Freitag, 29. März 2013

Wenn Mülheimer stiften gehen: Der Stiftungsbericht der Stadt zeigt, dass die Erträge für gute Taten 2012 zurückgegangen sind

Stiftungen sind längst zu einem bedeutenden Schattenhaushalt der Stadt geworden. Sie springen ein, wo der Stadt die Mittel fehlen. 14,8 Millionen Euro ließen Stiftungen im Vorjahr in Projekte fließen, ein Rekordwert. Jetzt aber spüren die Förderer die Finanzkrise. Die Zinsen sinken - und damit ihr Ertrag. Das Büro der Oberbürgermeisterin bestätigte auf Anfrage diese Tendenz, konnte aber noch keine Zahlen nennen.


Umso wichtiger wird der Stiftungsbericht, der kürzlich dem Hauptausschuss vorgestellt wurde. Er weist für Mülheim 41 Stiftungen aus. Neun werden als unselbstständige Stiftungen von der Stadt verwaltet. Hinzu kommen 32 selbstständige Stiftungen. Die Stiftungszwecke sind so bunt wie das Leben. Soziale und kulturelle Projekte werden von ihnen ebenso gefördert wie Bildungsprojekte oder konkrete Einrichtungen. Ein Blick allein auf die unselbstständigen Stiftungen zeigt, dass sich ihre Ausschüttungen für gemeinnützige Zwecke von 8,2 Millionen Euro (2009) auf 14,8 Millionen Euro (2011) erhöht haben, während die Zinserträge der meisten Stiftungen aufgrund der Niedrigzinsphase stagnieren oder rückläufig sind.

Zahlen über die Ausschüttungen der von der Stadt unabhängigen Stiftungen enthält der Stiftungsbericht übrigens nicht. Allerdings schreibt die Stadtkanzlei derzeit alle ihr bekannten Stiftungen an, um sie um Informationen zu bitten.

Dieser Text erschien am 27. November 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 27. März 2013

Der Saarner Pastor Ewald Luhr würde am 30. März 2013 100 Jahre alt: Erinnerung an einen Menschen und Seelsorger, der Brücken bauen und Türen öffnen konnte

Dass er auch noch nach seinem Tod mittendrin ist, im Saarner Dorfleben, hätte Pastor Ewald Luhr sicher gefallen. Denn noch in Luhrs Todesjahr 1997 benannten die Saarner ihren Marktplatz an der Düsseldorfer Straße nach dem Mann, der es verstand ganz unterschiedliche Menschen zusammenzubringen und für eine gute Sache zu gewinnen.


„Sein Motto war immer: Niemanden ausgrenzen, sondern versöhnen. Er traute Menschen etwas zu und das wirkte sehr ansteckend“, erinnern sich seine Wegbegleiter Christel und Reiner Squarr an Ewald Luhr, der am 30. März 100 Jahre alt geworden wäre.

Dass Luhr die Gabe hatte, vorurteilsfrei auf Menschen zuzugehen, hatte wohl auch mit seiner eigenen Biografie zu tun. Der Vater verunglückte schon vor seiner Geburt als Bergmann auf der Zeche Wiesche. Die Mutter starb, als er sieben Jahre alt war. Der in Speldorf geborene Junge, der bei Pflegeeltern aufwuchs, machte aus der Not eine Tugend. Er entwickelte die Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen. Im Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) fand er eine geistige und soziale Heimat. Hier übernahm er schon früh Verantwortung als Leiter einer Jugendgruppe. Weil er ein guter Schüler war, wurde er vom Schulgeld befreit und konnte nach dem Abitur am heutigen Karl-Ziegler-Gymnasium, Theologie studieren.

Doch bevor er Pfarrer werden konnte, musste er als Soldat die Hölle des Zweiten Weltkrieges überleben. In der Kriegsgefangenschaft schwor er sich, sein weiteres Leben in den Dienst des Friedens und der Völkerverständigung zu stellen. Luhr hielt Wort und wurde lokal wie international zu einem Friedensstifter.

Als Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Saarn suchte und fand er in England, Holland, Frankreich und Finnland internationale Kontakte, die zu dauerhaften Partnerschaften und Freundschaften wurden und bis heute von Menschen seiner Gemeinde mit Leben gefüllt werden.

Den Anfang machte Luhr, als er sich 1948 für 18 Monate als Seelsorger im englischen Halstead um deutsche Kriegsgefangene kümmerte und dabei auch den Respekt der Engländer erwarb. Damit öffnete Luhr den Menschen seiner Saarner Gemeinde ebenso die Tür nach Europa, wie mit einem Freizeitheim, das er 1960 im niederländischen Westkapelle einrichten ließ. Ebenfalls zu Beginn der 60er Jahre baute er mit seinen Amtsbrüdern und Mitstreitern ein deutsch-französisches Begegnungszentrum in Coutainville auf, in der Normandie, dort, wo er als Soldat im Zweiten Weltkrieg hatte kämpfen und leiden müssen.

Seine Idee, dass sich Menschen, die sich kennen nie wieder aufeinander schießen, inspirierte auch die Zusammenarbeit mit seinem finnischen Kollegen Edvin Laurema aus Kuusankoski. Aus der Freundschaft, die die beiden Pfarrer 1961 zwischen ihren Gemeinden stifteten, sollte die Keimzelle für die 1972 begründete Städtepartnerschaft zwischen Mülheim und Kuusankoski werden. „Luhr, der Brücken bauen und über sie auf andere zugehen konnte, hat nie nur an seine Gemeinde, sondern immer auch an die gesamte Stadt gedacht“, betont Reiner Squarr, der als Vikar bei Luhr lernte und 1980 als Pfarrer in Saarn seine Nachfolge antrat.

An den sozialen Frieden in der Stadt dachte Luhr zum Beispiel, wenn er sich zusammen mit seiner Frau Luise für die Integration der Heimatvertriebenen aus dem Osten oder für die Unterstützung und Entlastung von sozial benachteiligten Familien einsetzte, die damals noch in Notunterkünften einquartiert waren.

Soziale Pionierarbeit leistete der unter anderem mit dem Ehrenring der Stadt und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Pfarrer auch 1963 als Gründungsvorsitzender der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung. Auch dieses Engagement speiste sich aus Luhrs eigener Biografie. Das älteste seiner vier Kinder ist behindert. Und als Theologiestudent im Umfeld der Bekennenden Kirche hatte Luhr im Dritten Reich von der Euthanasiepolitik der Nazis erfahren, die Menschen mit geistiger Behinderung als „lebensunwert“ betrachteten.

So gesehen oder: Lies nach bei Pastor Luhr


Klagen gehört heute zum guten Ton. Den Tag, an dem man keinen Menschen trifft, der meint, dass früher sowieso alles besser gewesen sei und wir heute in einem Jammertal mit düsteren Aussichten leben, kann man sich im Kalender anstreichen.


Anstreichen kann man sich aber auch den Satz den ich gestern in den Lebenserinnerungen von Pastor Ewald Luhr (siehe oben) gelesen habe: „Jede Zeit ist eine Gabe und Aufgabe für den Menschen.“ Wenn man diesen Satz aus der Feder eines Mannes liest, der als Waisenkind sein Leben gemeistert und dabei eine Diktatur und einen Krieg überlebt hat, um anschließend daraus die Konsequenz zu sehen, als Mensch und Gottesmann anzupacken statt zu klagen, dann stimmt das versöhnlich und kann uns auch heute Mut machen, aus unserer Zeit das beste zu machen. Ob sie besser oder schlechter wird, liegt auch an uns. Da kann uns das Leben Luhrs in diesen vorösterlichen Tagen dazu inspirieren, anzufangen statt aufzugeben, damit sich unser Leben lohnt.

Diese Texte erschienen am 27. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 25. März 2013

Viele Kliniken in Nordrhein-Westfalen schreiben rote Zahlen. Bei den beiden Mülheimer Kliniken sind es Gott sei Dank noch schwarze

Folgt man dem Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft NRW, Jochen Brink, wird die Hälfte der landesweit 400 Kliniken 2013 rote Zahlen schreiben. Der Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses, Nils B. Krog, und Andreas Weymann, Mitglied der Geschäftsführung des St. Marien Hospitals erklären, dass ihre Häuser schwarze Zahlen schreiben. Beide bestätigen die entsprechenden Angaben aus dem Bundesanzeiger. Danach hat das Evangelische Krankenhaus 2011 einen Jahresüberschuss von rund einer Million Euro und das St. Marien-Hospital von 1712 Euro erwirtschaftet. Die Zahlen für 2012 liegen noch nicht vor.


Das Evangelische Krankenhaus hat 600 Betten, das katholische Krankenhaus nur 367. Das Marien-Hospital beschäftigt 650 Mitarbeiter und behandelt jährlich rund 30.000 Patienten. Im Evangelischen Krankenhaus arbeiten rund 1000 Menschen. Hier werden jährlich rund 67.000 Patienten behandelt.

Beide Klinikmanager bestätigen auch die Angabe der Krankenhausgesellschaft, wonach die Personalkosten, die rund 70 Prozent der Klinikbudgets ausmachen, schneller steigen als die Vergütungen. „Unsere Vergütungen sind in diesem Jahr um zwei Prozent gewachsen, aber unsere Personalkosten um 4,5 Prozent,“ erklärt Weymann. Angesichts dieser Entwicklung sind sich beide Klinikmanager einig, dass die personellen und organisatorischen Optimierungsmöglichkeiten ausgereizt seien und die Krankenhäuser mit Blick auf den wachsenden medizinischen Behandlungsbedarf einer alternden Gesellschaft finanziell besser ausgestattet werden müssten. Um sich im Wettbewerb besser aufzustellen, investieren das Evangelische Krankenhaus (26 Millionen Euro) und das Marien Hospital (18 Millionen Euro) in Neubauten, die sie aber weitgehende über Kredite finanzieren müssen, da das Land nur eine Baukostenpauschale zahlt, die beim Evangelischen Krankenhaus 1,3 Millionen und beim Marien-Hospital 520.000 Euro beträgt.

10.000 Betten will das Land laut Krankenhausgesellschaft bis 2015 abbauen. Derzeit kommen in NRW 73 Krankenhausbetten auf 10.000 Einwohner. In Mülheim sind es nur 57. Die Stadt ist also eigentlich unterversorgt.

Dieser Text erschien am 22. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung





Samstag, 23. März 2013

Menschen, die uns Mut machen: Auch in seinem Ruhestand will Pfarrer Helmut Kämpgen als Seelsorger aktiv bleiben

„Seit gestern habe ich Urlaub“, sagt Helmut Kämpgen und lächelt. Der Urlaub, von dem der Pfarrer aus der Lukasgemeinde spricht, ist sein Ruhestand. Den letzten Arbeitstag in seinem Eppinghofer Gemeindebezirk hat er bereits hinter sich, seine offizielle Verabschiedung, die am Ostersonntag in der Johanniskirche gefeiert wird, noch vor sich.


Hat der Pfarrer und Notfallseelsorger, den viele Mülheimer auch als engagierten Mitinitiator des Bündnisses für Bildung kennen, keine Angst vor einem Rentenschock?

„Wenn ich von 100 auf Null gehen würde, würde ich das wahrscheinlich nicht verkraften“, gibt Kämpgen zu. Deshalb will der Pfarrer außer Diensten, der seine Pensionsverfügung bereits zugeschickt bekommen hat, den Ruhestand nicht allzu wörtlich nehmen. „So lange ich das gesundheitlich kann, will ich auch weiterhin als Notfallseelsorger arbeiten,“ betont Kämpgen. Auch Gottes- und Besuchsdienste möchte er absolvieren und sein Engagement für das Stadtteilmanagement in Eppinghofen sogar noch intensivieren. Die mit seinem Pfarramt verbundene Verwaltungs- und Organisationsarbeit lässt er dagegen gerne hinter sich.

Man wundert sich, wenn Kämpgen im Rückblick auf seine bisher 150 Einsätze als Notfallseelsorger und die rund 1000 Beerdigungen, die er als Pfarrer begleitet hat, sagt: „Das habe ich immer besonders gerne gemacht.“ Warum, um Gottes willen? „Weil ich in diesen Situationen eine besonders intensive Beziehung zu Menschen aufbauen kann und das Gefühl habe, dass ich ihnen in dieser extremen Ausnahmesituation des Schmerzes besonders gut helfen kann“, sagt der Seelsorger. „In solchen Situationen konnt es nicht auf gescheite Sätze, sondern vor allem auf die eigene Präsenz, gut tuende Gesten und auf die Ruhe an, die man mitbringt.“ Diese Ruhe strahlt der dreifache Familienvater, der inzwischen auch eine kleine Enkeltochter hat, tatsächlich aus und das in wohltuender Fülle.

Dass er, wie er selbst sagt: „eine starke Sensibilität für belastete Menschen hat“, erklärt Kämpgen mit seiner eigenen Biografie. Als 23-jähriger Theologiestudent musste er den Krebstod seiner Verlobten miterleben. „Ich habe mich damals auf besondere Weise getragen gefühlt“, erinnert sich Kämpgen. Es war nicht nur sein christlicher Glaube, der ihn damals trug, sondern auch Menschen, die ihm immer wieder zuhörten, wenn er von seiner Trauer erzählte.

Damals hat er das erfahren, was er heute ohne viele Worte als Trauerbegleiter und Notfallselsorger Menschen nach Schicksalsschlägen auf den Weg durch ihr weiteres Leben mitgibt. „Man kann der Trauer nicht ausweichen, sondern nur mitten durch gehen, um zu erfahren, dass man auch mit dem Schmerz sein Leben gut gestalten kann.“ Denn aus seiner eigenen Lebenserfahrung weiß Kämpgen, „dass der Schmerz über einen Verlust einen nicht nur kaputt machen, sondern auch reifen lassen kann.“

Reifen muss, daran lässt Bürger und Seelsorger Kämpgen keinen Zweifel, auch „der Respekt davor, dass jeder Mensch in unserer Gesellschaft das Recht auf ein gelungenes Leben hat.“

Und deshalb wird der Kirchenmann auch im Ruhestand für den Erhalt von Lebenschancen der Menschen in Eppinghofen kämpfen. Und dazu gehört für ihn auch der Erhalt des Schulstandortes an der Bruchstraße.

Mit Blick auf unsere zunehmend multikulturelle und vom demografischen Wandel geprägte Stadtgesellschaft steht für Kämpgen fest: „Man muss doch dort Bildungs- und Integrationsarbeit leisten, wo die Menschen leben, die eine Identität gewinnen und sich integrieren sollen.“

Kinder und Jugendliche, unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft optimal zu fördern, ist für den Pfarrer im Unruhestand kein Gutmenschentum, sondern schlicht notwendig, „wenn die Kinder und Jugendlichen von heute morgen und übermorgen unsere Renten bezahlen sollen.“ Deshalb rät er auch seiner eigenen Kirche: „Kirche muss Stadt finden und auf alle Menschen zugehen, auch wenn sie vielleicht keine Christen sind.“

Zur Person: Eigentlich wollte der gebürtige Mülheimer Helmut Kämpgen (65) Maschinenbauingenieur werden. Doch dann entschied er sich nach seinem Abitur am Karl-Ziegler-Gymnasium für ein Studium der evangelischen Theologie, „weil ich etwas mit Menschen machen wollte.“ Nach seinem Studium in Bonn und Bochum absolvierte er ein zweijähriges Vikariat in Mülheim und Oberhausen, bevor er vor 33 Jahren sein Pfarramt in der Johanniskirchengemeinde antrat, die seit 2011 Teil der Lukaskirchengemeinde ist.

Dieser Text erschien am 20. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 20. März 2013

Wie man mit Frauen Staat machen kann: Eine Umfrage zum Stand der Gleichberechtigung

Fünfzig Jahre nach dem Amtsantritt der ersten Bundesministerin Elisabeth Schwarzhaupt (siehe Kasten) fragt die NRZ Mülheimer Politikerinnen: „Was wurde seit dem in Sachen Gleichberechtigung erreicht und was bleibt noch zu tun?“


Auch wenn die SPD-Landtagsabgeordnete und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft , einräumt, „dass wir in den letzten 50 Jahren enorme Fortschritte gemacht haben“, bleibt in ihren Augen „noch eine Menge zu tun“, bis Frauen wirklich auf allen Ebenen der Gesellschaft gleichberechtigt sind. Dabei denkt sie vor allem an die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern, die sie in vielen Bereichen immer noch nicht realisiert sieht. Trotz Bundeskanzlerin, Ministerpräsidentinnen und Oberbürgermeisterinnen ist Kraft „Anhängerin einer Frauenquote, weil wir Frauen als Vorbilder in Führungspositionen brauchen.“ Damit Gleichberechtigung Wirklichkeit wird, brauchen wir, „ein gutes Bildungssystem von der Kindertagesstätte an.“ Außerdem, so Kraft: „muss es in unserer Gesellschaft selbstverständlich werden, dass sich Frauen und Männer die Erziehungsaufgaben in der Familie teilen.“

Krafts Grüne Kabinetts- und Parlamentskollegin, NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens, erinnert daran, dass Frauen, anders als vor 50 Jahren, heute keine Erlaubnis ihres Ehemannes einholen müssen, um einen Arbeitsvertrag unterschreiben zu können. Doch Steffens sieht auch heute eine Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit, wenn sie feststellt: „Trotz besserer Schulabschlüsse sind es immer noch die Frauen, die in ihrem Berufsleben von Männern überholt werden und für dieselbe Arbeit weniger Geld nach Hause bringen.“ Damit Frauen auch in der Wirtschaft mehr Führungspositionen besetzen, hat Steffens mit der Landesregierung im Bundesrat einen Gesetzentwurf eingebracht, der die Quotierung in Aufsichtsräten vorsieht. Sie weist darauf hin, dass Unternehmen mit Frauen in der Chefetage nachweislich erfolgreicher sind. Damit Frauen und Männer Beruf und Familie unter einen Hut bekommen, brauchen wir in ihren Augen flexiblere Arbeitszeitmodelle, das Angebot von Vater-Mutter-Kind-Büros und „die Möglichkeit, dass Eltern auch mal von zu Hause aus arbeiten können.“

Die FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrike Flach , die als parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium arbeitet, das Elisabeth Schwarzhaupt einst aufbaute und führte, sagt: „Die Gleichberechtigung hat gewaltige Sprünge nach vorne gemacht. Die Situation der heutigen Frauen ist mit damals nicht zu vergleichen. Der Umstand, dass die berufliche Welt nach wie vor männlich geprägt ist, kann mit den massiven Freiheitsbeschränkungen der Frauen der 50er Jahre nicht verglichen werden.“ Flach erinnert daran, dass Schwarzhaupt einst mit der FDP gegen den Stichentscheid des Mannes in allen strittigen Ehe- und Familienfragen gestimmt habe. Die Liberale glaubt nicht, dass unsere Gesellschaft eine Frauenquote für Führungspositionen braucht. „Ich setze auf die Durchsetzungskraft der modernen Frau. Wir müssen als Politik die familienpolitischen Rahmenbedingungen kontinuierlich verbessern. Dann haben auch Frauen eine Chance,“ meint Flach. Aber auch sie ist davon überzeugt, dass wir flexiblere Arbeitszeitmodelle, mehr betriebsinterne Angebote für arbeitsplatznahe Kinderbetreuung und mehr Teilzeitarbeitsplätze brauchen, damit berufstätige Frauen und Männer Eltern werden können.

Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld hat 50 Jahre nach dem Amtsantritt der ersten Bundesministerin und sechs Jahre nach dem Amtsantritt der ersten Bundeskanzlerin den Eindruck, „dass die rechtliche Gleichberechtigung von Männern und Frauen in Deutschland vollendet ist“, aber „die faktische Gleichberechtigung noch nicht in allen Bereichen gelebte Realität ist.“ Um dies zu erreichen, so Mühlenfeld, „muss die Politik den Wandel der Zivilgesellschaft vorantreiben, weil sich es unsere Gesellschaft nicht leisten kann, die Potenziale der weiblichen Bevölkerungsmehrheit nicht auszunutzen.“ Deshalb hält die OB auch eine Frauenquote für erforderlich, „um Frauen die ihren Qualifikationen entsprechenden Führungspositionen in der Wirtschaft zugänglich zu machen.“ Die Erfahrungen in der Politik sprechen aus ihrer Sicht auch in der Wirtschaft für eine Quotierung, weil die „notwendigen Verhaltensänderungen ohne Sanktionen nicht einzufordern sind.“ Mit Blick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sieht die OB auch die Stadt in der Pflicht, Frauen und Männer dabei mit dem Ausbau der Kinderbetreuung, flexiblen Arbeitszeitmodellen und verbesserten Öffnungszeiten öffentlicher Einrichtungen zu unterstützen.

Die stellvertretende Vorsitzende der CDU-Ratsfraktion, Ramona Baßfeld , glaubt, „dass Frauen in Politik und Wirtschaft auch heute noch doppelt so gut sein müssen, wie Männer, um anerkannt zu werden.“ Sie fordert nach der Emanzipation der Frauen eine Emanzipation der Männer, wenn es ganz praktisch darum geht, neben dem Berufsleben Kinder zu erziehen und den Haushalt zu führen. Auch die schlechtere Bezahlung von Frauen ist für sie ein Unding.

Die stellvertretende CDU-Kreisvorsitzende Ilselore Paschmann glaubt, dass Frauen heute ehrgeizig und gut genug ausgebildet sind, um ohne Frauenquote in Führungspositionen aufzusteigen. „Kein Unternehmen braucht eine Quoten-Hilde“, sagt die Unternehmerin und Juristin. Sie sieht aber noch Ungleichheiten beim Lohn und glaubt, dass Frauen Beruf und Familie besser miteinander verbinden könnten, wenn Männer mehr häusliche Pflichten übernähmen und die Kindergartenbetreuung kostenfrei wäre.

Zur Person:

Als Elisabeth Schwarzhaupt 1901 in Frankfurt am Main geboren wird, dürfen Frauen in Deutschland noch nicht einmal wählen. 60 Jahre später übernimmt die promovierte Juristin die Leitung des neu geschaffenen Bundesgesundheitsministeriums. In diesem Amt sorgt sie bis 1966 dafür, dass konkrete gesetzliche Bestimmungen zur Reinhaltung von Luft und Wasser verabschiedet und unter dem Eindruck des Contergans-Skandals die Arzneimittelkontrolle verschärft und die Rezeptpflicht ausgeweitet wird. Außerdem zeichnet die CDU-Politikerin, die von 1953 bis 1969 dem Deutschen Bundestag angehört und zuvor als Oberkirchenrätin in leitenden Funktionen für die Evangelische Kirche Deutschlands tätig war, für die Einführung von Schluckimpfung und Ernährungsberatung sowie für den flächendeckenden Aufbau einer Krebsforschung und Krebsvorsorge verantwortlich. Bereits vor ihrem Amtsantritt als Ministerin, der erst durch massiven Druck der Unions-Frauen auf Bundeskanzler Konrad Adenauer zustande kommt, hat sich Schwarzhaupt für eine Reform des überholten Familien- und Eherechtes eingesetzt, das die Ehefrauen bis zum Gleichberechtigungsgesetz von 1957 zum Gehorsam gegenüber ihrem Ehemann verpflichtete und diesem in allen Ehe- und Familienfragen das letzte Wort gab. Die selbst unverheiratete Elisabeth Schwarzhaupt starb 1986 in ihrer Heimatstadt Frankfurt.

Dieser Text erschien am 14. November 2011 in der Neuen Ruhr Zeitung





Dienstag, 19. März 2013

Mehr Deutsche haben 2012 weniger gespendet: Wie groß sind die Spendierhosen in Mülheim? Eine Umfrage

Mehr Spender, aber weniger Spenden. So bilanziert der Deutsche Spendenrat das Jahr 2012. Diese Entwicklung nahm ich für die NRZ zum Anlass, um bei gemeinnützigen Organisationen, die auf Spenden angewiesen sind, um zumindest Teile ihrer Arbeit zu finanzieren, nachzufragen, wie groß oder klein die Mülheimer Spendierhosen geworden sind.


Tenor: Auch in unserer Stadt ist die Spendenbereitschaft bestenfalls gleichbleibend, in vielen Bereichen aber rückläufig.

Kirchen

Der Heißener Pfarrer Michael Manz schätzt, dass die Spenden in seiner Friedenskirchengemeinde im letzten Jahr um 20 bis 30 Prozent zurückgegangen sind. „Die Menschen haben nicht mehr so viel Geld in der Tasche und die Zahl der Menschen, die früher selbst gespendet haben und jetzt selbst auf Unterstützung angewiesen sind, hat zugenommen“, sagt der evangelische Geistliche. Er weiß aber auch, „wenn man Menschen ganz konkret auf ein Projekt anspricht, für das wir Geld brauchen, lassen sie sich auch erweichen und spenden gerne.“ Sein katholischer Amtsbruder Manfred von Schwartzenberg aus der Dümptener Gemeinde St. Barbara schätzt, dass die Spenden, die im Pfarrbüro am Schildberg oder bei der klassischen Sonntagskollekte im Klingelbeutel landen, jährlich um etwa sieben Prozent sinken. Gleichzeitig stellte er fest, dass die Spendenbereitschaft bei gut eingeführten Hilfsaktionen, etwa wenn die Sternsinger kommen, gleichbleibend fließen. „Da bekommen wir regelmäßige vierstellige Summen zusammen“, freut sich von Schwartzenberg. Dass jüngere Gemeindemitglieder in der Regel weniger spendenfreudig sind als ältere, führt er darauf zurück, „dass die Jüngeren noch mehr mit ihrer eigenen Existenzsicherung beschäftigt sind.“



Vereine

In der Arbeitsgemeinschaft der in der Behindertenarbeit tätigen Vereine (AGB) haben sind rund 50 Vereinigungen zusammengeschlossen, die auf Spenden angewiesen sind, um ihre Arbeit leisten zu können. Doch die Spenden, die ihnen zufließen, sind nach Einschätzung des AGB-Vorsitzenden Alfred Beyer in den letzten beiden Jahren um bis zu 50 Prozent zurückgegangen. Mit Horst Heinrich, dem Vorsitzenden der Ersten Großen Mülheimer Karnevalsgesellschaft (MükaGe) ist sich Beyer darin einig, dass viele Firmen in Zeiten eines harten Wettbewerbs und knapper Gewinnmargen „eher daran interessiert sind, ihren Gewinn zu steigern, als sich mit Spenden sozial zu engagieren.“ Heinrich schätzt den Spendenrückgang des letzten Jahres auf zehn bis 15 Prozent. Und dort, wo Firmen dann doch als Spender oder Sponsoren gewonnen werden können, kommt es nach den Erfahrungen von Beyer und Heinrich auf persönliche Kontakte an. Von ein em gleichbleibendes Spendenniveau, „dass immer mal wieder etwas nach unten oder nach oben geht“, berichtet dagegen die Schatzmeisterin des Kinderschutzbundes, Anita Sarnoch.



Die Parteien

Die Parteivorsitzenden Lothar Fink (SPD), Christian Mangen (FDP) und Andreas Schmidt (CDU) betonen übereinstimmend, dass es in den letzten Jahren, vor allem jenseits von Bundestagswahlkämpfen, schwieriger geworden ist, für Parteien Spenden einzusammeln. Parteispenden, so der Tenor, seien nicht unbedingt populär und auch deshalb rückläufig, weil vielen Bürgern nicht klar sei, dass die Parteien, trotz staatlicher Parteienfinanzierung ihr kommunalen Wahlkämpfe weitgehend aus Spenden finanzieren müssten.


Sozialverbände
„Menschen sind vorsichtiger geworden, wenn es darum geht, ihr Geld zur Verfügung zu stellen“, glaubt der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer. Deshalb nimmt er sich viel Zeit für Gespräche mit potenziellen Spendern, um „gemeinsam herauszufinden, welches Projekt am besten zu ihnen passt.“ Der Erfolg gibt ihm Recht. Das Diakoniewerk kann sich in den letzten Jahren über ein stabiles Spendenniveau von rund 80?000 Euro pro Jahr freuen, die zu 75 Prozent der Tafel zugute kommen.

DRK-Geschäftsführer Helmut Storm sieht einen Zusammenhang zwischen Spendenbereitschaft und medialer Aufmerksamkeit. „Die Deutschen sind spendenfreudig“, stellt er mit Blick auf die Spenden fest, die etwa nach großen Naturkatastrophen beim Roten Kreuz eingehen. Aber beim Roten Kreuz in Mülheim hat sich die Zahl der Fördermitglieder in den letzten 20 Jahren auf rund 4000 halbiert. „Viele Leute halten uns für eine staatliche Organisation und wissen nicht, dass wir trotz staatlicher Zuschüsse und Einnahmen einen großen Teil unserer Arbeit vor Ort mit Spenden finanzieren müssen“, betont Storm. Die stellvertretende Caritas-Geschäftsführerin, Margret Zerres, berichtet von gleichbleibenden Einzelspenden und rückläufigen Firmenspenden. Lothar Fink, ihr Geschäftsführerkollege von Arbeiterwohlfahrt, Lothar Fink, musste in seiner 15-jährigen Amtszeit miterleben, dass die jährlichen Spenden um etwa 20 Prozent geschrumpft sind. Wie Zerres, weiß auch er, dass viele Menschen eher bereit sind zu spenden, wenn es um Projekte für Kinder und Familien gehe, während die Arbeit für psychisch kranke oder drogenabhängige Menschen keine starke Spendenlobby habe.

22,5 Millionen Deutsche haben nach Angaben des Deutschen Spendenrates 2012 insgesamt 4,2 Milliarden Euro gespendet. Damit sei, so der Spendenrat, das Spendenvolumen im Vergleich zum Jahr 2011 um zwei Prozent zurückgegangen, während die Zahl der Spender gleichzeitig um zwei Prozent zugenommen habe.

Dieser Text erschien am 18. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 18. März 2013

Fluch oder Fortschritt? Was hat die Agenda 2010 dem Mülheimer Arbeitsmarkt gebracht?

März 2003. Deutschland gilt wirtschaftspolitisch als „kranker Mann Europas.“ 4,6 Millionen Menschen sind ohne Arbeit. Hohe Arbeitslosigkeit und geringes Wirtschaftswachstum setzen die damalige rot-grüne Bundesregierung unter Druck. In dieser Situation verkündet Bundeskanzler Gerhard Schröder am 14. März im Deutschen Bundestag das Reformprogramm der Agenda 2010. Sie flexibilisiert den Arbeitsmarkt, lockert den Kündigungsschutz, verschärft die Zumutbarkeitsregeln für Arbeitssuchende, schränkt Sozialleistungen ein, führt Minijobs und Ich-AGs ein, legt Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum neuen Arbeitslosengeld II zusammen und initiiert mehr Investitionen in die Bereiche Bildung und Kinderbetreuung.


Schröder sagt damals unter anderem: „Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen (...) Arbeitsrecht und Tarifverträge ergänzen sich in Deutschland zu einem dichten Netz geregelter Arbeitsbeziehungen. Das schafft Sicherheit. Aber es ist häufig nicht so flexibel und ausdifferenziert, wie es in einer komplexen Volkswirtschaft im internationalen Wettbewerb sein muss. Die Verantwortlichen - Gesetzgeber wie Tarifpartner - müssen in Anbetracht der wirtschaftlichen Situation und der Arbeitsmarktlage ihre Gestaltungsspielräume nutzen, um Neueinstellungen zu erleichtern. Dazu ist es unabdingbar, dass in den Tarifverträgen Optionen geschaffen werden, die den Betriebspartnern Spielräume bieten, Beschäftigung zu fördern und zu sichern.“

Soweit die politische Vorgeschichte. Doch wie sieht die wirtschaftliche Wirklichkeit heute, zehn Jahre danach in unserer Stadt aus? Wurden neue Arbeitsplätze geschaffen und wenn ja, welche. Die Statistiken der Agentur für Arbeit, der Mülheimer Stadtforschung und des statistischen Landesamtes zeigen: Die Zahl der Erwerbstätigen stieg von 65.500 (2001) auf 69.400 im Jahr 2011. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der abhängig Beschäftigten von 59.700 auf 60.900.

Angestiegen ist zwischen 2001 und 2011 aber auch die Zahl der Arbeitnehmer, die in einem Teilzeitjob, in einem zeitlich befristeten Arbeitsverhältnis oder in einem Minijob beschäftigt sind. Ihre Zahl wuchs in diesem Zeitraum von 9900 auf 15.300 an. Damit erhöhte sich der Anteil der geringfügig, Teilzeit oder zeitlich befristet Beschäftigten von 16,7 auf 25,1 Prozent.

Geht man vom Jahr der Agenda 2010 (2003) aus, so lässt sich feststellen, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 54.562 (März 2003) auf 56.583 (Juni 2012) angestiegen ist. Im gleichen Zeitraum ist aber auch die Zahl der geringfügig Beschäftigten von 9.239 auf 16.553 angestiegen. Diesen Beschäftigungsverhältnissen standen im Juni 2003 111.451 und im Juni 2012 108.035 erwerbsfähige Mülheimer zwischen 15 und 64 Jahren gegenüber.

Betrachtet man im gleichen Zeitraum die Entwicklung der unterschiedlichen Wirtschaftssektoren, so ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Dienstleistungsberufen von 20.172 auf 22?761 angestiegen. Im Bereich Handel, Gastgewerbe und Verkehr wurde ein Rückgang von 15.682 auf 15.126 und im produzierenden Gewerbe ein Anstieg von 18.223 auf 18.695 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen registriert.

Sank die Zahl der auf Bundesebene registrierten Arbeitslosen zwischen März 2003 und Februar 2013 von 4,6 auf 3,2 Millionen, ging die Zahl der Mülheimer Arbeitslosen, laut Agentur für Arbeit, im gleichen Zeitraum von 7367 (9 Prozent) auf 6384 (7,6 Prozent) zurück.

Was sagt der Wirtschaftsförderer zur Agenda 2010? 

Der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft, Mülheim und Business, Jürgen Schnitzmeier, sieht die Agenda 2010 als einen wirtschaftspolitischen Erfolg an. „Sie hat die Grundlage dafür geschaffen, dass wir im europäischen Vergleich heute gut dastehen. Das Gesamtpaket der damaligen Reformen, hat auch den Mülheimer Arbeitsmarkt anpassungsfähiger und flexibler gemacht“, betont Schnitzmeier. Nach seiner Ansicht hat die Agenda 2010 dazu beigetragen, dass Arbeitnehmer in einer guten Konjunkturlage bessere Chancen haben, eingestellt zu werden, aber in einer schlechten Konjunktur auch ein höheres Risiko tragen, wieder entlassen zu werden. Dabei stellt er fest, dass sich auch Mülheimer Unternehmen in den letzten Jahren leichter tun, konjunkturbedingt Stellen auf- und wieder abzubauen. Allerdings sieht Schnitzmeier angesichts des Fachkräftemangels, etwa im Metall- und Pflegebereich und mit Blick auf den demografischen Wandel heute bessere Rahmenbedingungen für Arbeitnehmer als noch 2003. Vor allem seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 habe sich gezeigt, dass viele Unternehmen in Krisenzeiten mit Hilfe von Kurzarbeit versuchten, Fachkräfte in der Firma zu halten.

Dieser Text erschien am 15. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 17. März 2013

Warum aus der Germanistin Sabine Klischat, die eigentlich Journalistin werden wollte, vor über 20 Jahren eine "Klosterfrau" wurde

Sabine Klischat
Dass sie mal zur Klosterfrau werden würde, hätte sich Sabine Klischat nicht träumen lassen. Als sie an der Universität in Essen Germanistik studierte, liebäugelte sie mit einem Berufsleben als Journalistin.


Doch als Geisteswissenschaftlerin muss man flexibel sein und verschiedene Arbeitsplatzoptionen ins Auge fassen. Und so ließ sie sich vor 20 Jahren auf ein Praktikum in der damals noch jungen Bürgerbegegnungsstätte Kloster Saarn ein. Probieren ging für Klischat über Studieren und so wurde aus dem Praktikum eine Festanstellung im Mülheimer Kulturbetrieb.

Auch wenn es mit dem Traumberuf Journalistin nichts wurde, ist die heute 45-jährige Mutter eines Sohnes, im Rückblick dankbar für die Chance, die sie damals bekam. „Ich kann hier Beruf und Familie gut miteinander verbinden“, freut sich Klischat. Doch was macht die Frau im Kloster, in dem einst Zisterzienserinnen beteten und arbeiteten.

„Ich organisiere hier die Kulturarbeit. Und das macht wirklich Freude, weil man dabei sehr kreativ sein kann und ganz unterschiedliche Menschen kennen lernt“, sagt Klischat mit Blick auf Ausstellungen, Konzerte, Lesungen oder Kindertheateraufführungen, die im Kloster über die Bühne gehen. Regelmäßig ist sie unterwegs, um sich Gruppen und Künstler anzuschauen und anzuhören, die ihr ins Programm passen könnten. Nicht lange suchen muss sie nach geeigneten Ausstellungen für die Bürgerbegegnungsstätte. Angesichts einer langen Warteliste hat sie da eher die Qual der Wahl. Zwei Mal- und eine Fotogruppe treffen sich regelmäßig im Kloster.

„Das ist natürlich auch ein toller Veranstaltungsort, der mit seinen historischen Gebäuden für sich spricht und mir die Arbeit leicht macht“, schwärmt Klischat. Die vom Kirchenmusiker Werner Schepp verantwortete Musik im Kloster Saarn und das 2008 von den Saarner Klosterfreunden eröffnete Klostermuseum haben auch den Veranstaltungsort Bürgerbegegnungsstätte beflügelt.

Auch in den Sommerferien kommt im Kloster keine Langeweile auf. Der Ruhrsommer macht es möglich. Eintritt frei und Spaß dabei.

Das Programmspektrum reicht vom Theaterspaß für Kinder über ein Spiel- und Spielefest, mit dem Clown Friedhelm und seinen Freunden werden bis hin Shakespeare-Theaterfestival, das die Bürgerbegegnungsstätte im Kloster Saarn im Herbst 2012 zusammen mit dem Verein Interkultur über die Bühne gehen ließ.

Dieser Text erschien am 12. Juli 2012 in NRZ & WAZ

Samstag, 16. März 2013

Rückblick: Im März 1933 übernahmen die Nazis auch in Mülheim die Macht

Der März 1933 ist für Mülheim ein Schicksalsmonat. Vor 80 Jahren vollzieht sich hier die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Zwei Schlüsselfiguren sind Karl Camphausen und Wilhelm Maerz. Camphausen ist seit 1932 Kreisleiter der NSDAP, ein Amt, das er bis zum Einmarsch der amerikanischen Truppen am 11. April 1945 ausüben wird. Maerz ist Gauinspektor der NSDAP und wird am 31. März 1933 vom damaligen Regierungspräsidenten Josef Terboven zum Oberbürgermeister ernannt. Weil er von diesem Amt offensichtlich überfordert ist, wird er im Juni 1936 von seinen Parteifreunden in die Wüste geschickt. Der Regierungspräsident bescheinigt Maerz in einem Brief vom 31. März 1936, sich mit „persönlichen Ungeschicklichkeiten“ und „psychologischen Fehlern“ den massiven Widerstand seiner Mitbürger und Parteigenossen zugezogen zu haben. Danach verliert sich seine Spur.

Camphausen und Maerz sind beide Kleinbürger, die als Soldaten in Frankreich und Belgien am Ersten Weltkrieg teilgenommen haben. Beide sind im März 1933 noch vergleichsweise jung. Camphausen wurde 1896 in Mülheim und Maerz 1893 in Düsseldorf geboren. Nach dem Volks- und Realschulbesuch macht Camphausen eine Lehre als Handelsgehilfe, arbeitet als kaufmännischer Angestellter, als Handelsvertreter und macht sich später als Süßwarengroßhändler selbstständig. Maerz ist als Inspektor bei der Eisenbahndirektion Essen tätig. In einem Schreiben der Bezirksregierung wird Maerz 1936 zu den „alten Mitgliedern“ der NSDAP gezählt. Schon vor seiner Mülheimer Zeit ist er als Stadtrat und Fraktionsvorsitzender für die NSDAP in Essen aktiv. Camphausen tritt 1930, also auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise und fünf Jahre nach der Gründung des Mülheimer Ortsverbandes, in die NSDAP ein.

Die Partei Hitlers hat vor der letzten, halbwegs freien Kommunalwahl vom 12. März 1933 nur einen Stadtverordneten. Nach dem 12. März 1933 stellt sie 25 von 51 Stadtverordneten und stellt zusammen mit sechs Ratsherren der Deutschnationalen Volkspartei die Ratsmehrheit.

Diese Ratsmehrheit sorgt unter anderem dafür, dass Hitler und Hindenburg Ehrenbürger Mülheims werden, dass die Polizei durch Hilfskräfte von SA und SS verstärkt wird, jüdische Unternehmen von städtischen Aufträgen ausgeschlossen bleiben und den neuen Machthaber politisch missliebige Beamte aus dem Dienst entlassen werden. Schon Anfang März werden in Mülheim rund 100 Kommunisten verhaftet.

Im Rathaus kursieren jetzt schwarze Listen und Dossiers. Der seit 1930 amtierende Oberbürgermeister Alfred Schmidt und seine Beigeordneten Wilhelm Loos, Werner Hoosmann und Arthur Brocke werden unter dem auch publizistisch verbreiteten Vorwurf der Korruption aus ihren Ämtern und im Falle Brockes sogar in den Tod getrieben. Dabei erweisen sich die Vorwürfe schon bald als haltlos und die Staatsanwaltschaft muss ihre Ermittlungen einstellen. Doch die Nazis haben ihr Ziel erreicht und ihre Gegner eingeschüchtert oder aus dem Weg geräumt. Auch in Mülheim gibt es damals die sogenannten „Märzgefallenen“, die in die NSDAP eintreten, um ihre Karrierechancen zu steigern.

Schon vor der Kommunalwahl vom 12. März 1933 fühlen sich die Nazis wie die Herren im Haus, feiern mit Umzügen und öffentlicher Beflaggung ihren Sieg. Am Tag vor der Reichstagswahl vom 5. März 1933 kommt Hitlers Vizekanzler Franz von Papen nach Mülheim, um für die Koalition aus NSDAP und Deutschnationalen zu werben. Die NSDAP gewinnt bei dieser Wahl in Mülheim 37,5 Prozent und die Deutschnationale Volkspartei 12,6 Prozent der Stimmen. Damit liegt die NSDAP unter und die DNVP über ihrem Reichsdurchschnitt von 43,9, respektiven acht Prozent der Stimmen.

Doch schon im Juli 1933 gibt es nur noch eine Partei, die NSDAP. Die kommunalpolitischen Befugnisse des Rates gehen de facto auf einen neuen Beschließenden Ausschuss über, dem sechs Stadtverordnete und der Oberbürgermeister angehören. Doch der eigentliche Machtfaktor hinter dem Oberbürgermeister Maerz ist der NSDAP-Kreisleiter Camphausen. Dieses Amt übt Camphausen, der zuletzt als Buchhalter für die Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft gearbeitet hatte, ab April 1933 hauptberuflich aus.

Ab Dezember 1933 gilt auf der Basis einer neuen Kommunalverfassung auch in der Mülheimer Verwaltung das Führerprinzip. Stadträte und Oberbürgermeister werden nur noch durch den Oberbürgermeister oder den Innenminister ernannt, wobei der Kreisleiter der NSDAP ein Vorschlagsrecht hat.

Bei dieser Machtposition überrascht es nicht, dass Camphausen, der ab 1933 dem Stadtrat und ab 1938 auch dem Reichstag angehört, schon nach einem Jahr als Offizier bei der Wehrmacht als „unabkömmlich“ vom Kriegsdienst befreit und stattdessen zur Ernährungsbeauftragten des NSDAP-Gaus Essen ernannt wird.

Was wurde aus den Mülheimer NS-Größen?
Obwohl Wilhelm Maerz bei seiner Verabschiedung als Oberbürgermeister im Rat der Stadt am 26. Mai 1936 davon spricht, dass es Verhandlungen darüber gebe, ihn in einem neuen Amt zu verwenden, verliert sich seine Spur nach seinem Amtsverzicht. Eine Nachfrage beim Landesarchiv ergab, dass er nach seiner Zeit als Oberbürgermeister in Mülheim in den Dienst der Reichsbahn zurückkehrte und bis 1945 in Frankfurt am Main, in Trier und in Dresden tätig war. Danach verliert sich seine Spur endgültig. Wo er nach Kriegsende gelebt hat und wann er gestorben ist, ließ sich nicht mehr ermitteln.

Über den Kreisleiter der NSDAP, Karl Camphausen, weiß man dagegen, dass er am 28. Juni 1945 von der britischen Militärregierung interniert und am 20. Januar 1948 vom Spruchgericht in Hiddessen wegen seiner Zugehörigkeit zum Korps der politischen Leiter der NSDAP zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Da er zuvor bereits in verschiedenen Lagern interniert war und zeitweise bei der Deutschen Hütten- und Bergwerksgesellschaft in Bad Lauterberg/Hartz arbeiten musste, wurde Camphausen bereits am am 22. April 1950 aus der Haftanstalt Esterwegen-Papenburg entlassen. Anschließend kehrte der fünffache Vater, der sich selbst als „gottgläubig“ bezeichnete, aber 1936 aus der evangelischen Kirche ausgetreten war, nicht nach Mülheim zurück, sondern ließ sich als Handelsvertreter im Kreis Lippe nieder. Dort starb er am 11. August 1962.

Dieser Text erschien am 8. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 15. März 2013

Ein Schauspiel fürs Leben: Was zieht es die Backsteintheaterdebütantin Marie Elisabeth Zipp auf die Bühne?


Für Marie Elisabeth Zipp war es eine Premiere in der Premiere. Denn am Wochenende spielte sie in Alan Ayckbourns Komödie „Ein komisches Talent“ in der Rolle als Schauspielaktroidin Jacie zum ersten Mal für das Backsteintheater im Kasino des Evangelischen Krankenhauses. Nach der Premiere fragte die NRZ, was man im Theater auch fürs Leben lernen kann.

Frage: Wie kamen Sie zum Backsteintheater?

Antwort: Zipp: Durch eine Bekannte, die vom Backstein-Regisseur Michael Bohn gehört hatte, dass er noch jemanden für die Rolle der Jacie suchte. Sie wusste, dass ich schon mehrfach in Musicalaufführungen mitgewirkt habe. Ich habe dann Kontakt zum Theater aufgenommen und bin auch sofort ganz herzlich im Ensemble aufgenommen worden.

Frage: Was reizt Sie am Theater?

Antwort: Es ist einfach toll, mit anderen zusammen an einem Projekt zu arbeiten, das man am Ende dann auch Zuschauern präsentieren kann. Und wenn die Resonanz des Publikums stimmt, wie an diesem Wochenende, ist das natürlich großartig. Als Darstellerin schlüpft man auf der Bühne in Rollen, die man zum Teil auch aus dem Alltag kennt, aber es ist einfach alles viel intensiver und komprimierter.

Frage: Was war der Unterschied zu Ihren bisherigen Musicalauftritten?

Antwort: Dass nicht gesungen wurde. Singen verleiht der Handlung sehr viel mehr Struktur und hilft den Darstellern, in die Emotionen ihrer Rolle hineinzukommen. Das ist beim Theater eine ganz andere Herausforderung. Diese andere Bühnenerfahrung hat mich fasziniert.

Frage: Hatten Sie vor Ihrem ersten Theaterauftritt Lampenfieber?

Antwort: Ich bin nicht der Lampenfiebertyp, sondern freue mich immer darauf, mit anderen zusammen auf der Bühne zu stehen. Zumal wenn ich, wie in diesem Ensemble, mit Leuten zusammen spielen kann, die auch menschlich toll sind.

Frage: War es schwierig für Sie zwischen Mensch und Maschine zu wechseln?

Antwort: Das war ein Lernprozess, der sich während der Proben entwickelt hat. Ich habe mich immer wieder in die Figur hineingedacht und überlegt, wie würde das jetzt maschinell ablaufen und was könnte eine Maschine in dieser Situation fühlen. Der Vorteil von Jacie ist ja, dass sie Humor und insofern menschliche Züge hat. An diese Emotionen konnte ich gut anknüpfen.

Frage: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Marie Zipp und Jacie?

Antwort: Vielleicht, dass wir beide erleben, wie eng Trauer und Freude beieinanderliegen und das wir neugierig sind und dass wir jeden Tag etwas Neues dazu lernen und die Welt so immer wieder neu entdecken.

Frage: Sehen Sie auch im richtigen Leben Menschen, die wie ein Schauspielaktroid ihre auf der sozialen Festplatte gespeicherte Rolle herunterspielen?

Antwort: Wir leben in einer hektischen und von Regeln stark durchstrukturierten Gesellschaft, in der wir mitschwimmen und deshalb manchmal auch eine bestimmte Rolle spielen müssen. Da steht man unter einem gewissen Zwang. Denn wenn man das nicht macht, hat man Pech gehabt. Da ist es schon schwierig , seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Aber ich kenne Gott sei Dank mehr Menschen, die sehr ehrlich sind und nicht nur eine Rolle spielen. Ich denke da zum Beispiel an meine behinderte Schwester, die ein Down Syndrom hat. Ich bin so dankbar dafür, dass ich sie habe. Denn das sind die ehrlichsten Menschen der Welt, die so eine Lebensfreude ausstrahlen, dass wir uns alle davon eine Scheibe abschneiden können.

Frage: Was kann man aus dem komischen Talent als Zuschauer mitnehmen?

Antwort: Man nimmt die Erkenntnis mit, dass man Humor und Ernsthaftigkeit sehr gut miteinander verbinden kann. Und das man nicht nur als Schauspielaktroid, sondern auch als Mensch immer wieder in neue Situationen hineineingeworfen wird, aus denen man sich am besten freischwimmen kann, wenn man einen Menschen hat, der einem beisteht und hilft, sich im Leben zu orientieren.

Frage: Was ist für Sie, als angehende Erziehungswissenschaftlerin, der pädagogische Mehrwert des Theaters, jenseits der guten Unterhaltung?

Antwort: Theater ist ein pädagogisches Eldorado, weil man auf der Bühne Beziehungen spielen und sehen kann, wie man selbst auf andere wirkt. Als Zuschauer kann man Theater nicht nur genießen und vom Alltag abschalten, was auch pädagogisch sinnvoll ist, sondern auch das Gesehene reflektieren und so etwas für sein Leben mitnehmen.

Marie Elisabeth Zipp ist 25 und kommt aus Dümpten. Nicht nur dort hat sie in den Pfarrkirche St. Barbara bereits als Musicaldarstellerin in den Musicals über Nikolaus Groß und in dem Musical „Jinai“ mitgewirkt. An der Musicalakademie in Osnabrück hat sie eine Ausbildung gemacht und studiert jetzt an der Ruhruniversität Bochum Germanistik und Erziehungswissenschaften. Bevor sie als Darstellerin beim Backsteintheater einstieg, hat sie im Rahmen eines Auslandspraktikums Schülern in Sri Lanka Deutsch beigebracht. Außerdem arbeitet sie neben ihrem Studium als Lerntrainerin für die Caritas und organisiert zusammen mit Freunden Musical-Benefizaufführungen, deren Erlöse bedürftigen Kindern in Rumänien zugute kommen.   Dieser Text erschien am 12. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 14. März 2013

Situationskomik und Wortwitz mit Denkanstoß: Die 24. Backsteintheaterpremiere von Alan Ayckbourns "Ein komisches Talent"


Gar nicht so einfach, zwischen Mensch und Maschine zu wechseln. Zwischen den mechanischen Bewegungen eines Schauspielroboters und den Emotionen eines Menschen aus Fleisch und Blut hin und her zu springen. Darauf müssen sich Schauspieler und Zuschauer bei der Backsteintheater-Premiere von „Ein komisches Talent“ erst mal einstellen. Nur langsam nimmt Alan Ayckbourms Komödie Fahrt auf. Es geht um den von Klaus Wehling herrlich tollpatschig und unbeholfen gespielten Autor Adam Trainsmith, der sich in den Schauspielroboter Jacie (Marie Elisabeth Zipp) verliebt. Denn sie (oder es) hat Humor und lacht immer an den richtigen Stellen.

„Ich fand das komisch. Ich habe Gefühle. Ich glaube, ich habe einen Defekt“, lässt Jacie Adam an einer Stelle wissen. Und von diesen wunderbaren menschlichen Defekten, die zwischen Mensch und Maschine zu Irrungen und Wirrungen, aber am Ende auch zum Happy End führen, lebt auch die 24. Premiere des Backsteintheaters. Sie beginnt in einem Fernsehstudio der Zukunft. Dort dreht Regisseur Chandler Tate (Wolfgang Bäcker) mit computergesteuerten „Schauspielaktroiden“ eine tägliche 0815-Krankenhausserie. Sehr anschaulich spielt Bäcker den ruppigen, weil desillusionierten Idealisten, der Trainsmith einmal wissen lässt: „Ich bin gerne ein Revoluzzer, aber manchmal muss ich auch an meine Rente denken.“

Autor Adam denkt natürlich nicht an seine Rente, sondern an ein Stück, das er für Jacie schreiben will und das ihrem komischen Talent gerecht werden soll. Dieses Talent für Komik durch Timing beweist Jacie auch, als sie der schnippischen und frustrierten Produzentin Carla Pepperbloom, sehr authentisch gespielt von Ursula Bönte, eine Sahnetorte ins Gesicht klatscht, weil diese zu wissen glaubt, „dass so ein Schauspielaktroide soviel Humor und Persönlichkeit hat wie ein Kühlschrank.“

Weil dem allzu menschlich aus seiner Rolle fallenden Schauspielautomaten die Einschmelzung droht, fliehen Adam und Jacie und erleben eine komische Situation nach der anderen. Mal einfühlsam, mal temperamentvoll führt uns Marie Zipp einen zwischen Mensch und Maschine schwankenden Charakter vor. Der kann in schwierigen Situationen nur auf Versatzstücke aus seiner Serienprogrammierung zurückgreifen. „Ich kann doch nur sagen, was andere mir aufgeschrieben haben. Wenn du 100 Jahre wartest, kannst du vielleicht mal einen eigenen Satz von mir hören“, meint Jacie zu Adam. Doch der weiß: „Das machen wir doch alle. Wer ist heute noch kreativ?“ Nicht nur hier hält das Stück, das von schrulligen Charakteren und Situationskomik lebt, dem Publikum den Spiegel vor und fragt: Wer von uns ist echt?

Dieser Text erschien am 11. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 12. März 2013

Was der Styrumer Schulleiterin Ingrid Lürig zum Internationalen Frauentag und zur Gleichberechtigung der Geschlechter einfällt

Haben Frauen in Zeiten einer Bundeskanzlerin, einer Oberbürgermeisterin oder einer Polizeipräsidentin immer noch Nachholbedarf in Sachen Gleichberechtigung? Anders gefragt: Hat ein Frauentag, wie er am 8. März  begangen wurde, noch eine substantielle Berechtigung? Und wenn ja, was sind die Unterschiede, die es auszugleichen gilt? Darüber sprach ich für die NRZ mit Ingrid Lürig, die seit fast einem Jahr die Styrumer Willy-Brandt-Gesamtschule leitet.

Frage: Frau Lürig, Sie dürfen sich jetzt frauenpolitisch etwas wünschen.

Antwort: Lürig: Ich würde es mir wünschen, dass Frauen und Männer die gleichen Chancen haben, in ihrem Beruf aufzusteigen, wenn sie das möchten. Ich glaube, dass Frauen immer noch mehr leisten müssen, um beruflich voranzukommen. Hinzu kommt, dass sich immer noch viele Frauen in ihrer traditionellen Rolle auch wohlfühlen und deshalb beruflich kleinere Brötchen backen, um sich um ihre Familie kümmern zu können.

Frage: Haben Frauen ein anderes Karriereverhalten als Männer?

Antwort: Ich glaube, dass Frauen bei Bewerbungen sehr viel vorsichtiger sind als Männer, weil sie eine sehr kritische Selbsteinschätzung haben und sich immer wieder fragen: Wo liegen meine Schwächen? Kann ich das schaffen? Männer sind da oft selbtbewusster und sagen: Na, klar. Das kann ich.

Frage: Lernen Mädchen in der Schule anders als Jungs?

Antwort: Es gibt gut lernende Mädchen und gut lernende Jungs. Man findet bei beiden Geschlechtern ganz unterschiedliche Lerntypen. Was mir auffällt ist, dass sich Mädchen oft besser an bestimmte Situationen anpassen können und das von den zehn besten Abiturienten unseres letzten Jahrgangs acht Mädchen waren.

Frage: Geraten die Jungs vielleicht sogar ins Hintertreffen?

Antwort: Vielleicht hat dieser Eindruck damit zu tun, dass man früher einfach gesagt hat: Das ist eben ein Junge, wenn jemand laut oder aufsässig war. Heute wird sofort gefragt, ist der Junge vielleicht auffällig oder hat er sogar ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Mit ruhige Schülern kann man als Lehrer natürlich immer leichter umgehen, so dass etwas schwierige Jungs heute eher ins Hintertreffen geraten.

Frage: Also ist das starke Geschlecht heute eher weiblich?

Antwort: Ich glaube, dass Frauen immer schon bewiesen haben, ausdauernd zu sein. Das war schon bei den Trümmerfrauen so und das ist auch heute bei vielen alleinerziehenden Frauen so. Ich würde Männer und Frauen aber nie über einen Kamm scheren. Es gibt starke Männer und starke Frauen, so wie es schwache Frauen und Männer gibt. Es gibt Männer und Frauen, die im Beruf wie in der Familie viel auf die Reihe bekommen und andere, die sich auf ihre klassischen Geschlechterrollen zurückziehen und damit zufrieden sind.

Frage: Was bleibt in Sachen Gleichberechtigung noch zu tun?

Antwort: Im öffentlichen Dienst haben wir den Vorteil, dass Frauen und Männer für gleiche Arbeit gleich bezahlt werden. In anderen Wirtschaftsbereichen ist das noch anders. Deshalb wünsche ich mir in bestimmten männerdominierten Industriezweigen eine Frauenquote. Außerdem brauchen wir mehr Männer, die ihr Recht auf Erziehungsurlaub und Familienzeit in Anspruch nehmen.



Ingrid Lürig hat es mit 58 Jahren an die Spitze einer großen Schule geschafft. Und wie? „Mein Vorteil war, dass ich elf Jahre stellvertretende Schulleiterin war und viel Selbstvertrauen sammeln konnte. Bei der Bewerbung auf die Position als Vize habe ich mich damals aber schon gefragt: Kannst du das und habe männliche Mitbewerber erlebt, für die das keine Frage war.“

Lürig selbst sieht sich als Mannschaftsspielerin, die auch mit ihren Schwächen offen umgehen kann und weiß, dass es darauf ankommt, in einem Team die persönlichen Stärken zu bündeln - egal welchen Geschlechts sie daherkommen

Dieser Text erschien am 9. März in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 11. März 2013

Kinderarmut ist auch in Mülheim ein Thema: Der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer, plädiert für konsequente Frühförderung

„Immer mehr Kinder leben in Armut“, titelte die NRZ in ihrer Ausgabe vom 6. März 2013. Der Paritätische Wohlfahrtsverband weist darauf hin, dass 2012 1,7 Millionen Kinder, 100.000 mehr als im Jahr zuvor, in Familien leben, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind.


Auch in Mülheim stellt der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer, eine „Verfestigung der Armut“ und eine „gesellschaftliche Spaltung zwischen gut situierten Familien und Familien in sozialer Schieflage“ fest. Er verweist unter anderem auf die Familienberichterstattung, die insbesondere in den Stadtteilen Stadtmitte, Styrum, Eppinghofen und Dümpten einen hohen Anteil von Kindern ausmacht, die in Familien aufwachsen, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind. Schreyer sieht ein „Milieu der Langzeitarbeitslosigkeit“, in dem Kinder schon früh Perspektivlosigkeit erleben.

Das Diakoniewerk versorgt mit seiner Tafel derzeit täglich rund 1000 Bedürftige mit Lebensmitteln. 570 davon sind Kinder, die an 15 Schulen mit einem Frühstück versorgt werden, weil sie ohne Pausenbrot zur Schule kommen. „Auch jemand, der auf Arbeitslosengeld II angewiesen ist, kann seinem Kind ein Butterbrot mit in die Schule geben“, findet Schreyer. Hier sieht er keine Geld,- sondern eine Versorgungsarmut. Deshalb plädiert der Geschäftsführer des Diakoniewerkes im Kampf gegen die Kinderarmut auch nicht für mehr Kindergeld oder eine Kindergrundsicherung, sondern für eine „massive Frühförderung mit verbindlichen Strukturen.“ Wenn er von Kindern hört, die bei der Schuleingangsuntersuchung nicht hüpfen, nicht rückwärts gehen und keinen richtigen Satz auf die Beine bringen können, fragt er sich: „was da in den ersten sechs Lebensjahren, die für die Persönlichkeitsentwicklung entscheidend sind, passiert ist oder nicht passiert ist.“

Weil es Eltern gibt, die ihre Kindern nicht fördern können oder wollen, weil sie vorhandene Beratungs- und Hilfsangebote nicht wahrnehmen, fordert Schreyer „niederschwellige Anlaufstellen, wo Kinder etwas zu essen bekommen, ihre Hausaufgaben machen und einen geschützten Spielort finden können.“ Für ihn kommt es darauf an, „dass man Dinge schafft, mit denen man Kinder möglichst früh in den Blick nehmen kann.“ Die Hebammen, die in Mülheim Familien mit Neugeborenen besuchen, sieht er als einen guten Ansatz der Frühförderung. Aber die Kindertagesstätten müssen aus seiner Sicht noch viel besser ausgestattet werden. „Für die Frühförderung müssen wir Mittel umverteilen und bündeln. Da muss was passieren, weil wir nur die Kinder haben, die da sind und weil das eine Frage unseres gesellschaftlichen Überlebens ist“, betont Schreyer. Er glaubt, „dass wir genug Geld im System haben, das aber nicht immer an den richtigen Stellen ankommt“ und denkt dabei zum Beispiel an das Ehegattensplitting oder an das Betreuungsgeld.

Dieser Text erschien am 7. März in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 10. März 2013

Identität und Begegnung oder: Warum sich Burglind Werres im Geschichtsgesprächskreis Styrum und für die Gemeindebücherei von St. Mariae Rosenkranz engagiert


Burglind Werres mag Menschen und Bücher. Als Pharmazeutisch-technische-Assistentin hat sie in der Apotheke Menschen mit Heilmitteln versorgt, ehe sie aus ihrem Berufs ausstieg und sich ganz um die Menschen in ihrer Familie zu kümmern. Heute engagiert sie sich im achtköpfigen Bibliotheksteam ihrer Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz und im Styrumer Geschichtsgesprächskreis. Beide Aktivitäten sind für sie zwei Seiten derselben Medaille.

„Das ist ein Ort der Kommunikation“, sagt sie über die kleine Gemeindebücherei am Marienplatz, deren Wohnzimmercharme sie gerne bald aufpeppen möchte. Aber vielleicht ist es ja eben dieser gemütliche Wohnzimmercharme und die gemütvollen Menschen, die sich hier engagieren, die Menschen anziehen, weil sie nicht nur ein gutes Buch, sondern auch ein gutes Wort und ein offenes Ohr suchen. „Man merkt manchen Menschen, die hier hinkommen an, dass sie einsam sind und das es ihnen richtig gut tut, wenn sie mal jemanden haben, mit dem sie reden können und der ihnen zuhört.“ Und das „Lesen Kinder stark macht“, weil sie so ihre Sprache und Phantasie entwickeln und spielerisch Wissen und Lebenserfahrung sammeln können, steht für Werres außer Frage.

Deshalb bieten ihre ehrenamtlichen Mitstreiterinnen und sie neben geselligen Literaturveranstaltungen für die reiferen Leseratten auch einen Schnupper- und Entdeckungstag an, der Kindergartenkinder „bib(liotheks)fit“ machen soll und sie deshalb ganz spielerisch einen Büchereiführerschein erwerben lässt.

Und wie ist das mit dem Geschichtsgesprächskreis, der sich am 22. Februar (um 10 Uhr) von Gemeindemitglied Hans Hanisch durch die Styrumer Marienkirche führen lässt? Werres, die vor 32 Jahren in den Stadtteil zog, zieht einen Bildband aus dem Regal, mit dem Hanisch den Leser und Betrachter hinter die Kulissen von St. Mariae Rosenkranz schauen lässt. Es ist nicht das einzige Buch über den Stadtteil. Allein vier Bände hat der Geschichtsgesprächskreis über die wechselvolle Geschichte des Stadtteils geschrieben, in dem der katholische Unternehmer August Thyssen 1871 sein erstes eigenes Stahlwerk errichtete und 1894 die Kirche St. Mariae Rosenkranz bauen ließ.

Kommunikation ist für Werres das Schlüsselwort, das ihr Engagement in der katholischen Bücherei und im Geschichtsgesprächskreis inspiriert. Zusammen mit Marlies-Pesch Krebs kümmert sie sich zum Beispiel um die Pflege eines historischen Klassenzimmers, in dem Kinder und Erwachsene wie Anno Dazumal die Schulbank drücken und dabei ganz viel über die Styrumer Schul- und Stadtteilgeschichte lernen können. „Als jemand, der erst später hier hin gezogen ist, bin ich immer wieder davon fasziniert, wie sich das Leben in diesem von der Industrie geprägten Stadtteil früher angespielt hat und das die Menschen früher sehr viel mehr miteinander gesprochen haben.“ Das kommt aus ihrer Sicht heute viel zu kurz, weil die Menschen viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und auch medial zerstreut sind.

Dabei erlebt sie im Geschichtsgesprächskreis immer wieder, „dass die Leute, die die Geschichte des Stadtteils kennen sich auch viel eher dafür interessieren, was heute im Stadtteil geschehen muss.“ Da geht es dann nicht nur um Dönekes aus Opas und Omas Zeiten, sondern auch um den Erhalt eines Sportplatzes, der verkauft und bebaut werden soll oder um den neuen Bürgerbus und die Probleme, die der Straßenverkehr für den Stadtteil mit sich bringt. „Wer die Geschichte eines Stadtteils kennt, ist auch daran interessiert, ihn zu bewahren, zu gestalten und mitzutragen“, glaubt Werres.

Dieser Beitrag erschien am 1. März 2013 im Ruhrwort

Samstag, 9. März 2013

Was man in der Kinder- und Jugendbuchliteratur über Gott und die Welt lernen kann: Eindrücke einer Spurensuche in der katholischen Akademie Die Wolfsburg


Wenn etwas in unserer schnelllebigen Zeit 25 Jahre Bestand hat und immer wieder nachgefragt wird, beweist das seinen Wert. Deshalb konnten sich das Medienforum des Bistums, seine katholische Akademie Die Wolfsburg, der Borromäusverein, das Kinder- und Jugendliteraturzentrum NRW und die Bundeszentrale für Politische Bildung als Veranstaltergemeinschaft darüber freuen, dass sich interessierte und engagierte Menschen aus dem katholischen Bibliothekswesen sowie aus den Bereichen Bildung, Erziehung, Jugendarbeit und Literatur zum 25. Mal auf eine religiöse Spurensuche in der wunderbaren Welt der Kinder- und Jugendliteratur begaben.

„Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Generationen durch die gemeinsame Beschäftigung mit Kinder- und Jugendliteratur religiöse Dimensionen entdecken und gemeinsame Erfahrungen machen können, die dazu führen, das man über den Glauben ins Gespräch kommt“, berichtet Vera Steinkamp vom Medienforum. Sie begleitet die Veranstaltungsreihe, die auf eine Initiative des Schriftstellers Willi Fährmann und des Weihbischofs Franz Grave zurückgeht, seit ihrem Beginn. Auch wenn Steinkamp einräumt, dass die religiösen Spuren in der Literatur heute oft nicht mehr so deutlich sichtbar werden wie noch vor 25 Jahren, zeigte doch auch die aktuelle Tagung in der Wolfsburg, dass sie sehr wohl vorhanden sind.

Inspiriert vom Tagungsthema: „Irgendwie anders – Wann wird das Andere zum Fremden?“ konfrontierte der Literaturwissenschaftler Volker Wortmann von der Universität Hildesheim die 140 Tagungsteilnehmer zum Beispiel mit einer aussagekräftigen Szene aus Yann Martels Roman „Schiffbruch mit Tiger“, in der der hindusitische Junge Pi in Indien zunächst einen Priester beobachtet und dann zum ersten Mal eine Kirche betritt, wo er aus seiner unbefangenen Fremdheit heraus gleich zentrale Fragen an die religiöse Bedeutung und Gestaltung des Kirchenraumes stellt. Die katholischen Zuhörer reagierten mit nachdenklicher Heiterkeit, als sich Pi fragt, warum ausgerechnet eine „Folterszene“ (Kreuzigung) im Mittelpunkt eines Gotteshauses stehe, warum Gott sich das antue und was es mit „mit den fetten fliegenden Babys“ (Engeln) auf sich habe. Vom sich Wundern „über den Fußgänger-Gott, der sich nur einen Esel leisten konnte“ wird da ebenso berichtet, wie von der einladenden Ausstrahlung des wartenden und arbeitenden Priesters, dessen Tür für Besucher immer offen steht.

Für Wortmann leistet solche Literatur, „dass sich Leser auf einen Perspektivwechsel einlassen müssen, weil sie das ihnen Bekannte und Vertraute plötzlich als fremd erfahren und so die Erfahrung machen, dass die eigenen religiösen Traditionen keine Totalität darstellen und deshalb auch nicht verabsolutiert werden können.“ Für Wortmann haben Gott und Fremde eines gemeinsam: „Man sollte nicht über sie, sondern lieber mit ihnen sprechen.“

Ebenso wie Wortmann, plädierte auch die Soziologin und Psychoanalytikerin Eva-Maria Nasner-Maas von der Universiät Osnabrück für einen Perspektivwechsel, der das Fremde und den Fremden weder tabuisiere noch idealisiere. Als Vorbild empfahl sie ihren erwachsenen Zuhörern den „experimentellen Blick eines kleinen Kindes“, das im Spannungsfeld zwischen Neugierde und Angst jeden Tag neues entdecke und damit aus dem anfänglich Fremden Vertrautes werden lasse. Wie Wortmann und Nasner-Maas glaubt auch Schriftsteller Willi Fährmann weniger an die Wirkkraft politisch korrekter Literatur, die den „Neger“ aus alten Kinderbüchern verbannt, als vielmehr „an das Erzählen menschlicher Schicksale, die zeigen, wie Menschen leben“ und so auch anfangs fremde Menschen verstehbar und vertraut mache.

„Man merkt die Absicht und ist verstimmt“, machte denn auch Akademiedozent und Tagungsleiter Matthias Keidel deutlich, dass politisch überkorrekte Kinder- und Jugendliteratur vielleicht gut gemeint, aber nicht gut gemacht ist und deshalb am Ende oft das Gegenteil ihrer ursprünglichen Absicht erreicht. Deshalb warnt Vera Steinkamp vom Medienforum auch mit Blick auf die religiöse Spurensuche in der Kinder- und Jugendliteratur davor „deren religiösen Erfahrungsräume katechetisch zu instrumentalisieren.“

Dieser Text erschien am 1. März 2013 im Ruhrwort

Donnerstag, 7. März 2013

Ein komisches Talent: oder: Maschinen sind manchmal auch nur Menschen: Ein Blick auf die neueste Premiere des Backsteintheaters

Das ist wohl die Horrorvorstellung für jeden Schauspieler, ersetzt zu werden durch einen Schauspielroboter. In solch eine „schöne neue Fernsehwelt“, in der die tägliche Krankenhausserie mit ihren 08/15-Dialogen von Robotern gespielt wird, lässt uns das Mülheimer Backsteintheater mit seiner 24. Premiere schauen.


Aber keine Angst. Hier spielen Gott sei Dank noch echte Schauspieler aus Fleisch und Blut, die mehr drauf haben als 08/15-Dialoge. „Ich mag Stücke, die nicht nur komisch sind, sondern auch eine gewisse Tiefe haben“, sagt Regisseur Michael Bohn. Das erklärt, warum sein Ensemble und er mit „Ein komisches Talent“ wieder ein Stück von Alan Ayckbourn inszenieren, der den Backsteintheaterfreunden noch von den „Schlafzimmergästen“ in unterhaltsamster Erinnerung sein dürfte.

Diesmal erzählen neun Schauspieler, die in 23 Rollen zu sehen sein werden, die Geschichte eines etwas verschrobenen TV-Autors Adam Trainsmith (dargestellt von Klaus Wehling), der sich in die eine Krankenschwester darstellende Roboterschauspielerin Jacie (dargestellt von Marie Zipp) verliebt, weil sie irgendwie anders und besonders ist. Denn sie lacht immer an den lustigsten Stellen. Sie hat Humor. Man ahnt es. Die beiden verlieben sich ineinander und brennen durch. Doch das führt zu einigen Verwicklungen. Denn Jacie hat auf ihrer Festplatte kein Programm für das richtige Leben, sondern nur Spielszenen aus dem Serienalltag gespeichert.

Das kann ja heiter werden. „Die Zuschauer erwartet ein sehr abwechslungsreiches Stück“, verspricht Regisseur Bohn.

Die technisch und räumlich erweiterten Möglichkeiten im neuen Probenquartier an der Schulstraße und die künstlerische Unterstützung durch die Kulissenmalerin Charlotte Leimbrock haben die Schauspieler des Backsteinensembles dazu motiviert, sich an ein etwas komplexeres Stück mit vielen Szenen- und Kostümwechseln heranzutrauen.

„Ich bin von der ersten Sekunde toll im Ensemble aufgenommen worden. Das hat super funktioniert. Und es macht mir einfach Freude, in der Gemeinschaft etwas zu erarbeiten, was sich dann auch sehen lassen kann“, sagt Backstein-Novizin Marie Zipp. Jenseits der Bühne studiert sie Erziehungswissenschaften und Germanistik, war aber auch schon im Nikolaus-Groß-Musical der katholischen Pfarrgemeinde St. Barbara zu sehen.

Ihr Bühnenpartner Klaus Wehling kam vor acht Jahren als Inspizient zum Backsteintheater, ehe er sich als Taxifahrer in „Mein Freund Harvey“ 2009 erstmals auf der Bühne traute und damit sein Schauspieltalent entdeckte. Was reizt ihn an der Figur des Autors Adam Trainsmith? „Er ist ein Mensch, der etwas kann, was eigentlich jeder anstreben sollte, nämlich über Äußerlichkeiten eines Menschen hinwegzusehen und sein eigentliches Wesen zu erkennen“, beschreibt Wehling dessen hervorragendsten Charakterzug. Das inspiriert den spätberufenen Schauspieler, der im richtigen Leben beim Umweltamt arbeitet.

Wenn man Zipp und Wehling fragt, was sie auf die Bühne zieht, sind sich die beiden einig: „Auf der Bühne kann man in Rollen schlüpfen und Emotionen ausleben, die man sich im richtigen Leben vielleicht nicht erlauben würde.“

Premiere ist am 9., 10. und 16. März um 19 Uhr im Kasino des Evangelischen Krankenhauses. Eintritt: frei. Karten gibt es unter 0208/3092067 oder im Restaurant Schatulle am Muhrenkamp in der Altstadt Internetinfos unter www.evkmh.de

Dieser Beitrag erschien am 26. Februar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG und in der WESTDEUTSCHEN ALLGEMEINEN

Dienstag, 5. März 2013

Warum der Brandschutz der Lernatmosphäre in der Klostermarktschule in die Quere kommt

Lange, breite und hohe Flure mit kahlen Wänden. Dieses Foto erinnert an eine Haftanstalt. Tatsächlich entstand es am Freitagnachmittag in einer Lehranstalt, der Grundschule am Klostermarkt. Die neue Kargheit auf den Fluren des Saarner Schulgebäudes, dessen 100. Geburtstag 2012 gefeiert werden konnte, ist den Brandschutzauflagen geschuldet.


Schülerjacken und Kinderbilder sind als potenzielle Brandbeschleuniger aus den Schulfluren verbannt worden. Elternvertreterinnen schlagen jetzt Alarm, weil sie fürchten, dass ein aus ihrer Sicht überzogener Brandschutz die Lernatmosphäre in der Schule ihrer Kinder nachhaltig beschädigen könnte. Jetzt hat sich die Schulpflegschaft der gerade erste brandschutztechnisch modernisierten Schule am Klostermarkt mit einem Brief an den Leiter des städtischen Immobilienservice, Frank Buchwald, gewandt. Ihre Forderung: Der Immobilienservice soll zusammen mit der Schulleitung, der Feuerwehr, der Bauaufsicht und dem Schulamt die Brandschutzregelungen „so überdenken, dass schnellstmöglich eine für alle Betroffene akzeptable Situation hergestellt werden kann.“

Die Zweitklässlerin Lucie und die beiden Viertklässler Hauke und Benjamin finden, dass die über drei Meter breiten Flure ihrer Grundschule am Saarner Klostermarkt „jetzt wie verlassen“ aussehen. Deren hohe und kahle Wände finden sie „langweilig, blöd und unkreativ.“ Lucies Mutter, die Schulpflegschaftsvorsitzende Marjorie van den Boomen formuliert ihren spontanen Eindruck so: „Das sieht hier aus, wie in einem alten Gefängnis.“


Das sah vor dem 21. Januar 2013 ganz anders aus. Damals hingen an den Wänden bunte Kinderbilder und Infocollagen. Und an den denkmalgeschützten Kleiderhaken hingen bunte Jacken, Mäntel und Beutel. Doch am 21. Januar informierte die Schulleitung die Eltern über die Brandschutzauflagen, die dazu führten, dass in den Schulfluren sofort alles abgehängt werden musste, was im Brandfall zum Feuerfang und Brandbeschleuniger werden könnte. Und dazu gehörten eben auch Kinderbilder und Schülerkleidung. „Doch das Problem ist damit nicht gelöst, sondern nur verlagert worden“, betont van den Boomen. Sie berichtet von Jacken, Mänteln und Beuteln, die sich jetzt in den Klassenräumen stapeln oder gar zu Stolperfallen werden, wenn sie von den Kindern unter kleinen Tischen oder an ihren kleinen Stühlen nicht verstaut und aufgehängt werden können. „Eine Lehrerin hat sich beim Stolpern schon verrenkt und meine Tochter erzählt mir regelmäßig, dass sie gar keinen Bewegungsfreiraum für ihre Füße hat“, berichtet van den Boomen.

Die stellvertretende Vorsitzende der Elternpflegschaft, Janett Helmers, findet es schade, „dass die Kinder keine Möglichkeit mehr haben, ihre Arbeiten aus dem Kunst- oder Sachunterricht auf den Schulfluren zu präsentieren.“

Van den Boomen und Helmers stehen mit ihrer Meinung nicht allein. 130 von 190 Eltern haben mit ihrer Unterschrift ihre Unzufriedenheit mit der brandschutzgeschädigten Schulatmosphäre zum Ausdruck gebracht. In einem Brief an den Leiter des städtischen Immobilienservice, Frank Buchwald, betonen sie, dass die große Mehrheit der Elternschaft den Eindruck habe: „Die Umsetzung der neuen Brandschutzverordnung ist der Situation in der Grundschule am Klostermarkt nicht angemessen. Sie bedingt eine deutliche Verschlechterung des Lernumfeldes der Schüler.“

Buchwald räumt ein, dass sich moderne Pädagogik und strenger Brandschutz in einem alten Schulgebäude „auch schon mal gegenseitig beißen können“ und dass er selbst mit der Situation nicht glücklich sei. Er schätzt die Klostermarktschule, die gerade erst mit einem zweiten Treppenhaus, Brandschutztüren, Rauchmeldern und Entrauchungsanlagen ausgestattet worden ist, als einen aus brandschutztechnischer Sicht eher unkritischen Schulstandort ein.

Bereits in der vergangenen Woche hat ein Brandschutzgutachter des Immobilienservice zusammen mit der Konrektorin Beate Kuhles, aber ohne die Elternvertreterinnen die Brandschutzmaßnahmen in der Klostermarktschule überprüft und zusätzliche Fluchtweghinweise angemahnt. Jetzt soll eine weitere Ortsbegehung mit allen ständigen Ämtern stattfinden. Über Termin und Sachstand will der Immobilienservice die Schulleitung in Kürze informieren.

Das letzte Wort darüber, ob in den Schulfluren am Klostermarkt bald wieder Schülerjacken und Beutel sowie Bilder in brandschutzsicheren Metall- und Glasrahmen hängen dürfen, muss, laut Buchwald, das für die Bauaufsicht und die Bauabnahme zuständige Bauordnungsamt sprechen. Mit einer Entscheidung ist nach Angaben der Stadt voraussichtlich nach Ostern zu rechnen. Elternsprecherin van den Boomen fühlt sich von der Stadt „schlecht beraten und schlecht informiert.“ Sie fürchtet auch, dass aus neuen Bilderrahmen und einem neuen Anstrich für die jetzt kahlen und ungemütlichen Schulflure nichts wird, weil der Stadt dafür das Geld fehle.


Dieser Beitrag erschien am 2. März 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Freitag, 1. März 2013

Das in Styrum ansässige Wasserforschungsinstitut IWW leistet Arbeit, die lebenswichtig und international anerkannt, aber in unserer Stadt weitgehend unbekannt ist

Wissenschaft in Mülheim. Da denkt man sofort an die Max-Planck-Institute für Kohlenforschung und Chemische Energiekonversion oder auch an die Fachhochschule Ruhr-West. Dass wir mit dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wasser (IWW) seit 1986 ein renommiertes Wasserforschungsinstitut in unserer Stadt haben, ist weit weniger bekannt.


In einem unscheinbaren Backsteingebäude der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft (RWW) an der Moritzstraße in Styrum beschäftigen sich gut 100 Mitarbeiter, darunter 45 Wissenschaftler, mit unserem wichtigsten Lebensmittel, dem Wasser. Hier wird anwendungsorientiert geforscht, analysiert und beraten, wenn es um die Reinhaltung des Wassers geht.

Eine der 100 IWW-Mitarbeiter ist die chemisch-technische Assistentin Ursula Neuhaus. An ihrem Laborarbeitsplatz entwickelt sie Methoden für die organische Spurenanalytik und wertet die entsprechenden Wasseranalysen am Computerbildschirm aus. Mit Hilfe individueller Lösungsmittel können unterschiedliche Spurenstoffe aus den Wasserproben extrahiert werden. Diese Extrakte füllt Neuhaus mit Spritze und Glaspipette in Mini-Glasbehälter mit einem Fassungsvermögen von jeweils 200 Mikrolitern. Der eigentliche Analysevorgang, der am Ende zu einem am Bildschirm auszuwertenden Datensatz, dem Chromatogramm führt, läuft vollautomatisch ab. Die jeweiligen Extrakte werden mit einer Spritze in die 30 Meter lange Glaskapilarsäule des Gaschromatographen injiziert, wo es aufgespalten und am Ende vom Massenspektrometer identifiziert wird.



Der stellvertretende Leiter der Abteilung für organisch-chemische Analytik, Peter Balsaa schätzt, dass pro Monat etwa 500 Wasserproben auf diese Weise analysiert werden.

Das zu 100 Prozent projektfinanzierte IWW wird von 20 Gesellschaftern getragen. Zu ihnen gehören unter anderem die Wasserversorger RWW und Gelsenwasser, der Ruhrverband und die Stadtwerke Duisburg und Krefeld. Mit seiner anwendungsorientierten Forschung, wie etwa der Entwicklung eines Membranverfahrens, mit dessen Hilfe Partikel und Bakterien durch eine Folie vom Wasser abgetrennt werden, erwirtschaftet das IWW einen jährlichen Umsatz von 3,5 Millionen Euro. Immer wieder kann das Institut mit Fördergeldern des Bundes und der Europäischen Union an innovativen Lösungen arbeiten, die später nicht nur für Kommunen und Wasserversorger, sondern auch für Industrieunternehmen interessant sein können. Aktuell koordiniert das IWW zum Beispiel ein Forschungsprojekt mit 20 Partnern aus elf Ländern, in dem es um die Entwicklung nachhaltiger Ver- und Entsorgungsnetze geht, mit deren Hilfe man zum Beispiel wertvolle Rohstoffe, wie Phosphat aus dem Wasser herausholen kann, um sie für eine spätere Verwendung zu recyceln. Das eigentliche Brot- und Buttergeschäft, daran lassen der technische Geschäftsführer des Institutes, Wolf Merkel, und der stellvertretende Leiter des Bereiches Wassertechnologie, Andreas Nahrstedt, keinen Zweifel, ist die Beratungs- und Anlaysetätigkeit, die jährlich einen Umsatz von rund 4,5 Millionen Euro erwirtschaftet. So arbeitet das IWW derzeit noch an einem Auftrag der irischen Regierung, bei dem es um die Analyse aller Oberflächengewässer der grünen Insel geht.

Obwohl das in Styrum ansässige Institut öffentliche und privatwirtschaftliche Auftraggeber in ganz Deutschland und den europäischen Nachbarländern berät, schätzt Merkel, dass 95 Prozent der Auftraggeber vom Wasserversorger über eine Landesbehörde bis zum Industrieunternehmen aus Nordrhein-Westfalen und den angrenzenden Bundesländern kommen.

Wie breit das Institut in seiner Beratungs- und Analysetätigkeit aufgestellt ist, zeigt das Spektrum seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter. Chemiker und Mikrobiologen sind in ihrem Kreis ebenso zu finden, wie Verfahrenstechniker und Bauingenieure oder Ökonomen und Geologen.

„Zu unserer Beratungsdienstleistung gehört auch die Antwort auf die Frage nach der Kosten-Nutzenabschätzung eines Projektes,“ unterstreichen Merkel und Nahrstedt. Sie weisen darauf hin, dass der Rat der IWW-Fachleute nicht nur bei der Wasseranalyse, sondern auch bei der Werkstoffprüfung für Wasserleitungsnetze gefragt ist.

Projekt "Sichere Ruhr"

Obwohl für IWW-Geschäftsführer Wolf Merkel fest steht, „dass sich die unter anderem mit Aktivkohlefiltern arbeitende Klärwerks- und Wasseraufbereitungstechnik in den letzten 30 Jahren enorm weiterentwickelt hat und die Ruhr in den letzten 100 Jahren noch nie so sauber war, wie heute“, räumt er ein, dass die Wasseraufbereitungstechnologie immer wieder weiter entwickelt und an neue Stoffe angepasst werden muss. Diese gelangen, laut Merkel, auch in Folge des technischen und medizinischen Fortschrittes in das Trinkwasserreservoir Ruhr, bewegen sich aber deutlich unter den Grenzwerten der Trinkwasserschutzverordnung. Nicht nur Kot von Mensch und Tier oder Düngemittel und Industrieschadstoffe, sondern auch Medikamente und Baustoffe lassen im Zweifel gesundheitsgefährdende Rückstände in die Ruhr gelangen.


Vor diesem Hintergrund nimmt das IWW, das auch ein selbstständiges Aninstitut der Universität Duisburg-Essen ist, an einem vom Bundesbildungsministerium mit 3,4 Millionen Euro geförderten Forschungsprojekt teil. Neben dem IWW gehören unter anderem auch die RWW, der Ruhrverband, das Karlsruher Institut für Technologie sowie Institute der Universitäten Aachen, Bonn, Bochum und Duisburg-Essen zum Forschungskonsortium.

Ziel des 2012 gestarteten und bis 2014 laufenden Pilotprojektes ist es, auf der Basis einer Wasseranalyse festzustellen, welche Schadstoffe die Ruhr belasten, wie die Trinkwasseraufbereitung optimiert und ob, wo und zu welchen Jahreszeiten die Ruhr für einen Badebetrieb freigeben werden könnte. Merkel denkt zum Beispiel an den Aufbau eines entsprechenden Kontrollsystems, das Bürgern in Form einer Badeampel anzeigen könnte, in welchem Abschnitt der Ruhr man aktuell baden kann. Zu diesem Thema plant das IWW auch einen Workshop mit Bürgern, Gruppen, Verbänden und Einrichtungen, der im April oder Mai stattfinden soll.
Dieser Text erschien am 14. Februar 2013 in der NEUEN RUHR ZEITUNG