Dienstag, 23. Juli 2013

Ein zukunftsträchtiges Schulbeispiel aus der Hauptschule an der FRühlingstraße, die ihren letzten Schultag hinter sich hat, zeigt, wie Schule erfolgreicher und menschlicher werden könnte

Der letzte Schultag. An der Frühlingstraße in Speldorf gilt das im doppelten Sinn des Wortes. Denn dort hatte die Hauptschule nach 40 Jahren gestern ihren definitiv letzten Schultag. Nach den Sommerferien wird sie zur Grundschule.


Auch wenn Volkan Gücer (16), Resul Duran und Tolga Inam (beide 17) froh sind, dass sie ihre Hauptschule mit guten Noten verlassen und jetzt an Berufskollegs auf die Fachoberschulreife zusteuern können, beschleicht sie doch etwas Wehmut, wenn sie daran denken, dass es ihre alte Schule bald nicht mehr gibt. Ihre Wehmut verbindet sie nicht so sehr mit dem schmucken Schulgebäude als vielmehr mit ihrem Klassenlehrer Theodor Riecken (64) und seinem ehrenamtlichen Unterrichtsassistenten Norbert Röger (60), der die Klasse Rieckens in den letzten beiden Schuljahren begleitet hat, Tag für Tag. Und das unterscheidet ihn schon von den insgesamt 40 ehrenamtlichen Schulpaten, die im Rahmen eines Projektes des Centrums für bürgerschaftliches Engagement mit ihrer Berufs- und Lebenserfahrung Jugendliche unterstützen.

Die waren wie Freunde. Sie haben dafür gesorgt, dass wir nicht mit Angst, sondern mit Vertrauen in die Schule gehen konnten und nicht in Versuchung kamen, uns krank zu melden, beschreiben Volkan, Resul und Tolga, was sie an Röger und Riecken hatten.

Die haben sich gerade in Deutsch und Mathe immer wieder mit uns hingesetzt und genau nachgefragt, warum wir etwas nicht verstanden hatten, erzählt das Schüler-Trio aus seinem Alltag mit dem pädagogischen Doppelpack.

Riecken lässt keinen Zweifel daran, dass er es nicht zuletzt seinem ehrenamtlichen Unterrichtshelfer Röger zu verdanken hat, dass die letzten zwei seiner insgesamt 26 Schuljahre an der Frühlingstraße besonders angenehm und entspannt verlaufen sind, so dass er sich jetzt gesund und munter auf seinen Ruhestand freuen kann. Anfangs habe ich mir schon gesagt: Mal sehen, was da auf mich zukommt. Aber dann habe ich erlebt, dass er zwar immer präsent, aber nie aufdringlich war und so für mich zu einem guten Korrektiv wurde, mit dem ich mich immer wieder austauschen konnte.

Lehramtsassistent Röger beschreibt seinen Arbeitsalltag so: Wenn der Lehrer sich mal in einem 1:1-Gespräch mit einem schwierigen Schüler beschäftigen musste, konnte ich mit den anderen Schülern weiterarbeiten. Und wenn er vorne an der Tafel stand, konnte ich auch die Schüler in den hinteren Reihen im Auge behalten und sofort sehen, wenn jemand nicht mitkam.

Die Frage, warum er als Mann um die 60 freiwillig und ohne Bezahlung jeden Tag gerne zur Schule gegangen ist, beantwortet Röger mit seiner eigenen Bildungs- und Berufsbiografie. Ich habe selbst die Hauptschule besucht und anschließend bei der Post eine Lehre als Fernmeldehandwerker gemacht, ehe ich mich dann bei der Telekom weiterentwickelt und in den Vertrieb und Handelsservice hochgearbeitet habe. Doch mit 56 wurde ich in den Vorruhestand geschickt. Der Speldorfer, der sich noch fit und keineswegs rentenreif fühlte, suchte nach einer sinnvollen und seinen Tag strukturierenden Tätigkeit. Er fand sie gleich in seiner Nachbarschaft, in der Hauptschule an der Frühlingstraße. Wohlmeinende Ratschläge warnten ihn vor einem Engagement. Doch Röger ließ sich auf das Abenteuer ein, obwohl meine Schulzeit auch schon 40 Jahre zurücklag und ich mich erst mal einarbeiten musste. Und immer wieder machte er als externer Schulverstärker an der Frühlingstraße die gute Erfahrung, dass man freundlich aufgenommen und behandelt wird, wenn man selbst auch freundlich und ohne Vorurteile auf andere zugeht. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen ist und bleibt die oft als Restschule abgestempelte Hauptschule die Schulform, an der Schüler besonders intensiv gefördert werden, die diese Förderung besonders nötig haben, aber auch besonders willig annehmen.

Was Volkan, Resul und Tolgar an ihren beiden pädagogischen Partnern beeindruckt hat, war die Tatsache, dass sie ihnen mit Respekt begegneten und ihnen so beibrachten, anderen Respekt entgegenzubringen. Die Schüler bescheinigen Riecken und Röger, keinen Tunnelblick gehabt zu haben. Mit ihnen konnten wir auch über persönliche Probleme sprechen, erinnern sie sich. Und so konnte Lehrer Riecken mit seinem pädagogischen Co-Piloten Röger nicht nur freiwilligen Förderunterricht in Deutsch und Mathematik anbieten, sondern auch auf seine berufspraktischen Kenntnisse zurückgreifen, wenn es darum ging, wie man sich um einen Praktikums- oder Ausbildungsplatz bewirbt und wie man sich bei einem Vorstellungsgespräch präsentieren sollte.

Ich bin mit ihm meine Aufgabenstellungen durchgegangen mit der Frage, ob sie zu textlastig sind. Und einmal haben wir uns Auszubildende von Mannesmann in den Matheunterricht geholt, um sie erklären zu lassen, welche Kenntnisse sie in ihrem Berufsalltag brauchen, erinnert sich Riecken. Während sein hauptamtlicher Kollege in den Ruhestand geht, will Röger an einer anderen Schule weiterarbeiten. Es wird schon das Richtige kommen“, freut er sich auf sein nächstes pädagogisches Abenteuer.

Was fehlt, wenn die Hauptschule fehlt?


Wird die Hauptschule fehlen, wenn sie nicht nur an der Frühlingstraße auslaufen sollte? Norbert Röger und die Ex-Hauptschüler Volkan Gücer, Resul Duran und Tolga Inam glauben: Ja, weil die Schüler, die bisher von der praxisorientierten Förderung an den Hauptschulen profitieren, auch bleiben, wenn es keine Hauptschulen mehr geben sollte. Theodor Riecken macht sich dagegen keine Illusionen darüber, dass die Hauptschule schon seit langem ins Hintertreffen geraten ist, weil sich Deutschland viel zu spät als Einwanderungsland begriffen habe und die anderen Schulformen sich zu lange aus der Integrationsaufgabe herausgezogen hätten. Er glaubt, dass die pädagogische Förderung, die an den Hauptschulen geleistet wird, auch an anderen Schulen geleistet werden könnte, wenn man sich am skandinavischen Vorbild (Zwei Lehrende in kleinen Klassen) orientieren würde.

Riecken ist überzeugt, dass es auf Lehrer ankommt, die Einfühlungsvermögen mitbringen und in Zeiten, in denen Fachwissen immer schneller veraltet, darauf achten, „das Menschliche nicht aus den Augen zu verlieren“, um keine Fachidioten, sondern Persönlichkeiten zu bilden.

Dieser Text erschien am 20. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 22. Juli 2013

Auch wenn es am Ende nicht dazu kam, wollte die Stadt Rudolf Steuer nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch materiell für seinen Einsatz zum Erhalt der Schloßbrücke danken

Vor wenigen Wochen hat die Bezirksvertretung 1 den Bürgerantrag von Jochen Hartmann abgelehnt, den Retter der alten Schloßbrücke, Rudolf Steuer, mit einer Plakette an ihrer 1960 errichteten Nachfolgerin zu ehren. Die Begründung, basierend auf einem Vortrag von Stadtarchivar Dr. Kai Rawe: Steuer sei ein reiner Befehlsempfänger gewesen. Von einer Bezirksvertreterin wurde Steuer gar ohne weitere Angaben als Nazi herabgewürdigt. Obwohl Steuer tatsächlich, was die Bezirksvertreterin nicht wissen konnte, Mitglied der NSDAP war, gibt es ernsthafte Zweifel an der abwertenden chen Darstellung Dokumente belegen nun, dass der ehemalige Unteroffizier unmittelbar nach dem Krieg in einem ganz anderen Licht gesehen wurde.


1947 wollte die Stadt Mülheim Steuer mit Zinszahlungen für ein Darlehn über 3000 Mark beim Wiederaufbau seines kriegszerstörten Hauses in Merzig helfen, um sich damit für seinen Einsatz zu bedanken, der verhinderte, dass die Schloßbrücke als letzte intakte Ruhrbrücke und mit ihr die dort installierte Versorgungsleitungen in den letzten Kriegswochen zwischen dem 27. März und dem 11. April 1945 gesprengt wurde. Das bestätigte der Enkel von Rudolf Steuer, Frank Kiefer, der NRZ. Er verweist in diesem Zusammenhang auf einen Briefwechsel zwischen seinem Großvater und der Stadt Mülheim im Jahre 1947.

Danach war die Stadt bereit, für Steuer 6,5 der insgesamt 8,5 Prozent Darlehnszinsen zu übernehmen. Das von der Sparkasse Mülheim gewährte Darlehn sollte als Grundschuld auf Steuers Elternhaus in Andernach eingetragen werden. Da sich die notwendige Unterschrift seiner Eltern aber verzögerte und der damals 44-jährige Bauingenieur Steuer im April 1947 als Technischer Leiter bei den Stadtwerken in Merzig angestellt wurde, hat er offensichtlich auf das von der Stadt Mülheim mitfinanzierte Darlehn am Ende verzichtet.

Kiefer hat in den Unterlagen seines Großvaters auch den Brief einer Mülheimer Familie vom 22. März 1947 gefunden, in dem er als „Retter der Schloßbrücke“ bezeichnet wird. Steuer werde, so hieß es weiter, „sofort ein Quartier finden“, wenn er nach Mülheim käme.

Außerdem hat Kiefer im Aktenordner seines Großvaters die Niederschrift eines Treffens mit dem Mülheimer Oberbaurat Hugo Braun gefunden. In dieser auf den 14. Dezember 1946 datierten Niederschrift stellt Steuer die Ereignisse rund um die von ihm verzögerte und so am Ende verhinderte Sprengung der Schloßbrücke so dar, wie sie in späteren Quellen und auch im jüngsten NRZ-Bericht zum Fall Steuer nachgezeichnet worden sind.

Danach hat Steuer als Kommandant des zuständigen Sprengtrupps des Pionierbatallions 613 die Ausführung des am 27. März 1945 vom Oberleutnant Koch von der 183. Volksgrenadierdivision gegebenen Sprengbefehls verweigert und sich diesen mit dem Hinweis auf den zuständigen Kampfkommandanten Oberstleutnant Krause schriftlich geben lassen. Gleichzeitig befahl er einem an der Schloßbrücke diensthabenden Gefreiten, die Brücke auf keinen Fall zu sprengen. Dieses Vorgehen führte dazu, dass der Sprengbefehl fünfeinhalb Stunden nach seiner schriftlichen Erteilung als militärisch nicht notwendig ausgesetzt wurde, um stattdessen Panzersperren aufzustellen.

Steuer bestätigt Braun bei dem Treffen im Dezember 1946 auch, dass er am Nachmittag des 10. April 1945 in heftiger Weise von einem Oberst Witte auf den nicht ausgeführten Sprengbefehl angesprochen worden sei: „Sie sind also der Unteroffizier, welcher die Brücke nicht sprengt. Und so etwas trägt Tresen. Er wendete sich von mir ab mit den Worten: Ich werde Sie dem Kriegsgericht zur Meldung bringen.“

Der auch schon gegen Kriegsende amtierende Oberbaurat Braun hatte im Rückblick auf Steuers Einsatz an der Schloßbrücke schon am 10. April 1946 in einem Mülheimer Pressebericht, der die Ereignisse der letzten Kriegstage beschrieb  gesagt: „Dem Mann sollte man heute noch 100.000 Mark schenken, die hat er verdient.“

Dieser Text erschien am 22. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 19. Juli 2013

30 Jahre Wohnstift Raadt: Ein Altenheim im demografischen Wandel

30 Jahre Wohnstift Raadt. Das wurde am 6. Juli mit einem informativen, unterhaltsamen und geselligen Tag der offenen Tür an der Parsevalstraße gefeiert. Doch eigentlich begann die Geschichte des Altenheimes am Rande der Stadt schon vor fast 70 Jahren und das mit einer Hausbesetzung.


„Verantwortlich dafür war die sehr resolute Oberin, Auguste Schriever, des im Krieg zerstörten Evangelischen Versorgungshauses. Denn sie suchte für dessen betagte Bewohner eine neue Bleibe und fand diese in der alten Fliegerschule an der Parsevalstraße“, berichtet der ehemalige Stiftungsdirektor des Evangelischen Krankenhauses, Volkmar Spira.

Er war es, der vor 30 Jahren zusammen mit dem Architekten Aribert Riege den rund 8,5 Millionen Euro teuren Bau des heutigen Wohnstiftes managte, in dem heute 104 Bewohner von 40 Pflegekräften betreut werden. Damals genügte die alte Fliegerschule mit ihren Mehrbettzimmern und einem gemeinsamen Speisesaal nicht mehr den modernen Ansprüchen an ein Altenheim. „Wir haben damals zwar darüber nachgedacht, ob wir nicht lieber in der Innenstadt bauen sollten, haben uns dann aber doch für die grüne Randlage in Raadt entschieden, weil das von den damaligen Bewohnern auch so gewünscht wurde“, erinnert sich Spira.

Von außen betrachtet wirkt das Wohnstift Raadt wie ein großer Bungalow im Grünen. Aus der Vogelperspektive sieht das Altenheim, unter dessen Dach drei Pflegebereiche mit Wohn- Speise und Veranstaltungsräumen untergebracht sind, wie ein großes Dreieck. Dem Altenheim vorgelagert ist eine 1984 fertiggestellte Wohnanlage mit 17 Seniorenapartments.

„Die Bewohner sind heute in aller Regel sehr viel kränker und auch in ihrer Beweglichkeit eingeschränkter als früher“, beschreiben Einrichtungsleiter Andreas Rost und Doris Baumers vom Sozialen Dienst des zum Evangelischen Krankenhaus und der Ategris gehörenden Altenheimes den sichtbarsten Wandel der Zeit.

„Früher zogen hier schon viele Senioren mit Ende 60 ein. Die fuhren zweimal pro Tag in die Stadt und im Sommer fuhren wir mit Bewohnern für eine Woche in den Urlaub“, erinnert sich Baumers an die Zeit, als sie vor 29 Jahren als leitende Pflegedienstmitarbeiterin in das damals noch neue Wohnstift kam. Das hatte damals nicht nur eine Kegelbahn, die auch heute noch genutzt wird, sondern auch ein Schwimmbad. Weil die meisten Bewohner heute nicht mehr so fit sind, dass sie selbstständig ein Schwimmbad nutzen könnten, wurde dieser Bereich im Zuge des jüngsten Umbaus, der nach drei Jahren 2012 abgeschlossen werden konnte, für die Einrichtung neuer Zimmer genutzt. Nach dem drei Millionen Euro teuren Umbau sind 85 Prozent aller Zimmer Einzelzimmer. Außerdem konnten auch neue Küchen und Gemeinschaftsräume in den Wohnbereichen eingerichtet werden.

„Es gibt aber auch Bewohner, die ein Zweibettzimmer wünschen, weil sie sich mit einem Mitbewohner sicherer und weniger hilflos fühlen“, weiß Doris Baumers, die heute mit vier Kollegen des Sozialen Dienstes dafür sorgt, dass die Bewohner sich nicht langweilen und wenn nötig „aus ihrer Lethargie herausgeholt werden.“

Das Spektrum der gemeinsamen Aktivitäten reicht heute vom Zoo-Besuch bis zur Kochgruppe, vom gemeinsamen Singen und Vorlesen, gerne auch mit Schulkindern oder der von Spira geleiteten Kleinen Bühne bis hin zum Bingo-Spiel oder einem geselligen Frühschoppen, der als Buttermilchrunde daherkommt. „Unsere Gottesdienste werden übrigens auch von jungen Familien aus der Flughafensiedlung besucht“, freut sich Baumers über generationsübergreifende Begegnungen. Die Sozialdienstmitarbeiterin erlebt immer wieder, „dass viele Senioren, die lange alleine gelebt haben und in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, aufleben, wenn sie ins Altenheim kommen, weil sie hier nicht mehr einsam sind, sondern Ansprechpartner finden, mit denen sie sich unterhalten oder eine Runde ums Haus drehen können.“

Wenn Spira vom Garten des Wohnstiftes aus auf die angrenzenden Felder und in das nahe Rumbachtal schaut, hat er das Gefühl, „dass man hier, den Einschränkungen des Alters angepasst, so wohnen kann, wie man gerne wohnt, nämlich im Grünen und so mobil wie eben möglich.“ Doch er räumt mit Blick auf die Kontroverse um die Linie 104 auch ein; „Über die Straßenbahnanbindung hat vor 30 Jahren noch keiner diskutiert.“

Wie sich Pflege verändert hat


„Wir hatten früher mehr Zeit für die Bewohner“, räumt Doris Baumers ein. Gab es vor 30 Jahren nur einen Wohnbereich mit Schwerstpflegebedürftigen, so müssen heute in allen drei Wohnbereichen des Hauses Schwerstpflegebedürftige betreut werden. Der Leiter des Wohnstiftes, Andreas Rost, schätzt, dass heute rund 70 Prozent der Bewohner demenziell verändert sind. „Die Pflegeversicherung hat viel verändert. Heute gilt ambulant vor stationär. Und wenn früher eine dicke Kladde für das ganze Haus reichte, so hat heute jeder Bewohner seine eigene Akte“, beschreibt Rost den Wandel des Pflegealltags. Spira, Rost und Baumers sind sich einig, dass die Pflege keine ausreichende Lobby hat und unsere Gesellschaft noch nicht bereit ist, den tatsächlichen Preis für eine gute Pflege in einer alternden Gesellschaft zu bezahlen.


Je nach Pflegestufe kostet ein Pflegeplatz im Wohnstift Raadt zwischen 2000 und 4000 Euro pro Monat

Dieser Text erschien am 2. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 17. Juli 2013

Wer war eigentlich Rudolf Steuer? - Der Mann aus Merzig soll in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges die Schloßbrücke vor der Sprengung gerettent haben: Eine Spurensuche

Geschichte ist nicht nur vergangen. Sie ist immer auch gegenwärtig und wirkt bis heute nach, egal ob es sich um die selbst erlebte oder um durch Eltern und Großeltern überlieferte Geschichte handelt. Das zeigen die Leserreaktionen auf die NRZ-Berichterstattung über die Diskussion in der letzten Sitzung der Bezirksvertretung 1 Soll oder muss man der Luftkriegsopfer und eines Unteroffiziers gedenken, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges die Sprengung der Schloßbrücke verhindert haben soll. Der Bürgerantrag von Jochen Hartmann hat die Diskussion angestoßen, die offensichtlich nicht nur in der Bezirkvertretung geführt wird und die NRZ in ihrem Kommentar am vergangenen Samstag mit Blick auf den Unteroffizier Rudolf Steuer fragen ließ, was die Bezirkvertreter offensichtlich nicht gefragt hatten.


Woher stammt das Wissen über Rudolf Steuer?

Wer sich im Stadtarchiv auf die Spurensuche begibt, kann die Geschichte des Unteroffiziers Rudolf Steuer in einer Serie nachlesen, in der das Mülheimer Tageblatt im Frühjahr 1955 die letzten Kriegswochen im Frühjahr 1945 nachzeichnete. Außerdem erzählen der Heimatforscher Klaus op ten Höfel und der Journalist Franz Krapp in ihren Büchern „Mülheim, wie es war“ und „Mülheim nach 1945“ Anfang der 80er Jahre die Geschichte des Rudolf Steuer.

War Steuer ein Nazi und Befehlsempfänger oder ein Held? Stadtarchivar Rawe war zu der Überzeugung gekommen, Steuer sei nur einem Befehl und nicht seinem Gewissen gefolgt.

Hier führt die Spurensuche auch ins Bundesarchiv und in Steuers saarländische Heimatstadt Merzig. Es zeigt sich: Die Geschichte ist nicht Schwarz-Weiß, sondern hat viele Schattierungen. Eine Anfrage beim Bundesarchiv in Koblenz ergab, dass Steuer im August 1933 in die NSDAP aufgenommen wurde. Dennoch betont seine 79-jährige Nichte Anita Steuer: „Mein Onkel war kein Nazi und hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Ich habe ihn als einen klugen und liebevollen Menschen in Erinnerung.“ Sie weiß, dass ihr 1902 in Andernach geborener und 1981 in Merzig verstorbener Onkel, der seine berufliche Laufbahn in den 30er Jahren als technischer Leiter des Merziger Wasserwerkes begann, seine Stelle nicht bekommen hätte, wenn er nicht Mitglied der NSDAP gewesen wäre.

Der ehemalige Merziger Beigeordnete Alfred Diwersy, der Steuer Anfang der 60er Jahre als einen „klugen, ausgleichenden und besonnen Mann“ kennengelernt hat, „der Menschen überzeugen und mitnehmen konnte, ohne seine Ziele mit der Brechstange durchzusetzen“, weist darauf hin, dass Steuer bereits 1947 zum Technischen Leiter der Merziger Stadtwerke berufen worden ist. „Das hätte die französische Militärregierung niemals akzeptiert, wenn Steuer als politisch belastet eingestuft worden wäre“, betont der 82-Jährige.

In den genannten Quellen des Stadtarchivs erscheint Steuer keineswegs als offener Befehlsverweigerer, aber als verantwortungsbewusster Mann mit einer gehörigen Portion Mut. Zweimal, am 27. März und am 10. April 1945, wurde er mit dem Kriegsgericht bedroht, weil er den Befehl, die Schloßbrücke zu sprengen, nicht ausgeführt hatte - über zwei Wochen lang. Denn als Bauingenieur wusste er, was diese Sprengung bedeutet hätte. Unter der Brücke verliefen Versorgungsleitungen. Obwohl er offenbar mit dem Kriegsgericht bedroht wurde, führte er den Befehl nicht aus und wies einen Gefreiten an, niemanden an die Sprengkammern heranzulassen. Er ließ sich den Befehl schriftlich geben, um anschließend mit dem Standortkommandanten Kontakt aufzunehmen. Durch diese taktisch kluge Verzögerung und die flankierende Überzeugungsarbeit des Oberbaurates Hugo Braun, des Rhenag-Direktors Heitmann und des Oberbürgermeisters Edwin Hasenjaeger wurde die Schloßbrücke nicht gesprengt, sondern nur mit Panzersperren blockiert. Die Sprengladungen waren aber bereits angebracht worden.

Steuer entging an seinem 43. Geburtstag, dem 11. April 1945, vielleicht nur deshalb einem Kriegs- oder Standgericht, weil er an diesem Tag an der Schloßbrücke von den einmarschierenden amerikanischen Truppen gefangen genommen wurde.

Wie viel Mut Steuer gehabt haben musste, um den Sprengbefehl nicht sofort auszuführen, wird deutlich, wenn man weiß, dass es seit Herbst 1944 einen Führerbefehl gab, wonach keine Brücke unbeschädigt in Feindeshand geraten dürfe und in Remagen Offiziere standrechtlich erschossen wurden, weil amerikanische Truppen im März 1945 über die dortige Rheinbrücke, die gesprengt werden sollte, vorrücken konnten.

Warum hat die Stadt Mülheim in der Nachkriegszeit Rudolf Steuer gedankt und geholfen?

Klaus op ten Höfel schrieb in seinem Buch: „Die Stadt Mülheim dankte ihm (Steuer), in dem sie ihm später half, sein bombenbeschädigtes Haus in Merzig wieder aufzubauen.“ Wann und wie die Stadt das getan hat, schreibt der Chronist nicht. Doch die Dankbarkeit der Stadt liegt nahe, denn die Schloßbrücke war bei Kriegsende die einzige intakte Ruhrbrücke der Stadt. Das war nicht nur für die Mobilität, sondern auch für die Trümmerbeseitigung von entscheidender Bedeutung, wie das Foto mit dem Feurigen Elias zeigt, der mit einer Lore voller Trümmerschutt über die Schloßbrücke schnauft.

Zur Erinnerung: Bei Kriegende lagen 800?000 Kubikmeter Schutt auf Mülheims Straßen. Auch Steuers Haus in der Merziger Poststraße war 1944 von alliierten Bomben zerstört worden, sodass die Familie mit ihren beiden kleinen Kindern bis 1949 unter dem Dach eines gegenüberliegenden Geschäftshaus einquartiert werden musste.

Dieser Text erschien am 12. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 16. Juli 2013

Warum Anwohner des Saarner Aubergs um das dortige Naturschutzgebiet fürchten

„Hände weg vom Auberg.“ Mit diesem Slogan kämpften Bürger in den 70er Jahren gegen die Ausweisung von Wohn- und Gewerbeflächen im Saarner Naturschutzgebiet. Jetzt ist dieser Slogan wieder plakatiert worden. Denn die Bauvoranfrage für einen Reiterhof mit neuem Wohnhaus, Reithalle und Stallungen auf dem Gelände eines ehemaligen Bauernhofes an der Voßbeckstraße, versetzt Anwohner rund um die Voßbeckstraße, den Aubergweg und den Buteweg in Unruhe.


Ein Reiterhof auf dem Gelände eines ehemaligen Bauernhofes, das der Thyssen-Stiftung gehört? Das hört sich eigentlich nicht schlecht an. Doch rund 40 Anwohner, die sich als Bürgerinitiative auch schon mit ihren Anfragen an die Ratsfraktionen und die zuständige Bezirksvertretung 3 gewandt haben, fürchten vor allem zwei Dinge:

Der Reiterhof mit seinen bis zu 48 Pferden könnte zu einem Gewerbebetrieb werden, der mit seinem Zulieferverkehr die sehr enge Voßbeckstraße und einen kleinen Feldweg, der von der Solinger Straße zur Voßbeckstraße führt, überlasten und das Naturschutzgebiet am Auberg nachhaltig beeinträchtigen könnte. Noch schwerer wiegt die Befürchtung, der Reiterhof könne nur ein Anfang für die Ausweisung neuer Bauflächen darstellen.

Bernd Heimbach, Anwohner der Voßbeckstraße, und seine Nachbarn wollen sich auf jeden Fall dafür stark machen, „dass der Auberg als Perle der Naherholung erhalten bleibt“ und dass sich im Rathaus die Einsicht durchsetzen möge, „dass Landschaftsschutz und Gewerbe in dieser vorgefundenen Form nicht zusammengehen, nicht genehmigt werden sollten und uns allen nicht durchgehen kann.“

Unterstützt wird die neue Bürgerinitiative am Auberg, die ausdrücklich das Gespräch mit allen Fraktionen sucht, von den Grünen und von der MBI. „Nicht der Pferdehof an sich ist das Problem, sondern die geplante Größenordnung“, betont der grüne Ratsherr Hubert Niehoff. Sein Ratskollege Lothar Reinhard warnt mit Blick auf das Landschaftsschutzgebiet davor, „dass da was Überdimensioniertes hingesetzt werden könnte.“

Jürgen Liebich von der Bauaufsicht und der Chef des Umweltamtes Jürgen Zentgraf halten den Reiterhof am Auberg für „grundsätzlich genehmigungsfähig.“ Sie weisen darauf hin, dass die Umbaumaßnahmen nur das Grundstück des ehemaligen Fichtenhofes und nicht das Naturschutzgebiet betreffen. Die Ausweisung weiterer Bauflächen am Auberg schließt Liebich aus. Auch die Signale, die er bisher von der Landwirtschaftskammer bekommen hat, die das Projekt Reiterhof am Auberg derzeit auf seine wirtschaftliche und ökologische Verträglichkeit prüft, wertet Liebich als positiv. Denn für seinen Kollegen Zentgraf steht fest, „dass im Naturschutzgebiet nur eine landwirtschaftliche Nutzung genehmigt werden kann.“ Dazu könnte, wenn die Landwirtschaftskammer grünes Licht gäbe, auch ein Reiterhof gehören, auf dem das Futter für die Pferde selbst produziert würde und nicht angeliefert werden müsste.

Die Frage des Zugangsverkehrs müsste dann aber noch einmal im Rahmen der Bauplanung geprüft werden. Sollte die Bauvoranfrage positiv beschieden werden, könnte der Investor innerhalb von zwei Jahren einen Bauantrag stellen.

Mit Blick auf den Zugangsverkehr könnte sich Liebich vorstellen, dass die Besucher den Pferdehof über die Voßbeckstraße und die Pferdetransporter über den dann noch zu asphaltierenden Feldweg von der Solinger Straße aus erreichen könnten. Der über den Auberg und damit direkt durch das Naturschutzgebiet führende Feldweg könnte dann auch durch eine Schranke und entsprechende Beschilderung vor ungewünschtem Zugangsverkehr geschützt werden.

Dieser Text erschien am 5. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 15. Juli 2013

Nur ein Reisezeil für Mutige? Wie Reisebüros und Globetrotter die Folgen der politischen Krise in Ägypten erleben

„Reisen nach Ägypten sollten in der aktuellen Situation auf die Urlaubsgebiete am Roten Meer und die Touristenzentren in Oberägypten (Luxor, Assuan, Nil-Kreuzfahrten) beschränkt werden,“ heißt es in den Reise- und Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes. Reisen Mülheimer angesichts der politischen Krise in Ägypten überhaupt noch an den Nil?


„Wir haben zurzeit keine Umbuchungen. Gerade erst hat sich ein Kunde seine Tickets für Ägypten abgeholt“, berichtet der Inhaber des L’tur-Reisebüros im Forum, Thilo Tewes. Wie die meisten seiner befragten Kollegen, räumt er aber ein, dass seit der Revolution von 2011 viel weniger Reisen nach Ägypten gebucht werden. Seine Dümptener Kollegin Marion Spree schätzt den Rückgang der Buchungen auf bis zu 50 Prozent.

„Die meisten Touristen, die es nach Ägypten zieht, fliegen aber in den Süden des Landes. Dort fliegen die Touristenhochburgen Marsa Alam und Hurghada am Roten Meer an. Sie sind, anders, als die großen Städte Kairo und Alexandria von den Unruhen gar nicht betroffen. Das wäre so, als ob sie am Bodensee Urlaub machen, während es in Kopenhagen Unruhen gäbe“, schildert Tewes die Ausgangssituation. Ohnehin fliegen nach seiner Einschätzung mehr Menschen im Herbst oder Frühjahr nach Ägypten, „weil Temperaturen um die 40 bis 45 Grad nicht jedermanns Sache sind.“

Doch die Winterreisen werden jetzt schon gebucht. „Die meisten Kunden, die für den Herbst eine Ägypten-Reise planen, halten den Ball noch flach und warten die Entwicklung ab. Aber seit etwa einem halben Jahr raten wir unseren Kunden von Rund- und Studienreisen durch Ägypten eher ab und vor 2011 hatten wir zu diesem Zeitpunkt etwa doppelt so viele Buchungen für eine Nil-Kreuzfahrt im Herbst oder Winter wie jetzt.“

Sabine Jost vom DER-Reisebüro an der Schloßstraße schätzt den Anteil der Ägypten-Urlauber ohnehin gerade mal auf knapp zehn Prozent aller Buchungen. Die meisten Ägypten-Fans ziehe entweder die Kultur oder das schöne Wetter und stabile Preise mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis und attraktiven All-Inclusive-Angeboten an. Allerdings seien die Buchungen und Flüge seit 2011 um etwa 40 Prozent zurückgegangen.

Wenn Jost vereinzelt von beunruhigten Kunden nach ihrer Lageeinschätzung gefragt wird, hält sie sich bewusst zurück. „Wenn sich Kunden selbst unsicher fühlen und verängstigt sind, sollten sie derzeit im Zweifel lieber auf eine Reise nach Ägypten verzichten.“

Dieser Text erschien am 8. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 12. Juli 2013

Wie der seit 1960 in Mülheim lebende Ägypter Sayed Siam die politische Entwicklung in seiner alten Heimat sieht

Als Ägypter in Mülheim verfolgt Sayed Siam die politische Krise in seiner alten Heimat mit besonderer Anteilnahme. „Ich telefoniere täglich mit meinen Verwandten in Kairo und Alexandria. Dabei stelle ich fest, dass der Riss zwischen den Anhängern und den Gegnern des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi auch durch meine eigene Familie geht“, berichtet Siam, der vor 70 Jahren in Kairo geboren wurde und 1960 nach Mülheim kam, wo er später als Maschinenbauer bei Siemens arbeitete. „Ich habe bei der Stichwahl vor einem Jahr auch Mohammed Mursi gewählt, weil er mir im Vergleich zu seinem Gegenkandidaten, General Ahmad Muhammad Schafiq, als das kleinere Übel erschien. Aber jetzt fühle ich mich betrogen und will meine Stimme wieder haben“, sagt Siam, der sich unter anderem in der Islamischen Gemeinde, im Friedensforum bei der Mülheimer Initiative für Toleranz, in der SPD und im Bündnis der Religionen engagiert.


Mursi hat aus Siams Sicht seinen Wahlsieg vom Juni 2012 verspielt, weil er sich allein auf die Muslimbrüder gestützt und deren politische Ziele verfolgt habe statt als Präsident aller Ägypter auch auf andere gesellschaftliche und religiöse Gruppen zuzugehen. So habe sich der jetzt abgesetzte Präsident mit Militär und Justiz angelegt, um seine eigene Macht auszubauen. Seine Dekrete für juristisch unanfechtbar zu erklären und einen ehemaligen Terroristen zum Gouverneur von Luxor zu ernennen, haben Mursi in Siams Augen ebenso deskreditiert, wie die Tatsache, dass seinen vollmundigen Wahlkampfversprechen keine Taten gefolgt sind. Wenn Siam mit seinen Verwandten in Ägypten telefoniert, hört er zum Beispiel von steigenden Preisen, steigender Arbeitslosigkeit, Strom- und Wasserausfällen oder von einer nicht funktionierenden Müllabfuhr. Deshalb kann der Ägypter aus Mülheim die Massenproteste nachvollziehen, die zum Eingreifen des Militärs und zum Sturz Mursi geführt haben.

Siam ist dankbar dafür, dass seine Verwandten in Ägypten die bisherigen Unruhen in Kairo und Alexandria unbeschadet überstanden haben. Er hofft und glaubt, dass Ägypten das Bürgerkriegsschicksal Libyiens und Syriens erspart bleibt, wenn jetzt eine fähige Expertregierung gebildet wird, die den Übergang zu einer von allen Ägyptern getragenen Verfassung und zu demokratischen Neuwahlen organisiert. Siam hat keinen Zweifel daran, dass die Muslimbrüder nach ihrem eindeutigen politischen Versagen dann wesentlich weniger Stimmen bekommen werden als noch 2012.

„Ägypten ist kein armes Land. Wir haben genug Menschen und Rohstoffe“, blickt Siam in die Zukunft. Der 70-Jährige hofft darauf, dass ein politischer Generationswechsel Ägypten langfristig zu einer stabilen Demokratie machen wird, nachdem vor allem die Jugend im Frühjahr 2011 und jetzt für eine politische Wende gesorgt hat.

Dieser Text erschien am 8. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 9. Juli 2013

Das Theater Mülheimer Spätlese verabschiedetete seinen Gründer und langjährigen Leiter Eckhard Friedl mit einem Stück über die Freiheit: Und es geht weiter

Frei, freier und? Besser! Zum Abschied ihres Theaterleiters Eckhard Friedl brachte das Ensemble Spätlese ein kleines aber starkes Stück zu einem großen Thema auf die Bühne des Theaterstudios an der Von-Bock-Straße. Es ging um die Freiheit. Wenig textlastig, mit prägnanten Dialogen und einprägsamen Bildern machten die reifen Schauspieler das große Wort von der Freiheit begreifbar und übersetzten es in unsere kleine Alltagswelt.

Da stritten Angela Pott und Jürgen Leschner als altes Ehepaar, wer sich am Abend die Freiheit nehmen kann, in die Stammkneipe zu gehen, obwohl es zu Hause noch wie bei Hempels unter dem Sofa aussieht. Da stritten Mutter (Marlis Lönne) und Tochter (Adelheid Borgmann) darüber, ob das Mädchen die Freiheit habe, nicht mehr zum Training zu gehen und damit eine möglich Sportlerkarriere aufzugeben. Da überlegte die alte Mutter (Hannelore Peters), die von ihrer Tochter (Elli Gumny) gedrängt wurde, ins Altenheim zu gehen, ob sie am Ende ihres Lebens nur noch die Freiheit hat, zu sterben. Da verwandelte sich eine stets um ihre Lieben besorgte Mutter (Kornelia Kramer) in einen Traumvogel. „Ich werfe allen Ballast ab. Das beflügelt mich und macht mich frei, aber wofür und für wen? Da grüßten ein rasender Mann mit Stoppuhr (Jürgen Leschner) und eine Callcenter-Agentin (Angela Pott) mit Headset aus dem hektischen Hamsterrad der schönen Arbeitswelt. Und in einer Luxusboutique fragen sich Käufer Jürgen Leschner und Verkäuferin Helga Tillmann nach dem Preis der Freiheit: „Nur die Gedankenfreiheit gibt es umsonst. Die ist was für arme Schlucker, aber bei der Meinungsfreiheit sollte man auf keinen Fall sparen.“

Nach dem letzten Applaus nahmen sich die Spätleser die Freiheit, die ihnen zugedachten roten Rosen ihrem scheidenden Regisseur Friedl zu überreichen. Sein größter Dank galt an diesem Abend denn auch seinem Ensemble: „Die Zusammenarbeit mit euch war ein Geschenk für mich und ich hätte noch viele Visionen und Phantasien für neue Projekte gehabt, aber das müssen jetzt andere weiterverfolgen und ich gehe mit dem Gefühl, meine Arbeit vor dem Ende beendet zu haben.“

Schon zum Auftakt des Theaterabends, als die Ensemblemitglieder Anneliese Hake, Gisela Fuß und Genuveva Bühler, die 23 Theaterjahre mit und unter Friedls Regie Revue passieren ließen, schimmerte etwas von der Gefühlslage der Schauspieler durch: „Dass nichts bleibt, wie es ist haben wir 2006 auf der Bühne gespielt. Jetzt haben wir es selbst erlebt. Und leider hatten wir nicht, was wir 2011 als Stück auf die Bühne gebracht haben, den Jackpot und das große Los.“

Nicht nur Stammschauspielerin Hannelore Peters (84) kämpfte nach der 511. und letzten Aufführung unter Friedls Regie mit den Tränen. Aber sie sagte auch: „Wir dürfen uns dem Neuen nicht verschließen, damit die wichtige Arbeit, die Friedl begonnen hat, jetzt unter neuer Regie fortgeführt werden kann.“ Ihre Ensemblekollegin Marlis Lönne sah es ähnlich: „Wir dürfen jetzt nicht sagen, dass hat der Friedl aber immer anders gemacht. Aber wir haben die Freiheit zu sagen: Das machen wir und das machen wir nicht“, sagte sie mit Blick auf Friedls Nachfolger Jörg Fürst, der das Theater Spätlese unter dem Dach des Theaters an der Ruhr fortführen wird.

„Man merkt, dass er hier in jeder Schraube drin steckt. Die Entwicklung eigener Stücke wird auch weiterhin ein Markenzeichen des Theaters Spätlese bleiben. Auch die generationsübergreifende Theaterarbeit finde ich sehr interessant“, zollte er seinem Vorgänger Respekt und versicherte mit Blick auf die basisdemokratische Struktur des reifen Theaters: „Jeder, der mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen und alles was gemacht wird, wird nur in Rücksprache mit dem Ensemble gemacht.“ Die meisten Ensemblemitglieder, so schien es am letzten Spätlese-Theaterabend mit Eckhard Friedl, wollen auch unter seinem Nachfolger Jörg Fürst auf der Bühne weitermachen.

Für Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld, der Friedl für die langjährige Förderung der Leonhard-Stinnes-Stiftung gedankt hatte, deren Auslaufen jetzt auch seine Arbeit beendet hat, stand nach dem letzten Vorhang fest: „Das war ein schöner, aber auch ein schwieriger Abend. Aber ich bin sicher, dass der Neuanfang beim Theater an der Ruhr und unter der Regie von Jörg Fürst gelingen und noch manches neue Potenzial aufdecken wird.“

Dieser Text erschien am 28, Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 8. Juli 2013

Ein Stadtteil will seinen Anschluss nicht verlieren: Mintard kämpft darum, dass die Buslinie 132 erhalten bleibt

„Unsere Chancen sind nicht sehr groß, denn die Vorgabe der Politik für den Nahverkehr heißt Sparen“, sagt Wolfgang Budde vom Bürgerverein Wir in Mintard (WIM). Dennoch wollen seine Mitstreiter und er nichts unversucht lassen, um die Buslinie 132, die Mintard mit Mülheims Mitte verbindet, doch noch zu retten.


„Wir haben die Ratsfraktionen und die Ministerpräsidentin angeschrieben und werden am 2. Juli 2013 in der für die Linksruhr-Stadtteile zuständigen Bezirksvertretung 3 einen Antrag zum Erhalt der Linie stellen“, erklärt Budde das weitere Vorgehen. Immerhin haben 784 Bürger diese Forderung mit ihrer Unterschrift unterstützt, obwohl nur 675 Menschen in Mintard leben.

Aber die Buslinie 132 wird auch von vielen Ausflüglern benutzt, die mit ihr in Mülheims schönen Süden fahren. „Auch die sind sauer und vor allem die alten Menschen, die hier leben, wären bei einer Streichung der Linie aufgeschmissen“, schildert Budde die Situation vor Ort und erinnert daran, dass Mintard vor drei Jahren bereits seinen Schiffsanleger der Weißen Flotte verloren hat.

„Es kann doch nicht sein, dass ein kompletter Stadtteil von der Innenstadt und damit von allen wichtigen Verbindungen abgeschnitten wird“, schreibt die WIM in einem Brief an die Ratsfraktionen und an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Die Reaktionen stehen noch aus. Am kommenden Donnerstag treffen sich Budde und seine Mitstreiter von der WIM mit der CDU vor Ort. Deren Fraktionsvize Eckhart Capitain, der auch dem Aufsichtsrat der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) angehört, weiß um das Dilemma: „Wir werden Mintard nicht im Regen stehen lassen, aber wir müssen auch dafür sorgen, den Nahverkehr profitabler zu machen“, sagt er. Wie sein Stadtrats- und Aufsichtsratskollege Rolf Mühlenfeld von der SPD verweist Capitain darauf, dass die fraktionsinterne Meinungsbildung zur Nahverkehrsplanung noch nicht abgeschlossen ist und alle Eingaben geprüft würden. Mühlenfeld rechnet frühestens nach den Sommerferien mit einer klaren Positionsbestimmung und kann sich vorstellen, dass die Nahverkehrsplanung bis dahin auch von Seiten der Verwaltung in dem einen oder anderen Detail verändert werden könnte

Budde verweist mit Blick auf Mintard auf Zuzüge und Neubaumaßnahmen, die durch einen Wegfall der Linie 132 konterkariert würden. Capitain macht deutlich, „dass ich persönlich nicht mit Bürgern über einige 1000 Euro streiten möchte, die wir durch die Einstellung einer Linie sparen könnten, wenn wir gleichzeitig über 170 Millionen Euro in die Infrastruktur und die Anschaffung neue Straßenbahnen investieren.“

Weder Stadt noch MVG können genau sagen, wieviel man durch die Streichung der Linie 132 einsparen könnte, die pro Jahr rund 84?000 Kilometer fährt. Denn ein Teil ihres möglichen Wegfalls müsste durch die Buslinie 134 ausgeglichen werden. Sie soll im Stundentakt von Mintard über Saarn in den Speldorfer Hafen fahren. Dann müssten die Mintarder in Saarn in die Linie 133 umsteigen, um in die Innenstadt zu kommen. Eine solche Streckenführung und Taktung hielte der grüne MVG-Aufsichtsrat Axel Hercher für unwirtschaftlich. Seine Fraktionskollegen und er wollen sich auf jeden Fall mit den Mintardern zusammensetzen und deren Wünsche diskutieren. Hercher könnte sich eine Linie 134 vorstellen, die von Mintard über die rechte Ruhrseite in die die Innenstadt geführt würde und so den Teil der Linie 151 übernähme, der zwischen Menden und Stadtmitte entfallen soll. Lothar Reinhard von der MBI würde lieber die Linie 132 erhalten und bis Kettwig verlängern.

Dieser Text erschien am 29. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 7. Juli 2013

So gesehen: Ein kleiner Mann will nach oben oder: Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

Der große Hubschrauber vor dem Fotogeschäft auf der Schloßstraße zieht den kleinen Jungen magisch an. Er stellt sich auf die Zehenspitzen, um die Rotorblätter am Heck des roten Flieger anzuwerfen.


Dass sein Vater gerne den Abflug nach Hause machen und kein Geld für die Höhenflüge seines Sohnemannes übrig hat, stört den Nachwuchspiloten kein bisschen. Unverdrossen steigt er ins Cockpit und ergreift entschlossen den Steuerknüppel.

Die Motorengeräusche macht er, mangels Kleingeld im Tank, gleich selbst. Man sieht, wie er vor seinem geistigen Auge abhebt und über die Stadt fliegt. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, auch die von nervenden Eltern. Und wenn die mal wieder in ihrer erwachsenen Banalität ihr Geld lieber für den nächsten Einkauf als für einen tollen Ausflug ins Land der Phantasie ausgeben, dann muss man eben auf eigene Faust und ohne Münzen im Tank durchstarten, um in der eigenen Phantasie einen Höhenflug zu erleben. Denn die größten Abenteuer spielen sich auch bei größeren Kindern meistens im eigenen Kopf ab. Die harte Landung auf dem Boden der Tatsachen kommt noch früh genug.


Dieser Text erschien am 6. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 6. Juli 2013

Zahlen, Fakten und Hintergründe zum Thema Förderschulen und Inklusion in Mülheim

In Mülheim gibt es vier Förderschulen. Von 2005 bis 2013 ist die Zahl der Schüler mit Förderbedarf von 733 auf 823 angestiegen. Während die Zahl der Förderschüler om gleichen Zeitraum von 651 auf 580 sank, stieg die Zahl der im Gemeinsamen Unterricht an Regelschulen geförderten Schüler von 82 auf 243.



Lehrer und Schüler


An der Rembergschule unterrichten 45 Lehrer 166 geistig und mehrfach behinderte Schüler.

An der Peter-Härtling-Schule unterrichten 14 Lehrer 73 Schüler mit besonderem emotionalem und sozialem Entwicklungsbedarf.

An der Tersteegenschule unterrichten 16 Lehrer 158 lernbehinderte Schüler.

An der Wilhelm-Busch-Schule unterrichten 31 Lehrer 183 lern- und sprachbehinderte sowie erziehungsschwierige Schüler.

An Förderschulen für Geistig- und Mehrfachbehinderte kommen sechs Schüler auf einen Lehrer. Die Klassengröße liegt im Durchschnitt bei 12 Schülern.

An Förderschulen für Lernbehinderte kommen im Durchschnitt zehn bis elf Schüler auf einen Lehrer. Die Klassengröße liegt im Durchschnitt bei 16 Schülern.

Kostenfaktor Personal

An Förderschulen für Sprachbehinderte und Kinder mit emotionalem und sozialem Entwicklungsbedarf kommen im Durchscnhitt sieben bis acht Schüler auf einen Lehrer. Hier liegt die Klassengröße im Durchschnitt bei elf Schülern.

Ob Inklusion oder Förderschule: Sonderpädagogische Förderung kostet Geld. Der wichtigste Kostenfaktor ist das pädagogische Personal. Allein für die Integrationshelfer, die Schüler mit Förderbedarf an Regel- und Förderschulen begleiten, zahlt die Stadt pro Jahr rund 1,2 Millionen Euro. Die Hauptlast trägt das Land mit den Lehrergehältern.

Je nach Alter und Familienstand verdient ein Sonderpädagoge zwischen 3234 und 4387 Euro brutto pro Monat. Das entspricht der Gehaltsstufe A13, in die auch Gymnasiallehrer eingruppiert werden. Zurzeit gibt es in Mülheim 106 Förderschul-Lehrerstellen. Allerdings ist die Schüler-Lehrer-Relation bei Schülern mit Förderbedarf erheblich höher.

Bei Grundschulen geht man von Klassengrößen zwischen 22 und 24 Schülern aus, bei Hauptschulen von 19 bis 20 Schülern und bei Gesamtschulen und Gymnasien von 26 bis 28 Schülern. Zum Vergleich: An Förderschulen für Geistig- und Mehrfachbehinderte geht man von 12 Schülern, an Lernbehindertenschulen von 16 Schülern und bei Förderschulen für emotionale und soziale Entwicklungsdefizite von elf Schülern pro Klasse aus.

Schulrat Dorn macht folgende Beispielrechnung auf: Wenn in einer inklusiven Klasse 20 Schüler ohne und fünf Schüler mit Handicap unterrichtet würden, müsste in dieser Klasse eine zusätzliche Förderlehrerstelle eingerichtet werden, wenn es sich um Kinder mit geistiger oder mehrfacher Behinderung handeln würde. Denn in diesem Förderschwerpunkt gilt eine Schüler-Lehrer-Relation von 6:1. Handelte es sich aber um fünf lernbehinderte Schüler, käme nur eine sonderpädagogische Teilzeitkraft in die Inklusionsklasse, weil im Förderschwerpunkt Lernbehinderung zehn Schüler auf einen Lehrer kommen würden.

Was passiert nach der Schule

Die jüngsten Zahlen dazu beziehen sich auf das Jahr 2011 und wurden im Februar 2013 von der Sozialagentur herausgegeben.

Danach waren 41 von 1076 Zehntklässlern (3,8 Prozent), die von der Schule abgingen, Förderschüler.

Elf von ihnen verließen die Schule ohne Abschluss.

Zwei von ihnen konnten unmittelbar nach der Schule ein Ausbildungsverhältnis beginnen.

4 Prozent begannen eine weitere schulische Qualifizierung.

35 Prozent begannen ein Berufsvorbereitungsjahr in der Berufsbildungswerkstatt.

25 Prozent begannen in der Berufsbildungswerkstatt ein ebenfalls berufsvorbereitendes Werkstattjahr.

Zwei Prozent begannen ein Einstiegs- und Qualifizierungsjahr (EQJ).

Zu 60,8 Prozent wurden die Förderschule bei ihrer Berufsvorbereitung von der Agentur für Arbeit und dem Berufskolleg Stadtmitte versorgt.

In 21,6 Prozent der Fälle konnte der weitere Werdegang der Förderschulabsolventen nicht erfasst werden.

Jeweils 6 Prozent besuchten ein Berufsgrundschuljahr am Berufskolleg Stadtmitte oder eine Beruf- und Schule-Klasse an einer Mülheimer Hauptschule.



Freitag, 5. Juli 2013

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte besucht.

Katharina ist eine von 13 Förderschülern, die zurzeit mit Hilfe der Berufsbildungswerkstatt ihren Hauptschulabschluss machen. Der Förderunterricht der BBWe hilft ihr dabei. „Das Beste ist, dass man sich hier durch verschiedene Berufe durchschnüffeln kann“, sagt Katharina. In der BBWe hatte sie nach der 14-tägigen Testphase die Auswahl zwischen den Berufsfeldern Holz, Metall, Farbe, Hauswirtschaft, Hotel und Gastronomie, Friseur, Lager, Gesundheit, Garten und Landschaftsbau oder Handel. „Erst hatte ich mich für Farbe entschieden, habe aber schnell festgestellt, dass das für mich körperlich zu anstrengend war und bin deshalb in die Hauswirtschaft gewechselt“, beschreibt sie ihren Werdegang. Ihren Arbeitsalltag zwischen Küche, Kochtöpfen, Bügelbrett und den von ihren Mitschülern simulierten Kunden, empfindet sie als kreativ und abwechslungsreich. Am 1. September wird es für Katharina ernst. Dann beginnt sie eine Berufsausbildung als Hauswirtschaftshelferin am Oberhausener Zentrum für Arbeit und Qualifikation. Katharina schaut jetzt optimistisch in ihre Zukunft und könnte sich vorstellen, später mal als Schonkostköchin in einer Krankenhausküche zu arbeiten.

Auf dem ersten Arbeitsmarkt ist jetzt schon ihr Ex-BBWe-Kollege Patrick Hoppe angekommen. Mit Hilfe der Berufsbildungswerkstatt absolvierte er zunächst ein Werkstatt und dann ein Berufsvorbereitungsjahr, machte am Berufskolleg Stadtmitte seinen Hauptschulabschluss nach und konnte im April eine Lehre als Maler- und Lackierer beginnen. „Er ist sehr strebsam, gibt sich Mühe, spricht alles offen an und ist bei uns aufgeblüht wie eine Blume“, sagt sein Lehrherr, Malermeister Meik ter Haar über seinen Auszubildenden im dritten Lehrmonat. Anstreichen, Tapezieren, Teppichböden verlegen und bei der Farbgestaltung beraten sind für ihn schon Alltag. Nur das Berechnen von Flächen, so räumt er ein, falle ihm noch schwer. Doch hier gilt für ihn: Üben macht den Meister, mal abends allein daheim oder nach dem Unterricht mit Kollegen vom Berufskolleg Stadtmitte. „Anfangs war ich etwas ängstlich, ob ich alles richtig mache und ob ich von den Kollegen und vom Chef akzeptiert werde. Aber jetzt komme ich gut klar“, sagt Patrick nicht ganz ohne Stolz. Und er fügt hinzu: „Das, was die älteren Gesellen können, will ich auch können.“

„In der Schule habe ich auch schon mal blau gemacht, weil ich das Gefühl hatte: Es ist egal, ob du dich anstrengst. Aber in der Berufsbildungswerkstatt habe ich dann zum ersten Mal gemerkt, dass was aus mir werden kann. Und jetzt bin ich motiviert, weil mir die Arbeit Spaß macht“, beschreibt er seine beeindruckende Entwicklung.

Jasmin Förster, die im zur Sozialagentur gehörenden U-25-Haus auch Förderschüler in Ausbildungen als Servicefahrer, Pferdewirt, Friseur oder Garten- und Landschaftsbauer vermittelt hat, macht immer wieder die Erfahrung: „Wenn Förderschüler erst mal eine Ausbildung bekommen, sind sie auch hoch motiviert. Und der demografische Wandel hilft ihnen, weil die Betriebe junge Lehrlinge brauchen und deshalb zunehmend bereit sind, sich auch mit Schülern zu beschäftigen, deren Noten und Abschlüsse vielleicht nicht so gut sind.“ Malermeister ter Haar bestätigt ihre Einschätzung, „dass das Zeugnis zwar nicht egal, aber nicht unbedingt alles ist“, wenn ein Bewerber interessiert und teamfähig ist. „Und die haben wirklich ein gutes Gespür dafür, welche Leute zu uns in den Betrieb passen könnten“, lobt ter Haar die langjährig bewährte Zusammenarbeit mit der BBWe.


Dieser Text erschien am 22. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 4. Juli 2013

Die Inklusion wird die Förderschulstandorte reduzieren, aber auch nicht völlig überflüssig machen

Effizient oder nicht? Das ist für Schuldezernent Ulrich Ernst mit Blick auf die Förderschulen eigentlich nicht die Frage. „Wie wollen Sie Ineffizienz nachweisen?“ fragt er und fordert „Da muss man differenziert hinschauen.“

Das Thema der Zukunft, glaubt Ernst, „wird nicht die Effektivität von Förderschulen sein, sondern wie wir die Inklusion pädagogisch sinnvoll ausgestalten.“ Er möchte bei diesem Thema „nicht vorrangig über Finanzen, sondern über pädagogische Inhalte diskutieren.“ Dabei verschließt der Schuldezernent nicht die Augen vor der finanziellen Dimension. Er sieht Stadt und Land gleichermaßen in der Pflicht.

Denn auch der Landrechnungshof, der Schulgrößen, Fördereinstufungen, Übergangsquoten und Lehrerausstattung der Förderschulen kritisch hinterfragt, prognostiziert in seinem Bericht einen Lehrermehrbedarf und geht davon aus, dass nicht alle Schüler mit Förderbedarf künftig an Regelschulen unterrichtet werden können.

Stadtkämmerer Uwe Bonan empfindet die Kritik an der Effektivität von Förderschulen  als „zu pauschal“ und nennt sie „pure Statistik.“ Er glaubt nicht, dass man mit der Inklusion und der Schließung von Förderschulen Haushaltskonsolidierung betreiben könnte.
Für Schuldezernent Ernst steht fest; „Wenn die Inklusion der Regelfall und die Förderschule die Ausnahme wird, werden sich auch die Förderschulstandorte deutlich reduzieren.“ Wenn der Landtag noch 2013 die Inklusion auf den Weg bringen wird, sieht er in der Übergangsphase finanzielle, technische und inhaltliche Probleme auf Stadt und Land zu kommen, wenn es um Lehrer, Integrationshelfer und barrierefreie Schulen für den dann flächendeckenden gemeinsamen Unterricht geht.

Auch wenn Schulrat Jürgen Dorn die Kritik des Landesrechnungshofes an der Effizienz der Förderswchulen„nicht teilen möchte“ und darauf hinweist, dass 15 bis 20 Prozent der lernbehinderten Förderschüler den Hauptschulabschluss erreichen und 10 bis 15 Prozent von ihnen den Wechsel zur Regelschule schaffen, stützt er doch die Feststellung des Berichtes, wonach Lernbehinderte zu 100 Prozent im gemeinsamen Unterricht an Regelschulen gefördert werden könnten und somit die Förderschulen mit diesem Förderschwerpunkt (das sind in Mülheim zwei von vier) als Auslaufmodell zu betrachten seien. Andererseits glaubt er, dass es auch in Zukunft Förderschulen für Geistig- und Mehrfachbehinderte geben wird.

Langfristig geht Dorn von einer lokalen Förderschullandschaft mit einem Förderschulzentrum und mehreren Förderdependancen an verschiedenen Regelschulen aus.

Diese Vision deckt sich mit dem Vorschlag des Landesrechnungshofes, für die Förderbedarfe jenseits der Lern- und Entwicklungsstörungen Förderschulen oder allgemeine inklusive Schwerpunktschulen anzubieten. Dabei gehen die Rechnungsprüfer davon aus, dass auch 85 Prozent der Förderbedarfe jenseits der Lern- und Entwicklungsstörungen im Rahmen der Inklusion an Regelschulen unterrichtet werden können.

Als positives Zeichen dafür, dass es die Landesregierung mit der sonderpädagogischen Förderung an den Regelschulen ernst meint, sieht Schulrat Dorn die Tatsache, dass in den kommenden Jahren 2500 Lehrer an Regelschulen sonderpädagogisch geschult werden sollen. Doch auch optimale Förderung kann aus seiner Sicht nicht das Problem der wegrationalisierten einfachen Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap aus der Welt schaffen

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Dieser Text erschien am 1. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 2. Juli 2013

Schwierig, aber nicht erfolglos: Wie Förderschulrektoren die Arbeit an ihren Schulen in Zeiten der Inklusion bewerten

Die auch vom Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Hubert Hüppe, geteilte Kritik, Förderschulen förderten ihre Schüler nicht effizient genug, weisen die Förderschulleiter Peter Kalde und Elke Storch-Fritz als ungerecht und undifferenziert zurück.


„Da werden Dinge miteinander verglichen, die nicht vergleichbar sind“, klagt Kalde, der die Schule für Geistigbehinderte an der Rembergstraße leitet. „90 Prozent der Eltern wollen heute den gemeinsamen Unterricht. Zu uns kommen ohnehin nur noch die Kinder, für die die Rahmenbedingungen im Gemeinsamen Unterricht noch nicht geeignet sind und bei denen Eltern und Lehrer gemeinsam zu dem Ergebnis kommen, dass sie am besten in der Förderschule gefördert werden können.“

Kalde räumt ein, dass es „extrem schwierig ist“, seinen Schülern eine Perspektive auf dem ersten Arbeitsmarkt zu eröffnen und dass sie „auf das Rückhaltebecken der beschützenden Werkstätten für Behinderte angewiesen sind.“ Immerhin schaffen einzelne der geistig und mehrfach behinderten Schüler den Wechsel zur Lernbehindertenschule. Und zwei von zehn Schulabgängern haben eine Ausbildung als Helfer im Maler- und Lackierer-Handwerk sowie als Erziehungshelfer in einer Kindertagesstätte in Aussicht.

Kaldes Kollegin Elke Storch-Fritz, die die Peter-Härtling-Schule für emotionale und soziale Entwicklung leitet, sieht ihre Förderschule als „Durchgangsschule“, die Schülern, die im Gemeinsamen Unterricht gescheitert sind und den Rückweg zur Regelschule schaffen sollen. Das gelingt in jedem Schuljahr etwa einer Handvoll von Schülern. Aber auch die Tatsache, dass ihre Kollegen und sie immerhin vier von sechs Schulabgängern dieses Jahrgangs zum Hauptschulabschluss führen und zwei Schüler nach der Schule eine Lehrstelle in Aussicht haben, sieht Storch-Fritz als Erfolg. „Es ist beileibe nicht so, dass wir unsere Schüler unbedingt in der Förderschule halten wollen. Aber wenn die Schüler erst spät zu uns kommen und eine lange Misserfolgsgeschichte hinter sich haben, wird es sehr schwierig“, weiß die Förderschulrektorin. Sie bescheinigt aber auch den Regelschulen eine große Bereitschaft, ihre Schüler aufzunehmen und zu fördern: „Da hebt niemand abwehrend die Hände“, betont Storch-Fritz.

Dennoch ist sie sich mit ihrem Kollegen Kalde darin einig, „dass es immer Kinder geben wird, die nicht in einer Regelschule unterrichtet werden können.“ Kalde verweist auf das Beispiel Italien. Dort gebe es seit den 80er Jahren keine Förderschulen mehr, dafür aber 25 Prozent Schulabbrecher und viele, die gar nicht mehr unterrichtet würden.

Auch ihr Kollege Wolfgang Kallis, der die Tersteegenschule für Lernbehinderte leitet, sagt: „Ich bin nicht gegen Inklusion, sondern arbeite gerne konstruktiv daran mit, wenn sie gut gemacht wird und nicht auf Kosten der Kinder und ihrer Förderung geht.“ Kallis weist darauf hin, dass jedes Jahr etwa fünf Kinder seine Schule in Richtung Regelschule verlassen und betont: „Wir halten hier keinen fest.“ Allerdings muss er einräumen, dass alle Schulabgänger seiner Förderschule zunächst einen Berufsvorbereitungslehrgang der Agentur für Arbeit besuchen müssen, um damit eine Chance auf eine Berufsausbildung zu bekommen. Darin sieht er aber nicht das Ergebnis einer unzureichenden pädagogischen Förderung sondern insgesamt steigender Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Auch zwei Drittel der Mülheimer Hauptschüler, so Kallis, müssten den Umweg über Berufsvorbereitungslehrgänge gehen. Auch wenn er es für einen „Denkfehler“ hält, „dass man Lernbehinderte ganz einfach an den Regelschulen integrieren kann“, macht er sich keine Illuisonen darüber, dass seine Förderschule im Zeitalter der Inklusion ein Auslaufmodell sein wird.

Dieser Text erschien am 30. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 1. Juli 2013

Haben Förderschulen in Zeiten der Inklusion, also des Gemeinsamen Unterrichtes an Regelschulen, noch eine Zukunft? Oder sind sie ein Auslaufmodell? Eine Umfrage unter Mülheimer Bildungspolitikern

Sind Förderschulen ineffizient? Ein Bericht des Landesrechnungshofes legt das nahe. Er weist darauf hin, dass der Anteil der Schüler mit Förderbedarf in den letzten zehn Jahren gestiegen sei, obwohl die Schülerzahl insgesamt sinke. Gleichzeitig schafften nur wenige Schüler den Wechsel von der Förder- zur Regelschule. Mit Blick auf das Schuländerungsgesetz, das in NRW mit der Inklusion den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Handicap zum Regelfall machen will, mahnt der Rechnungshof eine Optimierung bei der Feststellung des sonderpädagogischen Förder- und Lehrerbedarfes an, um die Mehrkosten für Förderschullehrer, die künftig an Regelschulen eingesetzt werden sollen, innerhalb des Fördersystems aufzufangen.


Ob Mülheims Förderschulen effektiv arbeiten oder nicht, kann und will Matthias Kocks nicht beurteilen. Der bildungspolitische Sprecher der SPD, der auch stellvertretender Leiter der Willy-Brandt-Schule ist, stellt aber in seiner pädagogischen Praxis fest, dass nur sehr selten Schüler von der Förder- zur Regelschule wechseln. Gleichzeitig kennt er aber Fälle von Schülern, die mit einem Förderbedarf an die Regelschule gefördert worden und nach zweijähriger Förderung zu Regelschülern geworden sind.

Mit Blick auf den Gemeinsamen Unterricht, an dem schon heute 29,4 Prozent aller Schüler mit Förderbedarf teilnehmen und der mit der Inklusion zum Normalfall werden soll, steht für Kocks fest: „Die Parallelwelt der Förderschulen wird immer mehr auslaufen, weil der Stempel Förderschule Schüler stigmatisiert und die Aufstiegschancen von Förderschüler marginal sind.“

Allerdings ist sich Kocks mit den Bildungspolitikern Heiko Hendricks (CDU) und Meike Ostermann (FDP) einig, dass es auch im Inklusionszeitalter Schüler geben wird, die zum Beispiel aufgrund einer schweren geistigen Behinderung, einer Mehrfachbehinderung oder gravierender sozialer und emotionaler Probleme auf eine Förderschule angewiesen sein werden. Hendricks, der den Förderschulen gute Arbeit bescheinigt und Ostermann haben allerdings Probleme damit, wie der Rechnungshof die klassischen Maßstäbe wirtschaftlicher und finanzieller Effizienz bei Fragen der sonderpädagogischen Förderung anzulegen.

Auch Kocks meint: „Deutschland muss sich ein teueres Schulsystem leisten können, in dem wir, wie in unserer Gesellschaft insgesamt, alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen annehmen und fördern müssen.“

Dieser Text erschien am 29. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung