Sonntag, 30. Juni 2013

Wenn Schulunterricht sozial genial wird: Ein bemerkkenswertes pädagogisches Praxisbeispiel aus der Schule am Hexbachtal zeigt, was passieren kann, wenn Schüler fürs Leben lernen

Wenn Jugendliche in ihrer Schule ausgezeichnet werden, dann meistens für gute Leistungen im Sport oder in Deutsch, Englisch und Mathe. Ganz anders in der Hauptschule am Hexbachtal. Hier wurden gestern feierlich die „sozial genialen“ Neuntklässler Burak Samli, Mariam Chahrour, Ivana Fleming, Leandra Eichholz, Dilara Mollahasan, Julia Hartmann, Vivian Debosz, Eginc Kaya und Rhea Lürmann unter anderem mit einem Zertifikat belohnt, das ihnen bescheinigt ein ganzes Jahr ehrenamtlich gearbeitet zu haben.


Immer wieder dienstags oder mittwochnachmittags gingen sie in Seniorenheime, Ganztagsschulen oder in den Seniorenclub Dümpten, um mit und für junge oder alte Menschen zu arbeiten. Da wurde gespielt, Hausaufgaben gemacht, miteinander gesprochen, vorgelesen, eine Bücherei inventarisiert, Essen gereicht, kleine Ausflüge unternommen oder, wo nötig, ein Rollstuhl geschoben. „Einige Schüler tun sich schwer, ein Referat zu halten und jetzt hält hier jeder von ihnen eine Rede“, staunt Lehrerin Sabine Schröer, die den Wahlpflichtkurs Service Learning leitet.

Die Schüler schildern vor der versammelten Schulgemeinde die wichtigsten Eindrücke ihrer sozialen Arbeit. Die Erfahrung, dass sie für ihren Einsatz Anerkennung und Wertschätzung bekommen haben, zieht sich wie ein roter Faden durch alle Beiträge.

„Mich hat dort besonders beeindruckt, dass die Kinder mich dort akzeptiert haben, obwohl ich von der Hauptschule bin und sie auf ein Gymnasium gehen“, erzählt Dilara von ihrer Mitarbeit bei der Nachmittagsbetreuung an der Luisenschule. „Mich hat beeindruckt, dass sie sich in ihrem Alter für Jugendliche interessiert hat und auch sehr schlau war“, erinnert sich Burak an ein Gespräch mit einer Bewohnerin des Wohnstiftes Uhlenhorst. Ebenso, wie sein Mitschüler Eginc, der im Altenheim Marienhof arbeitet, hat Burak zum ersten Mal Kontakt mit demenzkranken Menschen bekommen. „Ungewöhnlich war für mich, dass ich einen Demenzkranken füttern musste, weil er nicht selber essen und sich auch nicht kontrollieren konnte“, berichtet Eginc. Das hat ihn gelehrt, diese Krankheit zu tolerieren und mit ihr unzugehen. Keinen Zweifel lässt der Neuntklässler auch an seinem großen Respekt für die Altenpfleger, die jeden Tag um demenzkranke Bewohner kümmern. Und er räumt ein, „dass das anstrengender ist, als ich gedacht habe.“

Für Julia Hartmann, die am anderen Ende des Altersspektrums in der Regenbogengruppe der Evangelischen Grundschule an der Zastrowstraße mit den Kindern Gesellschaftsspiele und Hausaufgaben gemacht hat, steht nach ihren positiven und ebenfalls von großer Anerkennung geprägten Erfahrung fest: „Später möchte ich Kinderpflegerin werden.“ Auch ihre Mitschülerin Mariam weiß nach ihrem sozialen Lern- und Arbeitsjahr an der Rembergschule für geistig- und körperlich behinderte Kinder, „dass ich später Krankenschwester oder Erzieherin werden möchte.“

Lehrerin Schröer und Projektleiterin Katharina Wehner vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement freuen sich über solche und ähnliche Schüleraussagen, weil sie ihnen zeigen, „dass sie ihre Schüchternheit überwunden sowie Selbstbewusstsein und Ideen bekommen haben, welche Berufe für sie interessant sein könnten.“ Und für Christine Knippscher vom Sozialen Dienst des Wohnstiftes Uhlenhorst steht nach den jüngsten Erfahrungen fest, dass ein Wiedersehen mit Schülern von der Borbecker Straße auch im kommenden Schuljahr Freude machen würde, „weil sich die Bewohner auf die Kinder freuen, die eine frische Energie in ihren Alltag bringen.“

Das Service Learning ist als "Sozial genial"an der Hexbachtalschule ein versetzungsrelevantes Fach, das im Rahmen des Wahlpflichtunterrichtes benotet wird. Dabei reflektieren die Schüler ihre praktischen Erfahrungen auch im dazugehörigen Fachunterricht. Der Wahlpflichtunterrricht versteht sich als neigungs- und praxisorientierter Bestandteil des Lehrplans für die Klassen 7, 8 und 9. Anders, als Wahpflichtfächer, wie Technik, Wirtschaftslehre oder Rechtskunde, wird das Service Learning allerdings nur für die Schüler der Klasse 9 angeboten, weil man bei ihnen bereits eine gewisse Reife voraussetzen kann. Mehr Infos unter der Rufnummer: 9706818

Dieser Text erschien am 26. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung




Samstag, 29. Juni 2013

So gesehen: Kinder, kommt zur Saarner Kirmes oder: Habe Mut, dich zu gruseln

Der Jahrmarkt der Eitelkeiten hat bekanntlich das ganze Jahr über geöffnet. Doch auf der Saarner Kirmes geht nur von heute bis zum 7. Juli rund um den Spaß an der Freude. Dazu gehört für viele Kirmesbesucher offensichtlich auch der gepflegte Grusel auf der Geisterbahn von Rudolf Schütze. Schon seine Großeltern waren vor 90 Jahren mit ihrer Geisterbahn auf der Kirmes. die damals noch in Speldorf und nicht an der Mintarder Straße in Saarn ihre Zelte aufschlug.


Obwohl die Mölmschen im Inflationsjahr 1923 auch außerhalb der Geisterbahn genug Gruseleffekte erlebten, suchten sie wie ihre Enkel in Zeiten der Eurokrise den Grusel mit garantiert gutem Ende auf der Geisterbahn. „Unsere Geister tun ja keinem was, was man nicht von allen Zeitgenossen sagen kann. Schon an der Biertheke gibt es meistens mehr Ärger“, weiß der 71-jährige Geisterbahnbetreiber, der in seinem Leben nur einen wirklichen Grusel kennt, „nämlich, wenn es regnet oder zu heiß wird und die Leute erst gar nicht zur Kirmes kommen und unser Geschäft nicht läuft.“ Also liebe Kirmesfans, seid mal ein bisschen wetterfest und traut euch nicht nur auf die Saarner Geisterbahn, damit am Ende nicht die gesamte Kirmes für ihre 200 Schausteller zur Geisterbahnfahrt wird, bei der Schluss mit Lustig ist und bei der dem Grusel ein Schrecken ohne Ende folgt. So grausam könnt ihr nicht sein.

Dieser Text erschien am 29. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 28. Juni 2013

Wilhelm Hasenclever war der erste Mülheimer Sozialdemokrat, der in unserer Stadt zum Abgeordneten gewählt wurde

Wer war eigentlich Wilhelm Hasenclever? Diese Frage tauchte bei einigen historisch interessierten Lesern der Neuen Ruhr Zeitung  nach meiner Berichterstattung zum 150. Geburtstag der SPD auf.


Wie berichtet, war Hasenclever, der erste Sozialdemokrat, der in Mülheim ein Abgeordnetenmandat errang. Das war am 22. Februar 1869. Damals trat der gelernte Gerber als Kandidat des reichsweit am 23. Mai 1863 in Leipzig und am 12. Juni 1864 in Mülheim gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) an.

Seine Siegchancen waren zunächst gering. Denn bei der ersten Wahl zum Norddeutschen Reichstag (1867) hatte der Bewerber des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins im Wahlkreis Duisburg-Mülheim gerade mal 440 Stimmen bekommen. Doch Hasenclever war ein brillanter Rhetoriker, der sein Rednertalent bereits bei den Turnern entwickelt hatte. Er sprach weniger von den Revolutionstheorien des Karl Marx als von Ferdinand Lasalles Ideen eines genossenschaftlichen und demokratischen Sozialismus. Auch mit dem Bekenntnis zum preußischen Staat und zum Ziel der nationalen Einheit Deutschlands, die 1871 unter preußischer Führung erreicht werden sollte, hatte Hasenclever kein Problem.

Das machte ihn auch für bürgerliche Wähler wählbar und beschrete ihm am Wahltag 6809 von 11?826 abgegbenen Stimmen.

Der Vorwurf seiner liberalen und konservativen Gegenkandidaten, der ADAV mache den Wahlkampf zum Klassenkampf hatte ebenso wenig verfangen, wie der Spott, der Handwerker und Arbeiter Hasenclever sei in Wahrheit ein „Gerber von der Feder.“ Damit meinten sie seine literarischen und journalistischen Ambitionen. Der 1837 in Arnsberg geborene Hasenclever hatte nicht nur Zeitungsartikel, etwa bei der Westfälischen Volkszeitung, sondern auch Gedichte, Lieder und Novellen geschrieben. 1876 sollte er zusammen mit Wilhelm Liebknecht der erste Herausgeber des sozialdemokratischen Parteizeitung Vorwärts werden. Damals dichtete er über das Programm der Sozialdemokratie: „Gleiche Pflichten, gleiche Rechte. Alle Menschen seien gleich. Keine Herren, keine Knechte. Geb’ es und nicht arm und reich. Doch die Arbeit auf dem Throne. Ihr gebührt die Ehrenkrone.“

Doch eine Ehrenkrone bekam Hasenclever auch nach seinem Wahlsieg nicht aufgesetzt. Stattdessen kommentierte der liberale Landrat von Keßler seine Niederlage gegen Hasenclever mit der Feststellung: „So hat also unser Kreis, dieser durch seine Industrie, seinen Handel und seine Schifffahrt, seine Landwirtschaft sowie durch die hohe Intelligenz und Tüchtigkeit seiner Bewohner so hervorragende Kreis, die zweifelhafte Ehre von einem Sozialdemokraten des aller gewöhnlichsten Schlages vertreten zu sein.“

Hasenclevers Wahlsieg war auch nur möglich geworden, weil bei Reichstagswahlen im Norddeutschen Bund und ab 1871 im Deutschen Kaiserreich das allgemeine und gleiche Wahlrecht galt. Gleiches Wahlrecht hieß damals: Alle Männer durften wählen. Die Frauen durften das erst ab 1919. Anders als bei Reichstags- galt allerdings bis 1918 bei preußischen Landtagswahlen das Dreiklassenwahlrecht. Das unterteilte die Wähler in drei Steuergruppen und bevorzugte so die wenigen reichen Spitzensteuerzahler, die konservativ oder liberal wählten. Schon 1871 sahen Hasenclevers Gegener ihre Stunde gekommen, als der Mülheimer Abgeordnete, der selbst als Unteroffizier zeitweise am Deutsch-Französischen Krieg teilgenommen hatte, gegen die Verlängerung der Kriegskredite stimmte, weil er die Annektierung von Elsaß und Lothringen ablehnte. 10?000 Protestbriefe an den Abgeordneten waren die Folge. Die Rhein-Ruhr-Zeitung hielt es damals für ihre Pflicht: „feierlich zu erklären, dass diese Abstimmung des Herrn Hasenclever nicht die Ansicht der Wähler repräsentiert, die geglaubt hatten, einen Mann zu wählen, der dazu beitragen würde, die soziale Lage der Arbeiter zu verbessern. Keineswegs sind sie aber willens gewesen, das zu unterstützen, was jetzt erst klargelegt ist, nämlich vaterlandsverräterische Tendenzen einer Partei.“ Das markierte das Ende des Mülheimer Reichstagsabgeordneten Hasenclever, der seine politische Karriere aber an anderer Stelle fortsetzen sollte.

1871 wurde Wilhelm Hasenclever zum Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) gewählt und leitete das Parteiorgan „Neuer Sozialdemokrat.“ Er kehrte 1874 als Abgeordneter in den Deutschen Reichstag zurück, allerdings für einen Hamburger Wahlkreis.


Später vertrat er auch Berliner und Breslauer Wahlkreise im Reichstag, dem er bis 1888 angehören sollte, ehe er sein Mandat, ein Jahr vor seinem Tod, aus gesundheitlichen Gründen niederlegen musste. Nachdem der ADAV unter seiner Führung von 5300 auf 19.000 Mitglieder angewachsen war, ebnete Hasenclever zusammen mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht den Weg zur 1875 vollzogenen Vereinigung von ADAV und Sozialdemokratischer Arbeiterpartei zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, aus der 1890 die SPD hervorgehen sollte.

Als Hasenclever am 7. Juli 1889 in Berlin beigesetzt wurde, gaben ihm 15.000 Menschen die letzte Ehre, obwohl die Sozialdemokratie damals noch verboten war. Heute tragen ein Platz und eine Straße in Berlin seinen Namen.

Dieser Text erschien am 25. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 25. Juni 2013

Auch Mülheims spätere Partnerstadt Darlington wurde im Zweiten Weltkrieg von Luftangriffen getroffen

Am Sopnntag gedachte Mülheim des Luftangriffs, bei dem 557 britische Bomber in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 rund 1600 Tonnen Sprengstoff über der Stadt entluden und ihr Gesicht damit für immer veränderten. 530 Mülheimer und 198 britische Soldaten wurden in dieser Nacht getötet, 889 Zivilisten verletzt.


Nur wenigen dürfte bekannt sein, dass das nordenglische Darlington, mit dem Mülheim seit 60 Jahren eine Städtepartnerschaft unterhält, auch Ziel der deutschen Luftwaffe war. Tom Nutt, Stadtrat und Vorsitzender des Städtepartnerschaftvereins von Darlington, hat sich im Archiv der örtlichen Zeitung Northern Echo schlau gemacht. Danach wurde Darlington zwischen August 1940 und März 1945 neun mal von deutschen Bomben getroffen. Allerdings ist in den Zeitungs- und Zeitzeugenberichten über Angriffe der deutschen Luftwaffe offensichtlich nur von Gebäudeschäden, aber nicht von Toten und Verletzen die Rede.

Darlington scheint also bei den deutschen Luftangriffen, die vor allem im Spätsommer 1940 sowie im Winter und Frühjahr 1941 geflogen wurden, vergleichsweise glimpflich davon gekommen zu sein.

Dieser Text erschien am 22. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 24. Juni 2013

Der britische Luftangriff, der Mülheim vor 70 Jahren traf, veränderte das Gesicht der Stadt für immer

Wer nach Mülheims schwärzester Stunde sucht, wird am 23. Juni 1943 fündig. Kurz nach Mitternacht beginnt die britische Luftwaffe einen Großangriff, nach dem die Stadt nicht mehr wiederzuerkennen sein wird. In einer ersten Angriffswelle wird die Feuerwache bombardiert. Im Bereich Aktienstraße, Sandstraße und Falkstraße sterben 90 Menschen.


Doch das ist nur der Anfang. Um 0.45 Uhr heulen die Sirenen. Um 1.10 Uhr beginnt der Hauptangriff. Mehr als 500 britische Bomber laden ihre tödliche Fracht ab. Luftminen, Sprengbomben, Phosphor- und Stabbrandbomben legen vor allem die Innenstadt in Schutt und Asche, töten über 500 Menschen und verletzen über 1000. Die Flugabwehr hat den britischen Angreifern, die in rund 70 Minuten eine Bombenlast von rund 1600 Tonnen abwerfen, nicht viel entgegenzusetzen. 35 Maschinen werden abgeschossen. Eine von ihnen stürzt auf den Hauptfriedhof. Insgesamt 198 Besatzungsmitglieder der Royal Air Force verlieren ihr Leben.

Das Werk der Vernichtung, das die Bomber anrichten, ist unbeschreiblich. Nach dem Angriff sind nur noch 23 Prozent der Innenstadtgebäude intakt. Rund 48 000 Mülheimer müssen ihre zerstörten oder stark beschädigten Häuser verlassen. Stadtweit werden fast 2700 Häuser zerstört. Neben der Innenstadt sind vor allem Styrum mit den Thyssenwerken, Eppinghofen und Dümpten besonders stark getroffen worden, während die Stadtteile links der Ruhr weniger Bombentreffer abbekommen.

Besonders dramatische Szenen müssen sich im Alten- und Versorgungsheim des Evangelischen Krankenhauses abgespielt haben. Dort sterben 23 Menschen. 150 schwerkranke Patienten müssen evakuiert werden. Obwohl das Krankenhaus getroffen wurde, nimmt es schon am Tag danach seinen Betrieb wieder auf und verteilt Butterbrote und Kaffee an Helfer und Bedürftige. Die Bekämpfung von stadtweit rund 4000 Brandherden kommt nur langsam voran. Straßen und Leitungen sind aufgerissen. Trümmer versperren die Straßen. Weil die Telefonleitungen tot sind, müssen Helfer durch Melder herbeigeholt werden.

Und bevor man überhaupt mit der Bergung von Verschütteten und Toten beginnen kann, müssen die aufgeheizten Trümmer erst mit Wasser abgekühlt werden; keine leichte Aufgabe angesichts geborstener Wasserleitungen. Noch Tage nach dem Luftangriff liegen Tote auf den Straßen. Vom Elend der Menschen berichten die von den Nazis gleichgeschalteten Zeitungen nicht. Doch die Todesanzeigen in der Lokalpresse sprechen für sich.

Dieser Text erschien am 23. Juni 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 23. Juni 2013

50 Jahre danach: Ein Besuch bei Freunden: Barack Obama wandelt auf den Spuren John F. Kennedys

„Wenn ich einmal das Weiße Haus verlasse, dann wird mein Nachfolger einen Brief in meinem Schreibtisch finden mit der Aufschrift Nur in Augenblicken tiefster Depression zu öffnen! In diesem Brief stehen nur drei Worte: Besuchen Sie Deutschland!“ Das sagte John F. Kennedy bei seinem Deutschland-Besuch im Juni 1963. Damals erlebte er die triumphalsten Tage seiner 1000-tägigen Amtszeit.

Ob US-Präsident Barack Obama, der zurzeit mächtig unter Druck steht, den Brief seines Vorgängers und Vorbildes gelesen hat. Wenn er jetzt nach Deutschland kommt, wandelt er auf Kennedys Spuren und wird sich vielleicht an seinen eigenen Berlin-Besuch im Juli 2008 erinnern. Damals sagte der Präsidentschaftskandidat vor 200.000 begeisterten Menschen in der Hauptstadt "Wenn Sie, das Berliner Volk, die Mauer einreißen konnten, eine Mauer zwischen Ost und West, eine Mauer zwischen Angst und Hoffnung, dann können Mauern auf der ganze Welt eingerissen werden."

Wie Kennedy startete auch Obama als politischer Hoffnungsträger. Der eine wollte die Menschen „zu neuen Ufern“ führen. Der andere versprach den „Wechsel“ zu einer gerechteren Politik. Beide mussten erleben, dass die Hoffnungen, die sie weckten, nur bedingt erfüllt werden konnten.
Wenn Obama jetzt nach Deutschland kommt, begleiten ihn die Schatten der Internetausspähung durch den US-Geheim-Dienst NSA. Als Kennedy am 23. Juni 1963 nach Deutschland kam begleiteten ihn die Schatten den Berliner Mauerbaus und der deutschen NS-Vergangenheit.

Der Mauerbau lag erst zwei Jahre zurück. „Der Westen tut nichts und Präsident Kennedy schweigt“, schrieb die Bild-Zeitung im August 1961. Für Kennedy war es nicht der erste Deutschland-Besuch. Als junger Student und Journalist hatte er 1937, 1939 und 1945 das von Hitler gezeichnete Land besucht. Wie jüngste Veröffentlichungen seiner damaligen Tagebücher und Briefe zeigen, hatte der 20-jährige Kennedy eine ambivalente Sicht auf Nazi-Deutschland. Einerseits notierte er im August 1937: „Komme zu dem Schluss, dass der Faschismus das Richtige für Deutschland und Italien ist. Was sind die Übel des Faschismus im Vergleich zum Kommunismus? Die Deutschen sind wirklich zu gut. Deshalb rottet man sich gegen sie zusammen, um sich zu schützen.“
Andererseits kam der Harvard-Student in seiner als Buch „Warum England schlief“ veröffentlichten Examensarbeit zwei Jahre später zu dem Ergebnis, dass Chamberlains Beschwichtigungspolitik gescheitert und ein Krieg gegen Hitler unausweichlich sei. „Wir können niemanden sagen, sich aus unserer Hemisphäre herauszuhalten, wenn nicht die Waffen und die Menschen hinter diesen Waffen bereitstehen, diesem Befehl Nachdruck zu verleihen,“ schrieb Kennedy damals.

25 Jahre später sollte er als US-Präsident im Kalten Krieg mit dem Kommunismus ähnlich argumentieren. Und so war auch sein legendärer Satz: „Ich bin ein Berliner!“ zu verstehen, den er am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus 450 000 begeisterten Menschen zurief. Mit diesem Satz machte Kennedy deutlich, dass der mächtigste Mann des Westens „und alle Menschen, wo immer sie leben mögen“ an der Seite der Westberliner und der Westdeutschen stehen würden, wenn es um die Verteidigung ihrer Freiheit gehe.
Die Begeisterung, die Kennedy vom 23. bis zum 26. Juni 1963 in Bonn, Köln, Frankfurt, Wiesbaden, Hanau und Berlin erlebte, gab ihm das gute Gefühl, dass sich die Deutschen in der Bundesrepublik 18 Jahre nach Kriegsende nicht nur von seinem französischen Gegenspieler Charles de Gaulles begeistern ließen und das sie im demokratischen Westen angekommen waren.

Als Kennedy am 26. Juni 1963 von Berlin aus nach Washington zurückflog, sagte er zu seinen Begleitern: „Einen solchen Tag werden wir nie wieder erleben, solange wir leben.“ Fünf Monate später war John F. Kennedy tot, ermordet. Und die Berliner gaben dem Platz vor ihrem Schöneberger Rathaus seinen Namen. Aber auch in den Städten an Rhein und Ruhr gedachten vor allem junge Menschen des jungen Präsidenten, der zu früh gestorben war, um die von ihm geweckten Hoffnungen auf eine bessere Welt zu erfüllen. Die Ermordung Kennedys wurde auch von vielen Deutschen als eine verlorene Chance begriffen. Ob sein Nachfolger Obama 50 Jahre danach seine Chance nutzen kann, wird die Geschichte zeigen müssen.

Dieser Text erschien am 18. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 21. Juni 2013

In Memoriam Elfriede Rosorius: Eine ganz persönliche Geschichte über die Anfänge der Neuen Ruhr Zeitung in Mülheim


Elfreide Rosorius war als Tochter des ersten NRZ-Lokalchefs und späteren SPD-Bundestagsabgeordneten Otto Striebeck eine Pionierin und jahrzehntelage Wegbegleiterin und Leserin der Mülheimer NRZ. Am 17. Juni 2013 ist sie im Alter von 92 Jahren gestorben. Der nachstehende Text gibt ein Gespräch mit ihr wieder, das ich zum 65. Geburtstag der NRZ am 13. Juli 2011 für die Mülheimer NRZ mit ihr geführt habe:

Auch mit 90 Jahren liest Elfriede Rosorius immer noch jeden Tag die NRZ. Politik, Sport und Lokales interessieren sie am meisten. Neben der aktuellen Ausgabe liegen auf ihrem Schreibtisch auch die Zeitungsseiten der vergangenen Tage, zu deren Lektüre sie noch nicht gekommen ist.


Für Rosorius ist die NRZ mehr als „ein unverzichtbares Medium“, um auf dem Laufenden zu bleiben. Für sie ist sie Teil ihrer Familiengeschichte. Denn ihr Vater Otto Striebeck war der ersten Redaktionsleiter der Mülheimer NRZ, deren erste Ausgabe am 13. Juli 1946 erschien.

„Ich bin damals von Haus zu Haus gelaufen und habe 500 Abonnenten geworben“, erinnert sie sich nicht ohne Stolz. “Jetzt können wir endlich wieder sagen und schreiben was wahr ist“, hat sie damals ihren Nachbarn gesagt, um sie davon zu überzeugen, für 1,50 Reichsmark pro Monat die Neue Ruhr Zeitung zu abonnieren. Erst zwei Jahre später sollte die NRZ mit der neuen D-Mark bezahlt werden.

Dass die Presse- und Meinungsfreiheit unbezahlbar war, wusste Rosorius aus eigener Erfahrung. Als aktiver Sozialdemokrat und Bergmann, der sich zum Zeitungsredakteur hochgearbeitet hatte, verlor ihr Vater nach der Machtübernahme durch die Nazis seinen ersten journalistischen Arbeitsplatz bei der Volksstimme in Moers und saß drei Jahre lang im Zuchthaus. „Der Otto hat Recht gehabt“, hat seine Tochter später oft zu hören bekommen, als sich Leute an seine 1933 gedruckten Flugblätter mit der Warnung “Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“ erinnerten.

Den Wiederaufbau hat Striebeck dann ab 1946 nicht nur als Redaktionsleiter der NRZ, sondern auch als Stadtverordneter der SPD begleitet. “Er konnte Dinge sehr gut erklären, sich mit Menschen auseinandersetzen und ihnen Wege aufzeigen, wie man Dinge regeln kann“, erinnert sich Rosorius an ihren Vater, den sie als einen Mann beschreibt, „der Tag und Nacht gearbeitet hat.“

Seine Anfänge bei der von der britischen Militärregierung lizenzierten und von Dietrich Oppenberg herausgegebenen NRZ waren bescheiden. Seine Wohnung an der Friedrichstraße war sein erstes Redaktionsbüro. Eine eigene Geschäftsstelle an der Schloßstraße (siehe Foto) bekam die NRZ erst später. Striebeck, dem seine Stenografiekenntnisse das journalistische Alltagsgeschäft sehr erleichterten, war der einzige Lokalredakteur und wurde bei seiner Arbeit von einer Hand voll freier Mitarbeiter unterstützt. Mit seinen auf einer alten Schreibmaschine getippten und von Tochter Elfriede Korrektur gelesenen Texten fuhr er dann ins Essener Verlagshaus. „Da hat er manche Nachtschicht mitgemacht“, erinnert sich Rosorius.

Die erste Lokalausgabe der NRZ bestand aus einer halben Seite Text und einer halben Seite mit Kleinanzeigen. Weil das Papier knapp ist, erscheint die NRZ anfangs nur zweimal pro Woche. Wer die Berichte über die Lebensmittelhilfen des Schwedischen Roten Kreuzes, den Rehabilitationssport für Kriegsbeschädigte in der heutigen Martin-von-Tours-Grundschule oder den Diebstahl von Lebensmittelkarten, den Mangel an politisch unbelasteten Lehrern, intakten Schulen, verschlepptem Schulmobiliar oder die Kleinanzeigen mit Tauschangeboten, wie „Biete gut erhaltenen Damenmantel (Größe 42). Suche Herrenanzug“ nachliest, der bekommt eine Ahnung von der existenziellen Not, unter der die Mülheimer 1946 litten. Sicher hätte man es damals, als sich 70 Schüler einen Lehrer und 90 Schulklassen 14 Schulgebäude teilen mussten, kaum glauben können, dass man 65 Jahre später in Mülheim über Schulschließungen nachdenkt

Viele Mülheimer kamen zu Striebeck, der ihren Nöten und Anliegen in der NRZ eine Stimme und ein Forum gab. Ab 1949 verlagerte der Sozialdemokrat Striebeck den Einsatz für seine Mitbürger dann als erster Mülheimer Abgeordneter von der NRZ-Redaktion in den Deutschen Bundestag.

Was aus heutiger Perspektive vielleicht etwas befremden mag, entsprach damals einer gewissen Konsequenz, die der Absicht entsprach, mit der die englische Militärregierung auch die NRZ lizenzierte.

Es ging darum, die Deutschen zu engagierten Demokraten zu erziehen und, wie ein britischer Offizier in der NRZ vom 13. Juli 1946 sagt, „das Vertrauen in die Menschlichkeit zu stärken.“

Dieser Text erschien am 13. Juli 2011 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 20. Juni 2013

Medikamente alleine reichen nicht aus: Wie gezielte Ergotherpie Kindern mit ADHS helfen kann: Ein Gespräch mit Petra Werchohlad

Dass die Verschreibung von Psychopharmaka an Kinder und Jugendliche, laut des Arzneimittelreportes der Barmer Ersatzkasse zwischen 2005 und 2012 um 41 Prozent angestiegen ist, wie die NRZ berichtete, macht die Ergotherapeutin Petra Werchohlad betroffen. „Man kann nicht sagen, das Kind bekommt Medikamente und damit sind alle Probleme erledigt“, sagt seit 30 Jahren praktizierende und seit 15 Jahren in Heißen ansässige Ergotherapeutin.

Ihre Erfahrung zeigt ihr, dass viele der Kinder, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, mit Hilfe einer Ergotherapie eine Medikamentierung mit Methylphenhydat überwinden oder sogar von vorneherein vermeiden können. „Allerdings“, so betont Werchohlad auch, „darf man hier keinem Schwarz-Weiß-Denken folgen. Denn Kinder bei denen die Reizfilterstörung ADHS besonders stark ausgeprägt ist, weil ihr Dopaminstoffwechsel im Gehirn nicht richtig funktioniert, brauchen dieses Medikament erst einmal, um überhaupt therapierbar zu werden.“

Ob es heute mehr hyperaktive Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten gibt, bezweifelt Werchohlad. „Die hießen damals nur anders“, erinnert sie sich. Sie geht aber auch davon aus, dass unser zunehmend bewegungsarmer und von äußeren Reizen und geistiger Beanspruchung geprägter Alltag den Leidensdruck der betroffenen Kinder verstärkt.

In ihrer Ergotherapie, die sich, je nach Schwere des Falls über zehn bis 30 Schulstunden erstreckt, versuchen Werchohlad und die Mitarbeiterinnen ihrer Praxis an der Kruppstraße Kindern und Eltern Handlungsstrategien zu vermitteln, die ihren Tagesablauf strukturieren und so leichter machen.

ADHS-Kinder, so ihre Erfahrung, brauchen stark ritualisierte und strukturierende Handlungsabläufe. An sie können sie sich in den entsprechenden Alltagssituationen dann erinnern und sie immer wieder automatisch wiederholen. So werden diese entlastenden Handlungsstrategien auf lange Sicht verinnerlicht. Das führt wiederum zu mehr Ruhe und Routine.

Solche Gedächtnisstützen und Handlungshilfen können zum Beispiel Fotos sein, die an einer Wäscheleine aufgehängt werden und zum Beispiel zeigen, welche Kleidungsstücke das Kind morgens nacheinander aus dem Schrank holen und anziehen oder abends wieder in den Schrank zurücklegen muss. Das können ergonomische Griffstützen aus Gummi sein, die ein entspannteres Schreiben ermöglichen oder auch gelbe Klebezettel, die gleich auf den ersten Blick zeigen, wo Hausaufgaben im Heft eingetragen werden müssen oder was aktuell anliegt, etwa mit dem Satz: „Heute denke ich besonders daran schöner zu schreiben.“

Mindestens genauso wichtig, wie solche Hilfestellungen, ist aus Sicht der Ergotherapeutin die Zuwendung und das Lob der Eltern: „Lass uns doch mal überlegen, was du aus deinem Schultornister brauchst und wo du es auf deinem Schreibtisch hinlegen kannst, um deine Hausaufgaben zu erledigen. Das hast du wirklich gut gemacht. Das sieht doch schon viel besser aus, als das letzte Mal.“ Auch gezielter Körperkontakt (etwa die Hand auf einem Arm des Kindes) oder auch nur die spürbare Nähe von Mutter oder Vater können aus ihrer Sicht ADHS-Kindern den Halt und die Ruhe geben, die sie brauchen, um sich entweder auf die Hausaufgaben oder auch auf das gemeinsame Spiel zu konzentrieren.

Dabei gibt sich Werchohlad keinen Illusionen darüber hin, dass viele berufstätige Eltern bei dieser sehr zeitintensiven Zuwendung zu ihrem Kind schnell an ihre Grenzen stoßen können.

ADHS-Kinder reagieren automatisch auf jeden Reiz, von der Türklingel bis zum Verrücken eines Stuhls. Sie können diese Reize nur schwer sortieren oder ausblenden. Folge: Extreme Reizbarkeit, chaotische Handlungs- und Arbeitsweise, fehlende Frustrationstoleranz und aggressive Überreaktionen, die Unfähigkeit, sich an Regeln zu halten oder Aufgaben auszuführen. Solche Symptome können aus der Sicht der Ergotherapeutin Werchohlad aber nur dann ein Hinweis auf ADHS sein, wenn sie sich in allen Lebensbereichen eines Kindes zeigen. Wenn sie allerdings nur in einem bestimmten Bereich, etwa der Schule, feststellbar sind, ist nicht selten Überforderung die eigentliche Ursache.


Dieser Text erschien am 19. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 18. Juni 2013

Was unsere Kinder brauchen und was sie (und uns alle) krank macht: Ein Gespräch mit den beiden Mülheimer Kinderärzten Ulrike Breckling und Jürgen Hower

Der Arzneimittelreport der Barmer Ersatzkasse schlägt Alarm. Er wirft Ärzten vor, Kindern und Jugendlichen zu schnell Psychopharmaka zu verschreiben, obwohl dies nicht immer medizinisch notwendig sei. Laut Barmer wurden 2012 41 Prozent mehr Neuroleptika für Kinder und Jugendliche verschrieben als noch 2005.


Die beiden Kinderärzte Jürgen Hower (69) und Ulrike Breckling (44) bestätigen, dass sie in ihrer Praxis immer öfter mit psychisch auffälligen Kindern zu tun haben. „Als ich 1976 meine Praxis eröffnet habe, kamen vielleicht fünf Prozent meiner Patienten mit psychischen und psychosomatischen Problemen zu mir. Heute sind es schon 30 Prozent“, beschreibt Hower die Entwicklung. Seine Kollegin will sich zwar auf keine Zahl festlegen, sieht aber auch eine Zunahme des Problems. Beide Ärzte räumen ein, dass sie es bei der geistigen und seelischen Gesundheit mit Symptomen zu tun haben, bei denen die Grenzen zwischen normaler Verstimmung oder Charaktereigenschaft und manifester psychischer Erkrankung fließend sein können. Sie denken dabei etwa an Bauch- und Magenschmerzen, Schulverweigerung, Konzentrationsschwäche, Hyperaktivität, Schlaflosigkeit, Selbstverletzung, Angst und Aggression.

Hower spricht von einer „Sozial- und Umweltdiagnose“ und stellt fest: „Bei der geistigen Gesundheit geht es auch um die Frage: Was ist eine Gesellschaft bereit, noch als normal zu akzeptieren und was nicht?“ Breckling und Hower sind sich einig, dass die Zunahme psychischer und psychosomatischer Krankheitssymptome vor allem soziale Ursachen hat. „Der Leistungs- und Erwartungsdruck ist enorm. Kinder sollen vor allem Abitur und Karriere machen. Sie sollen funktionieren und haben oft ein volles Programm. Aber sie dürfen kaum noch Kinder sein. Das ist keine gute Entwicklung“, kritisiert Hower.

Und seine Kollegin weiß aus ihrer Praxis: „Die Masse der Kinder leidet unter der Schulzeitverkürzung. Es bleibt ihnen heute zu wenig Zeit für Bewegung, Sport und Begegnung mit Freunden, die einen Ausgleich zum Lernen schaffen. Und wenn ein Kind in der Schule nicht mehr mitkommt, wird als erstes der Sport gestrichen.“

Breckling hat sich unter anderem auf die Behandlung von Kindern spezialisiert, die unter einem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) leiden, bei dem Methylphenhydat verschrieben wird. Aber sie räumt ein, dass die Diagnose dieser hirnorganischen Störung, die auf den Mangel bestimmter Botenstoffe im Gehirn zurückzuführen ist, sehr komplex und langwierig ist und nur mit kinder- und jugendpsychiatrischer Unterstützung sowie der Befragung von Eltern und Lehrern möglich ist. Hierfür werden unter anderem Fragebögen mit solchen oder ähnlichen Fragen eingesetzt, wie sie im Kasten aufgeführt sind.

Dabei ist sich Breckling der Gratwanderung zwischen Psychosomatik und tatsächlicher Erkrankung bewusst. „Ich war da früher viel großzügiger, bin aber jetzt sehr zurückhaltend geworden“, sagt ihr Kollege Hower über seine Verschreibungspraxis bei Psychopharmaka. Wie seine Kollegin verschreibt er nur noch sehr restriktiv, gezielt und zeitlich befristet und setzt vor allem auf die heilende Wirkung des Gesprächs. Breckling hat auch gute Erfahrungen mit dem Einsatz von Entspannungstechniken gemacht. Beide Kinderärzte warnen aber auch davor, Psychopharmaka grundsätzlich zu verteufeln.

Aus Howers Sicht sind die meisten psychischen Störungen bei Kindern auf die Überforderung in der Schule zurückzuführen. Deshalb bespricht er mit Eltern oft die Frage, ob ein Schul- oder Schulformwechsel nicht die Lösung des Problems sein könnte. „Nicht alle Kinder sind in einem bestimmten Alter gleich und deshalb muss man auch jedem Kind seine eigene Entwicklungsgeschwindigkeit zugestehen“, betont er. Doch nicht nur Schulstress und überzogene Elternerwartungen, sondern auch die soziale Unsicherheit und fehlende emotionale Geborgenheit in einer schnelllebigen und zunehmend urbanen Umwelt machen Kinder aus seiner Sicht krank: „Da kommt keine Ruhe rein.“

Dieser Text erschien am 13. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung



Montag, 17. Juni 2013

Jung und ausgezeichnet: sind die Preisträger der Bürgerstiftung, so, wie zum Beispiel Felix Bruns

Es gibt Menschen, die uns mit ihrem Engagement Mut machen. Zu diesen Menschen gehören die vier jungen Preisträger, die die Bürgerstiftung ausgezeichnet hat. Einer von ihnen ist Felix Bruns und seine Kollegen aus der Bigband der Luisenschule.


Eigentlich ist Felix Bruns einer von 25 Preisträgern. Denn in der Kategorie Geisteswissenschaften haben die Bürgerstiftung und ihr Preisgeldsponsor RWE die Bigband der Luisenschule ausgezeichnet, in der 25 Mädchen und Jungen zusammen musizieren. „Das ist ein echter Erfolg. Denn wir haben 2009 mit fünf Leuten angefangen, aus denen dann wenig später zehn geworden sind“, erinnert sich der 17-Jährige.

Die Idee, an seiner Schule eine Bigband zu gründen, hatte der junge Schlagzeuger zusammen mit vier Mitschülern, die wie er in der Bigband der Mülheimer Musikschule Tonart musizieren. „Was wir hier machen, können wir eigentlich auch an unserer Schule machen“, sagte sich das Quintett und fand mit Musiklehrerin und Saxophonspielerin Regina Poupette die richtige Frontfrau für den Aufbau einer Bigband AG. „Anfangs haben wir nur im Treppenhaus unserer Schule gespielt“, erzählt Felix. Heute spielt die inzwischen zum regulären Unterrichtskurs aufgewertete Bigband nicht nur in der neuen Schulaula, etwa bei Abiturfeiern, Tagen der offenen Tür oder im Rahmen von Schulkonzerten. Auch bei den Mülheimer Jazztagen, im Jazzclub an der Kalkstraße, bei Veranstaltungen des Lionsclubs oder bei Kulturfestivals ist sie gerne gehört. Ihren nächsten Auftritt haben die ausgezeichneten Musiker von der Luisenschule am 5. April 2013 im Rahmen des Festivals Kulturflash , das in der Heinrich-Thöne-Volkshochschule an der Bergstraße über die Bühne ging.

„Wir bestreiten inzwischen 15 bis 20 Auftritte pro Jahr“, berichtet Bruns und sieht die musikalische Vielseitigkeit als das Markenzeichen der Luisenschulband. Dixie- und Swing-Jazz bringt sie ebenso zu Gehör, wie Melodien aus der Pop- und Rockmusik. Auch vor dem guten alten Bossa Nova oder dem Funk hat die Band, die inzwischen sogar eine eigene Junior-Band ins Leben gerufen hat, keine Angst. „Wir sind auf kein Genre festgelegt. Und das macht die Sache ja auch reizvoll. Alles andere würde vielleicht rasch langweilig“, findet Felix.

Das gemeinsame Musizieren in der Bigband vergleicht er mit einem „Mannschaftssport, der auch eine soziale Komponente hat, weil man genau aufeinander hören muss und nur gemeinsam etwas schaffen kann, das sich dann auch gut anhört.“ Der 17-Jährige, der nicht nur in der Luisenschulband, sondern auch in einer Band der Folkwangschule und der Musikschule Tonart mit seinem Schlagzeug für den Rhythmus sorgt, bei dem man mit muss, lässt keinen Zweifel daran, dass die gemeinsamen Auftritte ihn selbstbewusster gemacht haben. Diese musikalische Vitaminspritze fürs Selbstbewusstsein zahlt sich auch im Schulalltag, etwa beim Halten von Referaten aus. Viel wichtiger und wertvoller sind Felix aber die Kontakte und Freundschaften, die er auch jahrgangsübergreifend in der Bigband der Luisenschule knüpfen konnte.

Die Auszeichnung durch die Bürgerstiftung empfindet er als „einen Ansporn, weil sie uns zeigt, dass unsere Arbeit gesehen, gehört und geschätzt wird und weil sie auch den älteren Bürgern zeigt, dass es viele junge Leute gibt, die etwas gutes machen und nicht nur herumhängen.“

Und auch das Preisgeld des Sponsors RWE findet bei Felix und seinen Bandkollegen natürlich Anklang. Denn 2015 wollen die Luisenschulmusiker zusammen mit der amerikanischen Bluelakeband durch die USA touren. Da kommen die 3000 Euro von RWE als Anschubfinanzierung für die Reisekasse gerade recht.

Apropos Geld, Band und Touren. Könnte sich Felix, der schon als Sechsjähriger auf den Kochtöpfen seiner Eltern den Rhythmus vorgab, auch eine Karriere als Profimusiker vorstellen? „Das wäre natürlich ein Traum“, sagt er. Aber Felix könnte sich auch ein Leben vorstellen, in dem die Musik sein Hobby bleibt. Dass dieses Hobby aber auch in einen Beruf einfließen könnte, mit dem sich Geld verdienen lässt, hat er im vergangenen Jahr bei einem Praktikum in einem Ton- und Musikstudio erlebt.

Dieser Text erschien am 3. April 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 16. Juni 2013

Jung und ausgezeichnet: Das sind die diesjährigen Preisträger der Bürgerstiftung, wie zum Beispiel Mara Büßemeyer

Es gibt Menschen, die uns mit ihrem Engagement Mut machen. Zu diesen Menschen gehören die vier jungen Preisträger, die die Bürgerstiftung ausgezeichnet hat. Die NRZ stellt sie vor. Heute zum Abschluss unserer kleinen Serie: Mara Büßemeyer.

„Es ist einfach cool, wenn man helfen kann und Menschen kennenlernt“, erklärt Mara Büßemeyer, wenn man sie nach der Motivation für ihr soziales Engagement fragt. Für das ist die 17-jährige jetzt von der Bürgerstiftung und ihrem Preisgeldgeber, der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft (MWB) ausgezeichnet worden.

„Es geschieht nichts Gutes, außer man tut es“, wissen wir seit Erich Kästner. Und wenn man sich mit der 17-jährigen Schülerin, die das Gymnasium Heißen besucht, darüber unterhält, was sie Gutes getan hat, kommt schon einiges zusammen.

Seit der siebten Klasse leistet sie im Sanitätsdienst ihrer Schule Erste Hilfe, immer dann, wenn Not am Mann oder an der Frau ist, egal ob in Schulpausen, bei Sportfesten oder an Tagen der offenen Tür. „Bisher ist Gott sei Dank noch nichts Dramatisches passiert. Mal muss man ein Pflaster, mal einen kleinen Verband anlegen“, erzählt Mara. Sie hat im Sanitätsdienst bereits eine solche Professionalität gewonnen, dass sie inzwischen jüngere Schüler zu Sanitätern ausbilden kann. Außerdem engagiert sie sich inzwischen auch jenseits des Schulsanitätsdienstes in der Jugendarbeit des Arbeitersamariterbundes, etwa bei der Organisation von Ferienspielaktionen. „Wenn man damit bei den Kindern gut ankommt, macht das einfach Spaß“, findet Mara.

Doch nicht nur mit jungen, sondern auch mit den alten Mitmenschen versteht sich die Schülerin gut. So engagiert sie sich neben dem Unterricht auch in einem Altenprojekt ihrer Schule. Einmal pro Monat besucht sie zusammen mit anderen Jugendlichen Senioren aus ihrem Stadtteil. Dann wird miteinander gesprochen und gespielt oder auch gemeinsam gekocht und gebacken. Zurzeit arbeiten Schüler und Senioren übrigens an einem Buchprojekt mit dm Arbeitstitel „Lebensschätze.“

Generationen im Gespräch
Was sie an den Gesprächen mit den alten Menschen begeistert, „ist das Interesse, das die Senioren an unserem Alltag zeigen“, aber auch ihr Lebensmut, mit dem sie sich „auch unter oft sehr schwierigen Rahmenbedingungen“ durchgesetzt haben. Mara hat den Eindruck, „dass das Leben früher weniger durchge- und verplant war als heute“ und die Menschen trotzdem ihren Weg gefunden haben.

„Die alten Menschen haben sehr großen Respekt vor den hohen Leistungsansprüchen, mit denen Jugendliche heute in der Schule konfrontiert sind“, berichtet Büßemeyer aus dem Gespräch der Generationen. In dem zeigt sich aber auch, dass manches Teenagerproblem, etwa die Frage, wie lange man abends ausgehen darf, zeitlos aktuell zu sein scheint.

Mara engagiert sich zudem als Mitglied der Schulkonferenz des Gymnasiums Heißen für die Belange von Mitschülern, egal, ob es um die Einrichtung eines Oberstufenraumes oder um die Organisation einer Mittelstufenparty geht.

„Ich bin selbstbewusster geworden und kann gut auf Menschen zugehen“, beschreibt sie den aus ihrer Sicht wichtigsten menschlichen Mehrwert ihres ehrenamtlichen Engagements, mit dem sie auch ganz nebenbei ihr Organisationstalent trainiert. Die Preis der Bürgerstiftung sieht Büßemeyer vor allem als ein gutes Zeichen dafür, „dass die Leute gemerkt haben, dass man was tut und das auch anerkennen und damit vielleicht auch andere Jugendliche motivieren, die sich sagen: Eigentlich müsste ich auch mal was tun.“

Und was möchte Mara selbst nach der Schule tun? Sie will, das überrascht bei ihrem Engagement, nicht etwa in einen sozialen oder pädagogischen, sondern in einen naturwissenschaftlichen Beruf. Sie möchte gerne chemische Biologie studieren und anschließend vielleicht in die Forschung gehen. Erste Praktikumserfahrungen hat sie bereits beim Max-Planck-Institut für Kohlenforschung gesammelt und „wollte dort am liebsten gar nicht mehr weggehen.“

Dieser Text erschien am 9. April 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 15. Juni 2013

Jung und ausgezeichnet: Die Preisträger der Bürgerstiftung: Zum Beispiel Russlan Vibly

Es gibt Menschen, die uns mit ihrem Engagement Mut machen. Zu diesen Menschen gehören die vier jungen Preisträger, die die Bürgerstiftung ausgezeichnet hat. Einer von ihnen ist  Russlan Vibly.

„Es hat klick gemacht und ich habe einfach losgelegt“, schildert Russlan Vibly den Moment, als er einer Freundin spontan zur Hilfe kam und damit Schlimmeres verhütete. Es war in den Sommerferien 2012. Vibly und einige Freunde machten sich einen schönen Tag am Ruhrstrand und grillten. Doch plötzlich fing das 15-jährige Mädchen Feuer, weil Spiritus in die Grillflamme geraten war und eine Verpuffung ausgelöst hatte.

Russlan sah die gleichaltrige Freundin in Flammen und handelte sofort. Mit einer Decke erstickte er das Feuer und zerrte das vom Schmerz traumatisierte Mädchen in die Ruhr, um ihre Wunden im Wasser zu kühlen. Wenige Minuten später traf der Rettungswagen ein.

„Wenn du das, was du getan hast, nicht getan hättest, hätte sie vielleicht lebenslange Folgen davongetragen“, sagte ihm später ein Arzt, als er sie im Krankenhaus besuchte. Es blieb nicht bei einem Besuch. Denn das beim Grillunfall am Ruhrufer verletzte Mädchen musste über viele Wochen im Krankenhaus seine Verbrennungen auskurieren.

Dass diese Verbrennungen keine dauerhaften Folgen hinterlassen oder das Mädchen sogar entstellt haben, hat sie dem beherzten und mutigen Eingreifen ihres Freundes zu verdanken.

„So besonders ist das nicht“, kommentiert Russlan sein Handeln. Dass es Menschen gibt, die in einer vergleichbaren Situation, etwa nach einem Verkehrsunfall, nicht spontan helfen, sondern in eine Schockstarre verfallen oder gar wegschauen, kann er weder erklären noch verstehen.

Umso erstaunter war der 15-Jährige, der mit seiner Familie in Saarn lebt und dort die Gesamtschule besucht, als er davon erfuhr, dass ihn die Mutter des Mädchens für den Preis der Bürgerstiftung vorgeschlagen hatte, der in der Kategorie Zivilcourage von der Grillo-Stiftung mit 3000 Euro dotiert wird.

„Ich stehe nicht so gerne vor so vielen Menschen“, erinnert sich Russlan an die Preisverleihung im Haus der Wirtschaft. Doch über die Auszeichnung und das damit verbundene Geld hat er sich dann doch gefreut. Denn so konnte er sich ein neues Handy leisten, nachdem das alte kaputtgegangen war. Und außerdem braucht er Geld für seinen Führerschein, den er demnächst in Angriff nehmen will.

Außerdem hat er nach einem erfolgreichen Praktikum als Fliesenleger auch schon seinen Traumberuf fest im Blick. Den möchte er gerne nach seiner Fachoberschulreife an der Gesamtschule Saarn erlernen. „Ich wünsche mir einen Beruf, in dem ich etwas mit meinen Händen tun kann und nicht den ganzen Tag im Büro sitzen muss“, betont Russlan. Dass er handwerkliches Geschick besitzt, hat er schon bewiesen, als er zusammen mit seinem Vater Fahrräder repariert oder Regale für sein Zimmer gebaut hat.

Und wenn es mit der Handwerkslehre nicht klappen sollte, könnte sich Russlan auch vorstellen, zur Bundeswehr zu gehen. Auch das wäre eine Entscheidung, die viel Mut voraussetzen würde. Doch den hat der in der Ukraine geborene Russlan schon als kleiner Junge bewiesen, als er 2003 mit seiner Familie nach Deutschland kam. Hier musste er sich von heute auf morgen in einem fremden Land mit einer fremden Sprache integrieren, in dem er immer wieder auf Menschen zuging und fragte, wenn er etwas nicht verstand. Damals konnte er nur „Hallo“ und „Danke“ sagen. Heute spricht er fließend Deutsch.

Ohne eine gesunde Portion Mut, die er nach seiner eigenen Einschätzung durch die Erziehung seiner Eltern mit auf den Lebensweg bekommen hat, hätte er dieses Ziel nicht erreichen können. „Mut“, sagt Russlan, „heißt, vor Problemen nicht wegzulaufen, sondern auf sie zuzugehen und Menschen auch dann zu helfen, wenn man vielleicht selber Probleme hat.“

Dieser Text erschien am 28. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 13. Juni 2013

Jung und ausgezeichnet: Das sind die Preisträger der Bürgerstiftung; Zum Beispiel der Otto-Pankok-Schüler Henrik Heelweg

Es gibt Menschen, die uns mit ihrem Engagement Mut machen. Zu diesen Menschen gehören die vier jungen Preisträger, die die Bürgerstiftung ausgezeichnet hat, zum Beispiel Heute: Henrik Heelweg.

„Ich bin ein ganz normaler 16-Jähriger“, versichert Henrik Heelweg und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Aber jeder hat ja so seine Macke.“ Was der Zehntklässler von der Otto-Pankok-Schule seine „Macke“ nennt, ist eine erstaunliche naturwissenschaftliche und mathematische Begabung, um die ihn manche seiner Mitschüler beneiden mögen.

Schon als Kind spielte der Sohn einer Biologielehrerin und eines kaufmännischen Angestellten mit einem Kosmosexperimentierkasten, nahm Marienkäfer unter die Lupe und las Bücher über das Schicksal der Dinosaurier. „Meine Eltern haben schon früh gemerkt, dass ich mich für Naturwissenschaften interessiere und mich immer gefördert“, erinnert sich Henrik. Und aus diesem Satz hört man ehrliche Dankbarkeit heraus.

Heelweg berichtet von naturwissenschaftlichen und mathematischen Kursen der Academia Generalis, die er ab der vierten Klasse in seiner Freizeit besuchte und die ihn auf den Geschmack brachten, weil sie seinen Wissenshunger stillten.

So inspiriert hat er bereits mehrfach an den Bundeswettbewerben Mathematik und Jugend forscht teilgenommen, beschäftigte sich in diesem Zusammenhang nicht nur mit Zahlen und Formeln, sondern auch mit der Fossilienwelt am Kassenberg, mit umweltfreundlicher Wärmeisolation oder mit der Wechselwirkung zwischen Ernährung und Reaktionsfähigkeit. Doch nicht nur an mathematisch-naturwissenschaftlichen Wettbewerben, sondern auch am Bundeswettbewerb Latein hat Henrik bereits mit Erfolg teilgenommen und war zumindest auf Landesebene ganz vorne dabei. Für die Endrunde auf Bundesebene hat es bisher noch nicht ganz gereicht. Aber mit 16 darf und muss man ja noch Ziele haben, die auf ihre Realisierung warten. „Ich bin ein ehrgeiziger Mensch“, sagt Heelweg über sich selbst. Doch was ihn an Wettbewerben reizt, ist nicht die Aussicht auf einen Preis, sondern „die Möglichkeit, Kontakte zu Leuten zu knüpfen, die so ähnlich gestrickt sind wie man selbst und mit denen ich meine Interessen teilen kann.“ Henrik lässt keinen Zweifel daran, dass er sich über die Auszeichnung und die damit verbundenen 3000 Euro von der Mülheimer Bildungsstiftung freut. „Solche Anerkennung zu bekommen, ist ein schönes Gefühl, das anspornt und das erst mal sacken muss.“

Sein Preisgeld, das bereits auf sein Sparbuch gewandert ist, will er auch in seine weitere Ausbildung investieren. Derzeit liebäugelt er mit einem Chemiestudium, „weil man da eine Einbindung in alle Lebensbereiche hat.“ Jetzt hat Henrik erst mal seine Leistungskurse für die Oberstufe (Mathematik und Chemie) gewählt. Mathematik fasziniert ihn, „weil man mit ihr einfache Lösungen für komplizierte Frage erarbeiten kann.“ Genau darum geht es auch in dem Duisburger Softwareunternehmen, in dem er nach den Osterferien ein Praktikum machen wird. Angesichts seiner Vielseitigkeit, die sich auch in einem Notendurchschnitt von 1,0 widerspiegelt, räumt er ein: „Es ist gar nicht so einfach, sich für einen bestimmten beruflichen Weg zu entscheiden, auch wenn ich jetzt glaube, mit der Chemie einen guten Punkt getroffen zu haben.“ Doch mit der Berufswahl kann und will sich der 16-Jährige, der sich in seiner Freizeit unter anderem beim Laufen und Zeichnen entspannt, ja auch noch etwas Zeit lassen.

Dieser Text erschien am 26. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 11. Juni 2013

Was Hans Meinolf und seinem Enkel Sven Deege zum 150. Geburtstag ihrer Partei, der SPD, einfällt

Hans Meinolf und sein Enkel Seven Dege

150 Jahre Mülheimer SPD. Das wurde am 9. Juni 2013 im Kino Rio gefeiert. Vor der Geburtstagsfeier ihrer Partei ließen der ehemalige Fraktionschef der Sozialdemokraten, Hans Meinolf, (82) und sein Enkel Sven Deege (27) in einem Gespräch, das ich für die NRZ mit ihnen führte ihren ganz persönlichen SPD-Geburtstagsfilm ablaufen.

Frage: Wann und wie haben Sie die SPD als ihre politische Heimat erlebt?

Antwort: Meinolf: Ich denke an geselligen Abende der Falkenjugend im Haus Freundschaft am Uhlenhorst, an denen wir gemeinsam sangen, an unsere Zeltlager im Sommer, an meine Fortbildung als Jugendvertreter der IG-Metall in der DGB-Bundesschule, an den Konsum an der Weseler Straße, in dem wir einkauften und an einen Streik, in dem wir 1951 für die betriebliche Mitbestimmung gekämpft haben. 1952 bin ich dann in die SPD eingetreten. Gerne erinnere mich auch an große Veranstaltungen der Mannesmann-Betriebsgruppe mit Willy Brand und Helmut Schmidt.

Antwort: Deege: Ich bin durch meine sozialdemokratische Familie geprägt worden. Mein Großvater hat den Ortsverein in Eppinghofen und die SPD-Betriebsgruppe der Mannesmann-Röhrenwerke gegründet. Ich bin im Kinderwagen zum Wahlkampf mitgenommen worden und als ich laufen konnte, habe ich die ersten Flugblätter verteilt. Mit mit 14 bin ich dann in die SPD eingetreten.

Frage: Warum tun sich junge Menschen heute so schwer mit Parteien, Politik und auch mit der SPD?

Antwort: Deege: Anders, als in meiner Familie, war Politik für die meisten meiner Klassenkameraden an der Luisenschule kein Thema. Ich glaube, dass hat damit zu tun, dass die meisten Jugendlichen Demokratie und Freiheit als Selbstverständlichkeit ansehen, für die man nicht mehr kämpfen muss. Politik und Parteien empfinden die meisten Jugendlichen als uncool, weil sie dort vor allem alte Männer und Frauen über Dinge diskutieren sehen und hören, die am Ende dann doch nicht passieren. Ich selbst bin zwar Parteimitglied, aber im Moment politisch nicht aktiv, weil mir mein Beruf als kaufmännischer Angestellter zu wenig Zeit dafür lässt.

Antwort: Meinolf: Vielleicht ist das auch unsere Schuld. Vielleicht haben wir der jungen Generation zu viele Steine aus dem Weg geräumt. Als ich mit 18 Jahren politisch aktiv wurde, hatten wir nach Krieg und Diktatur einen enormen Aufholbedarf. Wir mussten unsere Gesellschaft und unser Land ja erst mal aufbauen. Wir mussten Demokratie und Freiheit ja erst mal lernen. Und wir mussten uns durchsetzen. Als ich 1957 auf einem Unterbezirksparteitag sprechen wollte, sagte mir der damals 67-jährige Oberbürgermeister Heinrich Thöne: „Lass mal. Dafür bist du noch zu jung.“

Frage: Warum erleben Sozialdemokraten keinen politischen Höhenflug, obwohl immer mehr Menschen über soziale Ungerechtigkeit klagen?

Antwort: Deege: Das liegt auch daran, dass unser Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in das eine oder andere Fettnäpfchen getreten ist, das er hätte auslassen können. Doch das eigentliche Problem sehe ich in der Politik- und Parteienverdrossenheit, mit der viele Jugendliche schon in der Familie groß werden. Da gibt es eine weit verbreitete Lethargie. Selbst Menschen, die von Hartz IV leben müssen, haben oft das Gefühl: „Irgendwie klappt es schon. Ich komme alleine über die Runden. Viele Menschen geben heute zu schnell auf. Sie haben keine Lust mehr, Probleme über eine lange Zeit zusammen mit anderen durchzuarbeiten und zu lösen. Heute wird das Ich-Gefühl zu stark gelebt. Niemand hat das Gefühl, dass da jemand wäre, der sich um die Probleme kümmert. Hinzu kommt eine gewisse Übersättigung durch die politischen Talkshows, die täglich im Fernsehen gesendet werden. Es fängt schon in der Freizeit an, wenn Leute heute lieber zu Hause bleiben und bei Facebook mit Freunden chatten, als raus zu gehen und sich mit Freunden auf dem Fußballplatz oder in einer Kneipe zu treffen. Wir brauchen in unserer Partei und in unserer Gesellschaft einfach mehr Ausdauer und Rückgrat, wie ein Marathonläufer

Antwort: Meinolf: Einige Enkel von Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner wollten oder wollen nicht mehr wahrhaben, dass die Arbeitnehmerbewegung den Ursprung der SPD bildet und das die Sozialdemokratie nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie ihre Stammwählerschaft für voll nimmt. Wir dürfen nicht vergessen, dass bessere Arbeitsbedingungen nicht vom Himmel fallen, sondern erkämpft werden müssen. Das wird aber immer schwerer, wenn es immer weniger Großbetriebe mit starken Gewerkschaften gibt und immer mehr Menschen in kleinen Betrieben oder selbstständig arbeiten und jede Berufsgruppe nur noch für sich selbst kämpft. Die Agenda 2010 hat zum Beispiel bei der Leih- und Zeitarbeit die falsche Richtung eingeschlagen. Solidarität und Gemeinschaftsgefühl müssen wieder gefestigt werden.

Frage: Warum brauchen wir die SPD?

Antwort: Deege: Als Anschub und Bindeglied dafür, dass der Starke dem Schwachen hilft und ihm dafür die Hand reicht.

Antwort: Meinolf: Weil Sie immer noch das offenste Ohr für die Armen hat.

Stationen der Mülheimer SPD


1864 wird in Mülheim der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gegründet. Erster Vorsitzender ist der Maschinenmeister Kaspar Bergrath.

1869 wird der Gerber Wilhelm Hasenclever als erster Sozialdemokrat zum Abgeordneten in den Norddeutschen Bundestag gewählt.

1894 wird in Dümpten der erste SPD-Ortsverein gegründet.

1933 lehnen die SPD-Stadtverordneten die Ehrenbürgerschaft für Hitler und Hindenburg ab.

1944 wird der vormalige SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende Wilhelm Müller wegen seines Widerstandes gegen das NS-Regime ins Konzentrationslager Neuengamme gebracht, wo er im November stirbt.

1948 wird Heinrich Thöne als erster Sozialdemokrat zum Mülheimer Oberbürgermeister gewählt. Er bleibt es bis 1969.

Dieser Text erschien am 8. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 10. Juni 2013

Bürokratie von der Wiege bis zur Bahre: Wie die Caritas mit ihrem Projekt Papierstau Menschen hilft, ihren Papierkrieg zu gewinnen

Einen Papierstau gibt es nicht nur bei Druckern und Kopierern. Auf einen Papierstau der besondern Art treffen die haupt- und ehrenamtlichen Familienhelfer der Caritas auch in Familien, die sie eigentlich in ihrem Erziehungs- und Haushaltsalltag unterstützen wollen. Es heißt sinnigerweise: Papierstau.


Martina Lüdeke-Weiß, die sich als ehrenamtliche Patin beim Familienstart der Caritas engagiert, „weil meiner alleinerziehenden Mutter und mir früher auch geholfen worden ist“, erinnerte sich an die Papierberge, die sich bei einer chinesischen und einer afrikanischen Familie türmten. „Wenn Leute die Einladungen zum Gespräch bei der Sozialagentur nicht verstehen und deshalb Termine versäumen, kann es schnell zu Leistungskürzungen kommen“, berichtet Weiß. Auch unbezahlte Stromrechnungen oder Handyverträge lösen immer wieder einen Papierkrieg im besten Bürokratendeutsch aus, der nicht nur Zuwanderer mit unzureichenden Sprachkenntnissen überfordert. Ähnliche Erfahrungen hat ihr ehrenamtlicher Kollege Thomas Lewrenz gemacht, der zurzeit eine Flüchtlingsfamilie aus Somalia durch den mit Miete und Stromrechnungen verbunden Papierdschungel lotst „Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Menschen da heute nicht mehr durchblicken und die Ämter auch nur oberflächlich helfen können, weil sie viel zu wenig Personal haben. Deshalb brauchen wir ehrenamtliche Paten, wie uns“, sagt Lewrenz.

„In unser Sozialbüro kommen manchmal Leute mit Waschkörben voller unbezahlter Rechnungen und sagen: Ich habe Schulden. Gucken Sie mal, was man da machen kann“, weiß die für die sozialen Dienste der Caritas zuständige Abteilungsleiterin, Martina Pattberg, zu berichten.

„Wenn Sie zu den Leuten nach Hause kommen, um ein erstes Gespräch zu führen, stapeln sich manchmal fünf oder sechs Papiertürme mit noch gefüllten Briefumschlägen“, schildert Rainer Nebelsiek die klassische Ausgangssituation des neuen Projektes Papierstau, das er als hauptamtlicher Koordinator der Caritas leitet (siehe Kasten).

Die eigentliche Arbeit: Briefe sichten, lochen, abheften oder wegwerfen, Leute bei Behördengängen begleiten oder mit Gläubigern telefonieren, dauert oft gar nicht so lange. „Was Zeit braucht, sind die Gespräche, in denen man herausbekommt, welcher Papierstaupate in welche Familie passt. Man muss immer erst das Vertrauen aufbauen, das man braucht, damit sich die Leute öffnen und alles erzählen, was man wissen muss, um ihnen helfen zu können“, erklärt Nebelsiek die Psychologie der Papierstauauflösung.

Eine aus der Türkei stammende Mutter (43) von vier Söhnen weiß wovon er spricht. Sie musste seine Hilfe und die einer ehrenamtlichen Patin in Anspruch nehmen, um einen besonders delikaten Papierstau aufzulösen, den sie in einem sehr geräumigen Truhentisch hatte anwachsen lassen.

Es ging um eine Korrespondenz mit der Justiz. Denn zwei ihrer Söhne, die inzwischen die Kurve bekommen haben und ihren Ausbildungsweg machen, waren in ihren pubertären Flegeljahren mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Mal ging es um Ladendiebstahl, mal um die Erregung öffentlichen Ärgernisses. Das löste eine juristische Papierlawine aus, die ihre Mutter mit Klageschriften, Ladungen und Urteilsbegründungen überrollte und überforderte.

„Ich wusste nicht mehr, was ich aufbewahren musste und was ich wegwerfen konnte. Ich konnte auch mit niemanden darüber reden, weil ich mich schämte und das Gefühl hatte, als Mutter versagt zu haben,“ erinnert sie sich an ihren seelischen Ausnahmezustand. Heute kann sie darüber lachen, wenn sie sich vor Augen hält, „wie lange ich Herrn Nebelsiek und seine nette Kollegin genervt habe.“ Auch ihre Söhne mussten erst davon überzeugt werden, offenzulegen, was für sie kein Ruhmesblatt war, um den expandierenden Papierstau in der Tischtruhe am Ende in wenigen Stunden aufzulösen und in einen handlichen Aktenordner zu bringen.

Hintergrund


Das Projekt Papierstau wird zunächst für ein Jahr zu 80 Prozent von der Glücksspirale und zu 20 Prozent aus Eigenmitteln der Caritas finanziert. Projektkoordinator Rainer Nebelsiek und seine zurzeit 15 ehrenamtlichen Papierstaupaten haben seit Jahresbeginn in neun Fällen einen anfangs undurchsichtigen Papierstau auflösen können. Von ihrem kostenlosen Service können zurzeit allerdings nur Menschen profitieren, die soziale Hilfsleitungen, wie Arbeitslosengeld II oder Wohngeld bekommen. Die Caritas hofft auch im zweiten Jahr auf eine, wenn auch dann um 20 Prozent reduzierte Projektfinanzierung durch die Glückspirale. Die Finanzierungslücke soll dann durch Spenden geschlossen werden. Und nach zwei Jahren will die Caritas dann prüfen, wie der Service angenommen wird und ob aus dem Projekt Papierstau ein dauerhaftes Angebot werden kann.


Weitere Auskünfte gibt Projektkoordinator Rainer Nebelsiek im Caritas-Zentrum an der Hingbergstraße 176 unter 3000897 oder per E-Mail an: papierstau@caritas-muelheim.de und: rainer.nebelsiek@caritas-muelheim.de.

Dieser Text erschien am 6. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 8. Juni 2013

Die Deutsche Steuergewerkschaft beklagt den Personalmangel in den Finanzämtern des Landes. Wie sieht es in Mülheim aus?

Die Finanzämter im Land sind unterbesetzt. Nur 86 Prozent der in der Finanzverwaltung benötigten Stellen sind in Nordrhein-Westfalen derzeit auch besetzt. Darauf hat der aus Mülheim kommende Bezirksvorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, Marc Kleischmann, gestern auf der Landesseite der NRZ hingewiesen.


Das liegt wohl daran, dass das Land angesichts der begrenzten Haushaltsmittel andere finanzpolitische Schwerpunkte setzt. Auf meine Anfrage im Auftrag der NRZ teilte der stellvertretende Vorsteher des Finanzamtes Mülheim, Gerald Gruse, gestern mit, dass hier zurzeit nur 88 Prozent der Stellen besetzt sind, die die Oberfinanzdirektion, angesichts von 64.000 Steuerpflichtigen als Personalbedarf errechnet hat.

Zurzeit arbeiten 230 Steuerinspektoren und zehn Anwärter (Auszubildende) beim Finanzamt. Tatsächlich bräuchte das Finanzamt aber 261 Finanzbeamte, um seinen Personalbedarf zu decken.

Aktuell kommen in Mülheim 1600 Steuererklärungen auf einen Finanzbeamten. Allerdings weist der stellvertretende Amtsvorsteher in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das Finanzamt über eine sehr gute elektronische Datenverarbeitung verfüge, die in der Lage sei, das Fachpersonal der örtlichen Finanzverwaltung nachhaltig zu entlasten.

Die Personalknappheit beim Finanzamt ist übrigens kein neues Problem. Denn schon im Februar 2010 hatte der damalige Vorsteher des Mülheimer Finanzamtes, Manfred Winkler, im Interview mit der NRZ erklärt: „Auch unser Personal schrumpft. Derzeit haben wir 225 Mitarbeiter.(also fünf weniger als jetzt) 2008 waren es noch 20 mehr, so dass die Arbeit auf die verbleibenden Kollegen verteilt werden muss. Außerdem setzt man in der Finanzverwaltung auf Automation und Risikomanagementsysteme. Ein Großrechner im Rechenzentrum NRW arbeitet für uns im Hintergrund kräftig mit. Alle Steuerbescheide werden, auf unseren Anstoß hin, vollautomatisch erstellt. Außerdem gibt es eine EDV-gestützte Zufallsauswahl, die die Plausibilität von Angaben überprüft und so unehrliche Steuerzahler zutage fördern soll.“

Steuergewerkschafter Kleischmann hatte in der gestrigen NRZ auch darauf hingewiesen, dass in den kommenden fünf Jahren bis zu 1200 NRW-Finanzbeamte in Pension gehen, aber pro Jahr nur 500 in den gehobenen und 310 in den mittleren Dienst der Finanzverwaltung aufgenommen würden.

Nach Angaben seines Mülheimer Gewerkschaftskollegen Gerald Gruse liegt das Durchschnittsalter der Mitarbeiter des Mülheimer Finanzamtes derzeit bei 50 Jahren.

1,3 Milliarden Euro, so hoch lag das Mülheimer Steueraufkommen aus allen Steuerarten nach damaligen Angaben des Finanzamtsvorstehers für das Jahr 2010. Die Zahl dürfte heute, angesichts der seitdem anziehenden Konjunkturdaten, eher höher liegen.

Dieser Text erschien am 6. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 7. Juni 2013

Auch ohne Abutur kann man heute studieren, wie das bemerkenswerte Beispiel eines Maschinenbaustudenten an der Hochschule Ruhr-West beweist

Studieren kann man nur mit dem Abitur, das seit 180 Jahren die allgemeine Hochschulreife verleiht. So denken viele und wissen gar nicht, das man seit 2010 auch ohne Abitur studieren kann. Auch wenn in Nordrhein-Westfalen 4100 der bundesweit 9200 Studenten ohne Abitur auf ihr Examen hinarbeiten, räumt man im NRW-Wissenschaftsministerium angesichts von landesweit insgesamt 600 000 Studenten ein, dass diese Möglichkeit noch weitgehend unbekannt ist.


Auch Studienberaterin Anita Lensing spricht mit Blick auf die Studenten, die an der Hochschule Ruhr-West ohne Abitur studieren von „einer sehr kleinen Zahl.“ Gerade mal 14 von 1700 Studenten der HRW haben kein Abitur, haben sich dafür aber durch ihr bisheriges Berufsleben für das Hochschulstudium qualifiziert.

Warum wagen nur wenige Menschen ohne Abitur den möglichen Sprung an die Hochschule? „Viele kommen nicht aus einem Akademikerhaushalt und haben die Perspektive des Studiums erst mal gar nicht im Blick. Außerdem fragen sie sich immer wieder, wie sie ein Studium finanzieren sollen und ob sie den Ansprüchen gerecht werden, die ein Studium an sie stellt“, weiß Lensing aus Gesprächen mit Bewerbern ohne Abitur.

Dabei macht sie ihren Gesprächspartnern immer wieder Mut und weist auf die Möglichkeiten von Stipendien und elternunabhängiger Bundesausbildungsförderung (Bafög) hin. Auch die Erfolgsgeschichten von HRW-Studenten ohne Abitur führt sie ins Feld.

Eine solche Erfolgsgeschichte ist die des 24-jährigen KFZ-Meisters, Jan Bends. Nach einem Realschulabschluss und einer Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker machte er seinen Meister und studiert jetzt im sechsten Semester Maschinenbau und ist zuversichtlich in einem Jahr sein Examen zu machen.

„Ich bin zwar froh, wenn es vorbei ist, aber mein Studium macht mir heute auch Spaß“, sagt Bends. Doch er lässt auch keinen Zweifel daran, dass die ersten drei Semester seines Studiums nicht immer nur Spaß gemacht haben. „Bei den Grundlagen in Physik, Chemie und Mathematik habe ich schon gemerkt, dass mir die drei Schuljahre bis zum Abitur fehlten. Vieles, was für meine Kommilitonen eine Wiederholung war, war für mich Neuland. Da half nur Fleiß und Hinsetzen, bis es klappt“, erinnert sich Bends an seinen schweren Studienanfang. „Heute läuft es“, sagt er und führt das auch darauf zurück, „dass hier an der Hochschule eine sehr familiäre Atmosphäre herrscht und wir überschaubare, kleine Kurse haben, in denen die Professoren und Dozenten Zeit haben, sich um einen zu kümmern und Fragen zu beantworten.“ Er genießt es, im Zweifel einfach mal im Büro des Professors vorbeizuschauen, ohne, wie an größeren Hochschulen auf überfüllte Sprechstunden warten zu müssen.

Bends hat nicht nur das Gefühl mit den Abiturienten unter seinen Kommilitonen auf Augenhöhe zu studieren. Weil er als Werkstudent bei der technischen Experten-Organisation Dekra zwischen Hochschule und Betriebspraxis pendelt, sieht sich Bends sogar im Vorteil. „Es ist schön neben dem Studium weiter in die Ingenieurswelt zu schauen. So weiß ich eher, was in der Arbeitswelt abgeht und worauf ich mich bei meinem künftigen Arbeitgeber einlasse,“ sagt er und ist auch an der Hochschule eindeutig im Vorteil, wenn es um ganz praktische Fragen aus der Fahrzeugtechnik geht.

Dass er bei den Fahrzeugprüfern der Dekra arbeiten muss, wenn seine Kommilitonen die vorlesungsfreie Zeit genießen und das Lernen für Prüfungen und Klausuren vor allem abends und an Wochenenden stattfinden muss, nimmt er für die sehr konkrete Aussicht auf einen „halbwegs sicheren Arbeitsplatz“, der als Fahrzeugprüfer bei der Dekra sein Traumberuf wäre gerne in Kauf.

Mit diesem Traumberuf vor Augen, der nur mit einem Maschinenbaustudium zu erreichen ist, wagte Bends auch den Sprung an die Hochschule, obwohl der Sohn eines Handwerkers und einer kaufmännischen Angestellten der erste Student in seiner Familie ist und das Studium sein monatliches Einkommen von 1500 auf 400 Euro reduziert hat. „Ich wohne bei meinen Eltern, die mir sehr unterstützen“, unterstreicht Bends und lässt keinen Zweifel daran, dass ihm dieser Schritt sehr viel schwerer gefallen und vielleicht sogar unmöglich gewesen wäre, wenn er bereits finanzielle Verantwortung für eine eigene Familie tragen müsste. Für Studienberaterin Lensing zeigt Bends’ Beispiel: „Es muss kein Nachteil sein, ohne Abitur zu studieren, wenn man motiviert ist. Denn Motivation und Fleiß schlagen Vorbildung.“

Abiturlose Wege zur Hochschule

  Drei Wege führen zum Studium ohne Abitur.

Weg 1 führt über eine Berufsausbildung mit anschließender Meisterschule und Meisterbrief oder über eine Ausbildung als Fachwirt, die Berufspraktiker zu Generalisten in ihrer Branche qualifiziert und ihnen auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse vermittelt. Fachwirte gibt es in ganz unterschiedlichen Bereichen vom Bank- und Finanzwesen über die Verwaltung und den Tourismus bis hin zu Industrie,- Immobilien- oder Handelsfachwirten.

Weg 2 führt über eine Berufsausbildung und eine mindestens dreijährige Berufspraxis im erlernten Beruf. Hierbei ist die Wahl der Studienfächer aber auf Bereiche begrenzt, die mit dem erlernten Beruf verbunden sind. Zum Beispiel kann ein KFZ-Mechatroniker auf diesem Weg Maschinenbau studieren.

Weg 3 führt über eine Berufsausbildung und eine mindestens dreijährige Berufspraxis in einem anderen Berufsfeld. Das kann auch auf Frauen oder Männer zutreffen, die nach einer Berufsausbildung drei Jahre lang ihre Kinder erzogen oder einen Angehörigen gepflegt haben. Voraussetzung für die Aufnahme des Studiums ist in diesen Fällen dann aber eine Zugangsprüfung, die in den Fächern Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie Pflicht ist, oder auch ein Probestudium.

Dieser Text erschien am 22. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 5. Juni 2013

Der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann zeigte in der Heißener Friedenskirche, dass die Bibel kein Buch von gestern ist

Die Bibel ist kein Buch von gestern. Das zeigt Eugen Drewermann am 29. Mai bei seinem Besuch in der Friedenskirche. In freier und kurzweiliger Rede führt er seine 150 Zuhörer durch das Lukas-Evangelium, in dem er „Wege zur Menschlichkeit“ sucht und findet.

Dass der Theologe und Psychotherapeut nicht nur über Menschlichkeit spricht, sondern sie auch praktiziert, zeigt er mit der Spende seines Vortragshonorars an die Aktion Mensch Friedenskirche gleich zu Beginn.

„Ich gehe eigentlich nicht zur Kirche, aber Eugen Drewermann berührt mich tief“, sagt eine Frau. An diesem Abend sagt Drewermann zum Beispiel, dass man sich Gott nicht als strafenden Gesetzgeber, sondern als liebenden und zuhörenden Vater vorstellen könne. Das erkennt er zum Beispiel am Gleichnis der Ehebrecherin, in dem Jesus ihren Anklägern sagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ oder in dem biblischen Bild vom Hirten, der dem verlorenen Schaf nachgeht.

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, zitiert Drewermann die Bergpredigt Jesu und macht mit seinem unnachahmlich wohltuenden und erhellenden Mix aus Predigt und Psychotherapie deutlich, dass es eigentlich keine bösen, sondern nur verzweifelte Menschen gibt, die sich unter dem Eindruck traumatischer Lebenserfahrungen selbst im Weg stehen. „Moral und Strafe machen Menschen nicht besser, sondern nur die Erfahrung von Verständnis, Güte und Vergebung.“

Deshalb, so Drewermann mit Blick auf das Vater Unser, könnten wir Gott um Vergebung bitten und selbst unseren Schuldigern vergeben. Dass der durch Jesus offenbarte Gott nicht die Absolutsetzung des Moralischen zeigt sich für Drewermann auch in der Apostelgeschichte, wenn aus dem Christenverfolger Saulus der Christusverkünder Paulus wird.

Als Psychotherapeut weiß Drewermann, der kein Priesteramt braucht, um die Frohe Botschaft zu verkünden, dass es nicht nur die vermeintlich bösen Menschen sind, die sich mit ihrer Verzweifelung im eigenen Lebensweg stehen, sondern auch jene, die „aus Angst brav sind und stets den Wünschen ihrer Mitmenschen entgegen laufen“ und sich so in der Sucht nach Anerkennung einem aus Übererwartungen gespeisten unmenschlichem Stress aussetzen. Mit der Bibel gegen Burnout?! Drewermann macht es möglich und kommt, so Gott will, bei seinen Zuhörern an diesem Abend in der Friedenskirche nicht zum ersten und sicher nicht zum letzten Mal gut an.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien auch am 1. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 4. Juni 2013

Was uns die Zensus-Zahlen 2011 über unsere Stadt zu sagen haben

Mülheim ist kleiner, älter und bunter. Das zeigen die gestern vom Statistischen Landesamt veröffentlichten Zensus-Zahlen. Danach ist die Einwohnerzahl von 168.120 auf jetzt 166?865 gesunken. Die meisten sind allerdings Mülheimerinnen, nämlich 87.650. Betrachtet man die Mülheimer nach ihrem Lebensalter, so stellen die 50- bis 64-Jährigen mit einem Anteil 21,2 Prozent die stärkste Bevölkerungsgruppe, während die Altersgruppen der Unter-Drei-Jährigen und der Drei- bis Fünfjährigen mit jeweils 2,3 Prozent den kleinsten Anteil an der Bevölkerung haben. Insgesamt 15,3 Prozent der Mülheimer sind unter 18, aber 23,8 Prozent älter als 65.


17.270 (10,3 Prozent) der Mülheimer haben keinen deutschen Pass. Ihr Bevölkerungsanteil wird auf der Internetseite der Stadt noch im März 2013 mit 11,14 Prozent angegeben. Allerdings haben 38?810 Mülheimer (23,3 Prozent) einen Migrationshintergrund, stammen also aus einer Einwandererfamilie. 20.370 (52,5 Prozent) davon leben bereits seit mehr als 20 Jahren in unserer Stadt.

Konfessionell betrachtet gibt es im früher protestantisch dominierten Mülheim inzwischen mehr katholische (57.440) als evangelische (52.850) Christen. Allerdings stellt die Gruppe der Sonstigen, zu denen neben Muslimen und Juden, auch andere Bekenntnisse oder Konfessionslose gehören mit 56.570 Bürgern die zweitgrößte Gruppe. 77.800 Mülheimer (46,8 Prozent) sind erwerbstätig. 4210 (2,5 Prozent) wurden als erwerbslos eingestuft. Die größete Gruppe der Erwerbstätigen bilden die Arbeiter und Angestellten (65.420), gefolgt von den Srlbstständigen (10.150) und den Beamten (5140). 

Dieser Text erschien am 1. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 3. Juni 2013

So gesehen: Humor hift zu jeder Jahreszeit

Haben Sie schon Ihre Weihnachtsgeschenke zusammen?“, fragte mich jetzt eine Markthändlerin, als ich auf der Schloßstraße meine Einkäufe erledigte. War ich oder sie etwa im falschen Film? Sollte die Zeit jetzt schon so rasend vergangen sein, dass mir entgangen wäre, dass wir nicht Ende Mai, sondern schon Ende November haben?


Doch dann fiel auch bei mir der Groschen. Die Frau war nicht aus der Zeit gefallen, sondern hatte Humor, genau wie der Mann, der sich wenig später beim Bäcker mit Blick auf das Einheitsgrau im vermeintlichen Wonnemonat Mai über den „schönsten November aller Zeiten“ freute. Man sieht: Auch beim Wetter ist am Ende nichts so schlecht, dass es nicht auch für etwas gut wäre, und sei es auch nur dafür, mit etwas Galgenhumor unserem sonnigen Gemüt auf die Sprünge zu helfen. Den kann man wirklich zu jeder Jahreszeit gebrauchen und Sommer ist, wie es einst die Wise Guys besungen haben, immer „das, was in deinem Kopf passiert.“ Na, dann kann es ja auch heute nur heiter werden.   Dieser Text erschien am 30. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 1. Juni 2013

Kann Mülheim von Meerbusch lernen und mit der Parkscheibe den Einzelhandel in der Innenstadt fördern?

Im Rhein-Ruhr-Zentrum oder im Centro kann ich kostenlos parken. Dieses Argument hört man von autofahrenden Kunden immer wieder, wenn man sie fragt, warum sie nicht in der Innenstadt einkaufen. Manche Kommune tut was dagegen. Als „Stadt ohne Parkgebühren“ bewirbt sich das 55.000 Einwohner zählende Meerbusch. „Wir stehen im Wettbewerb mit Düsseldorf, Krefeld und Neuss. Da brauchen wir solche Marketinginstrumente, um unseren Einzelhändlern zumindest einen kleinen Vorteil zu verschaffen“, begründet Stadtsprecher Michael Gorgs den Verzicht auf Parkgebühren für 2000 Parkplätze in Meerbusch.

Könnte Mülheim von Meerbusch lernen und in der Innenstadt auf Parkgebühren verzichten, um wieder mehr Kunden aus den Einkaufszentren in Heißen, Oberhausen und Dümpten zurückzuholen?

Stadtkämmerer Uwe Bonan sagt: Nein. Seine Argumente wiegen schwer: „Wir nehmen als Stadt pro Jahr rund 1,6 Millionen Euro Parkgebühren ein. Woher soll ich das Geld nehmen?“ fragt er. Allein 500.000 Euro, so Bonan, flössen jährlich aus der Bewirtschaftung der beiden Tiefgaragen der City in das Stadtsäckel. Außerdem ist der Stadtkämmerer davon überzeugt, dass die Bezirksregierung eine solche Idee der unter ihrer Haushaltsaufsicht stehenden Stadt Mülheim sofort kassieren würde.

Von einer solchen Haushaltsaufsicht ist Meerbusch noch weit entfernt. Das Haushaltsdefizit liegt bei sechs Millionen Euro, nicht wie in Mülheim bei 93 Millionen Euro. Doch auch in Meerbusch hat man die Einführung von Parkgebühren immer mal wieder geprüft, aber auch immer wieder verworfen, weil die Einzelhändler von der bereits in den 80er Jahren eingeführten Parkscheibenregelung, die eine Parkdauer von bis zu drei Stunden erlaubt, offensichtlich profitieren. „Wie viel zusätzliche Steuereinnahmen durch die Parkgebührenfreiheit in die Stadtkasse fließen, lässt sich aber nicht genau beziffern“, räumt Stadtsprecher Gorgs ein. Er weist aber darauf hin, dass ja auch die Parkraumbewirtschaftung mit Schranken, Automaten und Überwachungspersonal Geld koste.

Auch wenn der Vorsitzende der Werbegemeinschaft Mülheimer Innenstadt, Hermann-Josef Pogge , einräumt, dass sich zurzeit mehr Kunden von der Verkehrsführung und der Ampelschaltung, als von den Parkgebühren abschrecken lassen, hielte er eine Parkgebührenfreiheit in der Innenstadt „aus Sicht der Kaufmannschaft sicher für wünschenswert.“

Zwei Euro bekommen die Kunden des an der Leineweberstraße ansässigen Modehausinhabers Gernot Schulz erstattet, wenn sie ihm ihr Parkgebührenticket vorweisen. „Im Laufe des letzten Jahres haben das aber höchstens 50 Kunden genutzt“, berichtet Schulz. Dennoch würde auch er geringere Parkgebühren oder Parken zum Nulltarif in der City begrüßen. Noch mehr begrüßen würde er aber eine bessere Verkehrsführung, die die die Zufahrt zu denen Tiefgaragen in der City erleichtern und verhindern würde, „dass die Leute immer wieder um den Pudding herumfahren müssen, wenn sie in die Innenstadt kommen wollen.
„Darüber kann man wirklich mal laut nachdenken, denn der Kunde kommt nun mal mit dem Auto in die Innenstadt“, betont FDP-Fraktionschef Peter Beitz. Auch sein Amtskollege Lothar Reinhard von der MBI plädiert für eine Parkgebührenfreiheit in der City. „Gerade weil es im Moment in der Innenstadt aufgrund der Verkehrsführung, der Ampelschaltung und der ungelösten Zukunft der Kaufhoffrage bergab geht, muss man um jeden Kunden kämpfen“, findet Reinhard und ist davon überzeugt, dass man die entgangenen Parkgebühren der City auf anderem Steuerwege wieder hereinholen könnte.

Nein zur parkgebührenfreien City sagt dagegen der grüne Ratsherr Hubert Niehoff, „weil dann die Einnahmen ausbleiben und der Verkehr in der Innenstadt mehr wird, was wiederum die Verkehrsteilnehmer träfe, die nicht mit dem Auto in die Innenstadt kommen.“

SPD-Fraktionschef Dieter Wiechering möchte die Idee zwar „nicht einfach vom Tisch wischen“, ist aber skeptisch, ob das wirklich mehr Kunden in die City bringt. Er verweist auf ernüchternde Erfahrungen, die man vor zehn Jahren mit einer Parkgebührenbefreiung im Advent gemacht habe.

Auch CDU-Fraktionschef Wolfgang Michels kann sich angesichts der Haushaltslage mit einer parkgebührenfreien City nicht anfreunden. Am ehesten könnte er sich die Reaktivierung eines Parktalers vorstellen, mit dem Händler der Innenstadt unter finanzieller Beteiligung der Stadt ihren Kunden Parkgebühren erstatten könnten.

Dieser Text erschien am 25. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung