksvertreter und blau-weiße Ehrensenator Roland Chrobok. Die Antwort auf die Frage, was man als Kommunalpolitiker im Karneval lernen kann, fällt ihm im tausendfachen Helau der Rosenmontagszugfahrt nicht schwer: „Sich einfach nicht immer so ernst zu nehmen,“ lautet seine närrische Lektion.

Sehr ernst nehmen allerdings gerade die kleinen Jecken am Straßenrand das Auffangen von Kamelle, Chips und Co. Manche sieht man gleich mehrfach an verschiedenen Stellen des Zuges wieder. Dabei macht es der oft recht scharfe Gegenwind manchmal äußert schwer, mit seinem Wurf das anvisierte Ziel zu erreichen und jene kleinen oder großen Jecken glücklich zu machen. Am besten lassen sich noch die großen Bälle werfen.

Gott sei Dank haben die Blau Weißen reichlich eingepackt, so dass auch noch gegen Ende des Zuges an der Ruhrstraße nach Herzenslust geworfen werden kann. Ehe die gelehrten Kartons auf der Schloßbrücke vom Narrenschiff in die riesigen Müllcontainer der MEG fliegen.

Dieser Beitrag erschien am 12. Februar 2012 in NRZ & WAZ

Sonntag, 10. Februar 2013

Nicht nur die Karnevalisten trauern um Heinz Schmidt, der an an Weiberfastnacht plötzlich und unerwartet bei einem Auftritt in Saarn gestorben ist

Wie eng Freund und Leid auch in der fünften Jahreszeit beieinander liegen, mussten die Karnevalisten Weiberfastnacht in Saarn erleben. Denn dort starb der Vizepräsident der KG Mülheimer Stadtwache bei einem Auftritt auf dem Pastor-Luhr-Platz plötzlich und unerwartet an den Folgen eines Herz-Kreislauf-Versagens.

Nicht nur die Karnevalisten trauern um den Stadtprinzen der Session 2005/2006, der von 1999 bis 2007 an der Spitze der KG Knattsch Gek stand und der Gesellschaft bis zuletzt als Ehrensenator verbunden war.

Schmidt, Vater von zwei erwachsenen Söhnen und dreifacher Großvater, hinterlässt seine Ehefrau Hilde. Mit ihr hat er fast 43 Jahre lang den Seniorentreff des Deutschen Roten Kreuzes an der Prinzeß-Luise-Straße geleitet, wohlgemerkt ehrenamtlich. Die Menschen, denen er dort viele schöne Stunden bereitet hat, für die er immer ein offenes Ohr hatte und denen er gerne mit Rat und Tat zur Seite stand, werden ihn schmerzlichst vermissen.

Wenn man sich mit Menschen unterhält, die ihn gut kannten, hört man immer wieder die Worte Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Fröhlichkeit. „Heinz Schmidt war einfach ein toller Mensch, den man im Notfall auch schon mal nachts um drei Uhr anrufen konnte, wenn man Hilfe brauchte“, erinnert sich die Vorsitzende der KG-Knattsch Gek, Annette Stachelhaus, die als Stadtprinzessin in der Session 2005/2006 an Schmidts Seite stand. Schmidt, der zunächst das Handwerk des Fliesenlegers erlernte, engagierte sich ab 1962 als Sanitäter beim Deutschen Roten Kreuz. Später machte er seine Leidenschaft fürs Helfen auch zum Beruf. Bis zur Pensionierung war er als Mitarbeiter im werksärztlichen Dienst der Mannesmann-Röhrenwerke tätig. Für sein soziales und ehrenamtliches Engagement wurde er 2007 mit dem Stadtwächterorden ausgezeichnet.

Dieser Text erschien in nachrichtlich ausführlicher Form am 8. Februar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Samstag, 9. Februar 2013

So gesehen: Närrische Machtträume

Derzeit begegnen wir auch in unserer Stadt verkleideten Menschen. Es ist Karneval. Da darf jeder für ein paar tolle Tage sein, was er schon immer sein wollte. Teufelsweib und Supermann, Gangster, Polizist, Kapitän oder Feuerwehrmann. Doch wovon hat Baudezernent Peter Vermeulen geträumt, als er sich Weiberfastnacht als römischer Imperator verkleidete?


Na klar. So ein Imperator konnte seinerzeit natürlich nach Herzenslust bauen und planen. Er brauchte sich nicht mit Stadträten und Bürgerinitiativen herumschlagen oder nach Material- und Personalkosten fragen. Wofür hatte man Kolonien und Sklaven? Und wenn es mal bei der Verkehrsführung klemmte - mit Ampelschaltungen hatten Imperatoren ohnehin nichts am Hut - wurden einfach neue Straßen angelegt und was im Weg stand abgerissen.

Das war für die Untertanen, die sich heute Bürger nennen, und schon damals die Rechnungen der Mächtigen begleichen mussten, nicht immer lustig. Und auch Imperatoren lebten oft gefährlich, weil sie im Ernstfall nicht abgewählt, sondern gemeuchelt wurden. Aber wer will im Karneval schon an solch ernste Details denken, die den Spaß verderben, zumal am Aschermittwoch ohnehin alles vorbei ist. Dabei würde sich nicht nur mancher Dezernent auch nach Aschermittwoch, wenn man sich wieder mit Anzug und Krawatte verkleidet, zumindest manchmal die Macht eines Imperators wünschen, um die Baustellen der Kommunalpolitik etwas schneller abzuarbeiten.  

Dieser Text erschien am 9. Februar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Wie die Mölmschen Möhnen, Jecken und Tollitäten auf dem Synagogenplatz die Stadtschlüssel eroberten

Wenn das kein gutes Vorzeichen für den Rosenmontag ist. Kaum hatten Prinzessin Susann und Prinz Dirk die Stadtschlüssel erobert, schien auf dem Synagogenplatz die Sonne. „Wir haben eben beste Beziehungen zu Petrus und zum lieben Gott“, kommentierte Obermöhne Elli Schott das Naturwunder, das den Narren gerade recht kam.


Denn als die Möhnen mit Schützenhilfe der Oberhausener Karnevalsgesellschaft Wagaschei um 11.11 Uhr via Konfettikanone den Startschuss zum Sturm auf die mölmsche Stadtspitze und die Stadtschlüssel gaben, lachte der Himmel noch nicht. Der Synagogenplatz füllte sich erst langsam mit närrischen Nachzüglerinnen. Und der beschlipste Mann hatte es gar nicht so leicht, eine Möhne mit funktionstüchtiger Schere zu finden.

Doch noch viel schwerer hatte es an Weiberfastnacht die erste Frau der Stadt. Denn Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld hatte in ihrem Kampf um die Stadtschlüssel keine echte Chance. Beim Intonieren von Karnevalsschlagern mit Flöte, Trompete und Trommel, hatte das im Musikzug der KG Düse trompetende Stadtprinzenpaar vom Auftakt bis zum Schlussakkord die besseren Karten. Daran änderte auch der Umstand nichts mehr, dass die OB an der Trommel Rhythmusgefühl bewies und eine gute Figur machte. „Wenn beim Musikzug der KG Düse mal ein Trommler ausfällt, rufen die Sie bestimmt an“, vermutete denn auch Elli Schott. Doch alles Trommeln und auch Schotts Anfeuerung für die OB: „Mit Flöten und Pfeifen kennen Sie sich ja aus“ halfen nichts.

Bürgermeisterin Renate aus der Beek, Amtskollege Markus Püll, Stadtdirektor Frank Steinfort und der als römischer Imperator verkleidete Baudezernent Peter Vermeulen hoben zwar die Hand, als die Obermöhne fragte: „Wer ist der Meinung, dass die Oberbürgermeisterin schöner gespielt hat als die Tollitäten?“ Doch sie blieben eine kleine Minderheit und wurden von den Kindertollitäten und den Möhnen rigoros überstimmt. Und nach dem Machtverlust wurden die politischen Regenten von Möhnen und Tollitäten denn auch gleich dazu verdonnert, sich für die tollen Tage einen Nebenjob zu suchen, um mit ihren Zusatzverdienst die Stadtkasse zu füllen. Außerdem sollen sie herausfinden, in wie vielen Ländern der Erde Karneval gefeiert wird. „151“, vermutet Bürgermeister Püll, „weil so viele Nationalitäten bei uns in Mülheim leben und deshalb auch hier mit uns Karneval feiern.“ Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld nahm den Machtverlust mit heiterer Gelassenheit und reimte gleich in bester Narrenmanier: „Heiterkeit kehrt ein in die Stadt, wo Politik nichts mehr zu sagen hat. Prinz Karneval sitzt auf dem Throne. Mülheim ist miesepeterfreie Zone.“

Was sich Närrinnen und Narren für ihre Stadt wünschen?

Ursula Schröder: „Die Tollitäten sollen die Bürger mit Spaß an der Freud zusammenbringen und dafür sorgen, dass wir mit Ruhrbania bald fertig werden und etwas vorzeigen können.“


Renate Bucksteegen: „Die Tollitäten sollten mal die Schloßstraße beleben.“

Christa Gröschel: „Die Tollitäten sollten dafür sorgen, dass in Mülheim nicht so viele Knöllchen geschrieben werden, die vor allem auswärtige Besucher abschrecken.“

Markus Püll: „Die Möhnen sollten dem Baudezernenten helfen, damit wir in der City eine vernünftige Ampelschaltung bekommen.“  

Dieser Text erschien am 8. Februar 2013 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 6. Februar 2013

Ein männlicher Blick auf eine unbeschreiblich weibliche Karnevalsveranstaltung der MüKaGe

250 Frauen unter einem Dach. So etwas gibt es nur in einem Frauenkloster, in einem Mädchenpensionat oder beim Närrischen Hausfrauennachmittag der MüKaGe im Union-Saal an der Neustadtstraße. Gott sei Dank geht es aber bei dieser Veranstaltung, wir sind ja unter Närrinnen, ausgelassener zu, als es in einem Mädchenpensionat oder einem Frauenkloster je denkbar wäre. Wenn einem das spanisch vorkommt, ist das kein Wunder. Denn Sitzungspräsidentin Urde Brand und ihre Kolleginnen vom Elferrat der Müttergarde steuern das närrische Treiben in den Trachten spanischer Senioritas. Auch MüKaGe-Präsident Detlef Klapper hat sich als Brandts Page in einen spanischen Senior verwandelt, der die Garden und Künstler tanzend von oder zur Bühne leitet und ganz nebenbei die jecken Wiewer zu kräftigem Helau und Applaus animiert. Was macht Mann nicht alles für Frauen.


Doch nicht nur Klapper legt sich ins Zeug, damit Frau an diesem Nachmittag ihren Spaß hat. Auch „Lausbub“ Manfred Schaffrath traut sich mit Gitarre, Gesang und Wortwitz alleine auf die Bühne, nach dem sein Lausbubkollege Uwe Hillers krankheitsbedingt kurzfristig ausgefallen ist, um die jecke Weiberschar gut zu unterhalten, etwa mit seinem Spottlied auf die Rente: „Dann haben wir umsonst geklebt.“

Nicht umsonst hat man Ex-Prinzessin Urde Brand zur Präsidentin der Frauensitzung gemacht. Immer wieder überbrückt sie mit kleinen Gags und Schunkelrunden Wartezeiten und Lücken gekonnt überbrückt. Dabei zeigt die Karnevalistin ein Herz für Männer: „Sie haben es wirklich nicht leicht. Bei ihrer Geburt gratulieren alle der Mutter. Bei ihrer Hochzeit bewundern alle die Braut. Und nach ihrem Tod bekommt ihre Witwe die Rente.“

Da lacht Frau und hat auch ihren Spaß daran, wenn Musikparodist Ruud ihr mal die Tina Turner vormacht oder die stattlichen Pfundskerle vom Winkhauser Männerballett Christ König als tanzende Feuerwehrmänner, die am Ende fast alle Hüllen fallen lassen, die Stimmung unter dem närrischen Weibsvolk kräftig anheizen.

„Das ist wirklich eine tolle Stimmung hier“, findet nicht nur Sonnenblumenfrau Roswitha auf der Heiden, die mit 23 Kolleginnen von der Post dafür sorgt, dass die selbige an diesem Nachmittag abgeht.

Dieser Text erschien am 1. Februar 2013 in NRZ und WAZ

Dienstag, 5. Februar 2013

So gesehen: Politiker in die Bütt

Wenn das keine närrische Idee ist. Das Kinderprinzenpaar will die entmachteten Kommunalpolitiker während der Tollen Tage zu einem Nebenjob verpflichten, um die Stadtkasse aufzufüllen. Aber wofür könnte man Politiker einsetzen, ohne dass sie gleich wieder kritisiert werden? Wir wissen ja, welchen Ärger sich zum Beispiel SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück als nebenberuflicher Vortragsredner eingehandelt hat. Aber Reden ist nun mal das, was die meisten Politiker am besten können, auch wenn sich manche ihrer vollmundigen Ankündigungen am Ende als Lachnummer erweisen. Aber genau das könnte die Lösung sein. Vielleicht sollten Unternehmen oder andere närrische Geldgeber unsere Kommunalpolitiker in die Bütt schicken und das entsprechende Rednerhonorar an die Stadtkasse überweisen. Damit würde man auch den Büttenrednermangel im mölmschen Karneval beseitigen und die Politiker hätten auch mal die Lacher der geschröpften Steuerzahler auf ihrer Seite. Und der beste Witzbold gewinnt bestimmt die nächste Wahl.

Dieser Text erschien am 9. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Montag, 4. Februar 2013

Seit 50 Jahren ist die Lebenshilfe in Mülheim eine Lobby für Menschen mit geistiger Behinderung: Mit einem Elternverein fing alles an

Die Lebenshilfe wurde vor 50 Jahren als Elternverein gegründet. Zum ersten Vorsitzenden des Vereins, der damals Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind hieß, wurde Pastor Ewald Luhr gewählt. 1982 bekam der Verein, der heute über 300 Mitglieder hat und mit seinen Angeboten rund 450 Menschen mit geistiger Behinderung betreut, mit Hermann Pförtner seinen ersten hauptamtlichen Mitarbeiter. Heute beschäftigt die von einem ehrenamtlichen Vorstand geführte Lebenshilfe rund 200 hauptamtliche Mitarbeiter. 1986 gründete die Lebenshilfe ihre eigene Sportabteilung und einen Mobilen Sozialen Hilfsdienst, nachdem sie bereits in den 70er Jahren erste Freizeit- und Erholungsmaßnahmen für Menschen mit geistiger Behinderung durchgeführt hatte. 1994 wurde ein ambulanten Pflegedienst mit Alltagsassistenz. und 1997 die Wohnstätte am Springweg eröffnet. Und im Frühjahr 2013 will die Lebenshilfe an der Heinrich-Lembergstraße 23a ein Lebenshilfe-Center einrichten, das ab Mai mit Informationsangeboten, Caféeke und Internetterminal als Begegnungsstätte für Menschen mit und ohne Behinderung dienen soll.

Informationen zur Lebenshilfe findet man im Internet unter: www.lebenshilfe-muelheim.de. Die Geschäftstelle der Lebenshilfe an der Hänflingstraße 23 ist unter der Rufnummer 0208/4099580 erreichbar.

Dieser Text erschien am 2. Februar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Sonntag, 3. Februar 2013

Lebenshilfe als Lebensaufgabe, die Mut macht und trägt. Ulrike Stadelhoff engagiert sich seit 1994 im örtlichen Lebenshilfe-Verein für Menschen mit geistiger Behinderung

Als junge Frau wusste die heute 53-jährige Ulrike Stadelhoff zwar, dass es Menschen mit geistiger Behinderung gibt. Aber sie kannte keine. Ich war ja nicht betroffen, erinnert sie sich. Doch das änderte sich 1986. Damals wurde ihr zweiter Sohn Matthias geboren. Schnell merkten Stadelhoff und ihr Mann, Bernd, dass sich Matthias nicht so entwickelte, wie sein drei Jahre älterer Bruder Stefan. Er konnte weder sprechen noch laufen, als seine Altersgenossen längst ihre ersten Sätze und ihre ersten Schritte hinter sich hatten. Mit fünf Jahren wurde bei Matthias das Angleman-Syndrom diagnostiziert, ein Gen-Defekt, der nicht nur die motorische, sondern auch geistige und sprachliche Entwicklung hemmt.


Am Anfang hofft man noch. Doch dann kommt immer mehr dazu und man muss in die Situation hineinwachsen, schildert Stadelhoff den emotionalen Prozess, der sich über einige Jahre hinzog und dazu führte, dass sie akzeptierte, dass ihr Kind, das sie vom ersten Tag an liebte, nicht so werden würde, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Uns hat damals sehr geholfen, dass wir auch einen nichtbehinderten Sohn hatten, so dass wir uns nicht nur auf die Behinderung von Mattias fokussiert haben. Das hat die Atmosphäre in unserer Familie entspannt, erinnert sich Stadelhoff.

Matthias und sein drei Jahre älterer Matthias wuchsen gemeinsam auf, konnten sich gegen die Eltern verbünden, wenn sie partout noch Fernsehen gucken und nicht ins Bett gehen wollten oder auch schon mal den elterlichen Tadel für unzureichende Tischmanieren über sich ergehen lassen mussten. Durch Stefan lernte Matthias auch nichtbehinderte Kinder kennen, zum Beispiel auf dem Fußballplatz, wenn auch nur als Zuschauer.

Ich habe das Talent, jede Lebenssituation so anzunehmen, wie sie ist und das beste daraus zu machen, sagt Stadelhoff über sich selbst. Mit dieser pragmatischen Lebensart sorgte sie auch 1990 zusammen mit Erwin Agelink, Petra Paffendorf und Hans Martin Schlebusch dafür, dass in der heilpädagogischen Kindertagesstätte am Priesters Hof die erste integrative Kindergartengruppe mit fünf behinderten und sieben nichtbehinderten Kindern eingerichtet werden konnte. Natürlich gab es damals auch Vorbehalte, dass nichtbehinderte Kinder in ihrer Entwicklung gehemmt werden könnten, wenn sie zusammen mit behinderten Kinder betreut würden, erinnert sich Stadelhoff.

Im Jahr 1992 las sie dann in der NRZ den Hinweis auf eine Mitgliederversammlung der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung. Sie ging einfach hin und fragte: Haben Sie eigentlich Freizeitangebote für Kinder? Haben wir nicht, lautete die Antwort. Aber jetzt hatte die Lebenshilfe Ulrike Stadelhoff, die mit Unterstützung des damaligen Geschäftsführers Hermann Pförtner erst einen Elternstammtisch und dann die ersten Freizeitgruppen für Kinder ins Leben rief. Bald kamen auch die ersten Ferienfreizeiten für Kinder mit geistiger Behinderung dazu. Bei den Urlaubsreisen mit der Lebenshilfe, hat Matthias gelernt, sich auch mal alleine durchzuschlagen, sagt seine Mutter in der Rückschau. Matthias fand nicht nur in den Sport- und Freizeitgruppen der Lebenshilfe neue Freunde. Auch Christoph, sein Alltagsassistent von der Lebenshilfe, mit dem er regelmäßig zum Schwimmen, zum Einkaufen oder in die integrative Disco ging, ist ihm bis heute als Freund erhalten geblieben.

Auch Ulrike Stadelhoff und ihre 2009 verstorbener Mann fanden in der Lebenshilfe Freunde mit vergleichbarem Elternschicksal, die einen durch die Jahre immer wieder begleitet und auch gestützt haben.

Doch die Lebenshilfe wurde für sie auch zur nebenberuflichen Lebensaufgabe, nachdem sie ab 1994 im Vorstand mitarbeitete und so unterschiedliche Projekte wie den Pflegedienst oder die Wohnstätte der Lebenshilfe am Springweg mit auf den Weg brachte. Ich bin nicht der Mensch, der nach Feierabend nur spazierengehen oder Kaffeetrinken kann, sagt die kaufmännische Angestellte, die die Lebenshilfe seit 2010 als ehrenamtliche Vorsitzende führt und das auch als ein Stück Lebenssinn begreift.

Mit Blick auf die Lebenshilfe-Angebote in den Bereichen Alltagsassistenz, Wohnen, ambulante Pflege, Freizeit und Sport staunt sie selbst immer wieder darüber, wie vielseitig und breit aufgestellt unser Verein ist. Ihr Sohn Matthias, der inzwischen in einer beschützenden Werkstatt der Theodor-Fliedner-Stiftung arbeitet, kommt im Moment nicht mehr in die Freizeit- und Sportgruppen der Lebenshilfe, wohnt dafür aber in einer von der Lebenshilfe betreuten Wohngemeinschaft in Styrum. Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Eltern sind heute selbstbewusster und können viel selbstverständlicher ausdrücken, was sie wollen und brauchen, weil Integration und Inklusion heute selbstverständlicher gelebt werden, beschreibt Stadelhoff die selbst erlebten und mitgestalteten Veränderungen der letzten Jahrzehnte.

Heute weiß sie: Ohne die Lebenshilfe würde uns ein wichtiges Stück unseres Lebens fehlen, aber sie weiß auch, dass der Weg zu völlig selbstverständlichen und flächendeckenden Integration und Inklusion noch weit ist, denn auch in unseren Gruppen sind eigentlich nur Menschen mit geistiger Behinderten. Integrative Freizeitgestaltung als Lebenshilfe für Menschen mit und ohne geistige Behinderung wäre für Ulrike Stadelhoff eine nicht nur für die Mülheimer Lebenshilfe erstrebenswerte Zukunftsvision.

Dieser Text erschien am 2. Februar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Samstag, 2. Februar 2013

Was Mülheimer Ärzte von der Idee einer Bürgerversicherung halten

Eine Bürgerversicherung, also eine Krankenversicherung, in die alle einzahlen. Das ist seit Jahren eine politische Forderung, nicht erst, seit immer mehr Leistungen zuzahlungspflichtig werden und gleichzeitig manche Privatversicherte ihre Beiträge kaum noch bezahlen können - ohne dass es einen gravierenden Qualitätsunterschied in der medizinischen Versorgung gäbe, wie manche Studien nahelegen. Nun wird die Bürgerversicherung, laut einer Umfrage des Finanzdienstleisters MLP, erstmals auch von einer Mehrheit der deutschen Ärzte befürwortet. Nach der Untersuchung sprechen sich insgesamt 51 Prozent der Ärzte für dieses Modell (s. Kasten) aus. Fachärzte, die häufiger privat abrechnen, sind zwar mehrheitlich dagegen, 50 Prozent der Hausärzte und sogar 57 Prozent der Klinikärzte aber für eine solche Volksversicherung.


Und was meinen Mülheimer Mediziner? Der Kreisvorsitzende der Ärztekammer, Uwe Brock , räumt ein, dass er sich noch keine endgültige Meinung gebildet hat. „Ich kann grundsätzlich nichts dagegen sagen. Ich kann mir aber noch kein endgültiges Urteil erlauben, weil ich noch nicht erkennen kann, wie sich die Rahmenbedingungen, unter denen die Ärzte arbeiten und die Patienten versorgt werden, in einer Bürgerversicherung verändern würden“, erklärt Brock.

Der entscheidende Knackpunkt, den er auch am 5. Februar bei einem Gesundheitsforum der Mülheimer Ärztekammer mit Gesundheitspolitikern aus dem Bundestag diskutieren und klären will, wäre die Frage, wie die bisher privat krankenversicherten Patienten in eine Bürgerversicherung integriert werden könnten.

Wie sein Orthopädie-Kollege Martin Linssen , der sich angesichts der ungeklärten Gebührenordnung einer Bürgerversicherung auch noch keine eindeutige Meinung gebildet hat, ist Brock skeptisch, dass eine Bürgerversicherung funktionieren könnte, wenn die Beiträge und Patientenpauschalen der Gesetzlichen Krankenversicherung 1:1 auf die Privatversicherten übertragen würden. Brock und Linssen sind sich einig, dass viele Haus- und Facharztpraxen finanzielle Probleme bekommen könnten, wenn die deutlich höheren Erlöse aus der Behandlung von Privatversicherten auf das Niveau der Gesetzlichen Krankenversicherung schrumpfen würden.

Eindeutig Ja zur Bürgerversicherung sagt dagegen der in der Innenstadt praktizierende Hautarzt Peter Schüller. „Eine Bürgerversicherung für alle Patienten ist nicht nur solidarischer, sondern am Ende auch für alle günstiger“, glaubt der Mediziner. In Altenheimen erlebt er viele Patienten, die ihre privaten Krankenversicherungsbeiträge kaum noch bezahlen können, weil die im Laufe der Jahre und mit zunehmendem medizinischen Versorgungsbedarf massiv nach oben geschnellt sind. Deshalb wären auch Privatversicherte aus seiner Sicht in einer Bürgerversicherung auf jeden Fall besser aufgehoben. Als gerecht empfände es Schüller auch, wenn nicht nur Arbeitseinkommen sondern auch Zins- oder Mieteinkünfte als Berechnungsgrundlage für eine Bürgerversicherung herangezogen würden.

Dagegen lehnt Schülers Orthopädie-Kollege Viktor Wagner die Bürgerversicherung ab, weil er darin eine aus seiner Sicht kontraproduktive „Pauschalisierung“ im Gesundheitswesen erkennt. Auch Wagners Hausarztkollege Peter Ramme steht einer Bürgerversicherung skeptisch gegenüber, obwohl er bei einem rot-grünen Wahlsieg mit ihrer Einrichtung rechnet. Er glaubt, „dass die Patienten bei der Einführung einer Bürgerversicherung finanziell entlastet, aber die Ärzte finanziell belastet werden“, weil für niedergelassene Ärzte die wirtschaftlich lukrativeren Privatpatienten dann wegfielen. Der ärztliche Direktor des Evangelischen Krankenhauses, Heinz-Jochen Gassel, glaubt, dass eine Bürgeversicherung das Gesundheitssystem „verschlanken und abrechnungstechnisch einfacher machen würde“, ohne deshalb die privaten Zusatzversicherungen für Sonderleistungen auszuschließen.

Was ist eine Bürgerversicherung?
Eine Bürgerversicherung umfasst alle Patienten. Das bedeutet: Niemand kann sich der solidarischen Finanzierung der in einer älter werdenden Gesellschaft steigenden Gesundheitskosten entziehen.


Von einer Bürgerversicherung würden also vor allem Geringverdiener mit hohem Behandlungsbedarf profitieren.

Es gibt Bürgerversicherungsmodelle, die nur das Arbeitseinkommen zur Berechnungsgrundlage des Versicherungsbeitrages machen, während andere Modelle auch andere Einkünfte, wie zum Beispiel Zinsen oder Mieteinnahmen sowie Zuschüsse aus Steuermitteln mit einbeziehen.

In einem Bürgerversicherungssystem decken private Krankenkassen nur noch individuelle Zusatz- und Sonderleistungen ab, weshalb private Krankenversicherungen in einem Bürgerversicherungssystem um ihre Existenz fürchten.

Dieser Text erschien am 25. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Freitag, 1. Februar 2013

Wie sich Alt-Bürgermeister Wilhelm Knabe an die Folgen erinnert, die der 30. Januar 1933 in seinem persönlichen Umfeld hatte

Bei der Lektüre meines NRZ-Artikels „Der Anfang vom Ende“, wurden bei Alt-Bürgermeister Wilhelm Knabe (Jahrgang 1923, in Dresden geboren) ganz persönliche Erinnerungen wach. „Ich weiß noch, dass ich mit meinen Eltern damals im Radio gehört habe, dass der Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt habe“, erzählt Knabe. Außerdem hat er noch das Wahlplakat einer bürgerlichen Partei vor Augen, das damals prügelnde Kommunisten und Nationalsozialisten als abschreckendes Beispiel zeigte, um die Bürger vor der Wahl extremer Parteien zu warnen.

Doch über Politik machte sich der damals Neunjährige noch keine Gedanken. Er wunderte sich nur darüber, dass sein „sehr beliebter“ Volksschullehrer, der Knabe und seine Klassenkameraden regelmäßig mit Abenteuerromanen aus seinem Bücherschrank versorgte, schon bald nach dem 30. Januar 1933 nicht mehr zum Unterricht erschien. „Ich hatte damals J.F. Coopers Buch ‘Der rote Freibeuter ‘ von ihm ausgeliehen. Erst später habe ich erfahren, dass der Lehrer Hallhuber wohl Sozialdemokrat war und deshalb von den Nazis nicht mehr im Schuldienst geduldet wurde,“ blickt Knabe zurück.

Er erinnert sich auch daran, dass der Direktor des Landeskrankenhauses, in dem sein Vater als Pfarrer arbeitete, eines Tages aus einem Amt entlassen wurde, weil man ihm nachweisen konnte, dass er gegen Hitler gestimmt hatte. „Mein Vater war damals eher deutschnational eingestellt. Meine meine Mutter hielt Hitler für einen schlechten Menschen und traute ihm nicht über den Weg. Meine ältere Schwester Magdalena ging 1934 als Kindermädchen nach England, weil sie nicht im nationalsozialistischen Deutschland leben wollte“, schildert der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen die familiärer Situation nach Hitlers Regierungsübernahme am 30. Januar 1933.

Dieser Text erschien am 31. Januar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG