Freitag, 31. Mai 2013

Der Bürgerkrieg in Syrien hat auch Folgen für unsere Stadt

Weitere 5000 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien sollen in Deutschland aufgenommen werden. Das kündigte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich am 22. Mai 2013 in Berlin an. Am selben Tag traf bereits ein Bürgerkriegsflüchtling aus dem arabischen Land in Mülheim ein. „Wir konnten ihn im Rahmen einer Familienzusammenführung bei seiner Familie unterbringen, die hier bereits lebt“, erklärt der stellvertretende Leiter des Sozialamtes, Thomas Konietzka. Nach seinen Erkenntnissen leben in Mülheim derzeit knapp 30 Flüchtlinge aus Syrien.


Eine größere Flüchtlingsgruppe aus dem Bürgerkriegsland ist der Stadt, laut Konietzka, derzeit noch nicht in Aussicht gestellt worden. „Wenn, dann erfahren wir das von der dafür zuständigen Bezirksregierung in Arnsberg mit einem Vorlauf von etwa 14 Tagen“, erläutert er das Verfahren. Alle Flüchtlinge, die nach Nordrhein-Westfalen kommen, werden zunächst in einem Auffanglager in Dortmund versorgt und dann, je nach Fläche und Einwohnerzahl auf die Städte an Rhein und Ruhr verteilt. „Mülheim nimmt in der Regel 0,3 Prozent aller neu eingetroffenen Flüchtlinge“, sagt Konietzka.

Vor dem Hintergrund dieser Quote geht Konietzka nicht davon aus, dass Mülheim mit einer größeren Zahl von syrischen Flüchtlingen zu rechnen habe. Er geht eher von einer Zahl von unter zehn Personen aus. „Das wird uns vor keine großen Probleme stellen. Das ist für uns laufendes Geschäft“, betont Konietzka.

Derzeit leben in Mülheim insgesamt 350 Flüchtlinge. Um sie unterzubringen und zu versorgen, rechnet die Stadt für das laufende Jahr mit Kosten von insgesamt 3,9 Millionen Euro.

100 Flüchtlinge, die bereits eine längerfristige Aufenthaltsperspektive haben, konnten vom Sozialamt bereits in einer Wohnung auf dem freien Markt untergebracht werden. Für weitere 250 Flüchtlinge mietet die Stadt vor allem Wohnungen der SWB an. Ihre aktuelle Zahl gibt Konietzka mit 23 an. Hinzu kommen vier städtische Gebäude, in denen Wohnraum für Flüchtlinge bereitgestellt werden.

Dieser Text erschien am 27. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 30. Mai 2013

In Memoriam: Karl Wilhelm Tempelhoff: Eine Erinnerung an den langjährigen Pressesprecher der Stadt Mülheim an der Ruhr

„Ich bin sehr traurig. Denn vieles von dem, was ich mir an Handwerkszeug und Anerkennung erarbeitet habe, habe ich bei ihm gelernt und ihm zu verdanken“, kommentiert Stadtsprecher Volker Wiebels die Nachricht vom Tode seines Vorgängers Karl Wilhelm Tempelhoff. Der langjährige Pressesprecher der Stadt Mülheim starb am 21. Mai nach langer und schwerer Krankheit im Alter von 74 Jahren.


Wiebels erinnert sich an seinen Kollegen und Mentor, mit dem er 25 Jahre zusammengearbeitet hat, als „einen Menschen, der immer fröhlich und positiv gestimmt war“ und gleichzeitig in seinem beruflichen Verantwortungsbereich „die Kunst der Diplomatie und der Sachlichkeit“ beherrscht habe.

Anfang der 60er Jahre begann Tempelhoff seine Verwaltungslaufbahn bei der Stadt und arbeitete in den Büros der Oberstadtdirektoren und Oberbürgermeister Heinz Heiderhoff und Heinz Hager in verschiedenen Querschnittsaufgaben der Stadt- und Verwaltungsspitze zu.

Anfang der 70er Jahre wurde er zum ersten hauptamtlichen Pressesprecher der Stadt bestellt. In dieser Funktion war er nicht nur für die Berichterstattung aus Rat und Verwaltung sowie für die Medienkontakte und die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt zuständig, sondern führte auch die Geschäfte des Mülheimer Verkehrsvereins. In diesem Verantwortungsbereich gab der gebürtige Mülheimer auch das Jahrbuch der Stadt heraus. 2001 ist Karl Wilhelm Tempelhoff in den Ruhestand gegangen. Er hinterlässt seine Frau, zwei Töchter und zwei Enkelkinder.

Dieser Text erschien am 28. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 28. Mai 2013

Nicht alles, was anzieht, ist auch anziehend: Ein etwas anderer Stadtbummel durch die manchmal schrecklich schöne neue Einkaufswelt

Gilt auch beim Modeeinkauf: Ein ruhiges Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen? Bunt und billig. So sieht es auch bei Textildiscountern in Mülheim aus. Doch den wahren Preis, den billige und ausgebeutete Arbeitskräfte in anderen Erdteilen für den Stoff bezahlen müssen, aus dem unsere modischen Träume sind, verdrängen die meisten Kunden beim Textileinkauf. In den meisten Fällen entscheidet am Ende der Preis und das Gefallen. Nur wenige interessieren sich für die Herkunft ihrer Kleidung oder für die Rahmenbedingungen, unter denen sie hergestellt worden ist.


Das zeigten Gespräche, die ich für die NRZ am 3. Mai 2013  mit Kunden vor den Textildiscountern KIK an der Schloßstraße, Zeemann an der Leineweberstraße und auf der Einkaufsmall des Forums zwischen C&A, Tk Maxx und H&M geführt hat.

„Das ist wirklich traurig und dramatisch.“ „Da müsste der Staat mal was dran ändern“ „Darüber müsste man vielleicht mal nachdenken.“ „Darüber habe ich bisher noch gar nicht nachgedacht.“ Solche und ähnliche Sätze hörte man immer wieder, wenn man mit Kunden über die Konsequenzen aus der Fabrikkatastrophe in Bangladesh diskutierte. Nur ganz wenige versicherten, grundsätzlich nicht bei Textildiscountern zu kaufen.

Als Gründe für den Billigeinkauf ohne nachhaltig schlechtes Gewissen, wurde zum Beispiel genannt, dass man selbst mit jedem Euro rechnen und sein eigenes Geld unter schwierigen Bedingungen verdienen müsse. Oder dass die Kinder ja so schnell aus den Klamotten hinauswüchsen. Ebenso war zu hören, dass die Modeauswahl in der Innenstadt ja immer geringer werde und deshalb manchmal nur noch der Weg zum nächsten Textildiscounter bleibe, wenn man nicht mobil sei.

Fast alle Filialleitungen wollten sich zu dem Thema gar nicht äußern und verwiesen an ihre Firmenzentrale. Das tat auch C&A-Fililaleiterin Esther Kossak, um dann aber doch so viel zu sagen: „Ich weiß, dass C& A die Qualität seiner Waren und die Rahmenbedingungen ihrer Herstellung streng kontrollieren lässt und dass die Unglücksfabrik in Bangladesh nicht bei uns unter Vertrag ist. Aber auch nach der Katastrophe hat es in unserer Filiale keine einzige Kundennachfrage gegeben, woher unsere Textilien kämen.“

Es gibt aber auch die Läden, wo Kunden klar ist, woher die Ware kommt. So eine Oase des nachhaltigen Handels ist der Weltladen an der Kaiserstraße 8. Hier kann man nicht nur fair gehandelte Lebensmittel, sondern auch Mode vom Halstuch über die Hose bis zum T-Shirt kaufen.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, Gaby Stoffels und Gisela Franceschini, stellen fest, dass die Nachfrage nach ihren in Genossenschaften zu fairen Löhnen und unter menschenwürdigen Bedingungen produzierten Waren nach der Fabrikkatastrophe spürbar gewachsen sei. Aber sie wissen auch: „Das bröckelt wieder ab, sobald das Thema aus den Medien verschwunden ist.“ Dabei sind sie davon überzeugt: „Die Kunden hätten die Macht etwas zu ändern, aber sie müssten ihre Macht auch nutzen.“

Zu wenige denken so, wie eine 64-jährige Stammkundin des Weltladens, die sagt: „Ich kaufe lieber weniger und dafür gut ein und möchte, dass auch die Hersteller etwas von ihrer Arbeit haben. Wenn ich was Billiges kaufe, was in einem Jahr wieder kaputt ist, ist mir das zu teuer.“

Was sagt KIK dazu in einer Pressemitteilung vom 3. Mai 2013?


Wir sind überrascht, betroffen und erschüttert, dass es offensichtlich Anzeichen dafür gibt, dass neben anderen Marken auch Textilien von KiK in den Trümmern des Rana Plaza Builidings gefunden worden sind. Fakt ist, dass es seit 2008 keine direkten Geschäftsbeziehungen zwischen KiK und denen im Rana Plaza ansässigen Lieferanten gegeben hat.


Wir prüfen deshalb intensiv zusammen mit dem entsprechenden Importeur, wie die gefundenen Label und Textilien zu erklären sind. Wir fragen uns dabei insbesondere auch, wie in einem von den Behörden zuvor offiziell geräumten Gebäude weiter gearbeitet werden konnte.

Sobald uns gesicherte Erkenntnisse vorliegen, werden wir uns dezidiert dazu äußern und mit aller Konsequenz gegen etwaiges Fehlverhalten vor Ort vorgehen.

Parallel wird es zusammen mit allen vor Ort produzierenden Textilherstellern darum gehen, wie den Hinterbliebenen der Opfer und den vielen Verletzten schnell geholfen werden kann. Allen Betroffenen gilt unser aufrichtiges Mitgefühl.

Dieser Beitrag erschien am 4. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung


Sonntag, 26. Mai 2013

Global denken und lokal handeln: Ein Kameruner aus Mülheim will Behinderten in seinem Heimatland helfen

Weltkirche kann man auch vor der Haustür erleben, zum Beispiel in der Styrumer Kirche St. Mariae Rosenkranz. Hier feiert sonntags um 14 Uhr die kamerunische Gemeinde ihre Gottesdienste in deutscher und englischer Sprache. Es waren immerhin deutsche Pallotinerpatres, die den Katholizismus im späten 19. Jahrhundert im Kamerun verbreiteten.

Heute sind etwa ein Drittel der 19,7 Millionen Kameruner katholisch, Einer von ihnen ist der 38-jährige IT-Berater Mathias Tambe, der seit 1999 in Deutschland lebt und in Mülheim den kamerunischen Kultur- und Sozialverein Eyum Anneh und Co, was soviel bdeutet, wie „Stimme des Volkes“ leitet.

Der deutlichste Unterschied, der Tambe immer wieder auffällt, wenn er Deutschland mit seinem Herkunftsland vergleicht, ist die Tatsache, „dass die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung hier 1000 mal besser ist als in Kamerun.“

Von beruflicher Eingliederungshilfe oder speziellen Werkstätten und Beratungsangeboten, wie hierzulande, könnten Behinderte in seiner Heimat nur träumen. Dort fehle es ihnen am nötigsten. Selbst einfachste Hilfsmittel, wie etwa ein Rollstuhl, so Tambe, seien in Kamerun, ein seltenes Luxusgut. „Behinderte sind in Kamerun vor allem auf die Hilfe ihrer eigenen Familien angewiesen. Es gibt nur wenige Nichtregierungsorganisationen im Land, die sich um sie kümmern“, berichtet Tambe. In vielen afrikanischen Ländern gibt es immer noch starke Vorurteile gegenüber Behinderten, weil sie viele Menschen dort immer noch glauben, dass sie mit ihrer Behinderung vom Schicksal bestraft, verhext oder verflucht sind.

Deshalb haben Tambe und sein Verein jetzt eine Hilfsinitiative zugunsten Behinderter in Kamerun gestartet, die sie am 24. Mai um 18 Uhr zusammen mit Mülheims Bürgermeisterin Renate aus der Beek der interessierten Öffentlichkeit im Mülheimer Medienhaus am Synagogenplatz 3 vorstellen wollen.

Tambe und seine Mitstreiter wollen vor allem Geld- und Sachspenden sammeln, um dann gezielt Hilfsmittel vom Rollstuhl bis zu Computer gezielt behinderten Menschen zukommen zu lassen und ihnen damit eine neue Lebensperspektive zu eröffnen.

Den ersten Empfänger ihrer gezielten und individuellen Hilfe haben Tambe und seine Mitstreiter bereits im Südwesten Kameruns gefunden. Hier lebt der 22-jährige Akobi Philemon. Er braucht dringend einen Rollstuhl und einen Computer, um nach seiner Mittleren Reife jetzt eine Stennografenausbildung erfolgreich abschließen zu können.

Tambe und der Verein Eyum Anneh & Co haben bereits im Vorfeld ihrer ersten öffentlichen Informationsveranstaltung ein Spendenkonto bei der Mülheimer Sparkasse und unter: https://www.betterplace.org/de/projects/11616-hilfe-fur-behinderte-menschen-in-kamerun eine Spendenplattform im Internet eingerichtet. Tambe und seine Mitstreiter wissen, dass ihre Hilfe für Behinderte in Kamerun nur ein individueller Tropfen auf den heißen Stein sein kann. Doch sie folgen mit ihrer Hilfsinitiative dem Motto des ehemaligen südafrikanischen Freiheitskämpfers unnd Staatspräsidenten Nelson Mandela, der einmal gesagt hat: „Es scheint immer unmöglich, bis es getan ist!“

Wer sich bei Mathias Tambe über seine Hilfsaktion zugunsten behinderter Menschen in Kamerun informieren oder diese unterstützen möchte erreicht ihn telefonisch unter: 0208/38 67 98 96 oder 0157 82 31 09 10 sowie per E-Mail an: mail@eyumanneh.com

Dieser Text erschien am 11. Mai 2013 im Ruhrwort



Samstag, 25. Mai 2013

Juliane Rytz und ihr aus Bangladesch stammender Ehemann Hasan Heera berichteten bei den Grünen über die Hintergründeder Fabrikkatastrophe in Bangladesch, bei der über 1000 Arbeiterinnen ums Leben kamen

Die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen in Bangladesch Textilien produziert werden, sind auch nach der Fabrik-Katastrophe in Dhaka, die inzwischen über 1000 Todesopfer gefordert hat, bei den meisten Kunden weit weg, wenn sie hier schöne und billige Mode einkaufen, wie die NRZ auch kürzlich berichtete.


Dass Nichtwissen oder Ignoranz in einer global vernetzten Welt keine Lösung sind, machten am Freitag, Juliane Rytz und ihr aus Bangladesch stammender Ehemann Hasan Heera bei einer Informationsveranstaltung deutlich, zu der die Grünen in ihre Geschäftsstelle an der Bahnstraße eingeladen hatten.

Beide haben bis zum April 2012 in Dhaka gelebt und gearbeitet, sie als Dozentin am Goethe-Institut und er als IT-Fachmann. Heute sind sie in Broich zu Hause. Nach der Fabrik-Katastrophe stehen sie aber in enger Verbindung zu einem Netzwerk um den an der Universität von Dhaka leerenden Physik-Professor, Zahid Hasan Mahmood, das den verunglückten Textilarbeiterinnen und ihren meist aus ländlichen Regionen stammenden Familien erste Hilfe leisten und ein dauerhaftes Hilfsnetzwerk für die Opfer der Fabrikkatastrophe aufbauen will.

Aus ihrer Kenntnis der unter anderem von Korruption geprägten politischen Lage in Bangladesch, glauben Rytz und Heera, dass nur privat organisierte Unterstützung auch wirklich bei den Bedürftigen ankommt. Heera, der sich in Bangladesch als Mitglied der linksliberalen Reformbewegung Kulturelle Neue Brücke engagiert, wies darauf hin, dass die jetzt verletzten und zum Teil berufsunfähigen Textilarbeiterinnen, die zum Teil für 30 Euro pro Monat täglich bis zu 16 Stunden in Textilfabriken schuften müssen, über keine Krankenversicherung verfügen. Er schätzt die Zahl der Textilarbeiterinnen, die unter ähnlich unmenschlichen Bedingungen, wie in Dhaka arbeiten müssen, landesweit auf 40 Millionen. Rytz und Heera wiesen darauf hin, dass Bangladesch derzeit der zweitgrößte Textilexporteur der Welt sei und Deutschland seine gesamte Textilindustrie inzwischen de facto ausgelagert habe. Dabei wurde deutlich, dass ein kompliziertes Geflecht auf Unternehmen, zwischengeschalteten Agenten und Subunternehmern, die nachvollziehbare Kontrolle und Durchsetzung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen in Bangladesch erschweren. Wie berichtet, sollen in der Unglücksfabrik von Dhaka auch Textilen des zur Tengelmanngruppe gehörenden Textildiscounters KIK gefunden worden sein. Angesichts der erschreckenden Erkenntnisse aus Bangladesch steht für die grüne Ratsfrau Annette Lostermann-DeNil fest, dass Mülheim zur „Fair-Trade-Town“ werden muss, in der die Stadt und ihre Bürger vom Kaffee bis zur Mode konsequent fair gehandelte Produkte kaufen. „Wir brauchen nicht 100 T-Shirts für jeweils fünf Euro im Kleiderschrank,“ glaubt Lostermann und plädiert unter anderem für gute Secondhandmode als Alternative zur fragwürdigen Billigtextilen aus Fernost.

Wer Juliane Rytz und Hasan Heera bei ihrer Netzwerkarbeit für die Opfer der Fabrikkatastrophe in Dhaka unterstützen möchte, erreicht sie unter ?01?79/53?000?50 oder per E-Mai an: juliane.rytz@gmail.com. Aktuelle Informationen bietet auch ihr Bangladesch-Blog unter http://julry.wordpress.com

Dieser Text erschien am 13. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 24. Mai 2013

So gesehen: Die Mülheimer SPD hat bis zu ihrem 150. Geburtstag eigentlich noch ein Jahr Zeit

Wenn man 150 Jahre alt wird, ist das ein Grund zum Feierm. Denn so alt wird kein Mensch. Es sei denn, es handelt sich um ganz viele Menschen, die sich zusammenschließen und ihre gemeinsamen Ideen zeitgemäß von einer Generation zur nächsten tragen. Und deshalb feiert die SPD, die ja auch schon mal als „alte Tante“ bezeichnet wird, heute ihren 150. Geburtag.


Dabei stimmt das mit dem 150. Geburtstag heute noch nicht ganz, wenn man Alt-Bürgermeister Günter Weber, der 57 von 150 SPD-Jahren als Sozialdemokrat miterlebt und mitgestaltet hat, nach den Anfängen der Mülheimer SPD fragt und mit ihm in einer alten Parteichronik schmökert.

Und da zeigt sich, dass auch im Leben einer Partei aller Anfang schwer ist. Der Anfang dürfte eine erste Verasammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins am 12. Juni 1864 gewesen sein, der im August 1864 gerade mal 39 Mitglieder zählte und mit dem Gerbergesellen Wilhelm Hasenclever ab 1869 erstmals einen Abgeordneten im damals Nordeutschen Bundestag stellte.

Dass die Mülheimer SPD heute rund 2000 Genossen hat, zeigt, dass sie in ihren letzten 149 Jahren nicht alles falsch gemacht hat. Das sie aber auch schon mal mehr als doppelt so viele Mitglieder hatte, zeigt aber auch, dass sie nicht immer alles richtig gemacht hat und der alten Arbeiterpartei im Laufe der Jahrzehnte auch so mancher Arbeiter abhanden gekommen ist. So ist das an einem runden Geburtstag. Man zieht Bilanz und überlegt wie es weitergeht. Denn auch das Leben einer Partei bleibt eine Baustelle, um nicht zu sagen: harte Arbeit. Das gilt besonders, wemm man, wie die SPD, Demokratie und soziale Gerechtigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hat. Dabei verbietet es sich für Sozialdemokraten mit Blick in die Zukunft wohl von selbst, schwarz zu sehen. Denn nicht das Anfangen, sondern nur das Durchhalten wird belohnt. Das hat zwar kein Genosse, sondern die heilige Katharina von Siena gesagt. Aber ein bisschen heiliger Geist kann auch der SPD nicht schaden.

Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags erschien am 23. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 20. Mai 2013

Die Styrumer Kirchengemeinde St. Mariae Rosenkranz verliert ihren Pastor Norbert Dudek

Es gibt Nachrichten, die machen traurig. Eine solche Nachricht erreicht uns in diesen Tagen aus der Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz. Sie verliert ihren Pastor Norbert Dudek. Der 45-jährige Theologe hatte die Gemeinde hatte seit 2004 als Seelsorger betreut. Im Januar kommenden Jahres soll er jetzt die Leitung der 18.000 Seelen zählenden Pfarrei St. Marien in Schwelcm übernehmen. Hier war er bereits in den 90er Jahren als Diakon tätig, ehe er als Kaplan in die Mülheimer Stadtgemeinde St. Mariae Geburt kam.

Sein Weggang wiegt besonders schwer, weil Dudek, neben seinem Pastorenamt auch die Aufgaben des Stadtjugendseelsorgers und des Beauftragten der katholischen Stadtkirche für den interreligiösen Dialog wahrgenommen hat. Dass die Gemeinde im multikulturellen Styrum ihren profilierten und engagierten Seelsorger verliert, ist kein gutes Zeichen. Zwar soll Dudek durch den aus Kamerun stammenden Pastor Constant Leke ersetzt werden, der sich gleichzeitig um die kamerunische Gemeinde in Styrum und um die französischsprachigen Gemeinden des Ruhrbistums kümmern.

Es steht zu befürchten, dass die Arbeit des jugendpastoralen Zentrums am Marienplatz in der bisherigen Form nicht fortgesetzt werden kann, auch wenn zurzeit sondiert wird, welche Rolle die Gemeindereferentin und Jugendseelsorgerin Sigrid Geiger in St. Mariae Rosenkranz spielen kann und will. Feststeht, dass die Priester der Nachbargemeinden St. Engelbert und St. Barbra künftig in Styrum verstärkt aushelfen müssen und die Seelsorgedichte in Styrum eher abnehmen wird.

Ein Text zu diesem Thema erschien am 17. Mai 2013 in NRZ und WAZ

Mittwoch, 15. Mai 2013

Tue Gutes und sprich darüber: Wie der Jugendstadtrat zu neuem Leben erweckt werden könnte

Warum haben sich für die 18 Sitze im Jugendstadtrat bisher nur neun Kandidaten gefunden? Wissen die Wahlberechtigten zu wenig über das Jugendparlament? Oder wollen sie am Ende vom Jugendstadtrat gar nichts wissen, weil ihnen unklar ist, welche Kompetenzen der Jugendstadtrat hat? Wer mit Schulleitern und SV-Lehrern an weiterführenden Schulen darüber spricht, muss feststellen, dass noch besser und regelmäßiger über den Jugendstadtrates informiert werden müsste.

Anfang Mai hatte das Gymnasium Broich zu einer Info-Veranstaltung mit dem für das Gremium zuständigen Jugendamtsmitarbeiter Ingolf Ferner eingeladen. „Das ist bei den Schülern zwar ganz gut angekommen. Noch besser wäre es aber gewesen, wenn bei dieser Gelegenheit auch ein Jugendstadtrat über seine Arbeit berichtet hätte“, sagt Schulleiter Ralf Metzing. Auch die SV-Lehrerin des Gymnasiums Heißen, Johanna Domin, glaubt: „Wenn Schüler einen Jugendlichen erleben, der dort mitarbeitet, sie ihn womöglich nett finden, dann könnte das Barrieren abbauen. Vielleicht sagen sie dann: Da gehe ich mal hin.“

Schulleiter Metzing würde es begrüßen, „wenn die Informationen uns nicht erst kurz vor der Wahl, sondern kontinuierlich erreichten.“

Das sieht auch der SV-Lehrer der Willy-Brandt-Schule, Ferry Dave Jäckel, so. „Man müsste mehr über den Jugendstadtrat wissen und mehr davon hören, wo und wie er Einfluss nimmt. Seine Themen kommen nicht an“, bedauert Jäckel. Er muss aber auch einräumen, „dass wir bei der Wahl im November 2012 nicht noch mal aktiv nachgehakt haben.“ Damals kam das Angebot für eine Infoveranstaltung einfach zu kurzfristig.

Judith Koch, Rektorin der Realschule Mellinghofer Straße, erinnert sich dagegen, dass sie zweimal Interesse an einer Veranstaltung signalisiert hatte, der Jugendstadtrat diese aber aus organisatorischen Gründen nicht realisieren konnte.

Am Karl-Ziegler-Gymnasium, an der Luisenschule und der Otto-Pankok-Schule fanden jeweils im vergangenen Jahr solche Zusammenkünfte statt. An der Realschule Broich steht nun eine entsprechende Veranstaltung am kommenden Dienstag auf dem Stundenplan.

Die Erinnerung des Direktors der Luisenschule ist ambivalent: „Das war eigentlich ein Teilerfolg. Denn nach der Veranstaltung haben sich bei uns einige Bewerber gemeldet. Doch leider kamen ja dann zu wenige Kandidaten zusammen, so dass die Wahl dann verschoben werden musste“, so Bernd Troost.

Erst vor wenigen Tagen hat er noch bei einer Vollversammlung der Jahrgangsstufe 9 über den Jugendstadtrat informiert. „Es geht darum, Schüler, von denen man im Jugendstadtrat dann auch noch einige Jahre etwas haben kann, persönlich anzusprechen und davon zu überzeugen, dass wir die Verpflichtung haben, die demokratischen Möglichkeiten, die uns geboten werden, auch zu nutzen.“

Doch  Troost ist sich mit seinem Styrumer Lehrerkollegen Jäckel angesichts von Ganztagsschule und Schulzeitverkürzung auch einig, dass die Bereitschaft der Schüler eher gering ist, sich neben dem Unterricht auch noch im Jugendstadtrat zu engagieren.

An allen angefragten Schulen versichert man, die offiziellen Wahlinformationen der Stadt an Schüler und Schülervertreter weitergeleitet zu haben. An den meisten Schulen gehen die Leiter davon aus, dass das Thema auch im Politikunterricht unter dem Kapitel „Möglichkeiten demokratischer Teilhabe“ behandelt werde.

Doch Troost räumt ein, dass Politik nicht in jedem Jahrgang der Sekundarstufe 1 auf dem Stundenplan stehe. Und die SV-Lehrer Jäckel und Domin gehen sogar davon aus, dass der Jugendstadtrat als Thema im Politikunterricht angesichts prall gefüllter Lehrpläne eher den Kürzeren ziehe und im Zweifel vielleicht eher über die Möglichkeiten einer Schülervertretung als eines Jugendstadtrates gesprochen würde.

„Dabei wäre ein Jugendstadtrat“, so räumt Jäckel ein: „für die Demokratie eigentlich wichtig.“

Der Jugendstadtrat wurde erstmals 2006 für zwei Jahre gewählt. Er vertritt die Interessen von Kindern und Jugendlichen und hat Rederecht im Rat der Stadt. Bei der letzten Wahl 2010 standen 29 Mandate zur Wahl. Die Wahlbeteiligung lag bei 12,9 Prozent. Wählbar und wahlberechtigt für den auf 18 Mandate reduzierten Jugendstadtrat sind Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren.

Kandidaten können sich noch bis zum 27. Mai (18 Uhr) bei Lea Baumgarten (Ruf: 455-3032) vom Amt für Rechts- und Ratsangelegenheiten im Rathaus-Raum B111 (Markteingang) melden. Weitere Infos unter www.muelheim-ruhr.de Der Jugendstadtrat hat unter: jsr.muelheim-ruhr.de auch eine Internetseite und eine Facebook-Gruppe. Die bisherigen Projekte und Initiativen reichen vom Rockkonzert und Jugendkongress über eine Anti-Mobbing-Konvention bis zur Erstwählerinformation. Ansprechpartner für Infoveranstaltungen und Materialien: Ingolf Ferner, ?Ruf: 0208/455-4531

Der 17-jährige Simon Löwenberg aus der elften Jahrgangsstufe der Gustav-Heinemann-Schule ist einer der bisher neun Kandidaten für den Jugendstadtrat. Er sagt: „Ich bin eigentlich erst durch die Zeitung auf den Jugendstadtrat aufmerksam geworden. Erst war ich gar nicht daran interessiert. Aber dann ist mir klar geworden, dass man nicht nur meckern kann, sondern sich auch selbst einbringen muss, wenn etwas besser werden soll. Die wichtigste Aufgabe des Jugendstadtrates ist meiner Ansicht nach, den Jugendlichen im Rat eine Stimme zu geben und so den Kontakt zwischen Jugendlichen und Kommunalpolitikern herzustellen. Wir müssen als Jugendliche zeigen, dass wir Teil der Gesellschaft sind. Der Jugendstadtrat darf nicht nur Veranstaltungen organisieren, sondern muss auch wichtige Themen ansprechen. Ich denke dabei zum Beispiel an die Schwierigkeiten beim Zentralabitur oder auch an die Frage, wie man respektvoller miteinander umgehen kann.“


Dieser Text erschien am 14. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 13. Mai 2013

So gesehen: Was macht Onkel Sam auf der Internetseite der Stadt oder: Ist Wissen wirklich immer Macht?

Was macht Onkel Sam auf der Stadtseite www.muelheim-ruhr.de? Bisher sah man ihn nur auf Plakaten in USA, wenn die amerikanischen Streitkräfte Freiwillige suchten.


Die Lage muss ernst sein, wenn Onkel Sam ein I-love-MH-T-Shirt übergestreift bekommt, um jungen Mülheimern mitzuteilen: „I want you for Jugendstadtrat.“

Ein Schelm, der Böses dabei denkt und meinen könnte, die Symbolfigur aus Amerika sei als Werbeträger für eine Jugendstadtratswahl in Mülheim zu weit hergeholt, zumal ob ihrer militärischen Vergangenheit.

Andererseits waren es US-Soldaten, die 1945 mit ihrem Sieg über Hitler die Demokratie auch nach Mülheim brachten und die Menschen zu Demokraten machen wollten. Doch heute wollen viele junge Mülheimer vom Jugendstadtrat, als einer Schule lokaler Demokratie, nichts wissen, weil sie zu wenig darüber wissen, was dieser Jugendstadtrat macht und ob das Wissen darüber auch wirklich Macht sein könnte.

Dieser Text erschien am 11. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 12. Mai 2013

Warum sich 65.000 Kirchentagsbesuicher vom Mülheimer Ben Klempel bewegen ließen: Eine Sonntagsgeschichte

„Das ist, als ob Sie einen Film sehen und sich fragen: Was hat das jetzt mit dir zu tun?“ So beschreibt der 36-jährige Mülheimer Ben Klempel das überwältigende und fast unwirkliche Gefühl, als 65.000 Besucher des Evangelischen Kirchentages am Freitagabend im Hamburger Stadtpark auf seine Popmusik tanzten.


Das knapp dreiminütige Tanzhappening war als musikalisches und gruppendynamisches Zwischenspiel einer Veranstaltung gedacht, mit der die Kindernothilfe ihre internationale Hilfskampagne „Bildung ändert alles“ vorstellte.

Auf Empfehlung eines Musikers und im Auftrag der Kindernothilfe hatte der Musikproduzent, der sich jetzt als Marketingberater selbstständig gemacht hat, mit Synthesizer, Sampler, Sitar, Percussions, Computer und Schlagzeug in seinem heimischen Tonstudio einen „Dancesong“ komponiert, der Rhythmen aus Asien, Afrika, Europa und Lateinamerika miteinander verband.

Dafür investierte er 14 Arbeitstage und fand in seinen beiden Kindern Gunnar (eineinhalb Jahre) und Marlene (drei Jahre) seine ersten begeisterten Zuhörer. „Mir war es wichtig, das soziale Anliegen zu unterstützen, weil man als junger Vater einen ganz anderen Blick für die Belange von Kindern bekommt. Deshalb habe ich die Arbeit, bei der ich meine Leidenschaft für Musik mit einer sinnvollen Sache verbinden konnte, auch für einen echten Freundschaftspreis gemacht“, unterstreicht der engagierte Existenzgründer.

Bei der Kirchentagsveranstaltung im Hamburger Stadtpark wurde dem Mitglied der evangelisch-freikirchlichen Christus-Gemeinde wieder einmal deutlich, „dass Musik ein Medium und ein Kommunikationsmittel ist, das alle Menschen verstehen und das auch unterschiedliche Kulturen mühelos miteinander verbinden kann.“

Und warum ist eigentlich bei Kirchentagen so viel Musik drin und so viele Besucher da, während der sonntägliche Kirchenbesuch in den Gemeinden oft zu wünschen lässt? Klempel glaubt: „In einer Zeit, in denen vielen Menschen im Alltag die moralische Messlatte abhanden gekommen ist, suchen und finden sie bei Kirchentagen eine positive, friedliche Stimmung, in der sie etwas von dem fairen Umgang spüren, den sie in ihrem Alltag oft vermissen. Hier zeigt sich die Kirche einfach mal sehr vielseitig und integrativ und nicht so bürgerlich und verstaubt, wie es dem Bild entspricht, das sich viele Menschen von Kirche machen.“


Dieser Text erschien am 8. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 11. Mai 2013

Er war ein Fernsehstar mit menschlicher Bodenhaftung ohne Staralüren Am 9. Mai wäre der in Speldorf geborene Wim Thoelke 86 Jahre alt geworden

Es wäre eine Preisfrage für den Großen Preis gewesen: Welcher Show- und Quizmaster wurde in Mülheim geboren? Antwort: Wim Thoelke. Tatsächlich moderierte der am 9. Mai 1927 in Speldorf geborene Thoelke mit dem Großen Preis eine der erfolgreichsten Unterhaltungssendungen des Zweiten Deutschen Fernsehens, das in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert . Sie erreichte zwischen 1974 und 1992 nicht nur ein Millionen-Publikum, sondern spielte auch Millionen für die Behindertenhilfe Aktion Mensch ein, die damals noch Aktion Sorgenkind hieß.


Der Mann aus Mülheim gehörte zur Gründergeneration des Mainzer Fernsehsenders. 1963 war er einer der Nachrichtensprecher der Heute-Sendung, ehe er als Moderator zum Aktuellen Sportstudio wechselte und ab 1970 mit der Musikshow Dreimal Neun ins Unterhaltungsprogramm einstieg.

„Wim war ein echter Kumpeltyp, ein netter Kerl, mit dem man sich eigentlich gar nicht streiten konnte“, erinnert sich sein Jugendfreund Theo Münten an die Zeit, als Big Wim in den 30er Jahren noch klein war und mit ihm und anderen Freunden auf den Speldorfer Straßen spielte oder am Blötter Weg den VfB Speldorf anfeuerten. „Wir saßen immer hinter dem gegnerischen Tor, um den Torwart der Gastmannschaft nervös zu machen“, erinnert sich Münten an die Fankurve mit Thoelke und Co. Wenn die eigenen Väter am Sonntag keine Zeit oder keine Lust auf Fußball hatten, ließen sich Theo und Wim kurzerhand von „Leihvätern“ mit ins Stadion nehmen, weil Kinder in Begleitung freien Eintritt hatten und sie so den Groschen für die Karte sparen konnten.

Das unumstrittene Fußballidol, dem Theo und Wim nacheiferten, war der damalige Torwart des VfB Speldorf, Fritz Buchloh, der damals auch das Tor der deutschen Nationalmannschaft hütete. Aus den Zuschauern Münten und Thoelke sollten später Mannschaftskameraden werden: Theo als Linksaußen und Wim als Torwart. Doch weil Thoelke aufgrund der starken Torwart-Konkurrenz beim VfB nie zur Nummer 1 werden konnte, wechselte er später als Torwart zum Kahlenberger Hockeyclub.

Seine ersten Schuljahre verbrachte der Sohn eines Studienrates an einer einklassigen Volksschule am Blötter Weg bei Fräulein Weber, ehe er auf ein Duisburger Gymnasium wechselte und dann in Köln Jura studierte.

Der Krieg trennte die Freunde Theo und Wim. Theo musste zum Reichsarbeitsdienst einrücken. Wim wurde Luftwaffenhelfer. Erst nach dem Krieg gab es ein Wiedersehen. Das war im November 1950, als der Sportreporter Münten über einen Vorbereitungslehrgang der deutschen Nationalmannschaft im Duisburger Wedau-Stadion berichtete und Student Thoelke ihn als Wachmann des DFB in den Innenraum ließ, so dass Münten Fritz Walter und Co. beim Training aus nächster Nähe fotografieren konnte.

Damals war noch nicht abzusehen, dass Thoelke in den 50er Jahren selbst unter die Sportreporter gehen sollte. Zuvor hatte er sich bereits als Geschäftsführer des Deutschen Handballbundes seine ersten Meriten verdient. Wenn Theo Münten Wim Thoelke später wiedersah, dann auf dem Fernsehbildschirm.

„Den kenn ich auch, sagte mein Vater schon mal, wenn wir Donnerstagsabends den Großen Preis sahen. Als Kinder freuten wir uns immer, wenn wir mitraten und mal eine Frage richtig beantworten konnten. Doch der eigentliche Höhepunkt war für uns das Gespräch, das Wim Thoelke mit Wum und Wendelin führte“, erinnert sich Müntens Sohn Thomas , der heute als Reporter für das ZDF-Landesstudio Düsseldorf arbeitet, an die Familien-Fernsehabende.

„Heute ist vieles im Fernsehen schnelllebiger und knalliger geworden, obwohl ich nicht weiß, ob man diesem Trend immer nachgeben sollte. Ich glaube, dass das gelungene Infotainment Wim Thoelkes, also die Mischung aus Information und guter Unterhaltung, auch heute ein Publikum finden würde“, sagt Thomas Münten.

Im Februar 1989 sollte sein Vater Theo seinen Jugendfreund aus dem Fernsehen noch einmal treffen. Denn damals berichtete er über Thoelkes Besuch beim Mülheimer Sportförderkreis. Auf dessen Einladung referierte der Ex-Sportreporter Thoelke in der Sparkasse am Berliner Platz über das Verhältnis von Sport und Fernsehen in Zeiten zunehmender Kommerzialisierung. „Thoelke hat sein Honorar damals dem Mülheimer Sport gestiftet und nach seinem Vortrag haben wir zusammen mit Fritz Buchloh Erinnerungen an unsere Speldorfer Zeit ausgetauscht“, erinnert sich Münten an die Zusammenkunft. Thoelke habe versichert: „Ich fühle mich hier immer noch wie zu Hause.“ Doch seine Wahlheimat war damals Wiesbaden, wo er am 26. November 1995 an den Folgen eines Herzleiden sterben sollte. Ironie des Schicksals. Sein Todestag war der 86. Geburtstag seines alten Torwartidols Fritz Buchloh, der Thoelke noch um drei Jahre überleben sollte.

Ganz persönlich


Seine Speldorfer Kindheit beschreibt Wim Thoelke in seiner Autobiografie „Stars, Kollegen und Ganoven“ als eine glückliche und behütete Zeit. („Über unsere Kindheit können wir uns nicht beklagen.“) Sein Elternhaus stand an der Schumannstraße in unmittelbarer Nähe der St.-Michael-Kirche. Hier wuchs er mit seinen jüngeren Geschwistern Karl und Rosemarie und dem geliebten schlesischen Kindermädchen Agnes auf. („Agnes war das Glück unserer Kindheit. Kein Wort ist groß genug, um zu beschreiben, was wir dieser warmherzigen, schlichten und selbstlosen Frau zu verdanken haben.“)

Den Vater beschreibt Thoelke als streng, aber humorvoll, die Mutter als liebevoll. („Sie haben uns die wahren Werte des Daseins zu schätzen gelehrt.“) Außerdem berichtet er von Familienausflügen, etwa zum Haus Hammerstein im Speldorfer Wald oder zu den Segelfliegern am Auberg. Erwähnung findet auch sein erstes eigenes Geld, das er sich als Erntehelfer beim Bauern Spindeck verdiente. Und seinen Opa Stiepmann, mit dem der kleine Wim spannende Spaziergänge und Ausflüge unternahm, verewigte er als „die Universität meines Lebens.“

So gesehen



Kinder, wie die Zeit vergeht. Ist es wirklich wahr, dass Wim Thoelke (siehe Bericht auf Lokalseite 3) heute schon 86 Jahre alt würde, wenn er noch unter den Lebenden wäre und dass sein letzter Großer Preis schon 21 Jahre zurückliegt. Und nicht nur ich war dabei. Mein Gott, man kommt in die Jahre. Donnerstagsabends, 19.30 Uhr. Das war damals Thoelke-Time. Der Showmaster, der so viele kluge Fragen an so viele kluge Leute stellte, beindruckte mich nachhaltig. Dabei kam mir Big Wim nie wie ein Showmann, sondern eher wie ein bodenständiger Nachbar vor. Dass er tatsächlich ein Nachbar aus Speldorf war, erfuhr ich erst Jahre später, als er in seiner Show um den Großen Preis einen Kandidaten aus Mülheim begrüßte. Auch wenn die Preise, die man heute bei TV-Shows gewinnen kann größer und die Showstars glamouröser geworden sind, würde man sich heute im Fernsehen manchmal etwas mehr Big Wim und etwas weniger Top-Model und „Deutschland sucht den Superstar“ wünschen. Klüger wär’s für uns Zuschauer auf jeden Fall.

Dieser Text erschien am 9. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung



Dienstag, 7. Mai 2013

Mülheimer Stiftungen vorgestellt: zum Beispiel die Schauenburg-Stiftung

Wenn heute davon die Rede ist, dass ein Unternehmer stiften geht, denkt man an Steuerflucht oder an die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer. Doch es gibt auch heute Unternehmer die stiften gehen, um ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Ein solcher Unternehmer ist Hans-Georg Schauenburg, der 1986 die Schauenburg-Stiftung ins Leben rief, um damit Projekte aus den Bereichen Bildung und Wissenschaft sowie Initiativen für soziale und kulturelle Bildung zu fördern.


„Wir lassen unsere Stiftung vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft verwalten, weil das Profis sind, die darin Erfahrung haben und uns auch auf förderungswürdige Projekte aus der Wissenschaft hinweisen können“, berichtet der geschäftsführende Gesellschafter der Schauenburg-Gruppe, Florian Schauenburg, der die von seinem Vater gegründete Stiftung heute zusammen mit seinem Bruder Marc Georg führt.

Warum leistet sich eine Unternehmerfamilie eine Stiftung, die weltweit 1800 Mitarbeiter beschäftigt (davon rund 250 in Mülheim) und ihr Geld in den Bereichen Elektronik, Industrietechnik, Maschinen und Anlagenbau, Kunststoffverarbeitung und Schlauchtechnik verdient.

„Natürlich ist es für unser Unternehmen interessant, durch die Stiftung mit jungen und leistungsbereiten Menschen in Kontakt zu kommen und auf diesem Weg vielleicht auch Mitarbeiter und Führungskräfte zu gewinnen. Aber so etwas kann man nicht planen. So etwas kann sich nur ergeben“, beschreibt Schauenburg einen möglichen, aber nicht zwangsläufigen Stiftungsmehrwert für das Unternehmen. „Aber die gesellschaftliche Verantwortung steht für unsere gemeinnützige Stiftung im Vordergrund“, betont Schauenburg und begreift die Stiftungsarbeit auch als Standortförderung.

So zeichnet die Stiftung in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer Mülheim-Essen-Oberhausen die jeweils Besten des Ausbildungsjahrganges mit einer Anerkennungsprämie von jeweils 500 Euro aus. Sie vergibt zusammen mit der Hochschule Ruhr-West Stipendien an besonders begabte und leistungsbereite Studenten. Aktuell unterstützt sie drei Studenten mit insgesamt 11.000 Euro. Von diesen Stipendiaten sind wiederum zwei als Werksstudenten bei Schauenburg tätig und können so akademische Wissenschaft und berufliche Wirklichkeit ganz konkret miteinander verbinden.

Darüber hinaus zeichnet sie mit einem Preisgeld von jeweils 10.000 Euro herausragende wissenschaftliche Arbeiten aus den Bereichen der Kunststoffverarbeitungstechnik und der Bionic aus. Bei der Bionic handelt es sich um einer interdisziplinäre Wissenschaftsrichtung, die Abläufe und Mechanismen aus der Biologie für die technologische Produktion nutzt.

Auch wenn Bildungs- und Wissenschaftsförderung den Schwerpunkt der Stiftungsarbeit bilden, wurden auch schon soziale und kulturelle Projekte, wie die in der Schmökerstube geleistete Leseförderung des Centrums für Bürgerschaftliches Engagement oder die gefährdeten Jugendlichen Zuflucht bietende Zinkhütte des Gerhard-Tersteegen-Institutes mit Stiftungsgeldern unterstützt.

Nach Angaben des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft ist das Stiftungsvermögen seit 1986 von 51?000 auf jetzt 510.000 Euro angewachsen und ermöglicht eine jährliche Ausschüttung von durchschnittlich 23.000 Euro. Obwohl sich das Stiftungsvermögen bisher ausschließlich aus Zustiftungen der Familie Schauenburg speist, ist auch diese Familien- und Unternehmensstiftung für steuerlich begünstigte Zustiftungen interessierter Bürger offen, die sich mit der Stiftungsarbeit identifizieren und sie deshalb finanziell unterstützen möchten.

Auskünfte zur Stiftung gibt Kirsten Heinze per E-Mail an: k.heinze@schauenburg.com , unter der Rufnummer: 0208/9991260

Dieser Text erschien am 13. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 6. Mai 2013

Mülheimer Stiftungen vorgestellt: Zum Beispiel die Stiftung Lutherkirche

Eine kleine Renovierung hier, eine große Reparatur dort. Ein altes Haus braucht Geld. Ein großes Gotteshaus, wie die 1883 an der Duisburger Straße gebaute Lutherkirche braucht viel Geld. Weil das nicht mehr wie selbstverständlich aus Steuermitteln kommt, hat das Presbyterium der Evangelischen Gemeinde Speldorf 2008 die Stiftung Denkmal Lutherkirche errichtet.


Mit Spenden brachten Gemeindemitglieder das Stiftungskapital von 15?000 Euro zusammen. „Inzwischen ist unser Stammkapital durch Zustiftungen auf rund 80?000 Euro angewachsen“, berichtet Pfarrerin Katrin Schirmer. Sie sitzt auch dem vom Presbyterium gewählten Kuratorium vor. Dem gehören neben ihr Kirchbaumeister und Ingenieur Werner Kamann sowie die beiden Juristen Hans Reinhard Henke und Wolfgang Klein an.

„80.000 Euro ist keine Zahl, die einen direkt umhaut“, räumt Schirmer ein. Aber sie sieht die Stiftung nicht als kurzfristiges Geldbeschaffungsinstrument, sondern als ein Langzeitprojekt, „dass auf nachfolgende Generationen abzielt, wenn das Steuergeld vielleicht nicht mehr so fließt, wie wir das heute noch gewöhnt sind.“

Was ihr Mut macht, ist die Tatsache, „dass wir in kurzer Zeit relativ viel erwirtschaftet haben und die rund 500 Zustifter, die das Stiftungskapital in den letzten vier Jahren mit Beträgen zwischen zehn Euro und 1000 Euro schrittweise erhöht haben, nicht nur aus den Reihen der Evangelischen Gemeinde, sondern aus dem gesamten Stadtteil kommen.“ Das zeigt ihr, „dass die Kirche im Bewusstsein der Menschen zum Gesicht des Stadtteils gehört und auch jenseits von Konfessionsgrenzen als ein spiritueller Ort der Ruhe geschätzt wird.“ In Gesprächen merkt sie, dass die Lutherkirche für viele Speldorfer ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte darstellt. Deshalb spenden sie nicht nur zu runden Geburtstagen, sondern verzichten bei einer Bestattung zugunsten von Zustiftungen auf den Blumenschmuck. Und wie alle Stiftungen hofft auch die Denkmalstiftung Lutherkirche langfristig auf die eine oder andere große Erbschaft.

Zwar können die Erträgnisse aus dem Stiftungskapital derzeit noch keine größeren Bau- oder Reparaturmaßnahmen finanzieren. Das ist zurzeit auch nicht notwendig, weil die große Restaurierung von 1983 noch nachwirkt. Aber mit den Ausschüttungen von rund 3000 Euro pro Jahr konnten immerhin schon Malerarbeiten an der Kirchentür und im Kirchenraum sowie ein Blitzschutz und eine Ausbesserung der Chorfenster finanziert werden. „Wenn es weiter so gut geht, werden wir in nicht allzu ferner Zukunft ein Stiftungskapital erreichen, das es uns ermöglicht, den Erhalt der Kirche irgendwann nur noch aus Stiftungsmitteln zu finanzieren.“

Auskünfte zur Stiftung gibt die Evangelische Kirchengemeinde Speldorf  unter 0208/50946 und der Kirchenkreis An der Ruhr unter 0208/3003-138

Dieser Text erschien am 21. Dezember 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 5. Mai 2013

Kriminelles Lokalkolorit aus dem Mülheim der Nachkriegsjahre sorgte für den Auftakt des Saarner Bücherfrühlings


Der Saarner Bücherfrühling startete am Donnerstagabend mit kriminellen Lokalkolorit. 50 Zuhörer tauchten in der Buchhandlung Hilberath & Lange mit dem Autoren-Duo Monika Detering und Hans Dieter Radke in das Mülheim der beginnenden 50er Jahre ein, in dem die Zeit der Schieber zu Ende ging und die Schaufenster wieder voller wurden.

„Wir wollten mit Blütenreine Weste einen Roman über die Zeit und die Region schreiben, in der wir aufgewachsen sind“, erzählten die beiden Autoren, die im Ruhrgebiet aufgewachsen und sich in den 90er Jahren auf der Autorenplattform www.42erautoren.de getroffen haben.

Spannend, einfühlsam und mit anheimelndem Ruhrgebietsslang vorgetragen versetzen sie ihr Publikum in eine Zeit, „in der die staubige Ruhrpottsonne den Ruinen ihre Geheimnisse ließ“ und die Menschen noch unter dem Eindruck des Krieges lebten, weil der nicht nur dem in einem Mordfall ermittelnden Kommissar Alfred Poggel „die Zeit gestohlen und seine Lebenspläne zerstört hatte.“

Das Autorenduo Radke und Detering hatte sogar noch einen dritten Mann an Bord. Denn Gastautor und Mitleser Wolf Schneiderheinze steuerte ein besonders liebevoll lokalkoloriertes Kapitel über den gut informierten Gemüsehändler Stalleiken bei. Eine Zuhörerin (Jahrgang 1947) konnte sich noch an den Gemüse- und Kartoffelhändler Sellerbeck erinnern, der in den frühen 50er Jahren mit Pferd und Wagen seine Waren an den Mann und die Frau brachte und die Vorlage für den von Schneiderheinze beschriebenen Charakter lieferte.

Der Kriminalroman, in dem der Ex-Schieber und Liebhaber von Poggels Vermieterin Anna Puff (was für ein Name für die prüden 50er Jahre) Opfer eines Giftmordes wird, nachdem er im Cafe Sander einen Geschäftspartner getroffen und hochprozentigen Kräuterschnaps genossen hat und in dem Poggels Vorgesetzter, der Staatsanwalt Dr. Goeke, der nicht wirklich eine blütenreine Weste hat, seinem Kommissar das Leben schwer macht, ohne ihn von seiner Arbeit abhalten zu können, konnte mit seinem Kennenlernabend beim Saarner Bücherfrühling Lust auf mehr machen. Und mehr soll es von Kommissar Poggel und Co auch zu lesen geben. Denn Detering und Radke haben ihre historische Krimi-Reihe, die den Mülheimer Ermittler von 1950 bis zu seiner Pensionierung, im Jahr 1970, begleiten soll, auf neun Bücher angelegt. Der zweite Titel soll im Frühjahr 2014 erscheinen.

Weitere Infos zum Saarner Bücherfrühling unter der Rufnummer: 0208/461575 oder online unter: www.hillabuch.de

Dieser Text erschien am 4. Mai 2013 in NRZ und WAZ

Samstag, 4. Mai 2013

Was dem Geschäftsführer des Paritätischen Initiative für Arbeit (PIA), Frank Schellberg, zum Tag der Arbeit einfällt

Was können wir am 1. Mai feiern, wenn wir den Tag der Arbeit feiern und wohin geht die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in Zeiten von Arbeitslosigkeit, Fachkräftemangel, prekären Arbeitsverhältnissen und demografischem Wandel? Darüber sprach ich für die NRZ mit dem Geschäftsführer der Paritätischen Initiative für Arbeit, Frank Schellberg , dessen Arbeit darin besteht, Menschen durch gezielte Förderung wieder in Arbeit zu bringen.

Frage: Warum haben wir Grund, unsere Arbeit zu feiern?

Antwort: Arbeit strukturiert das Leben und ist das wichtigste Moment unserer persönlichen Teilhabe an der Gesellschaft. Menschen haben deshalb ein Recht auf Arbeit, aber auch eine Pflicht zur Arbeit, um sich mit ihren persönlichen Fähigkeiten an den gesellschaftlichen Aufgaben zu beteiligen. Meine Erfahrung ist, dass fast alle Menschen das auch selbst wollen und daraus einen wichtigen Teil ihres Selbstbewusstseins ziehen.

Frage: Viele Arbeitssuchende oder prekär Beschäftigte haben das Gefühl, dass ihre Arbeit immer weniger wert ist.

Antwort: Das hat damit zu tun, dass unser Arbeitsmarkt immer komplexer geworden ist und viele Menschen unter Rahmenbedingungen arbeiten, in denen sie zu wenig Anerkennung für ihre Leistung bekommen und selbst sehen können: Das hast du geschafft. Diese positive Rückmeldung funktioniert in kleinen und mittelständischen Unternehmen oft noch besser als in großen. Menschen brauchen aber Erfolgserlebnisse, um motiviert und leistungsfähig zu sein.

Frage: Macht technischer Fortschritt nicht viele Arbeitsplätze überflüssig?

Antwort: Ich halte es für eine Illusion zu glauben, dass immer mehr Arbeit überflüssig würde und wir uns als Industrieländer nur noch auf Rationalisierung und technologischen Fortschritt konzentrieren bräuchten, während die eigentliche Handarbeit in Billiglohnländern erledigt werden könnte. Die Menschen in den Schwellenländern werden auf Dauer nicht unsere Arbeit machen.

Frage: Wie bekommen wir wieder mehr Menschen in menschenwürdige Arbeit?

Antwort: Wir müssen begreifen, dass jeder Mensch ein Potenzial hat und wir auch im demografischen Wandel alle Menschen brauchen und ihre Potenziale besser ausschöpfen müssen, als wir das bisher getan haben. Dafür brauchen wir mehr Dynamik: Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen sich gemeinsam überlegen: Welcher Mitarbeiter passt zu welcher Aufgabe und wie kann man sein Potenzial im Sinne sozialer Personalentwicklung abrufen und weiterentwickeln? Denn dort, wo mehr Zufriedenheit entsteht, entsteht auch mehr Leistungsfähigkeit.

Frage: Gibt es denn wirklich Arbeit für alle und wer soll das bezahlen?

Antwort: Schon heute spüren wir eine Verknappung der Arbeitskräfte. Langfristig kann man vielleicht sogar das Wort Vollbeschäftigung wieder in den Mund nehmen. Es ist genug Geld da, wenn man sieht, dass die Ausgaben für Arbeit und Soziales die größten Haushaltsposten der öffentlichen Hände darstellen. Wir müssen nur Arbeit finanzieren statt Arbeitslosigkeit. Und auch sinnvolle Arbeit, die in unserer Gesellschaft gemacht werden muss, sehe ich in ausreichendem Maße. Das reicht von der Kindererziehung bis zur Altenpflege und von Technik und Forschung bis zur öffentlichen Grünpflege oder Mobilitätsdienstleistungen für Senioren.

Frage: Wird es aber nicht immer Menschen geben, die man aufgrund ihrer Handicaps nicht in den Arbeitsmarkt integrieren kann?

Antwort: Ich sehe das nicht. Ich meine: Wir haben nur einen Arbeitsmarkt. Und es verbietet sich für unsere Gesellschaft, bestimmte Menschen aufgrund ihrer Handicaps vom Arbeitsmarkt auszuschließen, so wie wir ja jetzt auch in unserem Bildungssystem Inklusion anstreben, also das gemeinsame Lernen von Menschen mit und ohne Handicap. Dort, wo Menschen auf dem gemeinsamen Arbeitsmarkt ihr Potenzial noch nicht voll abrufen können, muss man fragen, welche Unterstützung oder Entlastung brauchen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Und dann kann man dort ganz gezielt und individuell öffentliche Lohn- oder Organisationskostenunterstützung geben, um sinnvolle Arbeit auch wirtschaftlich möglich zu machen.

Der Sozialpädagoge Frank Schellberg (50) arbeitet seit 23 Jahren daran, Menschen mit zum Teil schwierigen Bildungs- und Berufsbiografien in Arbeit zu bringen. Zunächst arbeitete er als stellvertretender Leiter der Berufsbildungswerkstatt, ehe er vor 15 Jahren Geschäftsführer der aus dem Paritätischen Wohlfahrtsverband hervorgegangenen Paritätischen Initiative für Arbeit (PIA) wurde. Im Auftrag der Mülheimer Sozialagentur und der Arbeitsagenturen in Duisburg und Bottrop begleitet und berät die PIA Menschen auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Sie selbst beschäftigt insgesamt 100 Mitarbeiter, davon 50 in sogenannten Stadtdiensten. Dazu gehören zum Beispiel die Radstationen am Hauptbahnhof und am Bahnhof Styrum, der Lieferservice Shop & Go oder das Angebot Komfort, unter dem Haushaltshilfen, sowie EDV- und Telefonservice und haustechnische Dienstleistungen firmieren. Außerdem betreibt PIA im Auftrag des Mülheimer Sportservice (MSS) das Styrumer Naturbad.

Dieser Text erschien am 1. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 1. Mai 2013

Kolpinggeschwister wollten wissen, was uns Bürger nach der Bundestagswahl erwartet


Was haben die Bürger nach der Bundestagswahl zu erwarten? Das wollten 250 Kolpinggeschwister und ihre Gäste in der Sparkasse am Berliner Platz erfahren. Der Generalsekretär der Landes-SPD, Andre Stinka, der Chef der CDU-Landtagsfraktion, Karl Josef Laumann, sein FDP-Amtskollege Ralf Witzel und der Landeschef der Grünen Sven Lehmann bemühten sich zwei Stunden lang um Antworten und blieben aber dort, wo es um konkrete finanzpolitische Details ging, oft doch im ungefähren.

Beim Parforceritt durch die Familien,- Sozial- und Finanzpolitik wurde deutlich: Die Zeiten werden nicht besser. Die öffentlichen Hände leben über ihre Verhältnisse und müssen den Spagat zwischen notwendigen Einsparungen und Zukunftsinvestitionen schaffen.

WAZ-Redaktionsleiter Andreas Heinrich, der die Diskussion moderierte wies darauf hin, dass jeder der zurzeit 168.000 Mülheimer eine Schuldenlast von 5000 Euro trage.

„Wir müssen damit aufhören mehr auszugeben, als einzunehmen, um die Schuldenspirale zu durchbrechen“, forderte Christdemokrat Laumann und wies darauf hin, dass das Land NRW allein im laufenden Haushaltsjahr drei Milliarden Euro mehr ausgebe, als es einnehme. NRW, so Laumann, nehme 60 Prozent der deutschen Kredite auf, stelle aber nur 22 Prozent der deutschen Bevölkerung. „Der Staats kann nicht alles und darf auch nicht alles“, forderte der Liberale Witzel auch mit Blick auf die Sozialpolitik. „Wir müssen raus aus der Staatsschuldenkrise. Das ist eine Frage der Nachhaltigkeit und der Generationengerechtigkeit“, meinte der FDP-Fraktionschef.

„Wir müssen unsere Ausgaben besser konzentrieren, wir dürfen uns aber auch nicht kaputt sparen“, hielt SPD-General Stinka dagegen. Bildung und Forschung, aber auch Pflege und Rente sieht der Sozialdemokrat als die zentralen Investitionsfelder, um unsere Gesellschaft zukunfts- und wettbewerbsfähig zu halten.

Wie Stinka sieht auch Grünen-Chef Lehmann den Bund in der Pflicht, die Kommunen finanziell zu entlasten, wenn es zum Beispiel um die Kosten für die Betreuung der Unter-Drei-Jährigen oder um die Kosten für Arbeitslosengeld-II-Bezieher gehe. „Die Politik muss wieder handlungsfähig werden, um Steueroasen auszutrocknen und den Raubtierkapitalismus zu bändigen“, forderte Lehmann. Er deutete an, dass eine Rot-grüne Bundesregierung nach der Bundestagswahl kleine und mittlere Einkommen bis zu 60.000 Euro pro Jahr entlasten und höhere Jahreseinkommen jenseits der 80.000 Euro stärker belasten werde. Auch das Ehegattensplitting hält er für verzichtbar. (T.E.)

Eine ganz große Koalition aus SPD, CDU und Grünen plädierte bei der Kolping-Diskussion am Mittwochabend für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes, der so waren sich Laumann (CDU), Stinka (SPD) und Lehmann (Grüne) einig, sollte bei mindestens 8,50 Euro pro Stunde liegen, um der drohenden Altersarmut durch Lohndumping entgegenzuwirken und den Staat von Aufstockerkosten im Sozialbereich zu entlasten. Nur der Freidemokrat Witzel will keine Kommission aus Vertretern von Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Bundesagentur für Arbeit, wie sie Christdemokrat Laumann vorschlug, um menschenwürdige Einkommen zu garantieren. Die Lohnverhandlungen sollen nach seiner Ansicht den Tarifparteien überlassen bleiben. Obwohl auch Witzel sich gegen sittenwidrige Löhne aussprach, sieht er Niedriglöhne auch als Chance, für schlecht qualifizierte Arbeitnehmer oder Menschen, die nach einer längeren Pause wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen wollen.

Dieser Text erschien am 26. April 2013 in NRZ & WAZ