Dienstag, 30. April 2013

So gesehen: Ein Hauch von Christo auf der Schloßstraße

Manche Dinge sind so offensichtlich, dass man sie schon gar nicht mehr sieht. So geht es mir mit dem Säulenbrunnen von Ernst Rasche auf der Schloßstraße. Der ist zwar als Kunst am Straßenbau zweifellos sehr sehenswert. Doch da ich ihn auf meinen Wegen durch die Innenstadt eigentlich jeden Tag sehe, sehe ich ihn kaum noch. Das nennt man wohl Stadtblindheit.


Doch gestern sah ich genauer hin, weil ich gar nichts mehr sah, zumindest nichts mehr von dem oft unbeachteten, aber doch vertrauten Kunstbauwerk. Denn das war großräumig von Planen abgedeckt. Man sah nichts mehr, sondern hörte nur noch etwas. Das war aber kein liebliches Wassergeplätscher, sondern stattdessen drang geschäftiges Maschinengetriebe an mein Ohr. Bau an der Kunst, statt Kunst am Bau?!

Sollte sich der Verhüllungskünstler Christo etwa nach Mülheim verirrt haben? Doch die Wirklichkeit ist profaner: Rasches sprudelndes Meisterwerk bleibt noch bis zum 3. Mai verhüllt, weil es gereinigt und abgedichtet werden muss, damit uns in der Innenstadt nicht noch wirklich das Wasser bis zum Hals steht und wir buchstäblich baden gehen. Auch wenn in diesem Fall offensichtlich nicht Christo am Werk war, wird die zwischenzeitliche Verhüllung vielleicht doch dazu führen, dass wir den altbekannten Brunnen bald wieder mit neuen Augen sehen. Denn schon der Mülheimer Dichter Hermann Adam von Kamp wusste: "Alle neu macht der Mai."   Dieser Text erschien am 30. April 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Montag, 29. April 2013

Mensch, Künstler, Zeitgenosse: Der Mülheimer Bildhauer Ernst Rasche

Dass er seit über 40 Jahren in der Altstadt lebt und arbeitet, empfindet der 85-jährige Bildhauer Ernst Rasche als „ein großes Glück.“ In seinem Haus an der Teinerstraße – es ist das Elternhaus seiner verstorbenen Frau Elisabeth – sind die Übergänge zwischen Wohn- und Arbeitsraum fließend. Überall begegnet man kleinen Skulpturen. Schon das Kreuzrelief an der Eingangstür deutet an, aus welchen geistigen Quellen der Künstler Rasche schöpft.


Als er jüngst, 50 Jahre nach der Verleihung des ersten Ruhrpreises den Ehrenring der Stadt bekam, hat Rasche sein Selbstverständnis als Künstler und Mensch selbst so beschrieben: „Der Antrieb und die Gabe, mich schöpferisch auszudrücken, hat mein Leben reich gemacht. Aus der Gabe des schöpferischen Tuns und der damit verbundenen Freude und Begeisterung habe ich auch immer eine Verpflichtung abgeleitet, die Verpflichtung, mich zurück- und meine Mitmenschen in den Dialog hineinzunehmen, sie teilhaben zu lassen an meiner Freude und meiner Dankbarkeit gegenüber meinem Schöpfer.“

Als Treffpunkt und Ort des Dialogs hatte Rasche auch seine Brunnenlandschaft auf der Schloßstraße konzipiert. Ein Teppich aus Pflastersteinen verbindet Brunnen, Kugel und Klettersäulen, macht das Kunstwerk im öffentlichen Raum begeh-, begreif- und benutzbar. „Es ist ein schönes Gefühl, heute an meinen Kunstwerken vorbeigehen zu können und zu wissen, dass sie von der Öffentlichkeit auch angenommen werden“, sagt Rasche.

1973 hat er die tonnenschwere Brunnenlandschaft dem Granit abgerungen. Damals war die City im Aufbruch, wurde die Schloßstraße zu einer der ersten westdeutschen Fußgängerzonen. Heute empfindet der Künstler, der als Sohn eines Steinbildhauers an der Zeppelinstraße aufwuchs, „den Zustand der Innenstadt als betrüblich.“ Rasche glaubt, dass die Hauseigentümer der Innenstadt zu lange zu hohe Mieten verlangt haben und es versäumten, sich rechtzeitig zusammenzusetzen und ein gemeinsames Konzept für die Innenstadt zu entwickeln. Rasche warnt aber auch davor, alles schlecht zu reden. „Das ist eine Durststrecke, die wir überstehen müssen. Wir brauchen visionäre Ideen und Entscheidungen, damit sich die Stadt weiter entwickeln kann“, glaubt der Bildhauer. Ruhrbania nennt er „eine Riesenaufgabe“ und das Petrikirchenhaus in der Altstadt sieht er als Chance „für einen Ort der Begegnung, der Menschen anzieht.“ Auch im Bereich Althofstraße und Hagdorn könnte er sich ein attraktives Wohnquartier mit Grünflächen vorstellen, wenn die beiden auf dem Kirchenhügel ansässigen Gemeinden ihre Grundstücke zusammenlegen und die jetzt noch für Verwaltungsaufgaben genutzten Gebäude umbauen würden. Mehr Wohnraum. Das würde aus seiner Sicht mehr Menschen und mehr Leben auf den Kirchenhügel bringen. Der 1926 geborene Mülheimer, der den Zweiten Weltkrieg schwer verwundet überlebte und später an der Düsseldorfer Kunstakademie unter anderem bei Otto Pankok studiert hat, kennt noch die alte Altstadt. Sie existierte bis zum großen Luftangriff 1943 und war sehr viel dichter mit Fachwerkhäusern bebaut, als das, was heute vom historischen Stadtkern übriggeblieben ist.

Natürlich hat der von einem christlichen Elternhaus geprägte und in der katholischen Jugendarbeit von St. Mariae Geburt groß gewordene Rasche als Bildhauer auch auf dem Kirchenhügel seine Spuren hinterlassen. Sowohl in der Petrikirche als auch in der Marienkirche tragen die Altarräume seine Handschrift. In St. Mariae Geburt schuf er unter der Orgelempore einen Kreuzgang aus Schiefer mit 60 Figuren und an der Kopfwand des Altarraumes ein in Kreuzform angelegtes Himmlisches Jerusalem. In der Petrikirche hat er unter anderem Chorfenster, Beleuchtungskörper und den Ort der Predigt geschaffen. „Im Kirchenraum muss die eigene Kunst erkennbar bleiben, ohne zu laut hervorzutreten“, glaubt Rasche.

Dieser Text erschien am 29. Dezember 2011 in NRZ und WAZ

Freitag, 26. April 2013

Fluch oder Segen? Was Mülheimer Schulleitern zur aktuellen Kontroverse um das Zentralabitur einfällt: Schlaglichter Eine pädagogische Umfrage

Ist das Zentralabitur Fluch oder Segen? Fördert oder behindert es die pädagogische Profilbildung der Schulen und die individuelle Leistungsentfaltung der Schüler? Diese Fragen drängen sich auf, wenn Schüler vor dem NRW-Schulministerium gegen vermeintlich unlösbare Aufgaben im Mathematik-Abitur demonstrieren. Oder hat Bildungsforscher John Hattie recht, der in einer Studie behauptet, dass die Qualität des Unterrichtes von der Persönlichkeit und Professionalität des Lehrers und nicht von strukturellen Rahmenbedingungen, wie etwa der Klassengröße oder dem Abitur in acht oder neun Schuljahren abhängt.


Kommt man darüber mit Schulleitern der Mülheimer Gymnasien, Sigrun Leistnitz (Gymnasium Heißen), Magnus Tewes (Karl-Ziegler-Schule), Ulrich Stockem (Otto-Pankok-Schule), Ralf Metzing (Gymnasium Broich) und Bernd Trost von der Luisenschule ins Gespräch, so bestätigen alle die zentrale Rolle der Lehrer, sehen im Zentralabitur keine Einschränkung, sondern eine Erleichterung bei der Vorbereitung und Vergleichbarkeit der Abiturprüfungen. Allerdings räumt die Oberstufenleiterin der Gustav-Heinemann-Schule, Ines Steinke ein, dass die strengen Vorgaben des Zentralabiturs „die Vielfältigkeit des Unterrichtes eingeschränkt hat, weil wir heute weniger Projekte und Ausflüge machen können, als wir das früher gemacht haben, weil wir nun mal schaffen müssen, was wir schaffen müssen.“

Mit Blick auf die Mathematikprüfungen hieß es bei den befragten Schulen, dass die Aufgaben schwieriger und zum Teil missverständlicher als in den Vorjahren formuliert und deshalb auch schwieriger auszuwählen, aber lösbar gewesen seien. Von Leistungsausfällen oder gar weinenden Schülern, so hört man, könne nicht die Rede sein.

Einige Meinungsschlaglichter aus der Umfrage:

Magnus Tewes:

„Wir haben nicht die schwierigen Aufgaben zur Matrizenspiegelung ausgewählt. So konnten unsere Abiturienten ihre Aufgaben entspannt angehen. Die Lehrpläne sind nach der Einführung auch nicht enger geführt als früher. Wir können uns auch heute als Schule durch das Angebot zusätzlicher Kurse profilieren. Natürlich steht die Professionalität der Lehrer über allem, kann aber durch gute Rahmenbedingungen unterstützt werden.“

Sigrun Leistnitz:

„Schulen profilieren sich nicht mit ihrem Abiturprüfungen, sondern mit den Fächern und Kooperationen, die sie anbieten können. Die Einführung des Zentralabiturs und die damit verbundene Rücknahme der Oberstufenreform war nötig, damit die Schüler nicht unvorbereitet ins Studium gehen. Hattie hat recht. Von der Lehrerpersönlichkeit hängt alles ab. Ein schlechter Lehrer wird auch in einer kleineren Klasse keinen großen Lernerfolg erzielen. Aber in überschaubaren Schulen kennen sich Lehrer und Schüler besser und können sich deshalb auch besser austauschen oder auf Fehler eingehen. In Klassen mit mehr als 30 Schülern wird individuelle Förderung schwierig.“

Ralf Metzing:

„Die Schulzeitverkürzung auf G8 hat den Zeitdruck erhöht und dafür gesorgt, dass manche Dinge rausfallen und wir eine weniger große Bandbreite haben. Wir profilieren uns zum Beispiel mit einem sehr gefragten Philosophiekurs, der auch als viertes mündliche Abiturfach gefragt war und bei dem wir auch bei der Aufgabenstellung von den Vorgaben des Zentralabiturs befreit waren.“

Bernd Trost:

„Ich begrüße das Zentralabitur, weil es die Abschlüsse vergleichbar macht und auch eine Rückmldung gibt, wo man steht. Dennoch können Schüler aus einem breiten Fächerkanon auswählen, in dem wir uns zum Beispiel mit einem Sport-Leistungskurs oder modernen Fremdsprachen, wie Französisch und Spanisch profilieren. Die Matheaufgaben waren in den letzten Jahren schülerfreundlicher. Ich glaube aber nicht, dass sie extra schwer gemacht worden sind, um Schüler zu selektieren. Und was Hattie sagt, das ist die Wahrheit. Die Lernmotivation durch den Lehrer bringt auch Lernerfolg. Halbierte Klassen bedeuten keinen doppelten Erfolg. Aber die Bedeutung, die das bauliche und zwischenmenschliche Umfeld einer Schule für den Lernerfolg hat, sollte man auch nicht unterstützen.

Ulrich Stockem:

„Das Zentralabitur sorgt für mehr Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit und hat die schulinterne Kooperation verstärkt. Die Klausuren sind vielleicht etwas durchformatierter als früher und wir müssen heute mit den Schülern bestimmte Lösungsschemata trainieren, damit sie in der Prüfung keine Punkte liegen lassen. Als Schule profilieren wir uns, in dem wir Schüler nicht nur fit für die Arbeit machen, sondern auch ihr Allgemeinwissen und ihre ethische Urteilsfähigkeit fördern. Ich habe aber keine Strukturveränderung erlebt, die Schüler grundsätzlich besser gemacht hätte. Und wenn die Lehrerpersönlichkeit nichts taugt, helfen auch methodische Handstände nicht weiter.“

Ines Steinke:

„Nur motivierte und begeisterte Lehrer können Schüler motivieren und begeistern. Aber in einer kleineren Klasse können sie dies sicher noch viel intensiver tun und bei den Schülern besser ankommen als in großen Lerngruppen.“


Stichwort Zentralabitur

2007 einigte sich die Kultusministerkonferenz auf ein deutschlandweites Zentralabitur. Das bedeutet für die Schüler in Nordrhein-Westfalen, dass die Aufgaben, die sie in ihren drei schriftlichen Abiturfächern lösen müssen vom Schulministerium vorgegeben werden. Je nach Fach können Lehrer oder Schüler aber unter verschiedenen Aufgabenstellungen wählen. So müssen Lehrer zum Beispiel im Mathematik-Leistungskurs drei von acht und im Mathematik-Grundkurs mindestens zwei von sieben Aufagbenstellungen des Schulministeriums für die die Abiturprüfung auswählen. Grundsätzlich gilt: Unter den vier Abiturfächer müssen Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache vertreten sein. Während die Aufgaben für die drei schriftlichen Abiturprüfungen zentral vorgegeben werden, werden die Aufgaben für die mündliche Prüfung dezentral, also individuell von jeder Schule gestellt.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 25. April 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 23. April 2013

Mülheimer Stiftungen vorgestellt: Zum Beispiel die Heinrich-Thöne-Stiftung

„Das schönste Denkmal, dass sich ein Mensch setzen kann, ist das in den Herzen seiner Mitmenschen“, hat Albert Schweitzer einmal gesagt. Heinrich Thöne war so ein Mensch. Der volksnahe Oberbürgermeister der Jahre 1948 bis 1969 wurde für die Mülheimer seiner Zeit zur populären Galionsfigur des sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. „Heinrich Thöne hatte ein großes Herz, in dem die Belange der Alten und der Jungen gleichermaßen ihren Platz fanden“, erinnert sich Alt-Bürgermeister Günter Weber.


In Erinnerung an seine Lebensleistung, haben die Mülheimer nicht nur ihre Volkshochschule und ein Schiff der Weißen Flotte, sondern auch eine Stiftung nach Thöne benannt. Wenige Monate nach seinem Tod beschloss der Rat der Stadt am 5. November 1971 auf Vorschlag der Arbeiterwohlfahrt die Errichtung der Heinrich-Thöne-Stiftung. Als ihr Stiftungszweck wurden damals Zuwendungen für: „Zusätzliche Hilfen für bedürftige alte Personen in Mülheim an der Ruhr mit Hilfe der Verbände der freien Wohlfahrtspflege und entsprechender Organisationen“ festgelegt. Die Sparkasse stellte das Stammkapital der Stiftung (20.000 Mark/10.000 Euro) bereit, das bis 1980 regelmäßig aus Mitteln des städtischen Haushaltes aufgestockt wurde. Lang ist es her. Zuletzt konnte sich die von der Stadtverwaltung geführte Stiftung 2010 über eine Zustiftung von 10.000 Euro freuen. Das Geld kam aber nicht aus dem kommunalen Haushalt, sondern aus dem Vermächtnis einer ehemaligen Rathaus-Mitarbeiterin. So konnte das Stiftungsvermögen auf 820.000 Euro gesteigert werden.

Die jährlichen Ausschüttungen der Stiftung, die 2009 bei 31?000 Euro, 2010 bei 24340 Euro und 2011 bei 18.140 Euro lagen, kommen jeweils zu gleichen Teilen den Mülheimer Sozialverbänden (Arbeiterwohlfahrt, Diakonie, Caritas und Paritätischer Wohlfahrtsverband) zugute. Über die Verwendung der Stiftungsmittel wacht ein 20-köpfiges Kuratorium unter dem Vorsitz der Oberbürgermeisterin. Die vom Rat für fünf Jahre gewählten Kuratoriumsmitglieder kommen aus dem Rat, der Verwaltung und den Sozialverbänden sowie aus anderen gesellschaftlich relevanten Organisationen, wie den Gewerkschaften, den Kirchen und den Arbeitgeberverbänden.

Auch wenn der Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, Helmut Storm, und Frank Seemann von der zum Paritätischen Wohlfahrtsverband gehörenden Mülheimer Familien- und Krankenpflege bedauern, dass die Ausschüttungen aufgrund der Zinsentwicklung in den letzten Jahren zurückgegangen sind, möchten sie die Geldspritzen der Heinrich-Thöne-Stiftung auf keinen Fall missen. Denn mal können aus Stiftungszuschüssen Einrichtungsgegenstände für Seniorentagesstätten angeschafft, mal Freizeit- und Bildungsangebote für alte Menschen organisiert und mal Anerkennungshonorare für Ehrenamtliche und Freiwillige bezahlt werden. Solche kleinen Personalinvestitionen zahlen sich zum Beispiel im Rahmen des Mobilen Sozialen Hilfsdienstes aus. Hier finden Senioren für kleines Geld oder sogar kostenlos Menschen mit Zeit für Zuwendung, die sie im Alltag begleiten und unterstützen. Diese Menschen sorgen dafür, dass alte Menschen nicht alleine zu Behörden- und Ärzten oder spazieren gehen müssen. Sie helfen im Haushalt oder beim Einkauf oder leisten als Vorleser und Mitspieler willkommene Gesellschaft.

Zustiftungen sind willkommen. Auskünfte dazu im Rathaus (Ulrike Cramer) unter der Rufnummer 0208/455-1303, ulrike.cramer@mülheim-ruhr.de

Dieser Text erschien am 19. Dezember 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 22. April 2013

Mülheimer Stiftungen vorgestellt: Zum Beispiel die August- und Josef-Thyssen-Stiftung

Die Brüder August und Josef Thyssen haben ein Weltunternehmen geschaffen, dessen Wiege in Styrum stand. Auch als ihr Konzern, der mit Kohle und Stahl sein Geld verdiente, schon zu einem internationalen Unternehmen geworden war, blieben sie ihrem Unternehmenssitz Mülheim treu. Davon zeugt unter anderem die August- und Josef-Thyssen-Stiftung, die sie 1906 mit einer Schenkung an die Stadt ins Leben riefen.


Der in der Satzung festgelegte Stiftungszweck lautet denn auch: „Förderung von Schwimmunterricht und Badesport, Förderung von Kindergärten und Förderung des Hauswirtschaftsunterrichtes an Mülheimer Schulen.“

„Den Thyssen-Brüdern lag die Gesundheit ihrer Arbeiter und deren Familien sehr am Herzen, weil sie wussten, dass Krankheitsausfälle bei ihren Arbeitern und in deren Familien am Ende auch sie viel Geld kosteten“, erklärt der Wirtschaftshistoriker und Thyssen-Kenner Horst A. Wessel den Hintergrund der Thyssen-Stiftung. Mit einer weiteren Millionengabe der Thyssens trug sie unter anderem auch zum Bau des im August 1912 eröffneten Stadtbades an der Ruhr bei.

Wessel weiß auch davon zu berichten, dass August Thyssen systematisch Kneipen aufkaufte, um seine Arbeiter vom Trinken abzuhalten und sie stattdessen mit Milch und Mineralwasser versorgte.

Was 1906 mit einem Stiftungskapital von 1,25 Millionen Mark begann und sich auch aus RWE-Aktien der Thyssens speiste, ist inzwischen auf 2,4 Millionen Euro angewachsen.

Die Stiftung, die 2009 965?596 Euro, 2010 53?833 und 2011 711?230 Euro für Jugend, Sport und Spiel ausschütten konnte, wird von der Stadt verwaltet. Sie hat weder einen Vorstand noch ein Kuratorium. Über die Mittelvergabe entscheidet allein die Oberbürgermeisterin in ihrer Funktion als Stadtoberhaupt. Ihr Büro nimmt entsprechende Förderanträge entgegen. Dabei können die bewilligten Fördermittel immer nur dann abgerufen werden, wenn sie auch unmittelbar in die Umsetzung der geförderten Projekte investiert werden können. Daraus resultieren auch die starken Schwankungen der jährlich ausgeschütteten Beträge.

Finanziert werden aus den Stiftungsmitteln zum Beispiel die Personalkosten, die anfallen, wenn Schwimmmeister für den Schwimmunterricht der Mülheimer Schulen eingesetzt werden. Auch die Einrichtung von Schulküchen oder die Ausstattung von Kindertagesstätten bis hin zum Einbau eines Aufzugs wurden schon mit den Zinserträgen aus der Schenkung der Thyssen-Brüder bezahlt. Diese stellt auch heute kein geschlossenes Stammkapital dar, sondern ist für Zustiftungen offen.

Weitere Auskünfte zur August- und Josef-Thyssen-Stiftung gibt Ulrike Cramer vom Büro der Oberbürgermeisterin unter der Rufnummer: 455-1303 oder per E-Mail an: ulrike.cramer@muelheim-ruhr.de

Dieser Text erschien am 28. Dezember 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 21. April 2013

Wie die Hörzeitung Echo Mülheim eine akustische Brücke zwischen den Generationen schlägt

Ihre Mitschüler genießen die Freizeit. Die Karl-Ziegler Schüler Tobias Amann, Murat Ergin, Camilla Yola und Dean Christmann, alle 15 oder 16 Jahre jung, lesen an diesem Nachmittag. Sie lesen nicht irgendwo, sondern im Tonstudio der Hörzeitung Echo Mülheim. Und sie lesen auch nicht irgendetwas, sondern die Seniorenzeitung Alt, na und!? Der Leiter der Hörzeitung, Ali Arslan, und die Redaktionsleiterin der Seniorenzeitung, Gabriele Strauß-Blumberg sind sich einig: „Toll, dass sich junge Leute für so etwas ehrenamtlich engagieren.“ Damit meinen sie das Vorlesen von Artikeln, die im Tonstudio des Medienhauses aufgenommen und als CD wöchentlich an 60 blinde und sehbehinderte Hörer kostenlos verschickt werden.


„Ich mache das gerne, weil das interessant ist und mir gut gefällt. Außerdem ist diese Hörzeitung ein höchst sinnvolles Informationsangebot, denn wenn man blind oder sehbehindert ist, ist es wirklich schwer auf anderem Wege etwas mitzubekommen. Da wird man schnell ausgegrenzt. Und so sind auch blinde und sehbehinderte Menschen ein bisschen mehr mit dabei“, erklärt Camilla ihre Motivation, als ehrenamtliche Vorleserin bei der Hörzeitung mitzumachen. Und ihr Mitschüler Ergin hat nach seiner ersten Stunde im Tonstudio auch gleich gemerkt, worauf es beim Vorlesen ankommt. „Man muss deutlich und nicht zu schnell sprechen, damit die Zuhörer alles richtig verstehen können“, schildert er seine erste Erfahrung und schon stolpert er über das Wort „altehrwürdig.“ Da heißt es eben: „Stopp! Bitte, noch einmal.“

Die beiden Echo-Mülheim-Hörerinnen Ilse Petereit (63) und Margret Kox (64) finden: „Die Versprecher könnten sie eigentlich drin lassen. Die gehören beim Vorlesen doch dazu und machen die ganze Sache irgendwie sympathisch.“ Petereit, die nach einem Gehirntumor erblindet ist und Kox, die aufgrund einer Diabeteserkrankung nur noch eine Restsehkraft von zwei Prozent hat, wollen die vorgelesenen Informationen aus der lokalen Presse und dem kommunalen Veranstaltungskalender nicht mehr missen. „Das ist eine schöne Abwechslung und man lernt viel dazu“, findet Petereit. Und Kox meint: „Das ist Unterhaltung pur. Man nimmt wieder am Leben teil und sieht vieles bildlich vor seinem geistigen Auge.“ Früher waren die beiden Frauen begeisterte Tageszeitungsleserinnen.

Heute ist für sie freitags und samstags Echo-Mülheim-Tag. Dann hören sie nicht nur die neuesten Nachrichten aus der Lokalpresse oder die Berichte von Alt, na und?!, sondern auch das eine oder andere vorgelesene Sachbuch. Die auf fünf Stunden erweiterte Speicherkapazität ihrer CD und eine detaillierte Suchfunktion ihres Abspielgerätes machen es möglich.

„Unsere Hörer, deren Durchschnittsalter bei 72 Jahren liegt, freuen sich darüber, wenn sie mal eine junge Stimme hören“, weiß Echo-Mülheim-Mann Arslan. Doch bisher war die Studentin Maria Klamet (22) seine einzige ehrenamtliche Vorleserin unter 50. „Die meisten unserer 24 Vorleser sind bereits im Ruhestand und haben deshalb auch Zeit für ihr ehrenamtliches Engagement“, erklärt Arslan. Seine älteste Vorleserin Brigitte Block (86), die auch im Redaktionsteam von Alt, na und!? mitarbeitet, ist schon jetzt „hellauf begeistert“ von den jungen Vorlesern aus der Karl-Ziegler-Schule, die sie „als sehr erfrischend“ empfindet.


Stichwort Hörzeitung: Die Hörzeitung Echo Mülheim informiert seit 2001 über das lokale Geschehen in unserer Stadt. Wer eine Sehkraftminderung von mindestens 70 Prozent hat, bekommt die Hörzeitung kostenlos ins Haus geliefert. Wer diese Schwelle nicht überschreitet, muss die Versandkosten selber tragen. Weitere Auskünfte zur Hörzeitung Echo Mülheim, die im Medienhaus am Synagogenplatz produziert wird, geben Ali Arslan und Petra Weihers unter den Rufnummern 0208/455-4188 oder 455-4288.
Dieser Text erschien am 20. April 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 19. April 2013

Mülheimer Stiftungen vorgestellt: Zum Beispiel die Stiftung Jugend mit Zukunft

Ihr Name ist Programm. „Jugend mit Zukunft“ heißt die Stiftung, die der damalige Superintendent Frank Kastrup 2002 ins Leben rief. Obwohl die Stiftung, die vor zehn Jahren durch einen Immobilienverkauf der Evangelischen Kirche zum Startkapital von 100.000 Euro kam und bisher vor allem kirchlich getragene Projekte der Arbeit mit und für Kinder, Jugendliche und Familien fördert, betont ihr Vorsitzender Kastrup, „dass es sich um eine vom Kirchenkreis An der Ruhr unabhängige Stiftung“ handele.


„Schon damals wurden die öffentlichen und kirchlichen Kassen immer leerer und wir hatten das Gefühl, dass wir vor allem etwas für Kinder, Jugendliche und Familien tun müssten, weil erwiesen ist, das die Erlebnisse der frühen Jahre und eine gute Bindung zwischen Eltern und Kindern für das Leben prägend sind und über die Stabilität einer Persönlichkeit entscheiden“, beschreibt der inzwischen pensionierte Pfarrer den Gründungsimpuls. Die Stiftung „Jugend mit Zukunft“, deren Stammkapital durch Zustiftungen, Zinsgewinne und Spenden inzwischen auf rund 230?000 angewachsen ist, hat seit ihrer Gründung immerhin rund 90?000 Euro ausgeschüttet.

Ihr Geld floss zuletzt zum Beispiel in die Ausbildung von 20 jungen Courage-Trainern, die ihrerseits Jugendlichen Konfliktbewältigungs- und Deeskalationsstrategien vermitteln. Außerdem gehören Eltern-Kind-Kurse, Lebenshilfekurse für junge schwangere Frauen, flexible Kinderbetreuung für Alleinerziehende, die Hausaufgabenhilfe und Freizeitgestaltung bietende Familienstation des Diakonischen Werkes oder internationale und projektorientierte Jugendbegegnungen zu dem Förderprogramm.

Außerdem hat die Stiftung den Band „Abenteuer Leben“ herausgegeben, dessen Erlös wiederum der Stiftung zugute kommt. Hier erzählen 22 Persönlichkeiten, was sie in ihrer Kindheit und Jugend fürs Leben geprägt hat.Das Buch sieht Kastrup als Beitrag zum Dialog der Generationen-

Wie die Stiftung ihre Mittel vergibt, entscheidet Frank Kastrup mit seinen Vorstandskollegen Jürgen Hower, Andrea Schmidt, Otmar Schuster und Volkmar Spira. Dabei lässt sich der Vorstand von einem siebenköpfigen Kuratorium beraten.

iWeitere Auskünfte zur Stiftung Jugend mit Zukunft gibt Frank Kastrup unter der Rufnummer: 0208/4447777 oder: frank.kastrup@kirche-muelheim.de

Dieser Beitrag erschien am 29. November 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 16. April 2013

Mülheimer Stiftungen: Zum Beispiel die Polizeistiftung David und Giliath

Für Polizeihauptkommissar Thomas Weise und seine Kollegen gehört es zu den härtesten Zumutungen ihres Berufes, mit Not und Elend konfrontiert zu werden, dass durch ein Verbrechen oder auch einen Unfall von einer Minute auf die andere über Menschen hereinbricht und sie aus ihrer Lebensbahn wirft.


Drei Beispiele aus dem Alltag:

  • Nach einem Wohnungsbrand hat eine fünfköpfige Familie nur noch, was sie auf dem Leibe trägt. Alles muss neu angeschafft werden: Kleidung, Möbel, Inventar.
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  • Ein junger Familienvater verunglückt bei einem Verkehrsunfall tödlich. Mutter und Kind sind traumatisiert und stehen finanziell vor dem Nichts.
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  • Eine junge Frau mit drei kleinen Kindern flieht vor der Gewalt ihres Ehemannes. Nach der notdürftigen Einrichtung ihrer neuen Wohnung fehlt das Geld für ein dringend benötigtes Kinderbett.
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„Da müsste man eigentlich was tun und irgendwie helfen“, sagten sich Weise und seine Kollegen nach solchen Einsätzen. Am 03.03.03 taten sie wirklich was und riefen die Stiftung David und Goliath ins Leben. Das waren damals noch die Funkrufnamen der Mülheimer Polizei, ehe sie 2007 Teil des Polizeipräsidiums Essen werden sollte.

„Wir helfen den Betroffenen oft mit kleinen Beträgen, die wir aber ganz unbürokratisch in wenigen Stunden bereitstellen können“, berichtet Weise, der zusammen mit der ehemaligen Polizeipräsidentin Gisela Röttger-Husemann und dem ehemaligen Polizeidirektor Burkhard Kowitz das Kuratorium der beim Polizeisportverein angesiedelten Stiftung bildet.

Weise schätzt, dass die seines Wissens in NRW beispiellose Stiftung, die von Spenden, Zustiftungen, Bußgeldern sowie von Konzerterlösen des Polizeichores und des Polizeiorchesters lebt, pro Jahr mit etwa 10.000 bis 12.000 Euro helfen kann. Mal finanziert die Stiftung neue Möbel oder Kleidung. Mal organisiert sie Ausflüge für krebskranke Kinder und deren Geschwister oder einen Erholungsurlaub für traumatisierte Angehörige. Auch die knuffigen Polizei-Teddys, die nach Unfällen oder Unglücken helfen, traumatisierte Kinder zu beruhigen, wurden aus der Kasse der Polizeistiftung bezahlt. Weise, selbst Vater von zwei Kindern, sieht die Stiftung als „ein mildtätiges Standbein“ des Polizeisportvereins, der vor allem mit Kindern, Jugendlichen und Senioren in der Unfall- und Verbrechensvorbeugung arbeitet.

„Natürlich“, so räumt Weise ein, „ist diese Stiftung natürlich auch ein gutes Instrument der Öffentlichkeitsarbeit, weil sie die Arbeit der Polizei mit etwas Positivem in Verbindung bringt.“ Nicht nur von Kollegen aus dem Polizeidienst, sondern auch von der evangelischen Notfallseelsorge, dem Kommunalen Sozialen Dienst oder dem Kinderschutzbund erfahren Weise und seine Kuratoriumskollegen, wo die Stiftung helfen kann. „Unser Stiftungsvermögen von 5000 Euro, dass 2003 von Kollegen und Mitbürgern aufgebracht wurden spielt keine große Rolle, weil alle unsere Spenden ohne Verwaltungsaufwand sofort dem Stiftungszweck zugeführt werden“, betont der Polizeihauptkommissar.
  
Auskünfte zur Stiftung David und Goliath gibt Thomas Weise unter ?02?01/829?34?32. Internetinformationen zur Stiftung findet man auch auf der Internetseite des Polizeisportvereins unter: www.psv-mh.de

Dieser Text erschien am 12. Dezember 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 15. April 2013

Mülheimer Stiftungen: Zum Beispiel die Ginko-Stiftung

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. In diesem Sinne versteht sich auch das Gesprächs- Informations- und Kontaktzentrum Ginko als Teil der Mülheimer Dorfgemeinschaft, die dafür sorgt, dass das Kind erst gar nicht in den Brunnen fällt. Was 1979 als ehrenamtliche Initiative des Grafikers und Sozialtherapeuten Peter Chwalczyk begann, hat sich zu einer professionellen Fachstelle für Suchtvorbeugung entwickelt. Sie arbeitet inzwischen nicht mehr nur in Mülheim, sondern koordiniert und berät im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen die praktische Suchtvorbeugung in 110 Kreisen und Städten.


„Das ist in gewisser Weise auch unser Problem. Weil unsere Koordinierungsarbeit zu 100 Prozent vom Land finanziert wird, glauben viele Menschen, dass wir für unsere praktische Arbeit in Mülheim finanziell gut ausgestattet seien. Dabei haben wir fast jedes Jahr ein strukturelles Defizit von 20?000 bis 40?000 Euro“, berichtet Ginko-Mitgründer Hans-Jürgen Gass.

Der Sozialarbeiter und Pädagoge Norbert Kathagen, die Sozialwissenschaftlerin Anna Segeth, die Psychologin Ulrike Weihrauch und der Sozialpädagoge Hans-Jürgen Haak begleiten und beraten als Profis in Sachen Suchtvorbeugung Jugendliche und junge Erwachsene, durch kritische Lebensphasen. Außerdem gehen die Ginko-Mitarbeiter mit Workshops in Kindertagesstätten, Schulen, Jugendzentren und Betriebe, um dafür zu sorgen, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene erst gar nicht auf Alkohol, Nikotin, Cannabis oder andere Suchtmittel abfahren. Auch bei Eltern, Pädagogen und Ausbildern ist ihr Rat gefragt.

„Seit den Tagen von Peter Chwalczyk, der damals das noch neue Medium Videofilm nutzte, um Jugendliche von einer Sucht abzuhalten oder sie wieder davon abzubringen, arbeiten wir nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern individuell zugewandt und kreativ“, berichtet der Ginko-Gründer Gass, der die Fachstelle an der Kaiserstraße als „unsere Werkstatt“ bezeichnet. Denn hier werden die Konzepte und Ideen entwickelt, die später in ganz NRW Schule machen sollen. Doch diese professionelle Basisarbeit kostet Geld. Dieses Geld soll auch die 1997 ins Leben gerufene Ginko-Stiftung einbringen. Denn die 170?000 Euro, die jährlich von Land und Stadt als Zuschuss in die Mülheimer Ginko-Kassen fließen, decken eben nicht die tatsächlichen Kosten der vor Ort geleisteten Arbeit ab.

Deshalb werben Stiftungsvorstand Hans-Jürgen Hallmann und die Kuratoriumsvorsitzende Andrea Laubenstein bei Bürgern, Vereinen und Gruppen um Spenden und Zustiftungen. Sie warnen davor, sich angesichts offensichtlicher Erfolge in der Suchtvorbeugung „an Sucht zu gewöhnen“ und neue Herausforderungen, wie die steigende Zahl von depressiven Jugendlichen zu unterschätzen.

Zurzeit erbringt das unter anderem von Geschäftsleuten gestiftete Stammkapital von 50?000 Euro jährlich 1600 Euro, die dem Ginko-Budget zugute kommen. Hinzu kommen rund 6000 Euro aus Bußgeldern. Die werden zum Beispiel bei der Einstellung eines Gerichtsverfahrens an gemeinnützige Organisationen überwiesen.

„Wir bräuchten ein Stammkapital von einer Million Euro, um unsere Arbeit wirklich nachhaltig aus Stiftungsmitteln mitfinanzieren zu können“, weist Ginko-Mitgründer Gass in die Zukunft. Doch das dürfte vorerst noch Zukunftsmusik bleiben. Aber eine Stiftung braucht ja auch Ziele.

Dieser Text erschien am 14. Dezember 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 12. April 2013

Mülheimer Stiftungen: Zum Beispiel die Caritas-Stiftung

„Kirche geht stiften.“ Unter diesem Motto hoben Hans-Theo Horn, Manfred von Schwartzenberg, Paul Heidrich, Regine Arntz und Michael Janßen 2007 die Caritas-Stiftung aus der Taufe. Das Gründungsmotto entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Denn die Stiftung wurde auch deshalb notwendig, weil das Bistum seine Zuwendungen für die örtliche Caritas aufgrund der rückläufigen Kirchensteuereinnahmen drastisch reduzieren musste. Von 40 Prozent war damals die Rede.


„Wir wollten nicht an die Klagemauer treten, sondern ein Signal geben, dass wir auch selbst etwas tun“, erinnert sich Caritas-Vorstand Horn an den Gründungsimpuls der Stiftung, die die Arbeit des katholischen Sozialdienstes mit ihren jährlichen Ausschüttungen unterstützen und damit vor allem Angebote möglich machen will, für die es sonst kein Geld gäbe.

Das Gründungskapital der Stiftung (25.000 Euro) brachte damals eine Gruppe engagierter Frauen und Männer aus der Pfarrgemeinde St. Mariae Himmelfahrt auf. Acht Benefizkonzerte unter dem Motto „Noten gegen die Not“ und einige Zustiftungen ließen das Stiftungskapital bis heute auf 80?000 Euro anwachsen. Nach drei Jahren der reinen Kapitalbildung konnte die Stiftung 2011 immerhin 3000 Euro und 2012 sogar 6000 Euro für das Industriecafé der Caritas bereitstellen. Hier finden psychisch erkrankte Menschen ein niederschwelliges und tagesstrukturierendes Beschäftigungsangebot.

Horn geht davon aus, dass die Stiftung auch 2013 6000 bis 7000 Euro ausschütten kann. Über die Vergabe des Geldes entscheidet er im Vorstand der Stiftung zusammen mit dem Stadtdechanten Janßen, dem Ehrenstadtdechanten von Schwartzenberg, der Caritas-Geschäftsführerin Arntz und dem Katholikenrat Heidrich.

Horn lässt keinen Zweifel daran, dass die Stiftung noch einige steuerlich begünstigte Spenden und Zustiftungen sowie höhere Zinsen gebrauchen könnte, um mehr Geld ausschütten und breiter wirken zu können. Dabei denkt er auch an soziale Einzelfallhilfen für Menschen in Not. „Der Bekanntheitsgrad der Stiftung ist noch ausbaufähig“, weiß Horn und hofft auf einen neuen Schub durch ihr neuntes Benefizkonzert, das am 27. Januar 2013 um 17 Uhr mit dem Essener Kammerchor in der Stadtkirche St. Mariae Geburt über die Bühne gehen wird.

Grundsätzlich glaubt Horn, dass Stiftungen vor allem dort wirken sollten. wo es keine öffentlichen oder kirchlichen Mittel gibt. „Würden Stiftungen nur dazu genutzt, um Finanzierungslücken der öffentlichen Hand oder der Kirche zu schließen, würde das bürgerschaftliche Engagement schnell erlahmen,“ ist er überzeugt.

Weitere Auskünfte über die Arbeit der Caritas-Stiftung geben Caritas-Geschäftsfführerin Regine Arntz unter der Rufnummer 0208/3000821 und Caritas-Vorstand Hans-Theo Horn 0208/481545 sowie die Internetseite www.caritas-muelheim.de

Dieser Text erschien am 28. November 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 10. April 2013

Mülheimer Stiftungen: Zum Beispiel die Bürgerstiftung

„Mein Wunsch wäre: Weiter so! Wir sind eigentlich wunschlos glücklich“, sagt der Vorsitzende der Bürgerstiftung, Frank Lenz. So viel Zufriedenheit und Optimismus überraschen in Zeiten der permanenten Kritik und Klage. Meistens wird ja über fehlendes Geld geklagt, was dann auch wieder zur Gründung von Stiftungen führt.


2004 waren es fünf Mülheimer Bürger, die sich, frei nach John F. Kennedy nicht fragten: „Was kann unsere Stadt für uns tun, sondern was können wir für unsere Stadt tun?“ Ihre Antwort war eine Stiftung von jeweils 20.000 Euro, aus denen das Startkapital der Bürgerstiftung wurde, das inzwischen durch Zustiftungen auf 435.000 Euro angewachsen ist. Die Zufriedenheit des Stiftungsvorstandes speist sich aber weniger aus diesem Stammkapital. Denn das führt bei einer aktuellen Regelverzinsung von einem Prozent zu jährlichen Ausschüttungen von maximal 5000 Euro. Viel mehr Freude machen Lenz und seinen Vorstandskollegen Hermann Blümer, Wilfried Cleven, Ilselore Paschmann, Patrick Marx und Frank Esser die projektbezogenen Bürgerspenden, die der Bürgerstiftung jährlich zufließen und ihre bisherigen Projekte finanziert haben. „Wir haben in den letzten sechs Jahren rund 600.000 Euro solcher Spenden erhalten. In der gleichen Zeit kamen rund 400.000 Euro als Zustiftungen für das Stammkapital der Stiftung hinzu“, erklärt Lenz. Und er weiß auch warum: „Die Mülheimer haben eine sehr enge Beziehung zu ihrer Stadt. Sie regen sich über das auf, was nicht optimal läuft, engagieren sich aber auch dafür, Missstände zu beheben.“

Zustifter, Spender und Sponsoren haben es der Bürgerstiftung zum Beispiel ermöglicht, die Trauerhalle des Altstadtfriedhofes zu restaurieren, Förderpreise für begabte und engagierte Schüler zu vergeben, den Nachwuchs im Rahmen eines Familienkonzertes mit der Klassik vertraut zu machen, das Tiergehege und den Schierrhof im Witthausbusch zu erhalten, das ShakespeareFestival im Kloster Saarn zu unterstützen oder unter anderem mit dem Polizeisportverein Selbstbehauptung- und Deeskalationskurse durchzuführen. Darüber hinaus hat die Stiftung zu Diskussionsveranstaltungen über Gewalt, Vandalismus und Zivilcourage eingeladen, „damit die Bürger hin- statt wegsehen und helfen“, wie Lenz betont. „Mülheimer Bürger machen etwas für Mülheim“, beschreibt er das einfache Ziel der Bürgerstiftung, die in der Regel Anregungen und Bedürfnisse aufgreift, die aus der Bürgerschaft an sie herangetragen werden. In diesem Zusammenhang räumt Lenz aber auch ein, dass die Bürgerstiftung ihr Projekt: Entfernung von Graffitischmierereien mangels Nachfrage wieder einstellen musste.

So weit Spender nicht den Zweck vorgeben, entscheidet der Vorstand über die Vergabe der ausgeschütteten Mittel. Der sechsköpfige Vorstand wird von einem achtköpfigen Stiftungsrat gewählt, der wiederum aus einer neunköpfigen Stiftungsversammlung gewählt wird. Dieser gehören Stifter und Zustifter der Bürgerstiftung an.

Weitere Informationen im Internet unter: www.buergerstiftung-muelheim.de

Dieser Text erschien am 30. November 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 8. April 2013

Mülheimer Stiftungen: Zum Beispiel die Leonhard-Stinnes-Stiftung

Die vielleicht bekannteste Mülheimer Stiftung ist die Leonhard-Stinnes-Stiftung. Zuletzt machte die Stiftung Schlagzeilen, weil sie sich nach dann 23 Jahren 2013 aus der Förderung des Theaters Mülheimer Spätlese zurückziehen, aber auch mit der Unterstützung der kommunalen Spiel- und Bewegungsraumplanung ein neues Projekt in Angriff nehmen will. Die Förderung von Spiel- und Sportplätzen gehört ebenso zu ihren Stiftungszwecken wie Kultur- und Bildungsprojekte oder die Unterstützung der Stadtbüchereien und der heute am Evangelischen Krankenhaus angesiedelten Augenklinik. Auch die Volkshochschule, Schloss Broich, Kloster Saarn, die Mülheimer Theatertage und das heutige Max-Planck-Institut für Kohlenforschung konnten schon von der Leonhard-Stinnes-Stiftung profitieren. Als Eigentümerin und Bauherrin der alten Augenklinik an der Von-Graefe-Straße ist die Stiftung auch Motor für den im Frühjahr 2013 geplanten Um- und Einzug des Stadtarchivs und der Musikschule, die zurzeit noch an der Aktienstraße und auf dem Dudel beheimatet sind.

Aber auch Projekte wie die Lernwerkstatt Natur, eine Musik-CD-Produktion des Mülheimer Zupforchesters oder die Internetseite www.migration-geschichte.de, die die Geschichte der zugewanderten Mülheimer darstellt, stehen auf der Förderliste dieser Stiftung, die von der Oberbürgermeisterin der Stadt verwaltet wird. Der Name der Stiftung, die aus einer 1911 testamentarisch verfügten Schenkung hervorgegangen ist, verweist auf ihre Stifter, den Arzt Hermann Leonhard (1835-1905) und seine Frau Margarete Stinnes (1841-1911). Leonhard, der selbst unter einer Augenkrankheit litt und seine Frau, die jüngste Tochter des Unternehmers Mathias Stinnes, schenkten der Stadt bereits 1904 das Gelände des ehemaligen Ausflugslokals Johannesburg an der Hingbergstraße, auf dem dann 1907 die Augenklinik eröffnet wurde. Zu Stinnes’ Lebzeiten wurden auch noch Sportanlagen am Kahlenberg und der Bau des Bismarckturms finanziert.


Nach dem Tod von Margarete Stinnes bildete ihr Vermögen von 4,3 Millionen Goldmark (12 Millionen Euro) als Schenkung an die Stadt und ihre Bürger den Grundstock der Leonhard-Stinnes-Stiftung. Über die Vergabe der Mittel entscheidet ein vom Rat der Stadt für jeweils drei Jahre gewählter Beirat, dem neben der Oberbürgermeisterin zurzeit eine Vertreterin der Familie Stinnes, ein Richter des Amtsgerichtes und ein Sparkassenvorstand angehören.   Dieser Text erschien im Rahmen einer Serie über Mülheimer Stiftungen am 27. November 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Samstag, 6. April 2013

Der Lotse geht von Bord: Im Mai verabschiedet sich Heltmut Storm nach 30 Jahren als Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes: Ein Blick zurück und nach vorn

Manchmal sind es Zufälle, die ein Leben verändern. So war das bei Helmut Storm. Als er 14 war, musste er vor seiner Haustür einen Autounfall mit ansehen. „Wir standen dumm rum und konnten nicht helfen“, erinnert er sich Storm an das unangenehme Gefühl der Hilflosigkeit, das er damals mit den Passanten am Unfallort teilte. Das war vor fast 50 Jahren. Heute sieht Storm zurück auf 30 Jahre Berufstätigkeit als Kreisgeschäftsführer des DRK. Eine Zeit, die im Mai endet. Storms Motivation aber ist unverändert.


Das Erlebnis von damals bewegte ihn, sich beim Roten Kreuz für einen Erste-Hilfe-Lehrgang anzumelden. Solche Lehrgänge kamen damals erst ab 25 Teilnehmern zustande und er war erst der Zweite auf der Anmeldeliste. Deshalb überredete er einige Mädchen und Jungen seines Realschuljahrgangs, an der Oberstraße, sich zum Erste-Hilfe-Kurs anzumelden. Das Experiment gelang, der Kurs wurde voll.

Danach war Storm beim Jugendrotkreuz aktiv und meldete sich wenige Jahre später bei der neu aufgebauten Wasserwacht an. „Mathe und Sport waren für mich in der Schule immer der Horror. Doch beim Schwimmunterricht war ich auch mal vorne dabei“, erklärt Storm. 15 Jahre sollte er die Wasserwacht später leiten, ehrenamtlich.

„Das hat etwas mit Anerkennung und Gemeinschaft zu tun und dem ungemein motivierenden Gefühl, gemeinsam mit anderen an einer wichtigen Aufgabe zu arbeiten“, erklärt Storm, warum er sich viele Jahre ehrenamtlich engagierte, ehe er 1983 als Geschäftsführer des Kreisverbandes hauptamtlich für das Rote Kreuz aktiv wurde. „Eigentlich habe ich an so etwas nie gedacht. Denn ich war ja Justizbeamter beim Landgericht Duisburg.“.

Es war sein Vorgänger Hans Schulz-Thomale, der damals in den Ruhestand ging und ihn überzeugte, sein Hobby zum Beruf zu machen. Jetzt steht Storm (inzwischen bald 63) selbst vor dem Ruhestand. An einem seiner letzten Arbeitstage wird er im Mai mit einigen Wegbegleitern eine Ruhrtour machen, eine schöne Erinnerung an seine lange Zeit bei der Wasserwacht.

Was hat er in seiner langen Amtszeit erreicht? „Ich habe nichts erreicht. Wir haben gemeinsam etwas erreicht. Denn ich bin nur ein kleines Rädchen im großen Räderwerk des Roten Kreuzes“, sagt Storm bescheiden. Und dann fügt er hinzu: „Ich habe an der einen oder anderen Stelle mitgewirkt.“

Solche Stellen waren beispielsweise der Um- und Ausbau der DRK-Standorte Heinrich- und Hansastraße, die Sanierung der Geschäftsstelle an der Löhstraße oder die Integration des Roten Kreuzes in den kommunalen Rettungsdienst. „Es motiviert unsere Sanitäter, wenn sie ihr Wissen in der Praxis anwenden können und sich nicht nur theoretisch auf den Katastrophenfall vorbereiten“, so Storm.

Eine Katastrophe war für das DRK und seinen Geschäftsführer die Aufgabe des eigenen ambulanten Pflegedienstes im Jahr 2001: „Da ist uns finanziell einiges aus dem Ruder gelaufen“, räumt Storm ein. Eine Erfolgsgeschichte wurde dagegen der 1996 von ihm mitinitiierte Hausnotrufdienst, dem sich inzwischen 670 alleinstehende Senioren angeschlossen haben, um im Notfall daheim schnelle Hilfe zu bekommen. Auch das Angebot Essen auf Rädern wurde unter Storms Führung ausgebaut, stagniert aber derzeit bei 180 Senioren, die sich vom Roten Kreuz täglich mit einer warmen Mahlzeit versorgen lassen.

Nicht nur als DRK-Geschäftsführer, sondern auch als Vorsitzender des Seniorenbeirates stellt Storm immer wieder fest, „dass es oft ein Problem der Kommunikation, aber auch der Eigeninitiative ist,“ wenn Senioren von Hilfs- und Beratungsangeboten gar nicht wissen.

Angesichts von über 40 hauptamtlichen Mitarbeitern und über 400 ehrenamtlich aktiven Mitgliedern des Roten Kreuzes, zu denen noch einmal über 300 Mitglieder im Jugendrotkreuz kommen, findet Storm, „dass wir über das Engagement im Roten Kreuz derzeit nicht klagen können.“ Besonders freut er sich über die 14 Mitarbeiter, die beim DRK ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren und so den Wegfall des Zivildienstes ausgleichen.

Doch langfristig sieht er mit dem demographischen Wandel „ein dauerhaftes Problem“, wenn immer weniger junge und immer mehr alte Menschen da sein werden und auch das Rote Kreuz zu Leistungseinschränkungen gezwungen sein könnte. Mit Blick in die Zukunft wünscht sich Storm denn auch zum Abschied aus dem Berufsleben keine persönlichen Geschenke, sondern Spenden für das Jugendrotkreuz.

Die Realisierung des barrierefreien Neubaus einer Einsatzleitstelle, in der die Geschäftsstelle und die bisher an der Heinrichstraße ansässige Rettungswache unter einem Dach Platz finden, muss Storm bereits seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger überlassen.

Stichwort DRK

Unter dem Eindruck der Schlacht von Solferino (1859) und dem damit verbundenen Leid der Kriegsverletzten, gründete der Schweizer Kaufmann Henry Dunant 1863 das damals aus fünf Mitgliedern bestehende Internationale Kommittee vom Roten Kreuz. Heute gibt es weltweit 186 nationale Rotkreuz- und Halbmond-Organisationen. In Mülheim gibt es das Rote Kreuz seit 1907. Seine ersten Hilfseinsätze leistete es bei einem Werksunfall bei Thyssen und bei einem Straßenbahnunfall. Heute tritt das DRK auch jenseits der Mülheimer Stadtgrenzen in Aktion. Rettungsdienst, Krankentransporte, betreute Seniorenreisen, Sanitätsdienste bei Großverantstaltungen sowie Unterstützung bei Bombenentschärfungen, Unglücksfällen und Unwetterlagen, Hilfstransporten und der Betrieb einer Seniorentagesstätte an der Prinzess-Luise-Straße gehören ebenso zu den Arbeitsfeldern des Roten Kreuzes, wie das Angebot von Erste-Hilfe- und Rettungsschwimmkursen, die Wasserrettung, eine Kleiderkammer, das Essen auf Rädern, der Blutspendedienst sowie die Bildungs- und Beratungsarbeit mit Jugendlichen, Familien und Migranten. Seit 35 Jahren organisiert das Rote Kreuz zusammen mit den anderen Wohlfahrtsverbänden regelmäßige Begegnungen von Senioren aus Mülheim und seiner französischen Partnerstadt Tours. Internetinfos unter: www.drk-muelheim-ruhr.de

Dieser Text erschien am 5. April 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung


Mittwoch, 3. April 2013

Warum der Fotograf Volker Flecht den Frühling liebt: Eine jahreszeitliche Spurensuche

„Ohne Kamera gehe ich nicht aus dem Haus. Und für fünf Kilometer ziehe ich mir erst gar nicht die Jacke an“, sagt Volker Flecht. Der Dümptener Hobbyfotograf hat zwei Lieblingsjahreszeiten, den Frühling und den Herbst. „Denn dann ist das Licht besonders weich und die Schatten besonders lang“, schwärmt der 61-jährige Vorruheständler.


Seit er seinen Lebensunterhalt nicht mehr als Maschinenbautechniker bei Thyssen-Krupp-Stahl verdienen muss, hat er viel Zeit für seine Fototouren. Mindestens dreimal pro Woche geht er auf Fotosafari. Meistens ist er in Mülheim unterwegs. „Andere machen Sport. Ich laufe mit meiner Kamera und zwei bis drei Objektiven meine 50 Kilometer pro Woche“, sagt Flecht mit einem Augenzwinkern. Für den Fotografen, der sein Hobby vor 40 Jahren bei der Bundeswehr fand, als er dort Luftbilder auswerten musste, ist die grüne Stadt am Fluss ein Motiv, das ihm nie langweilig wird. „Hier findet man noch viel Natur pur“, schwärmt Flecht.

Immer wieder zieht es ihn an die Ruhr, zu Kocks Loch, in die Saarner Ruhrauen, zur Mintarder Streuobstwiese, zum Galgenhügel am Flughafen oder in die Müga. „Man muss ein Auge für Details haben, um auch altbekannte Motive immer wieder neu fotografieren und so ihren Charakter ins Bild setzen zu könne“, weiß Flecht.

Nur im Winter gönnt er sich eine Fotopause, „weil es keinen Spaß macht unter einer dicken Jacke zu schwitzen, während man mit Kamera und Objektiven hantiert.“ Deshalb wartet er immer händeringend auf den Frühling und hat in dieser Woche seine ersten Frühlingsfotos geschossen. „Allerdings war es gar nicht so einfach, den Frühling zu finden. Die Flora kommt noch nicht richtig raus, weil es für die Jahreszeit einfach zu kalt ist“, gibt Flecht zu.

Mit seinen Fotos aus dem März und April 2012 zeigt er in der Tat, dass die Natur vor einem Jahr schon viel weiter war. Flecht, der seine Fotos am PC-Bildschirm digital nachbearbeitet, in dem er Konturen und Belichtung optimiert, schätzt. dass er inzwischen rund 100.000 Fotos auf der Festplatte hat. Sie sich daheim immer wieder anzuschauen, hat für ihn eine geradezu meditative Qualität. Und ab und zu präsentiert er seine Fotos, auf denen nicht nur Natur,- sondern auch schon mal Industriemotive zu sehen sind, bei den Ausstellungen der Fotogruppe Saarn, die sich regelmäßig im Kloster trifft.

Weitere Informationen dazu findet man im Internet unter www.fotogruppe-saarn.de

Dieser Text erschien am 30. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 2. April 2013

So gesehen: Weiße Ostern

Haben wir schon Ostern? Wenn man aus dem Fenster schaut oder sich ganz unverfroren nach draußen traut, könnte man glauben, es sei bald Weihnachten. Denn leise rieselt da der Schnee.




Auch den Hühnern, so hört man, soll es zu kalt sein, weshalb sie weniger Eier als sonst legen. Das ist doch kein Wunder bei Bodentemperaturen, die eher an Dezember und Januar als an März und April erinnern. Wenn uns der Handel mit bunten Ostereiern und Schokohasen nicht zeigen würde, was die Stunde geschlagen hat, würde man beim Einkauf doch automatisch nach Glühwein und Christstollen Ausschau halten.

Nur gut, dass der Osterhase von Hause aus ein dickes Fell hat und die Ostereier traditionell bunt gefärbt werden. So können wir sie im Notfall auch unter einer weißen Schneedecke wiederfinden. Vielleicht haben die Erfinder dieses Brauches ja auch schon ihre Erfahrungen mit weißen Ostern gemacht und ihre ganz praktischen Konsequenzen daraus gezogen.

Von mir aus könnten die Ostereier ruhig weiß und auf dem Frühstückstisch bleiben, wenn es dafür draußen in der Natur bunter und wärmer würde. Kalte Füße bekommen wir schließlich schon oft genug, auch ohne weiße Ostern.   Dieser Text erschien am 30. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung